Hermingunde ermittelt in Balingen - Silke Porath - E-Book

Hermingunde ermittelt in Balingen E-Book

Porath, Silke

4,3

Beschreibung

Kommissarin Hermingunde Klythemnestra von Tollern-Achteck lebt auf großem Fuß. Sie hat Schuhgröße 43 und besitzt damit die ideale Ausrüstung, um Verbrechern in den Hintern zu treten. Diese Aufgabe erfüllt sie mit großer Genugtuung, und genau aus diesem Grund wird die Vorzeige-Polizistin in ihrer Heimat Balingen gefürchtet. Jeden noch so gerissenen Gesetzesbrecher überführt sie mühelos. In diesem Band nimmt sie es gleich mit 30 mehr oder weniger Kriminellen auf. Rätseln Sie mit!

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Seitenzahl: 193

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Silke Porath

Hermingunde ermittelt in Balingen

30 Rätsel-Krimis

Impressum

In Erinnerung an Kurt-J. Heering, einen großartigen Agenten, Kollegen und Freund. Du fehlst.

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Sven Lang

Herstellung / E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © judigrafie / photocase.de

ISBN 978-3-8392-4458-6

Dank

Mit Dank an Andreas Christoph Braun für seine Ideen zur Figur der Hermingunde Klythemnestra zu Tollern-Achteck.

Wie auch Gundi sind alle Personen aus dem Buch reine Erfindungen. Ebenso die Fälle, welche die Kommissarin löst. Balingen ist im echten Leben nämlich eine völlig ungefährliche Stadt. Nur eins ist wahr – schicke Damenschuhe in Größe 43 sind wirklich schwer zu finden. Fragen Sie Gundi, die wird Ihnen das bestätigen.

Film ab!

So hatte Hermingunde sich das nicht vorgestellt. Zum Kino gehörten für die Kommissarin Popcorn, eine Flasche Bier und, wenn möglich, ein netter Nebensitzer. Aber ganz bestimmt keine Leiche. Also, auf der Leinwand schon – aber doch bitte nicht in Sitz Nummer 8 in Reihe 13.

»Häberle, mitkommen«, blaffte sie den Polizeihauptmeister an, kaum dass sie die in Reitstiefeln steckenden Füße aus dem Jeep geschwungen hatte. Bis vor zehn Minuten standen diese Stiefel noch samt Hermingunde Klythemnestra von Tollern-Achteck im Reitstall. Gundi war gerade dabei gewesen, dem neunjährigen Wallach Ernst gute Nacht zu sagen, als ihr Handy geklingelt hatte.

»Ich kann auch nichts dafür«, murmelte Häberle und stapfte hinter seiner Chefin drein die Stufen zum Bali-Kinopalast hinauf. Die riss die Glastür auf und stemmte dann die Hände auf den Kassenschalter, hinter dem ein kreidebleicher Mann saß.

»Haben Sie den Toten gefunden?« Gundi kam ohne Umschweife zur Sache. Immerhin war es nach elf Uhr und zu Hause lockte eine halb volle Flasche Barolo, die sie am Vorabend beim Scrabble ihrem Langzeitliebhaber Thomas Sauerberg – immerhin promovierter Tierarzt – abgeluchst hatte. Der Mann nickte.

»Das ist Herr Kruse«, mischte Häberle sich ein.

»Ich wollte den Saal sauber machen. Mein Mitarbeiter hat sich heute krankgemeldet. Hab den ganzen Tag schon Stress mit Kartenverkauf, Popcorn und so.« Der Zeuge hatte seine Sprache wiedergefunden. »Ist ja immer eine ganz schöne Schweinerei nach jedem Film, mit dem ganzen Popcorn auf den Sitzen und so … und dann … dann …«

Gundi winkte ab. Aus den Augenwinkeln sah sie die Kollegen der Spurensicherung in ihren weißen Ganzkörperanzügen, die die Halle durchquerten. Die Kommissarin schloss sich ihnen an.

»So sieht das also heutzutage aus«, dachte sie, als sie einen Blick in den offenen Vorführraum warf. Von großen Filmspulen war keine Spur mehr. Stattdessen stand dort ein Computer, auf dessen Festplatte die aktuellen Filme gespeichert waren. Gundi hielt nichts von den 3-D-Filmen, die neuerdings die Massen lockten. Sie schwor auf das gute alte Zelluloid.

