Hexentinte - Dominic Mertins - E-Book

Hexentinte E-Book

Dominic Mertins

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Beschreibung

Tattoo-Fans aufgepasst: Inka ist zurück. Doch die Ruhe nach dem Sturm fühlt sich trügerisch an. Nach dem Überfall versucht Inka, zur Normalität zurückzufinden. So normal es eben sein kann, wenn man mit magischen Tätowierungen lebt und ständig auf der Jagd nach ihnen ist. Für einen Moment scheint genau das möglich. Doch dann passiert etwas, das alles verändert. Etwas, das ihr zeigt, wie zerbrechlich Sicherheit wirklich ist. Die Bedrohung kommt leise und ohne Vorwarnung. Da ist nur ein Gefühl, das sich unter ihre Haut schiebt. Und plötzlich steht sie einem Hexenzirkel gegenüber. Zum Glück hat sie ihren bissigen Humor, ihren unerschütterlichen Sturkopf und Schnursula, die Diva auf vier Pfoten, an ihrer Seite.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 499

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Dominic Mertins

HEXEN

TINTE

Impressum

© 2025 Dominic Mertins

Website: www.dominic-mertins.de

Coverdesign und Umschlaggestaltung: Florin Sayer-Gabor - www.100covers4you.com unter Verwendung von Grafiken von Adobe Stock: Chrixxi

Korrektorat von: Vanessa Tews

Illustrationen von: Sabine »Wölfi« Wolfmeier

Satz & Layout von: Bleeding Colours Coverdesign

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Dominic Mertins c/o Block Services, Stuttgarter Str. 106, 70736 Fellbach, Germany.

Für all jene, die das Leben mit seinen unerbittlichen Stürmen und unerwarteten Hürden geprüft hat. Es gibt Tage, die uns zu Boden werfen, und Nächte, die uns die Hoffnung rauben. – Findet den Mut, weiterzumachen, denn nach jedem Unwetter strahlt der Sonnenschein umso heller.

Inhalt

Content Notes

Was bisher geschah - Schnursulas Sicht der Dinge

Heimkehr

Tödliches Tarot

Machtlos

Kreative Cocktails

Hochzeit

Florales Ambiente

Eine Mischung aus Missgunst und Angst

Lady Toffee

Auf der Suche nach Magie

Wahnsinn

Die Emotionen werden greifbar

Die Kreativen

Trankhexe

Nicht alles, was glänzt, ist auch aus Gold

Lagerlogistik des Grauens

Zurück im Hexenwald

Pentagramm

Hexenjägerin

Familienessen

Akkorde aus Asche und Tod

Magisches Ritual

Wenn Wahnsinn und Magie sich vereinen

Nachts sind alle Hexen schwarz

Auf der Suche nach dem Monster unter dem Bett

Jetzt ist aber wirklich Schluss

Danksagung

Bonus: Hinter der Bühne

Über mich

Werbung

Content Notes

Liebe Leserinnen und Leser,

bevor ihr in diese Geschichte versinkt, möchte ich euch darauf hinweisen, dass in den Seiten dieses Buches ein paar Themen verwoben sind, die unangenehm zu lesen oder im schlimmsten Fall sogar triggernd sind.

Es gibt Szenen, die ein Thema beiläufig erwähnen, aber auch Passagen, die explizit darauf eingehen.

Meine Geschichte umfasst:

- Alkoholismus / Alkoholsucht / missbräuchlicher Umgang mit Alkohol

- Suchtverhalten

- Toxische Beziehungen / missbräuchliches Verhalten in diesen

- Mobbing / insbesondere Bodyshaming / Essstörungen

- Toxische Familienverhältnisse

- Gewalt / Verstümmelungen

- Homophobe Äußerungen

- Suizid

Der Fokus meiner Geschichte liegt nicht auf Spice. Es gibt aber explizite Sexszenen, mit denen du rechnen musst. Diese sind so platziert, dass man im Zweifel einfach springen kann.

Mir liegt es fern, dich zu triggern! Wenn du an dieser Stelle das Gefühl hast, dass mein Buch eine Herausforderung für dich werden könnte, dann leg es bitte weg.

Sollte es auf den Seiten dazu kommen, dass meine Worte ein Unbehagen in dir auslösen, dann tut es mir leid.

Für all diese triggernden Themen gibt es Beratungsstellen, die dir weiterhelfen können. Bitte zögere nicht und nimm Beratungsangebote an, wenn du das Gefühl hast, dass du sie brauchst.

Was bisher geschah

Schnursulas Sicht der Dinge

Hat dieser bescheuerte Autor jetzt über ein Jahr gebraucht, damit es mit meiner wundervollen Geschichte weitergeht? Was macht der nur den ganzen Tag ... trollt der sich nur auf TikTok rum und produziert affige Videos von sich? Dabei weiß doch jeder, dass lustige Katzenvideos besser ankommen als ein, in die Jahre gekommener, Autor.

Ich gehe davon aus, dass euch mein Teil der Geschichte im Gedächtnis geblieben ist, doch der von Inka hat sich sicher schon in Luft aufgelöst. Oder? Ich könnte es verstehen, denn der Knaller ist die Guteste nicht.

Also, hier die Kurzfassung:

Unsere kleine Schnapsdrossel Inka hat aufgrund ihres Alkoholproblems und der Tatsache, dass ihre Kindheit für die Katze war (hah, Wortspiel), über zehn Jahre nicht gemerkt, dass manche ihrer Tattoos den Kunden magische Fähigkeiten verliehen haben.

Unter anderem hat sie sich an mir vergriffen und so kam es dazu, dass diese Weltklasse Katze hier jetzt in der Lage ist, mit euch zu quatschen. - Darüber könnt ihr echt froh sein, denn das vorangegangene Buch wäre nur halb so unterhaltsam ohne mich.

Verraten, dass ich sprechen kann, hab ich ihr aber eine ganze Zeit lang nicht. Inka war so durch, dass sie sich nur selbst eingewiesen hätte ... und wer hätte mich dann gefüttert?

Leider sind nicht alle ihrer magisch begabten Kunden so liebenswürdig wie ich. Aber wer ist das schon? So kam es dazu, dass einer ihrer Mutanten sie eines Abends angegriffen hat. Mitten in der Nacht auf einem gruseligen Parkplatz.

Es sah echt übel aus für Inka, doch in einem Moment der Verzweiflung hat sie dann festgestellt, dass sie ebenfalls über Superkräfte verfügt. Tattookünstler scheinen eine Vorliebe dafür zu haben, ihre Haut zu Übungszwecken zu verschandeln. Und so hat Inka sich selbst eine Portion Magie verpasst, ohne es überhaupt zu wissen.

Sie hat sich nicht darüber gefreut, dass sie eine verdammte Superheldin ist. Inka ist wieder vollkommen ausgeflippt. Statt sich auf ihr eigenes Seelenheil zu konzentrieren, ist sie wie eine Irre den Leuten hinterhergerannt und hat versucht, die magischen Tattoos zu neutralisieren.

Ich hatte ihr geraten, es bleiben zu lassen, doch wer hört schon auf die hoch intelligente, liebenswürdige, königliche, lustige, atemberaubende und samtige Katze? Mir wäre das ja schnuppe gewesen, aber nicht so Inka.

Es gab beispielsweise eine Frau, die das Sättigkeitsgefühl von Lebensmitteln beeinflussen konnte. Die Gute hat aber nicht nur in der Suppenküche ausgeholfen und den Armen eine sättigende Mahlzeit verschafft. Sagen wir mal so, ihrem Mann lag das Pausenbrot ziemlich schwer im Magen. Hat regelrecht KAHBUMM gemacht.

Einer ihrer Kunden hatte eine Bauchtasche auf dem Bauch tätowiert, in der Platz für jede Menge Zeug war. Gartenstühle, Drogen und sogar sterbenskranke Menschen.

Ein anderer konnte die Zeit anhalten. Ich fange lieber nicht an zu erzählen, was der alles angestellt hat. Und es gab da auch noch nen gruseligen Kerl, der hat Leute in Puppen verwandelt, um sie zu sammeln.

Im Laufe der Geschichte hat sie dann einen heißen Wikingerbibliothekar namens Arvid kennengelernt. Mein lieber Scholli ... wenn ihr diesen Hintern gesehen hättet ... ich hätte Inka am liebsten geschüttelt und gewürgt, als sie ihn in den Wind geschossen hat. Aber ohne Hände ist das zu ihrem Glück ein Ding der Unmöglichkeit. Dieser Traum von einem Kerl war nicht nur eine wandelnde Green-Book-Boyfriend-Flag, sondern hat sie auch darüber aufgeklärt, dass sie eine Kreative ist.

Da musste erst ein Mann kommen, um sie darauf aufmerksam zu machen, was da so in ihr steckt?!

Und kurze Zeit später tanzt sie dann mit nem Bürohengst namens Fabian an. Dass in diesem Typen kein Funken Menschlichkeit vorhanden ist, hätte man ihm an der Nasenspitze schon ansehen können. Aber wer zehn Jahre lang nicht checkt, wie besonders die eigene Kunst doch ist, schnallt auch sowas nicht.

Und wisst ihr, was mich am meisten aufregt? Nicht dass der Typ unseren Wohnwagen in die Luft gesprengt hat.

BOOM.

Einfach so.

