Koffer aus Amsterdam - Claudia Joller - E-Book

Koffer aus Amsterdam E-Book

Claudia Joller

0,0

Beschreibung

Elio liebt Spiderman. Wenn er groß ist, will er auch Superheld werden. Doch dann verschwindet seine Tante Friedel. Bestimmt wurde sie entführt und braucht jetzt sofort einen Superhelden, der sie rettet.  Zusammen mit seiner neuen Freundin Ada macht sich Elio auf die Suche.  Ein Junge der mit elf noch nicht lesen kann und ein Mädchen, das nicht spricht, zusammen auf Verbrecherjagd? Wenn das mal nicht zu gefährlich wird! Die erste Spur führt zu einem Frisörsalon mit zwielichtigen Besitzern. Aber welche Rolle spielt der Koffer aus Amsterdam? Was führen Ralph und sein schurkischer Sohn Knut im Schilde? Und wer ist der schwimmende Chinese?  Fragen über Fragen und ein Abenteuer, krass ohne Ende.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Band 1

Beheimatet am Fuße der Alpsteinregion (CH), mit einer innigen Beziehung zur Natur, unterstützt boox-verlag seit Bestehen (2011) jährlich mit 1% seiner Einnahmen eine Schweizer Naturschutzorganisation.

Impressum

Copyright © 2024 boox-verlag, Urnäsch

Alle Rechte vorbehalten

Coverbild und Innenillustrationen: Iryna Kaliuzhna

Gestaltung: media-graf

Lektorat: Ingrid Kubitzki

Korrektorat: Beat Zaugg

ISBN 978-3-906037-88-2 (ebook)

Auch erhältlich als:

ISBN 978-3-906037-87-5 (Taschenbuch)

www.boox-verlag.ch

Claudia Joller

Koffer aus Amsterdam

boox-verlag

Inhalt

Wo ist Friedel?

Ada mit der riesigen Geige

Eine geheimnisvolle Unterhaltung

Ein Silo und ein Motorboot

Der Strandweg

Friedel und der Koffer

Auf nach Amsterdam

Kein Sekündchen mehr alleine

Bekannte Gesichter

Abmeldungen

Das schwimmende Haus

Neue Lieder und mehr Verliebte

Begegnung bei den Schließfächern

Ibrahim und Mustafa

Verfolgung im Morgengrauen

Der schwimmende Chinese

Ein eingesperrtes Kind

Zu Hause

Wo ist Friedel?

»Wo bleibt Friedel?«, murmelt Mama und schaut in meinen Schrank. »Sie sollte längst hier sein.«

Ich kichere. »Im Schrank ist sie sicher nicht. Aber ich weiß, was passiert ist.« Ich tanze durch mein Zimmer. »Sie ist entführt worden. Sonst wäre sie schon seit vielen Ewigkeiten hier. Friedel ist immer pünktlich, wenn sie nicht entführt ist.«

Mama schüttelt den Kopf. »Nicht im Schrank, natürlich nicht.«

»Mensch, vor deinen Reisen bist du zu nichts zu gebrauchen.« Mama ist eine echte Niederländerin und eine echte Busfahrerin. Darum fährt sie in allen Schulferien nach Amsterdam oder Rotterdam. Und meistens fahre ich mit.

Mama stellt sich auf die Zehenspitzen und wühlt in meinem Sockenfach. Ein Gummibärchen klebt an einer Socke. »Elio, wie sieht es denn hier aus? Süßigkeiten gehören nicht in den Schrank.«

Ich rudere mit den Armen. »Das ist unwichtig ohne Ende. Friedel ist entführt worden! Gemeine Verbrecher haben sie mitgenommen. Sie braucht dringend Hilfe. Und du redest von Gummibär-Matsche an meinen Socken!« Ich löse das Lasso von meinem Bauch und schwinge es durch die Luft. »Der große Elio wird dich retten, Friedel. Nehmt euch in Acht, ihr Räuber!« Das Lasso bleibt am Lampenschirm hängen. Ich ziehe daran, doch es klebt fest wie Spidermans Fäden an Hausfassaden. »Mama, hilf mir. Ich brauche das Lasso, um die Räuber zu fangen.«

»Jaja.« Sie hört gar nicht zu und ordnet meine Unterhosen.

