Herz im Abseits - Liz Rain - E-Book

Herz im Abseits E-Book

Liz Rain

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Beschreibung

Zwei Fußballherzen, ein Spielfeld, eine zweite Chance. Keeley McGee ist bei der Weltmeisterschaft, um zu gewinnen – nicht, um alte Wunden aufzureißen. Blöd nur, dass ausgerechnet Christine Delacourt wieder auftaucht: US-Starstürmerin, verdammt charmant und Keeleys Ex, die sie vor Jahren ohne Erklärung sitzenließ. Auf dem Platz sind sie Rivalinnen. Daneben liefern sie sich einen Schlagabtausch, der genauso gefährlich ist wie ihr Spiel. Jede Begegnung bringt Keeley zum Lachen und Fluchen und näher an eine Frau, der sie nie wieder vertrauen wollte. "Keeley soll fokussiert bleiben", sagt der Trainer. Keine Ablenkung, keine Dramen. Doch Christine spielt nicht nur um Tore, sondern um eine zweite Chance. Eine prickelnde F/F-Sports-Romance voller Banter und einer Liebe, die gefährlich leicht alles sprengen kann.

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Von Liz Rain außerdem lieferbar

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Epilog

Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen

Über Liz Rain

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Von Liz Rain außerdem lieferbar

Job mit gewissen Vorzügen

Kapitel 1

Melbourne, Australien2023

Im grauen Dämmerlicht tastete ich auf dem Boden nach meinen Klamotten.

Unterhose?

Bingo!

Sie hing über der Rückenlehne eines Sessels. Ich zog sie an und drehte mich auf der Suche nach dem Rest meines Outfits im Kreis.

Alter Schwede! Das war das größte Hotelzimmer, in dem ich je gewesen bin.

Ich tippte auf das Display meines Handys und hoffte, dass mir das zusätzliche Licht die Suche erleichtern würde. 6.15 Uhr morgens. Eigentlich meine übliche Aufstehzeit, aber vermutlich nicht die von …

»Keeley?«, erklang eine gedämpfte Stimme von der anderen Seite des Zimmers.

Ich setzte mich auf den Rahmen des Betts. Die darin liegende Frau drehte sich auf den Rücken und strich sich die blonden Haare aus den Augen. Sie räusperte sich und verzog das Gesicht.

Ich reichte ihr eine Plastikflasche mit Wasser vom Nachttisch.

Sie setzte sich auf und nahm einen kräftigen Schluck, dem einige kleinere folgten. Sie hatte sich die Bettdecke um ihre Hüften geschlungen und trug ein Kylie-Minogue-T-Shirt.

Ich lächelte. Amber Hatfield war eine international bekannte Popsängerin, aber in diesem Moment hatte sie nicht viel Ähnlichkeit mit der Person, die man von Zeitschriftenfotos und Albumcovern kannte.

Doch der verschlafene, zerzauste Look gefiel mir. »Bisschen verkatert, was?«

Sie kniff die Augen zusammen und nickte. »Absolut. Wer auch immer aus meiner Crew es war, der eine halbe Stunde vor Schankschluss noch diese erstklassige Flasche Bourbon besorgt hat, steht ab sofort auf meiner Abschussliste.« Sie lehnte sich an das Kopfteil, das in einem neutralen Farbton gehalten war, und zog eine Augenbraue hoch. »War aber ʼne gute Nacht.«

Das klang nicht wie eine Frage. Eher wie ein Resümee. Die Erinnerung ließ mich blinzeln. Ich für meinen Teil hatte genug One-Night-Stands gehabt, vor allem in den letzten Jahren, in denen ich in der höchsten australischen Liga Fußball gespielt hatte. Manche waren enttäuschend, andere Totalausfälle, aber ein paar waren auch großartig gewesen. Dieser hier gehörte auf jeden Fall in die letzte Kategorie.

Ich mochte Ambers gemischten Akzent. Sie lebte schon seit fünf Jahren in den Staaten, um ihren Erfolg in der australischen Popszene in eine internationale Karriere zu verwandeln. Sie meinte, dass ihr die harte Arbeit gefiele, die es braucht, um in der amerikanischen Musikindustrie Fuß zu fassen. Aber es wäre auch ganz nett, in der Heimat bekannt zu sein, und durchaus praktisch, mit einer gelegentlichen, ausverkauften Australien-Tour die Rechnungen bezahlen zu können.

Sie hatte überhaupt nicht verlegen gewirkt, als sie über ihren Ruhm geredet hatte. Da war diese schamlose Verwegenheit an ihr – dieses Selbstvertrauen. Und das war verdammt sexy.

»Eine sehr gute Nacht sogar«, sagte ich.

»Aber du musst los?«

»Jepp. Ich habe in nicht mal zwei Stunden Training.«

Sie zog die Nase kraus. »Ach schade. Und ich kann dich sicher nicht zum Bleiben überreden?«

Mit den Lippen strich sie meine Wange entlang.

Sofort lief mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper. »Ich bin eine schwache Frau. Führe mich bloß nicht in Versuchung.« Ich legte eine Hand an ihr Gesicht und küsste sie sanft auf die Lippen. »Aber ich muss wirklich los. Kann ich das Licht anmachen? Ich finde meine Klamotten einfach nicht.«

Sie grinste und schaltete die Lampe ein.

Ich sprang auf und setzte meine Suche fort. Mein Shirt lag unter dem Couchtisch.

Sie stopfte sich einige Kissen zurecht und legte sich seufzend wieder hin. »Ich würde ja helfen, aber ich genieße den Anblick gerade zu sehr.«

Ich hob eines der Kissen auf, um es nach ihr zu werfen. »Ooh, da ist also meine Jeans.«

Mein Wurf ging weit daneben. Das Kissen prallte an der Bettkante ab und fiel dann zu Boden.

