11,99 €
Kern dieses höchst abwechslungsreichen autobiografischen Romans ist eine - jedenfalls im Licht der von Anfang an turmhoch widrigen Umstände - außergewöhnliche Liebe, durch die sich im politisch gespaltenen Europa die teils dramatischen Geschicke zweier Familien miteinander verknüpfen. Die zauberhafte junge Amsterdamerin Annemieke lernt 1959 in Paris den umtriebigen Westberliner Oberschüler, Jazzmusiker und späteren Taxifahrer/Studenten Jochen kennen. Zufall oder gütige Fügung? Sie wäre 1941 im von der deutschen Wehrmacht besetzten Amsterdam um ein Haar abgetrieben worden, er überlebt 1945 wie durch ein Wunder die Stunde Null in Berlin. Wenige Jahre nach Paris folgt Annemieke ihrem neuen Freund in seine vom Kalten Krieg zerrissene Heimatstadt. Als Jochen nach seinem Studium an der Freien Universität Berlin von einem niederländischen Professor ein Angebot als wissenschaftlicher Mitarbeiter erhält, gibt sie schweren Herzens ihre Stelle als Grundschullehrerin an der zweisprachigen Berliner John-F.-Kennedyschule auf und verlässt mit ihm die geteilte Stadt. Bald darauf ist mit dem Fall der Berliner Mauer auch die Deutsche Demokratische Diktatur Geschichte, doch nun sieht sich das Paar in Holland znehmend schweren Konflikten ausgesetzt. Der von Annemiekes Stiefmutter dort jahrzehntelang betriebene kalte Familienkrieg führt schliesslich zur Enterbung der einstigen Lieblingstochter Annemieke und ihrer Geschwister. Die Rolle Jochens dabei ist ebenso unrühmlich wie verständlich. Immerhin gelingt es ihm, zu Gunsten von Annemiekes behindertem jüngeren Bruder einen Bruchteil des väterlichen Vermögens zu retten. Die Liebe hält ohnehin stand. Der Roman spielt in eurpäischen Städten wie Amsterdam, Berlin, Paris, Moskau, Stockholm, Bukarest und Leipzig/Merseburg.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Prolog
1. Amsterdam 1941
2. Berlin 1945
3. Enthüllende Briefe
4. Das Klavier in Eichkamp
5. Auf nach Paris
6. Zufall oder Fügung?
7. Magische Momente
8. Zurück per Anhalter
9. Das AUS aus Holland
10. Vater und Sohn
11. Zum ersten Mal nach Holland
12. Aus Annemiekes Tagebuch 1
13. Der Nebenbuhler
14. Zurück nach Berlin
15. Aus Annemiekes Tagebuch 2
16. Annemieke in Berlin
17. Ende und Anfang
18. Die Nachfolgerin
19. Das Unheil nimmt seinen Lauf
20. Lehrerin in Berlin
21. Familiäre Offenbarungen
22. Berliner Taxifahrer
23. Die Ränkekönigin
24. Sündenfall in Moskau
25. Intrigen
26. Abschied
27. In der deutschen demokratischen Diktatur
28. Fast eine wissenschaftliche Katastrophe
29. Andere Perspektiven?
30. Der Professor und Prinz Claus
31. Von Javea nach Tilburg
32. Doch keine Operation?
33. Bösartiges Epistel eines verehrten Absenders
34. Wie reagieren?
35. Offene Antwort und Bruch
EPILOG
Die Magie spüre ich heute noch - nach weit über einem halben Jahrhundert. Wann immer ich wieder in die stille Allee komme, die den Namen des holländischen Dichters und Staatsmannes Jacob Cats trägt, ist sie da, erscheint sie vor meinem geistigen Auge wie auf einer Zeitreise in die Vergangenheit. Hier, in der Catslaan in Aerdenhout, wo sich wenige Kilometer vor der Nordseeküste des Königreiches der Niederlande schicke Villen in weitgestreckte alte Dünen schmiegen, steht sie unter den beiden noch halbwüchsigen Kiefern neben der Auffahrt zu ihrem Elternhaus, den Rücken mir halb zugewandt. Der Traum eines jungen Mädchens, kaum achtzehn Jahre alt. Umwerfend charmant, atemberaubend gewachsene Figur, volle rote Lippen, makellose weiße Zähne und Wangen mit einem Teint wie frisch gepflückte Äpfel im Morgenglanz. Ihr bildhübsches offenes Gesicht mit den graublauen Augen lacht mir schelmisch zu. Dort hüpft sie spielerisch vom Bürgersteig auf die Straße und wieder zurück, während ich platt auf dem Bauch in der warmen Herbstsonne liege und mir Mühe gebe, ihre schlanken Beine mit meiner 8mm-Filmkamera einzufangen. Schwarze hohe Hacken, dunkelbrauner Wildledermantel, Schottenrock und weiße Bluse. Die offen getragenen langen blonden Haare wehten ihr auf dem Fahrrad immer hinterher wie die Mähne eines auf der Weide tollenden Fohlens. Mein Gott, alles an ihr schien fast zu schön und appetitlich, um wahr zu sein. Und dieses herrliche Geschöpf von einem anderen Planeten war verliebt. In wen? In mich! Ihr Name? Annemieke, im Familien- und Freundeskreis meist nur Mieke.
Drei Jahrzehnte eher, zu Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, begegnen sich in einem Amsterdamer Stadtpark zufällig zwei Menschen, deren Beziehung auf Betreiben ihrer beider Eltern vor nicht allzu langer Zeit beendet worden war. Ein schönes Paar, der großgewachsene junge Mann mit seiner intellektuellen, etwas überheblichen Ausstrahlung und seine anmutige, ausgesprochen hübsche frühere Freundin. Der Funke springt erneut über. Und diesmal ist zumindest sie fest entschlossen, sich nicht wieder von ihm trennen zu lassen. Dass sie damit womöglich den Fehler ihres Lebens macht, geht ihr keinen Moment durch den Kopf. Ihr Name? Wilhelmina, für jedermann kurz Wil, die Mutter von Annemieke.
In derselben wirtschaftlich und politisch unruhigen Zeit denkt in Berlin ein verlobtes Paar darüber nach, wie es am besten so viel wie möglich von dem kleinen Startkapital retten kann, das es als Anzahlung für ein eigenes Häuschen gespart hat. Mit der deutschen Hyperinflation in den Zwanzigern als Folge des vom Reich verlorenen Weltkrieges vor Augen, als ein Dollar über Nacht tausend Mark und wenig später Milliarden kostete, befürchten sie seit der 1929 vom New Yorker Börsenkrach eingeleiteten weltweiten Depression das Schlimmste. Wofür können sie ihre Ersparnisse noch rechtzeitig sinnvoll ausgeben, bevor sie wertlos werden? Der Zufall kommt den jungen Leuten zu Hilfe. Als Student der Musikwissenschaft und Mathematik lernt er auf der Hochschule einen Amerikaner kennen, der wegen des im Deutschen Reich erstarkenden Nationalsozialismus mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten zurückkehren will und darum sein Berliner Hab und Gut verkauft. Darunter befindet sich ein seltsames und halbwegs bezahlbares Instrument, ein sogenanntes Flügelklavier, und eigene Tasten wären dem angehenden jungen Musiker an sich mehr als willkommen. Da aber bei diesem die Saiten nicht wie bei einem normalen Flügel horizontal, sondern beinahe vertikal im Klangkörper verlaufen, handelt es sich um einen ziemlich unförmigen und zudem bleischweren Apparat. Wohin mit dem eindrucksvollen Monstrum? Einstweilen ins Haus seiner Eltern in der Berliner Beamten- und Handwerkersiedlung Eichkamp, wo sie nach der Hochzeit vorläufig unterzukommen gedenken? So gedacht, so getan. Der Name des Musikmathematikers? Erwin, dem es schließlich nicht mehr vergönnt war, seine Studien mit Erfolg abzuschließen, weil er im Krieg als Soldat erst in der niederländischen Provinz Zeeland und danach in Russland dienen musste. Das Flügelklavier sollte indessen eine Schlüsselrolle im Leben seines 1940 geborenen Sohnes spielen.
Eben jener, also ich, erfuhr die bereits erwähnte junge Annemieke Jahrzehnte darauf als absoluten Glückstreffer, der niemals stattgefunden hätte, wenn sie nicht im heißen Sommer des Jahres 1959 den unerwartet freigekommenen Platz im Bus nach Paris mit Abiturientinnen aus Haarlem hätte einnehmen dürfen, und ich zur selben Zeit meinen Schulfreund Hanspeter nicht hätte überreden können, zusammen mit mir in die ferne französische Hauptstadt zu trampen. So jedoch traf ich sie und wusste vom ersten Moment an, dass ich es nicht bei einer Ferienromanze belassen würde.
Freilich hatte ich damals nicht den leisesten Schimmer einer Ahnung, was durch Paris in der Folgezeit alles auf mich zukommen sollte. Wie auch? Ich schwebte auf Wolken. Dabei war ich mir naheliegender Probleme und Schwierigkeiten durchaus bewusst. Die andere Sprache, Kultur und Landesgeschichte sowieso, dann die in den 60er Jahren im kleinen Königreich noch vorherrschende Animosität gegenüber fast allem, was aus dem Land der erst vor keinen zwei Jahrzehnten vertriebenen deutschen Besatzer kam, ferner die heutzutage unvorstellbar mühsamen internationalen Telefonverbindungen über eine oft überbelastete Zentrale sowie insbesondere die nahezu siebenhundert Kilometer lange Distanz zwischen unseren Wohnorten. Per Zug im Europa des Kalten Krieges und Eisernen Vorhangs eine Reise von nicht weniger als zwölf Stunden.
Zudem hätten die Gegensätze in der persönlichen Umwelt nicht größer sein können. Meine Heimat war die graue, noch halb in Trümmern liegende ehemalige deutsche Reichshauptstadt mit ihren klapprigen Verkehrsmitteln aus der Vorkriegszeit, genauer gesagt die politisch selbständige Einheit West-Berlin, die von der russischen Sowjetzone, der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik umringt und in ihrer freiheitlichen Existenz ständig bedroht wurde.
