Verlag: Aufbau digital Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Herr Mozart feiert Weihnachten E-Book

Eva Baronsky  

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E-Book-Beschreibung Herr Mozart feiert Weihnachten - Eva Baronsky

Herr Mozart und der Zauber der Weihnacht. Der Mann erinnert sich nur, als Wolfgang Amadé Mozart auf dem Sterbebett gelegen zu haben. Am nächsten Morgen wachte er – 200 Jahre später, wie sich herausstellt – im modernen Wien auf. Zwar hat er begonnen, sich dort zurechtzufinden, aber er ist einsam. Heiligabend muss er sich am Stephansdom mit der Geige ein paar Cent erspielen. Als ihn ein kleines Mädchen für den Weihnachtsmann hält und mit nach Hause nimmt, wird er in ein neues verwirrendes Abenteuer verwickelt. Eine wunderliche Begegnung mit dem charmanten Zeitreisenden Herrn Mozart.

Meinungen über das E-Book Herr Mozart feiert Weihnachten - Eva Baronsky

E-Book-Leseprobe Herr Mozart feiert Weihnachten - Eva Baronsky

Über Eva Baronsky

Eva Baronsky, 1968 geboren, lebt im Taunus. Für ihren überraschenden und sehr erfolgreichen Debütroman »Herr Mozart wacht auf« (2009) erhielt sie den Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe. Nach »Magnolienschlaf« (2011) erschien 2015 ihr dritter Roman »Manchmal rot«.

Informationen zum Buch

Herr Mozart und der Zauber der Weihnacht

Der Mann erinnert sich nur, als Wolfgang Amadé Mozart auf dem Sterbebett gelegen zu haben. Am nächsten Morgen wachte er – 200 Jahre später, wie sich herausstellt – im modernen Wien auf. Zwar hat er begonnen, sich dort zurechtzufinden, aber er ist einsam. Heiligabend muss er sich am Stephansdom mit der Geige ein paar Cent erspielen. Als ihn ein kleines Mädchen für den Weihnachtsmann hält und mit nach Hause nimmt, wird er in ein neues verwirrendes Abenteuer verwickelt.

Eine wunderliche Begegnung mit dem charmanten Zeitreisenden Herrn Mozart.

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EVA BARONSKY

HERR MOZARTFEIERTWEIHNACHTEN

ROMAN

Inhaltsübersicht

Über Eva Baronsky

Informationen zum Buch

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Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Nachklang

Impressum

Leseprobe aus: Eva Baronsky – Herr Mozart wacht auf

KAPITEL EINS

»Schweig still!«, rief Wolfgang erbost hinüber, doch das Gehämmer wollte partout nicht verstummen. Beharrlich stapfte es durch das frühlingshafte Flötenquintett in G-Dur, mit dessen Komposition er seit dem zeitigen Morgen beschäftigt war. Und dorten passte es nun wahrlich nicht hinein! Entschlossen hob er den Kopf, um Beistand beim hellen Sonnenlicht zu suchen, das ins Zimmer fiel, doch das Gedumpfe, körperlosen Schlägen gleich, ließ sich nicht verjagen. Es rührte aus der Mansarde nebenan, das wusste er, seit er ein paar Täge zuvor dem Geräusch auf den Grund hatte gehen wollen. Das Ohr am benachbarten Türblatt, hatte er feststellen müssen, dass es ein Basso zu einer Art überschnellem Sprechgesang war. Eine seltsame Verstörung war über ihn gekommen, und er hatte nicht gewagt, an die Tür zu klopfen, sondern war unverrichteter Dinge in Piotrs Behausung zurückgekehrt.

Die Sonne stand tief, bald würde sie hinter den Dächern versinken. Und dann würde, binnen weniger Stunden, die Christnacht hereinbrechen. Mit einem Seufzer schloss er die Augen und überließ sich den Erinnerungen an das festliche Halbdunkel der Domkirche (der Pfarrer hatte wie immer an den Wachslichtern gespart), sah die andächtigen Gesichter und schließlich die Ergriffenheit, die alle überkam, als Orgel und Chor zum Halleluja ansetzten. Er hörte das gedämpfte Stimmengewirr vor der Kirche, das Getrappel und Geholper der vor- und abfahrenden Kutschen und schließlich die Stille, die sich wieder über alles legte, während er Constanze den Arm bot, um den kurzen Heimweg zu Fuß anzutreten.

