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Klassenarbeiten fordern Schüler heraus, ihr Wissen zu beweisen. Sie sind entscheidend, denn die Leistung, die das Kind in diesen Situationen zeigt, ist ausschlaggebend für die Zeugnisnote. Für manche Kinder stellen diese Abfragen kein Problem dar. Sie freuen sich, mit einer guten Note zu glänzen. Doch nicht alle Kinder schaffen es, Klassenarbeiten erfolgreich zu meistern. Viele können ihr Wissen in der Klassenarbeit gar nicht oder nur teilweise abrufen, obwohl es kurz davor noch da war. Wieder andere Kinder sind nicht einmal in der Lage, sich auf die Klassenarbeit vorzubereiten. Und dann haben wir noch die Kinder, die am Tag der Klassenarbeit Bauchschmerzen oder andere Symptome bekommen, so dass sie nicht in die Schule gehen können. Warum sind Klassenarbeiten für diese Kinder ein so großes Problem? Warum versagen sie? Was passiert da? Als Lerntherapeutin und beratende Kinderpsychologin ist Agatha Müller diesen Fragen nachgegangen und hat festgestellt, dass es viele unterschiedliche Gründe dafür gibt. Das geht von Null Bock auf Lernen bis perfektionistisch lernen. Oft spielt dabei auch Angst eine große Rolle. Manche Schüler können schon tagelang vor der Klassenarbeit nicht mehr schlafen. Allen Ursachen liegt aber eine gemeinsame Grundursache zugrunde, nämlich die schulischen Erwartungen. In diesem Buch finden Sie über 70 Gründe, die dazu führen, dass ein Kind eine schlechte Klassenarbeit schreibt. Die Autorin erklärt die jeweiligen Situationen genau und macht Lösungsvorschläge.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Vorwort
Noten und deren Auswirkungen
Warum schreibt ein Kind eine schlechte Klassenarbeit?
Das Kind bereitet sich nicht oder nicht genügend auf die Klassenarbeit vor
Das Kind lernt viel und versagt in der Klassenarbeit trotzdem
Das Kind hat Angst vor, während und/oder nach der Klassenarbeit
Ein Wort zum Schluss
Weitere Bücher der Autorin
Quellenverzeichnis
Vorwort
Noten und deren Auswirkungen
Seit wann gibt es Schulnoten?
Sind Noten sinnvolI
Umgang mit Noten
Warum schreibt ein Kind eine schlechte Klassenarbeit?
Das Kind bereitet sich nicht oder nicht genügend auf die Klassenarbeit vor
Das Kind ist zu „faul“
Der Lehrer ist gemein
Der Schüler hat das Gefühl, dass er alles kann und beschäftigt sich deshalb vor der Klassenarbeit nicht genügend mit dem Schulstoff
Der Lernstoff gibt für das Kind keinen Sinn
Das Kind denkt, dass es den Lernstoff sowieso nicht versteht
Die Clique hält das Kind vom Lernen ab
Das Kind verhält sich pubertär
Das Kind zockt nur noch oder sitzt ständig am Handy
Chaos im Schulranzen
Zu viel Ablenkung im Zimmer
Das Kind weiß nicht, was in der Klassenarbeit dran kommt
Kind hat Anlaufschwierigkeiten
Das Kind vergisst die Klassenarbeit
Das Kind bockt
Das Kind hat zu viel Stress
Zuhause fehlt die richtige Unterstützung
Das Kind ist mit den Gedanken nicht bei der Sache
Das Kind schreibt ab und bekommt eine sechs
Kind übernimmt keine Verantwortung
Das Kind schiebt das Lernen auf
Das Kind ruht sich auf dem Nachteilsausgleich aus
Das Kind weiß nicht, wie man lernt
Das Kind lernt sehr viel und versagt in der Klassenarbeit trotzdem
Eltern und/oder Lehrer trauen dem Kind nichts zu
Kind hat persönliche Probleme und/oder familiäre Schwierigkeiten
Das Kind hat gesundheitliche Probleme
Der Lehrer kann die Schrift nicht lesen