Die Spusi-Truppe blieb am Eingang zu Kino 4 stehen und ließ der Kommissarin den Vortritt. Die Deckenstrahler fluteten das leere Kino mit etlichen Lux. Im Gang lag ein umgekippter Putzeimer, aus dem sich Popcorn auf den roten Teppich ergossen hatte. Wahrscheinlich hatte Kruse den Eimer vor Schreck fallen lassen.

»Reihe 13«, flüsterte Häberle.

»Weiß ich selbst.« Hermingunde stapfte die Treppen hinunter und schlängelte sich an den hochgeklappten Sitzen vorbei. Auf Platz 8 saß ein Mann, den Mund aufgerissen, die Augen starr auf den Vorhang gerichtet, hinter dem sich die Leinwand verbarg. Er sah aus, als sei ihm soeben ein Monster begegnet. Und er war tot. Die Kommissarin beugte sich über den Mann, nestelte ein Paar Gummihandschuhe aus der Gesäßtasche ihrer Reithose und durchsuchte die Taschen seines Cordjacketts.

»Ach schau an!« Häberle lugte neugierig zu seiner Chefin, die den Personalausweis des Toten in den Händen hielt. »Ein Auswärtiger!« Der Mann hieß Günther Bloch, wohnhaft in Hamburg. Die Visitenkarten aus der anderen Jackentasche verrieten, dass er für Picture 2000 tätig war. Filmverleih. In der Tasche steckten neben einem Päckchen Papiertaschentücher ein Bündel Scheine. Viele Scheine. Viele grüne Scheine. Eingewickelt in den Programmflyer des Balinger Kinos.

»Häberle, Taschenlampe. Und dann Kruse herholen.« Gundi schnappte sich die Lampe aus der Hand ihres Mitarbeiters und leuchtete dem Toten in den offenen Mund. Die Zunge war belegt mit Resten von Popcorn. Und irgendwie geschwollen.

»Ist der Beinstatt schon da?«, rief sie den Kollegen der Spusi zu. Die verneinten, der Gerichtsmediziner sei aber auf dem Weg.

»Welcher Film lief eigentlich?«

»Turbobuster VII, zurück zum Mars«, kam die Antwort einer blutjungen Kollegin.

»Ist das aufregend? Ich meine, kann man sich da so aufregen, dass man einen Infarkt bekommt?« Umschweife waren Gundis Sache nicht. Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Nö, ist mehr … witzig. Irgendwie. Also … weiß auch nicht.« Die Kommissaranwärterin war sichtlich nervös. Gundi schnupperte – ein süßlicher Geruch stieg ihr in die Nase. Gemischt mit etwas Saurem. Popcorn und Galle.

»Der ist erstickt. Herzstillstand«, murmelte sie vor sich hin und knetete die Unterlippe zwischen Daumen und Zeigefinger. Häberle, der mit dem Kinobetreiber im Schlepptau in den Saal gekommen war, hielt die Luft an. Diese Geste seiner Chefin bedeutete: Ruhe, sie denkt nach.

»Also, die Popcorntüte liegt auf dem Boden. Im Getränkehalter steht Cola. Halb leer.« Hermingunde umrundete den Toten, so gut es eben ging, ohne ihm auf die Füße zu treten.

»Den kannten Sie«, stellte sie dann mit einem Blick auf Kruse fest.

»Äh. Ja. Der Herr Bloch … also … kommt … kam ja regelmäßig. Wegen der Plakate und so.«

»Und so?« Gundi fixierte den Lichtspielhaus-Inhaber. »Extra aus Hamburg?«

Kruse zuckte mit den Schultern und sah sich um. Die Männer und das Mädchen in den weißen Anzügen standen nach wie vor in der Tür zum Saal, die schweren Metallkoffer einsatzbereit in den Händen.

»Was wollte er denn hier?«, insistierte die Kommissarin.

»Na ja, eben die neuen Filme besprechen, also, was wir ins Programm nehmen.«

»Das muss ja eine sehr persönliche Betreuung sein.« Die Ironie in Gundis Stimme war nicht zu überhören. Erst letzte Woche hatte sie eine Reportage auf n-tv gesehen, wie Kino im 21. Jahrhundert hinter den Kulissen funktionierte. Eben nicht mehr mit Filmrollen und Steckbuchstaben in der Leuchtreklame. Sondern virtuell: die Filme wurden über das Internet an die Kinos geschickt, welche sie vorher anhand vom Filmverleih prognostizierter Besucherzahlen ins Programm nahmen. Oder auch nicht. Bei aller Leidenschaft für Hollywood – auch Kino musste eben Kasse machen und ein Movie ohne Zuschauer hatte kaum Chancen, gezeigt zu werden.

