Heretiker - G. K. Chesterton - E-Book

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G.K. Chesterton

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Beschreibung

"Heretiker" ist eine Sammlung von 20 Aufsätzen, in denen G.K. Chesterton bedeutende Persönlichkeiten der Kunst- und Gesellschaftsszene seiner Zeit satirisch beleuchtet. Er widerlegt ihre Theorien mit Witz und stützt sich dabei auf die Ansichten der Tradition und des gesunden Menschenverstands. Die Themen reichen von Kosmologie über Anthropologie bis zur Soteriologie. Der Autor argumentiert gegen den französischen Nihilismus, deutschen Humanismus, englischen Utilitarismus, den Sozialdarwinismus und weitere philosophische Strömungen seiner Zeit.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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G. K. Chesterton

Heretiker

Translator: Germaine Kolb-Stockley
e-artnow, 2023 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitende Bemerkungen über die Wichtigkeit der Orthodoxie
II. Über den Geist der Verneinung
III. Über Rudyard Kipling und: Wie die Welt klein ward
IV. Bernhard Shaw
V. H. G. Wells und die Riesen
VI. Weihnachten und die Ästheten
VII. Omar und die heilige Rebe
VIII. Die Zahmheit der gelben Presse
IX. Die Launen des Herrn George Moore
X. Sandalen und Einfachheit
XI. Die Wissenschaft und die Wilden
XII. Das Heidentum und Lowes Dickinson
XIII. Über Kelten und Keltophilen
XIV. Über gewisse moderne Schriftsteller und die Institution der Familie
XV. Über die Mode-Schriftsteller und die vornehme Welt
XVI. Mac Cabe und die göttliche Frivolität
XVII. Über den Witz Whistlers
XVIII. Das Trugbild der jungen Nation
XIX. Über die Arme-Leute-Literatur und die armen Leute selbst
XX. Schlussfolgerungen, die Wichtigkeit der Orthodoxie betreffend

I. Einleitende Bemerkungen über die Wichtigkeit der Orthodoxie

Inhaltsverzeichnis

Nichts bezeichnet auf so merkwürdige Weise den ungeheueren und doch versteckten Missstand der modernen Gesellschaft, als der gegenwärtig allzuhäufige Gebrauch des Wortes Orthodoxie. Ehedem war der Heretiker stolz darauf, kein Heretiker zu sein. Die Reiche dieser Welt, die Polizei, die Richter, das waren die Heretiker. Er war »orthodox«. Er war nicht stolz darauf, sich ihnen widersetzt zu haben; denn sie waren die Aufwiegler. Das Militär mit seiner grausamen Sicherheit, die Könige mit ihrem kalten Antlitz, die prunkhaften Staatsprozesse, die vernünftigen Gesetze, sie alle sind wie Schafe in die Irre gegangen. Der Bürger war stolz im Bewusstsein seiner Orthodoxie, stolz im Bewusstsein des Rechttuns. Allein – inmitten eines Urwaldes wuchs es über den Menschen hinaus – er wurde zur Kirche, zum Mittelpunkt des Weltalls und um ihn drehten sich die Sterne. Die erdenklichsten Höllen- und Folterqualen hätten ihn nicht dazu bewegen können, einzugestehen, dass er ein Heretiker sei. Aber ein paar moderne Phrasen haben es bewirkt, dass er sich mit dem Titel brüstet. Mit einem eingebildeten Lachen sagt er: »Ich bin wohl recht heretisch« und sieht sich dabei um Beifall um. Das Wort Heresie deckt nicht nur nicht mehr den Begriff »Irrtum«, sondern jenen von Verstand und Mut, das Wort Orthodoxie nicht nur jenen von Recht, sondern glattweg Unrecht. Dies alles beweist einzig und allein, dass die Menschen in philosophischer Beziehung gleichgültiger geworden sind. Es sollte einer sicherlich lieber für närrisch als heretisch gelten, der Bohémien aber mit seinem roten Halstuch, der Anarchist, der Bomben legt, für orthodox gelten wollen.

