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Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Während einer Trainingseinheit im heimatlichen München verletzte sich der bekannte Tennisspieler Moritz Kühn schwer am Knie. Der Sportler wurde sofort in die Privatklinik Dr. Behnisch gebracht. Eine erste Operation brachte nicht den gewünschten Erfolg. Laut den Aussagen von Frau Dr. Jenny Behnisch steht zu befürchten, dass die Karriere des Profis mit diesem verhängnisvollen Unfall beendet ist«, las Dr. Daniel Norden laut den Bericht vor, der an diesem Samstag im Lokalteil der Tageszeitung geschrieben stand. Seine Familie, die ihn umringte, hatte atemlos gelauscht. Grund war allerdings nicht die folgenschwere Verletzung des Tennisspielers, sondern die Erwähnung der Privatklinik von Frau Dr. Behnisch. Immerhin war Jenny eine langjährige Freundin der Familie, die die Klinik nach dem viel zu frühen, tragischen Tod ihres Mannes mit Erfolg alleine weiterführte. Eine Erwähnung in der Presse war wie ein Empfehlungsschreiben und erfüllte die befreundete Familie mit Stolz. »Steht da wirklich Jenny in der Zeitung?« fragte der kleine Jan aufgeregt. »Ganz in echt?« »Na klar, Kleiner. Warum auch nicht?« lächelte sein großer Bruder Felix auf ihn hinab. »Ist sie so berühmt?«
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Seitenzahl: 123
Veröffentlichungsjahr: 2022
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»Während einer Trainingseinheit im heimatlichen München verletzte sich der bekannte Tennisspieler Moritz Kühn schwer am Knie. Der Sportler wurde sofort in die Privatklinik Dr. Behnisch gebracht. Eine erste Operation brachte nicht den gewünschten Erfolg. Laut den Aussagen von Frau Dr. Jenny Behnisch steht zu befürchten, dass die Karriere des Profis mit diesem verhängnisvollen Unfall beendet ist«, las Dr. Daniel Norden laut den Bericht vor, der an diesem Samstag im Lokalteil der Tageszeitung geschrieben stand. Seine Familie, die ihn umringte, hatte atemlos gelauscht. Grund war allerdings nicht die folgenschwere Verletzung des Tennisspielers, sondern die Erwähnung der Privatklinik von Frau Dr. Behnisch. Immerhin war Jenny eine langjährige Freundin der Familie, die die Klinik nach dem viel zu frühen, tragischen Tod ihres Mannes mit Erfolg alleine weiterführte. Eine Erwähnung in der Presse war wie ein Empfehlungsschreiben und erfüllte die befreundete Familie mit Stolz.
»Steht da wirklich Jenny in der Zeitung?« fragte der kleine Jan aufgeregt. »Ganz in echt?«
»Na klar, Kleiner. Warum auch nicht?« lächelte sein großer Bruder Felix auf ihn hinab.
»Ist sie so berühmt?«
»Quatsch. Aber irgendetwas müssen die Zeitungsfritzen doch schreiben. Wenn schon mal ein Tennisstar in einer Münchner Klinik liegt …«
In diesem Augenblick konnte sich Felicitas Norden nicht länger zurückhalten.
»Selbstverständlich ist Jenny bekannt für ihre hervorragende Arbeit«, tadelte sie ihren Zweitältesten streng. »Es hat seinen Grund, warum sich Berühmtheiten wie dieser Sportler ausgerechnet in ihrer Klinik behandeln lassen.«
»Und Jenny ist unsere Freundin, toll«, rief Dési, die Zwillingsschwester von Jan, begeistert. »Ich hab noch nie jemanden gekannt, der so berühmt war, dass er in der Zeitung gestanden hat.«
Felix zeigte ein schiefes Lächeln, sagte aber angesichts des strengen Blicks seiner Mutter nichts mehr.
Daniels Gedanken weilten inzwischen ganz woanders.