Der Wagen war eh ein hässliches Ding. Allerdings hatte ich mir hinter der Sitzgarnitur Leckerchen für schlechte Zeiten zurückgelegt. Und wisst ihr was? Die werden mittlerweile nicht mal mehr produziert. Durch diesen Vollpfosten wird meine Zunge etwas derart Köstliches nicht mehr kosten können.

Jedenfalls standen wir nun da. Mitten auf einem Autobahnparkplatz mit brennendem Zuhause im Hintergrund. Eine ominöse Nachricht, die auf Inka wartete und einem heißen Wikingerbibliothekar, der uns zur Hilfe kam. - Aber ohne Leckerchen ... Ob dieser Band auch ein solches Trauerspiel wird? Ich meine, wir sprechen von Inka, das wird er sicherlich.

Heimkehr

Kerzengerade saß ich im Bett. Der Schweiß perlte mir von der Stirn, glitt meinen Nasenrücken hinunter bis zur Spitze und tropfte aufs Laken. Ob die letzten Monate nur ein böser Traum waren?

Toffee kicherte und zerstörte damit die Illusion von Normalität. Die Realität traf mich wie ein Schlag. Was hätte ich in diesem Moment nicht alles dafür gegeben, dass mein Leben so normal war wie das von anderen?

Aber was war schon normal?

Eine Tätowiererin zu sein, die in der Lage war magische Tattoos zu stechen? Warum fiel ausgerechnet mir dieses Schicksal vor die Füße? Zehn Jahre hatte ich von dem Talent nichts geahnt, was der Grund dafür war, dass es jetzt etliche Menschen mit übernatürlichen Kräften gab.

Ihr fragt euch sicher, warum mir diese Fähigkeit in all der Zeit nicht aufgefallen ist, oder? Sagen wir mal so, mittlerweile bin ich mit mir im Reinen und frage mich das ebenfalls.

Und jetzt ... jetzt war ich auf der Jagd!

Seit ein paar Monaten war ich auf der Suche nach Leuten mit Kräften. Mein Gewissen ließ es nicht zu, dass jemand die von mir verliehenen Gaben für Böses nutzte. Und dass es einen Haufen Menschen gab, die genau das taten, hatte ich am eigenen Leib erfahren.

In den letzten Monaten hatte ich schon einige Motive neutralisiert, doch mir standen noch etliche bevor.

Ich war vielen Situationen ausgesetzt, die mich fast das Leben gekostet hatten. Zeitmanipulation, Vampire und verrückte Puppenspieler waren dabei nur der Anfang. Höhepunkt der letzten Wochen war der eiskalte Serienmörder, der andere Begabte gehäutet hatte, um an ihre Tattoos zu kommen.

Jetzt, da ich an die vergangene Zeit dachte, drang mir der stechende Geruch von Desinfektionsmittel in die Nase, ohne dass es einen Grund dafür gab. Instinktiv stellten sich die Härchen auf meinem Arm auf. Erinnerungen an Fabian und seine klinisch aufgeräumte Wohnung blitzten mir vor dem geistigen Auge auf. Ob ich diesen Geruch je wieder mit etwas Positivem verbinden würde?

Selbst bei der Arbeit überkam mich jedes Mal ein Schauer, wenn ich das Zeug benutzte, dabei hatte ich es bis dahin geliebt. Nichts verkörperte meinen Job so wie dieser Geruch. Als Tätowiererin konnte ich aber nur schlecht darauf verzichten, die Arbeitsfläche zu desinfizieren.

Früher hatte ich Desinfektionsmittel sogar fürs Putzen zuhause genutzt, doch mittlerweile war ich auf einen zitronigen Allzweckreiniger umgestiegen, um den Geruch zu verschleiern. Es half nur wenig, denn auch dieser Duft erinnerte mich an die klinisch reine Wohnung von Fabian.

Wie in den Nächten davor stand ich auf und lief in die Küche. Arvid schnarchte einmal laut, blieb aber im Bett liegen, geweckt hatte ich ihn nicht.

Zum Glück, dachte ich, denn unausgeschlafen war dieser Kerl ein richtiger Grummelkopf. Darauf konnte ich tagsüber echt verzichten. Es vertrug sich nicht mit meiner eigenen Muffeligkeit, wenn mir der Schlaf fehlte.

Mein Blick glitt über Arvids breiten Rücken und den frischen Kratzer auf der Haut, den ich gestern Abend hinterlassen hatte.

»Na? Kannst du wieder nicht schlafen?« Schnursula saß auf dem Küchentisch, leckte sich über ihre Pfote und sah mich mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht an. In der Dunkelheit schimmerten ihre goldenen Augen.

Dass die Katze mit mir sprach, lag nicht an meiner Müdigkeit, sondern daran, dass ich sie mit einem Tattoo verziert hatte. Bevor jetzt das Geschrei groß wird, dass ich eine Tierquälerin bin, keine Sorge, im Normalfall tätowiere ich Tiere nicht.

Auf den Ohren der kleinen Nacktkatze hatte ich aus zwei Hakenkreuzen des Vorbesitzers filigrane Computerchips gezaubert. Nebenwirkung dieser war, dass Schnursula sprechen konnte. Und das war Fluch und Segen zugleich.

Ich lief zur Anrichte und schaltete die Unterbauleuchten an den Hängeschränken an, um besser sehen zu können. Schnursula kniff kurz die Augen zusammen und zuckte mit dem Näschen. Ihre Schnurrhaare vibrierten dabei.

»Nein.« Ein Stöhnen drang aus meinem Mund. »Wann hört das endlich auf?« Ich setzte mich zu der Katze an den Esstisch. »Ich will doch nur eine Nacht mal wieder durchschlafen.«

Der Überfall auf uns war Wochen her. Ich hatte den Bösewicht besiegt und neben ein paar blauen Flecken war mir nichts passiert. Wenn wir von der Explosion und dem anschließenden Brand im Wohnwagen mal absahen. Dennoch schlief ich seit dem keine Nacht mehr durch. Körperlich war ich Fabian haushoch überlegen, doch dafür hatte er sich tief in meinen Kopf gedrängt.

Immer wenn ich die Augen schloss, sah ich sein Lächeln. Manchmal, wenn es still war, hörte ich sogar seine Stimme, die zu mir sagte, wie gerne er ein gemeinsames Leben mit mir führen würde. Eine Gänsehaut überkam mich und ich strich mir über die Arme. Wenigstens zuckte ich nicht mehr zusammen, wenn ich ihn vor mir sah.

Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee drang mir in die Nase und riss mich aus den Gedanken.

»Ich hab vor fünfzehn Minuten bemerkt, dass du dich im Bett hin und her wälzt und dachte, ein Kaffee würde dich erträglicher machen.« Schnursula zwinkerte mir zu. »Dein Gezappel war wieder fürchterlich, ich konnte die Kuschelstunde mit Arvid überhaupt nicht genießen.« Sie kicherte.

Die Katze genoss den großen und kräftigen Mann im Haus. In der Nacht kuschelte sie sich immer in seine muskulösen Arme und forderte es ein zu kuscheln. Ihr Schnurren machte in diesen Momenten ihrem Namen alle Ehre.

Ich selbst bekam die Krallen ab, wenn ich es mich auch nur wagte, mich an sie zu schmiegen.

Mein Blick richtete sich auf die Kaffeemaschine, die eine fertige Kanne braunen Goldes für mich bereithielt. Ein letzter Tropfen plumpste hinein und das Brummen des Geräts ließ nach.

War es nicht praktisch, eine sprechende Katze als Weggefährtin zu haben, die mit ihrer Pfote in der Lage war, Haushaltsgeräte zu bedienen?

Ein Lächeln zuckte über meine Lippen, als ich an den Tag zurückdachte, an dem Schnursula aus Versehen über die Herdplatten gelatscht war. Sie hatte mit ihren Pfoten die berührungsempfindliche Taste berührt, ihn angeschaltet und sich augenblicklich ihren Hintern am Ceranfeld verbrannt. Seitdem machte sie einen großen Bogen um den Herd.

»Übrigens müsstest du mal wieder mein Katzenklo sieben. Da liegt ein Köttel drin. Bis der nicht weg ist, gehe ich da nicht mehr rein.« Und schon hatte Schnursula es geschafft, das Glücksgefühl zunichtezumachen. »Ich bin kurz davor dir in die Yucca-Palme zu strullen.«

Nachdem ich durch den Brand obdachlos war, kam mein Bruder auf die Idee, uns seine Wohnung anzubieten. Die meiste Zeit verbrachte er nämlich nicht mehr hier, sondern in der seines Freundes.

Wieder zuckte ein Lächeln über meine Lippen. Im Traum hätte ich nicht damit gerechnet, dass aus Hank und Kilian ein Paar werden würde. Doch die beiden ergänzten sich prima, obwohl sie so gegensätzlich waren wie Tag und Nacht.

Früher erledigte Schnursula ihr Geschäft in der Wildnis. Sie war eine Freigängerin durch und durch. In einem Wohnwagen zu wohnen, hatte damals seine Vorteile und ersparte mir Tonnen von Katzenstreu. Neben der großen Terrasse gab es für Schnursula momentan aber keine Möglichkeit, nach draußen zu gehen. Durch die umliegenden Häuser fühlte sie sich stets dabei beobachtet, was sie nicht mochte.

Schon mal mit einer Katze vor dem Laptop gesessen, während sie sich stundenlang durch sämtliche Shops des Internets geklickt hat, um den für sie perfekten Lokus zu finden? Nein? Seid froh!

