Hex - Thomas Olde Heuvelt - E-Book

Hex E-Book

Thomas Olde Heuvelt

4,6
9,99 €

Beschreibung

Black Spring ist ein beschauliches Städtchen im idyllischen Hudson Valley. Hier gibt es Wälder, hier gibt es Natur - und hier gibt es Katherine, eine dreihundert Jahre alte Hexe, die den Bewohnern von Black Spring gelegentlich einen kleinen Schrecken einjagt. Dass niemand je von Katherine erfahren darf, das ist dem Stadtrat von Black Spring schon lange klar, deshalb gelten hier strenge Regeln: kein Internet, kein Besuch von außerhalb oder Katherines Fluch wird sie alle treffen. Als die Teenager des Ortes jedoch eines Tages genug von den ständigen Einschränkungen haben und ein Video der Hexe posten, bricht in Black Spring im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle los ...

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Seitenzahl: 636

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Das Buch

Black Spring ist ein beschauliches Städtchen im idyllischen Hudson Valley – das dachte der Arzt Steve Grant zumindest, als er sich vor zwanzig Jahren mit seiner Frau Joycelyn dort niederließ. Schnell musste er jedoch lernen, dass es in Black Spring nicht nur schöne Wälder, wunderbare Wanderwege und hübsche Einfamilienhäuschen gibt, sondern auch Katherine van Wyler – die dreihundert Jahre alte, blinde Black Rock Witch, die den Bewohnern von Black Spring gelegentlich einen kleinen Schrecken einjagt. Inzwischen haben sich Joycelyn und Steve an Katherines Anwesenheit gewöhnt, und ihre beiden Söhne Tyler und Matt kennen ein Leben ohne die Hexe gar nicht. Sollte Katherine aber jemals die Augen öffnen, ist Black Spring dem Untergang geweiht, so will es eine uralte Prophezeiung. Deshalb gelten strenge Regeln: kein Internet, kein Besuch von außerhalb, kein Wort über die Hexe verlieren – oder Katherines Fluch wird sie alle treffen. Als die Teenager des Ortes eines Tages genug von den ständigen Einschränkungen haben und ein Video von Katherine posten, bricht in Black Spring im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle los …

Der Autor

Thomas Olde Heuvelt wurde 1983 in Nijmegen, Niederlande, geboren. Er studierte Anglistik und Amerikanistik an der Radboud-Universität Nijmegen und an der University of Ottawa in Kanada. Für seine Kurzgeschichte The Day the World Turned Upside Down wurde er mit dem Hugo Award ausgezeichnet. Sein Roman Hex war in den Niederlanden und den USA ein sensationeller Erfolg.

THOMAS OLDE HEUVELT

HEX

Roman

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe: HEXDeutsche Übersetzung von Julian Haefs

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Deutsche Erstausgabe 11/2017

Redaktion: Sven-Eric Wehmeyer

Copyright © 2013 by Thomas Olde Heuvelt

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München, unter Verwendung von Motiven von andreiuc88/Shutterstock und Roman Sigaev/Shutterstock

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-21740-2V001

www.heyne.de

Für Jaques Post,meinen literarischen Schamanen

ERSTER TEIL

Heute angesagt?

#Steinigung

1

Steve Grant bog gerade rechtzeitig um die Ecke des Parkplatzes hinter dem Supermarkt von Black Spring, um Zeuge zu werden, wie Katherine van Wyler von einer antiken Niederländischen Drehorgel überrollt wurde. Kurz dachte er, es handle sich um eine optische Täuschung, denn statt rücklings auf die Straße geschleudert zu werden, verschmolz die Frau mit den verschnörkelten Schnitzereien, gefiederten Engelsflügeln und chromfarbenen Orgelpfeifen. Dahinter war Marty Keller zu sehen, der die Drehorgel mithilfe der Anhängerkupplung rückwärtsgeschoben hatte und nun auf Lucy Everetts Geheiß hin zum Stehen brachte. Obwohl weder ein Aufprall zu hören gewesen noch irgendwo Blut zu sehen war, kamen sofort von allen Seiten Leute mit jener Dringlichkeit angelaufen, die Dorfbewohner im Angesicht eines Unfalls auf offener Straße stets anzutreiben scheint. Nur ließ niemand die Einkaufstüten fallen, um der Dame aufzuhelfen … gab es nämlich eine Sache, welche die Bewohner von Black Spring noch mehr schätzten als Geschäftigkeit, so war es die achtsame Beharrlichkeit, sich so wenig wie irgend möglich in Katherines Angelegenheiten einzumischen.

»Nicht zu nah ran!«, rief Marty und streckte einem kleinen Mädchen die Hand entgegen, das sich mit zaghaften Schritten genähert hatte, augenscheinlich weniger von dem bizarren Unfall als von der Pracht der kolossalen Musikmaschine angezogen. Steve wusste natürlich, dass es sich nicht wirklich um einen Unfall gehandelt hatte. Im Schatten unterhalb der Drehorgel konnte er zwei schmutzige Füße und den schlammverkrusteten Saum von Katherines Kleid erkennen. Er lächelte gutmütig: Also war es tatsächlich eine optische Täuschung. Zwei Sekunden später schmetterte bereits das Leitmotiv des Radetzky-Marschs über den Parkplatz.

Steve wurde etwas langsamer. Am Ende seiner großen Runde war er zwar erschöpft, aber durchaus mit sich zufrieden: fünfzehn Meilen am Rand des Bear Mountain State Park bis nach Fort Montgomery und dann den Hudson hoch bis zur Militärakademie von West Point (die von den Leuten hier schlicht Der Point genannt wurde), wo er wieder heimwärts abgebogen war. Zurück zwischen die Hügel, tief in den Wald. Er fühlte sich wunderbar, und das nicht nur, weil Laufen der beste Weg war, all die Spannungen loszuwerden, die ein langer Unterrichtstag an der New York Med in Valhalla unweigerlich mit sich brachte. Es war vor allem die herrlich herbstliche Brise außerhalb von Black Spring, die ihn in solche Hochstimmung versetzte, durch seine Lunge wirbelte und den Geruch seines ehrlich erarbeiteten Schweißes gen Westen davontrug. Natürlich war das alles seelisch bedingt. Die Luft in Black Spring war vollkommen in Ordnung … zumindest hätte man mit wissenschaftlichen Analysen nichts Gegenteiliges feststellen können.

Die Musik hatte auch den Koch von Rubys Rippchen hinter seinem Grill hervorgelockt. Er gesellte sich zu den übrigen Schaulustigen und starrte die mächtige Drehorgel argwöhnisch an. Steve ging um sie herum und wischte sich die Stirn am Ärmel trocken. Als er sah, dass die kunstvoll lackierte Seite des Leierkastens in Wahrheit eine Schwingtür war, die darüber hinaus offen stand, konnte er ein Grinsen nicht länger unterdrücken. Die Orgel war von Dach bis Achse vollkommen hohl. Als Lucy die Tür schloss und den Blick aufs Innenleben versperrte, stand Katherine noch immer reglos in der Dunkelheit. Jetzt war die Orgel wieder ganz Orgel – und Menschenskind, wie sie aufspielte.

»Hey«, sagte er, immer noch außer Atem, die Hände in die Hüften gestemmt. »Haben Mulder und Scully mal wieder Geld in die Stadtkasse gespült?«

Marty kam auf ihn zu und grinste. »Das sagst du so. Hast du ’ne Ahnung, was diese Scheißdinger kosten? Ich sag dir, da wird echt jeder Cent zweimal umgedreht.« Er bedachte die Drehorgel mit einer schnellen Kopfbewegung. »Das Teil ist nur ’ne Attrappe. Eine Replik der Orgel aus dem Altholland-Museum drüben in Peekskill. Ziemlich gut, was? Da ist ein stinknormaler Anhänger drunter.«

Steve war gebührend beeindruckt. Jetzt, da er Gelegenheit hatte, genauer hinzusehen, bestand der Prospekt der Orgel offenkundig nur aus einem Sammelsurium kitschiger Porzellanfiguren und achtlos angeklebter Verzierungen – und war obendrein noch schlecht bemalt. Auch die Orgelpfeifen bestanden nicht aus Chrom, sondern aus mit Goldlack überstrichenem PVC. Selbst der Radetzky-Marsch entpuppte sich als Reinfall – eine billige Illusion, ohne das erbauliche Seufzen der Ventile oder das leichte Klatschen der Lochkarten, die man von solch einem Instrument vergangener Tage erwartet hätte.

Marty schien seine Gedanken erraten zu haben. »Ein iPod mit dicken Lautsprechern. Gut, dass wir die richtige Playlist laufen haben, sonst gäb’s hier jetzt Heavy Metal.«

Steve musste lachen. »Klingt so, als wäre das Ganze auf Grims Mist gewachsen.«

»So isses.«

»Ich dachte, der Sinn der Sache wäre, die Aufmerksamkeit von ihr weg zu lenken?«

Marty zuckte mit den Schultern. »Du weißt ja, wie der Meister gerne arbeitet.«

»Das Ding ist auch nur für öffentliche Veranstaltungen«, sagte Lucy. »Für den Jahrmarkt oder die Festspiele, wenn zu viele Leute von draußen hier sind.«

»Na dann, viel Erfolg«, sagte Steve, grinste und schickte sich an weiterzulaufen. »Vielleicht könnt ihr euch damit am Ende sogar noch ein Zubrot verdienen.«

Die letzte Meile bergab in Richtung Deep Hollow Road ließ er es ruhig angehen. Sobald er außer Hörweite war, dachte er nicht mehr an die Frau im Dunkeln, die Frau im Leib der Drehorgel, auch wenn der verklungene Radetzky-Marsch in seinem Kopf nachhallte und den Rhythmus seiner Schritte bestimmte.