»Ha, vielleicht muss ich zu den Räubern hochklettern!« Ich ziehe mich am Lasso hoch. »Ich bin Spiderman!«

Mama kreischt. »Achtung, die Lampe!«

Ich knalle auf den Boden. Das Lasso und der Lampenschirm landen auf meinem Kopf. Ich brülle los.

»Elio, mein Kleiner! Tut dir etwas weh?« Mama rennt zu mir. »John, hilf mir mal. Elio ist verletzt!«

Papa stürmt ins Zimmer. »Oh, nein, die Lampe. Wie kriegen wir die jemals wieder an die Decke? Das ist immer alles so kompliziert, so viele Kabel und Drähte und Elektrizität. Da braucht man Schraubenzieher und so!«

»Wie kannst du jetzt an so etwas denken?« Mama nimmt mich in die Arme. »Schatz, tut es sehr weh?«

Ich stoße sie weg und lande auf dem Boden. Dann wische ich die Tränen weg und hüpfe auf und ab. »Ich mache das, Papa. Bringst du mir einen Schraubenzieher? Denkst du, dass wir die Kabel aus der Decke ziehen können, damit sie nicht mehr so kompliziert sind?«

Mama schnaubt. »Ich schaffe das nicht alles heute Nachmittag. Morgen geht die Reise los. Ich habe noch nicht gepackt. Elio auch nicht. Wenn er nicht bei Friedel übernachten kann …«

»Gut, dann packe ich mit Elio!« Papa zieht meinen Koffer unter dem Schrank hervor und öffnet ihn.

»Nein, nicht aufmachen!«, kreische ich.

Zu spät. Schokoladenpapiere in allen Farben und Größen quellen aus dem Koffer.

Mama greift sich an den Kopf und rennt aus dem Zimmer.

»Was hast du hier drin?« Papa nimmt ein Papier in die Hand. Es hat ein paar winzige Schokoladenspuren dran und bleibt an seinem kleinen Finger kleben.

Mir kommen wieder die Tränen. »Das ist meine Sammlung! Rühr sie nicht an! Die brauche ich alle, alle, alle!« Erwachsene verstehen das nicht. Die sagen dann so Zeugs wie: Such dir die drei schönsten aus, den Rest werfen wir weg. Dabei sind alle schön, alle.

»Elio, was soll das? Ein Koffer voll mit schmutzigen Schokoladenpapieren!« Er zieht ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischt sich den Finger ab.

»Die sind nicht schmutzig, sondern schokoladig.«

»Nein, mein Kleiner. Such dir die drei schönsten aus.«

Ich lege mich auf den Koffer. »Lass meine Schätze in Ruhe! Die gehören mir!«

Papa stöhnt und zieht sein Handy hervor. »Friedel wollte um vier Uhr hier sein. Jetzt ist halb fünf. Was machen wir denn jetzt?«

Das ist typisch für meine Eltern. Wenn sie nicht mehr weiterwissen, muss Tante Friedel helfen. Friedel ist nicht wirklich meine Tante, sondern die Schwester meiner toten Oma. Sie wohnt im Haus neben uns. Weil sie keine eigenen Kinder und Enkel hat, darf sie auf mich aufpassen - und Lösungen finden für alles, was meine Eltern nicht lösen können. Friedel ist oft bei uns. Wobei, in letzter Zeit etwas weniger oft. Und sie benimmt sich seltsam. Sie hat zum Beispiel so ein Ding mit ihren Haaren. Früher sah sie aus, wie eine alte Dame eben aussieht: graue Haare, graue Kleider, grauer Blick. Aber im Moment sind ihre Haare orange wie eine Karotte und zu winzigen Löckchen gedreht. Sie malt ihre Lippen pink an und trägt ständig ein lila Hütchen. Ihren Rollator hat sie gegen so Sport-Stöcke eingetauscht.

