Hilferuf aus Venedig - Claudia Joller - E-Book

Hilferuf aus Venedig E-Book

Claudia Joller

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Beschreibung

«Hier in Venedig ist etwas seltsam. Die Ohrringe einer alten Dame sind verschwunden.» Diese Nachricht bekommt Elio von seiner besten Freundin Ada. Eines ist sofort klar: Elio Superheld wird in Venedig gebraucht. Das muss er nur schnell seiner Mutter erklären, die eigentlich mit ihm und einer Busladung voller alter Leute nach Amsterdam reisen will … Kaum in Venedig angekommen, verschwindet auch noch eine wertvolle Halskette. Ob der seltsame Glasbläser, der große Aldo, etwas damit zu tun hat? Gemeinsam machen sich die drei Freunde Elio, Ada und Finn auf Spurensuche und geraten auf einer Geisterinsel so richtig in die Klemme. Wenn dieses Abenteuer nur nicht eine Schuhnummer zu groß ist für Elio, der nicht lesen kann, Ada, die nicht spricht, und den kleinen Finn!

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Band 2

Beheimatet am Fuße der Alpsteinregion (CH), mit einer innigen Beziehung zur Natur, unterstützt boox-verlag seit Bestehen (2011) jährlich mit 1% seiner Einnahmen eine Schweizer Naturschutzorganisation.

Impressum

Copyright © 2025 boox-verlag

Dürrhalde 16│9107 Urnäsch │Schweiz

www.boox-verlag.ch│[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Coverbild und Innenillustrationen: Iryna Kaliuzhna

Gestaltung: media-graf

Lektorat: Ingrid Kubitzki

Korrektorat: Beat Zaugg

ISBN 978-3-906037-96-7 (ebook)

Auch erhältlich als:

ISBN 978-3-906037-95-0 (Taschenbuch)

www.boox-verlag.ch

Claudia Joller

Hilferuf aus Venedig

boox-verlag

Inhalt

Eine Nachricht von Ada

Tante Friedel löst Probleme

Geheimnisse

Wir fahren nach Venedig

Die Ohrringe

Jochen und seine Kette

Der Pudelmann

Verfolgung auf dem Kanal

Ein Gespräch im Glasmuseum

Silvio und sein Motorboot

Rätsel über Rätsel

Der Schmuckkurs

Ein neuer Verdacht

Ein Zettel im Schaufenster

Die Geisterinsel

Besuch

Überraschungen

Dunkle Nacht in der Glaswerkstatt

Ein Anruf

Brüder

Eine Nachricht von Ada

»Ich komme nicht mit in gar kein Amsterdam! Ich will zu Ada nach Venedig!«, brülle ich und verschränke die Arme vor der Brust. »Dort werden Ohrringe geklaut! Ada braucht meine Hilfe! Dort muss ich die Räuber mit dem Lasso fangen!« Ratsch, löse ich das Lasso von meinem Bauch.

»Nein. Nicht schwingen!«, ruft Mama. »Nicht in der Wohnung!«

Ich grinse und binde es wieder fest. »Abgemacht. Erst in Venedig.«

»Elio.« Mama atmet tief ein und aus und schließt die Augen. »Elio, Lieber, Ada macht dort einen Italienischkurs. Und sie braucht Zeit mit ihrer Mutter.«

Ich drücke mir die Hände auf die Ohren, denn ich weiß, was Mama jetzt erzählt. Sie hat es mir schon eine Million Mal erklärt.

Mama zieht mir die Hände von den Ohren. »Elio, du hörst mir gar nicht zu.«

»Tu ich wohl«, sage ich. »Du hast gesagt, dass Ada dort Italienisch lernen soll und viel Zeit mit ihrer Mutter braucht. Dabei kann Ada Italienisch. Hast du das vergessen? Sie hat dort gelebt, bis sie acht war. Sie versteht alles.«

Mama bleibt der Mund offenstehen. »Dass du supergut hörst, wusste ich, aber dass das sogar geht, wenn du dir die Ohren zupresst ... Aber ich habe auch noch gesagt ...«

Ich falle ihr ins Wort. »Dass alle wollen, dass sie kein cooles Tablet mehr zum Sprechen braucht. Sie soll langweilig reden wie die anderen. Stimmt's?«

Mama nickt.