Nach einer schnellen Dusche ging er runter ins Erdgeschoss und fand Jocelyn am Esstisch sitzen. Sie klappte den Laptop zu. Schenkte ihm das feinsinnige Lächeln, das vor dreiundzwanzig Jahren sein Herz erobert hatte und das sie wohl bis ans Ende ihrer Tage nicht verlassen würde, trotz wachsender Fältchen und Tränensäcke (ihre Mittvierziger-Taschen, wie sie sie nannte). »So, genug Zeitvertreib mit meinen Liebhabern. Jetzt ist mein Gatte an der Reihe.«

Steve grinste. »Wie hieß er noch gleich? Rafael?«

»Ja. Und Roger. Novak hab ich abserviert.« Sie stand auf und legte ihm die Arme um die Taille. »Wie war dein Tag?«

»Anstrengend. Fünf Stunden Vorlesung am Stück mit einer einzigen zwanzigminütigen Pause. Ich werd Ulmann sagen, er soll meinen Stundenplan ändern oder wenigstens ’ne Batterie im Rednerpult installieren.«

»Du bist wirklich bedauernswert, alter Streber«, sagte sie und gab ihm einen Kuss. »Ich sollte dich vielleicht warnen, dass wir eine Voyeurin bei uns haben.«

Steve wich zurück und zog die Augenbrauen hoch.

»Grandma«, sagte sie.

»Grandma?«

Sie zog ihn an sich, drehte den Kopf und nickte über ihre Schulter. Steve folgte ihrem Blick durch die geöffnete Glastür in Richtung Wohnzimmer. Tatsache. Direkt in der verlorenen Ecke zwischen Sofa und Kamin – Jocelyn nannte diese Ecke ihren Limbus, weil sie einfach nicht entscheiden konnte, was man mit diesem Nicht-Ort anstellen sollte – stand neben der Stereoanlage eine kleine, eingefallene Frau, spindeldürr und absolut regungslos. Im goldenen Licht des Herbstnachmittags wirkte sie vollkommen fehl am Platz. Dunkel, dreckig, ein Geschöpf der Nacht. Jocelyn hatte der Frau einen alten Spüllappen über den Kopf gehängt, sodass ihr Gesicht nicht zu sehen war.

»Grandma«, sagte Steve nachdenklich. Dann fing er zu lachen an. Er konnte nicht anders. Dank des Spüllappens bot sie einfach einen plumpen, lächerlichen Anblick.

Jocelyn errötete. »Du weißt doch, wenn sie uns so anstarrt, wird mir ganz anders. Ich weiß, sie ist blind, trotzdem hab ich manchmal das Gefühl, das ändert daran gar nichts.«

»Wie lange steht sie schon da? Eben war sie noch im Ort.«

»Keine zwanzig Minuten. Sie ist kurz vor dir aufgetaucht.«

»Was sagt man dazu? Ich hab sie auf dem Parkplatz hinterm Supermarkt gesehen. Die haben sie in einem ihrer neuen Spielzeuge versteckt, in einer verdammten Drehorgel. Offenbar hat ihr die Musik nicht besonders gefallen.«

Jocelyn lächelte und schürzte die Lippen. »Dann kann ich nur hoffen, dass sie auf Johnny Cash steht, denn die CD war eben noch im Player, und einmal an ihr vorbeizugreifen, um auf Start zu drücken, reicht mir vollkommen, schönen Dank auch.«

»Tapfere Aktion, Madame.« Steve vergrub die Finger oberhalb des Nackens in ihren Haaren und küsste sie.

Die Fliegengittertür zur Terrasse wurde aufgerissen, und Tyler betrat das Haus. Er hielt eine ausladende Plastiktüte in der Hand, die nach chinesischem Essen duftete. »Hee, keine Fummeleien hier, okay?«, sagte er. »Bis zum 15. März bin ich noch minderjährig, so lange darf meine zarte Seele nicht korrumpiert werden. Vor allem nicht von Leuten innerhalb meines eigenen Genpools.«

Steve zwinkerte Jocelyn zu und sagte: »Gilt das auch für dich und Laurie?«

»Man soll doch experimentieren«, sagte Tyler, stellte die Tüte auf dem Tisch ab und schlängelte sich aus der Jacke. »Das ist dem Alter angemessen. Sagt Wikipedia.«

»Und was sollen wir laut Wikipedia in unserem Alter anstellen?«

»Arbeiten … kochen … Taschengeld erhöhen.«

Jocelyn riss die Augen auf und lachte schallend. Hinter Tyler hatte sich Fletcher durch die Terrassentür geschlichen und trippelte mit aufgestellten Ohren durchs Esszimmer.

»Um Himmels … Tyler, halt ihn fest!«, sagte Steve, sobald er den Border Collie knurren hörte, aber da war es schon zu spät. Fletcher hatte die Frau in Jocelyns Limbus entdeckt. Er stieß ein ohrenbetäubendes Bellen aus, das sich in ein so schrilles, hohes Winseln verlagerte, dass sie alle drei vor Schreck fast aus der Haut fuhren. Der Hund sauste durchs Zimmer, rutschte aber auf den dunklen Fliesen aus; Tyler bekam gerade noch das Halsband zu fassen. Fletcher kam im Türrahmen des Wohnzimmers zum Stehen, bellte wie verrückt und ruderte mit den Vorderpfoten in der Luft.

»Fletcher, aus!«, schrie Tyler und riss hart an der Leine. Fletchers Gebell verebbte. Er wedelte nervös mit dem Schwanz und stimmte ein tiefes, kehliges Knurren an, das der Frau in Jocelyns Limbus galt … die sich nicht gerührt hatte. »Jesus, ihr hättet mir nicht sagen können, dass sie hier ist?«

»Tut mir leid«, sagte Steve und nahm Tyler die Leine ab. »Wir haben Fletcher nicht reinkommen sehen.«

Ein säuerliches Lächeln stahl sich in Tylers Gesicht. »Steht ihr aber gut, der Lappen.« Er warf seine Jacke über die nächste Stuhllehne und rannte ohne weiteren Kommentar nach oben. Nicht etwa, um Hausaufgaben zu machen, dachte Steve, denn diesbezüglich war Tyler wahrlich nie in Eile. Die einzigen Dinge, die ihn in solche Eile versetzen konnten, waren das Mädchen, mit dem er zusammen war (ein kesser kleiner Sonnenschein aus Newburgh, die ihn leider dank der Notverordnung nicht allzu oft besuchen konnte), und der Video-Blog auf seinem YouTube-Kanal, an dem er wahrscheinlich gesessen hatte, als ihn Jocelyn zum Chinarestaurant Des Kaisers Erste Wahl geschickt hatte. Mittwochs war ihr freier Tag, an dem sie es gerne so unkompliziert wie möglich hatte, auch wenn sämtliche Gerichte des einzigen Chinesen der Stadt ziemlich gleich schmeckten.

Steve brachte den knurrenden Fletcher in den Garten und band ihn in seinem Zwinger an, wo er sofort gegen den Maschendraht sprang und dann begann, rastlos auf und ab zu tigern. »Komm mal runter«, fauchte Steve, vielleicht etwas giftiger als nötig. Aber der Hund ging ihm auf den Wecker, und er wusste genau, dass er locker eine halbe Stunde brauchen würde, um sich wieder einzukriegen. Es war schon eine Weile her, dass Grandma zuletzt unangemeldet aufgetaucht war, aber sooft sie auch kommen mochte, Fletcher schien sich einfach nicht an sie gewöhnen zu können.

Steve ging zurück ins Haus und half Jocelyn beim Tischdecken. Gerade entfaltete er die Pappbehälter mit Hühnchen Chow Mein und Tofu à la General Tso, als die Küchentür abermals aufgerissen wurde. Matts Reiterstiefel trampelten über die Fliesen. Draußen bellte Fletcher immer noch ohne Unterlass. »Mann, Fletcher!«, hörte Steve seinen Jüngsten rufen. »Was ist los mit dir?«

Matt betrat das Esszimmer, die Baseballkappe schief auf dem Kopf, die zerknautschte Reiterhose über den Arm gehängt. »Ooh, mjamm, Chinesisch«, sagte er und bedachte seine Eltern im Vorbeigehen mit einer flüchtigen Umarmung. »Ich komm gleich wieder!« Dann rannte auch er nach oben.

Steve betrachtete das Esszimmer zu dieser Tageszeit als Epizentrum des Grant’schen Familienlebens, als den Ort, an dem sich die ausgefüllten Tagesabläufe der einzelnen Familienmitglieder wie tektonische Platten übereinanderschoben und für kurze Zeit zum Stillstand kamen. Was nicht nur daran lag, dass es ihnen allen wichtig war, so oft wie möglich gemeinsam zu essen; es hatte auch mit dem Raum selbst zu tun. Ein vertrautes Fleckchen im Haus, mit Stützbalken aus mächtigen alten Eisenbahnschwellen und einem unbezahlbaren Blick auf Pferdestall und Reitzirkel an der Rückseite des Gartens. Dahinter erstreckte sich die steile Wildnis der Philosophenklamm.

Als Steve gerade die Sesamnudeln verteilte, kam Tyler zurück ins Esszimmer. Er hatte die GoPro-Sportkamera dabei, die sie ihm zum siebzehnten Geburtstag geschenkt hatten. Das rote Aufnahme-Lämpchen leuchtete.

»Mach das Ding aus«, sagte Steve mit Nachdruck. »Du weißt genau, wie die Regeln lauten, wenn Grandma hier ist.«

»Ich filme sie ja auch nicht«, sagte Tyler und setzte sich ans andere Ende des Tischs. »Siehst du? Ich krieg sie von hier aus nicht mal ins Bild. Und in Innenräumen rührt sie sich so gut wie nie von der Stelle.« Er schenkte dem Vater ein unschuldiges Lächeln und schmiss seine typische YouTube-Stimme an (Sprachmelodie 1.2, Begabung 2.0): »Und nun ist es an der Zeit, dir für mein Statistikreferat – très important – eine Frage zu stellen, oh höchstehrwürdiger Erzeuger.«

»Tyler!«, rief Jocelyn.