Sie schüttelte den Kopf. »Schwache Leistung, McGee. Du hast Glück, dass du dich für Fußball entschieden hast statt Netball. Mit so einem Wurfarm würdest du es niemals in die Nationalmannschaft schaffen.«

Lachend zog ich die Jeans an. »Du bist witzig, weißt du. Wenn aus dieser, äh, Gesangssache nichts wird, kannst du es immer noch mit Stand-up-Comedy versuchen.«

So, jetzt aber. Schuhe? Check. Handy eingesteckt? Furchtbar spät dran? Check und check.

Ich setzte mich wieder zu ihr. Sie drehte sich auf die Seite und sah mich an.

Wir bemühten uns beide um ein Lächeln.

»Dieser Teil ist immer irgendwie komisch«, sagte sie. »Meine One-Night-Stands wissen nie, wie sie sich beim Abschied verhalten sollen.«

Ich bemerkte, dass auch sie von »One-Night-Stands« sprach. Es war nicht das erste Mal, dass sie das Wort benutzte, seit wir uns kennengelernt hatten. Außerdem hatte sie gestern Abend deutlich gemacht, dass sie nur ein ungezwungenes Techtelmechtel wollte.

Das war mir auch lieber, daher hatte ich ihren Bedingungen nur zu gerne zugestimmt. »Nie? Wie viele hattest du denn schon?«

»Oh, hunderte. Genau wie du.«

»Ha! Na ja, ich treffe ohnehin nie den richtigen Ton, wenn ich rede, deshalb sage ich einfach immer die Wahrheit.« Ich atmete tief und geräuschvoll ein und sah sie mit großen Augen an. Bei ihr wollte ich keine halben Sachen machen. Das gestrige Eröffnungsevent des Fernsehsenders für die Damen-Weltmeisterschaft war sterbenslangweilig gewesen, bis ich mit Amber, die den offiziellen WM-Song aufgenommen hatte, ins Gespräch gekommen war.

Amber lächelte. »Oh nein, ich erwarte Schlimmes.«

Ich atmete aus und die Worte sprudelten nur so aus mir heraus. »Du bist nett und witzig und klug und gut im Bett und ich hatte eine richtig gute Zeit. Ich bin froh, dass ich gestern Abend in der Bar zu deinem verrückten Team rübergegangen bin, um zu sehen, was zur Hölle da los war.« Ich lehnte mich vor und legte meinen Kopf auf das Kissen neben ihr. »Du hast meine Nummer und ich hoffe, du schreibst mir, wenn du mal wieder in Melbourne bist. Oder in Brisbane oder Stockholm, denn manchmal wohne ich auch dort.«

»Komisch, dass du mit deinen ganzen Wohnsitzen prahlen musst, aber danke. Ich bin auch froh, dass du rübergekommen bist. Du bist richtig gut im Flirten und genauso gut in allem, was danach kam.« Sie küsste mich auf den Mund, ließ sich dabei Zeit und zog mich am Ärmel meines Shirts näher zu sich. Dann ließ sie den Kopf wieder auf das Kissen sinken.

Ich stand auf. »Wir sehen uns?«

»Worauf du wetten kannst.«

An der Tür drehte ich mich noch einmal um und hob die Hand zum Abschied.

Sie streckte ihre langen Beine aus. »Sag Bescheid, wenn du je in L.A., Nashville oder Sydney bist. Siehst du, andere Leute können auch an drei Orten wohnen.«

Ich grinste und schüttelte den Kopf, während ich den stillen Gang zu den Aufzügen entlangging. Mein verschwommenes Spiegelbild im polierten Metall der inneren Aufzugtür zeigte mir, wie zerrissen ich aussah. Ich dankte allen lesbischen Göttinnen, dass mein Ausgehoutfit aus Jeans, teuren Sneakers und T-Shirt bestand. Ich legte gerade einen ziemlich klassischen Walk of Shame hin, aber wenigstens war er so weniger offensichtlich als dick geschminkt in einem kleinen schwarzen Kleid und Stilettos.

Ich gähnte und schnitt eine Grimasse. Mit fünfundzwanzig wurde ich langsam zu alt für so etwas. Ich sollte auf die Leute in meinem Umfeld hören und die langen Nächte vor Trainingstagen sein lassen. Es verstieß gegen die Mannschaftsregeln, während der Saison zu trinken, also tat ich es auch nicht. Aber das hielt mich nicht davon ab, nach späten Abendessen mit Freunden noch durch die Bars und Clubs zu ziehen. Und wenn eine attraktive Frau mir schöne Augen machte, na ja, dann war ich auch nur ein Mensch.

Ich durchquerte schnell die Lobby, blieb dann aber abrupt stehen. Einige Dutzend Leute drückten sich vor dem Eingang herum. Lief da irgendeine Demo? Vielleicht gehörte das Hotel einem Konzern, der Giftmüll auf Robben kippte und ihnen dann noch eins überzog, wenn sie schon mal dabei waren.

Einige von ihnen trugen Schilder. Eines war aus pinkfarbenem Karton und mit einem Porträt von Amber verziert, umrahmt von einem riesigen Glitterherz.

Oh, oh. Ich überlegte, ob ich mich unter die Leute mischen, Augenkontakt meiden und unauffällig verschwinden sollte. Es könnte ganz einfach sein, aber mein Hirn war immer noch etwas benebelt von der Müdigkeit und ich konnte nicht klar denken.

In diesem Moment fuhr hinter der versammelten Menschenmenge ein Bus vorbei, auf dem mein Bild zu sehen war: mein großes, lächelndes Gesicht, mein riesiger Körper mit dem grün-goldenen Trikot der australischen Fußball-Nationalmannschaft der Frauen und dem Logo eines Energiekonzerns links von meiner kunstvoll zerzausten Kurzhaarfrisur. Ich schloss die Augen und senkte den Kopf. Denk nach, Keeley.

Es war sehr wahrscheinlich, dass mich jemand erkennen würde. Ich spielte jetzt seit drei Jahren für eine der Fußballmannschaften in Melbourne und seit zwei Jahren für die Nationalmannschaft. So kurz vor der Weltmeisterschaft, die in zwei Wochen beginnen würde, war das Interesse am Frauenfußball so groß wie noch nie. Früher wurde ich vielleicht in einem von drei Fällen erkannt. Aber durch die ganze WM-Werbung – im Fernsehen warb ich für alles Mögliche, von riesigen Supermarktketten bis hin zu dubiosen Proteinpulvern – kam das jedoch immer häufiger vor.

