Hildur – Die Toten am Meer - Satu Rämö - E-Book
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Hildur – Die Toten am Meer E-Book

Satu Rämö

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Beschreibung

Das Blut der See

Hildur Rúnarsdóttir dachte, in ihr Leben als Kriminalpolizistin in den Westfjorden von Island wäre endlich Ruhe eingekehrt. Da werden auf dem elterlichen Anwesen am Meer vier Menschenskelette entdeckt. Hildur forscht nach, obwohl sie gerade eigentlich in einem Misshandlungsfall auf einem Kreuzfahrtschiff ermittelt. Im Sommer strömen Scharen von Touristen auf die Insel im hohen Norden. Und je mehr Hildur herausfindet, desto mehr muss sie feststellen, dass die Gier mancher Menschen tödlich sein kann. Ein engmaschiges Netz aus skandalträchtigen Machenschaften, die tief in die Vergangenheit reichen, tut sich auf.

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Seitenzahl: 412

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zum Buch

Jeden Sommer laufen große Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Ísafjörður ein. Tausende von Touristen gehen für einen Tag an Land, um das kleine Dorf und seine Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Als ein übel zugerichteter, blutender junger Mann, der als Küchenhilfe auf einem der Schiffe arbeitet, in die Hafenanlage kommt, wird Polizistin Hildur Rúnarsdóttir misstrauisch. Auf dem Hof ihrer Eltern bietet sich ihr ein noch schrecklicheres Bild des Grauens: In der Erde verscharrt, entdeckt sie vier menschliche Skelette. Hildur hofft auf Antworten von Helga, einer Freundin ihrer Mutter. Doch auf Helgas Erinnerungen ist kein Verlass mehr. Nur eins scheint bald klar: Es gibt eine Verbindung zwischen den Toten von damals und den Verbrechen der Gegenwart.

Zur Autorin

Die Finnin Satu Rämö zog vor über zwanzig Jahren für ein Auslandssemester nach Island, um isländische Kultur und Literatur zu studieren. Heute lebt sie mit ihrem isländischen Mann und ihren zwei Kindern in der Kleinstadt Ísafjörður im Nordwesten Islands. Nach zahlreichen erfolgreichen Sachbüchern, in denen sie über ihre Wahlheimat schreibt, feierte sie mit der Reihe um die außergewöhnliche Ermittlerin Hildur Rúnarsdóttir ihr Debüt als Krimiautorin. Inzwischen hat sich die SPIEGEL-Bestsellerreihe über eine Million Mal weltweit verkauft. Gerade laufen die Dreharbeiten für eine Miniserie zu Hildur im Rahmen einer internationalen Co-Produktion.

Lieferbare Titel

Die Hildur-Reihe:

Hildur – Die Spur im Fjord

Hildur – Das Grab im Eis

Hildur – Der Schatten des Nordlichts

Hildur – Die Toten am Meer

Satu Rämö

Hildur

Die Toten am Meer

Kriminalroman

Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Die Originalausgabe Rakel erschien erstmals 2024 bei Werner Söderström Ltd (WSOY), Helsinki.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Die Verse auf den Seiten 7 und 365 sind dem von Tapio Koivukari übersetzten Buch Kalakämppä (Atrain & Nord, 2024) entnommen. Der Originaltext ist Teil des 1980 veröffentlichten Liedes »Stál og hnífur« des isländischen Musikers Bubbi Morthens.

Der Vers auf S. 300 entstammt der Lieder-Edda (Der Codex Regius), genauer gesagt dem Gedicht »Hávamál«.

Trotz intensiver Recherche konnte der Verlag nicht alle Rechtegeber ermitteln. Bitte wenden Sie sich gegebenenfalls an den Wilhelm Heyne Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH.

Die Übersetzung wurde gefördert von

Deutsche Erstausgabe 08/2025

Copyright © 2024 by Satu Rämö

Published in the German language by arrangement with Bonnier Rights Finland, Helsinki, Finland.

Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Redaktion: Sibylle Klöcker

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de unter Verwendung von iStockphoto (tawatchaiprakobkit), www.buerosued.de

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-32974-7V001

www.heyne.de

Für Oma Sirkku 1933 – 2024

Ertrinke ich, ertrink’ ich heute Nacht. Und sollte man mich finden, so komm doch an mein Grab. Das wollt’ ich dir noch sagen.

Aus dem Song »Stál og hnífur« (1980) des isländischen Musikers Bubbi Morthens

Prolog

März 1995 Kotsdalur, Westfjorde

Rúnar war sich gleich geblieben. Ob er sich irgendwann verändert hätte, bleibt ein Rätsel, denn dies war sein letzter Tag.

Rúnar hackte mit dem Spaten den vereisten Boden seines Gehöfts auf und murrte vor sich hin. Wenn Arbeit anfiel, musste man sie erledigen. Der Hinterhof war leer, nur hier und da lagen Steinhaufen herum. Die Jahreszeiten kamen, die Jahreszeiten gingen. Der Schnee fiel, der Schnee schmolz. Der Wind peitschte täglich, so auch heute. Die Sonnenstrahlen des Spätwinters reichten schon bis ins Tal Kotsdalur, doch Rúnar sah sie nicht.

Rúnar war arbeitsam und gab nicht so leicht auf. Wenn er nicht auf dem Fischtrawler unterwegs war, übernahm er Gelegenheitsarbeiten. Pflügte, schleppte, stapelte, grub. Jetzt schmerzten seine Schultern, sodass er eine Pause einlegen musste. Er hatte an derselben Stelle schon oft gegraben, auch im Winter, aber jetzt raubte die Erde ihm die Kraft. In den letzten zwei Wochen hatte im Tal zwar Tauwetter geherrscht, doch unter der Oberfläche war der Boden festgefroren.

Rúnar ließ den Blick über sein Grundstück schweifen. Der Zaun rund um das Haus müsste im Sommer gestrichen werden. Der feuchte Wind vom Meer hatte das Holz aufgeweicht und die Farbe in großen Streifen abblättern lassen. An der Wohnzimmerdecke hatten sich nach den Herbstregen Feuchtigkeitsflecken gebildet. Auch das verrostete Dach müsste bald erneuert werden. Verdammt. Immer gab es etwas, das Geld verschlang.

Rúnar war heute vom Meer zurückgekommen, und nun stand er hier auf dem Hof und dachte an die vielen anstehenden Arbeiten. Er senkte den Blick auf die Leiche, die im nassen Gras lag, und holte eine kleine Schnapsflasche aus der Tasche. Der Verschluss war schnell aufgeschraubt. Das Getränk brannte in der Kehle, dann breitete sich eine tröstliche Wärme in seinem Inneren aus.

Wenn man auf dieser Welt etwas zustande bringen wollte, musste man es selbst tun. Rúnar hatte immer alles auf seine Art erledigen wollen. Wer könnte die Schwierigkeiten im Leben eines Mannes denn besser verstehen als der Mann selbst? Eine Frau jedenfalls ganz sicher nicht. Frauen hatten immer nur Schwierigkeiten gemacht. Mit Ausnahme seiner Mutter, die allerdings schon seit vielen Jahren tot war. Sie war würdevoll an Altersschwäche gestorben.

Dagegen war der Mensch, der hier neben dem Haus lag, Arme und Beine von sich gestreckt, an Dummheit gestorben. Er hätte den Mund halten und seinen Teil erledigen sollen, ohne zu klagen, dann bräuchte Rúnar jetzt nicht den vereisten Boden aufzuhacken.

Nach einer Stunde Plackerei sah er sich gezwungen, eine längere Pause einzulegen. Rúnar schob Heu über die halb fertige Grube. Er überließ nichts dem Zufall, ließ sein Werkzeug nie irgendwo liegen. Und er führte immer alles zu Ende.

Rúnar ging ins Haus, klopfte die Schuhe an der Fußmatte im Flur ab und marschierte in die Küche. Bald darauf brodelte die Kaffeemaschine.

Rúnar holte ein Stück fettes Schaffleisch aus dem Kühlschrank, bestrich ein Fladenbrot mit Butter und schnitt eine dicke Scheibe Fleisch ab. Die Küche war dreckig. Brotkrümel auf dem Esstisch, das Spülbecken voll von schmutzigem Geschirr. Im Kühlschrank hatte außer dem Schaffleisch und dem Brot, das er selbst mitgebracht hatte, nur ein Paket Butter gelegen.