In den Niederlanden dagegen, einem im Gegensatz zum nach 1945 besetzten Deutschland ungeteilten souveränen Nationalstaat, fuhren moderne Straßenbahnen, Busse und Züge ungehindert in alle möglichen Richtungen durch hochkultivierte Städte und Landschaften, ohne dass einem überall hässliche Baulücken, Ruinen oder sonstige Kriegsfolgen ins Auge stachen. Anders als wir deutschen Jugendlichen brauchte sich in diesem weltoffenen Land, das einst sogar dem flüchtigen deutschen Kaiser großherzig Asyl gewährt hatte, niemand stellvertretend Schuldgefühlen über die jüngste Vergangenheit zu stellen. Hinzu kam, dass ich mit meinen Eltern, zwei Schwestern, Oma und anderen Familienmitgliedern recht bescheiden wohnte, nämlich in der nach Kriegsende nur recht und schlecht wieder einigermaßen bewohnbar gemachten kleinen Doppelhaushälfte meiner Großeltern väterlicherseits.
Meine holländische Fee dagegen besaß wie ihre drei Geschwister ein eigenes Zimmer in dem freistehenden hypermodernen Glasbau ihrer Eltern mit erlesenem Sanitär und Doppelgarage. Dort steuerte ein zentrales Thermostat die Ölheizung und gab es im ungewöhnlich weiträumigen Wohnzimmer einen offenen Kamin. Bei uns dösten in den winzigen Stuben alte Kachelöfen vor sich hin, denen wir uns nach Einbruch von Kälte tagtäglich eingehend mit Brennholz und/oder Kohlen widmen mussten. Und waschen taten wir uns morgens in einem vollgerümpelten Nebengelass mit Wasser aus der Küche in einer verbeulten alten Zinkschüssel.
Unterschiede ohne Ende. Ihr Vater fuhr ins Büro mit einer nagelneuen schweren Nobelkarosse, sechs Zylinder selbstredend. Mein Erzeuger, der vom Krieg und der NSDAP gleichermaßen gemangelte Spätheimkehrer, nannte man gerade ein mühsam zusammengespartes betagtes Moped sein eigen, auf dem der großgewachsene Mann wie ein Affe auf dem Schleifstein hockte, wenn es denn ansprang und er davonknattern konnte.
Das alles kümmerte mich im Grunde allerdings weniger. Tiefen Eindruck im Land meiner Angebeteten machte hingegen auf mich, wie dort der Herr des Hauses mit dem neuen Freund seiner ältesten Tochter umging. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte mir ein Erwachsener, noch dazu eindrucksvoll belesener Intellektueller interessiert zu und setzte sich mit meinen Ansichten ernsthaft auseinander.
Wie anders mein Vater, dessen Ungeduld ihn nicht immer davon abzuhalten vermochte, seiner notorischen Besserwisserei notfalls mit einer Ohrfeige Nachdruck zu verleihen, weshalb ich bessere Argumente in der Regel lieber für mich behielt. Während meine gute Mutter sich diesbezüglich leider nur selten ausgleichend einzumischen getraute, regierte im holländischen Heim eine weise Oma mit sanfter Hand, der auch die Erziehung der jüngeren Geschwister oblag und der sich alle im Haus offensichtlich problemlos fügten.
Kein Wunder, dass mir dort lange die insgeheim längst heillos zerrütteten Familienverhältnisse total entgingen. Niemand sprach darüber. Erst Jahre später, als die wesentlich jüngere Freundin des Hausherrn nunmehr als Stiefmutter einzog und mit ihrem Kommen in der Familie jahrzehntelang eine Art kalter Krieg als Folge giftiger Ränkespiele einsetzte, begann mir nach und nach zu dämmern, dass die wahren Werte des Lebens nicht hinter der glänzenden holländischen Familienfassade aus intellektueller Brillanz, sozialem Status und materiellem Wohlstand zu finden waren, sondern zumindest was mich betrifft in meiner Berliner Heimat wurzelten.
Der Gegensatz könnte nicht größer sein: in Berlin mehr oder weniger eine heile Welt, in Holland ein Familiendrama, das am Ende zu einer bitteren Abrechnung zwischen den Beteiligten führte.
Beginnen wir unsere Familiensaga mit der darin tragischsten Person, mit Annemiekes Mutter und dem seidenen Faden, an dem das Leben ihrer ältesten Tochter hing, bevor diese im Oktober des Jahres 1941 in Amsterdam das Lebenslicht sah.
Es war einer dieser Winterabende, an denen Menschen gern daheim sind. Mit einem Buch im Sessel am Kamin oder bullernden Kanonenofen versinken und bei der Lektüre bisweilen den Blick nach draußen richten, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Ins Unendliche sinnend, wo süße Erinnerungen, Emotionen und Hoffnungen zu einer Art geistigem Manna verschmelzen, der im Hirn angemachten himmlischen Substanz, die positiv Denkenden neben Ruhe und Abstand die Behaglichkeit eines Kokons schenkt. Der Stoff, aus dem die Träume sind.
Amsterdam im Februar 1941. Auf dem breiten Boulevard Nieuwezijds Voorburgwal mit seinen typischen Grachtenhäusern hat anhaltender Schneefall die durch das Licht der Laternen hastenden Fußgänger in weiße Schatten aus einer anderen Welt verändert. Der Verkehrslärm klinkt wie durch dicke Watte gedämpft. Sogar die sonst unüberhörbar durch die Kurve kreischende Straßenbahn scheint nahezu verstummt. Das märchenhafte Bild atmet Frieden und macht die allgegenwärtige Bedrohung durch das übermächtige Besatzungsheer aus Nazideutschland fast vergessen.
Die besorgte Stimme hinter ihr ließ die junge Frau, Mantel und Schal schon hastig halb um die Schultern, auf der Schwelle des gemütlich eingerichteten Wohnzimmers im ersten Stock über dem Farbengeschäft innehalten. Sie drehte sich zu ihrer Mutter um, die in einer blauen Schürze aus der Küche angelaufen kam und sie forschend musterte.
’Kindchen, willst du bei diesem Wetter etwa noch weg? Warum bleibst du nicht zu Hause bei einem warmen Kännchen Tee?’
Die Angesprochene verhehlte kaum ihre Ungeduld. ’Mama, ich habe Johnny versprochen, dass ich noch bei ihm vorbeikomme.’
’Das ist nicht dein Ernst, oder? Die ganze Strecke nach Amstelveen mit der Straßenbahn und das letzte Stück zu Fuß, jetzt? Bei dem Wetter? Typisch, dass er dir das zumutet. Draußen ist es kalt und unangenehm, bah, und überall das ausländische Militär auf der Straße … denk an dein Vorstellungsgespräch morgen.’
’Keine Sorge, es wird nicht spät werden. Ich bin schwanger von ihm, Mama, schon vergessen? Ich will, ich muss es ihm endlich sagen.’
Die ältere Frau seufzte, ihr gütiges Gesicht überschattet von in unzähligen Grübelmomenten angehäuftem Kummer. Wenn es eine Lektion gab, die sie in den letzten Jahre gelernt hatte, dann die, dass ein Appell an die Vernunft von Verliebten ebenso viel Erfolg versprach wie der Versuch, Schmetterlingen Verkehrsregeln zu vermitteln. Sinnlos. Die Zwei passten einfach nicht zusammen, doch konnten und wollten trotzdem nicht ohne den anderen. Trennten sich, flogen einander wieder in die Arme, trennten sich erneut und so weiter. Eine Endlosschleife Desselben und nun das. Ja, eine schöne Bescherung. Sie hatte von Anfang an aus ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht. Eindringlich gewarnt, sogar gefleht. Vergebliche Mühe. Dabei war sie sich sicher, dass ihr Gefühl sie nicht täuschte. Wie auch bei einem von sich selbst so eingenommenen Doktoranden der Wirtschaftswissenschaften, der schon lange vor dem eigenen Studienabschluss mit den innerhalb der Familie erworbenen akademischen Graden und Titeln geprahlt hatte. Natürlich durfte er stolz sein auf seinen Vater, den mit einer Englischlehrerin verheirateten Studienrat Mathematik und natürlich auch auf seinen älteren Bruder, der bereits promoviert hatte und in Leiden den Lehrstuhl für Chinesisches Recht an der ältesten Universität des Landes besetzte. Äußerst eindrucksvoll, sicher, aber rechtfertigte das, seine Freundin, ihr einziges Kind, scheinbar im Scherz, doch in Wahrheit herablassend sein Hausschulmädel zu nennen? SEIN Hausschulmädel, ihre Wilhelmina! Als ob ihr Abschlusszeugnis an der mittleren Haushaltsschule nichts wert war. Bevor Wil seine Eltern kennenlernen durfte, hatte sie hoch und heilig versprechen müssen vorzugeben, dass sie Englisch studierte. Und ihr Gänschen hatte sich auch noch daran gehalten. Was bildete der junge Schnösel sich bloss ein? Schämte er sich seiner Freundin? Ihrer Festanstellung als Sekretärin und ihrer von vielen begehrten Nebentätigkeit als Konfektionsmodell beim größten Amsterdamer Warenhaus DE BIJENKORF? Wunderschön sah sie im neuesten Katalog für Frauenmode aus.
Man hätte heulen können. Wil, mein liebes, liebes Kind, du bist ein so hübsches und liebenswertes Mädel, wie oft hab ich nicht gesagt, es gibt viele nette Jungs, die viel besser zu dir passen. Jan-Pieter zum Beispiel oder Martin. Die würden dich auf der Stelle mit Kusshand heiraten, notfalls mit einem Drilling im Bauch. Alles für die Katz. Laut brachte sie gleichwohl zum wiederholten Mal ihre Zukunftsängste in Erinnerung.
’Ach Will, Liebes, das Kind bringen wir auch ohne ihn groß. Erzähl es ihm nicht, nicht jetzt, nicht heute, nein, tu es nicht, ich bitte dich von Herzen, der Junge wird dein Unglück, hör um Himmelswillen auf mich.’
’Aber ich liebe ihn so furchtbar doll, und er ist soo lieb.’