Das eine war ihr zu klein, das andere zu groß, in einem Weiteren fehlten ihr Luftlöcher und eins sah aus wie der Kopf einer Katze. Dieses Exemplar hatte all ihre Wut abbekommen. »Denken die Menschen echt, wir möchten einer gigantischen Katze aus Plastik in den Mund kacken?« Sie zwang mich sogar dazu, eine böse Rezension dafür zu schreiben.

Generell war Schnursula äußerst penibel, wenn es um ihr Katzenklo ging. Nach jedem Geschäft stand ich nun da und war gezwungen es auszusieben. Madame war sich sonst zu fein dafür, es erneut aufzusuchen. Ich glaube, dass es ihre persönliche Strafe war, weil ich mich gegen das vollautomatisierte Ding von Swarovski entschieden hatte, was sie sich ausgesucht hatte. Ein gigantischer Katzenkopf war das eine, aber bitte wer kam auf die Idee, ein Klo mit Diamantsteinchen zu bekleben?

»Ich kümmere mich gleich darum.« Ein Gähnen drang mir aus dem Mund. Ich stand auf und schüttete mir eine Tasse Kaffee ein, bevor ich wieder am Tisch Platz nahm.

Mein Blick schweifte durch die große Wohnung. Es war kein Vergleich zum kleinen Wohnwagen. Hier war es so riesig, dass unser altes Zuhause locker darin Platz gefunden hätte. Mehrfach.

Die letzten schlaflosen Nächte hatte ich genutzt, um aufzuräumen und zu putzen. Ich hatte vollkommen vergessen, was für Unmengen Dreck sich in einer Bude ansammeln konnte und wie viel Zeit zum Aufräumen draufging. Wenn ich früher das Bett gemacht hatte, war die Hälfte meines Lebensraums schon aufgeräumt. Bis vor kurzem hatte ich nicht mal eine Spülmaschine besessen und jetzt lief sie mindestens einmal am Tag, weil Schnursula das Geräusch des Geräts so toll fand.

»Wenn ich es nicht besser wissen würde, würde ich denken, da steckt ein rolliger Kater drin, der schnurrt«, meinte sie mal.

Arvid spazierte schlaftrunken aus dem Schlafzimmer. Er kam zu meinem Stuhl, schlang seine muskulösen Arme um mich und drückte mir einen Kuss auf den Scheitel, bevor er sich mir gegenüber setzte.

Obwohl er nichts außer einer engen Short trug, strahlte er eine unglaubliche Hitze aus. Arvid war ein Warmblüter durch und durch. Ob das der Grund war, warum Schnursula es in seinen Armen so genoss?

»Guten Morgen Süße.« Die Worte kamen ihm halb gähnend aus dem Mund.

»Morgen. Auch nen Kaffee?«

Er nickte, hielt sich die Hand vor den Mund und gähnte einmal richtig.

Ich stand auf, goss eine Tasse ein und stellte sie ihm vor die Nase. Gierig schluckte er die braune Flüssigkeit hinunter, ohne eine Miene zu verziehen, obwohl sie kochend heiß war.

Ihr fragt euch jetzt sicher, warum dieser scharfe Kerl hier leicht bekleidet vor mir sitzt, obwohl ich ihn vor wenigen Wochen in den Wind geschossen hatte, oder? Was soll ich sagen, in der Zwischenzeit war einiges passiert.

Während mir andere Kerle nach einer solchen Abfuhr den Stinkefinger gezeigt hätten, kam mir Arvid ohne zu zögern zur Hilfe, als ich ihn darum gebeten hatte. Für den Kampf gegen Fabian kam er zu spät, aber danach war er geblieben.

Ohne ihn hätte ich die nervenaufreibende Zeit nicht überstanden. Mein Leben war buchstäblich in Flammen aufgegangen und meine Gefühle waren das reinste Chaos. Arvid hatte es mit Leichtigkeit geschafft, mich zu erden. Er war der Ruhepol, den ich dringend gebraucht hatte.

Es klang danach, als wäre ich das arme Frauchen in der Geschichte und Arvid der Retter in Nöten, der mich auffing, nachdem das Leben wortwörtlich vor meinen Augen explodierte. Aber das war ich nicht. Im Gegenteil.

Mittlerweile hatte ich mir eingestanden, dass ich auch mit Partner an der Seite taff und unabhängig sein konnte. Arvid war nicht mein Notnagel in einer schwierigen Situation. All das hatte dazu geführt, dass mir bewusst wurde, dass ich ihn nie hätte fortschicken dürfen.

Natürlich bestand eine Beziehung aus Kompromissen, aber mit Arvid wirkten sie so leicht und unbeschwert. Vollkommen anders als ich mir vorgestellt hatte. Im Nachhinein betrachtet war das der Grund, warum ich ihn gebeten hatte, zu gehen. Ich wollte nicht die Person sein, die ihn erdrückte.

Das Gefühl, ihn mit meiner Persönlichkeit und meinem Lebensstil zu unterdrücken, zeigte sich an keinem Tag. Hätte ich das damals schon gewusst, hätte ich ihn überhaupt nicht von mir fortgeschickt.

»Manchmal muss man Dinge einfach ausprobieren, um herauszufinden, ob sie einen glücklich machen«, meinte Schnursula mal zu mir und ich nahm mir fest vor, diesen Ratschlag öfter zu beherzigen.

Ich genoss sogar den längeren Aufenthalt an einem Ort und vermisste meinen Wohnwagen nur manchmal. Es war herrlich, sich ausbreiten zu können, dass ich morgens aber immer das Gleiche sah, wenn ich aus dem Fenster schaute, ließ mich in Erinnerungen schwelgen.

»Der Ausblick von irgendwelchen Autobahnraststätten war jetzt auch nicht wirklich was Prickelndes«, meinte Schnursula, als ich zu ihr sagte, dass mir hier die Decke auf den Kopf fiel.

Jetzt, da ich hier festhing, fiel mir auf, dass ich immer wieder geflohen war, wenn mir etwas zu viel wurde. Der Wohnwagen war nicht nur ein Zuhause, sondern die Möglichkeit, vor allem und jedem zu fliehen.

»Ich werde jetzt unter die Dusche gehen. Kommst du mit?«, unterbrach Arvid meine Gedanken. Er fuhr sich mit der Hand durch seine zerzausten Haare und grinste mich an. Die Muskeln seines Oberarms zitterten leicht. Ich nickte und folgte ihm ins Badezimmer.

Wir entledigten uns den wenigen Schlafklamotten und sprangen unter den heißen Wasserstrahl des Duschkopfs. Ein weiterer Vorteil einer Wohnung. Platz für eine Dusche zu zweit und kein Wassertank, der schnell leer und vor allem kalt wurde.

Während das Wasser auf uns niederprasselte, klammerte ich mich um seinen Hals, zog mich an seinen Körper und küsste ihn leidenschaftlich. Er stöhnte zufrieden auf und seine Hände fuhren zärtlich über meine Rundungen, während er mich noch enger an sich presste.

Eine ganze Weile standen wir knutschend unter dem Wasserstrahl wie zwei Teenager, die sich gerade erst kennengelernt hatten.

Ich drehte mich so, dass mein Hintern seine Männlichkeit streifte. Am Rücken spürte ich seine muskulöse Brust. Die getrimmten Härchen pikten etwas, doch als er anfing, meinen Hals zu küssen, flutete mich ein Schaudern, das ein anderes Gefühl hinterließ.

Die Dusche war geräumig, aber den ausreichenden Platz nutzte ich nicht. Ein Stöhnen drang aus seinem Mund. Ich war auf mehr aus, als nur eine heiße Dusche und etwas Geknutsche.

Sein Arm umschlang mich und berührte dabei meine Brüste. Arvid drückte mich eng an sich und küsste mir weiter den Hals. Er biss sachte hinein, seine Zähne kratzten leicht über die Haut. Blut pumpte in gewisse Regionen und sein kleiner Freund stellte sich auf und war nun nicht mehr klein.

»Genau das brauche ich jetzt«, flüsterte er mir ins Ohr. Seine Lippen berührten mein Ohrläppchen.

»Ich auch.«

Er presste meinen Oberkörper gegen die kalten Fliesen der Dusche. Ich zuckte zusammen. Arvid drang in mich ein und entlockte mir damit ein wohliges Stöhnen. Die Kühle der Kacheln, gepaart mit der Hitze seines Körpers und den prasselnden Tropfen der Dusche ließen mich erschaudern. Es war nicht bequem, aber es erfüllte seinen Zweck.

Wir fanden einen gemeinsamen Rhythmus, der uns zum Höhepunkt brachte. Anschließend nahmen wir uns besonders viel Zeit zum gegenseitigen Einschäumen. Gewisse Körperstellen bekamen dabei eine intensivere Behandlung als andere.

Im Wohnwagen hatte ich kaum Platz in der Dusche, weshalb ich meine Utensilien auf ein Minimum reduziert hatte. Hier in der Wohnung besaß ich jetzt ein unüberschaubares Sammelsurium an Duschgelen, Spülungen und Kuren. Gefühlt war ich die beste Kundin in der Drogerie.

Nicht nur ich liebte diese Auswahl an Gerüchen, die mir zur Verfügung standen, auch Arvid hatte eine Vorliebe für mein Duschgel entwickelt und roch nach unserer gemeinsamen Dusche nach Himbeere und Brombeere.