Rúnar wunderte sich über die Abwesenheit seiner Frau. Seit Rósa und Björk im letzten Herbst verschwunden waren, war Rakel noch unnahbarer geworden als zuvor. Wo mochte sie jetzt wieder stecken? Das Haus sah aus, als hätte sich seit Tagen niemand darin aufgehalten. Heute war ein Werktag. Hildur müsste in der Schule sein. Rúnar nahm sich vor, Tinna anzurufen und sie zu fragen, wo seine Frau und seine Tochter waren. Aber zuerst trank er seinen Kaffee und schaltete die Maschine aus.

Plötzlich waren draußen Geräusche zu hören. Rúnar trat auf den Hof und griff nach seiner spitz zulaufenden Schaufel. Rakel stieg mit betont langsamen Bewegungen aus dem Auto.

»Hallo. Du bist ja schon zu Hause«, sagte sie leise.

Rúnars Fingerspitzen prickelten. Ein roter pochender Juckreiz stieg in Wellen von den Beinen bis zu seinem Nacken hoch.

»Wo zum Teufel warst du?«, fragte er und warf die Schaufel auf die Erde.

Rakel erzählte, sie sei bei ihrer Therapie gewesen. Das habe sie doch vorher auch gesagt, sie habe ihre Therapeutin in Reykjavík aufsuchen müssen. So versuche sie das Trauma zu überwinden, das durch das Verschwinden der Kinder ausgelöst worden war.

»Hildur war währenddessen bei Tinna«, sagte Rakel und erklärte, in ihrer Abwesenheit hätten die Nachbarn die Pferde gefüttert. Ihre Stimme war betont ruhig, aber die Worte klangen abgehackt und verrieten ihre aufsteigende Panik.

»Lüg mich nicht an!« Rúnar spuckte aus und versetzte Rakel einen Stoß. »Du warst bei den Nachbarn, bei Hallgrímur.«

Das bestritt Rakel, obwohl sie aus Erfahrung wusste, dass ihre Worte zwecklos waren. Ihr Mann war in einer gefährlichen Stimmung. Er hatte sich in seine eigene Wirklichkeit zurückgezogen. Worte konnten die Wand seiner Wut nicht durchdringen.

Rakel ahnte allerdings nicht, wie schlimm die Situation diesmal werden würde.

Rúnar riss die Autotür auf. Er zerrte die Reisetasche vom Rücksitz und begann, den Inhalt auf die Erde zu schleudern. Unterwäsche, Hausschuhe und eine Dose mit Rakels selbst angerührter Hautcreme. Eine Plastiktüte mit schmutziger Wäsche, die Rúnar aufriss wie ein Rabe, um den Inhalt über den Hof zu verstreuen. Aus der Seitentasche zog er ein zusammengefaltetes Stück Papier. Nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte, breitete sich ein siegessicherer Zug in seinem Gesicht aus. Er hatte den Beweis dafür gefunden, dass Rakel log. Das Papier war eine Bordkarte für ein Kreuzfahrtschiff der Smyril Line. Rakel hatte eine Kreuzfahrt gemacht! Rúnar nahm Anlauf und trat seiner Frau in die Rippen.

»Auf den Färöern warst du also!«

Dann schwieg Rúnar einen Augenblick. Sein Bierbauch bewegte sich im Takt seiner Atemzüge. Er schnaubte vor Wut. Rúnar hob die Schaufel vom Boden auf, packte sie mit beiden Händen und hob sie in die Luft. Ein dumpfes Krachen ertönte, als der Rand der Schaufel Rakel an der Schulter traf. Rakel kauerte sich zusammen und versuchte ihren Kopf zu schützen, bevor sie der nächste Schlag im Gesicht traf.

Sie spuckte Blut und stammelte etwas, was Rúnar nicht verstand. Er trat seine Frau. Das wirkte.

Rakel bat um Verzeihung, weil sie eine so schlechte Ehefrau gewesen war. Rúnar fasste sie an beiden Schultern und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. Rakel stöhnte auf.

»Ich verstehe jetzt, dass du mir eine Lehre erteilen musstest. Es geschieht mir ganz recht. Ich hätte dich nicht unter Druck setzen dürfen. Ich weiß, dass du dein Bestes versucht hast.«

Rakel ächzte vor Schmerz. Das Blut, das ihr von der Stirn herunterfloss, erreichte das Kinn und lief am Hals entlang unter ihr Seidentuch. Rakel erzählte, sie habe Rósa und Björk auf den Färöern in Sicherheit gebracht, sehe jetzt aber ein, dass sie falsch gehandelt hatte, und wolle ihren Fehler wiedergutmachen.

»Ich möchte, dass du mitkommst. Wenn wir sofort losfahren, schaffen wir es auf das Schiff, das morgen ablegt.«

Am nächsten Tag fuhr kein Schiff. Das wusste Rakel, aber Rúnar kannte die Fahrpläne des Kreuzfahrtschiffs nicht. Die Lüge war ihr einziger Ausweg aus der Situation. Sie durfte nicht zulassen, dass Rúnar die Kinder fand.

Rúnar stand eine Weile still da und sah seine wimmernde Frau verwirrt an. Ihre Geschichte klang so absurd, dass er sich unbedingt vergewissern musste, ob sie stimmte. Er ließ jedoch nie etwas unvollendet, was er angefangen hatte. Außerdem durfte er keine Beweise auf seinem eigenen Hof zurücklassen. Er musste die Leiche loswerden. Rúnar kommandierte seine Frau ins Auto.

Die Plane mit der Leiche und der Schaufel passte gut auf die Rückbank. Er würde die Sache irgendwo unterwegs zu Ende führen.

Rúnar öffnete die Beifahrertür und ließ sich auf den Sitz fallen. Rakel starrte mit glasigen Augen vor sich hin. Erst als Rúnar mit der flachen Hand auf das Armaturenbrett schlug, schrak sie auf und fuhr los. Auf der holprigen Einfahrt wurde der Wagen durchgerüttelt.

Rakel war von Abscheu erfüllt. Sie hasste ihren Mann. Sie hasste sich selbst, weil sie einen derart schlechten Partner gewählt hatte. Einen von Wut zerfressenen Mann – einer Wut, die aus Enttäuschungen entstanden war –, der den Verdacht hatte, nicht er, sondern der Nachbar sei der Vater der beiden jüngsten Kinder. Rakels Gesicht war blutüberströmt, und einer ihrer Zähne war durch den Tritt abgebrochen, aber sie wirkte trotzdem selbstsicher. Sie hatte einen Plan.

Der Wagen fuhr schneller. Die Straße führte bergauf, und Rakel gab Gas. Oben auf dem Hügel wartete eine Rechtskurve. Rakels Selbstsicherheit und Trotz wuchsen im selben Maß, wie das Tempo zunahm. Als sie sprach, klang ihre Stimme honigsüß, was Rúnar verwirrte.

»Es sind deine Kinder, aber ich war nie dein. Ich habe sie geliebt. Sie hat heimlich alles geheilt, was du immer wieder zerschlagen hast. Wir wollten Hallgrímur nicht wehtun, deshalb haben wir alles geheim gehalten.« Rakel sah ihren Mann an. Seine verdatterte Miene verriet, dass ihre Worte in sein Bewusstsein gedrungen waren. Rakel genoss die Situation.

»Helga war für mich das, was du nie gewesen bist. Ich habe sie wirklich geliebt.«

Im Radio ertönte eine sanfte Männerstimme, einer von Rakels Lieblingssongs. Als hätte das Schicksal ihn noch einmal für sie spielen wollen.

Die Kurve näherte sich. Rakel machte keine Anstalten, das Lenkrad zu drehen, sondern trat noch fester aufs Gaspedal. Am Horizont schimmerte das Meer. Rakel steigerte das Tempo und umklammerte das Lenkrad noch einen Moment mit beiden Händen, bevor sie endgültig losließ.

