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Endlich: der Abschlussband der »His Dark Materials«-Serie! Im fulminanten Finale der "His Dark Materials"-Serie reisen Lyra und Malcolm in die Wüste von Karamakan, um durch ein mysteriöses Gebäude in eine andere Welt zu gelangen, in der besondere Rosen wachsen. Ihr Öl soll es ihnen ermöglichen, endlich den Staub zu entschlüsseln und die Wahrheit ans Licht bringen zu können. Doch ihr Weg ist gefährlich. Lyra und Malcom müssen immer wieder gegen magische Wesen und das Magisterium kämpfen, das die Entdeckung der Rosen verhindern will. Als sie schließlich am Ziel ankommen, gibt es eine große Explosion, die ihnen die Rückkehr in die alte Welt unmöglich macht. Werden Lyra und Malcom trotzdem das Geheimnis um den rätselhaften Staub lösen können und wird Lyra ihren Daemon Pan wiederfinden? Alle Bände der unvergleichlichen Fantasy-Serie »His Dark Materials«: Über den wilden Fluss (Band 0) Der Goldene Kompass (Band 1) Das Magische Messer (Band 2) Das Bernstein-Teleskop (Band 3) Ans andere Ende der Welt (Band 4) Das Feld der Rosen (Band 5)
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Aus dem Englischen von Antoinette Gittinger
Das große Finale!
Auf der Suche nach ihrem geliebten Daemon Pan macht sich Lyra auf die Reise in die Wüste von Karamakan. Dort soll man durch ein mysteriöses Gebäude in eine andere Welt und zu ganz besonderen Rosen gelangen. Ihr Öl soll es ermöglichen, endlich den Staub zu entschlüsseln und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Doch der Weg dorthin ist gefährlich. Immer wieder müssen Lyra und Malcom, der ihr dicht auf den Fersen ist, gegen magische Wesen und das Magisterium kämpfen. Am Ziel angekommen, überleben sie nur knapp eine gewaltige Explosion, die ihnen aber die Rückkehr in die alte Welt unmöglich macht. Wird Lyra Pan nun niemals wiedersehen?
Das Feld der Rosen ist der dritte und abschließende Band der »Books of Dust«, der Weiterführung der Weltbestseller-Trilogie »His Dark Materials«.
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Danksagung
Über den Autor
Für Caradoc King, MDOC.Sechzig Jahre …
Entre la rose et moi, je la vois qui s’abrite;
Sur la poudre qui danse, elle glisse et n’irrite
Nul feuillage, mais passe, et se brise partout …
Hier bin ich, hier die Rose, und er – er wohnt dazwischen, auf jenem Staubkorn tanzt er, huscht dort in den Büschen, das Blatt bleibt still, er gleitet, er bricht sich, überall – und gleitet! Totenbarke …
Paul Valéry, Die junge Parze
Auf den letzten Seiten des vorigen Bandes ANS ANDERE ENDE DER WELT erreicht Lyra auf der Suche nach ihrem Dæmon Pan die Stadt Al-Khan al-Azraq.
Im Mondschein schlendert sie allein durch die Ruinen.
Sie bog ab, um einem zerbrochenen Haufen schimmernden Marmors, einem ehemaligen Tempel, aus dem Weg zu gehen. Sie befand sich jetzt am Ende eines Säulengangs, der dunkle balkenförmige Schatten auf den schneeweißen Steinweg warf.
Auf einem Trümmerteil saß ein ungefähr sechzehn Jahre altes Mädchen. Die Kleine schien dem Aussehen nach aus Nordafrika zu stammen und war schäbig gekleidet. Sie war kein Geist, denn sie warf Schatten, genau wie Lyra. Und auch sie hatte, wie Lyra, keinen Dæmon bei sich. Als sie Lyra erblickte, stand sie auf. Im Mondlicht wirkte sie angespannt und sehr ängstlich.
»Sie sind Miss Listenreich«, sagte sie.
»Ja«, erwiderte Lyra überrascht. »Wer bist du?«
»Nur Huda el-Wahabi. Kommen Sie, schnell. Wir haben Sie erwartet.«
»Wir? Wer …? Du meinst doch nicht …«
Aber Nur Huda griff eilig nach Lyras rechter Hand, und gemeinsam eilten sie den Säulengang entlang und schlugen den Weg ins Innerste der Ruinen ein.
Und hiermit beginnt der letzte Teil.
Aber wer?«, fragte Lyra. »Wer erwartet mich?«
»Ich«, erwiderte Nur Huda, »und mein Dæmon Jamal, aber sie werden nicht …«
»Ist er hier? Ist dein Dæmon hier?«
»Ja, aber sie werden ihn nicht lassen – sie werden mich nicht lassen …«
Lyra blieb stehen. Das Mondlicht fiel auf das Gesicht des jüngeren Mädchens, schimmerte auf der Unterlippe, an der sie kaute, und beleuchtete die ungeweinten Tränen in ihren Augen. Die beiden Mädchen waren umgeben von umgestürzten Marmorsäulen, von Statuen längst vergessener Könige oder Gottheiten, Statuen, von denen einige noch unversehrt waren, sowie von Mauern, Bögen und Säulengängen. Inmitten gezackter Schatten, die nicht vom Mond beschienen und von abgrundtiefem Schwarz waren, leuchteten sie an den Stellen, auf die das Mondlicht fiel, schneeweiß.