Es ist im grossen Ganzen ziemlich töricht, wenn ein Philosoph dem anderen das Dach anzündet, nur weil beide in ihrer Weltanschauung auseinandergehen. Dies war oft der Fall in der letzten Hälfte des Mittelalters und verfehlte gänzlich seinen Zweck. Unendlich törichter, als seinen Nächsten der Philosophie halber verbrennen, ist es aber, den Satz aufzustellen, dass es nichts mache, zu welcher Philosophie man sich bekenne: und dies ist allgemein der Fall im 20. Jahrhundert, am Ende der grossen Umsturzperiode. Verallgemeinerte Theorien werden ja überall verworfen: die Lehre des Menschenrechtes so gut wie die des Sündenfalles. Der Atheismus ist uns heutzutage schon zu theologisch, und selbst in der Revolution liegt zu viel System, selbst in der Freiheit zu viel von Zwang. Wir wollen kein Generalisieren. Diese Anschauung vertritt Bernhard Shaw so richtig, wenn er sagt: »Die goldene Regel bestünde darin, dass es keine goldene Regel gäbe.« Mehr und mehr werden Nebensächlichkeiten in Kunst, Politik und Literatur besprochen und erörtert. Was einer über Trambahnen, über Boticelli denkt, interessiert, – nicht aber, was er überhaupt denkt. Er soll die Reise um die Welt machen und tausend Dinge erforschen, nur jenes eine merkwürdige Ding – das Weltall – nicht; tut er das, so hat er einen Glauben und ist verloren. Alles ist wichtig, nur das »All« nicht. Wie frivol die Philosophie betrieben wird, bedarf kaum des Beispieles, wie gleichgültig es uns berührt, ob einer Pessimist, Optimist, Hegelianer, Cartesianer, Materialist oder Idealist ist. Hier nur ein Beispiel auf das Geratewohl: Wie oft fällt in einer harmlosen Teegesellschaft ein Ausspruch wie: »dass das Leben nicht lebenswert sei –«: es regt die Menschen so wenig auf, als wenn man vom Wetter spricht. Wäre er ernst zu nehmen, so stünde die Welt auf dem Kopf: Mörder bekämen Prämien, Feuerwehrleute würden zu Hochverrätern, Gifte zu Arzneien, Ärzte rief man zu Gesunden, und die Rettungsgesellschaften müsste man ausrotten wie eine Horde Missetäter. Dennoch achtet man des Einflusses nicht, den unser Pessimist auf die Gesellschaft übt, ob er zu ihrer Befestigung oder Zerstörung beiträgt: wir sind ja überzeugt, dass Theorien nicht von Bedeutung sind.

Unsere Freiheitsapostel hatten es sicher nicht so gemeint. Als sie die Heresie entknebelten, glaubten sie der religiösen und philosophischen Wahrheit den Weg gebahnt zu haben. Sie fanden, dass die absolute Wahrheit etwas so Wichtiges sei, dass jedermann ihr unumwundenen Tribut zollen müsste. Der Moderne vertritt die Ansicht, dass die absolute Wahrheit etwas so Unwichtiges sei, dass es ganz gleichgültig wäre, was einer darüber denke. Jene lösten Fragen, wie Jäger edle Jagdhunde entketteten, diese wie Fischer, die einen unessbaren Fisch in das Meer zurückwerfen. Nie wurde die menschliche Natur so wenig erörtert als jetzt, da es jedermann erlaubt wird, sie zu erörtern. Nur die Orthodoxie erkannte sich ehedem das Recht zu, über Religion zu sprechen; die moderne Freiheit findet: Niemand soll sie erörtern. Nichts könnte uns zum Schweigen bringen. Der gute Ton nur (der letzte und gemeinste aller Aberglauben) lehrte uns, über Religion uns schweigend zu verhalten; vor sechzig Jahren war es geschmacklos, sich »Atheist« zu nennen. Dann kamen die »Bradlaughisten«, die letzten religiösen Menschen, denen es um Gotteskenntnis zu tun war, aber sie konnten nichts ausrichten. Noch gehört es zum schlechten Ton, sich des Atheismus zu rühmen, aber bevor dieser zum Aussterben kam, erreichte er gerade noch, dass es als geschmacklos galt, sich »christlich« zu bekennen. Die Emanzipierung hat nur den Heiligen und den Ketzer in denselben Schweigeturm geworfen. Dann wird vom Skandal und vom Wetter gesprochen und man nennt das: vollkommene Glaubensfreiheit.

Aber es gibt noch Menschen (zu denen ich mich rechne), die finden, dass das Interessanteste und Wichtigste am Menschen gerade seine Weltanschauung ist.