Papa öffnet seinen Pferdeschwanz und macht ihn neu, sodass er wieder genau gleich aussieht wie vorher. Dann atmet er tief ein und aus. Das kann er, weil er Lehrer ist. Das hat er studiert. Ja, er ist ein richtiger Lehrer und mehr muss man nicht über ihn wissen. Er sieht aus wie ein Lehrer, er redet wie ein Lehrer und eben: Er atmet wie ein Lehrer. Er ist diese lehrerische Mischung aus langweilig und besserwisserisch. Aber immerhin einer der netten Sorte.

Ich schüttle den Kopf. »Versorg den Koffer wieder.« Ich schaue ihm in die Augen. »Liebster, bester, schönster Papa. Ich brauche den Koffer nicht. Ich kann eh nicht mit nach Amsterdam fahren. Friedel braucht meine Hilfe. Ich bleibe in der Schweiz und rette sie.«

Papa schüttelt den Kopf. »Das geht nicht. Ich muss arbeiten.«

Er unterrichtet zwar nicht, aber er korrigiert die ganze Woche lang die Hefte seiner Schüler. Die sind groß und klug und gehen ins Gymnasium. Wie Benedict und Fausto, meine Brüder.

Während der Schulzeit müssen die beiden ständig Hausaufgaben machen. Jetzt sind sie in einem Ferienlager. Immer dürfen sie weg und ich nicht.

Die Reisen mit Mama sind zwar cool, aber ihre Gäste sind Omis und Opis. Tante Friedel ist eine von ihnen. Sie kommt immer mit und passt auf mich auf, wenn Mama Ausflüge mit den anderen Omis und Opis macht. Ich meine, wenn Friedel nicht gerade entführt ist.

Ich öffne die oberste Schublade meines Schreibtisches und wühle in den Spiderman-Bildern. Spiderman ist krass ohne Ende. Ich habe eine Million Bilder von ihm. Wenn ich groß bin, will ich auch Superheld werden. Vielleicht kommt mir eine Idee, wie ich Friedel finden könnte, wenn ich ihn lange genug anschaue.

Papa macht den Koffer zu und schleicht sich damit aus dem Zimmer.

Neben meinen Bildern liegt ein Kärtchen. Gestern ist es aus Friedels Handtasche gefallen und ich habe es zu meiner Sammlung gelegt. Es ist zwar kein Spiderman-Bild und kein Schokoladenpapier, aber mir gefällt die Zeichnung darauf. Ich nehme es in die Hand und betrachte sie. Ein Kamm und eine Schere. Daneben stehen Wörter und Zahlen. Ich kann sie nicht lesen, aber ich vermute, dass es Namen, Adressen und Telefonnummern sind. Ob Friedel Frisörin geworden ist und deshalb nicht kommt?

Das würde die Sache mit ihren Haaren erklären. Aber nein, dann hätte sie angerufen. Friedel ruft sogar an, wenn sie eine Sekunde zu spät kommt.

»Sie ist von einem Frisör entführt worden«, murmle ich vor mich hin.

Papa legt meinen Koffer auf den Boden und schichtet T-Shirts und kurze Hosen hinein.

Ich stürze mich auf ihn und brülle: »Wo sind meine Schokoladenpapiere?«

Viele Tränen später sitzen wir zusammen in der Küche und essen Butterbrote.

Papa nimmt die Zeitung und fängt an zu lesen.

Mama greift in ihre Gürteltasche. Die trägt sie immer um den Bauch. Darin bewahrt sie alles auf, was man so braucht. Vom Pflaster bis zum Angelhaken. Sie zieht einen Umschlag heraus und legt ihn auf den Tisch. »Hier, mein Kleiner. Ein Geschenk.«

»Ein Handy?«, rufe ich, obwohl es keine so platt in einen Umschlag gequetschten Handys gibt.