Ihm schien, als sei es gestern gewesen. Und wenn er es recht betrachtete, lag es ja nicht viel länger zurück. Was waren schon zweihundert Jahre für einen, dem sie fehlten wie ein vergessener Traum? Das Gedumpfe nebenan erstarb für eine kurze Weile, ehe es sich aufs Neue erhob, mit etwas schnellerem Schlag.

Beim Gedanken an die Mette spürte er, wie sich sein Gewissen regte. Oblag es nicht doch seiner Verpflichtung als Christenmensch, der Geburt des Herrn in der Weihenacht zu huldigen? Hatte er sich nicht aufzumachen und die Kirche zu besuchen, gleich an welchem Ort und in welcher Zeit er sich befand? Doch wer versicherte ihn, dass ein Gottesdienst überhaupt stattfand? Nahezu alles, was ihm in den letzten – er zählte nach – zwanzig Tägen begegnet war, war an Absonderlichkeit nicht zu überbieten; ihm Vertrautes dagegen war abgeschafft, vergessen oder zu etwas gemacht worden, das er nicht verstand.

Wäre es also verwunderlich, wenn St. Stephan in der Christnacht dunkel bliebe? Oder unter Abertausenden buntverpackter Geschenkpakete versänke, so dass keine Maus mehr hineinfände? Wohin er auch gegangen war seit seiner unfassbaren Strandung in dieser neuen Zeit – überall sah er Geschenke: kleine, große, eckige, runde, mit Schleifen oder Kugeln verziert, und obschon es der Menschen derarten viele gab in dieser Stadt, dass er zuweilen an einen Ameisenberg erinnert war, so war er doch von jedem Zweifel frei, dass es der Geschenke ungleich mehr sein mussten. Sie türmten sich zwischen den Auslagen der Warenhäuser, hingen in den Schaufenstern, lagen in Bäckereien und Wirtshäusern und im Foyer der Oper gar. Für wen mochten sie bestimmt sein? Piotr hatte auf seine Frage hiezu nur wieder sein gequältes Grinsen gezeigt, woraus er schloss, dass die Frage – nach Piotrs Dafürhalten – eine Torheit war.

Dabei hätte er noch weitaus mehr zu fragen gehabt. Zum Beispiel nach all der Eile und Betriebsamkeit, die sich ihm in den Straßen und Geschäften darbot. Sie schien auf die Christnacht hinzustreben, und er war ratlos, von welcher Art das Mirakel sein würde, das all diese Unrast rechtfertigte. Etwas wahrhaft Großes musste es sein, etwas, das unter all den Mysterien, die er in den vergangenen Tägen bereits erlebt hatte, das allergrößte sein würde. Und nahm es denn wunder, dass seine Phantasie darob zuweilen das ein oder andere ersann?

Eine kleine Schamröte stieg in ihm auf, als er an die frivolste seiner Einbildungen denken musste. Hatte er doch zu oft vom Fest der Liebe reden hören, dass man es ihm nicht verübeln durfte, wenn die Gedanken Kapriolen schlugen.

Er stand auf, öffnete das Fenster und ließ frische Luft in Piotrs Dachkammer ein. Lehnte sich hinaus, so gut es ging, und lauschte auf das Lärmen der Stadt, das ihm nicht minder laut vorkam als an den Tägen zuvor.

Vielleicht, so dachte er, war es tatsächlich ein Brauch geworden, all die bunten Packerln in die Kirche zu tragen und sie dort unter jenen zu verteilen, die es am nötigsten hatten. Wieso nicht? Was mochte darinnen sein? Äpfel und Nüsse, Honigkuchen, Spielzeug für die Kinder? Warme Socken und Mützen für die Armen? Und für einen Augenblick hatte ihn der Gedanke gepackt, dass er selbst zu den Bedürftigen zählen und also ein Anrecht auf solcherlei Almosen haben könnte.