Ich z. B. finde, dass es für eine Wirtin wichtig ist, zu wissen, was ihr Mieter für ein Einkommen besitzt, wichtiger aber, wessen Geistes Kind er ist, – wichtig für einen General, die Zahl seiner Feinde, wichtiger aber, seine moralische Beschaffenheit zu kennen. Es fragt sich hier nicht, ob die Welttheorien die Dinge beeinflussen, sondern ob sie mit der Zeit überhaupt etwas Einfluss auf sie gewinnen. Im 15. Jahrhundert verhörte und folterte man einen, der Unmoral predigte; im 19. Jahrhundert fêtierte man einen Oscar Wilde und schmeichelte ihm seiner unmoralischen Schriften halber, warf ihn aber dann in das Zuchthaus, als er sie in Taten umsetzte. Es fragt sich, was grausamer, wohl aber nicht, was lächerlicher ist. Das Zeitalter der Inquisition hat wenigstens nicht die Schmach auf sich gehäuft, eine Gesellschaft hervorgebracht zu haben, die ihren Abgott zum Sträfling macht, wenn er seine Lehren durchführt. Heutzutage aber wurden Philosophie und Religion, d. h. die Theorien über die letzten Dinge, mehr oder weniger fast gleichzeitig aus den beiden Feldern geschlagen, die sie innehatten. Allgemeine Ideale beherrschten die Literatur: Der Notschrei: »Kunst um der Kunst willen« vertrieb sie. Ideale herrschten in der Politik: Der Ruf »Erfolg« oder besser gesagt »Politik um der Politik« willen vertrieb sie. In den letzten zwanzig Jahren schwanden beharrlich die idealen Begriffe über Ordnung oder Freiheit aus unseren Büchern, wie aus unserem Parlament das Bestreben nach Geist und Beredsamkeit schwand. Die Literatur wurde absichtlich unpolitischer – die Politik absichtlich weniger literarisch. So schwand die Lehre von den Beziehungen der Dinge zueinander aus beiden. Und wir fragen uns, was wir bei dieser Vertreibung gewonnen oder verloren haben, ob die Literatur, die Politik besser wurden, weil sie die Philosophen und Moralprediger verbannt haben.

Wenn alles in einem Volk schwach und lahm wird, fängt es an, von seiner Kraft zu sprechen, gleichwie ein Mensch erst dann von seiner Gesundheit spricht, wenn er sie längst verloren hat. Kräftige Naturen reden nicht von ihrem Organismus, sondern von ihren Zielen. Nichts lässt besser auf die physische Kraft eines Menschen schliessen, als wenn er lustig von seiner Reise bis zum Ende der Welt spricht, nichts besser auf die praktischen Fähigkeiten einer Nation, als wenn sie konstant von ihrer Reise bis zum Ende der Welt – zum Jüngsten Gericht oder Neu-Jerusalem redet.

Der beste Beweis einer physischen Kraft ist der Hang nach hohen kühnen Idealen. Nur im Übermut der Kindheit verlangen wir nach dem Mond. Keiner unserer Grossen aus der starken grossen Zeit hätte verstanden, was wir mit dem Wort »Zweckmässigkeit« meinen. Papst Hildebrand hätte uns zur Antwort gegeben, dass er nicht für die Zweckmässigkeit, wohl aber für die katholische Kirche arbeite. Danton, dass er nicht für Zweckmäßigkeit, sondern für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit an das Werk ginge. Und wenn das Ideal einer jener Typen nur darin bestanden hätte, den anderen über die Stiege zu werfen, so fühlten sie dabei wie Männer und nicht wie Gichtbrüchige. Sie sagten z. B. nicht: »Seht, während ich mein rechtes Bein mit soviel Geschick hebe, während meine Hüften und Wadenmuskeln so trefflich funktionieren, werfe ich …« sondern erfüllt von dem berauschenden Bild den Gegner unten im Stiegenhause flach landen zu sehen, ward der Fusstritt nur ein Werk des Augenblicks. In der Tat schwächte die Gewohnheit des Idealisierens und Generalisierens keineswegs die Kraft. Die Zeit der grossen Ideen war auch die der grossen Erfolge. Im Zeitalter der »Gefühle« und schönen Worte (zu Ende des 18. Jahrhunderts) gab es wirklich tätige und rüstige Männer. Die Sentimentalisten waren stärker wie ein »Napoleon«, die Zyniker konnten einen »De Wet« nicht bezwingen.

Vor hundert Jahren wurden unsere sämtlichen guten und schlechten Geschäfte von triumphierenden Rednern geführt, heutzutage sind sie in den Händen von starken Schweigern, die endlose Prozesse daraus drehen. Aber gerade die Verpönung schöner Worte und Bilder hat einen Schlag kleiner Männer hervorgebracht. Unsere modernen Politiker verlangen die ungeheuere Freiheit eines Cäsars, eines Übermenschen; sie finden sich zu praktisch, um lauter, zu vaterlandsliebend, um sittlich zu sein, aber das End' vom Lied ist, dass eine grosse Mittelmässigkeit die Herrschaft führt. Unsere neuen Philosophen verlangen dieselben Privilegien: die Erlaubnis, Himmel und Erde zu stürmen, aber wieder nur ist es die »Mittelmässigkeit«, die am Steuer sitzt. Ich will nicht sagen, dass es nicht auch bessere gibt, aber kann jemand behaupten, dass es grössere Männer gab, als zu jener alten Zeit, da Religion und Philosophie sie beeinflusste und beherrschte? Ob Knechtschaft besser ist als Freiheit, mag dahingestellt sein; aber dass Knechtschaft bessere Früchte zeitigte, als unsere heutige Freiheit, das kann wohl niemand leugnen.