Wenn man mich dabei erwischte, wie ich am frühen Morgen Amber Hatfields Hotel verließ – das war doch nicht verdächtig, oder? Dafür könnte es alle möglichen Gründe geben.

Aber dann erinnerte ich mich an die kleine Menschentraube, als wir die Bar am Abend zuvor verlassen wollten. Amber hatte von einigen Fans erzählt, die die Social-Media-Storys ihres Teams verfolgten und daraus zu schließen versuchten, wo sie sich gerade aufhielt. Oder manchmal schoss irgendjemand ein Foto und lud es hoch und sobald Amber im Foto getaggt oder das richtige Hashtag hinzugefügt worden war, fanden die Fans sie.

»Wow, äh, und wie geht es dir damit?«, hatte ich sie gefragt. Für mich klang das nach einem Albtraum, was meinem Tonfall vermutlich sehr deutlich anzuhören gewesen war.

Sie hatte nur mit den Schultern gezuckt. »Gehört wohl einfach dazu. Ich mache das, seit ich siebzehn bin. Ein paar von denen gehören praktisch schon zum Inventar.«

Das Sicherheitspersonal hatte die Meute vertrieben, bevor wir hinausgegangen waren, aber wenn doch noch einige in der Nähe gewesen waren, hätten die mich am Abend mit ihr zusammen gesehen.

Scheiße. Ich wusste nicht, ob es eine große Sache für sie wäre, wenn diese Leute von unserer gemeinsamen Nacht erfuhren. Sie hatte ein ziemlich sauberes Image. Blitzsauber sogar – einer ihrer größten Hits von vor fünf Jahren war gerade in einem Waschmittel-Werbespot zu hören.

Hinten bei den Aufzügen schob eine Frau in dunklem Poloshirt einen Putzwagen vorbei.

Ich joggte zu ihr hinüber. »Hi. Ähm, gibt es hier vielleicht noch einen anderen Ausgang? Ich, äh, hab’s eilig und will mich nicht unbedingt durch die Menge da schlagen müssen.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ja, gibt es. Kommen Sie mit.« Sie drückte auf den Aufzugknopf. »Hey, Sie kenne ich doch. Spielen Sie Tennis?«

Ich warf einen Blick über die Schulter zur Rezeption. Der gepflegt aussehende Rezeptionist starrte auf seinen Computerbildschirm. »Fußball.«

»Oh ja, genau. Sie sind in dieser Supermarktwerbung. Sie schießen die Orange weg und diese Kricketspielerin fängt sie dann. Ich liebe diesen Spot! Hey, darf ich ein Selfie mit Ihnen machen?«

»Klar.« Sie holte ihr Handy heraus und wir schossen das Foto.

Der Aufzug pingte und die Türen öffneten sich. Ich ging hinein und sie folgte mir, ließ den Putzwagen aber im Gang stehen. Sie scannte einen Ausweis, der an einem Gummiband an ihrem Gürtel hing, und drückte den Knopf für Parkdeck 1.

»Halten Sie Ausschau nach der Ausfahrt. Daneben ist eine Tür und eine Treppe zur Straße. Wenn Sie den Türknauf drehen, öffnet sich die Tür. Es steht in großer roter Schrift drauf, dass sie alarmgesichert ist und nur im Notfall verwendet werden soll, aber das stimmt nicht. Sie sollten durchkommen.«

Die Aufzugtür schloss sich langsam.

»Oh mein Gott, vielen Dank. Sie sind eine Lebensretterin«, sagte ich.

Die Frau trat von der Tür zurück und griff nach ihrem Putzwagen. »Ach, kein Problem. Und viel Glück bei der WM.«

Als sich die Aufzugtüren kurz darauf mit einem Pingen wieder öffneten, trat ich in die graue Tiefgarage hinaus.

Kälte schlug mir entgegen. »Uff.«

Ich beschleunigte meinen Schritt und folgte den großen Pfeilen zum Ausgang. Die Tür war genau da, wo sie laut meiner neuen Freundin sein sollte. Ich schob sie auf und joggte die Betonstufen hinauf. Oben angekommen, zückte ich mein Handy, um auf die Uhr zu sehen. Mist! Ich würde mit Sicherheit zu spät kommen.

»Hey, pass doch auf!«, sagte eine Männerstimme.

Ich war direkt in jemanden mit einer großen, bauschigen Steppjacke hineingelaufen. »Sorry!«

Oh, oh. Der Steppjacken-Typ gehörte zu einer Gruppe von etwa zehn Leuten. Zehn Leuten in Amber-Hatfield-T-Shirts und -pullis. Alle zehn drehten sich zu mir um. Eine Person hielt ein gerahmtes A3-Poster von Amber und eine Teenagerin hatte sogar einen lebensgroßen Pappaufsteller von ihr. Eine Frau hielt zwei CD-Hüllen in jeder Hand und einen Filzstift im Mund.

Ich hatte sowieso schon eine große Klappe, aber wenn ich überrascht oder gestresst war, wurde es noch schlimmer. »Solltet ihr nicht eigentlich vor dem Hotel stehen?« Und wer besaß heutzutage noch CDs? Wie lange hatte diese Frau die Alben schon?

Steppjacke kniff die Augen zusammen. »Ein paar von uns bewachen immer den Hinterausgang, falls sie mit dem Auto wegfährt.«

So, wie er immer sagte, lief mir ein kleiner Schauer über den Rücken, gefolgt von einem Anflug von Ärger auf meine neue Freundin vom Hotel-Reinigungsteam. Sie hatte mich doch sicherlich nicht absichtlich zu dem kleinen, aber leidenschaftlichen Mob am Hinterausgang geschickt? Ich verwarf den Verdacht sofort wieder – mein blöder Werbespot hatte ihr gefallen! Und der war wirklich besonders nervig gewesen.