’Jaa … wenn sie was wollen, sind alle Männer lieb. Mir wäre es sonst was wert, wenn du ihm endlich den Laufpass geben würdest, lieber heute als morgen, was sag ich? Lieber sofort als nachher! Er hatte doch auch noch ein Verhältnis mit dieser Schweizerin, findest du das normal?’
’Mit ihr wollte er Schluss machen, hat er fest versprochen.’
’Wer’s glaubt, wird selig! Tu mir den Gefallen, bleib hier, ich bitte dich inständig, ruf ihn an. Du hast so schnell eine Erkältung weg, du musst allem aus dem Weg gehen, was wieder zu einem Asthmaanfall führen könnte.’
’Mama, du darfst mich nicht einsperren.’
Tja, das war wahr, dagegen kam man nicht an. Irgendwann galt es, den Mund zu halten, und sich in das Unvermeidliche zu fügen. Sie seufzte noch einmal tief und schaute bedrückt zu, wie ihr Augapfel, jetzt auch eine Mütze auf dem Kopf, selig beschwingt die Treppe zur Haustür des alten Grachtenhauses hinabeilte. Ach, mein Kind, mein Kind! Wohin wird das bloß führen ...
In der Straßenbahn strahlte Wil ihre Umgebung an und sah sie nichts. Weder die üblichen Passagiere und deren eintönige Gleichgültigkeit noch die Blicke einiger deutscher Offiziere, die in ihren schmucken Uniformen wie aus dem Ei gepellt rechts von ihrem Stehplatz saßen, wo sie, voller Vorfreude in sich hineinlächelnd, an einer von der Decke herabbaumelnden Halteschlaufe hing. Nicht schwer zu raten, was den neuen Herren in Amsterdam durch den Kopf ging.
‘So ein prächtiges Geschöpf, und ganz allein, wo will die denn noch hin? Wahrlich eine Augenweide und überdies, wohin, bitte schön, soll man denn sonst schauen mit all dem Matsch auf den Scheiben? Etwa zum dumpf dösenden Bürovolk, ewig auf dem Weg zu Muttis Eintopf nach getaner Arbeit beziehungsweise zu eintöniger Morgenpflicht? Nein, mein Freund, das hier ist purer Augenschmaus, den bekommt man nicht jeden Tag vor die Nase. Diese fein geschwungenen Nasenflügel, die zarten roten Lippen, ja, und die unter der kecken Mütze hervorlugende glänzend braune Haarlocke, die schlanke Gestalt, dezent betonte Figur, das alles verrät Klasse und Rasse, nein, nein, Verzeihung, das war mehr, das ist Adel der obersten Liga, jawohl, quatsch nicht Krause, Mensch, in Holland gibt es schöne Mädchen, mein lieber Scholli, die beflügeln deine Phantasie wie ein kühler Gebirgsquell den Wanderer nach seinem Aufstieg in der Sonnenglut ... ach, Mist, wenn die verdammten Pflichten nicht wären ...’
Die Haltestellen und die Amsterdamer Innenstadt glitten vorbei wie Hintergrundmusik, von der man nichts zu wissen und bewusst zu hören braucht, um trotzdem das Wohlgefühl zu fördern. Johnny, mein liebster Johnny, gleich bin ich bei dir, du wirst genauso glücklich sein wie ich, wenn du es hörst, denn zu guter Letzt hast du dich ja dann doch für mich entschieden. Jawohl, sie hatte die Schweizerin aus dem Rennen geworfen, der Alptraum war vorbei, ein hübsches Mädchen, die Trudl, gewiss und außerdem recht nett. Wie hatte sie bloß bangen können, dass er, schrecklicher Gedanke, möglicherweise der anderen den Vorzug geben würde? Jetzt war alles gut, Johnny und sie waren für einander bestimmt, das stand für sie trotz der Zweifel fest, die ihn ab und zu quälten schienen, nein, nein, sie gehörte auf ewig zu ihm, keine andere, da war sie sich im Grunde von Anfang an sicher gewesen, seit er ihr vor Jahren in der Tanzstunde so charmant den Hof gemacht hatte. Total verknallt, seine fein gewobenen Wortspielereien und wie er tanzte, ihr dabei süße Wörter ins Ohr flüsternd, so selbstbewusst und einnehmend, unwiderstehlich. Und so intelligent! Hatte rasendschnell sein Studium an der Amsterdamer Universität hinter sich gebracht, in der Hinsicht konnte sie ihm nun wirklich nicht das Wasser reichen. Doch spielte das eine Rolle, wenn man sich liebte und verrückt nach einander war? Mama und Papa würden nach der Hochzeit mit der Zeit schon milder urteilen und einsehen, dass ihre Bedenken auf Hirngespinsten beruhten.
Ach ja, die liebe Mama. Immer besorgt, ein Quell unerschöpflicher Erfahrung und Weisheit, doch manchmal musste man ihre Ratschläge und Warnungen nicht so wörtlich nehmen, haha. Denk dran, Wil, was immer ihr auch macht und sowieso, bevor ihr offiziell ein Paar seid, nichts ausziehen, hörst du, was ich sage? Jawohl, ist mein voller Ernst, einfach nichts ausziehen. GAR NICHTS! Bringt nur Unglück.
Ein Schwachsinn, ich höre Johnny immer noch lachen, weil ich mich, zum ersten Mal bei ihm allein auf seinem Zimmer, anfangs nicht einmal traute, meine Schuhe auszuziehen und mich später unendlich schuldig über meine nackten Füße fühlte, viel mehr noch als über den Rest.
In Amstelveen angekommen tanzte sie durch die Schneeflocken. Klingelte an der Villa des Mathematikpädagogen und seiner beiden Frauen, hahaha. Sie brauchte nicht lange zu warten. Die grachtengrüne Haustür schwang knarrend auf. Da erschien Jan, Johnny für seine Freunde und sie. Groß, stark, blond, graublaue Augen, der willensstarke Mund schmal wie ein Strich. Ein Siegfried Typ ´made-in-Dutchland`, ja ehrlich, hätte jedem Magazin über reinrassige Edelgermanen zur Ehre gereicht. Na ja, ausgenommen vielleicht seine Nase, die hätte eine Spur heldenhafter modelliert sein können. Sie warf sich in seine Arme und küsste ihn leidenschaftlich. Er unterging die Liebkosungen gelassen, streichelte ihr mit zwei Fingern beherrscht über die Wange, auf den Lippen ein amüsiertes Lächeln. Und war zugleich geschmeichelt, das schon.
‘Hallo, da haben wir die Wil, hereinspaziert, mein Hausschulmädchen, und sag meinen Eltern Guten Abend Ich klebe schnell eine Marke auf den Brief, den ich heute noch weghaben will, und dann spazieren wir gemeinsam zum Briefkasten, einverstanden?’
Sie nickte und schmiegte sich zärtlich an ihn. Arm in Arm betraten sie das in hellem Licht badende Wohnzimmer, wo Oma Van der Voort-Netelenbos, und Tante Bas, die seit Jahren Haushälterin genannte Konkubine des Hausherrn, einträchtig an einem Holztisch Karten spielten, ohne eine Miene zu verziehen. Neben beiden Damen studierte Opa Van der Voort durch eine randlose Lehrerbrille die Stellung der Figuren auf einem kostbar eingelegten Schachbrett.. Sein haarloser Schädel glänzte im Lampenlicht. Er setzte den weißen Turm auf ein anderes Feld und sagte ‘Schach!’ Danach blickte er hoch und unternahm den Versuch, sich ein paar Sekunden aus seinen calvinistisch geordneten Denkstrukturen zu lösen.
‘So, WilhelminaVerschoor, ist es nicht ziemlich unvernünftig, bei diesem Wetter unterwegs zu sein?’
Das war für ihn ein durchaus beachtliches Stück Konversation. Er erwartete indes keine Antwort, sondern wandte sich wieder den Schachfiguren zu und weiter wurde nichts gesagt. Niemand stand auf. Hier drinnen war es kälter als draußen. Wil gab dem Trio schweigend eine Hand, unsicher und verlegen wie immer in diesem Haus. Und war erleichtert, als Johnny im Mantel erschien und sie dem mit Möbeln aus einer anderen Epoche vollgestellten Raum den Rücken zukehren konnte. Komisch, dass Menschen ihre hochherrschaftlich koloniale Vergangenheit in Niederländisch-Indien nicht loslassen konnten.
Draußen war es wunderschön. Dicke Schichten Schnee auf Straßen, Gehwegen, Dächern und Ästen. In der nächtlich romantischen Zauberlandschaft mit ihren funkelnden Eiskristallen und gedämpften Geräuschen vergaß sie die freudlose Stimmung in seinem Elternhaus und traute sie sich, ihm die große Neuigkeit zu offenbaren. Sie räusperte sich und zupfte am Ärmel seines Mantels.
‘Johnny, ich muss dir etwas sagen, Überraschung.’
Er verlangsamte kaum seinen Schritt.
‘Oh ja? Wird ja was Weltbewegendes sein. Na gut, raus damit, mach’s nicht so spannend! Hast du endlich die Stelle als Tipse beim Notar bekommen? Wäre prima, ein wahrer Karrieresprung nach dem Bürojob in der Besteckfabrik.’
‘Nein, es geht um etwas anderes.’
Indem es sich noch dichter an ihn schmiegte, zwang das Mädchen den jungen Mann, sein Tempo zu verlangsamen. Schließlich blieb er stehen. Wil schaute ihm tief in die Augen. Ungeduldig schob er sie vorwärts.
‘Wil, erst den Brief wegbringen!’
Stattdessen drückte sie sich noch fester an seine Brust. ‘Ach was, bei dem Schnee wird der Briefkasten bestimmt später geleert.’
‘Gut möglich, und trotzdem.’ Aus dem Ton seiner Stimme sprach Irritation. ‘Komm schon, lass uns weitergehen, was hast du denn auf dem Herzen?’
Der Schneeteppich knirschte unter ihren Füßen. Sie schlang einen Arm um ihn. ‘Johnny, ich bin so glücklich mit dir. Dass du dich für mich entschieden hast, ist das Schönste, was mir jemals widerfahren ist … liebst du mich?’
‘Das weißt du doch.’