Im Übergang zwischen Winter und Frühling schlug das Wetter oft um. In der nächsten Nacht herrschten Frost und leichter Schneefall. Ein Landwirt, der am frühen Morgen an der Unfallstelle vorbeifuhr, sah die zum Meer führenden Reifenspuren und rief vom nächsten Haus aus den Notruf an.

Die Männer vom Rettungsdienst trafen nach gut einer Stunde ein. Sie entdeckten ein Auto, das drei Meter unter Wasser lag. Zwei Schutzpolizisten schlotterten am Rand des Abgrunds und verfolgten in der feuchtkalten Luft die Bergung. Das Motorengeräusch des Kranwagens mischte sich in das Tosen des Meeres.

Als das Autodach endlich an der Oberfläche erschien, verwandelte sich die brodelnde dunkelblaue See in weißen Schaum. Der vordere Teil des Fahrzeugs war zertrümmert. Die linke Seite war nach innen gedrückt, und die offene Vordertür auf der Fahrerseite hing nur noch an einer Angel. Der Anblick erinnerte an einen flügellahmen Vogel.

Die Schutzpolizisten gingen vom Rand des Felsenriffs zu ihrem Streifenwagen, neben dem das Autowrack abgesetzt wurde. Die Reifen landeten auf dem schneebedeckten Boden und die Hebetrossen wurden gelöst. Die Polizisten traten näher heran und blickten ins Wageninnere. Sie sahen zwei schlimm zugerichtete Leichen. Die Leiche des Mannes war unter dem zerdrückten Vorderteil des Wagens eingeklemmt. Das zweite Opfer war so zerschmettert, dass sein Anblick fast unerträglich war. Wo das Gesicht sein sollte, war eine blutige Masse, in die sich die rotbraunen Haare mischten wie Tang.

1

Hallo!

Gestern bin ich endlich angekommen. Die Fahrt ist gut verlaufen.

Es ist ein gutes Gefühl, dass mich hier niemand kennt. Ich komme mir vor wie eine Leinwand, auf der noch kein Pinselstrich zu sehen ist. Am Beginn von etwas Neuem.

Meine Adresse steht auf der Rückseite. Schreib mir, wenn deine Pläne sich ändern und du mich sehen willst.

P.S. Es tut mir wirklich leid, dass ich keine Zeit hatte, mich zu verabschieden.

Grüße vom Meer

R.

2

Juni 2022 Ísafjörður

Die Kriminalermittlerin Hildur Rúnarsdóttir hatte den Alarm um fünf Uhr fünfunddreißig erhalten. Sie wusste den genauen Zeitpunkt, denn als das Telefon klingelte, war sie wach gewesen und hatte auf die roten Ziffern des Radioweckers gestarrt. Gegen fünf Uhr hatte die Sommersonne den Weg ins Schlafzimmer gefunden. Hildur hatte ohnehin schlecht geschlafen. Am Abend hatte sie sich stundenlang im Bett gewälzt, bevor sie endlich eingenickt war.

Hildurs Kollege, der Kriminalpolizist Jakob Johanson, wohnte mit seiner Familie nebenan, in der zweiten Wohnung des Doppelhauses, das Hildur gehörte. Nach dem Alarm hatte Hildur Jakob angerufen, sich schnell angezogen und ihr Gesicht mit kaltem Wasser gewaschen. Ein Pfefferminzkaugummi hatte den unangenehmen Geschmack aus ihrem Mund vertrieben. Sie waren schnell aufgebrochen und um fünf vor sechs bei der Adresse angekommen.

Jakob hatte einen Dreitagebart, und seine Augen waren vom Schlaf noch geschwollen. Sie standen vor einem Reihenhaus am Dorfrand.

»Hattest du schon mal so einen Einsatz?«, fragte Hildur und fasste nach dem Tor, das sich knarrend öffnete. Der aus flachen Natursteinen angelegte Gartenweg gabelte sich in drei Richtungen.

Jakob antwortete, für ihn sei es das erste Mal.

»Ich habe schon zwei hinter mir. Zum Glück passiert so etwas selten«, sagte Hildur und vereinbarte mit Jakob, dass sie das Reden übernehmen würde.

Hildur wusste, dass sie auf vier Erwachsene treffen würden: die Besitzer des Hauses und ihre Gäste, eine befreundete Familie aus Reykjavík.

Die Mutter dieser Familie war um Viertel nach fünf aufgewacht und hatte ins Reisebett geschaut, um zu sehen, ob ihr drei Monate altes Baby hungrig war. Ihren Worten nach hatte das Baby zuletzt um zehn Uhr am Abend getrunken, als die Familie schlafen ging. Die Mutter hatte den Rücken des auf dem Bauch liegenden Säuglings gestreichelt und sich erschreckt, weil der Körper sich kalt anfühlte. Mehr hatte die diensthabende Kollegin der Notrufzentrale nicht berichten können, denn der Vater hatte gegen Ende des Anrufs nur noch zwei Worte herausgebracht: »kalt« und »leblos«.

Die geräumige Eingangshalle lag im Halbdunkel. In der Mitte des Raums stand eine Frau in einem langen weißen T-Shirt und knielangen Shorts. Sie hielt ihre Ellbogen umklammert. Ihre wirren dunklen Haare verdeckten ihr Gesicht. Hildur hörte, dass sie weinte. Ein großer magerer Mann hatte die Arme um die Frau gelegt und sah Hildur geradewegs in die Augen. Er hatte es geschafft, vor der Ankunft der Polizei einen weiten Pullover über seinen Schlafanzug zu ziehen. Man hätte seine Miene als hasserfüllt deuten können, doch Hildur wusste es besser. Hinter dem stechenden Blick lag Trauer.

»Kristína und Óskar, nehme ich an?«

»Ja.«

»Mein Beileid«, sagte Hildur leise.

Aus dem Mund des Mannes drang ein leises undefinierbares Geräusch. Das Weinen der Frau wurde lauter. Ihre Schultern hoben und senkten sich. Auf und ab wie eine pulsierende Welle.

Die Tür am Ende der Eingangshalle stand einen Spaltbreit offen. Hildur nickte mit fragendem Gesichtsausdruck zur Tür hin, und der Mann nickte zurück. Hildur und Jakob zogen ihre Schuhe nicht aus. Es war für alle das Beste, wenn die Polizei möglichst schnell wieder ging.

Der Weg durch die Eingangshalle war lang. Hildur fühlte sich bleischwer. Zum ersten Mal seit Monaten spürte sie einen wachsenden Druck im Brustkorb. Das Frühjahr war gut verlaufen. Mit ihrem finnischen Freund Anton hatte Hildur einen ausgedehnten Urlaub auf Hawaii verbracht. Sie hatten gesurft, am Strand gelegen und Drinks mit bunten Papierschirmchen getrunken. Sie hatten die gemeinsame Zeit genossen, auch wenn sie beide keine Vorliebe für Hitze und brennende Sonne hatten. Nach dem Urlaub waren sie in Verbindung geblieben. Auch bei der Arbeit war es friedlich zugegangen. Einige betrunkene Fahrer waren festgenommen worden, aber ansonsten war an den Westfjorden seit Monaten nichts Besonderes passiert.

Ein Tag war auf den anderen gefolgt, und Hildur hatte ohne Bedrückung dahingelebt. Sie hatte sich unbeschwert gefühlt, obwohl sie die Sommermonate eigentlich nicht mochte. Die überall eindringende Helligkeit, die selbst nachts nicht nachließ, störte sie. Trotzdem hatte sie jede Nacht geschlafen wie ein Murmeltier – außer letzte Nacht, als sie viel zu spät eingeschlafen und zu früh aufgewacht war.

Im Schlafzimmer lag ein schwerer Geruch. Es war nicht der übliche Todesgeruch, an den Hildur sich bei ihrer Arbeit als Kriminalermittlerin gewöhnt hatte. Eine Leiche, die erst nach langer Zeit gefunden wurde, verströmte einen intensiven Geruch. Doch das Baby war gerade erst gestorben. Im Zimmer roch es nach Entsetzen und nach Schweiß. Ihr wurde übel.

Die Schlafcouch war ungemacht, auf dem Fußboden lag ein Koffer und daneben stand ein Kinderwagen. Rechts von der Couch befand sich das Reisebett.