Mein Grinsen wird zu einem Lachen. »Siehst du. Du weißt eben auch nicht alles. Du weißt zum Beispiel nicht, dass Ada mir Sprachnachrichten schickt.«

»Darf ich mal hören?« Mama greift nach meinem Handy, das auf dem Schreibtisch liegt.

»Darfst du gar nicht.« Ich schiebe sie weg und erwische das Handy eine winzige Winzlingssekunde vor ihr. »Das ist geheim.«

»Komm schon, Elio. So kommen wir nicht weiter.«

Ich spüre, wie mir Tränen über die Wangen laufen, und lecke eine oder zwei mit der Zunge weg. »Du bist so gemein! Schaue ich etwa deine Nachrichten an? Bei dir ist immer alles privat. Mama, ich bin elf! Da hört sich die Mama nicht mehr die geheimsten Geheimnachrichten an. Bei meinen Brüdern machst du das auch nie.«

»Aber«, sagt Mama, »ich möchte Adas Stimme hören. Die kenne ich gar nicht.«

Papa kommt ins Zimmer und lächelt mich an. Er kann das mit dem Atmen und dem Lächeln noch besser als Mama. Er arbeitet nämlich in einer Schule und dort braucht er das ständig. Er weiß auch ganz viel unnützes Zeugs, zum Beispiel wie viele Meter in einem Kreis Platz haben. Er will mich umarmen.

Doch ich weiche ihm aus. »Mama will mein Handy abhören. Dabei ist sie gar keine Kriminalpolizei.«

Ich drücke das Handy an meine Brust und renne ins Badezimmer. Dort schiebe ich den Riegel vor, setze mich auf den Klodeckel und suche Adas Sprachnachricht.

Sprachnachrichten aufs Handy sprechen kann Ada mittlerweile prima. Wenn ich vor ihr stehe, spricht sie fast nie. Dann schreibt sie mit ihrem Tablet. Aber mit ihrem Handy reden kann sie. Sie geht in ihr Zimmer und quasselt und quasselt. Keine Ahnung, wieso das klappt. Mit Fremden redet sie überhaupt nicht und telefonieren traut sie sich noch weniger als ich. Aber Sprachnachrichten schickt sie mir ohne Ende. Das finde ich klasse. Denn lesen kann ich nicht.

Ich klicke auf die Nachricht:

Elio, hier in der Schule ist etwas komisch. Im Raum unter uns gibt es einen Kurs. Dort kann man aus Glas oder Wolle Schmuck basteln. Und man kann lernen, wie man wertvollen Schmuck repariert. Gestern sind die Diamant-Ohrringe einer netten, alten Dame verschwunden. Die sind total viel wert. Sie ist so traurig.Und Elio! Ich glaube, ich weiß, wer die Ohrringe geklaut hat. Kannst du kommen und mir helfen?

Wieder greife ich nach dem Lasso. Im Sommer habe ich damit in Amsterdam einen echten Verbrecher gefangen. Aber in den Herbstferien sind die Räuber anscheinend in Venedig.

Ich tippe auf mein Handy und sage:

Natärlich komme ich. Ich bin dabei, unsere Reise zu organisieren.

Es klingelt an der Tür.

Papa ruft: »Ich mache auf. Erwartest du Besuch, Viola?«

»Nein«, höre ich Mama aus der Küche.

Ich überlege.

Wer könnte das sein? Erwarte ich Besuch? Nein. Ada ist in diesem Venedig. Aber vorsichtshalber renne ich aus dem Badezimmer zur Haustür. »Wer ist es? Friedel?«

»Tante Friedel klingelt doch nicht«, sagt Mama.

Friedel ist die Schwester meiner gestorbenen Oma. Sie wohnt im Haus neben uns und ist die tollste Friedel, die ich kenne. Also, eigentlich kenne ich keine andere Friedel, aber egal.

»Hallo Gerhard«, sagt Papa.

Ich schaue zur Tür. Dort steht Finn. Er geht in die gleiche Schule wie ich. Bei uns sind nämlich nicht nur Kinder wie ich. Wir sind eine integrative Schule. Das ist eine Schule, in der nicht alle Kinder das Gleiche machen. Die meisten Kinder können gut rechnen und schreiben und gescheit sein, so wie Finn. Nur ich und sonst ein paar Kinder nicht.

Finn ist der winzigste Drittklässler, den ich je gesehen habe. Sein Gesicht ist braungebrannt und seine Haare blond-weiß.