Kruse trat von einem Bein auf das andere. Gundi nickte den Kollegen der Spurensicherung zu und schlängelte sich aus der Reihe in den Gang. »Mich interessiert die Cola«, flüsterte sie gut hörbar dem Kollegen zu. »Ob da wirklich nur Zuckerbrause drin ist.« Kruse wurde blass, schwieg aber.

Draußen im Foyer ließ der Kinobesitzer sich in einen der ausrangierten abgewetzten Kinosessel sinken, die nach der Renovierung im vergangenen Jahr übrig geblieben waren. Gundi erinnerte sich an den Zeitungsbericht im Zollern-Alb-Kurier, wonach die Umrüstung auf die neue Computertechnik samt Leinwände für 3-D-Filme einen satten sechsstelligen Betrag gekostet hatte. Sie ließ sich in den Sesel neben Kruse fallen und streckte die Reitstiefel von sich.

»Wären Sie so lieb und würden mir mal die Technik erklären?«, flötete sie und klimperte mit den ungeschminkten Wimpern. Mit gerade mal 40 Jahren funktionierte dieser Trick noch immer. Kruse lächelte und schwang sich auf, sichtlich geehrt, dass sich jemand für seine Arbeit interessierte. Gundi folgte ihm in den Vorführraum, hörte allerdings kaum zu, als er ihr die verschiedenen PC-Programme erläuterte. Beim Thema Festplatte allerdings wurde sie hellhörig.

»So ein Film kostet Miete, gell?« Wieder ein Wimpernklimpern.

Kruse nickte.

»Und dann?«

»Ja, dann braucht man einen Code, mit dem man den Film freischalten kann.«

»Wo gibt man den ein?« Gundi zeigte auf die Suchmaske am Bildschirm. »Also zum Beispiel für Turbobuster VII?«

Kruse schluckte trocken. Gundi grinste innerlich, als sie sah, wie seine Hand zitterte, während er die Maus bediente.

»Ich … also … der Code, den habe ich …«

»Den kennen Sie gar nicht.« Schluss mit Wimperngeklimper. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie die Auszubildende die in eine Plastiktüte verpackte Colaflasche schwenkte.

»Da war nicht nur Brause drin«, flüsterte das Mädchen.

»Kruse, ich glaube, Sie haben heute für längere Zeit den letzten Film gesehen.« Gundi legte dem Mann die Hand auf die Schulter. »Sie sind verhaftet.« Handschellen waren nicht nötig. Kruse folgte der Kommissarin in die Nacht.

Wieso weiß Hermingunde, dass Kruse der Mörder ist?

Lösung

Der Mann vom Filmverleih muss nicht persönlich kommen, um die Filme zu platzieren. Aber das Geld stammt eindeutig von Kruse – damit wollte dieser die teuren Leihgebühren umgehen. Da Kruses Mitarbeiter krank ist, konnte nur er die Cola vergiftet haben.

Amen

»Verdammte Hacke!« Hermingunde von Tollern-Achteck fluchte und riss die Tür zur Balinger Stadtkirche auf. Natürlich hatte sie keinen Schirm dabei. Und natürlich schüttete es jetzt wie aus Kübeln. Die Kommissarin drückte den Bildband über die Toscana an ihre Brust und kickte mit dem Fuß die zweite Tür auf, die hinter dem Vorraum in das Kirchenschiff führte. Ein Blick auf die Armbanduhr – ein goldenes Erbstück aus dem Familienbesitz, das hartnäckig eine Minute nachging – zeigte ihr, dass sie Zeit genug hatte. Sie schüttelte den blonden Pony aus dem Gesicht und ließ sich in die nächstbeste Bank fallen. Thomas Sauerberg würde sie erst in einer Stunde im Gasthof Lamm erwarten.

Sie lächelte beim Gedanken an den smarten Tierarzt. Und an seine Reaktion, wenn sie das soeben in der Bücherei geliehene Buch auf den Tisch legen und ihm vorschlagen würde, für ein langes Wochenende dem schwäbischen Novemberregen zu entfliehen. Zum Glück waren es von der Bücherei bis zur Kirche nur wenige Schritte. Gundi wischte mit dem Ärmel ihres Parkas den Einband ab und schlug das schwere Buch in der Mitte auf.