»Die Babyschale lässt sich vom Gestell lösen, nehmen wir die?«, fragte Jakob.

Hildur nickte.

Jakob hob die Schale, die zugleich ein Autositz war, auf die Schlafcouch.

Hildur zog die getüpfelte kleine Decke von den Beinen des Babys und nahm es in die Arme, um es in die Schale zu legen. Als sie den kleinen Körper an sich drückte, wurde ihr bewusst, dass sie sich nicht einmal erinnerte, wann sie zuletzt ein lebendes Baby in den Armen gehalten hatte. Es musste Jahre her sein.

Jakob wandte den Blick ab, und Hildur verstand, warum. Auf dem Gesicht des Kindes hatten sich fingerkuppengroße blaue Verfärbungen gebildet, Totenflecke, weil das Kind in Bauchlage gestorben war. Die Eltern hätten nichts tun können, selbst wenn sie einige Stunden früher aufgewacht wären. Ein plötzlicher Kindstod kündigte sich nicht an. Er schlug überraschend zu. Hildur bemerkte keine Spuren von Gewalt. Der Rechtsmediziner würde den kleinen Leichnam noch genauer untersuchen. Hildur legte die getüpfelte Decke über das Kind und nahm eine rasche Überprüfung des Schlafzimmers vor. Als Polizistin musste sie sich vergewissern, dass kein Verbrechen vorlag.

Der plötzliche Kindstod war heutzutage selten. Doch diese Seltenheit war nun ein Teil des Lebens dieser Familie geworden, dachte Hildur und griff nach der Babyschale. In der Eingangshalle wartete neben den Eltern ein etwa gleichaltriges Paar, schätzungsweise um die dreißig. Die kurzhaarige Frau im roten Morgenmantel stellte sich als Elín vor. Sie arbeitete in der Dorfapotheke, ihr Mann Páll im Sozialamt der Kommune. Sie erzählten, Kristína und Óskar seien bei ihnen zu Besuch.

»Wir sind nach fünf von dem Schrei wachgeworden … Ich verstehe einfach nicht … Ich kann nicht begreifen, dass so etwas passiert«, sagte Elín.

Hildur bemerkte, dass Kristínas T-Shirt an den Brüsten feucht geworden war.

»Ein Team von Sozialarbeitern ist unterwegs. Sie helfen Ihnen in dieser schwierigen Situation. Sie können auch mit einem Arzt sprechen, wenn Sie möchten«, erklärte Hildur.

Sie wusste, dass die Frau auf jeden Fall ein Medikament brauchte, das die Muttermilch stoppte.

»Wohin wird unser Kind gebracht?«, fragte Óskar und drückte seine Frau, die zusammengekrümmt neben ihm stand, fester an sich.

Hildur wusste, dass es in einer Situation wie dieser wichtig war, klar und offen zu antworten. Ohne Umschweife.

»Ins Dorfkrankenhaus. Später am Tag wird der Leichnam mit dem Flugzeug nach Reykjavík gebracht. Nach den rechtsmedizinischen Untersuchungen wird die Erlaubnis zur Bestattung erteilt.«

Kristína ließ weiterhin den Kopf hängen und sah niemandem in die Augen, aber ihr Weinen brach kurz ab. Ihre Stimme klang ruhig, aber bestimmt:

»Mein Kind kommt nicht zu den Koffern im Laderaum.«

Leichen wurden in der Regel in einem provisorischen Sarg im Laderaum des Flugzeugs transportiert. Hildur verstand gut, dass der Gedanke an einen kleinen Sarg zwischen Reisekoffern entsetzlich war. Die Leiche konnte jedoch erst zur Bestattung freigegeben werden, nachdem der Rechtsmediziner sie untersucht hatte. Zudem würde die Beerdigung wohl in Reykjavík stattfinden, wo Kristína und Óskar wohnten. Hildur sah Jakob fragend an. Er nickte.

»Ich glaube nicht, dass Sie fahrtüchtig sind. Wir können es so machen, dass mein Kollege Ihren Wagen nach Reykjavík bringt, und ich übernehme das Kind. Sie können bei ihm oder bei mir mitfahren.«

3

Das Thermometer zeigte nur fünfzehn Grad, doch auf der Insel war das bereits viel. Der Sommer in Island war kühl und hell. Sonnenschein und Windstille schufen eine schläfrige Stimmung im Hafen von Ísafjörður. Die Meeresoberfläche erschien wie eine dicke unbewegliche Flüssigkeit. Völlige Windstille und sonnige Sommertage waren an den Westfjorden eine Seltenheit. Hier war es oft windig, und der Südwind brachte Regen, während es bei Nordwind sogar im Juni kalt wurde.

Heute schlossen einige Läden früher, damit die Angestellten das schöne Wetter genießen konnten. Die Kinder planschten am Sandstrand des Dorfs im Wasser, und die Erwachsenen plauderten über das Wetter. Alle wiesen sich selbst und die anderen darauf hin, dass man diesen seltenen Genuss bis zum Abend voll auskosten musste.

Vom Meer her waren die Schreie hungriger Möwen zu hören. Sie umkreisten einen kleinen Fischtrawler, der auf dem Weg zum Heimathafen war. Es war üblich, ungeeignete oder beim Transport beschädigte Fische über Bord zu werfen. Ein Festmahl für die Möwen.

In den Hafen des Küstendorfs glitt an diesem schönen Sommermorgen die Diamond Adventure of the Seas, ein Kreuzfahrtschiff für zweitausend Passagiere. Das weiße Schiff hatte zwölf Etagen und war mehr als zweihundert Meter lang. Die Länge des Dorfzentrums vom nördlichen bis zum südlichen Ende betrug knapp einen Kilometer. Im Verhältnis dazu wirkte das Kreuzfahrtschiff unglaublich groß. Die Landungsbrücke wurde ausgefahren, die Türen wurden geöffnet. Etwa eine Stunde lang drängten amerikanische, kanadische und mitteleuropäische Touristen von Bord. Sie suchten ihre Guides, die an der Farbe ihrer Infoschilder zu identifizieren waren, und sahen sich begeistert um.

Die Fremdenführer mit ihren Basecaps dirigierten die Scharen zu den Bussen. Die grünen Busse fuhren zu dem eindrucksvollen Wasserfall Dynjandi und anschließend zu einem ländlichen Restaurant, wo Fischsuppe serviert wurde, während die gelben Busse die Passagiere zu einem Fischereimuseum an einem etwas weiter westlich gelegenen Fjord brachten.

Als der letzte Touristenbus das Dorf verlassen hatte, kehrte die Stille zurück. Im Hafen war nur noch das leise Kreischen der Möwen zu hören. Das Dorf wollte in den wachsenden Kreuzfahrttourismus investieren. Der Hafen wurde gerade tiefer ausgehoben, damit er größere Schiffe aufnehmen und auch den Wünschen anspruchsvollerer Kreuzfahrttouristen gerecht werden konnte. Die Hafenerweiterung würde zwar erst in ein paar Jahren fertig sein, aber mit einigen kleinen Veränderungen hatte man schon augenfällige Verbesserungen erreicht. Die vom wechselhaften Wetter in Mitleidenschaft gezogenen Gebäude waren frisch gestrichen und im Hafengebiet waren öffentliche Toiletten errichtet worden. Außerdem hatte man unmittelbar am Hafenbecken mehrere große Betonkübel aufgestellt und mit Petunien bepflanzt. Petunien wuchsen und blühten auch im nördlichen Sommer. Einige Bienen summten um die Blüten herum.

Plötzlich ertönten von der Landungsbrücke des Kreuzfahrtschiffs her seltsame Geräusche. Zuerst ein zweimaliges dumpfes Dröhnen, dann eine schrille Stimme, die im menschenleeren Hafengebiet widerhallte. Ein dunkelhaariger, schmächtiger junger Mann hinkte über die Brücke. Der Mann stieß gegen das Geländer und brummte tief. Er ging gekrümmt und hielt die Hände schützend vor das Gesicht.