»Aber wer sind sie?«, fragte Lyra.
»Einfach nur Stimmen. Ich habe keine Ahnung. Es ist wie ein Krieg hier drin. Sie kämpfen, und ich weiß nicht, warum, weiß nicht, wer sie sind, und kann sie nicht sehen. Ich habe solche Angst. Es sind nur Stimmen. Ich kann sie nicht sehen.«
»Und was lassen diese Stimmen dich nicht tun? Sie wollen nicht, dass du deinen Dæmon mitnimmst, ist es das? Sie halten ihn gefangen?«
Nur Huda nickte, und eine Träne rann aus ihrem Auge. Sie wischte sie mit dem Handballen weg.
»Und woher kennst du meinen Namen?«
»Pan, Ihr Dæmon, hat ihn mir verraten. Er sagte, Sie würden kommen.«
»Pan? Du hast Pan gesehen? Wo? Ist er hier?«
Lyra überkam plötzlich eine so heftige Ungeduld, dass sie nicht einmal merkte, dass sie den Arm des Mädchens ergriffen hatte. Nur Huda entzog ihn ihr, und ihre weit aufgerissenen Augen verrieten ihr Erschrecken.
Lyra ließ sie los. »Oh, verzeih, ich wollte dich nicht erschrecken … Es ist nur so, dass ich ihm den ganzen Weg hierher gefolgt bin, um ihn zu finden. Und wenn er nicht hier ist …«
Aber sie hatte zu hastig, zu ungeduldig gesprochen. Das Mädchen war hungrig, müde und schrecklich allein.
Sie würde gleich in Tränen ausbrechen, also nahm Lyra sie in den Arm und sagte: »Komm, wir setzen uns. Wir sind beide erschöpft und verängstigt. Erzähl mir einfach alles, was dir zugestoßen ist. Ich werde dich nicht unterbrechen, versprochen.«
Sie setzten sich auf den Rest einer Steinbank, die sich um ein Becken zog, in dem einst ein Springbrunnen geplätschert hatte. Aus dem verwitterten und schmutzigen Gesicht eines Satyrs tröpfelte immer noch etwas Wasser, wie es wohl seit der Errichtung des Brunnens aus seinem Mund gesprudelt hatte. Die Quelle, aus der dieser Brunnen versorgt wurde, sprudelte nach wie vor. Nur Huda wandte sich um, schöpfte eine Handvoll Wasser und trank es gierig. Lyra tat es ihr nach. Das Wasser war eiskalt und sauber, und sie schöpfte noch ein zweites Mal. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie durstig sie war.
»Woher kommst du?«, fragte Lyra.
»Ich bin mit meiner Familie aus Bagdad hierhergekommen, in einem Boot. Es ist gesunken, und als ich ans Ufer schwamm, stellte ich fest, dass Jamal nicht mehr da war. Ich dachte, er sei tot und das bedeute, dass ich es ebenfalls sei, und ich hatte furchtbare Angst. Eine Zeit lang war ich allein und wusste nicht, was ich tun sollte. Doch dann entdeckte mich Pan schlafend auf einem Hügel und bewachte mich. Als ich aufwachte, erzählte er mir von Ihnen, und wir dachten, Jamal sei vielleicht hierhergekommen, und so gingen wir hierher. Pan war bei mir, und deshalb wirkte es nicht, als ob … Sie verstehen, was ich meine.«
»Jamal ist dein Dæmon, oder?«
»Ja.«
»Was hat Pan gesagt?«
»Er sagte, er suche nach etwas, das Sie verloren hätten.«
»Hat er dir auch gesagt, was das ist?«
Nur Huda schüttelte den Kopf. »Er sagte, er würde Ihnen vorausgehen, um es zu finden und sicher aufzubewahren. Nach Osten, von wo die Rosen kommen, das hat er gesagt. Er sagte auch, Sie würden bald hierherkommen, und ich würde Sie daran erkennen, dass Sie keinen Dæmon haben, genau wie ich …« Ihre Stimme klang unsicher.
»Und … ist Jamal hier?«
»Nein. Ich glaube nicht. Es ist etwas passiert. Ein Mann kam aus der Wüste, der Zuflucht vor einem Riesenvogel suchte. Als er Jamal entdeckte, schnappte er ihn sich, bevor ich eingreifen konnte.«
»Ein Mann? War er eine der Stimmen?«
»Nein. Nur ein Mann. Er sah aus wie ein Skythe, ich weiß nicht, vielleicht war er auch ein Chorasmer …«
Lyra blinzelte überrascht.