»Hach!« Die Kommissarin seufzte und strich versonnen über das doppelseitige Foto. Sie konnte sich und Thomas schon vor dem kleinen Steinhaus sitzen sehen. Auf dem Tisch eine Flasche guten Barolo. Und das Backgammonbrett. Vielleicht ein, zwei Kerzen. Und das Zirpen von Zikaden. Sie hob den Blick. Die im gotischen Stil gestaltete Kirche war leer. Fast. In einer der mittleren Bänke saß eine Gestalt mit Kopftuch, das Haupt an eine der mächtigen Säulen gelehnt. Gundi grinste, als sie bemerkte, dass das Muttchen ganz offensichtlich schlief – das leise Schnarchen der alten Frau mischte sich mit dem Rauschen des Unwetters draußen. Sie blätterte die Seite um und zuckte zusammen: Ein unterdrückter Schrei und dann eine irre Kakofonie ließen ihre Trommelfelle beben. Das Muttchen zuckte zusammen. Sämtliche Orgelpfeifen schienen auf einmal aktiviert, es dröhnte und hallte im Kirchenschiff, als würde ein Hochseedampfer direkt in der Balinger Stadtmitte die Schiffssirene betätigen.

»Isch der noch ganz sauber?«, rief Gundi und klappte das Buch zu. Die alte Frau drehte sich um, starrte erst die Kommissarin, dann die Empore an, auf der die Orgel stand.

»So an Bachel!« Gundi sprang auf, klemmte sich den Bildband unter den Arm und nickte der Alten zu. Dann stieg sie die Holztreppe nach oben. Wer auch immer für das Gedröhne verantwortlich war, er sollte aufhören!

»Ach. Du. Scheiße.« Die Kommissarin krallte nach dem Geländer und starrte auf die Orgel. Über den Tasten lag ein Mann. Quer. Auf dem Rücken. Die toten Augen starrten an die Decke. Von der rechten Schläfe tropfte Blut aus einer klaffenden Wunde.

»Und das ausgerechnet heute …« Gundi fluchte innerlich, ehe sie wie ferngesteuert das Handy aus der Tasche zog, um die Kollegen zu informieren. Ihre Ohren schmerzten angesichts der falschen Dauertöne aus den Orgelpfeifen. Während sie wieder hinabstieg, wählte sie die Nummer ihres Reviers, das Telefon am linken Ohr, das rechte hielt sie mit ihrem Zeigefinger zu. Im Vorraum gab sie Bescheid. Kollege Häberle verstand zwar nicht genau, was los war, trotzdem würden in wenigen Minuten die Beamten da sein. Die Kommissarin stürmte zurück in die Kirche. Das Muttchen hielt sich an der Bank fest und sah sie fragend an. Gundi bedeutete ihr mit einer Geste, sich zu setzen. Dann rannte sie die Stufen hinauf und schoss hastig einige Fotos mit dem Handy. Eigentlich hatte sie kein Smartphone haben wollen. Ihr war der ganze technische Schnickschnack zu viel. Ein Telefon war ein Telefon. Aber jetzt war sie froh, dass Thomas sie überredet hatte, eins dieser tastenlosen Dinger zu kaufen, mit dem man auch fotografieren konnte. Sie stopfte das Gerät zurück in die Tasche ihres Parkas und zerrte den Leichnam von der Klaviatur. Sofort kehrte himmlische Ruhe im Gotteshaus ein. Mit dem einen Fuß schob Gundi den Hocker beiseite, mit dem anderen stützte sie den Toten unter dessen Hintern ab. Dann ließ sie den Mann auf den Boden vor der Orgel gleiten. Ihr Blick wanderte vom Toten über ihre unsäglich großen Schuhe (Größe 43, leider) und blieben an einem spröden Kantholz hängen, das halb unter den Fußtasten der Orgel verborgen war. Am Holz klebten Blut und ein paar Haare – kein Wunder, das Teil war spreißeliger als ein Kaktus.

Für einen Moment war nur das Rauschen des Regens von draußen zu hören. Dann nahm die Kommissarin Schritte auf der Holztreppe wahr.

»Jessasmaria!« Die alte Frau schlug sich die Hand vor den Mund und starrte auf die Szenerie.

»Sie sollten unten warten«, sagte Gundi.