Dass die Moral mit der Kunst nichts zu schaffen hat, ist ein Glaubenssatz, der bei den Künstlern feststeht. Alles ist ihnen erlaubt: ein »verlorenes Paradies« zu schreiben, in welchem der Teufel Gott bezwingt oder eine »göttliche Komödie«, in welcher der Himmel unter dem Höllentrichter zu liegen kommt. Allein die Summe ihres Schaffens? Haben sie in ihrer »Losgelöstheit« etwas Schöneres, Grösseres ersonnen als jener wilde Ghibelline und Katholik oder jener strenge Schulmeister und Puritaner? Wir kennen von ihnen ein paar Verse. Aber Milton übertrifft sie nicht nur in seiner Frömmigkeit, sondern auch in ihrer eigenen Gottlosigkeit. In allen ihren Verslein finden wir keine so kühne Herausforderung Gottes, als die seines Satans. Keine grössere Auffassung des Heidentums, als in den Worten, die jener glühende Bekenner Farinata in den Mund legt, als er der Hölle spottet. Und der Grund liegt auf der Hand. Die Gotteslästerung ist ein künstlerischer Vorgang, denn es liegt ihr eine philosophische Überzeugung zugrunde. Die Gotteslästerung hängt mit dem Glauben zusammen und verschwindet mit ihm. Sollte irgend jemand daran zweifeln, so setze er sich einmal hin und trachte ernstlich über den Gott Thor oder Wotan zu lästern. Seine Angehörigen würden ihn am Abend ziemlich erschöpft antreffen.

Weder in der Politik noch in der Literatur war es ein glücklicher Gedanke, allgemeine Theorien zu verwerfen. Es mag wohl sein, dass manch verrückter und verdrehter Kopf Ideale aufstellte, welche die Menschheit bestürzten; keiner jedoch kam dem in Torheit und Verdrehtheit gleich, der den praktischen Verstand über alles stellte. Nichts erwies sich als unpraktischer als die Ideen eines Lord Roseberry, nichts war weniger opportun als sein Opportunismus. Er ist das Symbol seiner Zeit, er, der theoretisch ein Praktiker, in Wirklichkeit aber unpraktischer war als irgendein Theoretiker. Es gibt hienieden keine grösseren Toren als die Vernunftsmenschen. Ein Mann, der stets beflissen ist, herauszufinden, ob diese oder jene Rasse die stärkere ist, ob diese oder jene Sache die versprechendere ist, der wird nie lang genug an seine eigene Sache glauben, um sie mit Erfolg durchzuführen. Der Politiker, der Opportunismus treibt, gleicht einem Mann, der das Billardspiel aufgibt, weil er darin verlor, und das Golfspiel aufgibt, weil er darin geschlagen wurde. Nichts ist dem endgültigen Sieg so zuwider als die ungeheure Wichtigkeit, die dem unmittelbaren Erfolg zugeschrieben wird und nichts ist kurzatmiger als Erfolg.

Nachdem ich entdeckt hatte, dass es mit dem Opportunismus nichts sei und er versagte, war ich versucht, die Sachen genauer zu betrachten, und ich fand heraus, dass er versagen musste. Ich fand heraus, dass es viel praktischer sei, beim und vom Anfang an zu beginnen und sich mit Theorien zu befassen; dass die Arianer, die sich um der »Homoiusia« halber niedermachten, viel vernünftiger waren, als unsere Herren, die sich um die Schulfrage streiten. Denn die christlichen Dogmatiker versuchten, ein heiliges Volk zu gründen, vor allem aber festzustellen, was wirklich heilig sei. Unsere modernen Erzieher trachten die Religionsfreiheit einzuführen, ohne den Versuch zu machen, festzustellen, was Religion und was Freiheit sei. Wenn unsere alten Kirchenlehrer ein Dogma aufstellten, so gaben sie sich wenigstens vorher die Mühe, dasselbe plausibel zu machen. Dem modernen »Mob« der Anglikaner und Nonkonformisten war es vorbehalten, die Menschen mit einer Lehre zu belästigen, die sie nicht einmal erklärt hatten.

