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Ein turbulenter Liebesroman mit viel Humor und Herz, der beweist, dass die große Liebe manchmal direkt vor der Haustür wartet - wenn man nur die Augen offenhält! Fredi ist Single und fragt sich fast täglich, was sie noch in ihrer bayerischen Heimatstadt hält. Als PR-Agentin des etwas schrägen Bürgermeisters ist ihr Alltag wirklich alles andere als aufregend. Doch dann trifft sie auf einer Trauerfeier ausgerechnet die faszinierende Künstlerin Sandra und stürzt sich Hals über Kopf in ein leidenschaftliches Abenteuer. Wäre da nur nicht die attraktive Polizistin Bri, auf die Fredi schon lange ein Auge geworfen hat…
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhaltsverzeichnis
Trauerfeierflirt
Supergirltage
Ausflugsstimmung
Burrittobrand
Tatendrang
Danke
Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen
Über Simone Bauer
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Trauerfeierflirt
Wurde schon jemals in der Geschichte der Menschheit eine Frau auf der Trauerfeier der eigenen Tante angeflirtet? Also, nicht dass ich bis jetzt etwas anderes gemacht hätte, außer eben diese junge Frau so unauffällig wie möglich anzustarren. Und mir Mut zuzusprechen. Als Vorbereitung. Um genau das zu tun, was alles andere als angebracht war. Schon gar nicht hier, im beschaulichen, kleinen Blumenbad. Ein Städtchen, katholischer als der Vatikan.
Aber vielleicht fand sie mich sogar deswegen cool? Oder eben richtig daneben.
Fredi Gröblehner, unerschrockener Womanizer.
Wobei eigentlich eher sie wie ein wahrer Ladykiller wirkte: Sandra Grünwald, die aus der großen Stadt kam, in der Damen mit Louis-Vuitton-Handtaschen ins Fitnessstudio gingen. Sie war um die dreißig, Künstlerin – und ihre Erscheinung ein ganz eigenes Kunstwerk. Oh, diese große, schlanke Frau in eng geschnittener schwarzer Hose, schwarzer Bluse und dunklem Blazer. Aristokratische Augenbrauen, delikate Wangenknochen und eine Kurzhaarfrisur, die im Nackenbereich mal wieder eine Rasur gebrauchen konnte. Aber gut, sie war in Trauer um ihre Tante und hatte daher sicherlich andere Sorgen, als zum Friseur zu gehen. Es war nicht schwer, alles über sie herauszufinden, wenn man mit Menschen wie meiner Oma, dem personifizierten Klatschblatt im schwarzen wadenlangen Rock, unterwegs war.
Ich hatte Sandras Tante nicht besonders gut gekannt. Aber ich hatte auch keine bessere Ausrede gefunden, um nicht zu ihrer Beerdigung zu gehen, als meine Oma mich beim monatlichen Sonntagsbraten dazu aufgefordert hatte. Hobbys pflegte ich keine nennenswerten, ebenso wenig wie eine Beziehung. Dafür befand sich in meinem Schrank ein hübsches schwarzes Kleid, das ich noch nie getragen hatte. Meine Hündin durfte nach einem Schläfchen vor dem Friedhof auch mit in die Wirtschaft.
So lief das eben hier.
Das Trauermahl fand in einem der besseren Wirtshäuser unserer Kleinstadt Blumenbad statt, dort, wo die Oberpfalz an Niederbayern grenzt.
Für Ende April hatte die Sonne bereits »sehr viel Kraft«, wie die Leute immer wieder um mich herum betonten. Wir sahen diese aber nur durch die blitzblank geputzten Fenster des Wirtshauses hereinscheinen, wobei blütenweiße Spitzenvorhänge sie davon abzuhalten versuchten. Ebenso blütenweiß waren die gestärkten Tischdecken über Tischen aus hellem Holz. Ich hatte hier immer Angst, alles vollzukleckern wie ein grobmotorischer Elefant.
Wie viele Taufen, Hochzeiten, runde Geburtstage und Trauerfeiern die Hirschgeweihe an den Wänden ringsum wohl miterlebt hatten?
Sandras Tante hatte vor Jahrzehnten die Leitung des Kirchenchors übernommen, dementsprechend voll war das Wirtshaus. Für eine Trauerfeier herrschte eine emsige Lautstärke. Man erinnerte sich an das gute Leben, das sie gehabt hatte. Eine immerzu fröhliche, freundliche Frau. Aktuelle und ehemalige Chorzöglinge waren gekommen; natürlich auch der Pfarrer, dessen Predigt meine Großmutter in einer Ausführlichkeit gelobt hatte, wie sonst nur Influencer auf das neue iPhone reagiert hätten.
Und mittendrin Sandra. Sie hatte das Haus ihrer kinderlosen Tante geerbt, unweit vom Haus meiner Eltern. Seit mir diese Informationen über bröckelige Leberknödel in üppig gesalzener Suppe hinweg zugeflüstert worden waren, wollte ich nichts lieber wissen als die Antwort auf meine ungestellte Frage, ob Sandra nun dort einziehen würde.
»Wie geht es dem Herrn Bürgermeister?«, fragte meine Oma bei der Vorspeise. Zu meinem Job gehörte es, dem Bürgermeister die Art von Reden zu schreiben, die er beispielsweise beim Jubiläum des Kleintierzüchtervereins sowieso wieder spontan über den Haufen warf.
»Er trägt Kleingeld lose in seiner Hosentasche und macht mich wahnsinnig damit«, erwiderte ich. Meine Oma betrieb einen derartigen Personenkult um meinen Chef, es war nicht auszuhalten. Egal, wie chefig er war, sie hatte trotzdem Herzchen in den Augen. Sonst war sie nur vom Pfarrer ein noch größerer Fan; nicht mal mein Großvater hatte so hoch in ihrer Gunst gestanden.