Nur Huda bemerkte es und fuhr fort: »Ich weiß es nicht. Vielleicht ist er gar nicht real. Er hat nur ein Auge … Der Vogel hat ihn gejagt. Er war so riesig, dass er den ganzen Himmel verdunkelte, als er über uns hinwegflog. Ich dachte, der Mann hat sich Jamal vielleicht geschnappt, um ihn dem Vogel anzubieten, als ein … als ein … Sie wissen schon, wenn man einen Wolf mit etwas anlockt, um ihn abzulenken …«
»Einen Köder?«
»Ich kenne das Wort nicht. Ja, aber das ist es. Ich weiß nicht, es tut mir leid! Ich habe solche Angst …«
»Du hast gesagt, es sei hier wie im Krieg. Was hast du damit gemeint? Dæmonen, die sich gegenseitig bekämpfen, so etwas?«
»Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass die Luft manchmal von Schreien, Wutausbrüchen und Heulen erfüllt ist. Kommt vermutlich nicht von Dæmonen, denn es gibt hier nicht wirklich viele von ihnen. Nur die Stimmen …«
»Was sagen sie? In welcher Sprache sprechen sie?«
»Sie benutzen viele Sprachen. Sie flüstern. Manchmal hört es sich an wie Insekten, vielleicht Grillen, Zikaden, und dann hört man sogar richtige Wörter …«
»Wann sprechen sie?«
»Sie können sie jetzt hören.«
Lyra lauschte. Es herrschte große Stille. Es war die Art von Nacht, in der man vermutlich hören konnte, wie sich die Planeten zwischen den Sternen bewegten. Sie verglich sie mit der Stille in der Welt der Toten, aber das war eine starre Stille, in der nichts lebendig war, und in dieser Totenwelt war es trotz ihrer Unermesslichkeit unangenehm stickig. Die Stille in Al-Khan al-Azraq dagegen war längst nicht so allumfassend und im Grunde auch keine wirkliche Stille, da ein leichtes Kratzen, ein leises Murmeln, ein Knacken und ein Krächzen zu hören waren. Keines der Geräusche war lauter als eine Prise Sand, die auf das Fell einer kleinen Trommel fällt, und sie alle bedeuteten … nichts. Lyra erinnerte sich an eine Nacht in Oxford, die schon einige Jahre zurücklag, in der sie geglaubt hatte, alles habe einen Sinn, und gesehen hatte, wie sie es wohl verstehen könnte. Aber das war, bevor sie die Werke von Gottfried Brande und Simon Talbot gelesen hatte, damals, als Pan noch glücklich mit ihr gewesen war.
»Können Sie sie nicht hören?«, fragte Nur Huda.
Sie sprach zaghaft, wollte unbedingt, dass Lyra ihr glaubte. Lyra erkannte, wie jung das Mädchen noch war und wie sehr sie gelitten hatte, und sie spürte, wie Nur Huda immer noch krampfhaft ihren Arm umklammert hielt.
»Doch, ein bisschen, aber ich weiß nicht, was sie sagen. Ist das hier der beste Ort, ihnen zuzuhören?«
»Auf dem Marktplatz hört man sie noch besser. Hier entlang.«
Sie mussten über die herabgefallenen Steine steigen und die eingestürzten Mauern einer Basilika umgehen, bevor sie zu einer offenen Fläche gelangten, die wie ein Marktplatz aussah, ein öffentlicher Versammlungsort, ein Forum.
Der Sand unter ihren Füßen war so fein und weiß wie frisch gemahlenes Mehl. In der Mitte des Forums befand sich ein Sockel, auf dem einst eine Statue gethront hatte. Diese lag in drei Teile zerbrochen daneben, war vielleicht infolge eines Erdbebens umgestürzt. Sie verkörperte einen bärtigen Gott, dessen blicklose Augen zum Mond hochstarrten. Lyra und Nur Huda setzten sich auf seine muskulöse Brust. Im Forum bewegte sich nichts, weit und breit gab es kein Lebenszeichen. Die gesamte Umgebung war in Mondlicht getaucht, und es herrschte Totenstille.
Lyra nahm immer mehr das kratzige kleine Wispern wahr, das schabende Geräusch von Insektenklauen, das Knacksen und Rascheln, das an aufgewirbeltes Laub erinnerte. Sie spürte den gegen ihren Arm gedrückten Arm des Mädchens, spürte ihre warme Haut in der kühlen Luft und versuchte sich vorzustellen, wie ihren Dæmonen zumute sein musste, die sich fernab des festen Halts eines menschlichen Körpers entblößt und verletzlich fühlen mussten.