»Du bist doch nicht Gerhard? So heißt dein Papa.«

Finn kichert und zeigt hinter sich.

Tatsächlich. Ich schaue an einem Papakörper mit vielen Muskeln hoch bis zum Kopf. Dort wachsen genauso helle Haare wie bei Finn. Aber nur um den Kopf herum. In der Mitte ist braungebrannte Haut. Mama hat mir erklärt, dass man dazu nicht Loch im Kopf, sondern Glatze sagt. »Habt ihr Spiderman-Bilder für mich? Zum Tauschen?«

Finn nickt. »Ja, das auch. Aber vor allem wollen wir fragen, ob du am Wochenende mit uns ins Kino kommst. Sie zeigen einen alten Film von Spiderman. Der muss supertoll sein, oder Papa?«

Gerhard lächelt und nickt mehrmals.

Ich muss kichern. Gerhard liebt Superhelden ohne Ende. Wenn ich bei Finn bin, reden wir eine Million Stunden über Spiderman. »Darf ich, Mama? Ich habe noch nie einen Film von Spiderman gesehen. Ich kenne nur seine Bildchen.«

Sie seufzt und atmet wieder tief ein und aus. »Ich glaube, solche Filme sind noch nichts für dich. Und am Wochenende sind wir schon in Amsterdam. Das geht nicht. Das habe ich dir erklärt.«

»Stimmt«, sage ich. »Ich kann nicht mit ins Kino kommen. Da bin ich in Venedig.«

»Venedig!«, ruft Gerhard. »Die Stadt des Mondes! Dort will ich unbedingt mal hin. Da muss man wunderbar schreiben können. Ich habe eine neue Idee für eine Geschichte. In Venedig könnte ich sie schreiben.«

»Gibt es in Venedig Marsmenschen?«, frage ich. Gerhard schreibt nämlich cooles Zeug über Raumschiffe und Sterne und so.

»Ich glaube nicht«, sagt Gerhard. »Ach, wie gern möchte ich nach Venedig.« Seine Augen werden glasig und er hört mit Lächeln gar nicht mehr auf. »Ich könnte mich in ein Café setzen, den Gondeln zuschauen und schreiben. Auf die Kanäle blicken und schreiben! Ein Traum!«

»Hast du denn schon wieder Ferien?«, frage ich.

Gerhard arbeitet nämlich in einer Werkstatt. Dort verteilt er Rohre in Häuser. Er kann das total gut. Manchmal muss er sich auch während der Schulferien um seine Rohre kümmern. Dann geht Finn in die Ferien-Kinder-Aufbewahrung.

Gerhard strahlt. »Ich habe doch einen Literaturpreis gewonnen. Mit dem Geld mache ich ein halbes Jahr Urlaub.«

»Das ist cool. Dann gehen wir zusammen nach Venedig.« Ich ziehe Mama am Ärmel. »Hast du gehört? In Venedig gibt es auch Kanäle! Dann ist es dort fast genau wie in Amsterdam. Die Omis und Opis werden ihre Kanäle haben. Du musst ihnen nur sagen, dass die dieses Jahr in einer anderen Stadt sind. Alle werden das toll finden.«

Mama schaut Papa an. »Sag du etwas, John. Ich kann es Elio tausendmal erklären und er hört mir nicht zu.«

Ich presse mir wieder die Hände auf die Ohren. »Ich höre gar nicht zu, gar nicht zu.«

Finn tanzt um seinen Vater herum. »Ich will auch mit! Fahren wir zusammen nach Venedig? Ich will mit einer Gondel fahren! Biiiiittttteeee, Papa.«

Ich hüpfe auf und ab. »Du bist genial, Finn. Das ist doch eine tolle Idee, Gerhard, oder?«

»John, sag endlich etwas«, sagt Mama.

Papa öffnet den Mund, schließt ihn wieder, atmet tief ein und aus. Dann fängt er damit noch einmal von vorne an und sagt: »Ich weiß nicht.«

»Ach, John. So habe ich das nicht gemeint. Nein sagen sollst du.«

Papa lächelt sie an. »Sag das doch gleich, Liebste. Dann weiß ich, was ich zu tun habe.« Er macht Falten in seine Stirn und sagt: »Nein!«

Ich setze mich auf den Boden und heule.