Wenn man genauer hinsah, merkte man, dass der Mann sein Gesicht mit den Händen nicht nur schützte, sondern es vielmehr am Platz hielt. Die rote Flüssigkeit, die zwischen seinen Fingern hervorquoll, lief auf sein weißes Hemd und weiter auf die hellblaue Hose. Sein ganzer Oberkörper war von Blut bedeckt.

Der Mann stolperte von der Brücke auf das Hafengelände und stieß gegen eine junge Frau mit einem Pferdeschwanz. Sie hatte über das Jugendarbeitsprogramm des Dorfs einen Sommerjob bekommen und war gerade dabei, verwelkte Petunienblüten abzuzupfen. Die Frau sah den Mann an und kreischte auf. Der schrille Schrei hallte einen Augenblick nach.

Der Mann fiel vor der Frau zu Boden und wimmerte, doch seine Worte waren nicht zu verstehen. Sie verschwanden in dem Brei aus strömendem Blut und Schleim, der ihm aus dem Mund lief.

Die junge Frau suchte an dem Blumenkübel Halt und holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Sie wusste, dass sie den Notruf alarmieren musste, war aber zunächst nur zu einem einzigen Gedanken imstande: Wie konnte in einen so schmächtigen jungen Mann so viel Blut passen?

4

Juni 2022 Hólmavík

Die an der Küste entlangführende Straße stieg an bis zu einer Kuppe, danach folgte eine scharfe Kurve nach rechts. Da der Gegenverkehr erst am höchsten Punkt der Straße in Sicht kam, musste Hildur vorsichtig fahren. Ihr Toyota Land Cruiser, den sie Brenda getauft hatte, kroch mit dreißig Stundenkilometern den Hügel hinauf. Der Asphalt hatte hier und da kleine Löcher. Das Straßenbauamt ließ die Straßenarbeiten zuerst in der Hauptstadtregion und auf der Landstraße 1 durchführen, der Ringstraße, die rund um die Insel verlief. Weniger befahrene Straßen wurden erst später im Sommer ausgebessert. Hildur spürte, dass ihr Wagen in den kleinen Schlaglöchern eine Spur zu heftig ruckelte. Sie musste die Federung an der rechten Seite bald auswechseln.

Plötzlich bewegte sich etwas Weißes am rechten Rand ihres Blickfelds. Hildur trat blitzschnell auf die Bremse und brachte den Wagen gerade noch zum Stehen, bevor ein Schaf auf die Straße sprang. Bald darauf hüpften zwei kleine Lämmer dem Muttertier nach. Die Tiere tollten zum anderen Straßenrand und liefen weiter den Hügel hinunter, um auf die grüne Wiese in Ufernähe zu gelangen.

Die frei laufenden Schafe machten den Sommer zu einer gefährlichen Zeit im Straßenverkehr. Mehr als eine Million Schafe wurden auf der Insel zu Beginn des Sommers freigelassen und weideten bis Ende September, wo es ihnen gefiel. Sie verursachten vor allem auf den schmalen kurvenreichen Straßen in den ländlichen Gebieten Verkehrsunfälle.

Hildur blickte rasch in den Rückspiegel. Zum Glück war der Transportsarg, den das Krankenhaus zur Verfügung gestellt hatte, bei der Vollbremsung nicht verrutscht. Hildur stützte sich auf das Lenkrad und wartete, bis sich ihr Atem beruhigt hatte. Dann fuhr sie weiter. Durch diese Kurve war sie zur Waise geworden, als damals das Auto ihrer Eltern ins Meer gestürzt war. Hildur spürte keine Trauer mehr, denn das Leben war weitergegangen. Das Gefühl der Einsamkeit war dagegen nicht geschwunden, aber vielleicht hatte es immer schon in ihr gesteckt. Andererseits war eben alles so, wie es nun mal war, und damit hatte es sich.

Jakob hatte keinen großen Vorsprung. Die Eltern hatten nebeneinander im Fond ihres eigenen Wagens sitzen wollen. Durch das Rückfenster konnten sie Blickkontakt zu dem Auto mit dem Sarg halten.

Hildur fand es wichtig, den Eltern in ihrer schlimmen Situation zu helfen. Auf unerklärliche und angesichts des traurigen Ereignisses sogar ein wenig unangemessene Art fühlte sie sich tatkräftig und energiegeladen. Sie konnte etwas tun, das war wichtig. Überhaupt war ihr Inneres in letzter Zeit auffallend in der Balance. Die übersteigerte Wachsamkeit, die quälenden Visionen und die intensiver werdenden Empfindungen, die ihr oft zu schaffen gemacht hatten, waren schon seit einigen Monaten ausgeblieben – außer in der letzten Nacht, als das Baby starb. Das ganze Frühjahr über hatte sie keine Beklemmung verspürt, sondern fast so etwas wie Ruhe. Sie hatte seit Monaten nicht von kommenden Unglücksfällen geträumt.

Hildur hatte die Gabe des Sehens von ihrer Familie mütterlicherseits geerbt. Eine ihrer Vorfahrinnen war in ihrer Heimat als Seherin bekannt gewesen, die über die Zukunft berichten und ihren Mitmenschen zu den richtigen Lebensentscheidungen raten konnte. In früheren Zeiten war es üblich gewesen, sich an eine Seherin oder einen Seher zu wenden. Die Bauern hatten nach den Wetteraussichten für den Sommer gefragt, die Fischer nach den Bewegungen der Fischbestände. Auch in Liebesangelegenheiten hatte man bei Sehern Rat gesucht. Hildur hatte künftige Ereignisse nie deutlich vorhergesehen, aber schon als Teenager hatte sie Unfälle und schwere Verbrechen im Voraus gespürt. Diese Vorahnungen waren bedrückend, denn sie wusste zwar, dass bald etwas Schlimmes passieren würde, ahnte aber nicht, wem oder wann. Es war ein Fluch, zu viel und doch zu wenig zu wissen.

Obwohl sich im letzten Jahr mehr ereignet hatte als durchschnittlich während eines ganzen Menschenlebens, hatte die Beklemmung nachgelassen. Vielleicht kam Hildur allmählich mit ihrer Vergangenheit ins Reine.

Mutter und Vater waren tot. Hildurs Schwestern, die vor langer Zeit verschwunden waren, waren wieder aufgetaucht. Rósa, die jahrelang als Außenseiterin am Rande der Gesellschaft gelebt und sich mit dem Verkauf von Stutenblut über Wasser gehalten hatte, hatte diese Tätigkeit aufgegeben und eine Stelle bei einem großen Telekommunikationsunternehmen bekommen. Da sie im Homeoffice arbeiten konnte, war sie an die Westfjorde gezogen, in Hildurs Nähe. Sie kam mit wenig Geld aus. Mit dem, was von ihrem Gehalt übrig blieb, zahlte sie ihre Schulden ab, hatte sie erklärt. Hildur wusste nicht, bei wem Rósa Schulden hatte. Sie hatte zwar gefragt, aber Rósa hatte die Auskunft verweigert. Hildur hatte nicht nachgehakt. Es war, wie es war.

Rósa hatte den Hof in Kotsdalur übernommen, auf dem sie ihre Kindheit verbracht hatten. Das Anwesen war im Lauf der Jahrzehnte heruntergekommen, aber Rósa war handwerklich geschickt und hatte sich gefreut, in die vertraute Umgebung und in Hildurs Nähe zurückzukehren. Rósa war verschlossener als Hildur, aber vielleicht kamen sie gerade deshalb so gut miteinander aus.

Björk wiederum, die sensibelste, stillste und jüngste der drei Schwestern, war im Frühjahr wegen zahlreicher Körperverletzungen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Sie hatte ausgesagt, sie habe Rósa beschützt, als diese Islandstuten Blut zum Verkauf abgezapft hatte. Dem Staatsanwalt zufolge hatte Björk die Tierschützer, die Rósas Lebensunterhalt gefährdeten, eingeschüchtert, was schlimme Folgen gehabt hatte. Björk war wegen schwerer Körperverletzung verurteilt worden. Zwei Tierschützer waren ums Leben gekommen, aber das Gericht war zu der Auffassung gelangt, dass es sich in dem einen Fall um Grabschändung und in dem anderen nicht um Mord, sondern um Körperverletzung mit Todesfolge handelte, was das Strafmaß verringert hatte.