Zum Glück war ich nicht allein mit meiner Oma unterwegs, dafür hätten schon stärkere Getränke als Bier auf der Speisekarte stehen müssen. Meine Mutter stand mir zur Seite, wenngleich sie sich in ihrer Kritik dem Bürgermeister gegenüber zurückhielt. Sie rümpfte lediglich die Nase und widmete sich weiter ihrer Suppe.
Wie immer in Patschuliöl gebadet, war sie ihr ganzes Hippieselbst, nur eben heute mal nicht in weißer Häkelspitze gekleidet. Ihr schwerer orientalischer Duft hatte mich meine ganze Kindheit und Jugend über begleitet. Es war eine nette Konstante, die ich nicht missen wollte.
Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass sie sich gerade nicht in ihrer Werkseinstellung »Love, Peace and Happiness« befand und stattdessen über die vermeintlich korrumpierte Stadtregierung schimpfte, wie sie es von Zeit zu Zeit gerne tat. Aber es war sowieso vertane Liebesmüh, zu tief in die Diskussion mit meiner Großmutter einzusteigen, denn sie hatte die Angewohnheit, das Thema zu wechseln, wie es ihr gerade in den Sinn kam.
So wie in diesem Moment.
»Musst du jetzt den Hund eigentlich überall mit hinziehen?«, erkundigte sich meine Oma und warf einen mürrischen Blick auf Akiko, die seelenruhig mitten im Gang zwischen den Tischen lag, alle viere weit von sich gestreckt. Schon ein-, zweimal hatte jemand versucht, sich an ihr vorbeizuschieben, aber Akiko hatte nicht mal daran gedacht, Platz zu machen. Zweifellos gab es größere Hunde als Shiba Inus, aber Akiko wusste ihren sandfarbenen Körper zu voller Länge auszustrecken, um sich durchzusetzen.
»Oma, sie schläft die meiste Zeit und wenn sie mal wach ist, braucht sie Action. Da kommt es ihr ganz gelegen, die Leute zu ärgern.« Wohlwollend beobachtete ich, wie sie nun Frau Maier vom Postamt nicht durchließ, eine durch und durch homofeindliche, verhärmte alte Schachtel.
Meine Großmutter nickte kaum merklich. Gesprächsthema abgehakt, wie bei einer To-do-Liste. Frau Maier zu helfen, stand auch auf ihrer Prioritätenliste nicht unbedingt weit oben und ich ignorierte die sowieso.
Manchmal fragte ich mich, ob ich im Alter auch so werden würde: alles schnell, schnell wegwischen, aber Hauptsache noch seinen Senf dazugeben. Hoffentlich nicht! Und ich wollte auch keine bunten Klatschblätter mit schlechten Soapstars auf dem Cover lesen, so wie meine Oma, sondern viel lieber im Fernsehen verfolgen, wie sich die sehr alten Joko und Klaas die Köpfeeinschlugen…
»Deine braunen Haare werden auch immer dunkler«, gab meine Oma schließlich mit vollem Mund bekannt.
»Das ist das schlechte Licht, Oma, ich bin blond.« Ich runzelte die Stirn und fuhr mir durch die dunkelblonden Locken. Waren wir jetzt mal mit mir durch? Ich wartete nur noch darauf, dass sie jeden Moment fragte, wo ich meinen Impfpass aufbewahrte. Spoileralarm: Ich habe keine Ahnung.
Zum Glück rettete mich in diesem Moment ausgerechnet Bri.
»Hey, Fredi.« Sie war hinter meinem Stuhl stehen geblieben, lehnte sich jetzt jedoch vor und stützte eine Hand neben mir auf dem Tisch ab, während die andere Hand auf meiner Stuhllehne lag. Umständlich wandte ich mich zu ihr um, nur um festzustellen, dass unsere Gesichter von viel zu wenig Luft getrennt waren. Keine Position, um nicht wie Sahne in der Sonne zu schmelzen.
Nicht weil es unangenehm war. Sondern weil sie es war. Ich stand seit Ewigkeiten auf Bri. Aber ungefähr genauso lange war sie auch mit ihrer Freundin Linda zusammen.
Brianna »Bri« Wallerschenk war eine der wenigen Polizeibeamtinnen im Ort und als solche extrem trainiert. Schon zu Schulzeiten hatte sie mit Krafttraining angefangen, wie auch immer sie an die Erlaubnis dafür gekommen war. Deswegen hatten wir tatsächlich nicht viel Kontakt gehabt: Wir waren zwar im selben Jahrgang gewesen, hatten uns aber in komplett unterschiedlichen Kreisen aufgehalten. Ich hatte mehr mit den Fußballerinnen zu tun gehabt; mit meiner besten Freundin Kati natürlich auch. Und Bri eben mit den Älteren im Fitnessstudio.
Meine erste richtige Erinnerung an sie war, als ich mein vollgekritzeltes Hausaufgabenheft in der Aula liegen gelassen hatte und sie extra zu uns geradelt war, um es mir wiederzugeben. Sie hatte sich natürlich nicht vorstellen müssen, weil wir wahrscheinlich schon im Sandkasten zusammen gespielt hatten. In dieser Kleinstadt gab es ja auch nur einen Kindergarten, eine Grundschule, einen Firmunterricht. Trotzdem hatte ich in dem Moment, als sie mir das eselsohrige Hausaufgabenheft überreicht hatte, das erste Mal den Gedanken: »Ach ja. Bri.« Ein elektrisierendes, unbekanntes Gefühl in mir, das sich nicht legen wollte, obwohl sie danach ziemlich zügig wieder heimgeradelt war.
Und dennoch trafen wir immer wieder aufeinander. Wir hörten, wie die jeweils andere ihr Coming-out hatte. Ich bemerkte, wie sie anfing, ihr aschblondes Haar in einem akkurat rasierten Sidecut zu tragen. Wir waren wie zwei Planeten in einer Umlaufbahn, immer in Sichtweite, aber ohne je die Chance zu bekommen, uns einander anzunähern. Wie auch, schließlich war sie seit Ewigkeiten mit diesem Mädchen aus dem anderen Ort zusammen, das nach dem Schulabschluss relativ schnell zu ihr gezogen war.