Für diese und andere Gründe fühle ichwenigstens mich veranlasst, zu den Fundament- und Grundlehren zurückzukehren. Das ist der Zweck dieses Buches. Ich möchte meinen verehrten Zeitgenossen nicht nur persönlich oder nur auf literarischem Weg begegnen, sondern auf Grund der Gesamtideen und Lehren, die sie vertreten.

Rudyard Kipling, der ein lebhafter Schilderer und eine starke Persönlichkeit ist, interessiert mich nur in seiner Eigenschaft als »Heretiker«, d. h. als ein Mann, der es wagt, in sämtlichen Fragen anderer Meinung als ich zu sein. Bernhard Shaw, einer der geistvollsten und ehrlichsten Männer der Gegenwart, interessiert mich nur als Heretiker, d. h. als ein Mann, dessen Philosophie ganz gediegen, ganz konsequent, jedoch ganz falsch ist. Ich wende mich, von der Hoffnung beseelt, etwas zu erreichen, zu der Lehrmethode des 13. Jahrhunderts zurück.

Gesetzt, es entsteht ein Aufruhr auf der Strasse wegen irgendeiner Sache, sagen wir wegen eines Laternenpfahles, den verschiedene einflussreiche Persönlichkeiten niederreissen möchten. Ein Kapuziner, der das Mittelalter vorstellt und den man um Rat frägt, hebt also in seinem trockenen Schulmeisterton an: »Vor allem, geliebte Brüder, lasst uns eine Betrachtung über den Wert des Lichtes anstellen: … ist das Licht an und für sich etwas Gutes, so …« Bei diesen Worten wird er ziemlich begreiflicherweise zu Boden geworfen. Alle stürzen auf den Laternenpfahl, reissen ihn in zehn Minuten nieder und gratulieren sich untereinander, dass sie nicht »mittelalterlich«, sondern praktisch gehandelt haben. Aber die Sache stellte sich als nicht so einfach heraus. Einige haben die Laterne ausgerissen, weil sie elektrisches Licht haben wollten, andere, weil sie das alte Eisen nötig gehabt hätten; andere wieder, weil sie die Dunkelheit vorzogen, um ihre Missetaten zu verbergen. Einige fanden sie nicht gut genug, andere zu gut; die einen wollten ein Stadtgut, die andern überhaupt etwas zerstören. Und es entsteht Streit in der Finsternis und alles schlägt blind aufeinander los. Deshalb kam man selbstverständlich bald auf die Ansicht zurück, dass eigentlich der Kapuziner recht hatte und dass es vor allem auf die Philosophie: den Wert des Lichtes ankommt. Der Unterschied ist nur der, dass die Verhandlungen, die vorerst unter der Gasflamme hätten abgehalten werden können, jetzt im Finstern abgehalten werden müssen.

II. Über den Geist der Verneinung

Inhaltsverzeichnis

Es ist viel und mit Recht über die Überspanntheit der Klöster geschrieben worden, über die häufigen hysterischen Erscheinungen der Visionäre, Mönche und Nonnen. Aber eines ist nicht zu vergessen: dass diese schwärmerische Religion in einer Art natürlich viel gesünder war, als unsere moderne Vernunftreligion. Sie ist deshalb gesünder, weil sie in dem verzweifelten Kampf um die ethischen Güter (Stevenson nennt ihn mit seinem treffenden Witz den »hoffnungslosen Tugendkampf«) die Hoffnung auf einen endgültigen Sieg nährt. Die moderne Moral hingegen zeigt nur starr auf die Schrecken hin, welche die Übertretung der Gesetze nach sich zieht.

Sie garantiert nur eines: Strafe. Keinen Ausblick auf Vervollkommnung – nur auf Mängel. Aber der Mönch, der sich in Betrachtungen über Christus oder Buddha verliert, dem schwebt ein vollständig klares gesundes und reines Bild vor Augen; er mag sich zu lange darin versenken, notwendige Dinge versäumen, so weit gehen, dass er ein Träumer und Faseler wird, allein das, worin er sich verliert, ist etwas Ganzes und Glückbringendes. Ja, er mag wahnsinnig werden, allein wahnsinnig aus Liebe zum gesunden Verstand. Der junge Ethiker aber, auch wenn er gesunden Verstandes bleibt, bleibt es nur aus der ungesunden Furcht heraus, wahnsinnig zu werden.