»Hey«, sagte die CD-Frau. »Spielen Sie nicht Kricket oder so?«

Ich verkrampfte. »Äh …«

»Ja«, sagte Steppjacke. »Ich kenne Sie. Sie sind in dieser Milchwerbung, in der die Kuh ein Ballettröckchen trägt.«

Mein Herz begann zu hämmern. Er hatte recht.

Einige nickten, auch das Mädchen mit dem Aufsteller. »Lasst mich kurz nachdenken. Gleich hab ich’s. Kasey MacWhirter!«

Trotz der morgendlichen Kälte begann ich allmählich zu schwitzen.

»Nein, das stimmt nicht«, sagte die CD-Frau. »Katie irgendwas?«

»Kylie! Kylie? Nein, auch nicht.«

Ich wirbelte herum und rannte eine der engen gepflasterten Seitengassen entlang, von denen es in Melbourne so viele gab.

»Hey, wo will sie hin?«, rief jemand.

Hinter mir waren Schritte zu hören.

Ich fluchte leise. Dem Mob war vermutlich todlangweilig vom Warten auf Ambers mögliches Erscheinen. Eine Verfolgungsjagd war das Aufregendste, das passieren konnte – abgesehen von einem kurzen Blick auf die winkende Amber durch ein getöntes Autofenster.

Ich bog nach rechts in eine noch kleinere Gasse ab. »Ah, verdammter Mist!« Es war eine Sackgasse, die an einem Müllcontainer vor einer alten Ziegelmauer endete.

Die Schritte hinter mir wurden lauter.

Ich rannte in die Gasse und stolperte über die alten Pflastersteine. »Scheiße! Verdammtes Melbourne mit seinen verdammten altmodischen Gassen. Baut doch endlich richtige Straßen, wie wär’s damit!«

Ich fing mich wieder und sprang mit Anlauf auf den geschlossenen Containerdeckel.

»Was zur Hölle?«, keuchte jemand hinter mir.

Es klang wie der Steppjacken-Typ, aber ich sah mich nicht nach ihm um. Stattdessen stemmte ich mich hoch und setzte mich auf die Mauer. Auf der anderen Seite ging es ein ganzes Stück nach unten. Ich schloss die Augen, versuchte, nicht daran zu denken, wie wütend die Mannschaftsphysios wären, wenn ich mir beide Knöchel brechen würde, und sprang. Ich landete in der Hocke auf dem Betonboden. Tief durchatmend prüfte ich meinen Körper auf ernste Verletzungen. Alles schien in Ordnung zu sein! Ich sprang auf und sah nach oben. Adrenalin strömte noch immer durch meine Adern, vermischt mit einer Welle der Euphorie. Geschafft! Was für ein urtümliches Gefühl, als wäre ich eine Höhlenfrau, die gerade einem Säbelzahntiger entkommen war.

Ich joggte in Richtung Lonsdale Street. Ich brachte etwas Distanz zwischen mich und Ambers verrückte Fans, bevor ich ein Uber rief, um für den schnellsten Kostümwechsel aller Zeiten nach Hause zu fahren. Amber würde nie erfahren, wie viel ich riskiert hatte, um ihre Privatsphäre zu schützen.

Ich lächelte vor mich hin. Wenn das kein voller Erfolg gewesen war!

Kapitel 2

Ich kam zehn Minuten zu spät zum Training, aber abgesehen davon lief alles wie am Schnürchen. Nach einem langen Nickerchen noch total schläfrig, griff ich nach meinem Handy, um auf die Uhr zu sehen. Beinahe hätte ich es gleich wieder fallen lassen. Mein Sperrbildschirm quoll von Benachrichtigungen über.

Ich setzte mich auf und wischte hastig über das Display, um sie zu lesen. Mein Adrenalinpegel schoss in die Höhe. Befand sich Melbourne im Ausnahmezustand und ich hatte so fest geschlafen, dass ich alles verpasst hatte?

»Hahahaha! War schön, dich zu gekannt zu haben, Partner! Die Trainerin wird dich so was von grillen.«

Verwirrt scrollte ich zu der ältesten Nachricht zurück, in der eine Mannschaftskollegin einen Link zu einer Seite mit Klatschnews geschickt hatte. Dort waren Fotos von meinem morgendlichen Sprung über den Müllcontainer zusammen mit Fotos von mir und Amber beim gestrigen Abendessen gepostet worden. Die Geschichte kursierte bereits im Netz. Ich scrollte noch einige Nachrichten durch, in denen ich gründlich geneckt wurde, bevor ich den Kopf in meine Hände sinken ließ.

Es war mal wieder eine Glanzleistung von mir gewesen, alles so zu vermasseln. Ich hätte nach dem Abendessen direkt nach Hause gehen oder mir lediglich Ambers Nummer besorgen und sie erst in ein paar Monaten kontaktieren sollen. Dann, wenn die WM bereits zu einer blassen Erinnerung geworden war. Oder wenigstens im Schutz der Dunkelheit nach dem Sex verschwinden sollen, und das, bevor ihr Fanclub angekommen war. Oder ich hätte ihren Fans heute Morgen einfach sagen sollen: »Nein, ich bin niemand Besonderes! Ich habe einfach ein Allerweltsgesicht!«, um dann gelassen davonzuschlendern, anstatt zu sprinten wie eine Kriminelle, die von der Polizei erwischt worden war.

Ich schloss die Augen, als mich eine weitere Erkenntnis traf. Amber. Ich hatte auch sie in dieses Durcheinander hineingezogen. Ich kramte unter meinem Bettzeug nach meinem Handy, fand den neu eingespeicherten Kontakt und drückte auf den Anrufbutton.

»Na, das ist aber eine Überraschung«, sagte sie.

»Hi.«

»Hab gehört, du machst neuerdings Parkour. Oder war es dir so hochnotpeinlich, die Nacht mit mir verbracht zu haben, dass du einfach alles unternommen hast, um nicht erwischt zu werden?«

»Oh Gott, das tut mir so leid. Schon klar, wie das wirken muss …«

Sie lachte. »Hey, entspann dich. Ich mache nur Witze.«

Ich atmete tief ein. Meine Sorge und Reue ließen sofort nach.