‘Ja, und deswegen wollte ich ganz sicher sein und habe ich drei Wochen damit gewartet.’
Jetzt sah er sie überrascht an. Sie blickte zurück. Es wurde ernst. Sie holte tief Atem. ‘Johnny, ich bin schwanger.’
Abrupt blieb er stocksteif stehen. Sie fühlte ihn erstarren.
‘Schwanger? Von wem?’
Es schoss impulsiv aus seinem Mund, kalt und unpersönlich wie ein Pistolenschuss. Einen Augenblick lang blieb es still, dann drang die ungeheuerliche Reaktion zu der jungen Frau durch und fing sie an zu schluchzen. ‘Wie kannst du so etwas fragen, du weißt ganz genau, dass ich niemals …’
Doch Jan van der Voort hatte sich wie gewohnt wieder schnell im Griff und sagte beschwichtigend: ‘Kleiner Scherz!’
Die junge Frau brach in Tränen aus. ‘Warum bist du so gemein zu mir? Wir kennen uns schon so lange und lieben uns. Schon nach dem ersten Abend auf der Tanzschule hast du mir gestanden, dass du etwas ganz Besonderes für mich fühlst.’
Jan nickte und umarmte sie. ‘Beruhige dich, Liebes, das ist auch so. Und du bist wirklich ganz sicher?’
‘Absolut’, schluchzte sie, ‘meine Regel ist noch nie so lange ausgeblieben.’
‘Was natürlich kein schlüssiger Beweis ist ... aber schön, mal angenommen, es ist tatsächlich so, wie du denkst ... tja, wie auch immer, ich muss gestehen, dass mich deine Mitteilung einigermaßen überfällt.’
Sie liefen schweigend weiter.
‘Aber gut, gehen wir mal davon aus’, fuhr er nach ein paar Metern fort, ’dann wäre zu überlegen, wie wir die Situation am besten meistern können, und was uns zu tun steht. Ich meine, sind wir schon soweit … für Kinder? Du bist erst vierundzwanzig, und ich verfüge mit meinen neunundzwanzig Jahren über kaum eigenes Einkommen und das in diesen unsicheren Zeiten ...’
‘Johnny, wir können doch einfach heiraten, wie andere Paare auch!’
‘Sicher, theoretisch schon, aber praktisch gesehen? Nein! Außerdem hege ich erhebliche Zweifel, ob meine Eltern über unsere Hochzeit glücklich wären.’
‘Na und? Wir heiraten doch nicht deine Eltern, oder?’
‘Stimmt … aber schau dir meinen großen Bruder Marius an. Sechs Jahre älter als ich, inzwischen vier Jahre verheiratet, wovon, wie du weißt, drei als Professor und ein Jahr als Vater. So in etwa stellen sich meine Eltern den Lauf der Dinge vor. ´Me too, by the way - ich mir auch übrigens`. Aber vielleicht denkt man ja man in euren Kreisen anders ...?’
Wil fing erneut an zu schluchzen. ‘Du bist gemein! Immer äußerst du dich herablassend über meine Eltern, die allerliebsten Menschen auf dieser Erde. Als ob sie es nicht schwer genug haben. Denkst du, dass es leicht ist, um heutzutage als Binnenschiffer mit einem Hungerlohn auszukommen?’
‘Es geht mir weniger um den schnöden Mammon, Kleines.’
‘Aber worum dann? Wir lieben uns doch?’ Nachdenklich fügte sie hinzu: ‘Das behauptest du jedenfalls, wenn wir mit einander schlafen. Sollte ich mich so getäuscht haben … in dir?’
An der Straßenecke tauchte, seine weiße Mütze stimmungsvoll von der Straßenbeleuchtung beschienen, der rote Briefkasten aus dem Schneegestöber auf
‘Lass gut sein, Wil,’ sagte Jan, sein Arm fest um ihre Schulter, ‘natürlich liebe ich dich. Auf meine Weise, soviel steht fest. Und im Übrigen solltest du alles nicht so dramatisch sehen. Es gibt immer Lösungen, die man in Erwägung ziehen könnte, vorausgesetzt ...’
‘Das niemals,’ unterbrach Wil ihn.
Jan schüttelte den Kopf. ‘Ich denke nicht an die Stricknadelhobbyisten, nein, ganz im Gegenteil. Aber sollte es wirklich nicht anders gehen, dann könnten wir, also wie gesagt nur im äußersten Fall, das Neugeborene vielleicht ... du weißt schon … es gibt Heime, wo ...’
Sowie ihr dämmerte, worauf er hinauswollte, sprang Wil empört von ihm weg und rief, beide Arme in die Seite gestemmt: ‘Weggeben? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Kommt auf gar keinen Fall in Frage … nur über meine Leiche!’
Jan erschrak von ihrem ungewohnt heftigen Ausfall.
‘Schon gut, schon gut,’ lenkte er schnell ein, ’war nur ein Gedanke, gib mir ein paar Tage Zeit, um mich auf die neue Situation einzustellen, okay? Danach sehen wir weiter, zufrieden, mein Dummchen? Hm, komm schon, Mäuschen, sag was Nettes zu Johnnyboy.’
Er drückte einen Kuss auf ihre Stirn. Statt seinem Wunsch zu entsprechen, fischte Wil ein Taschentuch heraus und betupfte ihre Augen. Sie schien sich etwas zu beruhigen, aber ihre Stimmung war dahin. Irgendwie fühlte sie sich wahnsinnig erschöpft. Die ihrem Charakter widersprechende Auflehnung gegen ihn hatte sie ausgelaugt.
Die letzten Meter legten sie wortlos ab. Beim Briefkasten angekommen schnippte sie neugierig den Brief aus Jans Hand, an dem ihm offensichtlich so viel gelegen war, dass er sie beide noch vor der letzten Leerung durch die weiße Nacht getrieben hatte. Sie warf einen Blick auf den Umschlag, las den Namen der Empfängerin in Yorkshire und verkrampfte augenblicklich. Eine eiserne Faust schloss sich um ihr Herz, der Boden schwand unter ihren Füßen.
‘WAS IST DAS? Miss Trudl Schwarzenberg?’ presste sie mühsam heraus, ihre plötzlich heisere Stimme kaum mehr verständlich. ‘Du schreibst ihr noch? IHR? Es war doch aus zwischen euch, seit sie in England ist? Hast du überhaupt Schluss gemacht mit ihr?’
Ihre Augen tasteten flehend über sein Gesicht. Schnell entschlossen nahm er ihr den Brief ab und schob ihn mit einem Ruck durch den Schlitz. Ertappt wie er war, versuchte er dann, sich aus der verfahrenen Situation irgendwie herauszureden.
‘Wie kannst du nur so albern fragen? Selbstverständlich ist Schluss. Es ist nur so, äh ... wie soll ich es sagen, äh ... sie will leider nicht von mir lassen, und deshalb bitte ich sie in diesem Brief noch einmal mit Nachdruck, mich zu vergessen. Jawohl, genauso ist es, Punkt! Weil ich eine andere habe, dich, verstehst du? Zufriedengestellt?’
Na bitte, das war deutliche Sprache. Gut gemacht, Johnnyboy, lobte er sich innerlich selbst, das würde sie vorerst zum Schweigen bringen. Von dem Heiratsantrag in dem Brief brauchte sie erst zu erfahren, wenn Trudl ihn angenommen haben würde. Und ihrer Schwangerschaft würde sie dann natürlich auch anders gegenüberstehen. Zufrieden schlang er beide Arme um sie.
‘Wie du siehst, mein Mädelchen, alles bestens.’
Dann schlug er nach kurzem Überlegen vor: ‘Lass uns noch auf Dirks Zimmer gehen, einverstanden? Ist ganz in der Nähe, und seinen Schlüssel habe ich zufällig in der Tasche. Er braucht ihn ja nicht, denn der Gute zog es vor, dem Vaterland den Rücken zuzukehren.’
Da er ihre Zustimmung einfachheitshalber unterstellte, zog er sie gleich in die neue Richtung. Dabei sprach er mehr zu sich selbst:
‘Der Himmel mag übrigens wissen, wo sich Dirk jetzt herumtreibt. Hoffentlich nicht doch bei der verdammten Waffen-SS gelandet.’
Tja, er selber war ja auch fast der Versuchung erlegen, hatte ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, jawohl, man war schließlich nur einmal jung, und die bekanntlich damit einhergehende schnell entflammende Begeisterung gehörte nun einmal dazu, ziemlich naiv im Nachherein, nicht wahr, aber nein, er hatte seinen Flirt mit den Politverbrechern rechtzeitig beendet, ’aber du, mein lieber Dirk, du bist ein Riesenesel!’
Sie hatte kein gutes Gefühl, wusste, wie schwach sie war, und trotzdem gewann in ihr die Oberhand das, was sie glauben und fühlen wollte. Dankbarkeit, weil er sich Mühe gab, sie zu beruhigen und Zärtlichkeit wegen seines Begehrens.
‘Aber Johnny, ist das nicht zu riskant? In meinem Zustand?’
Er lächelte überlegen. ‘Überhaupt kein Problem, machen doch alle, du kleine Gans.’
‘Ehrlich ...? Ich weiß nicht … können wir nicht lieber irgendwo eine Tasse Kaffee trinken?’
Während sein Lächeln ihre Bedenken mühelos überspielte, ließ er eine Hand scheinbar achtlos auf die Rundungen herabgleiten, in die ihr Rücken überging. Ein verlockendes Hinterteil hatte das Mädel, kein Zweifel. Vorn im Vergleich mit Trudl vielleicht eine Spur zu flach, aber hinten herum? Götterspeise. Er lachte hell auf.
‘Willst du etwa in den nächsten acht Monaten als Nonne durchs Leben gehen, du verrücktes Huhn? Das kannst du Johnnyboy nicht antun und dir auch nicht, man muss sich in dieser Zeit doch wenigstens etwas gönnen, ´let’s go - auf geht`s!` Wir machen es uns in Dirks Bett schön gemütlich, und anschließend bringe ich dich zur Straßenbahnhaltestelle, okay?’