Almosen! Energisch schloss er das Fenster. Wie tief er gesunken war, über solcherlei nachzudenken! Wo ihn doch kaum mehr als ein paar Worte von einem Leben in Ruhm, Glanz und Ehre trennten. Worte, die er indes um keinen Preis aussprechen durfte. Mehr als einmal hatte er, in schlaflosen Momenten auf Piotrs Canapé, sich ausgemalt, wie es wäre, wenn er sich als jener zu erkennen gäbe, der – so durfte er mit Recht behaupten – der größte Compositeur dieser Stadt war. Ach was, des ganzen Landes! Des Kontinents! Wenn nicht der Welt sogar! Ausgeschlossen, solches zu wagen, wollte er nicht Kopf und Kragen riskieren. Eine stille Hoffnung aber erlaubte er sich: Vielleicht würden sie ihn eines Tages von selbst erkennen, wenn er nur die Occasion hätte, sich unter Beweis zu stellen.

Jawohl! Entschlossen nahm er wieder auf dem Stuhl Platz und den Stift zur Hand, doch kaum dass er sich dem Quintett zuwandte, war auch schon das Gedumpfe erneut zur Stelle, wie um ihn zu verhöhnen. Außerdem knurrte sein Magen. So laut, dass es leicht ein Basso zu jener sekkierenden Sequenz hätte sein können.

Wolfgang erhob sich abermals, um im Küchenkabinett nach etwas Essbarem zu suchen, auch wenn er bereits wusste, dass er nichts finden würde denn zwei Packungen getrocknete Nudeln und drei Blechdosen mit Bohnentopf, der, so hatte er von Piotr erfahren, aus einem Land stammte, das sich Mexiko nannte. Wo dieses Land lag, wusste er nicht, und es war ihm auch gleich, denn die Küche jenes Landes war gewiss keine Reise wert. Ausgerechnet am Heiligen Abend blieb ihm nichts denn dieser widerliche Fraß!

Der Gedanke an eine ausgedehnte Mahlzeit in einem Wirtshaus mit Bier und Wein und einer üppigen Nachspeise überkam ihn und wurde zu einem veritablen Verlangen. In seinem Hosenbeutel, der ihm als Geldbörse diente, herrschte indes die gleiche Ödnis wie im Küchenkabinett – ein Dutzend kleiner Kupfermünzen klimperten darin, jene, die er den Straßenmusikern in den Hut zu werfen pflegte. Und nun?

Jähes Entsetzen packte ihn, als er gewahr wurde, dass er auch die folgenden Tage mit dieser kümmerlichen Ration würde auskommen müssen. Fieberhaft überdachte er seine Möglichkeiten. Es gab niemanden, den er kannte, niemanden, den er um Geld oder zumindest ein Essen hätte ersuchen können.

Ohne Piotr war er abermals vollkommen allein … Seine Gedanken schweiften zurück: Drei Wochen war es her, dass er vor Verzweiflung einem Budenbesitzer auf dem Domplatz ein paar Würschtl stibitzt hatte, um nicht hungers zu sterben. Seither hatte er, dank Piotrs Hilfe, das wenige, über das er verfügte, stets redlich selbst verdient. Würde er nun erneut zu einem Dieb werden müssen? Ob er in ein weit entferntes Lokal gehen, sich satt essen und durch die Hintertüre verschwinden sollte? Er sah Piotr vor sich, der ihn bei seiner Rückkunft aus dem Karzer würde auslösen müssen, und Hitze stieg ihm ins Gesicht. Nein, dergleichen durfte er Piotr nicht antun! Piotr, dem Rechtschaffenen, der sich in der Kälte stehend mit der Geige abmühte, um seine Kinder im fernen Polenland zu ernähren und … Die Geige! Wolfgang wandte den Kopf, um sich mit einem Blick zu versichern, dass das Instrument wie stets an seinem Platz lag. Was Piotr vermochte, konnte er schon lange, vielleicht fand er gar Piotrs fingerlose Handschuhe, so dass in der Kälte nicht gar zu mühsam spielen wäre.

Obzwar er Tatkraft in sich aufsteigen fühlte, sah er für einen Moment zögernd aus dem Fenster. Eigentlich hatte er das Christfest ignorieren wollen. Und er musste sich eingestehen, dass es Furcht war, die ihn zaudern ließ. Furcht vor dem überbordenden Treiben dort draußen, dessen Regeln er nicht kannte, Furcht vor der Schwermut, die ihn überfiel, wenn er an die vergangenen Jahreswechsel mit den Seinen dachte. Furcht auch vor einem vergeblichen Aufwand. Doch dann mahnte er sich zur Räson: Es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn die Menschen an einem Tag wie diesem nicht besonders freigiebig wären. Im miserabelsten aller Fälle würde er sich zumindest ein paar Gläser heißen Punsch erspielen, und der würde ihm die Seelenschwere schon vertreiben. Außerdem hatte sich längst die Neugier seiner bemächtigt: Er würde mitten hineingehen in die innere Stadt, würde schauen, was die Menge dort tat und worauf dies alles hinauslief.