Hildur hatte keine Sekunde lang an Björks Schuld geglaubt, aber was sie glaubte, spielte keine Rolle. Björk hatte an ihrer Aussage festgehalten und die Schuld auf sich genommen. Jetzt saß sie ihre Strafe in einem Frauengefängnis in der Nähe von Reykjavík ab. Später am Abend würde Hildur sie dort besuchen, obwohl sie wusste, dass ihre kleine Schwester im Besuchsraum der Haftanstalt kaum ein Wort von sich geben würde. Wer zu nah an einem Berg wohnt, verwandelt sich selbst in einen. Vermutlich war es Björk, die im Gebirge der Färöer aufgewachsen war, so ergangen.

Die ersten drei Stunden der Fahrt hatten von der Küste auf Bergstraßen und in grüne Täler geführt. Nach der Abfahrt aus Ísafjörður waren sie an einem kleinen Dorf und etwa zehn abgeschieden liegenden Bauernhöfen vorbeigekommen. Die Westfjorde waren eine dünn besiedelte Region. Die erste Tankstelle befand sich im Dorf Hólmavík, das nur ein paar hundert Einwohner hatte, auf dessen Straßen sich jedoch im Sommer die Touristen drängten. Außer einer kleinen Badeanstalt und einem Restaurant gab es in Hólmavík noch ein Museum über die Geschichte der Hexerei. Die Hexenverfolgungen im Island des 18. Jahrhunderts hatten hauptsächlich an den Westfjorden stattgefunden. Der Grund für die Hexenjagd war simpel: In dieser Gegend lebten damals einflussreiche und wohlhabende Familien, die ihr Eigentum und ihre Machtstellung schützten, indem sie Menschen, die ihnen unbequem waren, öffentlich der Hexerei beschuldigten. Hildur hatte das Museum vor einigen Jahren besucht, und es hatte ihr gefallen, dass dort ein etwas anderes Licht auf die Geschichte des Landes geworfen wurde. Heute aber würden sie nur wegen der Tankstelle im Dorf einen Stopp einlegen.

Hildur hielt neben Jakobs Wagen auf dem Parkplatz und stellte den Motor ab. Jakob stieg aus und ging in das Tankstellengebäude, um Kaffee zu holen.

Die Eltern stiegen langsam aus dem Wagen. Der Mann legte einen Arm um die Schulter seiner Frau. Eng aneinandergedrängt lehnten sie sich an die hintere Stoßstange und schlossen die Augen. Die Sonnenstrahlen fielen auf ihre Gesichter. Sie wirkten wie ein ganz normales Paar, das im sommerlichen Island herumfuhr und nach schönem Urlaubswetter suchte.

Hildur lehnte sich an die Stoßstange ihres eigenen Wagens und warf einen Blick auf die Eltern.

»Kann ich Ihnen etwas mitbringen, wenn ich in den Laden gehe?«, fragte sie.

Die Frau blinzelte ein paarmal und wandte ihr Gesicht Hildur zu.

»Sehr freundlich, aber nicht nötig. Trotzdem vielen Dank.«

Hildur nickte schweigend. Sie zeichnete mit der Fußspitze kleine Muster in den Sand und sann über die Ruhe der Eltern nach. Keiner der beiden schrie, wütete oder weinte. Im Auge des Sturms war es ungewöhnlich friedvoll.

Die Frau schob ihre Haare hinter die Ohren und blickte in die Ferne.

»Es kommt Ihnen vielleicht seltsam vor, aber …« Sie verstummte.

Hildur unterbrach die Bewegung ihrer Fußspitze und ließ das Muster unvollendet.

»Ich kann Ihnen versichern, dass mir nichts seltsam vorkommt. Sprechen Sie ruhig weiter.«

Auf das Gesicht der Frau legte sich ein verhaltenes Lächeln, das jedoch kein bisschen Freude ausstrahlte.

»Wenn das Schlimmste passiert ist, fürchtet man sich nicht mehr.«

Hildur nickte. Sie wusste, was die Frau meinte.

Die Frau und der Mann lehnten sich immer noch aneinander. Hildur betrachtete sie noch eine Weile aus den Augenwinkeln. Plötzlich war sie sich ganz sicher, dass sie den Mann früher schon einmal gesehen hatte.

5

Juni 2022 Reykjavík

Die Sonne stand immer noch hoch am Himmel. Es ging auf vier Uhr zu. Hildur schob die Sonnenbrille von der Stirn vor die Augen und schaltete das Autoradio ein. Die Ergebnisse der Leichtathletikmeisterschaften interessierten sie zwar nicht, aber die monotone Männerstimme entführte sie für einen Augenblick in eine andere Wirklichkeit. Sie brauchte Ablenkung von ihren Gedanken.

Es war ein sehr langer Tag gewesen. Nach ihrer Ankunft in Reykjavík hatten sie die trauernden Eltern zu ihrem Haus gebracht. Dort hatten Hildur und Jakob gewartet, bis die Schwester der Mutter kam. Sie hatten die Eltern in ihrer schwierigen Lage nicht allein lassen wollen. Hildur hatte der Schwester die Kontaktdaten der Krisenhilfe gegeben, wo die verwaisten Eltern Unterstützung bekommen konnten.

Das Zuhause der Familie befand sich in einem Vorort, nicht weit vom Ufer des Sees Elliðavatn. Die Gegend war Hildur bekannt: Als sie vor Jahren als Polizistin in Reykjavík gearbeitet hatte, war sie an den Wochenenden hergekommen, um Sport zu treiben. Rund um den See gab es gute Joggingpfade. Damals war das Gebiet nur spärlich besiedelt gewesen, inzwischen aber waren in Ufernähe geräumige Einfamilienhäuser entstanden. Etwas weiter oben standen Reihenhäuser und dahinter einige niedrige Etagenhäuser. Das Gelände um den See war schön. Es war kein Wunder, dass die ständig wachsende Hauptstadtregion ihre Straßen samt Straßenbeleuchtung und Busnetz bis dorthin ausgedehnt hatte. Nachdem Jakob und Hildur sich von den Eltern verabschiedet hatten, waren sie zum Pathologischen Institut im Stadtzentrum gefahren und hatten die Leiche dem Rechtsmediziner übergeben.

Dann hatte Hildur Jakob zum Flughafen gebracht. Jakob würde noch am selben Nachmittag zurückfliegen, um vor dem Abend wieder bei seinem Sohn zu sein. Zwar konnte Matias sich nach der Schule und dem Sport die Zeit an seinem iPad vertreiben, aber Jakob wollte nicht, dass er stundenlang allein war. Hildur verstand ihn. Matias hatte ohnehin Eingewöhnungsschwierigkeiten gehabt, und das war kein Wunder. Der Junge hatte im letzten Winter seine Mutter verloren und wieder einmal das Land, die Sprache und die Schule wechseln müssen, als er zu seinem Vater nach Island gezogen war. Es war sicher besser, dass Jakob noch heute nach Hause flog.

Hildur würde erst morgen zurückfahren. Sie wollte ihren freien Abend für einen Besuch bei ihrer Schwester im Gefängnis von Hólmsheiði am Stadtrand von Reykjavík nutzen. Dort wurden während der Untersuchungshaft auch Männer untergebracht, aber die Langzeitplätze waren ausschließlich Frauen vorbehalten. Die Eröffnung des Gefängnisses hatte die Haftbedingungen der Frauen erheblich verbessert, denn in gemischten Gefängnissen waren die weiblichen Häftlinge oft belästigt und auch sonst benachteiligt worden.

Im Gefängnis verbüßten momentan etwa vierzig Frauen in zwei Abteilungen längere Haftstrafen. Die Abteilungen waren anhand der Nationalitäten gebildet worden. Die Isländerinnen saßen ihre Strafe in dem einen Trakt ab, die Ausländerinnen in dem anderen. Es gab drei eingezäunte Freiluftbereiche, außerdem gut ausgestattete Sporthallen, und das Gefängnis bot Möglichkeiten, zu studieren und zu arbeiten. Björk machte wie die anderen Häftlinge Handarbeiten und kleine Holzarbeiten, die im Webshop der Haftanstalt verkauft wurden.