»Um Vergebung, oh doppelt verehrungswürdige Nachwuchsausträgerin.«

Jocelyn betrachtete ihn mit freundlicher Bestimmtheit. »Das schneidest du raus«, sagte sie. »Und nimm die Kamera aus meinem Gesicht. Ich sehe furchtbar aus.«

»Pressefreiheit.« Tyler grinste.

»Schutz der Privatsphäre«, schoss Jocelyn zurück.

»Aussetzen der häuslichen Pflichten.«

»Taschengeldkürzung.«

Tyler richtete die GoPro auf sich selbst und setzte eine Leichenbittermiene auf. »Herrje, so was muss ich mir hier dauernd anhören. Freunde, ich hab’s schon öfter gesagt und muss es einmal mehr wiederholen: Ich lebe in einer Diktatur. Die Elterngeneration hat mich in der Hand und unterminiert mein Recht auf freie Meinungsäußerung aufs Ärgste.«

»So sprach der Messias«, sagte Steve, der gerade den Tofu à la General Tso auf den Tellern verteilte und genau wusste, dass Tyler den Großteil sowieso wieder rausschneiden würde. Tyler komponierte gewitzte Zusammenschnitte seiner Meinung zu verschiedenen Themen, gewürzt mit allerlei Absurditäten und Bildmaterial aus der Nachbarschaft, alles unterlegt mit eingängiger Popmusik und flotten Effekten. Er war richtig gut. Und er erzielte beeindruckende Resultate: Als Steve den YouTube-Kanal seines Sprösslings zuletzt besucht hatte, hatte es TylerFlow95 auf gut 340 Abonnenten und über 270.000 Aufrufe gebracht. Tyler verdiente sich sogar etwas Taschengeld (allerdings absurd wenig, wie er selbst zugab) über die Werbeeinnahmen dazu.

»Was wolltest du fragen?«, sagte Steve, woraufhin die Kamera augenblicklich in seine Richtung schwenkte.

»Wenn du jemanden sterben lassen müsstest, wie würdest du dich entscheiden: dein Kind oder ein ganzes Dorf im Sudan?«

»Was für eine hinfällige Frage.«

»Mein Kind«, sagte Jocelyn.

»Hee!«, rief Tyler mit dramatischer Geste. Draußen setzte Fletcher wieder zu seinem rastlosen Gebell an. »Habt ihr das gehört? Meine eigene Mutter würde mich erbarmungslos ans Messer liefern, um irgendein hypothetisches Dorf in Afrika zu retten. Handelt es sich hier um ein Zeichen ihres Mitgefühls für die Dritte Welt – oder um einen Hinweis auf unsere dysfunktionalen Familienbande?«

»Beides, Schatz«, sagte Jocelyn und ging zum Fuß der Treppe. »Matt! Essen fassen!«

»Aber jetzt mal im Ernst, Papa. Sagen wir, vor dir wären zwei Knöpfe. Wenn du den einen drückst, stirbt dein Kind – moi, in diesem Fall –, und wenn du den anderen drückst, stirbt ein komplettes Dorf irgendwo im Sudan. Wenn du bis zehn keine Entscheidung triffst, werden automatisch beide Knöpfe gedrückt. Wen würdest du retten?«

»Die ganze Situation ist absurd«, sagte Steve. »Wer sollte mich je zu so einer Entscheidung zwingen wollen?«

»Darum geht’s doch gar nicht.«

»Selbst wenn – es gibt keine richtige Antwort. Wenn ich dich rette, wirst du mir vorwerfen, dass ich ein ganzes Dorf habe sterben lassen.«

»Wenn du dich nicht entscheidest, sterben wir alle«, wiederholte Tyler mit Nachdruck.

»Natürlich würde ich eher das Dorf sterben lassen als dich. Wie könnte ich meinen eigenen Sohn opfern?«

»Ernsthaft?« Tyler pfiff anerkennend. »Selbst wenn es ein ganzes Dorf voller extrem unterernährter Kindersoldaten ist, mit aufgeblähten kleinen Bäuchen und Fliegenschwärmen um die Augen und armen, missbrauchten, AIDS-kranken Müttern?«

»Auch dann. Jede dieser Mütter würde dasselbe für ihr Kind tun. Wo bleibt Matt? Ich hab Hunger.«

»Und wenn du die Wahl hättest, mich sterben zu lassen oder den gesamten Sudan?«

»Tyler, du solltest solche Fragen wirklich nicht stellen«, sagte Jocelyn, klang allerdings wenig zuversichtlich. Sie wusste genau: Sobald ihr Mann und ihr Sohn einmal mit Eifer bei der Sache waren, hatten Eingriffe von außen etwa so viel Aussicht auf Erfolg wie … tja, wie jeder Eingriff auf der großen politischen Bühne.

»Nun, Vater?«

»Den Sudan«, sagte Steve. »Worum geht’s bei dem Referat überhaupt? Unsere Verwicklungen in Afrika?«

»Ehrlichkeit«, sagte Tyler. »Wer auch immer sagt, er würde den Sudan retten, lügt. Und wer nicht antworten will, versucht bloß, politisch korrekt zu sein. Wir haben alle Lehrer befragt, und nur unsere Philosophielehrerin, Miss Redfearn, war ehrlich. Und du.« Er hörte seinen kleinen Bruder die Treppe herabpoltern und rief: »He, Matt, wenn du jemanden sterben lassen müsstest, wen würdest du nehmen: den gesamten Sudan oder unsere Eltern?«

»Sudan«, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. Jenseits des Bildausschnitts der Kamera nickte Tyler in Richtung Wohnzimmer und zog mit zwei Fingern den Reißverschluss über seinem Mund zu. Steve warf Jocelyn einen zögerlichen Blick zu, sah aber an der Art, wie sie sich auf die Lippe biss, dass sie bereit war, die Sache laufen zu lassen. Eine Sekunde später ging die Tür auf, und Matt kam herein, augenscheinlich schnurstracks aus dem Badezimmer und mit nichts als einem Handtuch um die Hüften bekleidet.

»Hey, Mann, du hast mir soeben locker tausend Klicks mehr verschafft«, sagte Tyler. Matt schnitt der GoPro eine alberne Grimasse und wackelte verführerisch mit den Hüften.

»Tyler, der Junge ist dreizehn!«, sagte Jocelyn.

»Ernsthaft. Das Video, wo ich mit Lawrence und Burak oben ohne Playback zu den Pussycat Dolls gemacht habe, hatte über fünfunddreißigtausend Klicks.«

»Das war auch hart an der Grenze zum Porno«, sagte Matt und setzte sich neben Tyler, den Rücken zum Wohnzimmer – und zu der Frau in Jocelyns Limbus. Steve und Tyler wechselten einen belustigten Blick.

»Kannst du am Tisch nicht wenigstens ein paar Klamotten anziehen?«, fragte Jocelyn mit leisem Seufzen.

»Ihr wolltet doch, dass ich zum Essen runterkomme! Meine Klamotten riechen nach Pferd, und ich hab nicht mal Zeit zum Duschen gehabt. Hey, ich hab dein Album geliked, Mom.«

»Was?«

»Auf Facebook.« Mit einem Mund voll Nudeln stieß er sich von der Tischkante ab und balancierte den Stuhl auf den Hinterbeinen. »Du bist echt cool, Mom.«

»Ich hab’s gesehen, Liebling. Alle viere auf den Boden, okay? Sonst fällst du wieder hin.«

Matt ignorierte sie und wandte sich Tylers Objektiv zu. »Ich wette, du willst gar nicht erst wissen, was ich dazu sagen würde.«

»Nein, will ich nicht, Bruder-der-nach-Pferd-riecht. Mir wäre lieber, du würdest duschen.«

»Das ist Schweiß, kein Pferd«, sagte Matt unerschütterlich. »Ich finde deine Frage zu einfach. Viel spannender wäre die Frage: Wenn du jemanden sterben lassen müsstest, wen würdest du nehmen: dein Kind oder ganz Black Spring?«

Draußen stimmte Fletcher ein tiefes Knurren an. Steve schaute durch die Terrassentür in den Garten und sah, dass der Hund direkt am Maschendrahtzaun seinen Kopf dicht an den Boden drückte und die Zähne wie ein wildes Tier gefletscht hatte.

»Alter, was stimmt denn mit dem Hund nicht?«, fragte Matt. »Abgesehen davon, dass er sowieso vollkommen plemplem ist.«

»Grandma ist nicht zufällig in der Nähe, oder?«, fragte Steve betont unschuldig.

Jocelyn ließ die Schultern hängen und sah sich im Zimmer um. »Ich hab sie heute noch nicht gesehen.« Mit gespielter Hast spähte sie vom einen Ende des Gartens bis zur gespaltenen Roteiche am anderen Ende des Grundstücks, wo der Pfad den Hügel hinaufführte. Am Stamm der Roteiche waren drei Überwachungskameras montiert, die verschiedene Bereiche der Philosophenklamm observierten.

»Grandma ist nicht zufällig in der Nähe.« Matt grinste mit vollem Mund. »Was wohl Tylers Follower davon halten?« Jocelyns Mutter war nach langer Zeit schweren Alzheimers vor anderthalb Jahren an einer Lungenentzündung gestorben. Steves Mutter war schon seit acht Jahren tot. Was YouTube natürlich nicht wusste; trotzdem schien sich Matt darüber zu amüsieren.