Recht in die Nähe des Doms würde er sich postieren, um dann, falls die bunten Packerln dorten wahrlich einen Empfänger suchten, recht artig zur Stelle zu sein. Und wie um ihn zu bestätigen, wurde das Gedumpfe nebenan lauter, und er spürte, wie das rasche Pulsieren seinen Herzschlag antrieb, dass ihm angst wurde davon.

KAPITEL ZWEI

Die Sonne war bereits hinter den Dächern versunken, als er aus dem Haus trat. Um sich gegen die Kälte zu wappnen, hatte er sich in Piotrs Lade bedient und sein Habit um zwei gestrickte Überzieher ergänzt, an deren mangelnde Kleidsamkeit er sich noch immer nicht gewöhnen konnte, die jedoch, das musste er eingestehen, bequem waren und recht ordentlich warm. Auch einen wollenen Schal und Piotrs Handschuhe, denen die Fingerspitzen fehlten, hatte er genommen. Piotr würde es ihm, angesichts seiner Notlage, gewiss verzeihen.

Die Stadt lärmte vor sich hin wie jeden Tag, von einer Festtagsruhe war nichts zu spüren. Mit einem Mal fühlte er Sehnsucht aufsteigen nach jener Feierlichkeit, die sich in seiner Erinnerung untrennbar mit dem Heiligen Abend verband: kein Lärmen, kein Eilen, sondern Ruhe über der Stadt; die Mette am Abend und ein Festessen mit viel Punsch, mit Freunden geteilt. Wieder überkam ihn Verdruss über seine missliche Lage – ein hungriger Straßenmusikant mit einem kläglichen Instrument war er. Und das bei seinen Fertigkeiten! Eine Demutsübung war das, eine Demutsübung vor dem Herrn, doch offenbar beliebte es diesem Herrn, ihm solcherlei abzuverlangen. Hatte er denn in seinem Leben nicht ausreichend Ergebenheit bezeugt? Es war gewiss kein Leben in Glorie gewesen, aus dem der Herrgott ihn gerissen hatte, schon gar nicht zum Schluss, als Not und Schwermut ihn ereilt hatten. An Fleiß hatte er es bis in diese letzten Täge niemalen fehlen lassen, hatte der Kompositionen in solcher Fülle und Vortrefflichkeit erstellt, dass es für Gottes Gnaden auch in zwei Leben hätte reichen müssen! Je nu – so verhielt es sich mit den Wegen des Herrn. Fügsam trottete er weiter.

Die Helligkeit erstaunte ihn noch immer. Aus den hohen Fenstern der Geschäfte leuchtete es stetsfort. Und während er im Vorübergehen hineinblickte, musste er feststellen, dass die glänzend bunten und mit Schleifen verschnürten Pakete nach wie vor dort lagen. Unaufhörlich trugen Menschen Tüten und Pakete aus den Läden, er kam nicht umhin, sich auszumalen, dass die vielgestaltigen Schachteln im Innern der Geschäfte nachwuchsen wie Pilze, bis alles überquoll. Und all das musste verschenkt werden, so viel ließen die Plakate und Inschriften, die er allenthalben sah, erahnen. Dem Schenken schien nicht nur eine unermessliche Wichtigkeit zuzukommen, sondern auch eine Selbstverständlichkeit, die ihn erstaunte. Zu seiner Zeit war es allenfalls bei Hofe Sitte gewesen, zum Christfest Geschenke zu machen, doch waren dort ohnehin rund ums Jahr um der Gunst und Etikette willen Pretiosen hin und her gereicht worden. Womöglich, so dachte er sich, hatte man bei der Abschaffung der Monarchen deren Sitten bewahrt, derer sich nun jedermann nach seinem Gusto bediente. Er musste an die große Pariser Aufruhr denken, die seinerzeit die Welt in Unruhe versetzt hatte – das Schicksal hatte ihm jedoch keine Zeit gelassen, die Angelegenheit weiterzuverfolgen. Mittlerweile hätte er den Fortgang gewiss in historischen Schriften nachlesen können, doch genügte es ihm vollauf, die Weltordnung zu studieren, wie sie sich ihm itzo darbot, um sich seinen Reim darauf zu machen.