Hildur warf einen Blick auf ihr Handy, während sie zum Haupteingang des rostbraunen Gebäudes ging. Anton hatte eine Textnachricht geschickt.

Hallo, schöne Lady! Wie geht’s? Bei uns werden bald die Rentierkälber markiert. Die Mückenzeit hat begonnen.

Es amüsierte Hildur, dass Anton sie in seinen kurzen englischsprachigen Textnachrichten immer Lady nannte. Und er schrieb praktisch nur über seine Rentiere. Hildur steckte das Handy ein. Sie würde später antworten.

Die Häftlinge mussten den Wächtern eine Liste der Personen vorlegen, deren Besuch sie akzeptierten. Björk hatte nur zwei Namen angegeben: Rósas und Hildurs. Hildur erkannte den Wächter am Empfangsschalter. Kári trieb Kraftsport und hatte oft einen Proteinriegel oder einen Proteinshake vor sich stehen. Diesmal sogar beides. Der stiernackige Mann nickte kurz zum Zeichen, dass er Hildur erkannt hatte. Trotzdem zeigte sie der Form halber ihren Personalausweis.

Anschließend ging sie zur Sicherheitskontrolle, wo der nächste Wächter die Tüte mit ihren Mitbringseln überprüfte. Sie hatte ihrer Schwester etwas zum Lesen mitgebracht. Der Wächter blätterte in den vier Büchern, um sich zu vergewissern, dass zwischen den Seiten nichts Verbotenes steckte. Auch Besucherinnen, die selbst bei der Polizei arbeiteten, bekamen keine Sonderbehandlung.

Im Zimmer setzte Hildur sich hin, und bald kam Björk herein. Der Wächter nickte Hildur grüßend zu und ging hinaus. Den Gefängnisregeln nach fanden die ersten drei Besuche in einem Besuchsraum statt, in dem Häftlinge und Besucher durch Panzerglas getrennt waren. Da alles gut verlaufen war, durften sie sich jetzt in einem privaten Zimmer treffen.

»Hallo, Schwesterchen. Wie geht’s?«, fragte Hildur und beugte sich über den Tisch, um Björk über die Schulter zu streichen.

Björk schüttelte die Hand ab und zog ihren Stuhl ein paar Zentimeter zurück.

»Ich mag keine Umarmung.«

Hildur erkundigte sich, wie es mit den anderen inhaftierten Frauen lief. Bei ihrem vorigen Besuch hatte Björk erzählt, sie sei am liebsten für sich allein.

»Hier gibt es nur eins, was uns verbindet.«

Die Wanduhr knackte, als der Minutenzeiger vorrückte. Hildur sah ihre Schwester fragend an.

»Jede von uns ist wegen einem Mann hier. Ansonsten haben wir nichts gemeinsam. Es gibt keinen Gesprächsstoff.«

Hildur ließ die Sache auf sich beruhen. Sie holte die Bücher hervor und legte sie auf den Tisch.

Björk wirkte erfreut.

»Das sind die neuesten von Arnaldur, Yrsa und Ragnar.«

Hildur hatte die Bücher in einer Buchhandlung im Zentrum von Reykjavík gekauft. Björk liebte Kriminalromane und Fernsehkrimis. Im Gefängnis hatte sie keinen eigenen Fernseher, aber Bücher durfte sie frei lesen.

»Danke«, sagte sie, zog den Stapel näher heran und begann zufrieden nickend in den Büchern zu blättern.

Hildurs Verhältnis zu Björk und Rósa war immer noch nicht ganz unkompliziert. Bei den jüngeren Schwestern kochte gelegentlich Verbitterung auf, weil sie in ein fremdes Land zu einer fremden Verwandten gebracht worden waren, während Hildur in der Nähe ihres Zuhauses bei Tante Tinna hatte bleiben dürfen. Keine von ihnen verstand, weshalb die beiden Jüngsten auf die Färöer verfrachtet worden waren. Was hatte ihre Mutter sich dabei gedacht? Wieso war alles so gekommen?

Nun waren sie endlich auf derselben Insel, aber es war nicht leicht, die Verbindung zwischen ihnen wieder aufzubauen. Alle drei waren irgendwie verloren.

»Coole Sommerfrisur«, versuchte Hildur ein Gespräch zu beginnen.

»Ach, das ist nichts Besonderes«, sagte Björk und fuhr sich über die millimeterkurzen Stoppeln.

Björk war ein schweigsamer Mensch. Oder war sie nur bockig?

»Wie steht es mit der Ausbildung, hast du schon angefangen?«

Auf den Färöern hatte Björk eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Nachdem sie ins Gefängnis gekommen war, hatte sie sich für eine Spezialausbildung in der Arbeit mit psychisch Kranken und Drogenabhängigen beworben. Sie räusperte sich und drehte die Bücher hin und her.

»Ganz okay. In einem Jahr habe ich den Abschluss.«

Sie sah sich das oberste Buch auf dem Stapel genauer an und las den Text auf dem hinteren Einband. Es war Yrsa Sigurðardóttirs Roman Nacht.

»Am abgelegenen Walfjord kommen die grauenvollen Geheimnisse einer Familie ans Licht«, las Björk vor und lachte trocken. »Genau wie bei uns«, sagte sie und ließ das Buch auf den Tisch fallen.

Verdammt, dachte Hildur. Sie hatte überhaupt nicht darauf geachtet, welche Themen die Bücher behandelten, sondern einfach alle Neuerscheinungen gekauft, von denen sie wusste, dass Björk sie gern lesen würde. Björk zwang eine Art Lächeln auf ihr Gesicht. Hildur hatte schon gelernt, es als ein Zeichen für Versöhnungsbereitschaft zu erkennen.

»Yrsa ist gut. Ich war im letzten Winter bei ihrem Krimi-Stadtrundgang in Reykjavík dabei«, erklärte Björk und bedankte sich für die Bücher. Ihre aufrichtige Begeisterung freute Hildur.

Sie wollte Björk erzählen, wie es Rósa ging.

»Rósa mag ihren neuen Job bei der Telefongesellschaft. Sie kann im Homeoffice arbeiten.«

Björk zog die linke Augenbraue hoch.

»Sie kommt nächstes Mal mit. Diesmal musste sie in Kotsdalur bleiben, um die Grabungsarbeiten zu überwachen. Die Klärgrube soll diese Woche fertig werden«, fuhr Hildur fort.

Björk nickte, sagte aber kein Wort.

»Ich soll dir aber liebe Grüße ausrichten«, fügte Hildur noch hinzu.

Björk wandte den Blick ab und konzentrierte sich darauf, ihre Nagelhäute zu mustern.

»Lüg mich nicht an. Rósa ist nicht der Typ, der Grüße ausrichten lässt«, sagte Björk trocken.

Hildur betrachtete die Kreuzsticharbeiten an den Wänden. Über der Tür hing eine helle Stickerei mit dem Text Gott segne dieses Haus. So eine Handarbeit hing in fast jedem isländischen Haus.

»Hey, ich möchte jetzt wieder in mein Zimmer«, verkündete Björk mit lauter Stimme, stand auf und klopfte an die Tür.

Hildur ärgerte sich. Ihre Besuchszeit war noch nicht abgelaufen.

»Ich bin doch gerade erst gekommen.«

Björk trommelte mit dem Fuß leicht auf den Boden. Das bedeutete, dass sie ihre Entscheidung getroffen hatte. Da der Moment des Abschieds also ohnehin näher rückte, beschloss Hildur, noch schnell dieselbe Frage zu stellen wie jedes Mal:

»Ich glaube nicht, dass du die Taten begangen hast. Warum kannst du mir nicht erzählen, was wirklich passiert ist?«

Björk klemmte sich den Bücherstapel unter den Arm und blickte zur Tür.

»Überlass es mir, mich um meine Angelegenheiten zu kümmern.«

Björk wirkte erleichtert, als der Gefängniswärter die Tür öffnete.