Steve wandte sich seinem ältesten Sohn zu und sagte mit einer Strenge, die ganz und gar nicht seiner Art entsprach: »Tyler, das schneidest du raus, verstanden?«

»Klar, Dad.« Er setzte wieder die TylerFlow95-Stimme auf. »Dann lasst uns die Frage etwas direkter stellen. Wenn du jemanden sterben lassen müsstest, o padre mio, wen würdest du wählen: dein Kind oder den Rest unseres Städtchens?«

»Würde der Rest meine Frau und mein anderes Kind einschließen?«, fragte Steve.

»Ja, Dad«, sagte Matt und lachte geringschätzig. »Wen willst du retten? Tyler oder mich?«

»Matthew!«, rief Jocelyn. »Das reicht jetzt langsam.«

»Ich würde euch beide retten«, sagte Steve mit düsterer Miene.

Tyler grinste. »Das war die politisch korrekte Antwort, Dad.«

In diesem Augenblick lehnte sich Matt auf den hinteren Stuhlbeinen zu weit zurück. Er ruderte wild mit den Armen und verspritzte mit seinem Löffel überall rote Sauce, doch der Stuhl kippte mit lautem Krach hintenüber, und Matt rollte über den Boden. Jocelyn sprang auf und erschreckte Tyler, dem die GoPro aus der Hand glitt. Sie fiel mitten in das Hühnchen Chow Mein auf seinem Teller. Steve sah, dass Matt, immer noch gelenkig wie ein Kind, den Sturz mit dem ausgestreckten Ellbogen abgefangen hatte. Jetzt lag er da auf dem Rücken, kicherte hysterisch und versuchte, mit der anderen Hand das Handtuch um die Hüften festzuhalten.

»Kleiner Bruder über Bord!«, johlte Tyler. Er richtete die GoPro auf den Boden, um ein paar brauchbare Aufnahmen abzubekommen, und wischte mit dem Finger die Sauce von der Kamera.

Plötzlich begann Matt zu zittern, als hätte er einen Stromschlag erlitten. Sein Gesichtsausdruck wurde zu einer Maske blanken Entsetzens; er schlug mit dem Schienbein gegen das Bein des Esstischs und stieß einen lauten Schrei aus.

Vorab: Die Bilder, die Tylers GoPro in diesem Moment aufnimmt, wird nie jemand zu Gesicht bekommen. Was zu schade ist, denn nähme sie jemand genau unter die Lupe, würde dieser Jemand Zeuge einer sehr seltsamen, vielleicht gar verstörenden Begebenheit werden – um es zurückhaltend zu formulieren. Die Aufnahme ist gestochen scharf, und Bilder lügen nicht. Auch wenn es nur eine kleine Kamera ist, fängt die GoPro die Realität in erstaunlichen sechzig Bildern pro Sekunde ein und produziert so beispielsweise spektakuläre Aufnahmen von Tylers Mountainbike-Ritt den Mount Misery hinab oder vom Schnorcheln mit Freunden im Popolopen-See, selbst wenn das Wasser trüb ist.

Diese Aufnahme zeigt Jocelyn und Steve, die entgeistert an ihrem jüngsten Sohn vorbei ins Wohnzimmer starren. Mitten im Bild befindet sich ein Fleck aus geronnenen Nudeln und Eigelb. Die Kamera zuckt zur Seite. Matt liegt nicht länger auf dem Boden. Er fährt mit einer spastischen Zuckung des gesamten Körpers hoch, weicht zurück und stößt gegen den Esstisch. Irgendwie hat er es fertiggebracht, das um die Hüften gewickelte Handtuch nicht zu verlieren. Kurz wirkt es so, als stünde man auf dem schwankenden Deck eines Schiffs, denn die Welt steht schief, als sei das ganze Esszimmer aus den Fugen geraten. Dann richtet sich der Bildausschnitt wieder auf, und obwohl der Nudelklecks den Großteil des Objektivs verdeckt, kann man dahinter eine hagere Frau ausmachen, die durchs Wohnzimmer in Richtung der Glastür zur Küche geht. Bislang stand sie regungslos in Jocelyns Limbus, jetzt hat sie sich plötzlich in Bewegung gesetzt, als wolle sie dem gestürzten Matt aufhelfen. Der Spüllappen ist ihr vom Kopf gerutscht, und für den Bruchteil einer Sekunde – es können kaum mehr als ein paar Einzelbilder sein – sieht man, dass ihre Augen zugenäht sind, ebenso ihr Mund. Alles geht so schnell, dass es vorbei ist, ehe man es verarbeiten kann, aber es handelt sich um jene Sorte Anblick, die sich einem ins Hirn brennt – nicht nur genug, um einen temporär aus der geistigen Komfortzone zu zerren, sondern auch, um sie gänzlich zu zerrütten.

Dann hechtet Steve durchs Bild und zieht die Glastür zum Wohnzimmer mit einem Ruck zu. Hinter dem halb durchlässigen Buntglas sieht man die hagere Frau innehalten. Sogar das Vibrieren des Glases ist schwach zu hören, als sie leicht gegen den Türrahmen stößt.

Steves gute Laune ist verflogen. »Mach das Ding aus«, sagt er. »Sofort.« Er klingt todernst, und obwohl sein Gesicht nicht zu sehen ist (nur sein T-Shirt, die Jeans und ein Finger, der wie eine Speerspitze auf die Kamera zielt), ist unschwer zu überhören, was für einen Blick er gerade aufgesetzt haben muss. Das Bild wird schwarz.

»Sie ist direkt auf mich zugekommen!«, schrie Matt. »So was hat sie noch nie gemacht!« Er stand noch immer neben dem gefallenen Stuhl und hielt das Handtuch fest, damit es ihm nicht von den Hüften rutschte.

Tyler fing an zu lachen – in erster Linie vor Erleichterung, dachte Steve. »Vielleicht steht sie auf dich.«

»Uää, widerlich, willst du mich verarschen? Sie ist uralt!«

Jetzt stimmte auch Jocelyn in das Gelächter ein. Sie genehmigte sich einen Mundvoll Nudeln, ohne zu merken, wie viel scharfe Sauce sie auf dem Löffel hatte. Sofort traten ihr Tränen in die Augen. »Tut mir leid, Schatz. Wir wollten dich nur ein bisschen erschrecken. Sieht aber ganz so aus, als hättest du sie erschreckt. Das war echt komisch, wie sie da auf dich zugekommen ist. So was macht sie sonst nie.«

»Wie lange stand sie schon da?«, fragte Matt pikiert.

»Die ganze Zeit«, sagte Tyler grinsend.

Matt fiel die Kinnlade herunter. »Jetzt hat sie mich nackt gesehen!«

Tyler sah ihn mit einer Mischung aus vollkommener Verblüffung und jener Sorte Ekel an, der an eine Art mitfühlende Liebe grenzt – ein Gefühl, das großen Brüdern ihren jüngeren, begriffsstutzigen Geschwistern gegenüber vorbehalten ist. »Sie kann nicht sehen, Blödmann«, sagte er. Er wischte die Linse der GoPro ab und betrachtete die blinde Frau jenseits der Buntglastür.

»Setz dich hin, Matt«, sagte Steve mit angespannter Miene. Matt leistete beleidigt Folge. »Und Tyler, du löschst diese Aufnahme sofort.«

»Ach, komm schon! Ich kann sie einfach rausschneiden …«

»Sofort. Und ich will sehen, wie du das tust. Du kennst die Regeln.«

»Wo sind wir hier, Pjöngjang?«

»Ich sag’s nicht noch mal.«

»Aber da war richtig geiles Material dabei«, murmelte Tyler ohne große Hoffnung. Er wusste genau, wann sein Vater es ernst meinte. Und er kannte die Regeln in der Tat. Widerstrebend hielt er das Display so, dass Steve es sehen konnte, wählte die letzte Datei aus und drückte erst auf LÖSCHEN, dann auf OK.

»Braver Junge.«

»Tyler, kannst du sie bitte in der App melden?«, sagte Jocelyn. »Ich wollte das vorhin schon erledigen, aber du weißt ja, wie toll ich mit der Technik umgehen kann.«

Steve ging vorsichtig über den Flur ins Wohnzimmer. Die Frau hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Sie stand immer noch da, direkt vor der Tür, das Gesicht gegen die Glasscheibe gedrückt – als hätte sie dort jemand zwecks eines makabren Scherzes anstelle einer Stehlampe oder einer Zimmerpflanze deponiert. Die strähnigen Haare hingen reglos und verfilzt unter dem Kopftuch hervor. Falls sie bemerkte, dass jemand mit ihr im Zimmer war, ließ sie es sich nicht anmerken. Steve näherte sich, achtete jedoch darauf, sie nicht direkt anzusehen, sondern vielmehr ihre Gestalt aus dem Augenwinkel wahrzunehmen. Man tat gut daran, sie nicht aus der Nähe zu betrachten. Allerdings konnte er sie jetzt auch riechen: den Gestank einer anderen Ära, nach Schlamm und Vieh in den Straßen, nach Krankheit. Sie schwankte sachte hin und her, sodass die schmiedeeisernen Ketten, die ihre Arme eng an den eingefallenen Körper banden, mit dumpfem Rasseln gegen den lackierten Türrahmen stießen.

»Sie wurde zuletzt um siebzehn Uhr vierundzwanzig von den Kameras hinter dem Supermarkt erfasst«, hörte er Tylers Stimme undeutlich durch die geschlossene Glastür. Was Steve ebenfalls hören konnte, war das leise Flüstern der alten Frau. Er wusste, dass es eine Frage von Leben und Tod war, nicht auf das Flüstern zu hören, deshalb konzentrierte er sich auf die Stimme seines Sohnes und auf die von Johnny Cash. »Es gibt vier Bestätigungen von anderen Leuten, die sie gesehen haben, danach aber nichts mehr. Und irgendwas über eine Drehorgel. Dad … alles in Ordnung?«

Mit hämmerndem Herzen kniete sich Steve neben die Frau mit den zugenähten Augen und griff nach dem Spüllappen. Er stand wieder auf. Als er mit dem Ellbogen die Eisenkette der Frau berührte, drehte sie ihm das entstellte Gesicht zu. Steve legte ihr den Spüllappen über den Kopf und verließ hastig das Zimmer. Seine Stirn war schweißgebadet; von draußen erklang Fletchers wildes, aufgebrachtes Bellen.