Er schnupperte an sich. »Das mit der Eiskönigin vorne drauf riecht immer noch am besten.«

»Das ist für Kinder und war ein Scherzgeschenk von meinem Bruder.«

»Mir gefällt’s.«

***

»Bis heute Abend.« Arvid drückte mir einen Kuss auf die Lippen und verschwand aus der Tür.

Ich hatte noch eine halbe Stunde, bevor ich selbst zur Arbeit musste.

Wie ich hatte Arvid früher keinen festen Wohnsitz.

Während ich mit meinem Wohnwagen durch das Land gezogen war, reiste er von Hotel zu Hotel und gönnte sich mit seiner Gabe luxuriöse Appartements.

Arvid war ebenfalls ein Kreativer, doch seine Fähigkeit bestand nicht darin, magische Tattoos zu stechen, sondern sie lag in seinen Worten. Alles, was er niederschrieb und laut vorlas, wurde zur Realität.

Mit diesem Leben war jetzt aber Schluss.

Anfänglich hatte ich die Befürchtung, dass die Entscheidung in die Wohnung meines Bruders zu ziehen ein zu großer Kompromiss für ihn war. Dass ich ihn damit zu etwas drängte, das er nicht wollte, aber mir zuliebe tat.

»Keine Sorge«, sagte er und küsste mich sanft auf die Stirn. »Ich hab schon eine ganze Weile darüber nachgedacht, sesshaft zu werden.«

»Wirklich?«

»Dieses Leben war ja ganz schön, aber durch meine Fähigkeit habe ich vollkommen verlernt, auf eigenen Beinen zu stehen.« Arvid sah verschämt auf den Boden. »Während du trotz dieser wahnsinnigen Fähigkeiten normal geblieben bist, habe ich ein Leben in Saus und Braus geführt.« Er lächelte. »Und so schön manche Hotelzimmer und der Service auch sind ...« Er stockte. »Es ist unheimlich einsam.«

Arvid hatte die Gelegenheit genutzt und bei seinem Neustart komplett auf seine magischen Fähigkeiten verzichtet. Es war eine ganz schöne Herausforderung für ihn, sich nicht mehr alles in den Schoß fallen zu lassen.

Zuvor hatte er etwas Geld mit seiner Gabe verdient. Ab und an hatte er als freier Schriftsteller Zeitungsartikel veröffentlicht und Kurzgeschichten geschrieben. Durch seine Texte war er aber nicht darauf angewiesen, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen. Wofür brauchte man auch Geld, wenn man Unterkunft und Lebensmittel mit einem magischen Text bekam?

Da er aber generell Freude am Schreiben fand und sein Studium entsprechend passte, versuchte er es als Lektor bei einem Verlag. Nur mit seinem Können und seinen Abschlüssen hatte er den Job bekommen.

Ich war dabei die Tür zu schließen, als jemand sie von außen wieder öffnete. Hatte Arvid etwas vergessen? Verdutzt stellte ich fest, dass es nicht Arvid war, sondern meine Mutter.

»Was willst du denn hier?«, fragte ich sie überrascht.

»Das ist ja mal eine nette Begrüßung.« Sie schüttelte den Kopf, verdrehte die Augen, aber setzte selbst zu keiner ordentlichen Begrüßung an.

Ich war zu überrumpelt und sie zu schnell, um ihr die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

»Komm doch herein«, bot ich ihr überflüssigerweise an, um etwas Höflichkeit in diese Unterhaltung zu bringen. Wobei ... das hatte sie eigentlich nicht verdient. Selbst die böseste Hexe im Märchen war ein Engel im Vergleich zu dieser Frau.

»Das war mal eine so schöne Wohnung.« Meine Mutter sah sich um und rümpfte die Nase. »Du bist kaum hier und schon versinkt sie im Chaos. Wie früher.«

Dieses Mal gab ich ihr Recht. Wobei Chaos immer im Auge des Betrachters lag.

Als Kilian mir seine Wohnung überlassen hatte, hatte ich das Glück, dass er den Großteil seiner Möbel nicht mitgenommen hatte. Hank war komplett eingerichtet, weshalb ich auch in den Genuss von alltäglichem Bedarf wie Geschirr, Handtücher und so kam. Meinem Geldbeutel tat es unheimlich gut, dass ich mich nicht neu einrichten brauchte.

Und trotzdem wirkte Kilians Wohnung leer und klinisch. Zu leer. Sie erinnerte mich an die Wohnung von Fabian.

In den wenigen Wochen, die ich hier lebte, hatte ich alles daran gesetzt, irgendwelchen Krempel zu kaufen. Ich versuchte, mit Chaos dagegen anzugehen, ohne dass es dreckig wirkte.

Hinzu kam, dass ich endlich Platz hatte, um mich auszutoben. Wie oft stand ich vor Einrichtungsgegenständen, die ich dann doch nicht gekauft hatte, weil mein Wohnwagen zu klein dafür war.

Mal davon abgesehen, dass Schnursula es liebte mit mir im Netz nach glitzernder und funkelnder Deko zu suchen. Manchmal saßen wir abends stundenlang vor dem Rechner und klickten uns durch das Dekosortiment sämtlicher Läden.

Kilian meinte bei einem Besuch sogar mal, dass seine Wohnung nie so wohnlich ausgesehen hätte und dass ihm der Einrichtungsstil gefiel.

»Hatschi.« Meine Mutter kramte nach einem Taschentuch in ihrer Hosentasche und putzte sich die Nase. »Diese verdammte Katze.« Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Meine Allergie ist noch schlimmer, als wenn du uns besuchen kommst«, schimpfte sie.

Sie erntete von Schnursula ein langgezogenes »Miau«, das sich fast wie ein genuscheltes »Miststück« anhörte. Zum Glück verstand meine Mutter den Wink mit dem Zaunpfahl nicht.

»Krächzt deine Katze immer so, oder ist die krank?«, fragte Mutter nur.

Ich war froh, dass Schnursula sie nicht darauf hinwies, dass sie eine Nacktkatze war und somit nicht der Auslöser ihrer ausgedachten Allergie.

»Wer weiß, was für Krankheiten sie anschleppt.«

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Schnursula die Schnauze öffnete, und ich schüttelte energisch, aber für meine Mutter unauffällig den Kopf.

»Darf ich fragen, weshalb du eigentlich hier bist?«, fragte ich schnell, um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. »Habe ich eine Verabredung vergessen?«, fügte ich hinzu, weil meine erste Frage unfreundlicher klang als beabsichtigt. Mal davon abgesehen, dass wir uns bisher noch nie für irgendwas verabredet hatten.

»Müssen wir Angst haben?«

»Angst?«, fragte ich verwirrt. »Wovor?«

»Dass du die Straße zu uns bringst?«

»Was für ne Straße?« Ich verstand nicht, worauf meine Mutter hinaus wollte. Warum war sie jetzt hier?

»Es ist wirklich unverantwortlich, dass du dich mit den falschen Leuten einlässt und nachdem dir alles um die Ohren fliegt, zu uns zurück kommst.« Ihr Blick taxierte mich. »Du kannst den Leuten sagen, dass es bei uns nichts zu holen gibt.«

»Ich verstehe echt nicht, was du von mir willst.«

»In welchen Drogensumpf du auch geraten bist, ich hoffe, dass du uns da raus hältst. Lass dir deinen verbrannten Wohnwagen eine Lehre sein, ich hoffe, diese Wohnung zünden diese Leute nicht an. Geschweige denn unser schönes Haus.«

So langsam machte es klick. Dachte meine Mutter, dass ich mich auf eine Art Mafia eingelassen hatte? Dass diese mir den Wohnwagen angezündet hatten wegen irgendwelcher Drogengeschäfte?

»Sieh zu, dass du da selbst wieder rauskommst, von uns gibt es jedenfalls kein Geld.« Sie öffnete die Wohnungstür und schritt hinaus. »Warum Kilian dich unterstütz, verstehe ich nicht.« Sie schüttelte den Kopf und verschwand.

Ich schloss die Tür hinter ihr.

»Ich glaube, die spinnt wohl«, murmelte ich.

»Soll die alte Hexe doch denken, was sie will, oder hast du Bock, ihr von deiner Magie zu erzählen?« Schnursula strich mir um die Beine.

»Nicht wirklich.«

»Kann dir doch egal sein, was sie von dir hält.« Schnursula schnaubte. »Aber dass sie meint, ich würde Krankheiten übertragen, dass setzt ja wohl dem Ganzen die Krone auf.«

»Versprich mir bitte, dass du ihr nicht die Meinung geigst, wenn sie nochmal unverhofft vor der Tür steht.«

»Das kann ich dir nicht versprechen.«

»Und wenn ich mich nicht einmische, wenn du dich wie eine tollwütige Katze benimmst und sie anfällst?«

»Abgemacht.« Schnursula grinste und kicherte vor sich hin, während ich mich auf den Weg zur Arbeit machte.

Im Hinausgehen hörte ich den Fernseher angehen. Vermutlich versank Schnursula wieder in ihre neueste Serie, die sie aktuell verschlang. Supernatural. Sie hatte eine Vorliebe für die geister- und dämonenjagenden Männer entwickelt.

Tödliches Tarot

»Und du bist dir sicher, dass du auf der richtigen Spur bist?« Jessica klang nicht überzeugt. Das hörte man nicht nur in ihrer Stimme, sondern sah es auch in ihrem Gesicht. Sie hatte die Augen leicht zusammengekniffen und den Kopf schräg gelegt.