In der Zwischenzeit hatte er den inneren Ring überquert. Eine junge Frau kam ihm entgegen, sie war bepackt mit Tüten, schob ein kleines Kind in einer Karre vor sich her und war damit beschäftigt, ein zweites, das ihr folgte, zur Eile anzutreiben. Die Kinder waren in dicke bunte Anzüge vermummt und sahen rosig und wohlgenährt aus.

Ein Lächeln schlich sich in sein Gesicht, wenngleich er auch Bitterkeit fühlte. Von den fünf Kindern, die ihm Constanze bis zum letzten Christfest, das er hatte erleben dürfen, geschenkt hatte, war nur Carl Thomas am Leben geblieben. Von Franz Xaver hatten sie damals noch nichts geahnt, er war erst wenige Monate vor seinem – er mochte das Wort nicht denken – Ableben zur Welt gekommen. Der tiefe Seufzer, der ihm entfuhr, wurde zu einer Dampfwolke vor seinem Mund. Sie hatten den kleinen Carl, wie es üblich war, zum Nikolaustag beschenkt, mit Äpfeln, Gebäck und einem Spielzeug, das er sich verdienen musste, indem er aufsagte, was er gelernt hatte. Wolfgang empfand Beklemmung bei dem Gedanken an die vielen Geschwister, die der Kleine schon in jungen Jahren hatte gehen sehen, und eine weitere Wolke bildete sich.

Energisch klappte er den Mund zu und ersann auf die Schnelle eine heitere Melodie, die er in seinem Kopf variierte. Dies war der Tag der Geburt Christi, mithin ein Anlass zur Freude und Grund genug, alle Gedanken an das Sterben zu vertreiben! Weswegen er kurzentschlossen einen kleinen Umweg nahm, um nicht an jenem Haus vorübergehen zu müssen, an dem eine Tafel an seinen eigenen Tod erinnerte. Er würde sich vor dem Dom postieren und den Passanten aufspielen, bis er genug für eine warme Mahlzeit beisammenhatte.

Beim Gedanken an den ersten Becher Punsch, den er sich hernach an einer Bude gönnen wollte, erfasste ihn Tatendrang. Doch als er sich St. Stephan näherte, vernahm er den Lärm. Nicht das Brummen und Brausen der Toyotas war es, das die Luft erfüllte, sondern ein dissonantes Gewirr mindestens dreier Chöre, die jene simplen Weisen zum Besten gaben, die er derzeit überall zu hören bekam und die Piotr als Weihnachtslieder bezeichnete. Schon an seinem ersten Abend hatte er sie mit Piotr spielen müssen, im Lokal zum grimmigen Wirt. Das Gewirre war unterlegt mit einem Basso aus Stimmengewusel, aus dem Rufe und Gelächter herausstachen, teils klang es recht alkoholisiert. Wie in aller Welt sollte er hier seine Geige zu Gehör bringen?

Ratlos verlangsamte er seinen Schritt, näherte sich den beleuchteten Buden und versuchte, sich einen Weg durch die Menschentrauben zu bahnen, die dort standen und tranken und von der Beschallung, die man offenbar für sie arrangiert hatte, keinerlei Notiz nahmen. Mit der Musik schien es sich wie mit der Helligkeit zu verhalten: Sie war überall, und die Menschen hatten sich augenscheinlich mit solchem Selbstverständnis an sie gewöhnt, dass sie sie nicht mehr wahrnahmen.

Verzagt überquerte Wolfgang den Domplatz, trottete dann den Graben hinab. Er marschierte auf ein großes Warenhaus zu, das ihm besonders frequentiert schien. Beim Eintreten blies ihm warme Luft entgegen, und augenblicklich begann er zu schwitzen. Er öffnete seine Jacke und entledigte sich des Schals. Niemand nahm Notiz von ihm. Auch hier spielte Musik, nur dezenter als zwischen den Buden.