»Du musst mir unbedingt erzählen, warum du vor Darren, dem hochverehrten Präsidenten meines Fanclubs, weggelaufen bist. Hat er mit seinem üblichen Vortrag angefangen? Dass es eine Schande ist, dass ich noch nie für einen Grammy nominiert war?«

»Darren? Ist das der mit der Ballonjacke?«

»Jap, fast immer.«

Jetzt, da ich wusste, dass sie nicht sauer war, fing ich an, ihren lockeren Ton zu genießen. Sie hatte eine großartige Stimme – kräftig und melodisch. Gehörte ja auch irgendwie zu ihrem Job. »Na ja, ich, äh … Deine Fans waren heute Morgen alle da und da bin ich wohl irgendwie ausgeflippt. Ich war mir nicht sicher, ob sie wissen sollen, dass du seltsame Leute in dein Hotelzimmer mitgenommen hast, vor allem seltsame, na ja, du weißt schon, Frauen. Dein Fanclub hat so einen krass konservativen Vibe.«

Ich musste das Handy von meinem Ohr weghalten, so laut lachte sie. Grunzte. Lachte erneut.

»Ach, wie süß von dir. Es ist so erfrischend, dass du so offensichtlich keine Ahnung von meiner Karriere hast. Der Titelsong meines zweiten Albums heißt ›Use My Body‹. Das Video ist in achtzehn Ländern verboten worden. Und 2017 war ich zehn Monate lang mit einer DJane namens Alyssa Vixen verlobt.«

»Oh. Von ihr habe ich gehört. Sie hat auf dem Coachella aufgelegt.« Ich seufzte und sah zur Decke. »Ich bin wirklich ein Vollpfosten.«

»Auf keinen Fall. Du bist ein wenig verpeilt, aber es ist echt niedlich, dass du meinen Ruf schützen wolltest. Total unnötig, aber niedlich. Hey, mein Publicity-Team bekommt bestimmt alle möglichen Anrufe. Sollen sie alles abstreiten oder hast du was dagegen, wenn wir der Sache einfach ihren Lauf lassen?«

»Ich habe nicht mal die ganze Geschichte gelesen.«

Sie schnappte nach Luft. »Oh, aber du musst! Das ist soooo witzig. Ich meine, sorry … aber das ist sie wirklich. Lies sie jetzt sofort.«

»Na gut, ich schalte dich auf Lautsprecher.«

»Wenn du ›Sprung in den Müllcontainer‹ googelst, müsstest du sie gleich finden.«

Ich stöhnte. Das erste Suchergebnis war die Schlagzeile der britischen Trash-Webseite Daily Herald.

MORGENDLICHER SPRUNG ÜBER DEN MÜLLCONTAINER – HEIßES HOTEL-RENDEZVOUS MIT SEXY SÄNGERIN ENDET FÜR STARKICKERIN MIT BIZARRER FLUCHT.

Der »Artikel« bestand hauptsächlich aus verschwommenen Fotos von mir und Amber, die durch das Restaurantfenster aufgenommen worden waren. Dann einem weiteren von uns, wie wir das Lokal gemeinsam verließen, und dann ungefähr sechs Momentaufnahmen von mir, wie ich auf den Container sprang und die Mauer erklomm.

Ich ließ mich auf das Bett zurückfallen. »Ich schaue verdammt zwielichtig aus. Meine Augen sind blutunterlaufen! Haben die die Fotos nachbearbeitet?«

»Wahrscheinlich. Aber hey, ich finde, du siehst süß aus. Auf dem mit der Überschrift ›Keeley McGee flieht durch dunkle Gasse‹ sieht dein Hintern toll aus.«

Ich kicherte. Wenn Amber die Sache mit Humor nehmen konnte, war das immerhin etwas. »Danke. Wenigstens habe ich nicht blankgezogen. Gott sei Dank habe ich das Comeback der Hüftjeans nicht mitgemacht.«

»Sollen meine Leute leugnen, dass das mit uns ein Schäferstündchen war? Und sagen, wir haben die Nacht bei Backgammon und Crumpets verbracht?«

»Crumpets? So nennt man das also heute?«

»Hah! Aber mal im Ernst. Hast du Ärger mit deiner Mannschaft bekommen?«

Ich verzog das Gesicht. »Ich glaube, ich kann mir eine Gardinenpredigt anhören, aber ich habe keine einzige Mannschaftsregel gebrochen. Bis nach der WM sollte ich mich aber zu keiner dummen Aktion mehr hinreißen lassen. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass wir uns in Lügen verstricken. Denn wenn ich mich richtig erinnere, haben wir nicht Brettspiele gespielt und Teewasser aufgesetzt. Wir …«

»Wir haben gevögelt.«

»Wir haben richtig gevögelt.«

Sie lachte wieder. »Mein Manager ist begeistert. ›Schlechte Publicity gibt’s nicht.‹ Er glaubt, dass die Ticketverkäufe für die restliche Tour jetzt so richtig abgehen.«

Ich lächelte. »Das freut mich zu hören. Anscheinend glaubt ganz Lesben-Twitter, dass ich nicht unbedingt den Ball flach halte. Bis jetzt ist das zwar noch nie in den großen Medien gelandet, aber was mich betrifft, ist das kein Schaden.«

»›Den Ball flach halten‹ – schönes Wortspiel.«

»Oh ja. Mit Wortspielen kriege ich alle meine Frauen rum.«

Sie schnaubte. »Hey, ich muss los. Muss zum Soundcheck. Es dauert immer Ewigkeiten, bis in einer Arena alles richtig eingestellt ist.«

»Willst du mich damit beeindrucken? Falls ja – es funktioniert.«

»Mich kannst du nicht täuschen. Bei der WM werden dich Millionen Leute spielen sehen. Und ich werde da sein und dich anfeuern.«

»Ich wette, du stimmst einen ›Spring in den Müllcontainer‹-Chor an.«

»Ha! So was in der Art. Wissen die vom Daily Herald denn eigentlich nicht, dass Müllcontainer hier ›Skip Bins‹ heißen? Sie hätten da sicher einen richtig platten Witz draus machen können.«

»Nur ein weiteres Zeichen, dass wahrer Journalismus tot ist. Dann lasse ich dich mal zu deinem Soundcheck.«

»Okay, wir hören uns. Ruf mich unbedingt wieder an, wenn du beim Pendeln zwischen deinen drei Wohnsitzen mal einen freien Abend hast.«

»Die Zeit nehme ich mir. Klar. Bye.«

Der einzige Lichtblick in diesem Schlamassel war die Erkenntnis, dass Amber Hatfield einfach spitze war. Ich fühlte mich von ihr angezogen – einerseits war sie witzig und sexy und cool. Andererseits hielt sie mich beharrlich auf Abstand. Wenn ich für mehr als »gelegentliche Schäferstündchen« mit ihr zusammen wäre, müsste ich mich vermutlich auf eine emotionale Achterbahnfahrt einstellen.