»Des glaub i au.« Die Omi trat den Rückzug an. Sofort machte die Kommissarin sich daran, den Toten näher in Augenschein zu nehmen. Abgesehen von der klaffenden Wunde an der Schläfe sah er selbst in diesem Zustand ziemlich gut aus. Sie schätzte ihn auf höchstens 50. Das schwarze Haar war dicht, die blauen Augen von stechender Farbe und um den Mund lag der Anflug eines Lächelns. Sie hob vorsichtig das Jackett an. In der Innentasche fand sie die Brieftasche des Mannes. Neben einigen Geldscheinen enthielt sie zahlreiche Plastikkarten und den Personalausweis.

»Marius Gandolf DeHaan«, murmelte sie. »Geboren am 13. August 1958 in Hennef, wohnhaft Hennef.«

»Was machen Sie hier?« Gundi fuhr herum. Hinter ihr stand ein ziemlich wütender Mann im schwarzen Rollkragenpullover, dessen seit Derrick aus der Mode gekommener Trenchcoat patschnass war. Der Mann stemmte die Hände in die Hüften und funkelte sie an. »Und was ist das überhaupt? Ich ruf die Polizei!«

»Die ist schon da«, entgegnete die Kommissarin und zückte ihren Dienstausweis. Der Mann schaute nicht einmal darauf, sondern wetterte weiter: »Was machen Sie mit dem Mann? Ist der tot? Ich fasse es ja nicht! Krankenwagen, sofort, nein, Finger weg von meiner Orgel!« Während er schrie, stoben feine Spucketropfen aus seinem Mund. Gundi wich automatisch einen Schritt zurück, stieß gegen das Kantholz auf dem Boden, trat halb darauf, verlor das Gleichgewicht und plumpste zwar sanft, aber sehr unelegant auf die Orgelbank.

»Wer sind Sie?«, fuhr sie den Mann an.

»Karl-Heinz Herzog. Organist«, blaffte der zurück.

Gundi stand auf und baute sich vor Herzog auf. Auch wenn sie sich streckte, reichte sie ihm nur bis knapp an die Schulter. Aber Berufserfahrung war eben Berufserfahrung und sie wusste genau, wie sie sich mittels Körpersprache auf gefühlte zwei Meter aufblasen konnte. Was sie umgehend tat – und nun war es an Herzog, einen Schritt zurück zu machen. Mehr ging auch nicht, denn dort war schon das Geländer der Empore.

»Kennen Sie den Mann?«, wollte Gundi mit eiskalter Stimme wissen, in die sie eine gute Portion Donnergrollen mischte, passend zum Wetter draußen.

»Ja.« Herzog schielte an ihr vorbei auf den Toten.

»Und?«

»DeHaan. Restaurator.«

»Ah ja!« Jetzt fiel es Gundi ein: Die Kirchengemeinde hatte im vergangenen Jahr einige Benefizkonzerte gegeben, um Geld für die Orgelreparatur zu sammeln. Sie und Thomas waren in der Adventszeit bei einem fantastischen Gospelkonzert gewesen, das ihr noch Tage danach Gänsehaut beschert hatte. Gundi streckte dem Mann die Hand hin. Er schlug ein. Seine Finger waren langgliedrig und weich, nur das frische Heftpflaster an seinem Zeigefinger kratzte an Gundis Haut.

»Was machen Sie hier, Herr Herzog?«

»Ich wollte proben. Ich probe immer um diese Zeit. Wenn nicht gerade ein Termin mit dem Restaurator ansteht.« Er sah sie an, als ob sie das wissen müsste.

»Sie waren also mit DeHaan verabredet?«

»Nein. Ganz bestimmt nicht.«

»Ganz bestimmt nicht? Sie mochten den Herrn nicht?«

»Hallo? Mögen? Der … also man soll ja nicht schlecht über Tote sprechen, aber sagen wir es mal so, angenehm war der nicht.«

»Du auch nicht«, dachte Gundi und beobachtete fasziniert die Spucketropfen, die Herzog absonderte. Laut sagte sie: »Warum?«

»Ich bin Künstler«, betonte Herzog und straffte die Schultern. »Und ich weiß sehr wohl, wie man aus dieser Orgel das Beste rausholt. Aber der wollte allen Ernstes …« Nun folgte ein Monolog über das technische Innenleben und die Materialien der Orgel – Gundi verstand nicht viel. Nur das: DeHaan hatte als billigster Bieter den Zuschlag bekommen, musste aber natürlich, um seinen Preis zu halten, auf günstige Chinaimporte zurückgreifen. Was dem Klang der Orgel und damit dem künstlerischen Schaffen des Balinger Organisten sehr, sehr abträglich gewesen wäre.