Es entsprach wie bereits angedeutet nicht ihrem Wesen, um jemandem etwas zu verweigern und schon gar nicht ihm. ‘Okay, Johnny,’ sagte sie daher, ’lieb von dir.’ Untergehakt machten sie sich auf den Weg. Nach einigen Metern fiel ihm noch ein Bonbon für sie ein und blieb er stehen.
‘Weißt du was, und weil ich dich so lieb finde, begeleite ich dich nachher nach Hause bis vor deine Tür, was sagst du dazu?’
Sie schaute freudig überrascht hoch. ‘Das wäre schön, Johnny, danke.’
Arm in Arm gingen sie weiter.
‘Aber Johnny?’
‘Ja, Liebes?’
‘Was machen wir, wenn meine Mutter uns sieht? Kommst du dann endlich mal wieder mit nach oben, ja? Nur ganz kurz?’
Ihre Stimme klang hoffnungsvoll. Er schwieg. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht sehen, doch wusste nur zu gut, dass er ihrer Mutter und vor allem ihren kritischen Fragen tunlichst aus dem Weg ging. Spottete wiederholt, dass er auf deren sogenannt weisen Rat verzichten konnte wie auf einen Kropf. Was sie sich bloß einbildete, die Frau eines Binnenschiffers. Aber das kam diesmal glücklicherweise nicht aus seinem Mund.
‘Sie wird uns bestimmt nicht sehen,’ sagte er schließlich, ‘es sei denn, sie kluckt wieder am Fenster und hält Ausschau nach dir. Dass sie sich das nicht abgewöhnen kann, Kruzitürken. Aber gut, in dem Fall sag ich einfach, dass ich zu Hause noch dringend etwas zu erledigen habe.’
Tja, es ist nun einmal so und leider nicht anders: Liebe macht blind und blinde Liebe stockblind und taub dazu. Wilhelmina Verschoor hatte selbstverständlich keinen blassen Schimmer von dem Elend, in das Jan van der Voort sie stürzen sollte, und wenn sie in einem wachen Moment den Versuch unternommen hätte, sich das wahrscheinliche Leben an seiner Seite vorzustellen, indem sie eins und eins zusammenzählte, hätte sie das Ergebnis schlichtweg nicht glauben wollen. Und so nahm das Schicksal eben seinen Lauf.
Berlin 1945. Die Frau schleppte sich hinter dem mit unscheinbaren Habseligkeiten überladenen Kinderwagen mehr her, als dass sie ihn schob. Sie war schätzungsweise Anfang dreißig und wahrscheinlich eine recht hübsche Erscheinung, wenn man sie sich in Weiß auf dem Tennisplatz vorstellte. Davon konnte hier freilich keine Rede sein. Ihre abgewetzten Turnschuhe passten ebenso wenig zur kühlen Nachmittagsluft wie das von einer umgeknickten bunten Feder geschmückte Hütchen, das in einer anderen Wirklichkeit bessere Zeiten gesehen haben mochte. Zwischen Kopf und Füßen trug sie mehr oder weniger Lumpen, denen man allenfalls bei genauerem Hinsehen den Willen zu Reinlichkeit und möglichst geordnetem Äußeren ansah. Was ihr allerdings in dieser Stadt entgegenkam oder sie überholte, waren vom angloamerikanischen Bombenterror und den sonstigen Schrecken der Endkriegszeit geschockte, in betäubtes Verzweifeln abgetauchte Jammergestalten. Jede mit dem eigenen Schicksal nach innen gekehrt, durch apokalyptische Szenerien hastend, total erschöpft, inmitten von Schutt und Asche auf alles ausfüllender Suche nach Trink- und Essbarem, Angehörigen und Unterkunft.
Die Frau aber lächelte. Verhalten zwar, doch unverkennbar. Links und rechts zogen Trümmerhalden so riesig wie aufgedunsene Leiber von gestrandeten Walfischen vorbei, an manchen Stellen kaum Durchlass bietend. Hier glühten Eisenträger und Fahrzeuge nach, dort gab es neben halb wegrasierten Fassaden augenscheinlich unversehrt gebliebene Gebäude, in deren Fenstern sich noch schwarzes Verdunklungspapier kräuselte. Kleine Wunder. Dass bisweilen dumpfes Grollen von einstürzendem Mauerwerk kündete, dass in der Ferne Geschütze dröhnten und sich am Straßenrand menschliche Umrisse unter hastig ausgebreiteten Planen abzeichneten, schien niemand wahrzunehmen. Wie viele andere Bezirke in Berlin glich der Bezirk Schöneberg Anfang Mai 1945 einer vom Himmel brandrot beschienenen Welt der Toten und von in sich selbst begrabenen Überlebenden.
Die Frau beugte sich vor und strich dem kleinen Jungen neben ihrem Kinderwagen aufmunternd über den Kopf. Sie strahlte irgendwie leisen Triumph aus, als ob eine unendliche Sorge von ihren Schultern genommen war, Erleichterung, die angesichts des schrecklichen Ausmaßes an Leid und Zerstörung ringsum schon beinahe obszön wirkte.
‘Gleich sind wir da, Jochen, bei der Oma, weißt du noch? Wir haben es geschafft, mein Kleiner, nach all den Wochen kannst du endlich wieder in einem richtigen Bett schlafen. Und die Oma hat im Schrank bestimmt was zu futtern für dich.’
Der etwa Fünf- bis Sechsjährige reagierte nicht. Die Hand seiner ein paar Jahre älteren Schwester umklammernd trottete er auf seinen strumpflosen mageren Beinchen mit völlig ausdruckslosem Gesicht durch die gespenstische Ruinenlandschaft. Der arme Kerl, dachte die Frau und starrte auf seine Sandalen, das heißt auf das, was an den Füßen des Knirpses mühsam von Endlosstrippe zusammengehalten wurde. Wie soll ein Kind fertig werden mit dem, was selbst Erwachsene kaum zu verarbeiten vermögen? Unabsehbar tagein, tagaus laufen, laufen, laufen. Endlose Fußmärsche durch den Wahnsinn dieser Welt, nur selten unterbrochen von ein paar göttlichen Eisenbahnkilometern, während denen die Beine wieder Beine wurden. Gejagt quer durch wechselnde Fronten, mal deutsche Truppen, dann Russen, gefolgt von Polen und wieder den Deutschen, wenn diese einen Flecken pommersche Heimat zurückerobert hatten, bis Panzer und Stalinorgeln endgültig die preußischen Teile des Reiches überrollten. Nun, das hatte sich trotz aller Strapazen noch einigermaßen ertragen lassen, ja, man gewöhnte sich an ständiges Wummern, Donnern, Pfeifen, Zischen, helles Knallen, war abgestumpft bis auf die Seele und Blasen zwischen den Zehen. Aber die unzähligen Leichen von Mensch und Tier, beide vielerorts fein säuberlich am Wegrand gestapelt, oft meterhoch, die überall das Auge beleidigenden Verstümmelungen, der perverse Farbenrausch aus Blut, Gedärm, teilweise oder ganz weggeschossenen Köpfen und Gliedern, verspritzten Gehirnen, mein Gott, der alles durchdringende süßliche Verwesungsgeruch, der tagsüber die Sinne verdunkelte und nachts in der Kleidung gerann, dagegen kamen weder der Gesang von Zarah Leander noch die markigen Sprüche des großdeutschen Rundfunks an. Die Hanne war Gottseidank verständig genug, um das Beruhigungsgeplapper der Mutter schweigend über sich ergehen zu lassen und angesichts der Umstände blind zu gehorchen, eine unschätzbar wertvolle Hilfe bei drohender Gefahr. Kümmerte sich unendlich geduldig um den kleinen Bruder und das Baby, das tapfere liebe Ding, wann immer sie sich mit der Mutter vor der entfesselten Soldateska aus dem Osten verstecken mussten, die schon so lange verheizt wurde, dass die Erinnerung an das Fleisch ihrer fernen Frauen lichterloh brannte. Frau komm, Uri, Uri, dawei, stoi, Frau du ausziehen, gefürchtete Hits der Sowjetsoldaten.
Oh, da hatte sie sich findig gezeigt. Erwin wäre erleichtert gewesen. Kein fremder Mann hatte sie bisher unziemlich angefasst, aber Erwin hing in einem polnischen Kriegsgefangenenlager fest, was heißt Lager, schuftete als Zwangsarbeiter in einem alten Kohlenbergwerk, wie die letzte hinausgeschmuggelte Karte meldete.
Nein, nicht mit ihr, Frau komm. Bei Zugfahrten bewährte sich der von einer unscheinbaren Klappe gesicherte Hohlraum zwischen Abortdecke und Außenhülle als Versteck. Auf weitgehend oder ganz verlassenen deutschen Bauernhöfen zitterte sie mit den Kindern im Schweinestall oder Pferdemist. Doch Keller, wo schon alles drunter und drüber lag, erwiesen sich am geeignetsten. Einmal allerdings waren ein paar versprengte Soldaten so unerwartet aufgetaucht, dass nur sie noch in letzter Sekunde unter einen Haufen Lumpen kriechen konnte, bereit hochzuspringen und den Kindern zu Hilfe zu eilen, sowie die Lage es erfordern sollte. Aber der Hanne, an der Tür mit Brüderchen beim Kinderwagen dagestanden wie die Wacht am Rhein, hatten die Russen, manchmal nur halbe Erwachsene, die eine nicht schnell genug herausgerückte Armbanduhr schon mal peng mit einer Kugel quittierten, kein Haar gekrümmt, ehrlich wahr. Die vergötterten Kinder normalerweise, jedenfalls solange sie nüchtern waren. Gaben ihnen sogar was zu essen ab, obwohl sie selber über zu wenig verfügten.
Was ihr indes nicht geringen Kummer bereitete, war, bevor er in seiner seltsamerweise anhaltenden Starre versank, das jäh erwachte frühe Interesse ihres Filius an Waffen. Angefacht von Einheiten der zurückflutenden deutschen Wehrmacht kurz nach dem Verlassen von Kattowitz, ihrem Evakutionsort bei Verwandten in Oberschlesien. Nahm der Irrsinn der Männer denn niemals ein Ende? Einigen Gefreiten hatte es Riesenspaß bereitet, ihren erst vor wenigen Jahren den Windeln entstiegenen Dreikäsehoch mit Süßigkeiten und den Geheimnissen von Karabiner und Handgranate vollzustopfen. Gebannt verschlang dieser beides, die Süßigkeiten wie das Wissen um für ihn abstrakte technische Details. Die Narren hatten ihn sogar ans Gewehr, ihn schießen gelassen. Ambivalente Sehnsucht? Trieb den Kleinen das Verlangen nach seinem Vater und die Väter das nach den Kindern daheim? Trotz nagender Schuldgefühle war sie, zu willkommen jede Ablenkung in den Tälern der Verzweiflung, nie dazwischen gegangen.