»Das passt doch wie die Faust aufs Auge.« Ich ließ mich von ihrer Skepsis nicht beirren. »Wer sollte mir sonst eine gruselige Tarotkarte schicken, wenn nicht der Typ, dem ich Tarotkarten gestochen habe?«

In der Mittagspause saßen wir zusammen und unterhielten uns. Wie schon die letzten Tage hatten wir nur ein Thema. Die ominöse Nachricht.

»Ich weiß nicht.« Sie biss sich auf die Unterlippe. »Mein Bauchgefühl sagt, dass hier etwas nicht zusammenpasst.« Sie fuhr sich mit den Fingern durch die dunklen Haare und zwirbelte das Ende einer grünen Strähne um den Zeigefinger.

Jessicas Frisur war nicht so auffällig wie meine eigene und dennoch ein Hingucker. Während ich in einem leuchtenden Türkis erstrahlte, hatte sie viele bunte Haarsträhnen zwischen den sonst dunklen Haaren.

»Die App sagt auch, dass ich Bruno dringend einen Besuch abstatten sollte.« Ich hielt ihr meinen Handybildschirm entgegen. Für mich war die Sache glasklar.

Fabians Überfall war jetzt einige Wochen her. Zeit, um alles zu verarbeiten, hatte ich nicht. Die Schicksalsgöttin, oder wer auch immer Spaß daran hatte, ein solches Chaos in mein Leben zu bringen, kannte keine Gnade. Das nächste Übel stand schon auf dem Plan.

Während ich mit Fabian beschäftigt war, hatte jemand in Jessicas Tattoostudio einen Briefumschlag für mich hinterlassen. Im Umschlag steckte aber kein Brief, sondern eine einzelne Tarotkarte. Auf diese war mit einem Filzstift eine Warnung gekritzelt.

Es war die Karte des Magiers. The Magician, stand in schnörkeligen Buchstaben unter dem Motiv. Ohne die Erklärung hätte ich sie nicht erkannt, da mein Wissen über Tarotkarten nur beschränkt war. Ab und an stach ich solche Karten, aber damit beschäftigt hatte ich mich bisher nicht.

Kein schlanker Mann im langen Mantel starrte mich von der Karte aus an. Ich sah weder Zauberstab noch Alchemiesymbole. Stattdessen blickte ich in das Gesicht einer Frau, das mir auf unheimliche Weise vertraut war. Sie erinnerte mich an mich selbst und hatte etwas Hexenhaftes an sich.

Sie wirkte wach und bereit, einen Sturm zu entfachen. Ihre Standhaftigkeit zeugte davon, dass sie Chaos kannte und keine Angst davor hatte, es zu verursachen.

Ihr herablassender und düsterer Blick begutachtete einen und egal, wie ich sie drehte, aus jedem Winkel sah es so aus, als würde sie einen mit den Augen verfolgen.

So unheilvoll die Tarotkarte wirkte, sie war hübsch und aufwendig gestaltet. Ich spürte die getrocknete Acrylfarbe unter meinen Fingern. Jeder einzelne Pinselstrich war sorgfältig gezogen worden. Es gab keine unordentlichen Ränder und auch die Farben waren nicht ineinander verlaufen. Selbst mit einer dünnen Tattoonadel war es schwierig, so feine Linien zu ziehen.

In schwarzer krakeliger Schrift stand ›Sieh dich vor!‹ auf der Rückseite, was mich erschaudern ließ.

Im ersten Moment hatte ich an einen Kunden gedacht, der mir als Dankeschön für ein Tattoo etwas gebastelt hatte, doch die Drohung ließ mich zweifeln. Das Drumherum passte ebenfalls nicht ins Bild. Geschenke warf man nicht heimlich in den Briefkasten. Das war zu aufgesetzt für ein Geschenk.

Wie schon seit Tagen spielte ich mit der Karte in der Hand und sah sie mir immer wieder genau an. Als gäbe es ein Rätsel zu lösen, auf das ich bisher nicht gekommen war.

Instinktiv wartete ich auf einen Geistesblitz, der nicht kam. Es wunderte mich nicht, denn Rätsel waren nicht mein Ding. Selbst um Kreuzworträtsel machte ich einen großen Bogen. Ich hatte nicht die Ruhe dafür. Es gab nur die App, die mir warnend empfahl, Bruno einen Besuch abzustatten.

Bruno, dessen Motiv zufälligerweise Tarotkarten waren.

»Bist du dir sicher, dass es sich um eine Drohung handelt?« Jessica sah mir über die Schulter. »Für mich klingt das eher nach einer Warnung.«

»Schau dir die Person an. Die soll eindeutig mich darstellen, auch wenn ihr ein paar Kilo fehlen.« Ich schnaubte, denn ich hätte das Porträt deutlich besser hinbekommen. »Und wenn ich jemanden warnen will, dann mache ich das persönlich und nicht mit einer gruseligen Tarotkarte, die eindeutig nach Drohung klingt und auch wie eine aussieht.«

»Vielleicht hast du Recht.« Die Art, wie sie auf ihre Lippe biss, zeigte mir deutlich, dass sie meine Theorie immer noch nicht glaubte. Gedankenverloren spielte sie mit den Fingern an dem goldenen Nasenring, den sie trug.

Ob Bruno die Karte selbst gezeichnet hatte? Oder ob er sie bei jemandem in Auftrag gegeben hatte? Dieses Stück Zeichenkarton strahlte durch die Liebe zum Detail das gewisse Extra aus. Wer kreierte eine solch schöne Drohung mit seinem Herzblut?

Serienkiller wie Fabian zum Beispiel.

Ich tippte wild auf den Screen des Handys. Meine Fingernägel erzeugten ein rhythmisches Klackern dabei. »Ich muss unbedingt mit Nick sprechen. Die App scheint ein Problem zu haben.« Es war nicht das erste Mal, dass sie sich in diesem Fall aufhängte. Wieder war der Bildschirm eingefroren.

»Das ist echt komisch«, murmelte Jessica. »Das hat sie bei den anderen Fällen doch nicht gemacht, oder?«

Ich schüttelte den Kopf. Normalerweise war die App stets hilfreich gewesen. Erst im Zusammenhang mit Bruno verhielt sie sich so.

»Ich bekomme danach immer eine kurze Meldung, dass die Daten nicht verarbeitet werden konnten.« Ich runzelte die Stirn und zuckte mit den Schultern. »Hätte ich nicht aktiv nach dem Motiv gesucht, hätte mir die App den Fall überhaupt nicht angezeigt.«

Im Normalfall jagte ich keinen Tattoos mehr hinterher, die mir die App nicht vorschlug. Der Vorteil an der App war, dass, wenn sie ausschlug, ich alle Informationen hatte, die ich für eine erfolgreiche Jagd brauchte. Dass Bruno nicht auf dem Radar der App war, empfand ich als komisch.

»Und was für Fähigkeiten hat er?«

»Hier steht unbekannt.« Oft waren so viele Daten über die Person vorhanden, dass ich im Vorfeld schon wusste, worauf ich mich einließ. In Brunos Fall war das leider nicht so. Ich hatte sogar das Gefühl, dass Informationen im Nachgang verschwunden waren. Ich erinnerte mich an Details, die jetzt nicht mehr dort standen.

»Ich bin mir sicher, dass hier irgendwas mit seiner Tante stand.« Wieder tippte ich wie wild auf dem Bildschirm herum in der Hoffnung, dass ich sie damit zum Laufen brachte.

»Und warum glaubst du dann, dass er gefährlich ist?«

»Weil die App das sagt.« Ich zeigte ihr mein Handydisplay.

»Komisch.« Jessica rümpfte die Nase. »Keine wirklichen Informationen und trotzdem eine Warnung?«

Ich nickte.

»Hast du heute noch einen Kunden?«, wollte sie von mir wissen.

Ich schüttelte den Kopf. »Und genau deswegen ist heute auch ein perfekter Tag, um Bruno aufzusuchen.«

»Du willst einfach planlos auf die Jagd gehen?« Jessica wirkte aufgebracht. »Soll ich meinem Kunden absagen und mitkommen?« In ihrem Gesicht blitzte Ärger auf, den sie versuchte herunterzuschlucken. In den letzten Wochen waren wir immer gemeinsam unterwegs und ich war mir sicher, dass sie davon ausgegangen war, mich dieses Mal ebenfalls zu begleiten.

Ich schüttelte den Kopf. »Die alte Inka hätte das getan.« Ein Grinsen durchzog mein Gesicht. »Vor dir steht die neue Inka.« Ich deutete an mir herunter. »Ich habe sehr wohl einen Plan. Aber lieb, dass du mir deine Hilfe anbietest.«

In ihrer Gegenwart wollte ich das nicht zugeben, aber ich sorgte mich um sie. Jessica war durchaus in der Lage, sich zu verteidigen, doch die Leute, die wir die letzten Wochen gejagt hatten, hatten nicht mit uns gerechnet. Wir waren ihnen gegenüber im Vorteil, was bei Bruno und seiner Drohung eher nicht der Fall war. Ich wollte nicht, dass Jessica mit mir zusammen in seine Falle tappte.

***

»Komisch. Ich schau mir das mal an.« Nick legte auf. Er wusste nicht, was es mit den Abstürzen der App auf sich hatte, versprach mir aber, sich das Problem schnellstmöglich anzuschauen.

Während der Fahrt hatte mein Handy drei Mal den Geist aufgegeben und mir die Möglichkeit verweigert, Informationen der Jagd zu protokollieren. Ich hatte es irgendwann nicht weiter versucht und Nick angerufen, um ihn auf die Fehler seiner App hinzuweisen.