Lyra atmete tief durch, um etwas zu sagen, aber Nur Huda flüsterte: »Psst!«
Lyra konnte keine Veränderung der winzigen Kratz- und Schabgeräusche wahrnehmen. Sie bemühte sich, noch besser zu lauschen, und versuchte, ihr Gehör auf ihr Umfeld zu fokussieren. Dann erinnerte sie sich an Giorgio Brabandt, der ihr erklärt hatte, wie das Geheime Reich zu deuten sei: Du musst es von der Seite her betrachten, hatte er erklärt. Aus dem Augenwinkel. Du musst es aus dem Winkel deines Geistes betrachten. Es ist da und es ist nicht da, beides gleichzeitig.
Natürlich. Sie sollte sich nicht zu sehr anstrengen. Sie sollte zuhören, als würde sie das Alethiometer auf die alte Art und Weise lesen, als wäre es nicht von Bedeutung und als wäre es doch von Bedeutung. Sie entspannte ihren Geist, die Augen und die Ohren und ließ die Nacht in ihren Körper hinein- und wieder herausströmen. Ein Nimbus der Wahrnehmung verbreitete sich um sie herum, als würden ihre Sinne mit der Stadt des Mondes verschmelzen.
Und inmitten von Knacks-, Krächz- und Kratzgeräuschen hörte sie auf einmal Wörter:
… du allein … wir wollen, dass du hörst … das ist nichts für das Mädchen … schick sie zum Brunnen … das ist deine Aufgabe, nicht ihre …
Nur Huda vernahm sie ebenfalls. Sie umklammerte Lyras Arm noch fester und sagte etwas, aber Lyra brachte sie zum Schweigen, und sie verstummte. Die Stimmen kratzten leise an der Stille.
… Mädchen … Nur Huda … du musst uns verlassen … geh zum Brunnen … warte dort … du wirst es erfahren, wenn wir fertig sind …
Nur Huda flüsterte: »Soll ich gehen?«
»Ja«, erwiderte Lyra flüsternd. »Geh jetzt zum Brunnen und warte dort. Ich komme bald nach.«
Das Mädchen erhob sich unsicher und entfernte sich, sah sich aber alle paar Schritte um, wie um sich zu vergewissern, dass Lyra noch immer da war. Der mehlartige Sand stieg wie Nebel vor ihr auf, als sie das Forum verließ, und sank dann unendlich langsam wieder herunter. Lyra wartete, bis absolute Stille eintrat. Dann sagte sie in die Dunkelheit hinein: »Wer seid ihr? Seid ihr Engel?«
… wir sind Wesen einer anderen Art …
»Gehört ihr zum Geheimen Reich?«
… weitaus tiefer als das … wir kommen aus den Klüften zwischen den guten Zahlen …
»Den Klüften zwischen … Habe ich euch richtig verstanden?«
Keine Antwort.
»Dann sagt mir etwas anderes«, fuhr sie fort. »Sagt mir, was sich in dem roten Gebäude in der Wüste von Karamakan befindet. Dem Gebäude, aus dem die Rosen stammen.«
… eine Öffnung in eine andere Welt …
Lyra schwieg einen Moment lang. Über ihr zogen die Sterne am Himmel ihre Bahnen.
»Eine Öffnung – meint ihr damit etwas, das Will früher Fenster nannte?«
… ein Tor in eine andere Welt … deshalb hüten sie es so wachsam …
»Die Welt, aus der die Rosen stammen?«
… sie könnten von nirgendwo sonst herkommen …
So einfach war das, und es war ihr nicht in den Sinn gekommen. Ein Messerträger aus Cittàgazze hatte dieses Fenster wohl vor langer Zeit während seiner Reisen von Welt zu Welt geschaffen und offen gelassen. Lyras Fassungskraft ließ nach, und ihr war schwindlig, als könnte sie nicht mehr unterscheiden zwischen oben und unten, zwischen jetzt und einst, zwischen hier und überall.
Die Stimmen sagten noch etwas, aber sie verstand es nicht.
… der Alkahest …
»Das … Alphabet? Habt ihr das gesagt?«
… der Alkahest …
»Alkahest? Was ist das?«
… der Zerstörer von Bindungen …
Sie hörte es klar und deutlich, konnte sich aber nichts darunter vorstellen. »Was meint ihr damit? Was hat es mit diesem Alkahest auf sich? Was bedeutet das?«
… er zerstört alles …
Lyra war verwirrt. Das war zu viel. Sie konzentrierte sich wieder auf ihre gegenwärtige Aufgabe. »Wo ist Nur Hudas Dæmon? Wo ist Jamal?«
… im Schatzhaus …
»Und wo befindet sich das?«
… hinter dir …
Lyra wandte sich um. Das Gebäude, das dort gestanden hatte, war jetzt nur noch ein chaotischer Steinhaufen, auf dem ein paar vertrocknete Sträucher wucherten.
»Wer hält ihn gefangen?«, fragte sie.
… ein schlafender Mann …
Ihre Augen hatten sich inzwischen an das Mondlicht gewöhnt; es war fast so hell wie das Tageslicht. Leichtfüßig schritt sie über die Steine und besah sich das ehemalige Schatzhaus näher. Dieser Ort war ein ideales Versteck für Schlangen, Skorpione und Giftspinnen. Oh, es gab so vieles, wovor man sich fürchten musste.