»Was machst du denn hier?«, fragte ich Bri jetzt. Sie war mir in der Kirche gar nicht aufgefallen.
»Die Resi war öfter auf der Wache. Sie hat uns immer ihren herrlichen Apfelkuchen vorbeigebracht. Den werde ich echt vermissen … die Resi natürlich auch. Sie hat doch den Willi gedatet«, erklärte Bri mit einem Kopfnicken in Richtung ihres Kollegen Willibald. Dieser wirkte bedrückt, erhob aber in diesem Moment sein Glas auf seine verstorbene Freundin.
»Spricht man in diesem Alter noch von Dating?«, fragte ich scherzhaft. Was ich eigentlich sagen wollte, war, dass ich ihr gerne mal meinen herrlichen Apfelkuchen vorbeibringen könnte, aber ich hatte immer Angst, bei Bri zu weit zu gehen. Auf gar keinen Fall wollte ich eine vergebene Frau anflirten. Das war ja noch unangebrachter als auf einer Trauerfeier!
»Scheint so.« Bri lachte leise, während sie sich von mir weg und in Richtung Akiko beugte. Akiko, die sonst jede Person ignorierte – was nicht unüblich war für Shiba Inus, die gerne auch ihre Herrchen und Frauchen wie Luft behandelten –, schmiegte sich augenblicklich an sie. Ich war nicht nur eifersüchtig, weil Akiko Bri diese Ehre zuteilwerden ließ, sondern auch weil ich sehr gerne unter Bris Händen gewesen wäre …
Aber Bri war unerreichbar für mich.
Vielleicht fand ich Sandra daher auch so spannend. Sie kam von außerhalb. Dadurch hatte sie keine gemeinsame Vorgeschichte mit irgendjemandem hier in der Gegend. Sandra wusste nichts von meinen gescheiterten Beziehungen oder Bris glücklicher. Sie wusste nichts von der schrecklichen Art meiner Oma oder von Frau Maier. Zumindest noch nicht.
»Fühl dich geehrt.« Ich lächelte Bri schief an. »Es darf nicht jeder mit ihr kuscheln. Wenn du schon dabei bist, kannst du gerne noch versuchen, ihr einen Trick beizubringen. Das heißt«, fuhr ich hastig fort, »wenn Linda dich noch länger entbehren kann. Bei Akiko kann so was dauern.«
»Schauen wir mal. Ich geh mir die Hände waschen«, beendete Bri abrupt das Gespräch. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Zwar zwinkerte sie mir zum Abschied zu, aber das Gefühl, dass irgendetwas schiefgelaufen war, blieb.
Zum Glück hatte meine Familie nichts von meinem Gefühlswirrwarr mitbekommen. Meine Oma hatte sich inzwischen meiner Mutter zugewandt. »Magst jetzt den Franz nicht endlich mal heiraten?«, fragte sie heute schon zum zweiten Mal. »Jetzt seid ihr schon so lange zusammen und habt ein Kind von fast dreißig Jahren.«
»Ja, darum macht dieser Aufwand noch weniger Sinn«, erwiderte meine Mutter ungehalten.
Ich verbiss mir ein Lachen und klinkte mich gedanklich aus dem nachfolgenden Gespräch der beiden aus. Die Unterhaltung mit Bri hing mir noch nach, und ich ließ meinen Blick umherschweifen, der jedoch schnell wieder an Sandra hängen blieb. Zurück zum Thema. Gerade saß sie ausnahmsweise allein an ihrem Platz und malte mit einem Kugelschreiber auf einem Bierdeckel herum. Zuvor war sie immer mal wieder angesprochen und zur Seite genommen worden, obwohl sie die meisten Leute auf der Trauerfeier vermutlich gar nicht kannte. Ihre Mutter war mit ihr schon vor langer Zeit aus unserer Kleinstadt weggezogen und ihre verstorbene Tante hatte sie auch nicht oft besucht. Ihre Tante war lieber in die Großstadt gefahren.
Das war meine Chance.
Was gab es schon zu verlieren? Sie war ja eine Fremde. Wem sollte sie davon erzählen, wenn ich mich blamierte, irgendjemandem in München? Also überließ ich meine Oma und meine Mutter ihrem Geplänkel und machte mich auf den Weg zu Sandra. Meine Hündin ließ sich dazu herab, mir zu folgen.
Sandra bemerkte mich erst, als ich schon neben ihrem Tisch stand. Sie sah auf und ich straffte die Schultern.
»Hi, ich bin Fredi.« Ich streckte Sandra meine Hand hin, die sie zögerlich, aber kräftig schüttelte.
»Ernsthaft?«
»Frederike ist mir einfach zu lang.«
»Frederike«, wiederholte Sandra, als müsste sie eingehend über die Namensentscheidung meiner Mutter nachdenken.
Gut, eigentlich hatte eher meine Oma darauf bestanden, dass ich nach ihr benannt wurde – meine Mutter hätte mich sonst vermutlich »Sonnenblume« genannt. Die Taufe war natürlich auch Omas Wunsch gewesen.
»Gröblehner«, fügte ich hinzu, während ich mich neben sie auf die Bank setzte. Ihr Herrenparfüm schlug mir entgegen.
»Wie bitte?«
»So heiße ich.«
»Oh.« Sandra nickte. »Ich bin Sandra.«
Ich grinste. »Ich weiß.« Mit meinem Kopf deutete ich auf meine Hündin. »Das ist Akiko.«
»Du hast es mit außergewöhnlichen Namen, was?« Sandra grinste leicht. Der Flauschball nieste.