»Spüllappen«, sagte er zu Jocelyn. »Gute Idee.«

Die Familie widmete sich wieder ihrem Essen, während die Frau mit den zugenähten Augen regungslos hinter der bunten Glastür stand.

Nur einmal bewegte sie sich kurz. Als Matts schrilles Gelächter aus dem Esszimmer an ihr Ohr drang, neigte sie leicht den Kopf.

Als lausche sie ihm.

Nach dem Essen räumte Tyler die Spülmaschine ein, und Steve wischte den Tisch ab. »Zeig mal bitte, was du ihnen geschickt hast.«

Tyler hielt ihm sein iPhone mit dem Logbuch der HEX-App unter die Nase. Der letzte Eintrag lautete wie folgt:

Mi. 19.09.12, 19:03, vor 16 Min.

Tyler Grant @gps 41.355287 N, 74.003907 W

#K @ Wohnzimmer, Deep Hollow Road 188

omg ich glaub sie steht auf meinen kleinen bruder

Später am Abend lümmelten Steve und Jocelyn im Wohnzimmer herum – nicht an ihrem angestammten Platz auf der Couch, sondern auf dem Diwan in der anderen Ecke des Zimmers – und sahen sich TheLate Show auf CBS an. Matt war schon im Bett. Auch Tyler war oben in seinem Zimmer und saß noch am Laptop. Das fahle Licht des Fernsehers flackerte über die Eisenketten um den Körper der alten Frau, jedenfalls über die wenigen Kettenglieder, die noch nicht verrostet waren. Unter dem Spüllappen zuckte kaum merklich das tote Fleisch in ihrem Mundwinkel. Es zog an den schartigen schwarzen Nähten, die ihren Mund fest verschlossen hielten – bis auf einen einzigen losen Faden, der wie ein verbogenes Stück Draht hervorstand. Jocelyn gähnte und räkelte sich an Steve. Er ging davon aus, dass sie in wenigen Minuten einschlummern würde.

Als sie eine halbe Stunde später die Treppe hoch ins Schlafzimmer gingen, war die blinde Frau noch immer da, ein Wesen aus tiefster Nacht, nun in deren Schoß zurückgekehrt.

2

Robert Grim betrachtete bekümmert seinen Bildschirm, auf dem einige Möbelpacker zu sehen waren, die in Tuch und Plastik eingeschlagenen Hausrat aus dem Umzugswagen hoben und zu dem Haus in der Upper Reservoir Road trugen, alles unter Anleitung dieser bescheuerten Yuppie-Schlampe. Das Bild lieferte Kamera D19-063, vom Grundstück der verstorbenen Mrs. Barphwell, auch wenn er die Kameranummer nicht benötigte, um das zu wissen. Der Bildausschnitt füllte nicht nur den Großteil der westlichen Wand im HEX-Kontrollraum aus, sondern auch den Großteil von Grims gepeinigten Nächten. Er schloss die Augen und schaffte es dank einer gewaltigen Willensanstrengung, ein anderes Bild heraufzubeschwören, ein ganz wundervolles: Robert Grim sah Stacheldraht.

Die Apartheid ist ein unterschätztes System, dachte Grim. Er befürwortete weder die Rassentrennung in Südafrika noch die strikte islamische Parda, die etwa in Saudi-Arabien Männer und Frauen trennte, aber der revolutionäre und erschreckend altruistische Teil seines Denkens sah die Welt unterteilt in Menschen aus Black Spring und Menschen außerhalb von Black Spring. Am liebsten mit einer Menge rostigen Stacheldrahts dazwischen. Wenn möglich unter zehntausend Volt Spannung gesetzt. Colton Mathers, der Ratsvorsitzende, verurteilte diese Einstellung und setzte sich im Sinne der Vorgaben des Pointfür eine kontrollierte Integrationspolitik ein – denn ohne Zuwachs von außen würde Black Spring entweder langsam aussterben oder sich zu einer so inzüchtigen Gemeinschaft entwickeln, dass selbst Amishville in Pennsylvania dagegen wie ein Hippie-Mekka ausgesehen hätte. Allerdings hatte die Expansionspolitik von Colton Mathers den beinahe dreihundertfünfzig Jahren der Vertuschung wenig entgegenzusetzen, was alle Beteiligten sehr erleichterte. Robert Grim stellte sich das Ego des Ratsvorsitzenden wie einen besonders fetten Wasserkopf vor. Er hasste es.

Grim seufzte und rollte mit seinem Stuhl an der Tischkante entlang, um einen Blick auf die Statistiken, Tabellen und Berechnungen zu werfen, die den Bildschirm vor Warren Castillo erfüllten. Castillo trank Kaffee, blätterte im Wall Street Journal und hatte die Füße auf den Tisch gelegt.

»Völlig neurotisch«, sagte Warren, ohne den Blick von der Zeitung zu nehmen.

Grims Hände ballten sich reflexartig. Wieder starrte er auf den Umzugswagen.

Letzten Monat hatte alles so vielversprechend ausgesehen. Der Immobilienmakler hatte das Yuppie-Pärchen zur Hausbesichtigung herbestellt, und Grim hatte seinen Einsatz, den er aus Respekt vor der greisen ehemaligen Bewohnerin »Operation Barphwell« genannt hatte, bis ins letzte Detail vorbereitet. Ein provisorischer Zaun direkt hinter der Grundstücksgrenze, ein Lkw voll Sand, mehrere Betonplatten, ein großes Baustellenschild beschrieben mit POPOLOPEN BASAR & NACHTCLUB, FERTIGSTELLUNG MITTE 2015 sowie versteckte Konzertlautsprecher inklusive Subwoofer, aus denen das Geräusch einer Pfahlramme drang – direkt aus der iTunes-Playlist für New Age und Achtsamkeitsmeditation. Als sich die Überwachungskameras dann auf den Wagen des Maklers richteten, der sich auf der Route 293 näherte, und Grim das Signal gab, war das Gehämmer schwer zu überhören. Zusammen mit Butch Hellers Schlagbohrer, mit dem der angebliche Fliesenleger wie wild die Betonplatten traktierte, klang alles ganz nach einer Großbaustelle für Luftschlösser.

Die Leute hießen Delarosa und kamen direkt aus New York City. Laut der Informationen, die Grim vom Point erhalten hatte, war es dem Mann gelungen, einen Sitz im Stadtrat von Newburgh zu ergattern; die Frau war Kommunikationsberaterin und Erbin eines vermögenden Herrenausstatters. Sie würden zweifellos ihrer Clique aus der Upper East Side von der Wiederentdeckung des Lebens auf dem Lande vorschwärmen, zwei Komma drei aufgeblasene Kinder ausscheiden und in spätestens sechs Jahren dringend zurück in die Großstadt wollen.

Nur wurde die Geschichte genau an diesem Punkt problematisch. Sobald sie sich einmal in Black Spring niedergelassen hatten, gab es kein Zurück mehr.

Deswegen war es unabdingbar, sie davon abzuhalten herzuziehen.

Eigentlich hätte die Effektivität der vermeintlichen Baustelle über jeden Zweifel erhaben sein sollen, trotzdem hatte Grim sicherheitshalber noch drei Kinder aus der Nachbarschaft auf der Upper Reservoir Road postiert. In Black Spring ließen sich immer Teenager finden, die für ein paar Zigaretten oder einen Kasten Bier alles Mögliche taten. Dieses Mal waren es Justin Walker, Burak Şayer und Jaydon Holst, der Sohn des Metzgers. Der Immobilienmakler sah seine Provision im Geiste spätestens dann den Bach runtergehen, als die drei Jungs Bammy Delarosa, kaum dass diese den Wagen verließ, schon der Arbeit als leichtes Mädchen bezichtigt und sie eingeladen hatten, mit ihnen zum rhythmischen Stampfen der Pfahlramme eine Runde Kreiswichsen zu veranstalten.

Damit hätte die Sache eigentlich erledigt sein sollen. Als sich Grim an diesem Abend zufrieden ins Bett zurückzog, gratulierte er sich selbst zu seiner Genialität und schlief sehr schnell ein. Dann ertappte er sich dabei, von Bammy Delarosa zu träumen, die in seinem Traum einen Buckel hatte. Der Buckel hatte einen Mund, der verzweifelt versuchte, sich zu öffnen und zu schreien, was er aber nicht konnte, da er mit Stacheldraht zugenäht war.

»Wappne dich«, sagte Claire Hammer, als Grim am nächsten Morgen den Kontrollraum betrat. Sie hielt ihm ein Blatt Papier hin. »Du wirst es nicht glauben.«

Grim wappnete sich nicht. Er las die ausgedruckte E-Mail. Colton Mathers war außer sich. Er warf HEX eine herbe Fehleinschätzung vor. Der Immobilienmakler hatte angefangen, Fragen über das Schild mit der Aufschrift POPOLOPEN BASAR & NACHTCLUB, FERTIGSTELLUNG MITTE 2015 zu stellen. Grim verfluchte Mrs. Barphwells plötzlichen Tod, denn ihre Verwandschaft hatte einen Makler aus Newburgh kontaktiert und eben nicht Heimat & Grund von Donna Ross aus Black Spring, die von Grim dafür bezahlt wurde, Interessenten von außen eher abzuwimmeln, als anzuziehen. So oder so haben wir es hier mit Ortsfremden zu tun, schrieb Mathers. Und du bist einmal mehr viel zu kreativ, was die Auslegung deiner Pflichten anbelangt. Wie um Himmels willen soll ich uns aus diesem Schlamassel wieder herausziehen?