Finn setzt sich neben mich und zieht meine Kuschelspinne Spidy unter meinem T-Shirt heraus. Ich trage sie immer, immer bei mir. »Schau, Elio. Das hilft, wenn man traurig ist.«

Gerhard schaut immer noch träumerisch durch die Wohnung. »Venedig. In jeder Ecke spürt man dort die Kunst, die Literatur, die Magie.«

Mama setzt sich zu mir und Finn. »Ach, Elio. Dein Vater muss arbeiten und Friedel will unbedingt mit ihrem René zurück nach Amsterdam. Dort haben sie sich ineinander verliebt. Sie kann nicht mit dir nach Venedig fahren. Es tut mir leid.«

Mein Handy vibriert und ich trotte in mein Zimmer. Wieder eine Sprachnachricht von Ada:

Ich habe heute einen Mann mit einem Pudel beobachtet. Er geht jeden Tag fär etwa eine halbe Stunde in den Schmuckkurs. Dann verbringt er die Pause mit den Schmuckleuten. Heute redete er mit einer Frau und ich konnte die beiden belauschen. Er hat sie gefragt, ob er ihren Diamantanhänger genauer anschauen darf. Voll verdächtig, oder? Wann kommst du?

Tante Friedel löst Probleme

»Elio, lass Tantchen rein!« Seit einer Million Stunden hämmert Tante Friedel an meine Zimmertür. Aber seit Neuestem habe ich den Schlüssel für meine Zimmertür. Ich habe ihn in der Gefriertruhe gefunden. Jetzt können die Erwachsenen nicht mehr einfach in mein Zimmer latschen, wie es ihnen passt. Sie haben zwar einen Zweitschlüssel. Aber wenn ich meinen im Schloss stecken lasse, nützt das gar nichts.

Ich will niemanden sehen. Friedel schon gar nicht. Ihr blöder René und ihr blödes Liebes-Amsterdam sind ihr wichtiger als ich. Und wichtiger als Ada. Die muss jetzt ganz allein den fiesesten Ohrring-Dieb der Welt verfolgen. Und die nette, alte Dame wird für immer traurig sein. Mein Herzfehler verwandelt sich in einen Klumpen und wiegt so viel wie Mamas Bus.

»Elio, jetzt lass mich rein. Sonst hole ich den Schweißbrenner aus Renés Werkstatt und brenne ein Loch in deine Tür. Es ist mir ernst.«

Ich springe auf. Zwar weiß ich nicht, was ein Schweißbrenner ist, aber Loch in der Tür und Brennen klingt gar nicht gut.

Ich drehe den Schlüssel, hüpfe ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf.

»Wird auch Zeit.« Friedel stapft mit ihren Stöcken zu meinem Bett. Seit sie dauer-verliebt ist, braucht sie ihren Rollator nicht mehr. Sie hat ihn durch so coole Sport-Stöcke ersetzt.

Weil die Decke auf meinen Augen liegt, sehe ich sie nicht. Aber ich höre, dass sie so richtig wütend ist. »Deine Eltern jammern mir die Ohren voll, dass sie nicht mehr weiterwissen. Und jetzt soll wieder einmal die alte Friedel alles richten.«

Ich linse unter der Decke hervor. Friedel hat einen neuen Frisör. Der macht ihre orangen Haare zu so winzigen Löckchen, dass nicht einmal mein kleiner Finger durchpasst. Meine Friedel. Ich springe auf und falle ihr um den Hals.

»Nicht so heftig, junger Mann. Warum denn plötzlich so stürmisch?«

Sie dreht ihren Mund zu mir und ich kreische. »Ih! Kein Knutschen!«

Friedel kichert. »Keine Sorge. Hauptsache, mein René fürchtet sich nicht vor meinem Lippenstift. Was ist denn los? Warum willst du nicht nach Amsterdam? Da hatten wir doch bei der letzten Reise so viel Spaß.«

»Ada ist in Venedig. Da will ich hin.«

»Ach, die kleine Geigerin ist in Venedig. Macht sie dort Straßenmusik?«

»Mann, Friedel. Ada spielt Cello, nicht Geige! Sie soll dort in einer Schule Italienisch sprechen.« Ich baue mich vor ihr auf. »Das brauche ich nicht. Hör mal. Mein Italienisch ist schon fast ganz perfekt: Spaghetti, pizza, mamma mia.«

Friedel lächelt. »Auch ich kenne ein italienisches Wort. ›Nonno‹, das bedeutet Großvater.«