»Mein Beileid, gell? Wir sind alle sehr betroffen.« Ich räusperte mich und wartete eine respektvolle Sekunde ab. »Also, falls du jetzt öfter hier bist …« Lächelnd schnappte ich mir ihren Bierdeckel und den Kugelschreiber, den sie zur Seite gelegt hatte. Ich schrieb meine Handynummer auf die Rückseite, so leserlich wie möglich, und schob ihr das dünne Pappstück über den Tisch zu. »Lass mich ruhig wissen, wenn du etwas brauchst. Wir müssen doch zusammenhalten.«
Ich zwinkerte und stieß sie leicht in die Seite, was Sandra zum Blinzeln brachte. Okay, sie hatte die Botschaft verstanden – hoffentlich.
Mit meinen blonden Locken, die mir bis zum Schlüsselbein reichten, dem spitzen Kajalstrich über den blauen Augen und stets rot geschminkten Lippen litt ich unter einem kristallklaren Fall von Femme Invisibility. Die Frage »Stehst du etwa auf Frauen?!« war keine Seltenheit. Normalerweise war man als feminine Lesbe nämlich so gut wie unsichtbar, absolut heterosexuell codiert. Mit dem Unterschied, dass ich einen Mann noch nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde.
Daher kam es mir entgegen, dass in dieser Gemeinde jeder alles über jeden wusste. Das ersparte mir so manche Diskussion – aber leider nicht jede.
Nachdem ich Sandra meine Nummer gegeben hatte, versuchte ich, möglichst elegant von dannen zu schweben. Ich hatte keine Ahnung, was Sandra mit ihrem Immobilienerbe anstellen wollte – weil ich kalte Füße bekommen hatte, sie danach zu fragen. Aber so wirkte ich wenigstens nicht noch unsensibler, weil ich sie nach so einem schlimmen Verlust nicht nur anflirtete, sondern auch noch ausquetschte. Wenngleich ich sie am liebsten gefragt hätte, ob ich sie in meinem Fitnessstudio anmelden sollte und ob wir fortan die Abende miteinander verbringen wollten.
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ihre Antwort auf all das »ja, okay« gelautet.
Auf meinem Weg zurück zu unserem Tisch, die wandelnde Eleganz, die ich war, hätte ich fast Bri umgerannt. Verdammt, hoffentlich hatte Sandra mir dann doch nicht hinterhergeschaut!
»Du lässt wohl nichts anbrennen. Nicht mal auf einer Trauerfeier.«
Ich konnte ihre Stimmung nicht deuten, weil Bri ein perfektes »Pokerface« trug und ihr Tonfall nichts verriet. Sollte das ein Witz sein? Egal, ich reagierte ein wenig angesäuert.
»Als Singlelesbe in Blumenbad muss man sehen, wo man bleibt. Ich weiß, davon verstehst du nichts. Du hast ja vermutlich schon das Standesamt für dich und Linda gebucht!«
Bri zögerte keine Sekunde und kam direkt auf den Punkt: »Wir sind nicht mehr zusammen.«
Was?! Warum zur Hölle hatte ich keine Pushmitteilung dazu erhalten? Das grenzte ja fast an Homofeindlichkeit!
Erschrocken schlug ich die Hand vor den Mund. »Oh mein Gott, das tut mir leid!«
Erst danach überdachte ich meine Worte: Was genau tat mir eigentlich leid? Dass ich mit meiner Aussage möglicherweise einen wunden Punkt getroffen hatte? Dass Bri und Linda getrennt waren? Dass ich gerade eine junge Frau in Trauer angebaggert hatte, statt mich auf Bri zu konzentrieren?
Anstatt großer Worte machte Bri eine wegwischende Geste und setzte sich wieder zu ihren Kollegen. Da ich schlecht untätig in der Gegend rumstehen konnte, machte ich es ihr nach und fand den Weg zurück zu meinem Platz. Meine Mutter war nach dem Abräumen der Suppe verschwunden – vermutlich, um in der beige gefliesten Damentoilette zu meditieren.
»Fredi, spinnst du jetzt? Das finde ich wirklich nicht schön, die arme Grünwald Sandra, so zu belästigen, wenn sie in Trauer ist!«
Ich versuchte, meine Oma zu ignorieren. Wäre ich nicht hingegangen, hätte sie mich ganz sicher zu ihr geschickt, denn man konnte es meiner Oma grundsätzlich nicht recht machen. Stattdessen fragte ich: »Oma, hast du gehört, ob die Pfaffensteiner Linda, noch mit der Polizistin zusammen ist?«
Meine Oma hatte nämlich keine Ahnung, wie Bri hieß, zumindest tat sie so. Dafür wusste sie umso genauer, wie ihre Kollegen »sich schrieben«, wie man hier nachfragte, wie jemand hieß.
»Ja, mei, die arme Linda! In ihrem Alter Single!«
Was?! Sie hatte das gewusst und mir nichts erzählt? Sie erzählte mir sonst von jedem Schluckauf, den irgendein Supermarktkassierer hatte!
Aber was hätte ich mit der Information angefangen, gleich einen ersten Versuch bei Bri gemacht? Das wäre doch lächerlich gewesen, absolut unangebracht. Es war sicher vernünftiger, eine Trauernde anzuflirten als eine Frischgetrennte. Die mich noch dazu mit furchtbaren roten Blocksträhnen zu Teenagerzeiten kannte! Damit würde ich meiner Karriere als Lückenbüßerin bloß eine weitere Station hinzufügen. Wenn überhaupt. Versuchte ich mir jedenfalls einzureden.
Ich hob eine Augenbraue. »Linda ist jünger als ich.«
»Ja, sag ich doch!«
* * *
In dieser Nacht lauschte ich dem Hundeschnarchen dicht neben meinem Ohr. Die Worte meiner Oma hallten gruselig in meinem Kopf nach: »… ein Kind von fast dreißig Jahren«, »In ihrem Alter Single!« Okay, ich hatte bis zu meinem dreißigsten Geburtstag noch zwei Jahre. Aber sollte man dann nicht auch schon total erwachsen sein?