Viele meiner Freunde mit einer monogamen Beziehung nach der anderen wären nach einem erstklassigen Date, wie es der gestrige Abend gewesen war, ganz automatisch in den Beziehungsmodus gewechselt. Ich hatte es immer wieder gesehen – der immergleiche Alarm in ihren Köpfen: »Binde dich. Binde dich.« Aber dieses Spiel war nichts für mich. Wenn ich es doch mal ernsthaft versuchte, endete das immer mit mindestens einem gebrochenen Herzen.

Unerwartet schoss mir ein Name in den Kopf. Christine. Ich öffnete Instagram und begann, ihren Namen einzutippen. Es brauchte nur die ersten beiden Buchstaben, bis ihr Account an oberster Stelle erschien. Es war mein kleines peinliches Geheimnis, dass ich meine Ex so oft in den sozialen Medien suchte. Doch meinem Suchverlauf konnte ich nichts vormachen.

Das erste Foto war neu. Ich seufzte. Christine Delacourt, eine atemberaubende schwarze Frau, lächelte in die Kamera, während ihre Partnerin, eine atemberaubende weiße Frau, ihr einen Kuss auf die Wange drückte. Sie trugen bequeme Kleidung und im Hintergrund rauschte das Meer. Ich ging in die Küche und begann, das größte Glas im Haus mit Wasser zu füllen.

Der kleine Ausflug in die Vergangenheit hatte meine Stimmung noch mehr gedrückt. Ich schüttelte den Kopf. War es nicht die Definition von Wahnsinn, etwas immer wieder zu tun und dabei ein anderes Ergebnis zu erwarten? Doch je näher der Tag kam, an dem ich Christine wiedersehen würde, desto öfter rief ich ihre Posts auf.

Christine und ich waren ein Paar gewesen, als wir vor mehreren Jahren in der Fußballmannschaft der Florida State University gespielt hatten. Sie war in Rekordzeit vom College-Fußball in die amerikanische Nationalmannschaft aufgestiegen.

Im ersten Spiel der bevorstehenden WM würde Australien gegen die Vereinigten Staaten spielen. Das würde seit unserer Trennung mein erster Kontakt zu Christine sein.

Ich starrte durch das Fenster auf den winzigen Rasen hinter dem alten zweistöckigen Haus im Melbourner Footscray-Viertel, in dem ich mit zwei anderen wohnte. Dann schüttelte ich den Kopf. Es war einfach verrückt, dass ich gerade an Christine dachte anstatt daran, dass ich wahrscheinlich Riesenärger mit der Teamleitung der Matildas bekommen würde. Ich musste sie mir endgültig aus dem Kopf schlagen und stattdessen überlegen, wie ich meinen Fehler wiedergutmachen könnte.

»Die verdammte Christine Delacourt«, sagte eine Stimme hinter mir.

Ich wirbelte herum und Wasser schwappte aus meinem randvollen Glas.

Viv hielt mein Handy, das ich entsperrt auf der Bank liegen gelassen hatte, in der Hand. Sie war sowohl damals im College als auch jetzt meine Mitbewohnerin und hatte einen Bachelorabschluss in Musiktheater, während ich mit einem internationalen Sportstipendium Marketing studiert hatte. Wir waren uns in etwa so ähnlich wie Feuer und Wasser, hatten uns aber schon im College gut verstanden. Im Laufe der Jahre war sie zu meiner besten Freundin geworden. Sie war klein und zart wie eine Elfe, trotzdem schoss bei ihrem Anblick mein Adrenalinpegel in die Höhe.

»Hey, gib das her, sonst rufe ich die Privatsphäre-Polizei. Du hast sämtliche Grenzen überschritten!«, sagte ich.

»Tse, tse, tse. Du spionierst deiner Ex nach. Wie oft haben wir darüber schon gesprochen, Keels?«

»Ich und hinterherspionieren? Du bist hier die, die mein wehrloses und völlig unverdächtiges Handy ausspioniert!«

Sie hob die Hand, als rezitierte sie den Pledge of Allegiance. Sie stammte aus North Carolina, also kannte sie bestimmt den exakten Wortlaut. »Ich übernehme keine Verantwortung. Du weißt, dass ich von glitzernden, bunten Dingen wie magisch angezogen werde.«

Ich sackte in mich zusammen.

Viv schüttelte den Kopf und legte die Hände auf meine Schultern. »Hör mal, du weißt, dass ich in keiner meiner Theaterproduktionen die Böse spielen durfte, weil …«

»Weil du zu lieb und unschuldig aussiehst. Ja, ich weiß.« Ich wusste genau, worauf sie hinauswollte, und starrte sie finster an.

»Aber ich weiß ein paar Dinge über Bösewichte. Damit will ich nicht behaupten, dass Christine Delacourt durch und durch böse ist.« Sie zog die Augenbrauen hoch und lehnte sich mir entgegen, als wollte sie auch dem Publikum in der letzten Reihe signalisieren, dass Christine sehr wohl durch und durch böse war. »Es ist wie in diesem Forrest-Gump-Zitat.«

»Dass das Leben eine Pralinenschachtel ist?«

»Nein, Keeley.« Sie verdrehte die Augen. »Dumm ist der, der Dummes tut«, sagte sie in einem Tonfall, der direkt aus Alabama stammen könnte.