»Mir tut der junge Mann aufrichtig leid. Vermutlich hat er einen Großteil seines Lebens damit verbracht, für diese ehrgeizige Karriere zu arbeiten. Und nun ist dieser Traum mit einem Schlag vorbei.«
»Deshalb halte ich es für gefährlich, sich in jungen Jahren so sehr zu spezialisieren. Wenn er keine ordentliche Schulbildung hat, steht er nun vor dem Nichts«, setzte Fee die Worte ihres Mannes fort. »Ich bin wirklich froh, dass wir allesamt auf dem Teppich geblieben sind und ein ganz normales Leben führen. Nicht auszudenken, wenn eines unserer Kinder ein besonderes Talent geerbt hätte.«
»Ich habe gegen deine außergewöhnlichen Fähigkeiten nichts einzuwenden, mein Liebling«, erklärte Daniel daraufhin zärtlich und zog seine lachende Frau eng an sich.
»Du bist und bleibst ein alter Charmeur.«
»Ich bin und bleibe der Mann, der dich über alles bewundert und liebt.«
Angesichts des Ernstes, der in seiner Stimme lag, überkam Felicitas eine Woge der Zärtlichkeit.
»Geliebter Dan, was für ein Glück, dass wir uns getroffen haben. Ohne dich und die Kinder wäre mein Leben wertlos«, raunte sie ihm zu und küsste ihn innig. Die Kinder, die am Tisch saßen, kicherten verlegen.
»Seid ihr jetzt fertig? Können wir endlich frühstücken?« fragte Felix erheitert.
Daniel lachte ungezwungen.
»Ihr solltet froh sein, dass sich eure Eltern aufrichtig lieben, anstatt euch zu schämen.«
»Das sind wir ja auch. Aber diese Küsserei könnt ihr doch woanders machen«, erklärte Jan gewichtig. »Also, wenn ich mal heirate, dann nur eine Frau, die nicht küssen mag. Ich finde das eklig.«
»Ich werde dich in ein paar Jahren daran erinnern«, lachte Anneka, die älteste Tochter des Ehepaares Norden. Sie hatte ein sensibles Naturell und war stets über alle Maßen beruhigt, wenn Harmonie und Eintracht in der Familie herrschten. Der Gedanke daran, dass ihre Eltern sich eines Tages womöglich scheiden lassen könnten, war ihr schrecklich. Sie nahm gierig jeden Beweis in sich auf, dass alles zum Besten stand in der Ehe von Daniel und Felicitas Norden.
Regungslos lag Moritz Kühn in seinem Klinikbett und starrte Löcher in die weiß getünchte Decke. Nichts und niemand konnte ihn aufheitern oder ihm wenigstens ein Lächeln abringen, seit er die schlimme Diagnose hatte hören müssen.
»Es tut mir leid, so schonungslos mit Ihnen reden zu müssen. Aber ich halte nichts von Schönfärberei«, hatte Jenny Behnisch das Gespräch mit ihm eröffnet. Noch immer hallten die Worte in seinem Kopf. »Sie werden nie mehr Profisportler sein können. Diesen Belastungen wird Ihr verletztes Knie nicht mehr gewachsen sein.«
»Nie mehr Profi-Sportler«, murmelte er, ohne den Blick von der Decke zu nehmen. »Nie mehr Tennis.«
»Aber Moritz, jetzt wirf doch nicht gleich die Flinte ins Korn«, durchdrang die helle Stimme einer jungen Frau seine Gedanken. »Die Operation ist kaum zwei Tage her. Du wirst sehen, in ein paar Wochen bist du wieder ganz der alte und wirst größere Erfolge feiern denn je.« Langsam wandte Moritz den Kopf und starrte ungläubig auf seine Freundin Anja Stolze, die aufmunternd lächelnd an seinem Bett saß.
»Du weißt ja gar nicht, was du da sagst«, erklärte er mühsam. »Etliche Bänder und Sehnen sind gerissen, die Kniescheibe zertrümmert. Ich kann von Glück sagen, wenn ich jemals wieder beschwerdefrei gehen kann.«
»Diesen Unsinn hat dir diese Ärztin erzählt. Ich kann es einfach nicht glauben. Du hast dich doch früher nicht so leicht beeinflussen lassen.«
»Frau Dr. Behnisch hat die besten Spezialisten zurate gezogen. Sie hat alles Menschenmögliche unternommen, um mir zu helfen. Wir werden der Tatsache ins Auge sehen müssen, dass mein Leben in Zukunft ein ganz anderes sein wird«, erklärte Moritz mit Tränen in den Augen.