Das war die Sorge des Ratsvorsitzenden. Grims Sorge hingegen bestand darin, dass sich die Delarosas in das Grundstück verguckt und auf der Stelle ein Angebot gemacht hatten. Grim unterbreitete unter falschem Namen unverzüglich ein Gegenangebot. Delarosa bot abermals. Grim ebenso. In solchen Fällen war es sehr wichtig, so lange Zeit zu verschwenden, bis die potenziellen Käufer das Interesse verloren – Black Spring konnte die Immobilienblase nichts anhaben.

Eine Woche später rief ihn Warren Castillo aus dem Kontrollraum an, während Grim gerade Mittagspause machte und drauf und dran war, in sein Hammelbraten-Sandwich von Griseldas Fleischerei & Delikatessen zu beißen. Der Mercedes der Delarosas war in Black Spring gesichtet worden. Claire war bereits unterwegs. Die Gefahr eines Roten Alarms – einer Sichtung durch Ortsfremde – war gleich null, außerdem hatte Warren bereits zwei weitere Leute in Alarmbereitschaft versetzt. So schnell er konnte, rannte Grim den Hügel hinauf, ernstlich erbost über sein unvollendetes Sandwich. Außer Atem erreichte er die Gedächtnis-Fußgängerbrücke auf der Upper Reservoir Road, wo Claire ihn bereits erwartete.

»Bitte was wollen Sie?«, fragte der New Yorker ungläubig, nachdem sie ihm und seiner unnatürlich gebräunten Frau vor Mrs. Barphwells Bungalow auf die Pelle gerückt waren. Dieses Mal waren die Delarosas ohne ihren Makler gekommen – wahrscheinlich, um sich abermals vom speziellen Charakter des Hauses und seiner Umgebung zu überzeugen.

»Ich will, dass Sie den Kauf dieses Hauses umgehend rückgängig machen«, wiederholte Grim. »Und Sie werden keine weiteren Gebote abgeben, weder auf dieses noch auf irgendein anderes Grundstück in Black Spring. Die Gemeinde ist bereit, Ihnen für die entstandenen Unannehmlichkeiten einen Beitrag von fünftausend Dollar zu zahlen, den Sie zum Kauf eines anderen Grundstücks an einem beliebigen Ort nutzen können – solange es nicht hier in Black Spring ist.«

Die Delarosas starrten die beiden HEX-Beauftragten mit unverhohlener Fassungslosigkeit an. Es war ein heißer Tag, und selbst hier im Schatten des Black Rock Forest spürte Grim einen Schweißtropfen seine zunehmend schüttere Schläfe herablaufen. Er war davon überzeugt, mit seiner erstarkenden Glatze aus der Masse herauszustechen. Für Yuppies und echte Frauen waren Glatzen aufregend. Obwohl er schon Mitte fünfzig war, bot Robert Grim dank seiner schieren Größe, der Hornbrille und der schicken Krawatte einen einschüchternden Anblick; außerdem war Claire Hammer neben ihm eine beeindruckend schöne Frau, bis auf die etwas zu hohe Stirn, die sie vielleicht nicht dermaßen akzentuieren sollte.

Auf dem Weg zum fraglichen Grundstück hatten sie sich darüber unterhalten, wie sie die Situation angehen sollten. Claire bevorzugte einen emotionalen Ansatz mit irgendeiner tränenreichen Geschichte über Familienbande und Kindheitserinnerungen. Grim hingegen war davon überzeugt, dass man im Angesicht solcher karriereversessenen Streber besser direkt aus der Hüfte schoss, weshalb er ihre Argumente geflissentlich ignorierte. Was allerdings auch an ihrer Stirn lag. Sie lenkte ihn furchtbar ab. Frauen mit derart hoher Stirn hatten etwas Überflüssiges an sich – vor allem, wenn sie sie derart betonen mussten.

»Aber … warum?«, fragte Mr. Delarosa, nachdem er endlich die Sprache wiedergefunden hatte.

»Wir haben unsere Gründe«, sagte Grim ungerührt. »Es ist nur zu Ihrem Besten, sofort zu verschwinden und dieses Haus zu vergessen. Die Einzelheiten der Vereinbarung können wir gerne vertraglich festlegen …«

»Zu welcher Behörde wollen Sie überhaupt gehören?«

»Irrelevant. Ich verlange, dass Sie den Kauf annullieren, im Gegenzug erhalten Sie von uns fünftausend Dollar. Es gibt ein paar Dinge im Leben, die man mit Geld nicht kaufen kann. Für alles andere haben Sie uns.«

Delarosa sah ihn an, als habe Grim soeben verkündet, seine Frau in aller Öffentlichkeit auf dem örtlichen Schafott exekutieren zu wollen. »Glauben Sie, ich bin vollkommen durchgedreht?«, schrie er entrüstet. »Was glauben Sie denn, wen Sie vor sich haben?«

Grim schloss die Augen und schob das Kinn vor. »Denken Sie an das Geld.« Er persönlich dachte an Zyankali. »Werten Sie es als normales Geschäftsangebot.«

»Ich lasse mich doch nicht vom erstbesten dahergelaufenen Nachbarschaftswächter bestechen! Meine Frau und ich lieben dieses Haus und werden morgen den Kaufvertrag unterzeichnen. Sie sollten heilfroh sein, wenn ich keine Anzeige erstatte.«

»Hören Sie. Mrs. Barphwells Dach war jeden Herbst undicht. Letztes Jahr haben die Böden erheblich unter dem Wasserschaden gelitten. Das hier«, sagte Grim und gestikulierte mit beiden Händen, »ist eine Bruchbude. In Highland Falls gibt es wunderbare Anwesen – genauso ländlich gelegen, darüber hinaus direkt am Hudson, außerdem sind die Grundstückpreise dort niedriger.«

»Wenn Sie glauben, dass Sie mich mit fünftausend Dollar abwimmeln können, sind Sie schiefgewickelt«, sagte Mr. Delarosa. Dann schien ihm ein Gedanke zu kommen. »Sind Sie diese Spaßvögel vom Basar & Nachtclub da drüben? Warum zum Teufel tun Sie das?«

Grim machte den Mund auf, aber Claire war schneller. »Wir können Sie einfach nicht ausstehen«, keifte sie. Grim wusste, wie unangenehm ihr diese Rolle war, trotzdem war sie wie üblich in Bestform. »Feine Pisser aus der Großstadt können wir hier nicht leiden. Ihr verpestet die ganze Luft.«

»Eine kleine Kostprobe unseres Inzuchthumors hier«, sagte Grim verschwörerisch. Er wusste, dass sie den Fall soeben verloren hatten.

Bammy Delarosa glotzte ihn dämlich an, wandte sich an ihren Gemahl und fragte: »Was meinen die damit, Schatz?« Robert Grim stellte sich bildlich vor, dass ihr Gehirn unter der Sonnenbank vollkommen verschmort war und jetzt nur noch als Schlacke die Innenwand ihres Schädels verklebte.

»Psst, Liebes«, sagte Mr. Delarosa und zog sie an sich. »Verschwinden Sie, bevor ich die Polizei rufe!«

»Das werden Sie bereuen«, sagte Claire, während Grim sie bereits wegzog.

»Vergiss es, Claire. Hat alles keinen Zweck.«

Am Abend rief er Mr. Delarosa auf seinem Handy an und flehte inständig, er möge den Kauf abblasen. Als der Mann ihn fragte, warum er sich solche Mühe gab, erzählte Grim ihm, dass Black Spring unter einem dreihundert Jahre alten Fluch litt, der auch sie heimsuchen würde, sollten sie sich tatsächlich hier niederlassen. Sie würden bis an ihr Lebensende verflucht sein, denn in Black Spring gab es eine böse Hexe. Delarosa legte auf.

»Fick dich!«, schrie Grim jetzt, während er auf dem Monitor die Möbelpacker betrachtete. Er warf seinen Kugelschreiber auf den großen Bildschirm. Alle zwanzig umliegenden Monitore sprangen auf andere Kameras um und zeigten diverse Bewohner des Ortes beim Herumlungern. »Ich hab versucht, dir einen beschissenen Gefallen zu tun!«

»Entspann dich«, sagte Warren, faltete seine Tageszeitung und legte sie vor sich auf den Tisch. »Wir haben getan, was wir konnten. Vielleicht ist er eine eingebildete, schwanzlutschende Arschgeburt, aber jetzt ist er unsere eingebildete, schwanzlutschende Arschgeburt. Und seine Alte ist schon ein ziemlich scharfes Gerät.«

»Ferkel«, sagte Claire.

Grim bohrte seinen Finger in den Bildschirm. »Der Stadtrat sitzt jetzt garantiert da und reibt sich die Hände. Und wer darf den ganzen Saustall aufräumen, sobald die beiden Alarm schlagen?«

»Wir«, sagte Warren. »Das ist schließlich unsere Spezialität. Mann, jetzt lass mal ’n bisschen Dampf ab. Sei froh, dass wir was Neues zum Wetten haben. Fünfzig Mäuse auf Erstkontakt zu Hause.«

»Fünfzig?« Claire war schockiert. »Du spinnst doch. Rein statistisch spielt sich der Erstkontakt nie zu Hause ab.«

»Ich hab’s im Urin, Baby«, sagte Warren und fing an, mit den Fingern auf der Tischkante zu trommeln. »Ich an ihrer Stelle würde ja sofort mal vorbeischauen, um mir das Frischfleisch anzusehen, wenn ihr versteht, was ich meine.« Er zog die Augenbrauen hoch. »Wer ist dabei?«

»Fünfzig Dollar – die Wette gilt«, sagte Claire. »Ich sage, dass sie sie als Erstes auf der Straße sehen.«

»Die Überwachungskameras«, fiel Marty Keller, ihr Onlinedaten-Analyst, aus der anderen Ecke des Raums ein. »Und ich erhöhe auf fünfundsiebzig.«

Die anderen starrten ihn an, als habe er den Verstand verloren. »Die Dinger sieht man doch nicht, wenn man nicht weiß, dass sie da sind«, sagte Warren.