Von der Martin-Luther-Strasse kommend bugsierte sie den Kinderwagen nach rechts auf den Trampelpfad in die Freisinger Straße und hielt nach ein paar Metern entgeistert inne. Das Mietshaus gab es nicht mehr. Von dem stolzen Bau mit der im ersten Stock gelegenen Vierzimmerwohnung ihrer Eltern, der BELLE ETAGE, stand lediglich noch das Vorportal. Sie schluckte schwer, den Tränen nahe, und stieg wie betäubt die vertrauten vier Stufen hoch, auf denen noch Kreidekritzeleien von Kindern durch den Staub schimmerten. Der rechte Flügel der nahezu unversehrten Eichentür schwang mühelos nach innen auf. Statt in den stuckverzierten Hausflur zum Fahrstuhl und Treppenhaus starrte sie ins Freie. Vor ihren Augen erstreckten sich als wüster Haufen die ausgeglühten Innereien des Gebäudes, das in sich zusammengestürzt war und dabei Keller und Tiefgarage unter sich begraben hatte. Sie schaute hoch, wo an der Brandmauer zum Nachbarhaus eine Badewanne im Wind baumelte. Unten lagen, zum Teil von Mauersteinen bedeckt, Hausratsgegenstände. Kochtöpfe, Bratpfannen, Bücher, Bügelbrett, Lampen und dergleichen. Angebrannt, beschmutzt, wertlos. Sie fing an zu heulen. Wut nach all den Strapazen, aber mehr noch grenzenlose Enttäuschung brachen aus ihr heraus. Erst als sie die Kinderhand auf ihrem Rücken spürte, kam sie wieder zu sich. Hinter sich sah sie durch einen Tränenschleier Hanne und den kleinen Jochen mit erschrockenen Augen stehen.
‘Nicht weinen, Mama,’ flehte das Mädchen, ‘Oma und Opa leben bestimmt noch.’
Sie riss sich zusammen. Das Kind hatte Recht. Wie naiv, ja, vermessen war sie gewesen, ihre ganze Hoffnung auf die heile Welt in Schöneberg zu setzen. Dreiviertel Berlin lag in Trümmern, warum sollte ausgerechnet dieser eine ihr wichtige Flecken verschont geblieben sein? Und in der Tat, nicht alle kamen bei den barbarischen Bombardierungen um. Viele konnten sich in öffentliche oder private Bunker retten.
‘Guck mal, Mama,’ sagte Hanne, ‘da hängen überall Papierchen.’
Tatsächlich. Am Klingelbrett befanden sich bei den Namen der ehemaligen Hausbewohner unter die Schilder geklemmte oder irgendwie daneben befestigte Zettel, auch bei Miranka. Sie schöpfte Hoffnung, faltete den Fetzen braunes Packpapier rasch auseinander.
‘Ursel, wir leben,’ stand da knapp, ‘sind nach Eichkamp.’
Mein Gott! Wie nahe der Himmel der Hölle ist. Fast hätte sie vor Erleichterung angefangen zu tanzen. Eichkamp im Westen der Stadt, die Handwerker- und Beamtensiedlung am Rande des Grunewalds, hieß das neue Zauberwort, das sie beflügelte. Das Elternhaus von Erwin stand bestimmt noch, weil es wohl kaum lohnte, kostspielig Bomben an kleinflächige Bebauung mit relativ kleiner Zivilbevölkerung zu verschwenden. Jawohl, Eichkamp, dort lag ihre Chance.
‘Hanne, Jochen,’ jubelte sie, ihre Stimme verhalten, ‘Wir gehen zu Opa und Oma in Eichkamp.’
Sie nahm ihre Sprösslinge an die Hand und wandte sich hinab zum Kinderwagen. Die Gitti darin schlief fest.
‘Aber nicht mehr heute,’ murmelte sie, ‘nicht zu schaffen ... wir werden irgendwo die Nacht verbringen müssen ... zum Zoobunker ist es zu weit ... hm, wollen mal sehen, vielleicht gibt’s hier in der Gegend einen trockenen Keller oder Schuppen ...’
Sie bog in die Wartburgstrasse ein, wo sich der Schutt weniger hoch auf den Bürgersteigen türmte. Hier standen augenscheinlich noch intakte Wohnhäuser mit Einfahrten zu Hinterhöfen. An einem kunstvoll gearbeiteten Emailleschild hielt sie inne. Unter einem ziselierten Blasinstrument, sah aus wie ein Waldhorn, las sie otto warndtke, Instrumentenfabrik - Anfertigung und Reparaturen - zweiter Hinterhof rechts. Das klang irgendwie vertraut und daher einladend. Der Vater von Erwin, im Hauptberuf Kriminalinspektor, war gleichzeitig auch Regimentsmusiker gewesen. Spielte Quer- und Pikkoloflöte, wenn sie sich recht erinnerte. Dort mal rein? Ach, warum nicht, was hatte sie zu verlieren? Gefahr lauerte überall, aber alles war besser als offenes Straßengelände, also los.
Auf dem ersten Hinterhof sah es trostlos aus. Die Eingänge zu Kellern und Nebengebäuden hatte man mit Brettern zugenagelt, auf dem Hof stapelten sich zwischen umgefallenen Bäumen Abfälle und Unrat. Dazu fuhr der Geruch von Urin und Exkrementen scharf in die Nase. Sie hastete weiter und siehe da. Der zweite Hinterhof empfing die kleine Gruppe mit einem Hauch vorkriegszeitlicher Normalität. Keine verrammelten oder eingetretenen Türen, sondern ordentlich in einer Hofecke stehende Mülltonnen, sauberer Asphalt, fast gefegt. Begehbare Treppen hinunter zu den Kellereingängen. Und hinter der obligaten Teppichstange, an der eine Kinderschaukel baumelte, vier Stufen hinab zu einem Hofbunker. Welch ein Glück! Sie schaute an den Fassaden entlang. Überwiegend leere Fensterhöhlen, die Wohnungen schienen geräumt. Erst jetzt fiel ihr die an einen Baumstamm genagelte Holztafel auf, die mit hastigen roten Großbuchstaben warnte: achtung! Häuser nicht betreten! einsturzgefahr! Dennoch! Alles, was auf der Straße an Geräuschen getost hatte, säuselte an diesem quadratisch von jeweils vier Stockwerken umrahmten Ort wohltuend gedämpft auf sie herab, atmete eine Spur Frieden. Menschen waren nicht zu sehen. Sie brauchte nicht lange zu überlegen. Es gab nur einen Weg um herauszufinden, ob noch Platz im Bunker war. Sie musste hinein.
Sie hatte mit ihren Kindern keine zwei Meter abgelegt, als die eiserne Bunkertür quietschend von innen aufsprang. Eine alte Frau in zerwühlten Kleidern stürzte panisch heraus und die Stufen hoch, in ihren Augen das blanke Entsetzen. Nach zwei weiteren Schritten erblickte sie die Neuankömmlinge und stockte. Ihre Stimme überschlug sich.
‘Weg, schnell, rennen Sie ... hier sind ...’
Weiter kam sie nicht. Eine Schusssalve bellte. Das Muttchen fiel wie vom Blitz getroffen um und blieb regungslos liegen. Neben ihrem Körper breitete sich alarmierend schnell eine dunkle Lache aus. Aus dem Bunker torkelte ein Rotarmist mit glattrasiertem runden Babyface, das allerdings eine gewisse Verrohung nicht zu leugnen vermochte, was wiederum zu seiner Statur passte. Ein Hüne, der Soldat. In seiner linken Hand schwenkte er eine halbvolle Flasche, sehr wahrscheinlich Schnaps, und rechts eine Maschinenpistole, noch halb im Anschlag. Er war ungelenkig vom Alkoholgenuss und wirkte gleichwohl triumphierend. Dass ihm die Uniformhose halb auf den Oberschenkeln hing, schien ihn nicht zu kümmern. Hinter ihm johlten sich zwei Kameraden ins Freie, deren Gedanken ebenfalls nicht bei der Kleidungsordnung für festliche Anlässe weilten. Ihre bereits geleerten Flaschen schmetterten sie gegen eine nahe Hauswand, wo sie zerschellten. Alle drei hielten inne und stierten verblüfft auf die junge Zivilistin mit ihren Kindern. Diese erschrak, doch fasste sich schnell.
‘Hanne, denk daran, was ich euch eingebläut habe,’ presste sie heraus, ‘was auch geschieht, bleibt ganz ruhig und rührt euch nicht von der Stelle, dann passiert euch nichts.’
Das kleine Mädchen nickte ernst, als ob ihm eine geheimnisvolle Aufgabe erteilt worden war, die nur von ihm allein gelöst werden konnte.
Das Babyface, offenbar Anführer der drei Sowjetsoldaten, lachte. ‘Stoi,’ rief er und schnellte, auf einmal überraschend wendig, mit einem gewaltigen Sprung auf den Kinderwagen zu, ‘Frau mit Hitlerküken! Frau komm, lecken bis Sahne sauber, komm, komm.’
Die eindeutige Abwehrbewegung der jungen Mutter schien ihm nicht zu behagen.
‘WAS, du auch nicht wollen, Hitlerfotze?’
Wütend schleuderte er ebenfalls seine Flasche weg und schlug dann der Frau seine Waffe an die Schläfe. Ihr Kopf zuckte mit einem hässlichen Geräusch seitlich weg. Hanne schrie laut auf. Ihre Mutter fiel auf den Boden und rührte sich nicht mehr. Der Rotarmist kniete bei ihr nieder und wedelte mit seinem erigierten Geschlecht über dem stillen Gesicht herum.