Der Anachoret, der in seinem blinden Gehorsam Steine wälzt, ist von Grund aus gesünder als manch nüchterner Kamerad, der in seinem Zylinder Cheapside entlangwandelt. Denn viele seinesgleichen sind nur aus der verzehrenden Erkenntnis des Bösen heraus gut. Ich mache jetzt den Hauptvorteil des Frommen geltend: gesetzt seine Frömmigkeit schwächt und beelendet ihn, so ist sein ganzes Streben doch auf eine gigantische Kraft und Seligkeit gerichtet, auf eine nie erlöschende Kraft, eine nimmer endende Seligkeit. Zweifelsohne sind die Erscheinungen und Visionen im geistlichen Leben (sei es nun in der Klosterzelle oder auf der Strasse) aus anderen Gründen nicht unanfechtbar. Aber immerhin wird die mystische Moral stets eines voraushaben: sie ist auf jeden Fall fröhlicher. Es mag sein, dass ein junger Mann vom Laster sich bewahrt, indem er stets an dessen Folgen denkt; es mag aber auch sein, dass er sich davon enthält, weil er beständig an die heilige Jungfrau denkt: Es frägt sich, was vernünftiger oder gar wirksamer ist – was aber gesünder ist, unterliegt keinem Zweifel. Ich erinnere mich hier einer Stelle in einer Schrift des so trefflichen und aufrichtigen Freidenkers G. W. Foote, in welcher er scharf die beiden Methoden versinnbildlicht und voneinander scheidet. Der Titel hiess: Bier und Bibel – zwei edle Dinge, um so edler, als Foote sie in seiner altpuritanischen Art verbindet, die er sardonisch – ich aber (ich gestehe es) unendlich zutreffend und reizend fand. Die Schrift liegt mir nicht zur Hand, aber ich erinnere mich, dass Foote den Versuch, das Problem der Trunksucht durch Gebetseinwirkung und geistlichen Zuspruch zu lösen, höhnisch verwarf und behauptete, dass die Abbildung einer Säuferleber ein überzeugenderes Argument für die Mässigkeit sei, als Gebet und gute Worte. In dieser plastischen Schilderung liegt für mich so ganz die unheilbar ungesunde Beschaffenheit der modernen Ethik. Auch in ihren Tempeln brennen die Kerzen tief, die Menge kniet, die Hymnen steigen empor, aber was die Menschheit dort verehrt, ist nicht mehr das vollkommene Fleisch, Fleisch und Blut des vollkommenen Menschen: noch ist es Fleisch, aber ein zersetztes. Es ist eines Säufers verdorbene Leber, die in diesem neuen Testament für uns geopfert wird.

Nun ist es gerade diese grosse Lücke in der modernen Ethik, die gesunde Menschen in der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts so stark empfinden: das Vermissen jeglicher Bilder hoher Sitten und geistiger Triumphe. Wenn irgendein Durchschnittsmensch kommt und sagt, dass er die Themata in Ibsen und Maupassants Stücken und Novellen verabscheut, oder die Art, in welcher sie erörtert werden, so lügt dieser Durchschnittsmensch. Die übliche Konversation der meisten Menschen in der modernen zivilisierten Welt, gleichviel welchen Ranges und Standes, ist dergestalt, dass ein Zola sich nicht träumen liesse, sie drucken zu lassen. Auch ist es nichts Neues, sich so über die Fragen auszulassen, im Gegenteil, die englische Prüderie des 19. Jahrhunderts, das englische »Schweigen«, sind noch neu, obwohl sie im Absterben begriffen sind.