Lyra holte tief Luft und presste die Hand aufs Herz, um ihren Herzschlag zu verlangsamen. Es funktionierte natürlich nicht, und sie brauchte beide Hände, um über das zerstörte Mauerwerk zu klettern. Und so kümmerte sie sich nicht mehr um ihr Herz, sondern ging weiter und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. In ihrem Inneren bewahrte sie das neue Wissen über das rote Gebäude in der Wüste von Karamakan wie ein kostbares Gefäß auf, das bis oben hin mit seltenem Öl gefüllt war. Zittere nicht, stolpere nicht …
Als sie ein Stück weit zu dem Trümmerhaufen vorgedrungen war, entdeckte sie vor sich ein Loch im Boden und erkannte, dass hier der Eingang zu einer großen Treppe lag, die tief in die Erde hinabführte. Wo würde man in einem Schatzhaus den wertvollsten Gegenstand aufbewahren? In den Gewölben unter der Erde. Dort unten musste sich eine Art Tresor befinden … Und wie würde sie ihn öffnen? In der Dunkelheit? Ohne Werkzeug?
Lyra zuckte die Schultern. Vielleicht schaffte sie es nicht einmal bis dorthin. Aber die Stufen, die nach unten führten, waren nicht allzu sehr übersät mit abgebröckeltem Mauerwerk. Der Mond stand genau richtig, um den Weg in die Tiefe zu beleuchten, sodass sie keine Ausrede hatte. Mit der rechten Hand stützte sie sich an der Mauer ab, die linke hielt sie ausgestreckt, um im Gleichgewicht zu bleiben. Sie arbeitete sich vorsichtig nach unten, war sich jederzeit des Risikos bewusst, auszurutschen, sich den Knöchel zu verstauchen oder Schlimmeres.
Die Treppe führte, noch immer vom Mondlicht beleuchtet, weiter und weiter nach unten. Am Fuß der Treppe musste sie anhalten: Der Durchgang, der in die Dunkelheit führte, war vollständig blockiert.
Dort, an der Seite, außerhalb des Lichtstrahls des Monds, lag ein Mann auf dem Rücken und schlief. Zuerst nahm sie an, er sei tot, da er sich nicht bewegte, und ein kalter Schauder lief ihr über den Rücken. Doch er schnarchte seelenruhig neben seinem Dæmon, einem kleinen unscheinbaren Wüstensäugetier, das sich im Schlaf an seine Schulter klammerte. Das Gesicht des Mannes war wohl infolge eines heftigen Kampfs übel zugerichtet und aufgeschürft. Sein linkes Auge fehlte, die Augenhöhle war leer und blutverkrustet.
Sein rechter Arm ruhte auf etwas neben ihm. Als sie genauer hinschaute, konnte sie erkennen, worum es sich handelte. Es war ein primitiv gefertigter Käfig, etwa so groß wie ein Schuhkarton, zusammengenagelt aus groben Brettern, die Vorderseite aus schwerem Stahlgeflecht. In dem Käfig steckte ein Dæmon, Nur Hudas Dæmon, ein kleines mausähnliches Tier mit großen Ohren und langen Hinterbeinen wie bei einem Känguru. Es hatte sich in der dunkelsten Ecke zusammengekauert und zitterte wie Espenlaub.
»Bist du Jamal?«, flüsterte Lyra.
»Ja. Wo ist Nur Huda?«, erwiderte der Dæmon so leise, dass sie ihn kaum hören konnte.
»Sie wartet auf uns. Ich werde dich zu ihr zurückbringen. Wer ist dieser Mann?«
»Er hat mich eingefangen, hat mich in diesen Käfig gesteckt und ihn zugenagelt, sodass ich nicht herauskann. Er hat Zuflucht vor einem großen Vogel gesucht – einer Art Adler –, der mich schnappen wollte, hat gekämpft, um mich aus seinen Klauen zu befreien, und mich dann in diesen Käfig gesperrt – ich fürchte mich sehr. Wer sind Sie?«
»Pst. Ich heiße Lyra. Bleib ruhig und sprich nicht. Ich will ihn nicht wecken.«
Sie musste über den Körper des Mannes greifen, um den Käfig zu erreichen. Der Mann rührte sich und stöhnte laut, was sie erschreckte. Sie verhielt sich so unauffällig wie möglich, bis er erneut schnarchte, und fasste dann mit einer Hand den Käfig, um zu testen, ob sie ihn aus seinem Griff befreien könnte. Doch das würde ihr nur gelingen, wenn sie sich auf seine Brust kniete. Es gab sonst nichts, worauf sie sich stützen konnte, und wenn sie ihr Gewicht nicht irgendwie hielt, würde sie umkippen und ihn auf jeden Fall aufwecken. Die linke Hand tat ihr nach dem Kampf, den sie vor zwei Tagen im Zug aus Smyrna mit den Soldaten ausgefochten hatte, immer noch weh.