Unten wurde die Tür aufgerissen. Schritte. Rufen. Dann stürmte Häberle die Empore hinauf, gefolgt von drei Kollegen.

»Gundi!«, japste er ganz außer Atem.

»Häberle!« Gundi grinste. »Bist ja ganz nass!«

»Sauwetter da draußen, verdammtes.« Der Wachtmeister wurde knallrot, als er bemerkte, dass ihm mitten im Gotteshaus ein Fluch über die Lippen gekommen war.

»Du kannst dich gleich im Revier trockenlegen«, meinte Gundi. »Und den Herrn Herzog nehmen wir auch mit.«

»Wie bitte?« Der Organist wurde blass.

»Tja, Herzog, ich glaub, irgendwo in Stammheim steht ein altes Klavier. Das wird Ihnen für die nächsten Jahre als Instrument genügen müssen.«

Wieso verhaftet Gundi den Organisten?

Lösung

Erstens widerspricht er sich bei der Aussage, dass er nicht mit DeHaan verabredet war. Und zweitens hat er ein frisches Pflaster am Finger – wahrscheinlich steckt ihm ein Spreißel vom Kantholz, der Tatwaffe, im Fleisch.

Ticktack

»Das kann ich jetzt auch vergessen.« Hermingunde knallte die Tür des Streifenwagens zu. Häberle, der sich eben vom Fahrersitz schälte, zuckte zusammen.

»Was vergessen?«, fragte der Wachtmeister seine Chefin.

»Vergiss es, Häberle!« Die Kommissarin hatte weder Zeit noch Lust, dem etwas behäbigen Kollegen zu erklären, dass sie am Nachmittag sowieso in diesen Juwelierladen in der Ölbergstraße hatte gehen wollen. Weil sie in einer kleinen Kiste die alte Uhr ihres Vaters gefunden hatte. Gold. Beste Schweizer Qualität. Nur leider nicht funktionierend. Wie so vieles aus dem Nachlass derer zu Tollern-Achteck. Gundi nickte den beiden Polizisten zu, die den Eingang des Ladens flankierten. Drinnen musste sie erst einmal gegen die Scheinwerfer der Spurensicherung anblinzeln.

»Mach die Dinger aus«, befahl sie der Kollegin. Die verkniff sich jeden Widerspruch und knipste die Lampen aus.

»So, besser.« Gundi ließ den Blick durch den Laden schweifen. Hinter dem gläsernen Verkaufstresen saß ein ziemlich blasser, ziemlich zitternder, ziemlich verdatterter Mann. »Sind Sie der Inhaber?«

»Ja. Das ist alles … das ist alles so … das ist mir noch nie passiert.«

Gundi seufzte. Der Mittfünfziger hatte ganz offensichtlich einen Schock. Sie konnte nur hoffen, dass sie die wesentlichen Details aus ihm herausbekam, ehe der psychologische Dienst ihn chemisch sedierte. »Sonstige Zeugen?«, erkundigte sie sich bei der Spusi-Kollegin.

Die nickte Richtung Hinterzimmer. »Ja, ein Kunde. Kollege Kimmerle ist bei ihm.«

»Okay, den Zeuge nehm ich mir gleich vor«, murmelte die Kommissarin und setzte sich neben den Besitzer hinter die Theke auf einen kleinen Hocker. »Mein Name ist Hermingunde zu Tollern-Achteck«, stellte sie sich mit einem aufmunternden Lächeln vor und hielt dem Mann die Hand hin. Der schlug ein.

»Weiß ich. Ich kenn Sie aus der Zeitung.«

»Und Sie sind?«

»Teuber. Manfred. Also mir gehört der Laden und ich … das ist …« Dem Mann brach der Schweiß aus. Gundi bemerkte das Zittern seiner Hände, als er sich über die Stirn wischte. »Boah. Wie im Fernsehen.« Er schüttelte den Kopf, als könne er selbst nicht glauben, was geschehen war. Dann ließ er den Blick über den gläsernen Verkaufstisch schweifen. Dort lagen ein halbes Dutzend mit dunkelblauem Samt bezogene Schatullen, in denen offensichtlich der Form nach Uhren ausgestellt gewesen waren. Die Schachteln waren leer. Gundi schielte auf ein abgerissenes Preisschild auf dem Boden. Die Zahl darauf war fünfstellig. Neben dem kleinen Etikett befand sich ein geknicktes Hochglanzprospekt einer Schweizer Edelfirma.