Ich hatte eine Waschmaschine. Und ein Lebewesen, um das ich mich kümmern musste. Und trotzdem fühlte ich mich wie frisch von der Uni, denn viel mehr hatte ich bislang im Leben nicht erreicht.
Vielleicht war es ein Problem, wie ich »Erwachsensein« definierte. Nämlich mit einem Ring am Finger. Okay, meine Eltern trugen keinen. Dennoch waren sie das glücklichste, langlebigste Paar, das ich kannte. Sie teilten so viele Dinge, ohne gleich ein und dieselbe Person zu sein. Irgendwie hatten sie von allem etwas – unzählige Gemeinsamkeiten, aber auch sich perfekt ergänzende Gegensätzlichkeiten. Ich hatte sie nie streiten gesehen oder gehört.
Das war, was ich mir auch für mich wünschte.
Warum hatte ich bloß nie Glück? Also, nicht dass ich prinzipiell ein unglücklicher Mensch gewesen wäre. Ich wollte mich nicht beschweren, schließlich kam der Spaß in meinem Leben nicht zu kurz. Trotzdem war ich Single. Und zwar nicht, weil ich eine große Karriere meinem Liebesleben vorgezogen hätte. Am Schluss hatte es einfach nicht gepasst oder für mehr gereicht, was entweder mich oder die andere frustriert hatte.
Blickte ich nun darauf zurück, schien ich irgendwie für jede meiner Ex-Freundinnen nur eine Zwischenstation gewesen zu sein. So ungefähr der letzte Stopp vor der ganz, ganz großen Liebe. Sie waren zum größten Teil mit meiner Nachfolge verheiratet, hatten Häuser gebaut, Wohnungen gekauft, Kinder gezeugt oder zusammengenommen ganze Zoos adoptiert.
Und ich? Nicht mal den Brautstrauß auf Vronis Regenbogenhochzeit – so das farbenfrohe Motto der Feierlichkeiten meiner Lieblingswirtin Vroni, die wie eine Tante für mich war – hatte ich gefangen. Vermutlich war das ein Wink des Schicksals mit dem Zaunpfahl gewesen. Okay, mit ziemlicher Sicherheit war mir die Richtige schlichtweg noch nicht begegnet. Die Hälfte der potenziell in Frage kommenden Frauenfußballerinnen des Städtchens hatte ich allerdings schon durch. Auch beim Schützenverein brauchte ich nicht mehr aufzutauchen, sofern ich nicht unbedingt scharf darauf war, meiner Ex dabei zuzusehen, wie sie meine andere Ex abknutschte. Ja, die beiden waren sehr glücklich miteinander, seit Jahren, und inzwischen besaßen sie drei Katzen. Ganz zu schweigen von den Ex-Freundinnen, die tatsächlich so taten, als wäre ihre Zeit mit mir nur eine Phase gewesen.
Üblicherweise endeten meine Beziehungen mit einer Trennung im Guten – den Anblick total verliebter Pärchen wollte ich mir trotzdem ersparen.
Was also tun? Mein Glück bei der anderen Hälfte des Frauenfußballvereins versuchen, auch bei den Heteras?
In dieser Nacht sah ich genau darin das Problem.
Frustriert setzte ich mich auf, was Akiko nicht aus dem Reich der Träume reißen konnte – eigentlich konnte das nichts außer dem Quietschen ihres Lieblingsspielzeugs. Ich angelte nach meinen flauschigen Socken und zog sie im Dunkeln umständlich an.
Möglicherweise hatte das Thema schon eine Weile in mir gegoren. Aber meine letzten Kennenlernphasen waren alle einfach Mist gewesen. Und ich konnte es einfach nicht benennen: Waren meine Ansprüche zu hoch oder zu niedrig?
Während ich aufstand, losschlurfte und dabei fast über meinen Flauschteppich gestolpert wäre, war es mir zum ersten Mal vollends klar: Ich suchte falsch. Und vor allem suchte ich den Fehler bei mir.
Ich suchte in der falschen Stadt.
Es musste ganz eindeutig am Blumenbader Datingmarkt liegen! Beinahe wäre ich gegen den Türstock der Küchentür gelaufen, der mich fast genauso hart getroffen hätte wie diese Erkenntnis.
Ich taumelte in meine Küche, die Augen zusammengekniffen wegen der plötzlichen Helligkeit durch meine angeknipste Küchenlampe. Auch die Küchenmöbel schienen mitten in der Nacht zu viel zu sein, hatte ich sie ja in einem Anfall von Kreativität komplett fliederfarben angestrichen.
Auf der Suche nach einem Mitternachtssnack überkam mich vor dem offenen Kühlschrank eine weitere Erleuchtung: Sandra war nicht von hier. Die Neue mit diesen krassen Wangenknochen, die mir das Schicksal direkt vor die Füße geworfen hatte, war mein Ticket für den Expresszug Richtung Zufriedenheit.
Ich fischte eine Essiggurke aus dem nur halb zugeschraubten Glas und aß sie mit kräftigem Appetit. Danach schnappte ich mir einen Blaubeerjoghurt.
Meine Oma in meinem Kopf war nun still, dafür kam ein neues Echo hinzu.
»Wir sind nicht mehr zusammen.«
Ich erstarrte über der offenen Besteckschublade. Eigentlich wäre das meine Chance. Bri war Single. Hatte ich mir das nicht so oft gewünscht?
Mit einem Ratsch riss ich den Deckel vom Joghurtbecher ab und verkleckerte dabei ein wenig. Während ich mir den Joghurt vom Finger schleckte, erinnerte ich mich an meine Eingebung von vor zwei Minuten.
Sollte ich nicht besser darauf verzichten, in meinem Heimatlandkreis zu daten?