»Ach, Elio.« Sie wuselt mir durch die Haare. »Ein Handy geht nicht. Du weisst doch … Erst musst du ein bisschen lesen können. Und auch dann …«

Ich brülle: »Das ist ungerecht! Ich bin elf. Fausto und Benedict hatten mit elf schon seit Jahrhunderten ein Handy. Die dürfen alles und ich darf gar nichts.«

»Elio, beruhige dich. Du weißt, was passiert ist, als du das letzte Mal eins in die Finger gekriegt hast.« Sie klopft auf den Umschlag. »Mach auf!«

Ich reiße den Brief auf. »Wow, den habe ich noch nicht. Krass, Spiderman fliegt über das Meer. Danke. Schau mal, Papa! Wo kann er da seine Fäden anmachen?« Ich rüttle ihn am Arm. Als er nicht aufschaut, setze ich mich auf den Tisch, auf seine Zeitung.

»Elio, was soll das?«

»Du musst schauen!«

Er greift nach dem Bild. »Stimmt. Toll. Cool.«

»Du hast nicht richtig geschaut. Was ist los mit dir?«

Er streichelt meinen Arm und schiebt mich weg. »Ach, da steht was in der Zeitung.«

»Was steht da?«, frage ich.

Papa sagt: »In Amsterdam hat jemand ganz viel Falschgeld gedruckt.« Er liest weiter. »Und damit auch bezahlt. Pass auf, Viola, wenn du dort bist. Nicht, dass du Falschgeld bekommst.«

Mama zuckt mit den Schultern. »Warum nicht? Mir ist es egal, ob Geld echt oder falsch ist. Hauptsache, ich kann damit bezahlen.« Sie schaut auf die Uhr. »Ich muss unbedingt in die Stadt. Wenn Friedel nicht bald kommt, müssen wir Elio mitnehmen zum Einkaufen.«

»Gleich.« Er liest weiter. »Man vermutet, dass die Verbrecher einen Teil des Geldes ins Ausland bringen wollen, weil die Polizei in den Niederlanden so viele Kontrollen macht.«

Ich springe auf. »Krass. Ich will doch mit nach Amsterdam! Da kann ich echtes Falschgeld sehen. Als ich mein Taschengeld kopiert habe, sah das auch klasse aus.«

Mama schaut wieder auf die Uhr. »Wenn Friedel nur nichts passiert ist.« Sie drückt einen Kuss auf meine Nase und streichelt mir über die Locken. »Wir sollten unbedingt deine Haare schneiden.«

»Mann, Papas Haare sind tausendmal länger als meine. Und er muss nie zum Frisör.«

Mama seufzt. »Keine Ahnung, was ihr an langen Haaren findet.«

Wenn ihre Haare die Ohren berühren, rennt sie schon zum Frisör. Ich bin der einzige Junge auf der Welt, der einen Vater mit langen und eine Mutter mit kurzen Haaren hat.

»Ich will nicht wieder aussehen wie du«, murre ich. Doch plötzlich habe ich eine Idee und ziehe die Karte von Friedels Frisörsalon aus der Hosentasche. »Ich bin einverstanden. Hier will ich Haare schneiden.«

Mama betrachtet mich misstrauisch. »Was ist denn mit dir los? So schnell die Meinung geändert?« Sie schaut die Karte an. »Ich könnte sie zwar selber schneiden. Aber von mir aus. Da kannst du hin, wenn wir aus Amsterdam zurück sind.«

Ich renne in mein Zimmer und hole das Lasso und Spidy, meine Kuschelspinne. »Gar nicht nach den Ferien. Ich will jetzt Haare schneiden! Sofort! Und Friedel befreien!«

Ada mit der riesigen Geige

Auf dem Weg in die Altstadt halte ich Mama und Papa bei den Händen. Es ist die schönste Stadt der Welt, auch wenn das die Leute in Amsterdam und Rotterdam nicht finden. Ab und zu schwingen meine Eltern mich durch die Luft.