Sie betastete den Käfig so gut wie möglich von allen Seiten. Das Holz war sehr trocken und splittrig, und das Stahlgeflecht viel zu fest, um sich biegen zu lassen, außerdem rundherum tief ins Holz getackert.
Lyra lehnte sich zurück, um darüber nachzudenken.
»Kannst du ihn bitte öffnen?«, flüsterte Jamal.
»Pst.«
Sie bemerkte, wie der Mond sich über den Himmel bewegte. Auch der Lichtstrahl bewegte sich, und wenn es ihr nicht bald gelang, den Dæmon aus dem Käfig zu befreien, würde sie in der Dunkelheit weitermachen müssen. Wenn nur Will … Wenn nur das Magische Messer … Es würde die Maschen im Nu durchschneiden.
Unzählige Dinge lenkten sie ab. Der Geruch des schlafenden Mannes, nicht nur sein schmutziger Körper und die ungewaschene Kleidung, sondern etwas Schlimmeres, etwas wie Wundbrand. Sie sah, dass sein Bein genau wie das Auge verletzt war, vermutlich würde er bald sterben. Sie vernahm ein Geräusch aus tiefster Erde, ein kaum hörbares Rumpeln, als würden Felssteine gegeneinandergerieben. Die Luft schien erstarrt zu sein, es herrschte Schwüle und Klammheit hier unten im Gewölbe.
Ein Gedanke traf sie wie ein Blitz.
Das Alethiometer …
Das Metall der Nadel …
Die walisischen Bergarbeiter auf der Nordseefähre hatten es bemerkt. Und auch Will vor langer Zeit. Es hatte dieselbe Farbe, bestand aus demselben Material wie das Magische Messer.
Lyra rückte noch ein Stück weiter weg, zurück in den Mondstrahl, und kramte in ihrem Rucksack nach dem Alethiometer. Das vertraute Gewicht passte genau in ihre Hand, und sie drückte es einen Moment lang liebevoll an ihre Wange.
Sie hatte es nie geöffnet, nie versucht, es auseinanderzunehmen, aber es musste doch möglich sein, das zu tun. Der Mechanismus war von einem Menschen erdacht und dann in das goldene Gehäuse eingebaut worden. Zuletzt war das Glas darauf gepresst worden. Während sie darüber nachdachte, konnte sie das Klicken schon fast hören. Vielleicht war es aber auch darauf geschraubt worden. Wenn es geschlossen worden war, konnte es auch geöffnet werden.
Malcolm, der erfahrene Mechaniker, würde wissen, wie es funktionierte. Was würde er tun? Sie hielt das Instrument in ihrer schmerzenden linken Hand und versuchte, das Glas aufzudrehen, als würde sie den Deckel eines Gefäßes öffnen. Sie hatte auf dem Covered Market in Oxford beobachtet, wie ein Uhrmacher ein Uhrglas herausdrehte, behutsam und energisch, einfach so. Sie versuchte es, doch vergeblich. Entweder steckte es nach Jahrhunderten der Unbeweglichkeit fest oder es war gar nicht festgeschraubt.
Und dann hatte sie noch einen Erinnerungsblitz, ausgelöst durch den Gedanken an Malcolm. Er hatte eine goldene Eichel gefunden, die eine Nachricht enthielt, und konnte sie erst öffnen, als er versucht hatte, sie falsch herum, im Uhrzeigersinn zu drehen.
Also versuchte sie es auf diese Weise.
Und es funktionierte.
Das Glas drehte sich so reibungslos, als wäre es erst am Vortag eingesetzt worden, und nach drei Drehungen fiel es ihr in die Hand. Das Zifferblatt des Alethiometers mit seinen 36 winzigen Bildern war deutlich im Mondlicht zu erkennen. Die drei schwarzen Zeiger deuteten auf das Kamel, den Engel und den ummauerten Garten, aber jetzt waren nicht die Symbole von Bedeutung, sondern die silbergraue Nadel, schmal und unglaublich spitz, die in der Luft von Madinat al-Qamar zitterte, während die Luft von Prag von ihr wegdriftete.
»Es tut mir leid«, flüsterte sie dem schweren goldenen, einfach wunderschönen Gerät zu, das seit über zehn Jahren ihr Begleiter war, der Führer, der sie sicher in andere Welten und in die Welt der Toten gebracht und dann wieder nach Hause geleitet hatte.
Und mit all der Behutsamkeit, die sie trotz ihrer schmerzgeplagten Knochen und müden Muskeln aufbringen konnte, nahm sie die Nadel heraus.