Unruhig rührte ich in meinem Joghurt. Abgesehen davon hatte ich nicht das Gefühl, dass Bri mich auch nur im Entferntesten attraktiv fand. Klar, in Beziehungen machte man anderen keine Komplimente, aber vorher hatte ich sie auch nicht gerade in Verzückung versetzt. Sie sah selbst ihr Schnitzel mit mehr Ausdruck an als mich.
Zum Dating brauchte es immer noch zwei.
Und das mit Sandra erschien mir so aufregend.
Genießerisch nahm ich einen übervollen Löffel Joghurt.
Endlich mal jemand, der nicht jede Person in dieser Stadt mitsamt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kannte! Das war viel verlockender als jemand, der genau mitbekommen hatte, dass ich beim Sportfest nicht mal eine Teilnehmerurkunde erhalten hatte, weil ich mich geweigert hatte, mit meiner nagelneuen Turnhose in einen Sandkasten zu springen.
Ich stellte den halb leer gegessenen Joghurt zurück in den Kühlschrank und legte mich wieder ins Bett, versöhnt mit der Welt. Mein Gedankenkarussell verlangsamte sich und ich schlief endlich ein. In meinem Traum tanzte ich mit Sandra, die als Essiggurke verkleidet war, und mit Bri – die mit Joghurt überschüttet worden war. Ein Glück, dass das nichts bedeuten konnte …
Supergirltage
»Findest du nicht, dass die Aktion ziemlich abgedreht ist?« Ich betrachtete verwirrt das Blatt Papier vor mir.
Kati runzelte die Stirn. »Wieso denn?«
»Du arbeitest in einer Apotheke. Warum braucht ihr eine Aktion zum Schulanfang?«
»Der Friseur macht das auch! Der Supermarkt sowieso!« Kati fuchtelte wild mit ihren Händen herum, als hielte sie eine Rede bei einer Bundestagsdebatte.
»Ja, aber was kauft ein Kind in der Apotheke?«, fragte ich skeptisch. Zugegeben, ich kannte mich nicht besonders mit Kindern aus, eigene wollte ich ohnehin nicht. Mir reichten Akikos Hundeschulbesuche und die gelegentlichen Grundschultermine vor Weihnachten, wenn ich den Bürgermeister dort abladen musste. In manchen Jahren wollte er, dass wir zusammen hingingen. Und dann erwartete er, dass ich die Weihnachtslieder mitsang. Reine Schikane.
Gut, vielleicht tat er manche Dinge nicht in der Absicht, mich bloßzustellen. Er war halt einfach exzentrisch und ich frustriert, für ihn zu arbeiten. Aber dass er mich manchmal Schnupftabak holen ließ und diesen dann nie benutzte, das war ganz sicher Kalkül!
»Wir haben diese tollen Lutschpastillen, die schmecken nicht nur nach Kirschen, sondern sind auch gut …« Kati gestikulierte aufgeregt, was ihren brünetten Pferdeschwanz zum Wippen brachte.
»Warte, vielleicht formuliere ich meine Frage anders. Warum Supergirl in einer Apotheke?« Ich strich das Blatt Papier auf dem klebrigen Holztisch glatt.
»Kannst du bitte einfach nur die Rechtschreibfehler korrigieren und still sein?«, bat Kati mich und nahm einen Schluck von ihrem Apfelsaft.
Wir hatten uns wie immer im Samba getroffen. Eigentlich war das Samba eine typische Boaz’n, eine geringfügig beleuchtete Kneipe. Dekoriert mit Blumenkränzen und jeder Menge Siebziger-Jahre-Charme. Ein Flipper blinkte emsig in der Ecke. Vroni hatte diese Boaz’n schon immer gehört. Zuerst hatte sie sie zusammen mit ihrem Ex-Mann geführt, nun mit ihrer Frau, die seit eh und je in der Küche zugange war. Dort waren die beiden auch zusammengekommen …
Vroni stand gerade hinter dem Tresen und füllte schwungvoll ein Weizenglas auf. Der blonde Knödel, zu dem sie täglich ihr Haar auf ihrem Kopf auftürmte, schwankte gefährlich. Sie war viel zu braun gebrannt für diesen Frühling.
Akiko schlief zu meinen Füßen, weil sie sich an den Wienern von Vroni schon vor langer Zeit satt gegessen hatte. Im Traum jagte sie wohl gerade etwas Besseres, denn sie machte Geräusche, die wir ignorierten.
Wie immer spielte am Stammtisch die Schafkopfrunde, bestehend aus einigen Kollegen aus dem Rathaus. Und die lechzten nach ihrem Feierabendbier. Dabei saßen sie unter einem riesigen Gemälde, das aussah, als wäre es der Romantikphase des 19. Jahrhunderts entsprungen. Das Bild hatte schon immer hier gehangen und die anderen Bilder drum herum hatten einen ähnlichen Stil, aber bei der Auswahl dieses speziellen hätte Vroni eigentlich schon viel früher erkennen können, dass sie auf Frauen stand: In einer üppigen Waldszenerie badeten drei nackte Frauen mit knackigen Pos, elfenbeinweißer Haut und geröteten Backen.
Also, die im Gesicht.
Kati beobachtete mich, während ich weiterhin Supergirl auf dem Flyer musterte. Ich hatte keine Lust, jetzt die Deutschlehrerin raushängen zu lassen, weil ich mit Kati eigentlich über etwas anderes reden wollte.
»Das hat doch Zeit, oder? Es ist noch nicht einmal richtig Sommer.«
»Ja, aber schau bitte bald drauf. Du weißt, wie das mit Onlinedruckaufträgen ist«, grummelte Kati.
Ich nickte wohlwissentlich wegen der letzten Infobroschüre, die ich zum siebzigjährigen Stadtjubiläum hatte drucken lassen. Auf keinen Fall wollte ich Kati die Hilfe verweigern, aber gerade gingen mir einfach andere Sachen im Kopf herum.