»Klingt cool! Nonno. Nonno. Nonno.«

Friedel seufzt. »Ach, Venedig. Wie romantisch muss es sein, dort in einer Gondel zu sitzen und René zu küssen. Stell dir vor, die Sonne versinkt im Meer und René schaut mir tief in die Augen.« Sie fuchtelt mit den Händen. »Aber nichts mit romantischer Gondelfahrt. Morgen geht es nach Amsterdam. Es würde Viola kränken, wenn ich woanders hinfahren möchte. Sie glaubt, dass ich diese Niederlande genauso liebe wie sie. Dabei würde ich so gerne Venedig sehen.«

Ich strahle. »Super, dann fahre ich mit dir und René nach Venedig. Wenn du mitkommst, darf ich das bestimmt.«

»Ohne Viola fahre ich nicht ins Ausland.« Sie seufzt und macht ihre Handtasche auf. Sie zieht einen Ring heraus. Er ist silbrig und hat einen riesigen durchsichtigen Stein obendrauf. Der glitzert wie eine Million Wassertropfen. »Aber eigentlich habe ich andere Probleme.«

»Der ist krass ohne Ende«, rufe ich. »Ist der für mich?«

Friedel schüttelt den Kopf und steckt ihn an den kleinen Finger. »Nur hier passt er. Aber das geht nicht! Das geht nicht!«

»Mann, Friedel. Deine Probleme möchte ich haben. Der glitzert doch ohne Ende.«

»Ach, Elio. Das verstehst du nicht. Wenn René mir den Ring für die Verlobung an den Finger stecken will ...«

»Verlobung!« Ich springe aus dem Bett und rudere mit den Armen. »Ihr wollt Verlobung machen?«

Friedel kriegt Flecken im Gesicht und zupft an ihren Löckchen herum. »Pst. René weiß noch nichts davon. Aber ich habe einen Plan und für den brauche ich diesen Ring.«

»Darf ich mal sehen?« Ich strecke meine Hand aus.

»Aber vorsichtig. Der hat deiner Oma gehört.«

»Meiner Oma? Meiner ganz richtigen Oma? Hast du ihr den Ring geklaut?«

»Nein, nein. Sie ist doch gestorben. Seither gehört der Ring mir. Deine Großeltern haben zwei Jahre mit der Verlobung gewartet. So lange musste dein Opa arbeiten, um ihr diesen Ring zu kaufen.«

Ich streiche über den funkelnden Stein. »Zwei Jahre? Dann ist der sicher viele Millionen wert.« Ich stecke ihn an meinen Daumen. »Mir passt er sogar hier. René könnte mich verloben.«

»Ach was.« Friedel zieht mir den Ring vom Daumen. »Aber ich habe Angst. Wenn ich den zu einem Goldschmied bringe, wird er ihn größer machen. Aber was, wenn er dabei kaputt geht?«

Mein Handy vibriert. Ich spüre es an meiner Pobacke. »Raus hier Tantchen! Jetzt muss ich privat sein.«

»Was? Hast du Geheimnisse vor mir?« Friedel stülpt ihre Unterlippe über die Oberlippe.

Ich richte mein Handy auf sie. »Du siehst lustig aus. Darf ich ein Foto von dir machen?«

»Kommt nicht in Frage! Ach, dann gehe ich halt raus.«

»Ja, geh mal Mama trösten. Die braucht dich jetzt mehr als ich.«

»Ja, ja. Immer die Probleme der andern lösen. Ja, ja.« Sie steckt den Ring ein, nimmt ihre Stöcke und geht zur Tür.

Endlich kann ich mir die Nachricht anhören. Sie ist wieder von Ada. Ich drücke aufs Display und höre Adas Stimme.

Elio, du glaubst nicht, was hier los ist. Meine Italienischlehrerin ist krank geworden. Der Kurs geht nicht weiter. Fast alle meine Mitschälerinnen und Mitschäler sind abgereist. Die Hotelbesitzerin ist verzweifelt. Außer Mama und ich sind nur noch die Leute vom Schmuckkurs hier im Hotel. Hast du mit deiner Mama geredet? Das Hotel hat jetzt genägend Zimmer fär eure Gruppe frei. Das wärde doch passen. Und äbrigens bin ich dem Mann mit dem Pudel bis in den ersten Stock gefolgt. Er hat an eine Zimmertär geklopft. Dort roch es nach Pflaumen. Leider hat niemand aufgemacht. Trotzdem spannend, oder?