Vor den Schildern am Eingang eines Einkaufszentrums bleibe ich stehen. Ich schnappe nach Luft. Auf einem ist die gleiche Zeichnung wie auf Friedels Kärtchen. Ich habe ihren Frisörsalon gefunden.

»Was ist denn, Elio? Komm weiter. Ich will in die Buchhandlung. Ich brauche ein neues Witzbuch.«

Mama und Papa ziehen an meinen Armen.

»Nein! Hier will ich Haare schneiden. Sofort.« Ich zeige auf das Schild. »Ich brauche eine schöne Frisur in Amsterdam.« Ich setze mich auf den Boden. Mama und Papa betteln und ziehen an mir. Doch ich bewege mich kein bisschen.

Da höre ich Musik und drehe mich um. Am Straßenrand sitzt ein Mädchen mit einer riesigen Geige. Die hat sie aber nicht an der Schulter, sondern sie steht am Boden zwischen ihren Beinen. Ich habe das Mädchen schon oft in der Stadt gesehen. Sie ist nicht viel älter als ich. Zwölf vielleicht. Sie trägt eine karierte Jacke und einen Hut. Ihre Verkleidung gefällt mir. Aus einem Rekorder dröhnen Texte. Ich schaue zu Mama und Papa hoch, die die ganze Zeit an mir ziehen. »Das Mädchen ist krass ohne Ende. Findet ihr nicht?«

Mama beantwortet meine Frage nicht, sondern versucht, mich auf die Füße zu bringen. »Elio, du kannst heute nicht zum Frisör. Bestimmt gibt es keine freien Termine mehr. Und ich habe noch so viel zu erledigen. Bitte, komm jetzt.«

»Nein.«

Das Mädchen spielt ein neues Lied. Sie hat ein Schild vor sich aufgestellt. Darauf stehen Wörter. Das letzte ist kurz und fängt mit einem A an. Ein bisschen lesen kann ich nämlich schon, auch wenn Mama das nie sehen will.

Ich höre dem Text zu, der aus dem Rekorder kommt. Er wird mit einer seltsamen Stimme gesprochen. Sie klingt wie unser Anrufbeantworter oder wie das Navi in Papas Auto.

»ICH LEBE IN EINEM PARADIES-TAL. DORT MUSS NIEMAND SPRECHEN KÖNNEN. DORT REDEN WIR OHNE WORTE.«

Das Lied ist zu Ende. Das Mädchen verbeugt sich und ich klatsche. »Mama, was steht auf dem Schild?«

»Danke für die Spende. Ada«, liest Mama und stöhnt. »So geht das nicht mit dem Einkaufen. Komm jetzt.«

»Was ist eine Spende?«

Papa strahlt. Er liebt es, wenn er mir etwas erklären kann. »Das ist Geld, das man jemandem schenkt.«

»Kann das auch Falschgeld sein? Ich könnte mit unserem Kopierer Geld drucken und dem Mädchen ganz viel davon spenden.«

»Elio, was machst du denn hier? Warum sitzt du am Boden?«

Finn rennt auf mich zu. Er geht in die gleiche Schule wie ich. Wir sind nämlich eine integrative Schule. Das bedeutet, dass Kinder wie ich und Kinder wie Finn zusammen in eine Klasse gehen. Allerdings kommt er in die dritte und ich in die fünfte. Finn ist sogar für einen Drittklässler klein. Er sieht aus wie Michel aus Lönneberga mit seinen strohfarbigen Haaren, sagt Friedel immer.

In der Schule sind wir manchmal zusammen bei Frau Berger. Ich bin oft bei ihr, wenn die anderen Kinder in meiner Klasse schwieriges Zeug machen. Warum Finn zu ihr kommt, verstehe ich nicht. Er kann lesen. Ich zeige ihm mein neues Spiderman-Bild.

»Wow, das ist cool. Das habe ich noch nicht. Schenkst du es mir?«

Ich schüttle den Kopf.