Das Kind schaut nach dem Lernen Fernseher
Das Kind lernt den Lernstoff nur auswendig, kann ihn dann aber nicht anwenden
Das Kind kann sein Wissen nicht aufs Papier bringen
Das Kind hat eine Lernschwäche
Das Kind arbeitet zu schnell und macht viele Flüchtigkeitsfehler
Das Kind hat die Nacht davor nicht gut geschlafen
Die Rahmenbedingungen sind falsch
Falsche Strategien bei der Klassenarbeit
Das Kind hat zu wenig Bewegung
Das Kind will perfekt sein
Das Kind arbeitet langsam und wird mit der Klassenarbeit nicht fertig
Die Eltern haben bestimmte Vorstellungen vom Kind
Das Kind ist überfordert
Das Kind schreibt beim Diktat schwere Wörter richtig und leichte Wörter falsch
Die Konzentrationsspanne reicht nicht aus
Kind ist sehr unruhig und hält nicht durch
Das Kind kann mit Zeitdruck nicht umgehen
Konkurrenzdruck unter Mitschülern
Fehlende Unterstützung bei der Klassenarbeit
Die Eltern üben zu viel mit dem Kind
Das Kind gibt bei Schwierigkeiten auf
Der Blutdruck des Kindes sinkt
Das Kind lässt sich vor Klassenarbeit verrückt machen
Ein Elternteil war in einem Schulfach ebenfalls schlecht
Das Kind hat den falschen Stoff gelernt
Das Kind liest die Klassenarbeit nicht richtig
Das Kind hat sich falsch vorbereitet
Kind hat nicht alle Arbeitsmaterialen
Das Kind hat negative Erwartungen
Das Kind hat Angst vor, bei und/oder nach der Klassenarbeit
Das Kind hat Angst vor der Klassenarbeitssituation
Das Kind hat vor der Rückgabe der Klassenarbeit Angst
Das Kind hat Angst während der Klassenarbeit
Das Kind hat Angst vor einer schlechten Note
Das Kind hat Angst, vor der Reaktion des Umfeldes
Kind sitzt neben einem Kind, das Angst hat
Das Kind wird mit anderen Schülern oder Geschwistern verglichen
Das Kind ist körperlich zu sehr angespannt und atmet falsch
Das Kind bekommt Belohnungen für gute Noten
Kind ist am Tag der Klassenarbeit krank oder schwänzt die Klassenarbeit
Die Eltern haben zu hohe Erwartungen an das Kind
Das Kind hat Lampenfieber
Ein größeres Geschwisterkind hat Angst vor Klassenarbeiten oder die Eltern selber
Das Kind braucht den Numerus Clausus
Das Kind denkt, dass Klassenarbeiten gefährlich sind
Das Kind hat Angst, nicht intelligent genug zu sein
Das Kind denkt: „Ich werde die Klassenarbeit bestimmt verhauen.“
Eltern sagen: „Du wirst die Klassenarbeit vermasseln.“
Das Kind hat Angst vor Fehlern
Ein Wort zum Schluss
Beziehung aufbauen
Weitere Bücher der Autorin
Quellenverzeichnis
In den verschiedenen Schulen und Altersstufen werden für schriftliche Wissensabfragen verschiedene Begriffe verwendet, z. B. Klassenarbeit, Probe, Test, Lernzielkontrolle, Klausur, Gelingensnachweis, etc. Ich verwende in diesem Buch dafür durchgängig den Begriff „Klassenarbeit“.
Die Namen in den Fallbeispielen wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen geändert.
Zur besseren Lesbarkeit verwende ich in diesem Buch hauptsächlich die männliche Geschlechtsform. Es sind aber immer alle Geschlechter gemeint.
Eltern sind oft hilflos und wissen nicht, was sie machen sollen, wenn ihr Kind immer wieder schlechte Noten in Klassenarbeiten mit nach Hause bringt. So wird mit ihm verstärkt gelernt. Es wird zur Nachhilfe und anderen Therapien gebracht, wird belohnt und bestraft. Doch all das scheint nichts zu nützen. Die Klassenarbeit fällt wieder schlecht aus. Und niemand versteht warum. Der Druck und Stress wird stärker. Einige Familien zerbrechen sogar an dem Dauerstress.