Ich stecke das Handy ein und renne in die Küche. Dort sitzen Mama, Papa, Friedel, Gerhard und Finn am Tisch und trinken Tee. Das heißt, Finn trinkt nichts. Er kann Tee nicht leiden, da ist er gleich wie ich.

»Ich habe uns Zimmer besorgt in Venedig! Alles geregelt!«, rufe ich und verschränke die Arme vor der Brust. »Krass ohne Ende, oder?«

»Du hast was?« Mama verschluckt sich an ihrem Tee und hustet.

»Zimmer organisiert«, wiederhole ich laut und deutlich. Mama ist manchmal wirklich schwer von Begriff.

Friedel streicht über ihr Handy. Sie strahlt. »So, ich hab's in unseren Reise-Chat gepostet.«

»Du hast was?« Mama wird so weiß wie ich, wenn ich mir eine halbe Tube Sonnencréme ins Gesicht schmiere.

Friedel strahlt. »Ja, vielleicht haben die anderen auch Lust, nach Venedig zu fahren?«

»Klar habe ich Lust!«, ruft Gerhard. »Ganz viel Lust. Aber wen meinst du mit den anderen?«

»Günther und so«, antwortet Friedel. »Wir sind eine Gruppe von älteren Leuten, die in jeden Ferien mit Viola in die Niederlande fahren. Oder auch mal anderswohin, stimmt's meine Liebe?« Sie tätschelt Mamas Hand.

Mama schaut zu ihr, dann wieder zu mir. Sie versteckt ihr Gesicht in den Händen. »Was soll das? Mögt ihr die Niederlande nicht? Das ist meine Heimat!«

Friedels Handy summt. »Also, Ursula ist dabei!«, ruft sie.

»Wie dabei?«, stammelt Mama.

»Na, in Venedig.«

Dann vibriert mein Handy. Ein Anruf. »Ich muss mal privat sein«, rufe ich und eile in mein Zimmer. Ich ziehe das Handy aus der Hosentasche.

Es ist Günther. »Elio, wie gut, dass ich dich erreiche.«

Seine Stimme klingt zittrig und leise.

Er ist einer der Opis, die immer mit Mamas Bus mitfahren nach Amsterdam oder Rotterdam.

»Hallo, Günther. Wie geht es dir?«

»Nicht so gut. Im Reise-Chat blinkt eine Nachricht nach der anderen auf. Irgendetwas stimmt nicht mit meiner Vorlese-App. Jetzt kann ich mir sie nicht vorlesen lassen. Das bringt mich durcheinander.«

Günther kann nämlich auch nicht lesen, so wie ich. Dabei ist er mindestens hundert. Aber das ist unser Geheimnis. Den anderen Erwachsenen mag er das nicht sagen. Ich habe es auch lange nicht gewusst. Günther ist toll. Er hat das neuste I-Phone, das es gibt.

»Was in der ersten Nachricht steht, weiß ich«, sage ich und grinse. »Wir fahren in diesen Ferien nicht nach Amsterdam, sondern nach Venedig. Ah, und die zweite Nachricht kenne ich auch. Ursula ist einverstanden und kommt mit.«

»Nach Venedig?« Günther hustet. »Aber, aber, ich will doch nach Amsterdam zu den Saft-Brüdern. Was soll ich in Venedig?«

»Gondel fahren, Günther! Das ist lustig.«

»Aber warum fahren wir nicht in unser Hotel in Amsterdam? Dort kenne ich alles.«

Ich senke die Stimme. Günther kann ich ein Geheimnis anvertrauen. Das ist das Gute, wenn man das Geheimnis von jemandem kennt. Man kann über Dinge reden, die man sonst nicht mit Erwachsenen teilt. »Es ist wegen Ada.«

»Ach, Ada ist dort. Ist sie in Not?«

»Ja, Günther. Es geht um Leben und Tod.«

Er räuspert sich. Seine Stimme wird fester. »Wenn deine Freundin Ada mich braucht, dann ist es etwas anderes. Heiliges Günther-Ehrenwort. Ich stelle gleich eine Sprachnachricht in den Reise-Chat. Tschüss, Elio.«

Ich klicke den Anruf weg.

Da leuchtet eine neue Sprachnachricht von Ada auf. Ich klicke darauf.