Er tat Anja aufrichtig leid, und mitfühlend legte sie die Hand auf seinen Arm.
»Mach dir keine Sorgen. Gemeinsam schaffen wir das. Zusammen sind wir stark.«
Diese Worte rührten Moritz noch mehr. Verlegen fuhr er sich mit dem Handrücken übers Gesicht.
»Du weißt gar nicht, was deine Unterstützung für mich bedeutet. Was sollte ich in diesen schweren Zeiten ohne dich tun?«
»Erstens musst du darüber nicht nachdenken, ich bin ja bei dir. Und zweitens hast du deine Eltern auch noch. Sie wollen heute Nachmittag zu Besuch kommen.«
»Ich liebe und schätze meine Eltern sehr. Trotzdem ist es nicht dasselbe. Ich brauche dich so sehr, Anja«, erklärte Moritz beinahe flehend.
Diese Stimme war es, die Anja Angst machte. So schwach und deprimiert kannte sie diesen Mann nicht, der seit drei Jahren ihr Freund war. Stets war er ein selbstbewusster Kämpfer gewesen, der sich von nichts und niemandem von seinem Weg abbringen ließ.
»Wohin ist dieser Mensch verschwunden?« fragte sie Dr. Michael Graef, dem sie auf dem Flur begegnete, als sie die Klinik verlassen wollte. »Ich kenne Moritz kaum wieder.«
»Sie müssen Geduld mit ihm haben, Frau Stolze. Zusätzlich zu den Operationen und Schmerzen hat Ihr Freund einen schlimmen Schicksalsschlag zu verkraften. Es kann Wochen und Monate dauern, bis er wieder ganz der alte ist.«
»Ich kann warten, wenn ich weiß, dass es sich lohnt. Wenn ich mir sicher sein kann, dass er wieder wird, wie er war«, klagte Anja unglücklich.
»Diese Garantie kann Ihnen keiner geben. Das Leben von Moritz Kühn wird in Zukunft ein anderes sein. Er wird darüber nachdenken müssen, wie er sein Leben gestalten, was für einen Sinn er ihm geben will. Davon hängt alles weitere ab. Ich muss Sie um Geduld bitten. Er braucht Sie jetzt mehr denn je. Geben Sie ihm eine Chance«, bat Dr. Graef die junge Frau eindringlich.
Anja nickte langsam.
»Sie dürfen mich nicht falsch verstehen. Auch mein Leben ist davon betroffen. Moritz und ich hatten Zukunftspläne. Wir lieben uns und wollten heiraten.«
»Nun ist die beste Gelegenheit, ihm Ihre Liebe zu beweisen. Sie müssen mich jetzt entschuldigen. Ich werde zu einer Besprechung erwartet.« Michael Graef machte eine knappe Verbeugung, ehe er weitereilte.
Anja blickte ihm nach. Sie fühlte sich unverstanden und allein gelassen. Schließlich blieb ihr aber nichts anderes übrig, als nach Hause zu gehen. Auch ihr Leben musste weitergehen. Mit hängenden Schultern machte sie sich schließlich auf den Weg nach draußen, wo sie der strahlende Sonnenschein mit beißendem Hohn strafte.
*
Im Gegensatz zu Anja Stolze unterstützte das herrliche Frühlingswetter die gute Stimmung der Unternehmergattin Gisela Merck aufs Trefflichste. Seit Langem hatte sie sich nicht mehr so gebraucht, so unverzichtbar gefühlt wie jetzt, da die Hochzeit ihrer einzigen Tochter Elisabeth kurz bevorstand. Nur noch ein Monat lag vor dem großen Ereignis, und schon jetzt fürchtete Gisela, die Vorbereitungen bis dahin nicht bewältigen zu können.
»Denkst du an die Anprobe des Brautkleides morgen Nachmittag?« rief sie ihrer Tochter zu, die nebenan in ihrem Arbeitszimmer saß und versuchte zu lernen.