Das Kind bei seinem Namen nennen ist eine alte Überlieferung unserer Literatur, die sich bis vor kurzem treu blieb. Aber so viel ist sicher, dass, wie sehr der einfache Mensch uns im unklaren liess über seine persönlichen Gefühle, er weder angeekelt noch abgestossen ward durch das Vorgehen der Modernen. Was ihn mit Recht anwiderte, war nicht das Erscheinen des klaren Realismus, sondern die Abwesenheit jedes klaren Idealismus. Das starke und echte religiöse Gefühl hatte nie etwas gegen den Realismus. Im Gegenteil, die Religion war ja das Reale, das Brutale, das die Dinge bei ihrem Namen nannte. Das ist der Unterschied zwischen den Nonkonformisten und den alten grossen Puritanern des 17. Jahrhunderts. Der ganze Schwerpunkt des Puritanismus lag darin, auf Anständigkeit nicht viel zu geben. Die neuen nonkonformistischen Blätter zeichnen sich gerade darin aus, jene Haupt- und Eigenschaftswörter zu vermeiden, welche die Gründer des Nonkonformismus den Königen und Königinnen mit Vorliebe an den Kopf warfen. Denn wenn die Religion sich das Hauptvorrecht erkannte, deutlich von Sünde zu reden, so beanspruchte sie für sich vor allem, klar von Tugend und Recht zu sprechen. Was in der ganzen modernen Literatur, deren Typus Ibsen bleibt, so peinlich und wie mir scheint mit Recht peinlich berührt, ist das Faktum, dass, während das Auge, welches das Schlechte wahrnimmt, an unheimlicher Schärfe und Klarsicht zunimmt, das andere, welches das Gute erkennt, bereits zu zweifeln beginnt, trüber und trüber wird, bis es fast erblindet. In der Moral der Ibsenschen Gespenster wird uns klar, was die moderne Ethik schuf. Keiner, vermute ich, wird den Autor des »Inferno« englischer Prüderie zeihen; aber Dante stellt uns vor drei geistige Werkzeuge: Himmel, Fegfeuer und Hölle, und lässt die Bilder der Vollkommenheit, der Läuterung und des Misslingens vor unsere Augen steigen – Ibsen nur eins: die Hölle. Es ist oft und sehr mit Recht behauptet worden, dass niemand ein Stück wie Ibsens Gespenster lesen und sich zugleich zu den Fragen der Selbstbeherrschung gleichgültig stellen könnte. Das ist sehr wahr. Dasselbe kann man von den grässlichen Schilderungen und Schrecken des ewigen Feuers sagen. Realisten wie Zola haben sicherlich in ihrer Art die Moral gefördert, wie der Henker und der Teufel sie fördern. Allein dies bezieht sich doch nur auf eine kleine Minorität Menschen, die für jede Tugend aufkommen wollen, so lange man nicht Mut von ihnen verlangt. Die Mehrzahl der gesund denkenden Menschen entfernen diese moralischen Gefahren, wie sie die Möglichkeit von Bomben und Mikroben von sich fernhalten. Die modernen Realisten sind in der Tat Terroristen, wie die Dynamitarden, und wie diese scheitern sie in ihren krampfhaften Bestrebungen, Sensation machen zu wollen. Beide, der Realist wie der Dynamitard sind ehrlich überzeugt, dass die Wissenschaft die Moral fördern wird und wollen die Aussichtslosigkeit ihres Feldzugs, die doch auf der Hand liegt, nicht einsehen.

Ich möchte nicht, dass der Leser mich einen Augenblick mit jenen unklaren Menschen verwechselt, die Ibsen für einen Pessimisten (und was sie eben darunter verstehen) halten. Es kommen viel gesunde, gute, glückliche Menschen in seinen Stücken vor, Menschen, die klug und weise handeln, Schicksale, die gut enden: das ist's nicht, was ich meine, sondern dass Ibsen in all seinen Werken der Tugend gegenüber (und er macht keinen Hehl daraus) eine unsicher zweifelnde Haltung einnimmt, die mit der Sicherheit, mit welcher er auf ein Übel, eine Torheit, eine Konvention oder Unwissenheit herfällt, stark kontrastiert. Wir wissen, dass der Held in den »Gespenstern« verrückt ist und warum er es ist. Wir wissen, dass der Dr. Stockmann (geistig) gesund ist, aber wir erfahren nicht, warum er es ist. Ibsen scheint in dem Aufbau von Tugend und Glück sich nicht so auszukennen als in dem Entstehen und Gründen der Sexualtragödien und er macht kein Hehl daraus. In den »Stützen der Gesellschaft« beschwören Falschheit und Lüge den Untergang herauf, in der Wildente besorgt es die Wahrheit. In Ibsen gibt es keine Kardinaltugenden, kein Ideal. Dies gibt Bernhard Shaw nicht nur zu, sondern er hebt es lobend hervor in seiner »Quintessence of Ibsenism«, die beste und gründlichste Kritik sowie Lobrede des Dichters. Bernhard Shaw fasst dessen Lehre in die Worte: »Die goldene Regel besteht darin, dass es keine goldene Regel gibt.« In seinen Augen ist das Ausschalten jedes andauernd positiven Ideals, das Ausschalten des festen Tugendprinzips, Ibsens grösstes Verdienst. Ich will mich jetzt nicht länger damit befassen, wie weit er recht hat. Ich möchte nur mit Nachdruck betonen, dass mit diesem Ausschalten von Tugend und Ideal wir vor einem neuen Problem stehen: vor der Menschenseele, die vom Schlechten ganz bestimmte, vom Guten nur ganz vage Begriffe erhält. Licht wird von nun an Finsternis: ein Etwas, von dem wir nicht reden können. Für uns wie für den Teufel in Miltons Pandämonium wird Finsternis das »Sichtbare«. Die Schrift erzählt uns von dem Sündenfall, durch den die Menschen wissend wurden und die Erkenntnis von Gut und Böse erlangten. Nun sind sie zum zweiten Mal gefallen, aber es blieb ihnen nur die Erkenntnis des Bösen.