Da klingelt Papas Handy. Wie immer hat er den Lautsprecher angestellt. Es ist Friedel. Ihre Stimme ist fast so laut wie die Musik des Mädchens.

»John, es tut mir leid. Ich bin noch beim Frisör.«

»Wir sind auch in der Stadt. Wir stehen vor dem Warenhaus bei der Kathedrale.«

Es ist kurz still.

»Echt? Ja, genau in dem Warenhaus bin ich im Frisörsalon.« Friedel kichert. »Sehr gut. Ich komme zu euch.«

Sie legt auf. Kurze Zeit später marschiert sie mit ihren Stöcken durch den Ausgang.

Ich stehe vom Boden auf und renne auf sie zu. Ich schlinge meine Arme um ihren weichen Bauch und drücke sie. »Da bist du ja.«

»Ja, tut mir leid. Das wollte ich nicht.«

Ich lasse sie los und stampfe mit dem Fuß. »Das war richtig blöd von dir. Dabei bist du kein bisschen entführt. Wenn du schon nicht kommst, müsstest du wenigstens entführt sein. Aber du hast mich einfach vergessen. Das ist blöd ohne Ende.«

»Zum Glück ist dir nichts passiert«, sagt Mama zu Friedel.

»Gar nicht Glück«, murmle ich, doch niemand hört mir zu.

Mama drückt mich an sich. »Dann sehen wir uns morgen früh wieder. Deine Übernachtungssachen hast du bei Friedel. Fertig packen für die Reise könnt ihr morgen nach dem Frühstück. Hast du Spidy mitgenommen?«

Ich ziehe meine Kuschelspinne unter dem T-Shirt hervor. »Klar, der ist hier.«

»Und nicht zu lange fernsehen heute Abend«, sagt Papa. »Das ist schlecht für die Gesundheit.«

Friedel nickt. »Wir machen alles wie immer. Oder, Elio?«

Ich nicke. Fernsehen bei Friedel ist cool.

Ich winke Mama und Papa nach und sie verschwinden in der Buchhandlung.

»So«, sagt Friedel. »Jetzt gehen wir mal nach Hause.«

Doch da klingelt ihr Handy. Sie zieht es aus der Tasche. »Ach, Ralph, Süßer. Du bist es.«

Ich spitze meine Ohren. Leider hat Friedel nie den Lautsprecher eingestellt.

»Knut will mit mir reden? Du, ich habe Elio bei mir. Das geht nicht.« Finn reißt die Augen auf und flüstert mir ins Ohr: »Friedel kennt Knut?«

Ich zucke mit den Schultern. »Wieso, wer ist Knut?«

»Der neue Freund meiner Mutter. Ich kann ihn nicht ausstehen.«

Friedel legt auf. Sie tätschelt mir die Wange. »Elio, Süßer. Ich habe etwas bei Ralph vergessen.«

Finn zieht mich am Ärmel.

Erst jetzt entdeckt Friedel ihn. »Ach, da ist ja der süße, kleine Finn.«

Finn schaut sie finster an. Er mag es nicht, wenn man ihn süß oder klein nennt. Und klein und süß findet er richtig doof.

»Hallo, Frau Friedel«, sagt er.

»Elio, kannst du kurz mit Finn hier warten? Ralph möchte …« Ihre Wangen werden rosa. »Es dauert nur eine Sekunde. Hört zusammen diesem Mädchen zu. Ja?«

Ich strahle. »Natürlich. Wenn du willst, kannst du mich hier festkleben.«

Friedel streicht mir durch die Haare. Dann macht sie das Gleiche bei Finn. »Gut. Genau hier bleibt ihr stehen.«

Ich klimpere mit den Wimpern und nicke.

Friedel seufzt. »Heiliges Superhelden-Ehrenwort?«

»Yep.«

Friedel verschwindet im Warenhaus. Finn und ich setzen uns auf ein Mäuerchen und hören dem Mädchen zu.