Elisabeth, von ihrer Familie liebevoll Lis genannt, seufzte aus tiefstem Herzen.
»Ja, Mama. Ich habe den Termin notiert. Wenn ich gewusst hätte, wie viel Aufwand so eine Hochzeit ist, hätte ich dankend verzichtet. Ich hätte auch in wilder Ehe mit Benedict zusammenleben können.«
»Bist du vollkommen verrückt geworden? Das schickt sich nicht für eine junge Frau deines Standes. Schließlich ist dein Vater einer der wohlhabendsten Männer des Landes.«
»Als wenn es darauf ankäme«, erklärte Lis ungeduldig und warf einen hoffnungslosen Blick auf ihre Unterlagen. »Ich frage mich, wie ich den Soziologie-Stoff für das Examen lernen soll, wenn ich keine ruhige Minute mehr habe.«
»Dein Studium ist doch ohnehin nur ein Steckenpferd. Ich habe mich schon immer gefragt, was du damit anfangen willst«, rief Gisela lapidar durch den weitläufigen Raum, während sie die Gästeliste durchging. »Aber wenn du erst die Frau von Benedict Breuer bist, wirst du schon einsehen, dass viel wichtigere Pflichten auf dich warten. Ich bin mir mit Benedict einig, dass du dann zur Vernunft kommen wirst.«
»Was bist du?« Lis’ Stimme war schrill vor Empörung, als sie diese gedankenlose Bemerkung ihrer Mutter vernahm.
Aber Gisela dachte sich nichts dabei.
»Warum regst du dich so auf? Ist es denn verboten, sich mit dem zukünftigen Schwiegersohn über die eigene Tochter zu unterhalten?«
»Genau das ist es. Ich verbitte mir, dass ihr beiden euch in meine Zukunft einmischt.«
»Dein Ehemann ist deine Zukunft, mein Engel«, antwortete Gisela in aller Seelenruhe. »So war es bei mir, so wird es bei dir sein. Ob du das willst oder nicht. Anfangs ist es mir auch nicht leichtgefallen, das zu akzeptieren. Aber du bist eine intelligente Frau und wirst schnell einsehen, dass es so das Beste ist. Schließlich ist Benedict eine gute Partie. Zusammen mit dem, was du mitbringst, werdet ihr immer ein sorgloses Leben führen können. Das solltest du zu schätzen wissen.«
»Gar nichts werde ich einsehen. Mein Leben gehört immer noch mir, auch wenn ich es mit einem Mann teile. Wir leben nicht mehr im vorigen Jahrhundert, Mama.«
Gisela warf ihrer Tochter einen vielsagenden Blick zu, sagte aber nichts mehr. Mit einer lässigen Handbewegung arrangierte sie die Blumen in der Vase neu und verließ dann leise summend den Raum.
Lis sah ihr fassungslos nach. Sie kochte vor Wut.
»Ich weiß ganz genau, warum sie so auf diese Ehe drängen. Nur weil ich mich geweigert habe, Betriebswirtschaft zu studieren, muss ich jetzt büßen. Na wartet, euch werde ich einen Strich durch die Rechnung machen. Aber zuerst muss ich mit Benedict sprechen. Ich will wissen, was er mit dieser Sache zu tun hat.« Als sie diesen Beschluss gefasst hatte, fühlte sich Lis ein wenig besser. Sie beugte sich wieder über ihre Unterlagen, und es gelang ihr tatsächlich, einige wenige Stunden konzentriert zu arbeiten.
*
In der Szene-Bar »Milanis« ging es hoch her. Eine ganze Gruppe gut gekleideter Männer hatte sich an der Theke versammelt, um dem langen Arbeitstag ein würdiges Ende zu bereiten. Unter eifrigen Diskussionen und lautem Gelächter knallte ein Champagnerkorken nach dem anderen an die Decke, ehe weitere, stärkere Getränke an die Reihe kamen.
Fröhlich und gut gelaunt stieß Benedict Breuer mit den Kollegen aus der Kanzlei an. Michael Schuler, ein neuer Mitarbeiter, stand neben ihm und musterte ihn interessiert.