In diesem Buch gehe ich anhand von Fallbeispielen aus meiner Praxis den Ursachen nach, warum es mit dem Schreiben der Klassenarbeiten nicht so klappt, warum entsprechende Reaktionen vom Kind kommen und wie und warum die nicht gewünschten Noten entstehen. Sie finden unter jedem Fallbeispiel Tipps, wie sich die Noten in der jeweiligen Situation verbessern lassen, wie Eltern mit den Herausforderungen, die Klassenarbeiten mit sich bringen, anders umgehen lernen und somit das Kind und sich selbst entlasten können.
Da viele Faktoren miteinander zusammenhängen, kommen bestimmte Informationen in verschiedenen Kapiteln wiederholt vor.
So wünsche ich meinen Lesern und ihren Kindern, dass sie mithilfe dieses Buches der Ursache des Versagens auf den Grund kommen und die Noten sich nach und nach verbessern.
Agatha Müller
Seit wann gibt es Schulnoten?
Die Bildung lag jahrhundertelang in der Hand der Kirche. Sie fand vor allem in Klöstern statt und kam zuerst dem adligen Nachwuchs zugute. Im 16. Jahrhundert führte der Jesuitenorden das Klassen- und Notensystem ein. Mit diesem fünfstufigen Notensystem, das aus lateinischen Ziffern bestand, wurden klare Regeln zur Beurteilung der Schülerleistungen festgelegt. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde dieses mehrstufige System der Jesuiten von vielen Schulen übernommen und bildet bis heute die Grundlage für die Noten, die an deutschen Schulen vergeben werden.
Nach und nach wurde in Deutschland die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Der Unterricht fand nun auch außerhalb der Kirchen und Klöster statt. Im Jahre 1788 wurde in Preußen zum ersten Mal ein Reifezeugnis ausgestellt, das für ein Studium an der Universität Voraussetzung war. Es ermöglichte nun allen Schülern - unabhängig von ihrem sozialen Status - eine höhere berufliche Laufbahn einzuschlagen. Ein Zeugnis wurde in der Regel nur ausgestellt, wenn man die Schule verließ. Eine regelmäßige Benotung, die die Fort- und Rückschritte einer Schülerleistung zeigt, war nicht üblich.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts vergaben die meisten Schulen in Deutschland noch fünf Noten: die 1 für sehr gute, die 5 für nicht ausreichende Leistungen. Erst 1938 wurde in ganz Deutschland die Note 6 für ungenügende Leistungen eingeführt. Mit der Oberstufenreform Anfang der 1970er Jahre bekamen die Schüler der höheren Klassen ein neues Notensystem, das auch heute noch gilt: 15 Punkte entsprechen dabei der 1 +, ein Kurs mit 0 Punkten gilt als nicht belegt.
Sind Noten sinnvoll?
Noten fassen Informationen in Zahlen zusammen. Aufgrund der Zahlenbeurteilung lassen sich Personen leicht miteinander vergleichen, da die Leistungen der einzelnen Person auf einen Blick zu sehen sind. Betriebe und Universitäten wünschen sich Ziffernnoten, weil sie sich so sehr schnell einen Überblick über die Leistungen der Bewerber verschaffen können. Sie haben keine Zeit und Lust, sich mit dem Durchlesen langer Texte zu befassen. Eine 1 bedeutet eine sehr gute Leistung, eine 3 ist Mittelmaß und eine 6 ist ungenügend. Die anderen Noten bzw. Leistungen liegen dazwischen.