Eine ungeheure dumpfe Enttäuschung bemächtigte sich unserer heutigen nordischen Zivilisation, die lautlos in sich zusammenfiel. Die Menschen der vergangenen Jahrhunderte mühten sich um die Wahrheit, und liessen sich ihretwillen kreuzigen; sie mühten sich, klar zu werden, was »gut« sei und was man darunter zu verstehen habe. Ein bestimmter Teil unserer modernen Welt ist ohne Zweifel zu der Überzeugung gelangt, dass solche Fragen überhaupt nicht zu lösen wären; dass man höchstens ein paar Tafeln an den gefährlichsten Stellen anbringen sollte, um die Menschen zu warnen, sagen wir z. B. gegen die Trunksucht, oder gegen die Gefahren, welche die Missachtung der Existenz der Mitmenschen nach sich zieht. Ibsen war der erste, der von der vereitelten Jagd heimkam, um uns von ihrem Misslingen zu berichten.

Eine jede einzelne der so beliebten modernen Phrasen über Ideale u. s. w. ist nur ein Kniff, um dem Problem des »Guten« aus dem Wege zu gehen. Wir reden gerne von Freiheit, von Fortschritt, von Erziehung: das sind ebensoviel Vorwände und Kniffe, der wichtigsten Frage: was denn wahrhaft gut sei, auszuweichen. Der moderne Mensch sagt: »weg mit diesen eigenmächtigen Gesetzen, wir wollen Freiheit!«

Logisch gesprochen heisst das ungefähr: »Wir können nicht unterscheiden, was gut ist, aber wir haben entschieden, ›nichts‹ zu entscheiden.« Er sagt: »weg mit euerer alten Moral und ihren Formeln, wir wollen den Fortschritt«. Logisch betrachtet heisst es soviel als: Wir können nicht feststellen, was »gut« ist, aber wollen feststellen, ob dort mehr heraussieht. Er sagt ferner: »Weder in der Religion noch in der Moral, guter Freund, liegt die Zukunft der Rassen, sondern in der Erziehung, der Bildung.« Besser gesagt heisst das: Das Gute, darüber sind wir uns nicht klar, aber wir wollen »es« unseren Kindern geben. H. G. Wells, dieser ungemein helle Kopf, hat uns in einem seiner letzten Werke klargelegt, dass man mit wirtschaftlichen Fragen also umgeht: die alten Nationalökonomen, so schreibt er, haben generalisiert, und hatten (wie er meint) stets unrecht. Aber die heutigen Nationalökonomen (so fährt er fort) scheinen jede Fähigkeit des Generalisierens verloren zu haben und beanspruchen statt dessen, um ihre Ohnmacht zu bemänteln, in spezifischen Fällen als »Sachverständige« aufzutreten, ein Titel, der für einen Friseur oder Modearzt angehen mag, für einen Philosophen oder Gelehrten aber eine Schande ist. Trotz der urwüchsig frischen Art, mit welcher Wells uns dies beweist, muss gesagt werden, dass auch er in den gleichen grossen modernen Irrtum fiel. Zu Anfang seines ausgezeichneten Buches: »Mankind in the Making« verwirft er alle Ideale des Menschen in Kunst, Religion, absoluter Moral u. s. w., um den Menschen in seiner Hauptfunktion als Erzeuger zu betrachten, das Leben aber als ein ununterbrochenes Gewebe von Geburten. Er frägt nicht, was uns die besten Heiligen und Helden, sondern was uns die besten Väter und Mütter gibt. Das Ganze ist scheinbar so vernünftig zu Papier gebracht, dass ein paar Minuten vergehen, bevor der Leser merkt, dass er vor einem neuen Exempel »unbewussten Ausweichens« steht. Wozu einen Menschen erzeugen, wenn man sich nicht vorher klar ist, wozu das Leben »frommt«? Das hiesse ihm ein Problem einhändigen, das man selbst zu lösen nicht imstande war. Es ist gerade so, als fragte man einen Mann: »Wozu nützt ein Hammer?« und er antwortete: »Um Hammer zu machen,« und man fragte ihn weiter: »Was nützen aber diese?« und er versetzte: »Um wieder Hammer zu machen.« Gerade so wie dieser Mann die Frage konstant hinausschübe, wozu die Schlosserei endgültig nütze, gerade so gehen Wells und wir alle mit solchen Phrasen der Frage geschickt aus dem Weg: wozu unser Leben im letzten Ende nütze.