‘Frau komm, lecken bis Sahne sauber, blas, blasen.’
Von der bewusstlos Daliegenden kam keine Reaktion. Der Soldat fluchte, zog sie an den Haaren hoch und gab ihr eine Ohrfeige, was dem Hütchen endgültig den Garaus machte. Nichts! Noch eine. Dann griff er ihr feixend zwischen die Beine, zerrte einen weißen Schlüpfer herunter, umsonst, zog ihre Arme nach oben, lies diese wieder fallen, vergebens. Er stand auf, stampfte mit seinem Stiefel auf den Asphalt. Sein Blick fiel auf die Kinder am Kinderwagen. Das helle Grinsen, das plötzlich sein Gesicht überzog, machte ihn nicht sympathischer als vorher. Er griff sich Hanne.
‘Ahh, du Küken, putt, putt, putt, lecken bis sauber, blasen, du lernen.’
Das kleine Mädchen wehrte sich heftig, riss sich los und rannte weg, wurde aber mühelos von den beiden anderen Soldaten eingefangen. Babyface zeigte sich amüsiert. Jedenfalls lachte der Hüne glucksend. Hanne wurde roh zu ihm zurückgeschubst.
‘Nu dawei, Küken, Mama kaputt wie Hitler, jetzt du lecken sauber, oder ich schießen in Bein, dawei.’
‘Mama, Mama,’ schrie Hanne als Babyface ihr den Kopf roh zwischen seine Schenkel drückte. Sie zappelte hilflos.
‘Was, Fritzküken nicht wollen? Russisch Sahne nicht gutt? Ich nehmen Pistol ...’
Er brach ab, weil sein umnebeltes Gehirn ihm einen absonderlichen Einfall servierte. Er wies auf die Teppichstange mit der Kinderschaukel. ‘Da, Küken lieber spielen? Auch gut, eia, eia! Du gemietlich schaukeln über Feuer, bis blasen lecken sauber wollen.’
Ein Sanitätsfahrzeug, wäre es denn vorbeigekommen, hätte den an einer Straßenlaterne niedergesunkenen Uniformierten nicht mehr mitgenommen. Dafür gab es in der geschändeten Stadt zu viele Opfer, denen Hilfe noch Aussichten bot. Der bewusstlose junge Mann ohne Stahlhelm, aber mit Ritterkreuz, dem Augenschein nach der gefürchteten Waffen-SS zugehörig, stöhnte kaum hörbar vor sich hin. Aus der quer über seinen Kopf laufenden Verbandsschlinge waren in Stirnhöhe unheilvolle Mengen frisch geronnenen Blutes gequollen. Sein rechtes Bein einschließlich Knie stand in einem so grotesken Winkel vom Rumpf ab, dass man sich fragen musste, ob es lediglich von der Uniformhose in Körpernähe gehalten wurde. Den Oberschenkel hatte jemand mit Hilfe von eingerollten Lappen abgebunden. Völlig unklar, wie der Schwerstverletzte hierhergekommen war und wer ihn provisorisch versorgt hatte. Angesichts seiner Hilflosigkeit wirkten die beiden an seinem Koppel hängenden Handgranaten geradezu lächerlich. Und wozu in aller Welt brauchte er die Maschinenpistole, die seine Hände fest umklammerten?
Vom Ende derselben Straße kamen zwei andere Schwerbewaffnete in angeregtem Gespräch daher geschlendert, als ob die Welt um sie herum nicht in Trümmern lag. Der eine bullig, untersetzt, sein Gesicht offen und sympathisch, der andere groß und hager mit einer rot über die ganze rechte Wange laufenden kaum verheilten Narbe. Er machte den Eindruck, dass er schnell Entscheidungen zu treffen gewohnt war und diese dann auf Biegen und Brechen durchsetzte. In ihren schmucken und erstaunlicherweise kaum verschmutzten Uniformen, die sie als Angehörige der Leibstandarte Adolf Hitler auswiesen, wirkten beide Männer trotz Pistole, Karabiner und Panzerfaust wie frisch eingekleidete Statisten auf gemächlicher Suche nach dem Filmset. Sie plauderten allerdings nicht auf Deutsch mit einander, sondern unterhielten sich in einer Sprache, die ein Kenner wegen der krachenden Rachenlaute unschwer als Holländisch erkannt hätte.
‘Best grappig eigenlijk, Jaap - eigentlich schon komisch, Jaap,’ sagte der Bullige, wie sein Begleiter um die vierzig Jahre alt, ‘dass wir uns ausgerechnet in Berlin begegnen. Zwei Friesen aus der schönen Gegend um Sneek, die zusammen mit den Teutonen für das neue Europa kämpfen.’
Der Angesprochene zuckte gleichmütig mit den Achseln, wobei sich das Eiserne Kreuz auf seiner Brust leicht verschob.
‘Kämpften wirst du meinen, KÄMPFTEN mit t,’ betonte er, ’das neue EUROPA kannst du vergessen, Dirk. Jetzt wo wir die Verteidigung von Reichskanzlei und Führerbunker auf Befehl von oben einstellen mussten, ich verstehe übrigens immer noch nicht ganz, warum die Arschlöcher euch und uns weggeschickt haben, wird ein anderer Wind …’
‘Das weißt du sehr wohl,’ wurde er unterbrochen. ‘Dem Führer und seinen Generälen schwante, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist, Punkt, aus, vorbei!’
‘Ich bin da anderer Ansicht. Weshalb, verdammt noch mal, haben sie nicht versucht, Zeit zu schinden, bis wir über die neuen Wunderwaffen hätten verfügen können, hé? Adolf brauchte nur in die startklare Maschine zu klettern und hätte von seiner Alpenfestung aus die Sache womöglich noch zu seinen und unseren Gunsten gedreht ...’
‘Hör auf zu träumen, mein Bester. Mit der Entwicklung von Kernspaltung und Atomwaffen haben die Deutschen dummerweise zu lange gewartet, die Raketen kamen ebenfalls zu spät, und alle anderen Genieblitze existierten nur auf dem Papier. Nein, nein, jetzt wo die Dinge nun einmal so gelaufen sind, finde ich es vorbildlich und verdammt tapfer, dass der Führer sich mit dem Tod vor Augen entschieden hat, inmitten seiner Truppen auszuharren, statt einfach per Flugzeug abzuhauen, Hut ab … das zeugt von einer anderen Charakterhaltung als sich feige aus dem Staub zu machen wie seinerzeit Napoleon und jüngst der Schuft Mussolini. Um von Wilhelmina, unserer Königin ganz zu schweigen. Sang und klanglos abgehauen nach England. Nein, mein Freund, kämpfend unterzugehen, das nenn ich ehrenvoll, so gehört es sich und nicht anders.’
‘Okay, in der Hinsicht stimme ich dir zu. Trotzdem bleibe ich dabei, dass es mit mehr Kerlen vom Kaliber Steiner, Rommel, Ulrich und unserem Mooy vielleicht anders gekommen wäre. Wenn ich allerdings an unseren Chef mit den putzigen runden Brillengläsern denke, großer Gott, Reichsheini Himmler, die reinste Witzblattfigur, der Mann. Wie geht es nun übrigens deiner Meinung nach weiter?’
‘Ich habe munkeln hören,’ sagte Dirk, ‘dass der Führer fest zum Freitod entschlossen ist, was mir auch nur konsequent erscheint. Ein so genialer Mann in russischer Hand - undenkbar. Einen ähnlichen Triumph würde der Schnauzbart in Moskau den Deutschen auch nicht gönnen.’
‘Ganz deiner Meinung. Inzwischen muss ich mich freilich leider damit abfinden, dass aus meinem schönen Bauernhof im Osten nichts werden wird.’
‘Haben sie dir den auch versprochen?’
‘Ja logisch, Wehrbauer in Osteuropa unter der Schirmherrschaft des Reiches, Gebieter über hunderte Hektare Land und ein unerschöpfliches Reservoir slawischer Arbeitskräfte, das war mein Traum, dafür tat ich es. ’
‘Tja, mein Lieber, ´it’s all in the game - verlieren gehört nun einmal dazu.` Und was wirst du jetzt machen?’
Jaap beäugte seinen Landsmann forschend von der Seite, während sich seine Lippen ironisch kräuselten.
‘Vermutlich dasselbe wie du. Auch ich habe mich nach dem Kampf in meiner letzten vorzeigbaren Uniform verabschiedet. Sieht doch Klasse aus, oder? Nannte ich immer meine Hof- und Partyausstattung, haha. Na ja, damit ist es nun wohl vorbei, Geschichte, tausche ich so schnell wie möglich gegen Zivilklamotten um, denk ich mal ...’
‘Versteht sich von selbst, aber das meine ich nicht. Gehst du wieder zu deiner Familie zurück, nach Haarlem?’
‘Hahaha, der Herr beliebt zu scherzen,’ prustete Jaap los. ‘Bist du so naiv oder tust du nur so? Die warten in Holland nur auf mich. Willkommen im Land der Käsehäppchen und der beim ersten Schuss nach England verdufteten Volksgenossen mit ihren dort vorsorglich geplanten Untersuchungs- und Säuberungskommissionen, vielen Dank. Massenhaft Papier und Formulare, im sicheren Inseldamals ausgeklügelte Weisheiten und Regeln ohne Ende. Jede große Klappe bei der sogenannten Widerstandsbewegung und folglich mit rückwirkender Kraft Retter des Vaterlandes, die Schweinebande. Da jag ich mir lieber eine Kugel durch den Kopf.’
‘Hab nichts dagegen, aber im Ernst, was dann?’
‘Stell dich nicht dümmer als du bist, Dirk. Ich bleibe natürlich hier, im Reich. Am liebsten würde ich meine ganze Familie nach Bayern kommen lassen, ja verdammt, wenn ich es mir recht überlege, genau das werde ich tun. Die Deutschen haben mich anständig bezahlt, ich kauf mir einfach im Süden einen Bauernhof, fertig. Und du?’
‘Weiß ich noch nicht. Obwohl, Bayern wäre gar nicht so übel, wer weiß. Ein Jammer, dass ich nicht so schlau war wie mein Freund Jan.’
‘Welcher Jan?’