»Ich studiere. Schlage die Zeit tot. Ich lese. Es könnte mir nicht besser gehen. Kümmere du dich ruhig um anderer Leute Angelegenheiten. Mir reicht es, dass ich mich zum Essen an den gedeckten Tisch setzen kann.«

Sechs ganze Sätze, zählte Hildur in Gedanken. Am redseligsten war Björk, wenn sie ihre eigenen Ansichten verteidigte. Hildur ging durch die Besuchertür hinaus. Das Verhalten ihrer kleinen Schwester war und blieb ihr unverständlich. Aber wer verstand letzten Endes schon alle Motive anderer Menschen?

Draußen marschierte Hildur direkt zu ihrem Wagen. Sie würde sich am nächsten Tankstellenimbiss etwas zu essen holen, zu einem Hotel in Borgarnes fahren und eine Runde joggen, um die Trübsal zu lindern, die der hektische Tag mit sich gebracht hatte. Bevor sie den Motor anließ, schrieb sie eine Antwort an Anton.

Hallo, du Prachtkerl. Hier läuft alles gut. Wann sehen wir uns wieder?

Die am Horizont schimmernden blauen Berge von Bláfjöll wurden ihrem Namen gerade jetzt nicht gerecht. Die im Westen scheinende Sonne färbte die Berghänge orange. Hildur rümpfte die Nase. Die langweilig warmen Farbtöne des Sommers fand sie unerträglich. Sie stand den Sommer durch, weil sie wusste, dass er kurz war und dass bald der lange Herbst und danach der noch längere Winter anbrechen würde. Hildur schnallte sich an und setzte aus der Parklücke zurück. Etwas an dem, was Björk gesagt hatte, irritierte sie: Jede Frau, die im Gefängnis saß, war wegen irgendeinem Mann dort. Wegen wem war Björk im Gefängnis?

6

Juni 2022 Ísafjörður

Jakob schnupperte an der braunen Flüssigkeit in der Kaffeekanne. Der Geruch verriet, dass der Kaffee nicht mehr genießbar war.

»Soll ich frischen kochen?«, fragte er mit lauter Stimme. Die Frage galt seiner Chefin Elísabet »Beta« Baldursdóttir.

»Nein danke, ich muss bald zur Tanzstunde.«

Beta hatte nach ihrer Scheidung mit dem Tanzen angefangen und wollte an ihrem Hobby festhalten. Ihre Tanzstunde fand jede Woche um diese Zeit statt.

Beta hatte jahrelang als Polizeichefin in Ísafjörður gearbeitet, war im letzten Jahr aber aus familiären Gründen nach Reykjavík gezogen und hatte eine befristete Stelle bei der Drogenpolizei angenommen. Als die Stelle des Polizeichefs der Westfjorde in diesem Winter erneut ausgeschrieben wurde, hatte sich anfangs niemand beworben. Es war schwierig, kompetente Arbeitskräfte in die abgelegene und spärlich besiedelte Region zu locken. Auf einer Fläche von gut 22 000 Quadratmetern gab es einige Dörfer mit insgesamt rund siebentausend Einwohnern.

Im Winter war Jakob und Hildur eine Idee gekommen. Sie hatten Beta vorgeschlagen, für ein Jahr an die Westfjorde zurückzukommen. Jakob wollte sich eine Polizeikarriere in Island aufbauen. Er fühlte sich in der kargen, gebirgigen Landschaft der Westfjorde wohl. Außerdem hatte er hier inzwischen auch Familie: seinen Sohn Matias und seine Lebensgefährtin Guðrún. Auch eine leitende Funktion interessierte ihn sehr, aber er konnte sich noch nicht um die offene Stelle bewerben, weil er die Kriterien nicht erfüllte. Jakob studierte neben seiner Arbeit Jura an der Universität von Island. Damit hatte er vor zwei Jahren begonnen, weil sich das Fernstudium flexibel mit seiner Arbeit verbinden ließ. Anfangs hatte er niemandem davon erzählt. Erst als sein Traum von einer Leitungsposition immer konkreter geworden war, hatte er sich Hildur anvertraut. In Island wurde von Polizeichefs ein Studienabschluss in Rechtswissenschaften gefordert, und den wollte Jakob schaffen. Er verstand Isländisch inzwischen fast perfekt, aber Schreiben war schwieriger. Zum Glück hatte Hildur ihm bei den Aufgaben geholfen. Dafür würde er ihr ewig dankbar sein.

Im Lauf des nächsten Jahres würde Jakob sein Jurastudium vorantreiben. Er würde bald die isländische Staatsbürgerschaft erhalten, denn er hatte die Sprachprüfung bestanden und konnte demnächst auch die geforderte Mindestansässigkeit von vier Jahren vorweisen. Zudem hatte er in Finnland die Polizeischule besucht und an den Westfjorden Erfahrung im Polizeialltag gesammelt. Jakob glaubte, dass er die Stelle als Polizeichef bekommen würde, selbst wenn ihm zum Zeitpunkt der Bewerbung noch ein paar Studienpunkte fehlten. Während seiner Zeit in Island hatte Jakob gelernt, dass die Regeln bei Bedarf flexibel waren.

Beta, die gerade nach Reykjavík gezogen war, hatte die Idee zum Glück interessant gefunden und war bereit gewesen, für eine Weile zurückzukommen. Aber nur für ein Jahr, hatte sie gesagt.

Beta hatte Zwillingssöhne, die abwechselnd bei ihr in den Westfjorden und bei ihrem Vater in Reykjavík wohnten. Sie wollte nicht, dass die Jungen länger als ein Jahr zwischen zwei Wohnorten pendeln mussten, die immerhin weit über vierhundert Kilometer auseinander lagen. Die Kinder gingen in wöchentlichem Wechsel in Reykjavík und in den Westfjorden zur Schule. Diese Regelung erforderte ein wenig Mühe, war aber keineswegs ungewöhnlich. Viele isländische Kinder wohnten abwechselnd beim einen und beim anderen Elternteil, und manche wechselten die Schule auch über weite Entfernungen hinweg. Alles ließ sich regeln, wenn man es wollte. Betas Entscheidung wurde auch dadurch erleichtert, dass ihre Stelle bei der Polizei in Reykjavík auslief. Sie hätte somit ohnehin eine neue Stelle suchen müssen. Man half sich also gegenseitig, und alle profitierten. Auch die Ortsbewohner.

Jakob mochte seine Chefin. Es war Beta gewesen, die ihn damals als Praktikant in die Polizeistation von Ísafjörður aufgenommen hatte. Sie war eine faire Vorgesetzte, die sich nicht aufspielte und sich nicht in die Einzelheiten der Arbeit ihrer Untergebenen einmischte. Sie vertraute ihnen und ließ sie frei arbeiten.

Jakob schüttelte die Maus auf seinem Schreibtisch, um den Bildschirm zu aktivieren. Als Nächstes musste er den Ermittlungsbericht über das Baby fertigstellen, das in Ísafjörður gestorben war. Danach würde er sich mit einer Reihe von Einbrüchen in Sommerhäuser befassen, die seit Anfang Mai auf dem Land geschehen waren. Die Ermittlungen standen noch am Anfang. Man hatte nur wenige Spuren gefunden, und über die Täter wusste man noch gar nichts. Er musste die Besitzer der zuletzt heimgesuchten Sommerhäuser befragen.

Bevor Jakob mit seiner Arbeit beginnen konnte, klingelte das Telefon. Er meldete sich mit seinem vollen Namen, obwohl in Island die meisten am Telefon auch bei der Arbeit nur ihren Vornamen nannten.

»Hier ist Hilmir von der Notaufnahme im Krankenhaus, hallo.«

Hilmir räusperte sich. Nach typisch isländischer Art sprach er einen Teil der Worte beim Einatmen. Es klang, als wäre er äußerst besorgt.

»Unser Schichtleiter hat gestern vergessen, euch anzurufen. Das ist verflixt ärgerlich. Es war der letzte Tag vor seinem Sommerurlaub, da hatte er bloß noch Bier und Fußball im Kopf.«

Jakob hoffte, dass Hilmir bald zur Sache kam.

»Okay. Worum geht es?«

Hilmir wurde ernst und berichtete, gestern früh sei ein Patient aus dem Kreuzfahrthafen eingeliefert worden.