»Sag mal, du heiratest doch in ein paar Wochen. Solltest du nicht längst zu Hause sein?«
Benedict hob sein Glas und prostete dem Kollegen lachend und mit erhitzten Wangen zu. Seine Augen waren glasig vom vielen Alkohol.
»Warum das denn? Die Ehe ist doch kein Käfig. Glaubst du etwa, ich werde irgendetwas an meinem Leben ändern, nur weil ich verheiratet bin?«
»Hat deine Zukünftige nichts dagegen, wenn du jeden Abend ohne sie feiern gehst?«
»Nein. Sie ist eine kleine Streberin und froh, wenn sie Ruhe zum Lernen hat. Solche Gesellschaften wie diese hier schätzt sie nicht besonders. Zum Glück«, erklärte Benedict amüsiert und warf der hübschen Bedienung Katja einen begehrlichen Blick zu.
»Du benimmst dich nicht gerade wie frisch verliebt«, bemerkte Michael Schuler nachdenklich und nippte an seinem Glas. Im Gegensatz zu den Kollegen hielt er sich, was den Alkoholkonsum betraf, immer zurück. Auch das machte ihn in der Kanzlei zum Außenseiter. Michael kümmerte sich allerdings nicht sehr darum. Als ehrgeiziger und strebsamer Mensch konzentrierte er sich auf seine Arbeit. Er träumte davon, sich eines Tages selbstständig zu machen, doch noch fehlte ihm dazu das Geld. So war er gezwungen, so lange in der Anwaltskanzlei Herre & Partner zu arbeiten, bis er genügend verdient haben würde.
Während Schuler seinen Gedanken nachhing, musterte Benedict Breuer den Kollegen argwöhnisch.
»Ich möchte mal wissen, was dich mein Privatleben angeht.«
»Nun, immerhin arbeiten wir hier in einer Anwaltskanzlei mit Schwerpunkt Scheidungen. Ich habe keine Lust, eines Tages deinen Fall zu verhandeln«, lächelte Michael sarkastisch.
Diesen Kommentar fand Benedict gar nicht witzig.
»Du glaubst doch nicht etwa im Ernst, dass ich dir mein Vertrauen schenken würde? Lieber würde ich die Putzfrau engagieren«, erklärte er unter dem allgemeinem Gelächter der Kollegen, die sich auf die Schenkel klopften. Die Schadenfreude stand ihnen in die glänzenden Gesichter geschrieben.
Mit vor Zorn hochrotem Kopf wandte sich Michael Schuler ab. Diese bösartige Meute machte nicht zum ersten Mal ihre Scherze auf seine Kosten. So sehr er sich auch bemühte, Fuß in dieser Gesellschaft zu fassen, so wenig wollten sie ihn in dem elitären Kreis aufnehmen.
Schnell war der böse Scherz vergessen, und Benedict wandte sich einem anderen Gesprächspartner zu. Dabei wanderte sein Blick immer wieder zu Katja, der Bedienung. Als sie wieder einmal bei ihm vorbeikam, hielt er sie am Blusenärmel fest und zog sie an sich.
»Hübsch anzusehen bist du, meine Kleine. Hast du Lust auf ein Treffen zu zweit? Darf ich dich in meiner Wohnung auf einen Kaffee einladen?«
Angewidert machte sich Katja los und versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Es gehörte zu ihrer Arbeit, stets freundlich und höflich gegenüber den Gästen aufzutreten.
»Mein Freund holt mich nach Dienstschluss ab. Ich habe kein Interesse, mein Herr.«
»Ein Freund ist doch kein Grund. Sieh mich an, Täubchen. Vor dir steht ein Mann, der in einem Monat verheiratet sein wird. Aber deshalb wird mein Leben nicht aufhören. Ganz im Gegenteil«, erklärte Benedict mit vom Alkohol unsicherer Stimme. »Du solltest das genauso sehen. Wir leben nur einmal. Da sollten wir soviel Spaß wie möglich haben.«
»Vielen Dank, ich habe Spaß genug«, erklärte Katja resolut und machte sich gewaltsam los. Mit raschen Schritten entfernte sie sich von dem Stehtisch.