Noten gelten allerdings oft als ungerecht, beliebig oder nicht vergleichbar. Identische Noten in einem Fach bedeuten nicht unbedingt, dass die Schüler die gleiche Leistung erbracht haben. Die Klassenarbeiten werden je nach Lehrer in einem unterschiedlichen Niveau gestaltet und bewertet. So ist es überhaupt nicht möglich, die verschiedenen Klassen wirklich zu bewerten und untereinander zu vergleichen. Besonders in Deutschaufsätzen ist das oft gravierend. Da kann die Beurteilung des gleichen Aufsatzes - je nach Lehrer - schon um ein paar Noten abweichen. Doch auch in anderen Fächern gibt es teilweise große Unterschiede in der Bewertung. Die Lehrer haben bei der Benotung relativ viel Spielraum. Sie können selbst entscheiden, wie viele Punkte sie in einer Klassenarbeit für eine richtige Antwort geben, ob sie für Zwischenergebnisse Punkte geben oder nicht, ob sie in den Nebenfächern die Rechtschreibung mitbenoten oder nicht, etc.
Die Klassenarbeiten in den unterschiedlichen Fächern sind so verschieden wie die Lehrer. Die einen verlangen viel von den Schülern, die anderen wenig; die einen sagen den Klassenarbeitsstoff detailliert an, die andern nicht. Susanne hat z. B. im Diktat eine 3 geschrieben und deren Cousine Mira, die in der gleichen Klassenstufe, aber in der Parallelklasse ist, hat im gleichen Diktat eine zwei geschrieben. So gehen die Eltern von Susanne davon aus, dass Mira besser ist. Mira hat zwar eine bessere Note bekommen, aber sie durfte das komplette Diktat zuhause üben und Susanne bekam nur ein paar Lernwörter zum Üben. Das macht einen Unterschied, den man an der Ziffernnote nicht sehen kann. Deshalb ist ein Vergleich mit Ziffernnoten immer problematisch und nie ein wirklicher Vergleich.
Dasselbe Problem stellt sich auch bei mündlichen Noten dar. Da ist es noch krasser. So können Schüler mit ihrer mündlichen Note eine schriftlich verhauende Arbeit bei dem einen Lehrer ausgleichen, bei dem anderen nicht, obwohl sie sich genauso oft melden und genauso viele Antworten richtig haben. Auch gewichtet der eine Lehrer die mündliche Note mehr als der andere. Bei der mündlichen Note wird meist auch nicht berücksichtigt, ob ein Kind sich nicht melden will oder nicht kann. Oft weiß ein Kind die Antwort, traut sich aber nicht, sich zu melden.
Es hängt auch oft davon ab, in welcher Reihenfolge eine Klassenarbeit korrigiert wird. Hat ein Lehrer z. B. zuvor einige Super-Aufsätze korrigiert und liest dann den Aufsatz eines Schülers, nennen wir ihn Tom, der nicht so gut ist, dann benotet er diesen schlechter als wenn die Aufsätze, die er zuvor gelesen hat, schlechter als Toms Aufsatz waren.
Auch innerhalb der Bundesländer besteht ein großer Unterschied. Bei einer identischen Note in Nordrhein-Westfalen kann man im Abitur z. B. einen Schnitt von 2,2 haben, während man in Sachsen-Anhalt auf einen Schnitt von 2,8 kommt. Je nach Bundesland werden Fächer stärker oder schwächer gewichtet. Auch die Prüfungen haben in den einzelnen Bundesländern andere Voraussetzungen und andere Schwierigkeitsgrade. So ist ein Abschluss in Bayern gewichtiger als in einem anderen Bundesland, da in Bayern beim Abschluss mehr verlangt wird.
Hinter der Zahl einer Note steht eine Fülle von Einzelleistungen. Der tatsächliche Wissensstand in einem Fach kann somit nicht genau erfasst werden. Man erfährt durch die Note nicht, was ein Kind wirklich kann. Die Deutschnote z. B. besteht aus vielen unterschiedlichen Leistungen: Lesen, schriftliches Formulieren, Rechtschreibung, Grammatik, mündliches Vortragen, mündlicher Ausdruck, Schönschreiben, etc. Die Note im Zeugnis ist aber allgemein gehalten. Aus ihr geht nicht hervor, welche von diesen Leistungen das Kind gut kann und welche es nicht so gut kann. Vielleicht kann ein Schüler hervorragend lesen, aber keinen Text formulieren. Das ist aus dem Zeugnis nicht erkennbar. Auch in Mathematik ist nicht ersichtlich, ob das Kind gut Kopfrechnen kann oder in Geometrie gut ist. Die Gesamtnote, die aus dem Durchschnitt mehrerer Teilleistungen gebildet wird, macht die einzelnen Teilleistungen unsichtbar.