Mir blieb der Mund offen stehen. »Hey, sag mal! Ich bin vielleicht etwas schwach, aber nicht dumm.«

»Nein! Jetzt hör doch mal auf, mich zu unterbrechen, und lass mich zum Punkt kommen. Forrests Mum will damit sagen, dass niemand einfach so etwas ist. Sondern wir beurteilen Leute nach ihren Handlungen. Christine war achtlos und gemein zu dir und ich für meinen Teil habe es nicht eilig, das zu vergessen. Wenn jemand dir zeigt, wer er oder sie ist, dann glaubst du ihnen besser auch. Manchmal glaube ich, sie hat dir von Anfang an ihr wahres Selbst gezeigt, und du hast seitdem nur Entschuldigungen für ihr Verhalten gefunden.«

Sie presste die Lippen aufeinander und klopfte mir auf die Schulter.

Ich war froh, dass die Runde Mitleid von Fletch, dier ebenfalls mit uns im Haus wohnte, unterbrochen wurde. Sier trabte herein und grinste. Fletch war schlaksig, nicht binär, die entspannteste Person in meinem Leben und damit immer ein willkommener Anblick. Sier war den Matildas im selben Jahr wie ich beigetreten und wir hatten uns sofort wunderbar verstanden. Als sier letztes Jahr von Adelaide United nach Melbourne Victory gekommen war, hatte ich sien eingeladen, bei Viv und mir einzuziehen.

»Worüber reden wir?«, fragte Fletch.

»Über Christine Delacourt«, sagte Viv.

»Ach ja?« Sier öffnete den Kühlschrank und spähte hinein.

Ich starrte Viv finster an.

Sie streckte mir die Zunge heraus.

»Du hast nie gegen sie gespielt, oder, Mac?«, fragte Fletch und setzte sich auf einen Barhocker an der Theke.

»Nein. Ich bin zwar zu den Olympischen Spielen mitgekommen, aber beim Spiel gegen die USA war ich nicht dabei. Und als wir vor ein paar Jahren diese zwei Freundschaftsspiele in Portland hatten, hatte sie ihre Wadenmuskulatur gezerrt oder so.«

»Sie ist die reinste Maschine, Mann. Bei den Olympischen Spielen hat sie uns zerlegt. Wenn du bei der WM rechts außen spielst, wirst du dich um sie kümmern müssen.«

»Keeley kann es mit ihr aufnehmen. Sie haben gemeinsam an der Florida State gespielt.«

»Wirklich? Das wusste ich nicht«, sagte Fletch.

»Nur ein Semester lang. Wir kannten uns nicht besonders gut. Wie auch immer.« Mein Blick schweifte durch den Raum und blieb an einem Geschirrstapel hängen. »Ich bin mit Küchendienst an der Reihe. Besser, wenn ich mal anfange. Mit Spülen.«

»Ja, Mann. Mach das«, sagte Fletch. »Hey, geht deine neu entdeckte Liebe zur Reinlichkeit so weit, dass du auch den Müll rausbringen würdest?«

»Oh, hahaha«, sagte ich zu Fletchs und Vivs Rücken, während sie den Raum verließen.

Ich griff nach meinem Handy, um es auszuschalten, und warf dabei noch einen kurzen Blick auf das Foto auf dem Display.

Hatte Christine mir von Anfang an ihr wahres Selbst gezeigt? Wenn ich an mein letztes Collegejahr zurückdachte, brachte ich immer die tatsächlichen Geschehnisse durcheinander, so heftig waren meine Gefühle damals gewesen.

Kapitel 3

2019

Christine hatte ich in den ersten Wochen meines letzten Jahres an der Florida State getroffen. Ich war zu spät zum Training gekommen. Vivs Mitbewohnerin zu sein, bedeutete leider auch, zu unzähligen kleinen Theaterproduktionen mitgeschleppt zu werden. An diesem Tag hatte die Nachmittagsvorstellung von Sweeney Todd länger gedauert als geplant.

Als ich ankam, hatte unsere Trainerin die Mannschaft bereits in der Mitte des Felds zusammengerufen.

Ich hatte meine Tasche an Ort und Stelle fallen lassen und war zu ihnen hinübergerannt. Einen Teil der Strecke hatte ich ungeschickt auf einem Bein hüpfend zurückgelegt, um meinen linken Schienbeinschoner festzuzurren. Die herrische Stimme der Trainerin wehte durch die stille Luft zu mir herüber.

»… und da ist nun auch Keeley McGee«, sagte sie.

Alle Blicke wanderten zu mir. Einen Moment lang waren die Zikaden, die ihren abendlichen Gesang anstimmten, das einzige Geräusch.

»Keeley, ich wollte unserem neuesten Mitglied gerade erklären, was von dieser Mannschaft erwartet wird. Würdest du uns die Ehre erweisen, sie aufzuklären?«

Meine Eingeweide verkrampften. Unsere Trainerin wirkte äußerlich zwar cool wie ein Kühlschrank, aber ich hatte ihre Eröffnungsrede für die Neue unterbrochen und sie schien nicht besonders glücklich darüber.

»Ähm, Verantwortung, Zurechenbarkeit und Leistung«, sagte ich.

»Richtig! Die FSU besaß die Weitsicht, unserem neuen Mannschaftsmitglied ein volles Stipendium zu geben. Ich selbst wiederum war großzügig genug, sie an die US-Nationalmannschaft auszuleihen, damit sie in der U23-WM in Reykjavik spielen kann. Die sie ohne eine einzige Niederlage gewonnen haben. Aber jetzt ist sie zurück. Sie ist hier und sie wird uns helfen, dieses Jahr den Wimpel zu gewinnen. Christine Delacourt!« Sie begann zu klatschen und die anderen fielen mit ein.