‘Ein Studienfreund aus Amstelveen, ebenfalls gebürtiger Friese.’
‘Und wieso war der schlauer als du?’
‘Was ich dir sage, Jan war am Anfang wie ich feuriger Anhänger unserer vaterländischen Nationalsozialistischen Bewegung NSB, zu Hause habe ich sogar noch ein Foto von ihm und mir, auf dem wir beide, Brust raus, affenstolz in SA-Uniform posieren.’
‘Oho!’
‘Ja, was dagegen? Wir glaubten eben vorbehaltlos an den Führer als Propheten eines neuen Zeitalters, waren dermaßen begeistert, dass wir zweimal zum Reichsparteitag in Nürnberg geradelt sind, kannst du dir das vorstellen? Auf dem Fahrrad. Unglaublich, Mann, dieses Gefühl grenzenloser Freiheit und Dynamik, winziger Teil eines kolossal großen Ganzen zu sein und doch mit zahllosen anderen zusammen eine bessere Zukunft für jedermann zu gestalten. Mann, Mann, Mann, etwas Vergleichbares habe ich seitdem nicht mehr gespürt.’
Dirk schnaufte verächtlich durch die Nase. ‘Puh, wie dem auch sei, jedenfalls spaziert Jan hier nicht neben uns.’
‘Nein, er war wie gesagt schlauer als wir. Mitte der dreißiger Jahre kündigte er mir nichts dir nichts seine Mitgliedschaft bei der NSB und ließ sich davon nicht mehr abbringen, obwohl ihm die Kameraden monatelang die Bude einrannten. Was ihn bewog, seine Beweggründe waren, es würde ihm noch leidtun und so weiter. Nun, da fuhr er, als es ihm zu dumm wurde, deutliches Geschütz auf, ist nicht auf seinen Mund gefallen. ´Alles gut und schön` bekamen sie ohne Umschweife an der Haustür zu hören, ´ich bin fertig mit euch, mir reicht es, denn ihr seid schlimmer als die Zeugen Jehovas. Und vor allem viel bescheuerter. Das hirnverbrannte Geschwätz über Juden und anderes Ungeziefer kommt mir schon lange zur Kehle raus, ihr und euer Hanswurst Mussert könnt mich mal kreuzweise, ich wünsche einen guten Tag, die Herren.`
‘Klare Worte, für die sie sich zweifellos erkenntlich zeigten.’
‘Ja, was denkst du? Er war schlagartig so beliebt wie ein Kieselstein im Schuh, mild formuliert. Ich war auch sauer auf ihn, aber was sollten sie machen? Allerdings brachen nach dem deutschen Einmarsch in Holland weniger erfreuliche Zeiten für ihn an, jetzt konnte ich lachen. Regelmäßig musste er bei Razzien untertauchen, sich auf Dachböden oder in Kellern verstecken, solche Sachen, wie mir zu Ohren kam.’
‘Und wie geht es ihm jetzt’
‘Keine Ahnung, ich nehme an den Umständen entsprechend gut. Unter uns gesagt hegte ich damals den Verdacht, dass er sich im Grunde von purem Opportunismus leiten ließ. Dass er einzig und allein wegen seines sagen wir mal erotischen Horizonts in Holland bleiben wollte. Er war nämlich längst verlobt mit einer Amsterdamerin, einem ganz wunderbaren Mädchen, wenn du mich fragst, aber gleichzeitig schlief er mit einer Freundin aus der Schweiz. Und die wollte er unbedingt heiraten, der Schwerenöter. Das schöne Kind saß inzwischen jedoch vorsorglich in England. Kurzum, nach Abschied von Holland und Kampf für Reich und Europa stand ihm darum weniger der Sinn, derlei profanen Ziele verschwanden quasi geräuschlos von seiner Wunschliste.’
‘Charakterloser Kerl! Zum Kotzen!’
‘Ach ja, mein Lieber, darüber kann man denken, wie man will. Tatsache bleibt, dass er zur Zeit vermutlich hundertmal besser dran ist als wir, oder bist du anderer Ansicht? Wer …’
Er hielt abrupt inne und rief aus: ‘Was ist denn das, was liegt dort? Großer Gott!’
Sie hatten die Straßenecke erreicht und waren fast schon an dem verwundeten SS-Mann vorbei, als sich dieser plötzlich aufrichtete und sie mit seinem unverbundenen Auge fixierte. Die beiden Elitesoldaten knieten augenblicklich zu ihm nieder und versuchten ihn zu stützen, wobei sie spontan wieder Deutsch sprachen.
‘Mein Gott, Kamerad, was ist los, können wir dir helfen?’
Das verstand sich von selbst, doch was soll man sonst in einer solchen Situation fragen? Der jetzt halbwegs sitzende Verwundete zeigte unbeholfen auf seinen Verband und danach auf sein Bein.
‘Kopfschuss,’ brachte er mühsam mit einem Klumpen geronnenen Blutes heraus, ‘Kugel steckt, geht leidlich, aber Bein ... muss ab.’
Die Holländer starrten ihn perplex an.
‘Der ist ein harter Brocken,’ sagte Jaap halblaut zu Dirk, sein Gesicht vorbehaltlose Bewunderung, ‘wie ich gerade ausführte, ein paar mehr Kerle diesen Kalibers und ...’
Dirk hörte nicht zu. Er war aufgesprungen und stocherte mit einer Stiefelspitze in dem umherliegenden Geröll herum.
‘Ah,’ rief er schließlich, ‘hier, das könnte gehen. Fass mal mit an.’
Er wies auf die Ecke einer Stubentür, die zum Vorschein gekommen war. Jaap sprang hinzu. Gemeinsam zogen sie die Holztür heraus und legten sie neben den Ritterkreuzträger.
‘Kamerad,’ sagte Dirk, ‘hier draußen in diesem Dreck kannst du nicht bleiben. Wir nehmen dich mit und suchen eine Unterkunft, okay? Dort sehen wir dann weiter, einverstanden?’
Der junge Soldat nickte schwach. Als sie die provisorische Trage unter ihn schoben, gab er keinen Laut von sich. Nur zuletzt, als Jaap sein lädiertes Bein, mit beiden Händen an der Hose behutsam hochnehmend, parallel neben das andere drapierte, schnappte er zwischen zusammengebissenen Zähnen nach Luft und fiel erneut in Ohnmacht. Seine Maschinenpistole ließ er trotzdem nicht los.
‘Tapferer Bursche,’ meinte Dirk, ‘schlage vor, wir begeben uns ins erste noch einigermaßen als solches erkennbare Gebäude, wo wir vielleicht Hilfe finden, denn wir können unmöglich stundenlang mit dem Mann herumzuckeln.’
Der andere SS-Mann stimmte zu.
‘Logisch! Außerdem muss das Bein so schnell wie möglich ab. Unser Freund kann dem Himmel danken, dass er noch nicht tot geblutet ist.’
Sie hingen ihre Waffen wieder straff über die Schulter und hoben die Tür auf. Dirk ging voran. Eine längere Suche blieb ihnen erspart, weil nach wenigen Metern die offene Einfahrt eines Altberliner Wohnblocks vor ihnen auftauchte, in die sie ohne zu zögern einbogen. Noch bevor sie das Ende des langen dunklen Ganges erreicht hatten, der die Hinterhäuser von der Straße trennte, blieb Dirk plötzlich stehen.
‘Hörst du das?’
‘Ja, ich will verdammt sein,’ antwortete Jaap, seine Stimme hohl. ‘Hört sich an wie ein greinendes Kind. Oder vielleicht eine Katze? Nee, eher schon ein Kind. Wo kann das herkommen?’
‘Vermutlich ein Stück weiter dahinten, kommt von rechts vor uns. Ich denke mal auf dem zweiten Hinterhof, falls es den hier gibt. Lass uns weitergehen. Wo das Kind heult, gibt es wahrscheinlich andere Menschen und finden wir Hilfe.’
Sie trugen den Verwundeten weiter, und in der Tat öffnete sich ein zweiter Hinterhof. Dort prallten sie erschrocken zurück.
Himmel Herrgott! Als langjährige Kämpfer in diesem schmutzigen Krieg waren sie einiges gewöhnt, aber das Schauspiel, das sich vor ihren Augen entrollte überfiel sie mit der Wucht des Unerwarteten. Geschockt setzten sie die Bahre mit ihrer bewusstlosen menschlichen Fracht an einer Seitenmauer ab und griffen nach ihren Karabinern.
Auf dem Hof lag in einer ausgedehnten Blutlache die Leiche einer alten Frau. Ein fünfjähriger oder vielleicht etwas älterer Junge schaute, neben einem zweiten bewegungslosen weiblichen Körper und einem Kinderwagen stehend und dabei bewacht von zwei bewaffneten Rotarmisten, mit abwesendem Gesicht einem wenig größeren Mädchen zu, wie es, an den Ärmchen auf einer Kinderschaukel festgebunden, von einem dritten Rotarmisten durch gelegentliche Stöße auf dieser in Schwung gehalten wurde. Unter dem Kind züngelten aus Ästen und Papierresten gelbe Flammen. Obwohl das niedrige Feuer ihm wenig anhaben konnte, solange es in Bewegung blieb, geriet das Mädel mit den blonden Zöpfen allen Anzeichen nach zunehmend in Panik.
‘Mama, Mama,’ weinte es hilflos mit hoher Stimme, ‘ich will runter, ich will runter.’ Seine Tränen hätten einen Stein zu rühren vermögen.
Der Russe mit dem runden Gesicht jedoch grinste und gab ihm roh einen weiteren Schubs.
‘Hitlerküken fein gut spielen bis wollen lecken Sahne sauber,’ grölte er.
Er fuhr verdutzt herum, als er plötzlich den Lauf eines Gewehres in seinem Rücken spürte. Die niederländischen SS-Männer hatten ihre Trage abgesetzt und waren unbemerkt mit entsicherter Waffe herangekommen. Der eine hielt den Russen in Schach, der andere trat das Feuer mit dem Stiefel weg und hielt die Schaukel an. Den von der Intervention überrumpelten beiden Rotarmisten beim Kinderwagen schenkten sie vorerst keine Beachtung.