Katrin »Kati« Springer und ich hatten uns vor über zwanzig Jahren am ersten Schultag kennengelernt. Und das zelebrierten wir jedes Jahr Mitte September. In diesem Jahr wollte Kati allerdings lieber im Supergirl-Kostüm in der Apotheke, in der sie arbeitete, den Schulanfang feiern. Eigentlich wollte Kati immer im Supergirl-Kostüm feiern. Zu Vronis Hochzeit war sie verdammt noch mal in einem blau-roten Kleid erschienen.
Heute Abend trug sie eines ihrer unzähligen Shirts von DC Comics. Ich hatte Marvel schon immer besser gefunden, daher konnte ich ihre Faszination nicht so recht teilen. Aber natürlich unterstützte ich sie in allem. Wenn Supergirl ihr Kraft gab, dann sollte es so sein.
In einem kleinen Ort wie diesem, aus dem man selten herauskam, war es eigentlich schon fast selbstverständlich, dass wir mal etwas miteinander gehabt hatten.
Es war nicht die erfolgreichste Beziehung aller Zeiten gewesen, sagen wir es so.
Weil Kati sehr eigen war. Nicht nur wegen ihrer eingeschränkten Shirtauswahl.
Sie aß ausschließlich bei Vroni, wenn es auswärts sein musste. Ich war mir nicht mal sicher, ob Kati überhaupt ein anderes »Restaurant« kannte.
Auch heute gab es für sie zum Abendessen Wiener, Kartoffelsalat und eine Brezel. Wie jedes Mal musste sie alle Komponenten in der für sie sinnigen Reihenfolge anordnen, weil Vronis Frau den Senf bis zum heutigen Tag nicht an der für sie richtigen Stelle auf den Teller kleckste. Kati war in dieser Hinsicht ähnlich zwanghaft veranlagt wie die Hauptfigur der Serie Monk.
Dennoch war Kati die großartigste Freundin, die ich mir wünschen konnte, und ich war froh, dass wir unser Beziehungsexperiment überlebt hatten.
Außerdem stellte sie die Ausnahme einer meiner Theorien dar. Nämlich, dass ich für alle meine Ex die letzte Haltestelle vor dem Ziel »große Liebe«war. Bei Kati hatte der metaphorische Bus zwei Meter nach der Haltestelle eine Panne gehabt.
»Sag mal … Hast du schon von der Grünwald Resi, gehört, die gestorben ist?«
»Die mit dem riesigen Haus bei der Zahnarztpraxis?«
»Ja, genau. Sie hat es vererbt. Ihrer sehr attraktiven Nichte«, erzählte ich ihr.
»Oh Gott, Fredi, du hast dich doch nicht etwa bei einer Beerdigung verknallt?!«
»Nein, beim Trauermahl«, entgegnete ich.
Kati rollte die Augen, als wollte sie sagen: »Klar, so was passiert mir auch ständig!«
»Sandra Grünwald ist eine solche Erscheinung! Weißt du, es ist, als wäre Resis Tod ein Zeichen des Schicksals …« Plötzlich war ich ganz aufgeregt.
Eine Aufregung, die Kati nicht teilen konnte. »Fredi …«
»Nein, hör zu. Ich wäre Sandra ja sonst nie begegnet und außerdem ist mir in diesem Moment klar geworden …«, setzte ich an, um Kati in meine neue, lebensverändernde Theorie einzuweihen. Natürlich glaubte ich nicht, dass Sandras Tante für mein persönliches Glück gestorben war, aber vielleicht hatte das Universum schon länger versucht, mir etwas zu sagen, und dieser schicksalhafte Tag hatte es mir endlich verdeutlich.
Okay, ich war wirklich die Tochter meiner viel zu esoterisch angehauchten Mutter.
In dem Moment, in dem ich fortfahren wollte, erhaschte etwas Katis Aufmerksamkeit. Oder besser: jemand.
»Hey, Bri!«
Hätte ich gerade von meiner Cola getrunken, ich hätte mich spontan daran verschluckt.
»Hey. Na.«
Oh, verdammt. Ich hatte Kati noch gar nicht die Neuigkeit erzählt!
Und dann stand Bri schon vor unserem Tisch.
»Magst mit uns essen?«, fragte Kati ganz unbedarft.
Sie hatte die Wichtigkeit meiner Erkenntnis über Sandra eindeutig nicht begriffen. Und sie hatte keine Ahnung, wie mein Körper in Bris Gegenwart verrücktspielte, dafür hätte sie ja auch wie eine richtige Superheldin Gedanken lesen müssen. Ich schluckte. War gerade der Hochsommer ausgebrochen? Mir war von jetzt auf gleich so heiß, als müsste ich in eine Eistonne springen, um mich abzukühlen.
Bri zögerte. Etwa meinetwegen?
»Noch mal Entschuldigung, gell?«, sagte ich schnell. Ich wollte mich von ihr fernhalten, aber gleichzeitig wollte ich auf keinen Fall, dass sie sich von mir fernhielt!
Leider sah sie wie immer zum Anbeißen aus. Sie wirkte frisch geduscht, mit perfekt liegenden Haaren und einem umwerfenden Duft, der sie umgab. Ihre Muskeln zeichneten sich unter ihrem weißen Polohemd ab. Im Grunde war sie das komplette Gegenteil von Sandra – wenn ich High Heels trug, waren wir auf Augenhöhe.
Kati warf mir einen fragenden Blick zu, aber die Zusammenhänge konnte ich ihr unmöglich auf nonverbaler Ebene aufdröseln. Also musste das warten.
Bri aß ebenfalls regelmäßig nach ihrer Schicht bei Vroni. Manchmal setzte sie sich dabei zu uns, aber in der Regel trank sie mit Kollegen ein Feierabendbier oder saß schon allein am Tresen und war in ihr Handy versunken. Sicher hatte ich mir schon hunderte Male Gedanken darüber gemacht, warum sie nicht einfach mit Linda aß. Ob die Trennung irgendetwas damit zu tun hatte?