Die Beurteilung mit Ziffernnoten verführt Lehrer und oft auch Eltern dazu, das Kind nicht mehr ganzheitlich zu sehen. Der Blick richtet sich hauptsächlich auf seine messbare Leistung, die in Zensuren festgehalten wird. Sie wird als das Wichtigste an der Leistung des Kindes erachtet. Aspekte wie das praktische Tun, das besondere Wesen des Kindes, seine speziellen Fähigkeiten, der Lernwille, seine Bemühungen, usw. werden nicht berücksichtigt.
Noten werden auch oft als Disziplinierungsmittel missbraucht. Manche Lehrer geben einem Schüler eine schlechte Note, weil er im Unterricht stört. So steht dann z. B. eine schlechte Mathematiknote im Zeugnis, obwohl der Schüler gute Leistungen in diesem Fach bringt.
Noten haben auch immer etwas mit der Rangfolge innerhalb der Klasse zu tun: Hans ist der beste, Uta ist die schlechteste. So begünstigen Zensuren das Konkurrenzdenken, stacheln zum Rivalisieren an und können das Miteinander stören. Kinder, die sich beim Lernen schwertun, werden durch herabsetzende Zensuren oft seelisch verletzt. Kinder, die sich leichttun, strahlen und freuen sich, wenn sie gute Noten bekommen. So schwächen Zensuren die schwachen Schüler oft noch mehr, können aber auch die starken Schüler stärken und die Mittelmäßigen anregen, besser zu werden. Sie können also auch zur Motivation beitragen.
In der vierten Klasse der Grundschule ist der Notendruck oft besonders hoch, denn es geht darum, welche weiterführende Schule das Kind danach besuchen wird. So bedeutet für manche Familien der Übertritt von der Grundschule in eine weiterführende Schule extremen Stress, vor allem, wenn sie wollen, dass ihr Kind die Noten für eine bestimmte Schulart erreicht. Das führt dazu, dass die Eltern oft viel Druck machen. Aber auch unter den Schülern herrscht oft ein großer Konkurrenzkampf.
Noten sind immer Momentaufnahmen. Der momentane Zustand des Schülers wird dabei aber meist nicht berücksichtigt. Ein Schüler schreibt z. B. am Montag in der vierten Stunde die Matheklassenarbeit. Und das, was er in dieser Stunde aufs Blatt bringt, wird mit einer Ziffer benotet. In Fächern, in denen oft nur eine Klassenarbeit im Halbjahr geschrieben wird, ist die Note dieser einen Klassenarbeit oft auch die Zeugnisnote. Es wird aber nicht berücksichtigt, wie es dem Schüler in dieser Stunde ging. Vielleicht hatte er Kopfschmerzen, vielleicht hatte er familiäre Probleme, die ihm die Konzentration nahmen oder er konnte sich nicht konzentrieren, weil sein Nachbar so viel radierte, etc. All dies sind Faktoren, die in der Note nicht berücksichtigt werden.
Im Laufe der Zeit haben sich in Deutschland Schulen entwickelt, die vom Notensystem wieder teilweise oder ganz weggehen. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen die ersten Waldorf- und Montessori-Schulen auf. Inzwischen gibt es viele Freie Schulen, die ganz ohne Notensystem oder schriftlichen Abfragen arbeiten. In diesen Schulformen wird in der Regel auf Noten verzichtet, weil ihrer Meinung nach Noten zu viel Druck erzeugen und den Lernstand eines Schülers nur unzureichend wiedergeben können.
Stattdessen schätzen die Lehrer die Leistungen der Schüler anhand von Beobachtungen, Gesprächen und schriftlichen Berichten ein. Inzwischen gibt es auch an den Staatsschulen einige Schulen, vor allem Grundschulen, die in den ersten beiden Schuljahren komplett auf Noten verzichten und sie später im Zeugnis auch nicht alleine stehen lassen, sondern immer mit einem Begleittext versehen.