Christine wirkte wenig gerührt von dieser denkwürdigen Vorstellung. Sie sah aus, als wäre sie in meinem Alter, war groß und unglaublich sportlich. Sie hätte direkt aus einem Nike-Katalog geklettert sein können. Die Haare hatte sie zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden und ihr Stirnband hatte dieselbe Farbe wie ihre Schnürsenkel. Sie hatte so viel Stil und verglichen mit ihr fühlte ich mich plötzlich noch verschwitzter und nervöser.

»Danke. Ich freue mich, hier zu sein.« Ihre Stimme klang hell und volltönend.

»Nun, da Keeley nicht die ›Verantwortung‹ bewiesen hat, pünktlich hier zu sein«, sagte die Trainerin, »werdet ihr alle anstatt der spannenden Drills, die ich eigentlich geplant hatte, nur Runden um das Feld laufen.«

Gedämpftes Stöhnen rundum.

Nach nicht einmal eineinhalb Runden war ich schweißgebadet. Da ich aus Logan in Queensland – einer Stadt zwischen dem subtropischen Brisbane und den Stränden der Gold Coast – stammte, sollte man meinen, ich könnte Hitze und Feuchtigkeit gut ab. Aber so war es nicht. Meine helle Hautfarbe sowie die Neigung zu gut durchbluteten Wangen und Schweißausbrüchen waren der unumstößliche Beweis, dass meine Vorfahren mit der Auswanderung aus Schottland einen schweren Fehler begangen hatten. Die Nachforschungen meines Onkels auf »ancestry.com« hatten ergeben, dass einige bei dem Versuch, Farmen im Outback aufzubauen, daran gestorben waren, weil sie zu viel Sonnenlicht ausgesetzt waren.

Es war mein viertes und letztes Jahr an der Florida State University und mein zweiundzwanzigster Geburtstag stand kurz vor der Tür. Bei den U18-Wettbewerben daheim hatte ich genug gezeigt, um eines der begehrten Fußballstipendien an der FSU zu erhalten.

Ich hatte einen guten Start hingelegt, aber jetzt sah es so aus, als hätte ich einen Riesenschritt zurück gemacht.

Als wir nach dem Training in die Umkleiden zurückkehrten, ließ ich mich zu der Neuen zurückfallen. Christine. In der vorgegebenen Zeit hatte sie die meisten Runden von uns allen geschafft.

»Hi«, setzte ich an.

Sie antwortete nicht, wandte mir aber immerhin den Kopf zu.

»Ich bin Keeley.«

»Ja, ich erinnere mich an deine Vorstellung.« Sie sprach es nicht aus, aber der Zusatz »verspätet« hing noch in der Luft.

»Äh, ja. Du hast also ein Stipendium?« Sie antwortete nicht, also fuhr ich fort. »Ich auch. Internationales Sportstipendium, das volle Programm. Ich studiere Marketing. Und du?«

»Sportwissenschaft.«

»Oh, cool. Die veranstalten immer die besten Partys. Aber alle sind so fit und ausdauernd, dass es nicht gerade leicht ist, beim Tanzen mitzuhalten. Hey, sag Bescheid, wenn ich dich vorstellen soll.« Unsere Gruppe war in einem Innenhof stehen geblieben und kurz davor, sich aufzulösen.

»Danke, aber ich bin nicht zum Feiern hier. Nur weil ich keine Studiengebühren zahlen muss, heißt das nicht, dass ich mein Studium nicht ernst nehme. Und Fußball nehme ich genauso ernst.« Und damit ging sie davon, ohne abzuwarten, ob sonst noch jemand in dieselbe Richtung musste.

* * *

Ein paar Wochen später ließ ich meine Sporttasche in der Gastumkleide der University of Virginia in Charlottesville auf den Boden fallen. Eine Studentin im ersten Jahr namens Renee tat es mir gleich und setzte sich auf die Bank. Dann rieb sie sich mit den Händen über die Oberschenkel.

Ich lächelte sie an. »Nervös?«

Sie nickte und ihre ohnehin schon blasse Gesichtsfarbe bekam einen grünlichen Schimmer.

Ich setzte mich neben sie und legte einen Arm um ihre Schulter. »Hey, es wird schon gut laufen.«

Sie zog die Augenbrauen zusammen. »Ich wünschte nur, unsere Trainerin würde nicht ständig darüber reden, dass wir unbedingt gewinnen müssen, um es dieses Jahr in den US-College-Cup zu schaffen. Ich träume davon, den Cup zu gewinnen, seit ich fünf war. Heute ist der Tag, an dem ich ihn zur Realität machen kann.« Sie atmete aus und erschauerte leicht. »Oder es komplett vergeigen.«

»Darf ich dir einen Rat geben?«

Sie stützte die Ellbogen auf die Knie und den Kopf auf die geballten Fäuste, aber dann nickte sie doch.

»Versuch nicht, gegen die Nervosität anzukämpfen. Spür sie, lass sie zu – aber mach dir keine Gedanken. Geh einfach deine Vorbereitungen und Aufwärmübungen durch und hör auf die Trainerin. Wenn du es zu nutzen weißt, wird das zusätzliche Adrenalin dich schneller und ausdauernder machen.«

Sie hob den Kopf und lächelte mit zusammengepressten Lippen. Sofort wirkte sie etwas gefasster. »Danke, ich versuche es.«

Sie sprang auf, als sie in die Physio gerufen wurde.

»Die Unerfahrenen brauchen nicht mehr Kraft, sie brauchen mehr Beherrschung.«

Ich hatte nicht bemerkt, dass Christine ihre Tasche neben mir ausgepackt hatte. Ich seufzte und scherte mich nicht darum, ob sie es hörte. »Ach ja?«

Sie warf mir einen Seitenblick zu und zuckte mit den Schultern. »Ich dachte nur, wenn du schon überall kostenlose Sportpsychologie anbietest, sollte sie wenigstens stimmen.«

Mein Gesicht brannte. Ich stand auf. »Was ist dein Problem? Ich wollte sie nur beruhigen.«

Sie ließ von ihrer Tasche ab und sah mich direkt an. »Meiner Erfahrung nach funktionieren Mannschaften besser, wenn alle sich auf ihre eigene Leistung konzentrieren, anstatt sich in die Gefühle anderer einzumischen.«