»Passt schon.« Bri schien nicht vorzuhaben, vor Kati Einzelheiten ihres Beziehungsaus auszubreiten, obwohl die beiden sich mochten. Zumindest führten sie gerne ausführliche Gespräche über die verschiedensten Varianten des Joker. Bei denen, zugegeben, Kati so viel sprach wie sonst tagelang nicht.
»Worüber unterhaltet ihr euch?« Bri zog sich einen Stuhl heran.
»Über die Nichte von der Grünwald Resi«, plauderte Kati frei von der Leber weg.
Kati war die schlechteste Wingwoman aller Zeiten. Gut, dass ich ohnehin nicht vorhatte, etwas mit Bri anzufangen.
»Ihre Haare sahen gefärbt aus, hmm?«
»Ihre Haare sind überhaupt nicht gefärbt!«, ergriff ich sofort Sandras Partei. Klar hatte ich keinen Grund dafür, aber hatte sie einen, Sandra so schlecht zu machen?
Bri rümpfte die Nase, als wäre sie alles andere als glücklich über meine Reaktion.
Während ich sie so betrachtete, kam mir in den Sinn, dass es vielleicht Schicksal gewesen war, Sandra zu begegnen, aber ganz sicher nicht, dass Bri mir erzählt hatte, jetzt Single zu sein. So kurz nach einer Trennung fand man sein wahres Liebesglück schlicht nicht. Außer meine Ex-Freundinnen. Aber das lag ja eher an mir. Es bei Bri zu versuchen, wäre einfach kein schlauer Zug.
Keine Ahnung, ob mein plötzliches Aufbrausen schuld daran war, dass der schnarchende Fellball zu meinen Füßen wach wurde – jedenfalls erschnupperte sie Bris unwiderstehlichen Duft. Auf einmal ging unter unserem Tisch die Post ab, als Akiko irgendwie versuchte, sich zwischen all unseren Beinen hindurchzuschlängeln, um Bri zu begrüßen und mit ihr zu spielen.
»Akiko! Sitz!« Bri zeigte auf die süße Schnute der Hündin, die sich sofort wie hypnotisiert neben sie setzte.
Warum war Bris natürlicher, weil berufsgewohnter Tonfall eigentlich so sexy? Kein Wunder, dass sie Akiko fast so gut im Griff hatte wie ich!
»Du solltest auf sie aufpassen, Fredi«, meinte Bri und winkte Vroni heran.
Ich neigte fragend den Kopf. »Wieso?«
»Könnt ihr euch noch an unsere Geschichtslehrerin erinnern, Frau Wurzelhuber?«
»Ich kann mich in erster Linie daran erinnern, dass sie meinen Klotz von damaligem Handy konfiszieren wollte, es aber die ganze Zeit ‚Gameboy‘ nannte«, erwiderte ich.
»Ihr Chihuahua Brutus wurde tot aufgefunden. Irgendetwas geht hier in Blumenbad vor sich und ich wäre an deiner Stelle sehr besorgt um Akiko.«
Ich fand es immer sehr bewundernswert, wie souverän sich Bri als Polizistin verhielt. Das konnte sie nicht auf der Polizeischule gelernt haben, denn ihr Kollege Giovanni war beispielsweise das komplette Gegenteil davon. Er plauderte am laufenden Band Geheimnisse aus. Na ja, oder es lag einfach daran, dass Bri keine Frau großer Worte war.
Ich dankte ihr, uns davon erzählt zu haben. Akiko war mein Ein und Alles! Ich würde ganz sicher nicht zulassen, dass ihr irgendetwas passierte!
Vroni stieß zu uns, allerdings ohne Block, weil sie sich Bris Bestellung nicht zu notieren brauchte. »Vier? Semmel?«
»Zwei lieber«, gab Bri zurück. Kati und ich sahen uns verwirrt an.
Vroni runzelte die Stirn. »Wieso, Diät?«
Bri zuckte mit den Schultern. »So halt.«
Vroni nahm das nickend zur Kenntnis und verschwand in der Küche.
Jetzt verstand ich. Bri verzichtete auf zwei extra Wiener. Auf Kartoffelsalat und Brezel sowieso, daher die Ersatzsemmel, aber zwei Wiener weniger als offenbar üblich? Litt sie so sehr wegen Linda, dass sie keinen Hunger hatte?
Eine Frage, die ich zweifellos nicht stellen konnte. Stattdessen hakte ich nach: »Was meinst du mit ‚tot aufgefunden‘? Der Hund ist ja nicht allein in eine dunkle Gasse gegangen und hat es sich mit den falschen Leuten verscherzt.«
»Ich darf eigentlich nicht mehr sagen. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen.«
Eine Untersuchung gleich … ich nickte. Zwar wusste ich nicht, worauf ich nun spezifisch achten sollte, aber ich würde so was von auf Akiko achten!
Kati beschloss, das Thema zu wechseln. »Also, wie geht es Linda?«
Das war also, was ihr einfiel, wenn sie und Bri hauptsächlich über Filme sprachen? Unauffällig trat ich unter dem Tisch nach ihr, was meine beste Freundin mit absolutem Unverständnis quittierte.
»Fredi, alles gut bei dir?« Kati sah mich irritiert an, als hätte ich sie wegen einer krankheitsbedingten Körperzuckung getreten und nicht, um sie zum Schweigen zu bringen.
Bri warf mir einen kurzen Blick zu, der fast schon Anerkennung zeigte, weil ich ihren Beziehungsstatus nicht weitergetratscht hatte. Was ja hauptsächlich daran lag, dass ich nicht dazu gekommen war.
»Linda und ich haben uns getrennt.«
Jetzt ging Kati ein Licht auf, eins und eins zusammenzählend.