Beurteilungen ohne Noten geben einen besseren Einblick, was ein Kind kann und was es nicht kann. Je mehr Facetten in die Bewertung aufgenommen werden, desto gerechter wird diese. Gemeinsame Gespräche zwischen Eltern und Lehrern tragen außerdem dazu bei, Verständnis und Vertrauen zwischen allen Beteiligten aufzubauen und dem Kind so besser helfen zu können. Die Rangfolge in der Klasse fällt ohne Noten weg.
Schulen ohne Zensuren gehen aber spätestens im Prüfungsjahr auf Bewertungen mit Noten über, da ein staatlicher Abschluss ohne Noten in Deutschland nicht möglich ist. Doch die Abschlussnoten können nicht wirklich voraussagen, ob jemand im Studium oder im Beruf Erfolg haben wird? Anhand der Noten kann nicht beurteilt werden, für welchen Beruf der Schüler geeignet ist. Ist ein Arzt mit der Abiturnote 1,0 wirklich ein besserer Arzt als einer mit der Abiturnote 2,0 oder 2,5? Ein Arzt ist kein guter Arzt, nur weil er den Numerus Clausus hat. Zu einem guten Arzt gehört etwas ganz anderes. Dasselbe gilt auch für die anderen Berufe. Wäre es nicht gerecht, wenn jedes Kind jedes Fach studieren dürfte oder jeden Beruf erlernen dürfte, ganz unabhängig von seinen Noten? Noten sortieren aus und verbauen vielen Schülern den Weg zum Wunschberuf, Traumberuf oder zum Beruf als Berufung. Eine meiner Schülerinnen wollte Psychologie studieren. Sie wäre auch eine gute Psychologin geworden, doch sie scheiterte an der Mathematiknote. Durch die Unterpunktung im Fach Mathematik war es ihr nicht mehr möglich, den Beruf zu erlernen, für den sie geeignet gewesen wäre.
Umgang mit Noten
Wie sich der schulische Weg eines Kindes entwickelt, hängt viel davon ab, wie die Eltern mit den Noten, die ihr Kind mit nach Hause bringt, umgehen. Viele Eltern nehmen die Noten ihres Kindes sehr ernst, weil ihnen gute Abschlüsse wichtig sind und da meinen sie oft, dass schon die Noten in der Grundschule stimmen müssen, und sie erwarten bereits in der ersten Klasse gute Leistungen vom Kind. Das Kind soll ja später aufs Gymnasium gehen. Aus dem Kind soll ja etwas werden. Kinder erzählen mir immer wieder, dass sie eigentlich gut mit ihren Eltern auskommen, aber dass es immer wieder Streit wegen den Noten gibt. In manchen Familien dreht sich der gesamte Alltag nur noch um Schule und Noten. Das Kind als Mensch wird gar nicht mehr gesehen.
In unserem System ist es in der Regel immer noch so, dass die Abschlussnoten das weitere Leben bzw. die Berufsbahn des Kindes bestimmen. Ohne einen bestimmten Schulabschluss oder einen bestimmten Notendurchschnitt kann das Kind bzw. der Jugendliche den Beruf, den er möchte, nicht ausüben. Nur die Leistung in Ziffernform entscheidet über den Zugang zu einem Studien- oder Ausbildungsplatz, nicht das, was sonst noch so an Begabungen im Kind steckt. Das ist das Leistungsprinzip.
Es gibt ein paar Arbeitgeber, die anders denken und ihre Azubis nicht nach den Noten einstellen, sondern sich z. B. in einem Praktikum ein Bild davon machen, welche Fähigkeiten die jeweiligen Jugendlichen haben und ob diese für den entsprechenden Beruf dienlich sind. Beim Studium geht das leider nicht. Da entscheiden nur die Noten. Und wenn das Kind die Noten nicht erreicht, kann es den Beruf, für den es berufen ist, nicht ausüben oder gelangt nur über ein paar Hintertürchen oder „Vitamin B“ zu seinem Beruf. Dabei hat es alle Fähigkeiten, die in dem gewünschten Beruf erfordert sind.