»Der bestimmt.« Marty bedachte den Monitor mit einem Nicken. »Er ist genau der Typ dafür. Er wird die Kameras entdecken und anfangen, Fragen zu stellen. Fünfundsiebzig.«

»Bin dabei«, sagte Claire entschlossen.

»Ich auch«, sagte Warren, »und die erste Runde Drinks geht auf mich.«

Marty tippte Lucy Everett an, die neben ihm am Tisch saß und Telefongespräche abhörte. Sie nahm die Kopfhörer ab. »Was denn?«

»Machst du bei der Wette mit? Fünfundsiebzig Mäuse.«

»Klar doch. Erstkontakt zu Hause.«

»Nix da, das war meine Wette, verdammt!«, rief Warren.

»Dann musst du dir den Gewinn wohl mit Warren teilen«, sagte Marty. Lucy drehte sich um und warf Warren eine Kusshand zu. Warren wischte sich die Wange ab und ließ sich auf seinen Stuhl fallen.

»Was ist mit dir, Robert? Bist du dabei?«, fragte Claire.

Grim seufzte. »Ihr seid noch widerwärtiger, als ich gedacht habe. Alles klar, sie werden als Erstes im Ort von ihr hören. Es gibt doch immer irgendwen, der die Klappe nicht halten kann.«

Marty schnappte sich einen Textmarker und notierte alles auf dem Whiteboard. »Fehlen nur noch Liz und Eric. Ich schreib denen gleich ’ne Mail. Wenn sie auch dabei sind, haben wir einen Topf von … fünfhundertfünfundzwanzig Dollar. Das wären dann immer noch zweihundertfünfundsiebzig für dich, Warren.«

»Zweihundertzweiundsechzig, Schatz«, sagte Claire.

»Schweig still, Drachenfrau«, sagte Warren mürrisch.

Robert Grim schlüpfte in seinen Mantel, um im Ort ein Stück Pecan Pie zu ergattern. Seine Stimmung war für den Rest des Tages im Eimer, aber immerhin würde er sich an ein wenig staatlich subventioniertem Nusskuchen gütlich tun können. Obwohl er ohne Vollmacht des Stadtrats über keinerlei Amtsgewalt verfügte und er seinem Kontakt beim Pointvierteljährlich alle örtlichen Vorkommnisse melden musste, war Grim die Exekutive in Black Spring. Er hatte ein Talent dafür, Fördermittel aus dem »Fass ohne Boden«, wie er es nannte, zu akquirieren. Aus diesem Fass stammten nicht nur die Jahresgehälter der sieben HEX-Angestellten, sondern auch die Finanzierung der über vierhundert Überwachungskameras inklusive Betriebssystem und des gefilterten Servers, über den der ganze Ort am Internet hing. Des Weiteren ein paar höchst gelungene Partys (mit exzellentem Wein) zum Abschluss der Ratsversammlungen und Gratis-iPhones für alle Leute, die als Einwohner der verbindlichen Meldeverordnung unterlagen und lieber die HEX-App als die Hotline benutzen wollten. Letzteres hatte Grim unter den jüngeren Leuten im Ort zu einer gefeierten Persönlichkeit werden lassen, und nicht selten konnte man ihn dabei erwischen, wie er sich Tagträumereien über irgendeine junge (und meist langbeinige) Brünette aus dem Ort hingab, die ihn im Kontrollraum aufsuchen könnte, um sich inmitten der Berge von Requisiten, die oftmals in Duftwolken von Verfall aus dem siebzehnten Jahrhundert vor sich hin moderten, von den legendären Abmessungen seines Kultstatus zu überzeugen.

Robert Grim war zeitlebens Single geblieben.

»Übrigens haben wir eine E-Mail von John Blanchard bekommen«, sagte Marty, als Grim gerade gehen wollte. »Du weißt schon, der Schafzüchter im Wald, der da bei Ackerman’s Corner wohnt.«

»Ach Gott, ausgerechnet der«, sagte Warren und hob die Augenbrauen gen Himmel.

»Er schreibt, dass sein Schaf Jackie ein Lamm mit zwei Köpfen geboren hat. Totgeburt.«

»Mit zwei Köpfen?«, fragte Grim ungläubig. »Das ist ja furchtbar! So was ist seit Henrietta Russos Baby nicht mehr passiert, und das war anno 91.«

»Bei seiner Mail ist es mir kalt den Rücken runtergelaufen. Der hat ’ne Menge über Prophezeiungen und Omen und irgendwas namens der Neunte Kreis oder so geschrieben.«

»Ignorieren«, sagte Warren. »Bei der letzten Ratsversammlung hat er erzählt, dass er seltsame Lichter am Himmel gesehen hat. Er sagte, dass ›die Ungläubigen und die Sodomiten für ihren Hochmut und ihre Habsucht gerichtet werden‹. Der Typ ist vollkommen bescheuert. Der sieht sogar in ’ner Morgenlatte noch ein Omen.«

Marty wandte sich an Grim. »Frage ist, sacken wir das Ding ein? Hier ist das Foto aus dem Anhang.« Er tippte sein Touchpad an. Auf dem Bildschirm tauchte das Foto eines ekelhaft fleischigen, toten Dings auf, das im Dreck lag – und tatsächlich, man konnte problemlos die beiden deformierten Köpfe des Lamms erkennen. Jackie hatte ihr totes Kind nicht einmal trockenlecken wollen. Sie war etwas verschwommen im Hintergrund zu erkennen, wo sie Heu fraß und den monströsen Fötus demonstrativ ignorierte.

»Uääh, was für eine Missbildung«, sagte Grim und wandte sich ab. »Ja, lasst Dr. Stanton einen Blick drauf werfen, dann kommt es in Formaldehyd zu den anderen Exemplaren ins Archiv. Außer mir irgendwer Bock auf Pecan Pie?«

Da alle Anwesenden ein lautes »Iiih« ertönen ließen, bekam Grim zuerst gar nicht mit, dass Claire als Einzige leise »Scheiße« sagte. Er hielt die Türklinke schon in der Hand, als sie sich wiederholte. »Nein, im Ernst, Robert. Scheiße. Marty – das Barphwell-Grundstück auf den großen Schirm.«

Marty zog das Foto des toten Lamms zur Seite aus dem Blickfeld. Die Möbelpacker kamen wieder ins Bild.

»Nein, nimm die Kamera auf dem Grundstück. D19 … 064.«

Grim erbleichte.

Die Überwachungskamera hing an einer Straßenlaterne direkt vor der Parzelle mit Delarosas frischerworbenem Bungalow und blickte den Hang hinunter, wo sich die Upper Reservoir Road in den Ausläufern des Black Rock Forest verlor. Rechts parkte der Umzugswagen, an dem die Arbeiter Kartons von der Rampe hoben und dann am unteren Bildschirmrand verschwanden. Ansonsten war die Straße leer, bis auf eine Stelle etwa achtzehn Meter weiter links den Hügel hinauf. Auf der anderen Straßenseite stand eine Frau im Garten eines flachen Hauses. Sie beachtete die Möbelpacker nicht, sondern schien reglos den Hügel hinabzustarren. Nur musste Robert Grim nicht genauer hinsehen, um zu wissen, dass sie keineswegs starrte. Panik überkam ihn.

»So ein Mist!«, schrie er. Er hob die rechte Hand und legte sie über den Mund. »Verdammt, wie zum Teufel kann das sein …« Er rannte zu seinem Tisch zurück und überflog mit gehetztem Blick den Monitor.

Noch verstellte der große Lastwagen dem Yuppie-Pärchen und den Möbelpackern die Sicht. Sobald aber irgendein Trottel um die Laderampe herumging, würde man sie sofort sehen. Alarmstufe Rot hoch vier, zur Hölle. Sie würden sich auf der Stelle an den Notruf wenden: eine brutal verstümmelte, unterernährte alte Frau – ja, sie sieht völlig verwahrlost aus; schicken Sie sofort einen Krankenwagen und die Polizei. Oder schlimmer noch: Sie könnten versuchen, ihr eigenhändig zu helfen. Was katastrophale Folgen hätte.