Er war von meinem Anruf überrascht. Seit er im Besitz seines magischen Tattoos war, war ihm kein Fehler mehr in der Softwareentwicklung unterlaufen. Seine Software funktionierte immer einwandfrei. Ein Bug, wie er es nannte, war in seinen Augen ein Ding der Unmöglichkeit. Während ich einfach nur genervt war, hatte ich sofort sein Interesse geweckt.

Nick war einer der Kunden, dessen Tattoo ich nicht neutralisiert hatte. Er war kein Vorzeigekerl, der sich für andere aufopferte, aber auch kein Straftäter wie Fabian. Die App, die er mir entwickelt hatte, wollte ich zudem nicht mehr missen.

»Dieser Parkplatz ist es.« Ich deutete auf die Autobahnabfahrt, die in der Ferne schon zu sehen war. So leer wie dieser Streckenabschnitt war, hoffte ich darauf, dass uns keine ungebetenen Gäste störten. »Kannst du sein Auto so verhexen, dass er gezwungen ist dort anzuhalten?«

In den letzten Tagen hatte niemand um diese Uhrzeit diesen Ort aufgesucht. Der Parkplatz war so runtergerockt, dass man hier nur in dringenden Notfällen anhielt. Trotz vorhandener Mülleimer lag der Müll überall in der Gegend herum. Dann gab es dort noch ein WC-Häuschen. Ohne es zu betreten, roch man den Geruch von Urin in der Luft. Je näher man dem von Graffiti beschmierten Gebäude kam, desto intensiver hing es in der Nase.

Drei Laternen zierten den Parkplatz, die allesamt flackerten. Selbst am Tag waren sie dauerhaft an. Als hätten die Lampen einen manuellen Schalter, den niemand betätigen wollte bei Beginn der Dunkelheit, weshalb man sie einfach brennen ließ.

Um sicherzugehen, dass uns keiner überrascht, hatte ich mit meiner magischen Wassernixe dafür gesorgt, dass regelmäßig im Radio davor gewarnt wurde, hier zu halten. Ich hatte mir eine Geschichte über Mader ausgedacht, die hier ihr Unwesen trieben. Der Radiomoderator hatte mich verträumt angesehen, als die Magie des Tattoos ihren Dienst vollzog.

Toffee brummte auf meinem Arm, doch unterstützte das Vorhaben mit einem Zauberspruch. Ich sah, wie das Auto vor mir Schlangenlinien fuhr. Kurz dachte ich, die Hexe wäre schuld an einem kommenden Unfall, aber Bruno behielt die Kontrolle und wechselte die Spur.

Zum Glück. Die aufkommende Panik flachte ab, als ich sah, dass Bruno sein Auto fest im Griff hatte.

Ich war Bruno gefolgt. Durch meine Recherchen wusste ich genau, wann er arbeitete und welche Strecke er nach Hause nahm. Ich hatte nichts dem Zufall überlassen, außer dass ich darauf hoffen musste, dass Toffee mich unterstützte.

Ob Fabian mir auch so nachgestellt hatte, wie ich jetzt Bruno nachstellte?

Ich schüttelte den Kopf, um den Gedanken loszuwerden, doch es gelang mir nicht. Meine innere Stimme hatte Recht. Ich stellte Bruno so nach, wie Fabian mich seinerzeit verfolgt hatte. Ich griff in sein Privatleben ein, ohne dass er davon wusste. Der einzige Unterschied, der zwischen uns bestand, war, dass es für einen guten Zweck war.

Das hat Fabian sich bestimmt auch gedacht. Der gute Zweck liegt im Auge des Betrachters.

Ich wechselte ebenfalls die Spur und folgte meinem Ziel mit einem gewissen Abstand auf den Parkplatz.

Während Bruno sich an den Anfang des Rastplatzes gestellt hatte, fuhr ich ein Stück weiter, um nicht direkt aufzufallen. Ich hatte sogar das Auto mit Arvid getauscht. Rostli, meine Karre, war nicht unauffällig genug. Sie wäre sofort aufgefallen.

Bevor ich aus dem Auto stieg, aktivierte ich das Chamäleon auf dem Unterarm. Ich spürte, wie der Umhang der Unsichtbarkeit über meinen Körper glitt. Es prickelte auf der Haut und die bekannte Wärme der Magie erfüllte mich. Sofort fühlte ich mich dadurch unbesiegbar, nicht gesehen zu werden.

Leise schlich ich an Bruno heran.

Er war mittlerweile ausgestiegen und sah sich seinen qualmenden Motor an. Ich hätte in einem solchen Fall direkt den ADAC gerufen, doch Bruno war da anscheinend anders gepolt. War das ein typisches Männerding, oder kannte er sich mit Autos aus?

Die Motorhaube stand offen. Was er genau machte, sah ich aus diesem Winkel nicht. Die Motorhaube verdeckte ihn, aber was es auch war, es schien zu helfen. Die Rauchwolken wurden weniger und verschwanden sogar. Er schloss den Deckel und war wieder auf dem Weg einzusteigen.

Das war wohl nichts. Ich hatte mir mehr erhofft von Toffees Zauber.

Ich beschleunigte meine Schritte, achtete nicht mehr darauf, leise zu sein und als ich ihm gegenüberstand, blitzte sein Tattoo vor mir auf. Das Ziel war zum Greifen nah. Ich musste nur die Hand ausstrecken.

Auf Brunos Unterarm zeichneten sich die Umrisse von Tarotkarten ab. Der Rand der obersten Karte des Stapels war kunstvoll verziert, wie bei einem mystischen Kartendeck. Das Innere war leer. Ein unberührtes Feld, das auf den ersten Blick nichts zu erzählen schien.

Das Fehlen des Motivs wirkte bedeutungslos, doch Bruno wollte damit ausdrücken, dass er selbst verantwortlich für seine Zukunft war. Nichts und niemand außer ihm war in der Lage, sie vorauszusagen.

Ich griff nach seinem Tattoo, um schwarze Farbe darauf zu verteilen. In diesem Fall ging ich kein Risiko ein. Wer mir eine Drohung schickte, hatte das Recht auf einen Plausch über den Verbleib der Kräfte verwehrt. Die magische Tattoomaschine auf meiner Hand pulsierte, doch die magievernichtende Farbe blieb aus.

Was ging hier vor sich?

Ein lautes Knistern erfüllte die Luft, als hätte jemand eine gewaltige Menge Alufolie zerknüllt. Eine statische Ladung baute sich in Brunos Tattoo auf und sprang auf mich über. Ich stolperte zwei Schritte rückwärts und merkte, wie ich wieder sichtbar wurde.

Fuck!

Die statische Ladung hatte nicht weh getan und trotzdem fühlte ich mich, als hätte ich einen Schlag ins Gesicht bekommen. Das beruhigende Gefühl der Unsichtbarkeit war wie weggewischt. All die Sicherheit, die mir die tadellose Planung gegeben hatte, war verschwunden.

Panik breitete sich in mir aus. Die Situation erinnerte mich ziemlich genau an die mit Fabian.

Bruno wirkte überrascht, als er mich sah. »Heute meine Fähigkeiten zu verlieren, ist nicht mein Schicksal«, murmelte er und grinste frech.

Er streckte mir seinen Arm mit dem Tattoo entgegen. Er platzierte die andere Hand auf dem Tattoo und fuhr sich schnell über den Arm, als wollte er mit dieser Bewegung die Karte von der Haut lösen und auf mich schleudern.

Genau das passierte.

Das Abbild einer leuchtenden Tarotkarte segelte durch die Luft und steuerte direkt auf mich zu. Ich wich ihr im letzten Moment aus. Meine Haare wirbelten auf und ich spürte einen leichten Windzug an der Nasenspitze. Sie traf einen Baum hinter mir.

Er stand da wie ein stummer Wächter. Uralt und mit tiefen Furchen in der Rinde. Ohne Vorwarnung zitterten die Blätter des Ungetüms und eins nach dem anderen schwebte zu Boden. Noch in der Luft zerfielen sie zu Staub und hinterließen mitten im Sommer ein kahles Gerüst aus Ästen.

Ein kaum hörbares Knacken erklang, dann ein weiteres, es hörte sich an, als ob alte Knochen brechen. Der Baum vibrierte wie bei einem aufkommenden Erdbeben von der Krone bis zum Stamm. Drei schwarze Krähen flogen erschrocken aus den Wipfeln. In einem einzigen unheimlichen Augenblick fiel der Baum in sich zusammen.

Es war, als hätte die Zeit selbst den Riesen verschlungen. Wie ein Haufen Termiten, die nichts zurückgelassen haben, außer einer Staubwolke.

Ohne diesen majestätischen Anblick sah der Parkplatz noch heruntergekommener aus als ohnehin schon. Jetzt hatte der Ort den einzigen Funken Atmosphäre verloren, den er innehatte. Der Staub auf dem Boden wirkte, als hätte eine Gruppe Teenager vor kurzem ein Lagerfeuer veranstaltet.

»So schnell kann ein Leben beendet sein.« Brunos Worte klangen unheilvoll in der Luft.

Was wäre passiert, wenn diese Karte mich getroffen hätte? Wäre ich zerfallen? Wären meine Haare ausgefallen wie die Blätter des Baumes? Hätte meine Haut Risse bekommen wie die Rinde? Wäre ich in einer Schnelligkeit gealtert, dass nur noch der Wind den Staub verweht hätte?