Sie löste sich problemlos von ihrer Befestigung. Sie war so leicht – wog sicher kaum mehr als ein Haar –, dass Lyra sofort Angst bekam, sie fallen zu lassen. Wenn das geschah, würde sie die Nadel nie mehr wiederfinden. Sie hielt sie zwischen dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Ihre Finger waren feucht von Schweiß und Angst. Lyra legte die Nadel vorsichtig auf die Handfläche ihrer linken Hand und wischte die rechte Hand am Stoff ihrer Bluse ab, der allerdings auch feucht war. Schließlich rieb sie die Finger mit dem Staub des Bodens trocken und griff dann wieder nach der Nadel.
»Bleib hinten und verhalte dich ruhig«, flüsterte sie Jamal zu.
Der kleine Dæmon, der durch das Gittergeflecht gespäht hatte, flitzte in den Schatten hinten im Käfig.
Lyra dachte: Ich weiß nicht, ob es funktionieren wird, aber es gibt keine andere Möglichkeit.
Was immer sie tat, hing davon ab, dass ihre linke Hand nicht versagte. Sie musste sich ein wenig darauf stützen, sonst würde sie den Käfig nicht erreichen, aber die Hand tat höllisch weh. Sie beugte sich über den schlafenden Mann, legte die linke Hand oben auf den Käfig und verlagerte ganz langsam ihr Gewicht darauf, während sie mit der rechten Hand hinübergriff.
Sie umfasste die Nadel so fest wie möglich und drückte sie seitlich gegen das Stahlgeflecht. Der Draht war dick und schwer, und ein Bolzenschneider und ein starkes Handgelenk wären nötig gewesen, um mit Nachdruck auf das Drahtgeflecht einwirken zu können. Doch zu ihrem Erstaunen teilte es sich wie ein Spinnennetz.
Lyra hätte am liebsten einen Triumphschrei ausgestoßen, aber sie hatte ja kaum erst angefangen. Sie schnitt einen Draht nach dem anderen durch, völlig konzentriert auf ihre Aufgabe, bis sich die gesamte Vorderseite löste.
»Warte«, flüsterte sie eindringlich, denn Jamal war im Käfig ganz nach vorn gekommen und schien herausspringen zu wollen.
Der schlafende Mann rührte sich jetzt. Er musste wohl gespürt haben, dass sich der Käfig unter seiner Hand bewegte, als die Vorderseite sich löste. Er stöhnte und hob den Arm, wobei er Lyras Arm berührte. Schlagartig wachte er auf.
Er brüllte vor Angst und packte ihr Handgelenk. Eines seiner Augen war weit geöffnet und funkelte.
»Jamal! Lauf!«, rief Lyra, und der kleine Dæmon sprang über sie beide hinweg und schoss wie der Blitz die Treppe hinauf.
Dem Mann fiel es nicht leicht, sich aufzusetzen, denn Lyra war auf ihn gefallen. Sie kämpfte gegen schreckliche Schmerzen an, während sie versuchte, ihr Handgelenk aus seiner Umklammerung zu befreien. Unwillkürlich wurde ihr klar, dass sie die Nadel immer noch in der rechten Hand hielt, und sie stieß sie mit voller Wucht in den Arm des Mannes.
Wütend und entsetzt schrie er auf und schüttelte sie ab. Der Gestank des Wundbrands, sofern es einer war, umhüllte sie und löste Brechreiz in ihr aus – aber sie hielt die Nadel eisern fest und zog sie erst heraus, als der Mann sich auf die andere Seite drehte und hochrappelte. Er erblickte den offenen Käfig, schrie auf und trat Lyra in die Rippen, ehe er schwankte und fast aus dem Gleichgewicht geriet. Und dann entdeckte er das Gold des Alethiometers, das im verlöschenden Mondlicht glänzte, schnappte sich das Gerät und kroch so schnell die Treppe hinauf, dass sie ihm nicht folgen konnte.
Lyra lag leicht benommen da, schwindelig vor Schmerz und Erschöpfung, außer Atem von dem Tritt in die Brust, aber die Nadel hielt sie immer noch in den zittrigen Fingern.
Auf dem gewölbten Glas des Alethiometers, das sie entfernt hatte, spiegelte sich der Mond. Sie hob es auf, griff nach ihrem Rucksack und hastete zur Treppe. Sie zitterte am ganzen Leib, stolperte, rutschte auf dem Sand aus, der von oben heruntergeweht war, versuchte, vor Schmerz und Angst nicht laut zu schreien, und war wie betäubt vor Schwäche, als sie ins volle Mondlicht des totenstillen Forums trat.
Weit und breit gab es keine Spur von Nur Hudas Dæmon. Aber da war der Mann, der Skythe, der Chorasmer oder was auch immer, der das Alethiometer an seine Brust drückte, während er davonstolperte …
Und dann zog ohne Vorwarnung und in völliger Stille ein riesiger Schatten über das Forum und tauchte den Mann in Dunkelheit. Während Lyra sich verängstigt an die Mauer klammerte, stürzte sich die Kreatur, die den Schatten geworfen hatte, auf ihn, schnappte ihn mit ihren riesigen Klauen und trug ihn in einer Staubwolke, die ihre enormen Flügel aufwirbelten, hoch zum Himmel. Das Ganze hatte sich in wenigen Augenblicken abgespielt.