»Herr Teuber, wollen Sie ein Glas Wasser?«

»Ein Schnaps wär mir lieber«, versuchte der Überfallene zu scherzen. Gundi lächelte und kniff die Augen unter ihrem praktisch geschnittenen blonden Pony zusammen. Auf Teuber wirkte das aufmunternd, denn er begann, zunächst stockend, die Geschehnisse im Juwelierladen zu schildern. Es war kurz nach zehn Uhr am Vormittag, als der junge Mann, welcher nun als Zeuge im Hinterzimmer vom Kollegen betreut wurde, in das Geschäft kam.

»Der war vor ein paar Tagen schon mal da, weil er seiner Zukünftigen eine Uhr schenken wollte. Hat sich mächtig ins Zeug gelegt, muss eine große Liebe sein.« Der Uhrhändler grinste. »Leider sind nicht viele Leute so verliebt, dass sie Cartier verschenken.«

Gundi lächelte und nahm sich vor, wirklich sehr bald das Erbstück reparieren zu lassen. Vorerst hörte sie erst einmal sehr konzentriert der Schilderung Teubers zu.

Der hatte gerade sechs Uhren von Cartier, Jaeger-LeCoultre und zwei Marken, die teuer klangen, der Kommissarin aber nichts sagten, vor dem verliebten Kunden ausgebreitet, als ein Pärchen den kleinen Laden abseits der Balinger Haupteinkaufsmeile Friedrichstraße betrat. Die blonde Frau und ihr schwarzhaariger Begleiter hatten den Juwelier mit einem Kopfnicken begrüßt und sich dann die Vitrinen mit den goldenen Ketten und Armbändern angesehen. Der Frau schien sofort ein Collier in die blauen Augen zu stechen und sie machte ihren Compagnon in einer Teuber nicht verständlichen Sprache auf das Stück aufmerksam.

»Ich glaub, das war Russisch. Oder Polnisch. Oder Albanisch. Vielleicht auch Spanisch. Keine Ahnung.« Teuber zuckte mit den Schultern und rieb sich über die Augen. Da er immer noch mit dem jungen Mann beschäftigt gewesen war und ihm die Vorzüge einer Automatikuhr erläuterte, achtete er nur halbherzig auf das Paar. Allerdings wurden die zwei immer lauter. Den Gesten nach schloss Teuber, dass die Frau die Kette unbedingt wollte – der Mann sie aber auf gar keinen Fall erstehen mochte. Was der Uhrmacher gut verstehen konnte, wie er Gundi mit einem Augenzwinkern andeutete. So einer keifenden Hyäne schenke man nun mal ungern ein Schmuckstück im vierstelligen Bereich. Die Kommissarin dachte sich ihren Teil. Wer konnte schon wissen, ob die Klunker nicht eine Art Ablassbrief eines notorischen Fremdgehers waren?

Plötzlich habe die Frau den Mann am Kragen gepackt. Der sie an den Haaren. Teuber sei einen Moment lang vor Schreck wie erstarrt gewesen. Sein junger Kunde allerdings nicht: Obwohl er schmächtig wie ein Unterhemd war, sei er sofort auf das Paar zugegangen und habe die beiden Streithähne voneinander getrennt. So gut das eben ging, denn die Frau im Pelzmantel habe sich wie eine Furie aufgeführt.

»Irgendwann ist sie dann doch aus dem Laden gestürmt, ihr Kerl hinter ihr her. Und dann erst habe ich gesehen, dass die Uhren weg waren.« Teuber seufzte.

»Ein Ablenkungsmanöver also. Die wollten gar nichts kaufen«, folgerte die Kommissarin. Gundi schlug sich auf die Knie und stand auf. »Häberle, nehmen Sie mal die Personenbeschreibung auf. Ich kümmere mich um den Zeugen. Und Herr Teuber, halten Sie sich parat, wahrscheinlich werden wir Sie heute Mittag auf dem Revier brauchen, um ein Phantombild zu machen.« Gundi nahm nämlich nicht an, dass das Diebespaar bereits in der Kartei verzeichnet war. Für sie hörte sich das Ganze nach einer neuen Masche irgendeiner Bande an.