»Was hat sie denn da zu suchen, Himmel noch mal? War sie nicht eben noch bei den Grants im Haus?«

»Ja, bis …« Claire konsultierte ihr Logbuch. »Zumindest bis acht Uhr siebenunddreißig heute Morgen, als der Junge in der App vermerkt hat, dass er sich jetzt auf den Weg in die Schule macht. Danach war niemand mehr im Haus.«

»Wie kriegt die alte Schachtel das immer spitz?«

»Entspann dich«, sagte Warren. »Sei lieber froh, dass sie nicht schon bei denen im Wohnzimmer steht. Sie steht doch mitten auf ’nem Rasen; wir nehmen einfach die alte Wäschespinne – Bettwäsche inklusive. Du bist mit Marty in fünf Minuten da. Ich ruf die Bewohner des Hauses oder einen der Nachbarn an und sorg dafür, dass man sie so lange mit einem Laken abdeckt.«

Grim rannte zum Ausgang und zog Marty hinter sich den Gang entlang. »Das hat mir echt noch gefehlt.«

»Wenn sie einer sieht, sagen wir einfach, sie gehört zum Dorffest«, sagte Warren. Er warf Grim ein Lächeln zu, das eher zu einer Salsa-Party mit Mojito passte als zu einer Situation, in der Menschen sterben konnten, und scheiterte spektakulär mit seinem Versuch, Grim zu beruhigen. »Ein Späßchen der Anwohner, um die Frischlinge willkommen zu heißen. Uuuuh, was so ein bisschen Vorstellungskraft alles bewerkstelligen kann. Es ist doch bloß eine Hexe.«

Robert Grim wirbelte im Türrahmen herum. »Wir sind hier nicht bei Hänsel und Gretel, verfluchte Scheiße!«

3

Der letzte warme Tag des Jahres war ins Land gezogen. Das neue Semester hatte schon vor Wochen begonnen, und Steve Grant gewöhnte sich langsam wieder an das Wechselspiel zwischen dem Unterricht an der New York Med und seinen Pflichten als Projektleiter im Forschungszentrum. Jocelyn arbeitete dreieinhalb Tage die Woche im Naturkundemuseum der Hudson Highlands in Cornwall, und die Jungs arrangierten sich allmählich mit dem neuen Schuljahr an der O’Neill High School in Highland Falls, wenn auch mit der zu erwartenden Unlust. Tyler hatte es mit Hängen und Würgen irgendwie durch die Elfte geschafft und musste jetzt Nachhilfe in Mathe nehmen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Daher war er leicht erregbar. Tyler war ein Mann der Wörter, nicht der Zahlen, und falls er dieses Jahr überstand – ein ziemlich dickes »falls«, wie Steve befürchtete –, wollte er auch mit Sprache arbeiten. Am liebsten Journalismus an der NYU in der Stadt, auch wenn er dann jeden Tag pendeln musste. Ein Zimmer auf dem Campus wäre bei dieser Entfernung nach Black Spring viel zu gefährlich. Es würde schleichend beginnen, zu Anfang fast unmerklich … aber irgendwann würde es ihn heimsuchen, und dann vielleicht so plötzlich, dass er es nicht kommen sah.

Matt hatte das erste Jahr der Mittelstufe mit Bravour gemeistert und war mit all den hyperaktiven Stimmungsschwankungen voll entbrannter Pubertät in das zweite gestartet. Er umgab sich hauptsächlich mit Mädchen aus seiner Stufe und schien nicht nur ihr endloses Gekicher, sondern auch ihre wilden PMS-Ausbrüche zu teilen. Man konnte ihn mit allen möglichen Kleinigkeiten in null Komma nichts auf die Palme bringen. Jocelyn hatte schon vor einiger Zeit ihre Besorgnis geäußert, Matt könnte sich noch dieses Jahr oder spätestens im nächsten outen, und obwohl er die Bemerkung mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert hatte, ging Steve davon aus, dass sie richtiglag. Der Gedanke bereitete ihm Sorgen; nicht weil er oder seine Frau konservative Ansichten hegten, sondern weil er Matt noch immer als das betrachtete, was er stets gewesen war: ein liebenswertes, verletzliches Kind.

Die werden tatsächlich immer älter, dachte er mit einem Anflug von Wehmut. Und wir werden alt. Auch für uns gibt es keine Ausnahme. Irgendwann werden wir alle alt… und zwar in Black Spring.

Mit solcherlei finsteren Gedanken ging er den Pfad zum Reitzirkel am Ende des Gartens entlang. Es war schon fast elf Uhr, trotzdem war die Luft noch erstaunlich warm. Ein typischer Spätsommerabend ohne einen Hauch von Herbst, auch wenn laut WAMC für den nächsten Tag Regen angesagt war. Vor ihm erhob sich dichter Wald, still und rabenschwarz. Steve pfiff nach Fletcher, der sich irgendwo da draußen verstecken musste.

Jenseits des Zauns glühte Pete VanderMeers Zigarette in der Dunkelheit. Steve hob die Hand. Pete legte wohlwollend zwei Finger an die Schläfe. Pete war Soziologe aus Leidenschaft und saß oft bis in die frühen Morgenstunden schmauchend im Garten. Vor ein paar Jahren hatte er sich aufgrund seiner rheumatischen Arthritis in den Vorruhestand versetzen lassen. Seitdem verdiente seine Frau Mary die Brötchen. Pete war fünfzehn Jahre älter als Steve, sein Sohn Lawrence allerdings genauso alt wie Tyler. Im Lauf der Jahre hatte sich zwischen den beiden Familien eine enge Freundschaft entwickelt.

»’n Abend, Steve. Versuchst du, dem Sommer noch ein paar nette Stündchen abzutrotzen?«

Er lächelte. »So viele wie möglich.«

»Genieß es, solange es geht. Ein Sturm zieht auf.«

Steve legte die Stirn in Falten.

»Hast du’s noch nicht gehört?« Pete ließ eine dichte Rauchwolke entweichen. »Wir haben Frischfleisch bekommen.«

»Ach du Schande«, sagte Steve. »Was sind das für Leute?«

»Ein Pärchen aus der Stadt, noch ziemlich jung. Er hat ein Jobangebot aus Newburgh bekommen. Ich musste direkt an euch beide damals denken.« Eins der Pferde wieherte leise. »Bittere Kiste. Es ist einfacher, wenn man wie ich hier geboren wurde. Sie werden’s schon schaffen – vorausgesetzt, ihre Ehe ist stark genug. Die meisten kommen ja durch. Aber dir brauche ich das wohl kaum zu erzählen.«

Steve lächelte schicksalsergeben. Auch er und Jocelyn waren ursprünglich nicht von hier. Sie hatten vor achtzehn Jahren ihr frisch renoviertes Refugium im Kolonialstil bezogen, als Jocelyn gerade mit Tyler schwanger gewesen war und Steve eine Stelle als Allgemeinmediziner in der Praxisgemeinschaft an der New York Med angenommen hatte. Noch bevor sie Atlanta den Rücken gekehrt hatten, waren Probleme beim Kauf des Hauses aufgetreten – ein griesgrämiger Makler und unerwartete Schwierigkeiten beim Einrichten der Hypothek. Trotzdem war es der ideale Platz, um Kinder großzuziehen, eingebettet in die Wälder des Hudson Valley und in brauchbarer Entfernung, um zum Campus zu pendeln.

»Um derentwillen kann ich nur hoffen, dass die Frau bei dieser Entscheidung auch was mitzureden hatte«, sagte Steve. »Ich danke den Felsbrocken immer noch jeden Tag von ganzem Herzen.«

Pete legte den Kopf in den Nacken und lachte. Jocelyn hatte damals an ihrer Geologie-Promotion gesessen und sich sofort in das Geschiebe verliebt, Überbleibsel der Gletscher, die entlang der gesamten Deep Hollow Road zu finden waren, von ihrem Grundstück bis ins Zentrum des Städtchens. Steve hatte sich nie getraut, das laut auszusprechen, aber er vermutete, dass die Felsbrocken ihre Ehe gerettet hatten. Wäre der Umzug nach Black Spring allein seinetwegen erfolgt, hätte Jocelyn ihm das möglicherweise niemals verzeihen können. Auch wenn sie es gewollt hätte, wäre ihr Groll wahrscheinlich einfach zu groß gewesen.

»Ach, im Endeffekt wird der Ärger auch verrauchen«, sagte Pete. »Natürlich werden sie sich hier nie ganz heimisch fühlen … dafür wird Black Spring sie besitzen, so viel ist sicher.« Er zwinkerte Steve verschwörerisch zu, als seien sie zwei Lausbuben, die ein Geheimnis verband. »Wie dem auch sei, ich muss langsam ins Bett. Irgendwann die Tage kommt da noch ’ne Menge Arbeit auf uns zu.«

Sie wünschten sich gegenseitig eine gute Nacht, und Steve verließ den Garten, noch immer auf der Suche nach Fletcher. Aus dem Stall drang das Geräusch eines Pferds – entweder Paladin oder Nuala. Ein sanftes Schnauben, rastlos und doch irgendwie intim. Trotz der strengen Auflagen kam Steve nicht umhin, das Leben in Black Spring zu lieben. Hier in der Dunkelheit am Waldrand überkam ihn ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit – eine Anwandlung, die wie so viele Auswüchse der menschlichen Psyche kaum rational erklärt werden konnte und doch zweifellos authentisch war. Steve war zu sehr Wissenschaftler, um an etwas Spirituelles wie die Kraft eines Ortes zu glauben, dennoch gab es in ihm einen primitiveren, intuitiven Kern, der sich sicher war, dass sein Nachbar recht hatte. Dieser Ort war ihr Gebieter; und selbst jetzt, im Windschatten dieses Spätsommerabends, war zu spüren, dass der Ort selbst einem noch älteren Wesen untertan war. Ihr Haus stand direkt am Saum des Naturschutzgebiets Black Rock Forest am Fuß des Mount Misery. Diese Hügelkette, in vergangenen Eiszeiten von Gletschern erbaut und durch Schmelzwasser in Form gebracht, hatte auf die Menschen, die sich in dieser Region niederließen, schon seit jeher eine besondere Anziehungskraft ausgeübt. Wer hier grub, würde recht schnell auf Überreste alter Siedlungen der Munsee und Mohikaner stoßen. Als später niederländische und englische Siedler eingedrungen waren und die Indianer von ihren Flüssen vertrieben hatten, behielt die urbar gemachte Wildnis dennoch ihren Charakter, und allerlei heidnische Kulte praktizierten in den Hügeln ihre Rituale. Steve war mit der geschichtlichen Sachlage vertraut … die Verbindung, die allerdings noch kein Historiker gezogen hatte, war der Einfluss der Gegend selbst. Denn das war eine irrationale Verbindung, die man nur ziehen konnte, wenn man hier lebte … und ihr unterworfen war.

Zugegeben, die ersten Jahre waren alles andere als einfach gewesen.