Wenn mich diese Karte getroffen hätte, dann wäre ich jetzt tot!

Mir wurde heiß und kalt zugleich. Die Hände wurden taub und mein Mund fühlte sich trocken an.

Das hier war kein netter Plausch. Bruno meinte es ernst.

Ich aber auch.

Reiß dich zusammen, forderte mich die Stimme in meinem Kopf auf.

Ich streckte ihm den Arm entgegen und schleuderte einen Schwall Drachenfeuer auf ihn. Entsetzt riss er die Augen auf und feuerte die nächste Karte ab, direkt in mein Feuer hinein. Wie durch Geisterhand stoppte es kurz und flog dann zu mir zurück.

Was in allen UNO-Reverskarten Höllen?

Wieder wich ich aus. Die Flammen verfehlten mich, aber die Hitze spürte ich auf der Haut. Die feinen Härchen in meinem Gesicht sengte es an und trieb mir den Schweiß auf die Stirn.

Worin bestand seine Gabe?

Ich hob den Arm und bereitete einen Feuerball vor, während er eine seiner Karten in die Luft schleuderte. Plötzlich bildete sich eine kleine Wolke über meiner Hand und entleerte sich fast augenblicklich. Ein Schwall Regen löschte die Flamme.

Es war gewöhnliches Wasser, doch die Kälte der Tropfen kroch mir in die Knochen. Wie spitze Nadelstiche drang der Schmerz durch meine Haut.

Seine Gabe wirkte so wahllos: Tod, das Kontern von Feuer und jetzt ein kurzer Platzregen.

»Ich herrsche über das Schicksal, egal was du vorhast, ich nehme einfach Einfluss auf deine Zukunft.« Er grinste hämisch, während er meine unausgesprochene Frage beantwortete.

Er herrschte über das Schicksal? Was hatte das zu bedeuten? Welcher Zusammenhang bestand zu diesen magischen Karten? Hatte er nur Zugriff auf bestimmte Tarotkarten oder war er allmächtig? Nicht, dass mir diese Info weitergeholfen hätte, ich wusste ja nicht mal, was für Karten es überhaupt gab.

»Gegen mich kommst du nicht an.« Bruno wirkte überzeugt von sich. Während mir die Angst in den Knochen steckte, schien er sich sicher zu sein, diesen Kampf zu gewinnen.

Wenn ich eins aus der Vergangenheit gelernt hatte, dann, dass es wichtig war, Zeit zu schinden. Und dass Superschurken gerne redeten. Vor allem die Männer. So gesprächig Frauen normalerweise waren, Kerle liebten es, von ihren Plänen und ihrer Macht zu faseln.

Also versuchte ich, Bruno zum Reden zu bringen. In der Hoffnung, dass es mir die Zeit verschaffte, die ich brauchte, um einen neuen Plan auszuhecken. So gut ich auch vorbereitet war, gegen diese Kräfte half die beste Planung nicht.

»Du manipulierst die Zukunft?« Funktionierte der Motor deshalb so schnell wieder? Hatte er sich eine Zukunft visualisiert, in der er ohne Motorschaden von diesem Parkplatz fuhr? Wie weit reichte diese Fähigkeit?

Bruno nickte. »Was willst du von mir, Inka?«

»Ist das nicht offensichtlich?«, feixte ich. »Kein Mensch sollte einen solchen Einfluss besitzen.«

»Sagt die Tätowiererin, die anderen diese Fähigkeiten verleiht.« Er spuckte auf den Boden. »Dein Einfluss auf andere ist mindestens genau so stark wie meiner.«

»Deswegen bin ich hier.« Ich sah ihn eindringlich an. »Ich will meine Fehler wieder gut machen.« Ich aktivierte das Sirenentattoo. »Sei doch so lieb und mach es uns etwas einfacher, ja?«

Bruno zuckte zusammen und schüttelte seinen Arm, als ob ihn eine Wespe gestochen hätte.

»Was hast du da versucht?« Wütend funkelte er mich an. »Nur ich beeinflusse meine Zukunft«, schrie er. Ich hatte die Bedeutung seines Tattoos wohl zu deutlich visualisiert. Die Worte, die er mir entgegen brüllte, waren die gleichen wie bei unserem Tattootermin. Damals nur nicht so laut und wutverzerrt.

Wieder feuerte er eine Karte ab. Dieses Mal flog ich in die Luft, um auszuweichen. Ich sah mich nicht um. Ich wollte nicht wissen, wie er sich dieses Mal meine Zukunft vorgestellt hatte. Sachte landete ich wieder auf den Füßen.

In der Luft hing spürbar die Magie. Beim Tätowieren fühlte sich die Umgebung genau so an wie jetzt. Wie bei einem bevorstehenden Gewitter nach einem heißen Sommertag. Ich ließ mich nicht aus der Fassung bringen, selbst wenn der Plan vor dem Scheitern stand.

»Du verurteilst mich für meine Gabe, während du ein ganzes Repertoire besitzt.« Er lachte auf. »Sehr scheinheilig, Inka.« Bruno schnaubte. »Du warst es, die mich überfallen hat, nicht andersherum.«

Ich funkelte ihn böse an. Verglich er sich mit mir? Wer schmiss hier denn Tarotkarten des Todes um sich? Ich hatte ihn zwar verfolgt und hinterrücks angegriffen, doch eine Wahl hatte er mir nicht gelassen. Bruno hatte mir immerhin gedroht.

»Ich verstehe dich. Dieses Gefühl. Ich an deiner Stelle hätte mir auch mehrere Kräfte verpasst.« Er stockte und die Art, wie er mich ansah, so machthungrig, erinnerte mich an Fabian. Er wusste nicht, dass ich mir die Tattoos schon vor der großen Offenbarung gestochen hatte. Ich war nicht darauf aus, allmächtig zu sein. »Es war herrlich, als ich herausgefunden habe, was ich plötzlich kann.« Ein süffisantes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Tante Hannelore war drauf und dran ihr Testament zu ändern, doch der Herzinfarkt, den ich ihr verpasst habe, hat mich dann doch noch erben lassen.«

Jetzt hatte ich den eindeutigen Beweis, dass Bruno diese Gabe nicht verdient hatte. Ein Geistesblitz durchzuckte mich. Das war genau die Meldung, die vor kurzem in der App stand und verschwunden war. Er hatte seine eigene Tante ermordet, um an Geld zu kommen. Er besaß eine Fähigkeit, mit der er wortwörtlich über das Schicksal bestimmte und trotzdem tötete er jemanden wegen Geld.

Und er hatte mir gedroht.

»Du wärst doch auch so an Geld gekommen.« Mit dieser Gabe lag ihm die Welt zu Füßen.

»Mir ging es ums Prinzip.« Er lachte laut auf. »Was fällt der ollen Funzel auch ein, mich zu enterben.«

Der nächste Angriff stand bevor. Bruno hob seinen Arm, wischte mit der Hand über das Motiv und schleuderte mir die Tarotkarte entgegen.

Die Karte flog direkt auf mein Gesicht zu. So stürmisch, dass ich nicht mehr in der Lage war auszuweichen. Es passierte alles so schnell und trotzdem fühlte es sich so an, als würde ich den Moment in Zeitlupe erleben.

War es an der Zeit, dass meine Schicksalsfäden rissen?

Wie gewann ich gegen jemanden, der über das Schicksal herrschte?

Nur ich beeinflusse meine Zukunft, kamen mir seine Worte in den Sinn.

Etwas Seltsames geschah. Das Tattoo von Lady Toffee wurde warm. Die Magie des Motivs erfüllte meinen Körper und mir kam eine Idee.

Wenn Bruno der Einzige war, der über sein Schicksal bestimmte, wie wäre es dann mit einer Kostprobe seiner eigenen Fähigkeit? Es war an der Zeit für einen Zauberspruch.

Die Hexe auf dem Unterarm vollzog ihren Dienst.

Nein.

Ich war diejenige, von der die Magie ausging. Toffees Motiv gab mir die Möglichkeit, aber den Zauber webte ich alleine.

Meine Hand schwang empor, kurz bevor die Karte meine Stirn berührte. Ich fischte sie aus der Luft. Ein türkiser Schimmer, der vom Hexentattoo herrührte, legte sich um die Finger. Es wirkte, als hätte ich einen seidenen Handschuh an.

Ich vernahm ein Prickeln, das von der Tarotkarte ausging. Sie trug das Motiv des Todes. Der Sensenmann auf der Kartenoberfläche grinste hämisch, als wüsste er genau, dass er mich jetzt holen kommen würde. Instinktiv webte ich einen Zauber in die Bestimmung der Karte ein.

Bruno wollte meinen Tod.

Ich spürte die Entschlossenheit in der Tarotkarte, ohne zu wissen wieso. Ich konzentrierte mich. Mein eiserner Wille legte sich auf die Karte. Die Magie pulsierte aus mir heraus wie bei einer Tattoositzung. Dieses Mal durchzog sie nicht die Haut des Kunden, sondern die Tarotkarte. Ich formte ihre Bestimmung ab und schmiss sie Bruno entgegen.

Dieser starrte mich fassungslos an, als sein Angriff ihn traf. Statt tot umzufallen, sackte er bewusstlos zusammen.

Die Anspannung fiel von mir ab. Ich pustete die Luft aus den Lungen und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Nochmal Glück gehabt.

Mein Handy gab einen Ton von sich. Eine Nachricht von Nick.

Die Störung kommt von seiner Fähigkeit. Er kann die Zukunft manipulieren. Deshalb hatte die App auch Schwierigkeiten, die Daten zu verarbeiten. Immer wenn sie es versucht hat, haben sich die Parameter durch seinen Einfluss geändert.

Ein weiterer Ping ertönte.

Ich wusste doch, dass es nicht an mir liegt.

Wieder pingte es.

Ich bin und bleibe ein Genie.

Und nochmal.

Sei vorsichtig.

Der Hinweis kam zu spät. Der bewusstlose Bruno lag auf dem Boden und ich beugte mich über ihn, um sein Tattoo zu neutralisieren. Dieses Mal zickte es nicht rum und ließ sein Schicksal über sich ergehen.

Bevor ich verschwand, rief ich den Notruf an. Auch wenn Bruno es verdient hatte bewusstlos auf einem dreckigen Rastplatz zu liegen, umgeben von vollen Mülleimern und rattenzerfressenem Müll. Ich war kein Monster.

***

Zufrieden ließ ich mich auf die Couch fallen. Die impulsive Inka war eindeutig Geschichte und das gefiel mir. Ich war bestens vorbereitet und nicht kopfüber in den Kampf gestiefelt, auch wenn der Fall im Nachgang schwieriger war als anfangs erwartet.

Dieses Tattoo zu neutralisieren fühlte sich so simpel an. Ich hatte weder auf die Hilfe von Jessica, noch auf die von Arvid zurückgegriffen. Dieser Sieg war alleine mein Verdienst.

Ich hatte diese brenzlige Situation gemeistert. Selbst Toffee musste mir im Angesicht des Todes nicht helfen, das war alleine ich, die ihre Fähigkeit verwendet hatte. Instinktiv war ich die Hexe, die ich mir als Motiv verpasst hatte. Trotz der Ängste, die ich wegen Fabian hatte, gab mir dieser Sieg das Gefühl, vollkommen im Reinen zu sein. Endlich die Herrin über Geist und Körper zu sein.

Ein Grinsen bildete sich auf meinen Lippen. Ich war die beste Version von mir selbst.

Ich spürte ein Prickeln im Nacken.

Da war sie wieder. Diese unkontrollierbare Angst. Der Geruch von Desinfektionsmittel in der Nase und die schiere Panik, Fabian könnte mich überfallen. Diese wiederkehrende Paranoia, die sich nicht mal mit dem Hochgefühl des Sieges täuschen ließ. Warum wurde ich sie nicht los? Warum flammte sie in diesem Augenblick auf?

Oder war da mehr?

Stand da etwa jemand hinter mir?

War das keine Paranoia?

Meine Nackenhaare stellten sich auf.

Meine Instinkte reagierten, doch ich war zu langsam.

Fuck!

Zwei Hände kamen von hinten und pressten mich in die Couch. Ich schrie auf, doch eine Hand drückte auf meinen Mund. Ich spürte den erstickten Schrei als Vibration im Kopf. Ein Schrei unter Wasser wäre effektiver gewesen als dieser.

Kaltes Metall berührte die Lippen. Die Finger der Hand zierten unzählige Ringe. Sie presste sie so fest auf den Mund, dass sie unangenehm auf meine Zähne drückten und ich den Geschmack von Eisen schmeckte.

Es war eine Frau. Diese knochigen Finger gehörten keinem Mann. Und doch war sie so kräftig, dass ich es nicht schaffte, mich zu befreien oder den Kopf zu drehen. Ich schlug wild um mich, doch meine Fäuste trafen nur die Luft. Als würde niemand hinter mir stehen und die Hände aus dem Nichts erscheinen.

Ein leises, hämisches Kichern waberte durch den Raum, als würde es von überall und nirgends herrühren. Ich spürte, wie mir ein kalter Nebel in den Kopf kroch. Ich fühlte mich betäubt und merkte, wie meine Gegenwehr weniger wurde.

Die andere Hand griff langsam und bedacht an die Stirn und drückte mich noch tiefer in die Couch. Mein Kopf lag auf der Lehne, aber auch durch diese neue Position sah ich die Angreiferin nicht. Sie war zu kräftig und ich zu überrumpelt. Mein Sichtfeld verschwamm unter den aufsteigenden Tränen.

Die Hände der Frau wurden kochend heiß und ihre Nägel bohrten sich mir in die Haut. Ich spürte ein Summen von ihnen ausgehen, das mich stark an meine Tattoos erinnerte.

Nein, nicht ganz. Es fühlte sich düsterer und dumpfer an. Es lag nicht die natürliche Schönheit der Kreativität darin.

Hatte es hier jemand mit einer Fähigkeit auf mich abgesehen?

Bruno?

Würde er mich töten?

Fabian?

Wollte er mich entführen?

Was passierte hier mit mir?

Ein schmerzender Druck baute sich auf. Ein Dröhnen durchdrang meine Ohren und ich fühlte mich, als würde ein Zahnarztbohrer mehrere Nerven zugleich treffen.

Schwarz.

Die Welt um mich herum wurde dunkel und mein Bewusstsein driftete ins Nichts.

Machtlos

»Guten Morgen.« Arvids Stimme weckte mich. Verwirrt und schlaftrunken, sah ich durch die Gegend. »Hast du es nicht mehr ins Bett geschafft?«, fragte er grinsend. »Als ich nach Hause gekommen bin hast du schon tief und fest geschlafen, also habe ich dich nicht geweckt.«

Erinnerungen prasselten unkontrolliert auf mich ein. Ich sprang auf und suchte jeden Winkel des Zimmers ab. »Wo ist sie?«, fragte ich panisch und meine Stimme überschlug sich. Die Hände zu Fäusten geballt, um im Fall der Fälle direkt zuschlagen zu können.

Arvid zuckte zusammen. Die Leichtigkeit fiel von ihm ab. »Was ist los?« Er sah verdutzt zu mir herüber. »Alles gut?« Er wirkte besorgt.

»Nichts ist gut.« Meine Stimmlage war eine Oktave höher als sonst. »Jemand hat mich überfallen.« Wie vom Teufel besessen, lief ich durch die Wohnung und inspizierte sie.

Die Erinnerung an Fabian kam wie aus dem Nichts und prasselte auf mich ein. Wieder hatte ich mich schwach und hilflos gefühlt, nicht in der Lage zu reagieren. Genau wie bei Fabian kam da jemand aus dem Hinterhalt und richtete seine Wut gegen mich.

War er es vielleicht sogar?

Ich fing an, unkontrolliert am ganzen Körper zu zittern. Mir wurde schwummrig und die Knie gaben fast nach.

Arvid nahm mich in den Arm und drückte meinen Kopf gegen seine Brust. »Alles ist gut, jetzt bin ich ja da.« Seine Stimme wirkte beruhigend, doch ein gewisser angespannter Unterton, den er zu unterdrücken versuchte, klang mit. »Was genau ist passiert?«

»Ich ... Ich weiß nicht.« Ich kniff die Augen zusammen. Angestrengt versuchte ich, die Geschehnisse des letzten Tages hervorzuholen. »Ich habe gestern das Tarottattoo zerstört und bin nach Hause.« Ich rieb mir die Schläfe, ein Schmerz im Kopf brachte mit jedem Pochen die Erinnerungen zurück. »Ich habe mich auf die Couch gesetzt und jemand hat mich von hinten festgehalten.« Wieso fühlte ich mich so, als hätte ich einen Kater? Ich hatte doch nichts getrunken, oder?

»Hast du gesehen, wer es war?«

Ich schüttelte den Kopf. »Die Finger waren lang und knochig.« Ich spürte sie wieder auf der Haut und eine Gänsehaut überkam mich. Sie übermannte meine Sinne und ließ nichts anderes als Kälte und Unbehagen zurück. Panisch strich ich mir über das Gesicht, doch fremde Hände spürte ich dort nicht. »Ich bin mir sicher, es war eine Frau. Da waren Ringe an den Fingern.« Eindeutig nicht Fabian. Ich schloss die Augen. »Und dann noch diese Hitze.«

»Hitze?«

»Es fühlte sich an wie ... wenn ich tätowiere dann fühlt es sich genau so an, aber doch vollkommen anders.«

»Jemand mit einem Tattoo von dir?« Wut klang in Arvids Stimme mit. Er presste die Lippen aufeinander und ich hörte, wie er mit den Zähnen knirschte. Seine Wangenknochen stachen hervor. »Wer hat es auf dich abgesehen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Das dachte ich auch erst, aber wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann ... ich erkenne meine Tattoos, sie fühlen sich immer noch nach einem Teil von mir an.« Ich kniff die Augen zusammen in der Hoffnung, mehr Erinnerungen damit hervorzuholen. Die Augen ganz zu schließen traute ich mich nicht. Einen kleinen Spalt, durch den Licht trat, ließ ich offen. »Diese Fähigkeit fühlte sich nicht nach einer von mir an.«

»Hat es eine andere Kreative auf dich abgesehen?« Arvid ballte seine Hände zu Fäusten. »Wenn sie mir zwischen die Finger kommt ...« Hätte er eine Walnuss in der Hand gehalten, hätte er sie mühelos zerdrückt, so angespannt waren sie.

»Ich glaube nicht, dass es eine Kreative war. Deine Fähigkeit fühlt sich ähnlich wie meine an. Das hier ... war etwas vollkommen anderes.« Etwas viel Düsteres.

»Was hat sie nur mit dir gemacht?«