Die Kreatur war halb Löwe, halb Adler, gewaltig und grausam. Und während sie am Vollmond vorbeiglitt, sah Lyra, wie der Mann in den Klauen des Untiers zappelte, und hörte seine Schreie. Mit ihm verschwand auch das Alethiometer.
Aber sie hatte das Glas und die Nadel, obwohl sie kaum noch Kraft hatte, sie festzuhalten. Mit bebenden Fingern verstaute sie die Nadel sorgfältig in ihrer Brusttasche und das Glas im Rucksack.
Nur Huda unterhielt sich leise und eindringlich mit Jamal, hob ihn hoch, drückte ihn an die Lippen, die Wangen und die Ohren, strich ihm über den Rücken, küsste ihn und presste ihn fest an sich.
Als sie Lyra sah, sprang sie auf. Ihr Gesicht strahlte vor Freude.
»Das ist Jamal. Er ist in Sicherheit«, sagte sie. Lyra wollte sie in den Arm nehmen und an ihrer Freude teilhaben, als Nur Huda, die mit einer Hand ihren Dæmon festhielt, den anderen Arm um Lyras Hals schlang und sie küsste.
Dabei drückte sie unwillkürlich Lyras linke Hand fest gegen ihren Körper. Lyra zuckte zusammen, und Nur Huda wich beunruhigt zurück.
»Sie sind verletzt? Was ist passiert?«
»Ich … ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht erinnern. Wie findest du nach Hause zurück?«
»Jamal wird den Weg finden. Machen Sie sich keine Gedanken. Jamal sorgt für meine Sicherheit. Und mein Zuhause ist dort, wo meine Familie ist. Wir werden sie suchen und so ein Zuhause finden. Genau wie Sie und Pan.«
»Ja …«
»Gehen Sie nach Hause, wenn Sie ihn gefunden haben?«
»Ich glaube nicht, dass ich ein Zuhause habe … ich weiß es nicht. Vielleicht könnten wir uns nach einem umsehen.«
»Ja, suchen Sie nach einem Zuhause. Das ist eine gute Idee. Aber das Wichtigste ist: Wenn Sie Pan gefunden haben, müssen Sie ihn immer wieder küssen.«
»Werde ich ihn finden?«
»Natürlich!«
»Und … wird er das, wonach er sucht, finden?«
»Natürlich wird er das. Er ist sehr gut im Suchen. Er wird es finden, und alles wird gut. Dann werden Sie ein Zuhause haben und einen netten Mann heiraten. Danke, Lyra. Danke!«
Nur Huda wandte sich ab und machte sich auf ihren langen Heimweg, während ihr kleiner Dæmon an ihrer Seite hüpfte und Sprünge vollführte. Lyra konnte sie, noch eine Weile nachdem sie hinter dem mondbeschienenen Säulengang verschwunden waren, plappern und lachen hören.
Abdel Ionides, ihr Führer durch die Wüste, schlief noch, als Lyra zu ihrem Lager am Stadtrand zurückkehrte. Obwohl sie sich äußerst still verhielt, hörte er sie und setzte sich auf.
»Miss Listenreich! Ihr Dæmon war nicht dort?«
»Er war dort, aber er ist verschwunden. Und da waren Stimmen – sie sprachen über etwas, das sie Alkahest nannten … Haben Sie schon einmal davon gehört?«
»Nein. Wer hat das denn erwähnt?«
»Es waren nur Stimmen. Ich konnte sie nicht sehen.«
Er zuckte mit den Schultern, betrachtete sie genauer und fragte: »Sind Sie verletzt? Was ist passiert?«
»Ich habe einen riesigen Vogel gesehen, er war wie ein Löwe …«
»Einen Vogel wie ein Löwe? Was meinen Sie damit? Ich glaube, Sie sind zu müde, reden wirres Zeug. Legen Sie sich hin und schlafen Sie bis morgen früh. Bald wird es sehr kalt werden.« Er breitete eine Decke aus und legte sie auf einen Stapel mehrerer anderer Decken.
Lyra musste schlafen. Es gab keine Alternative. Sie spürte, wie er sie behutsam zudeckte, und dann schlief sie ein.
Sie träumte, Pan wäre in tiefster Nacht wortlos zu ihr zurückgekehrt, unter die Schaffelle geschlüpft und hätte sich wie immer an ihren Hals geschmiegt.
»Es ist ein Fenster, Pan«, murmelte sie. »Genau wie die, durch die wir mit Will geschlüpft sind. Es war im roten Gebäude – ein Fenster in eine andere Welt! Die Welt, aus der die Rosen stammen. Genau das ist es!«
Sie hörte, wie der Traum-Pan flüsterte, aber seine Worte waren ein Geheimnis, und sie fiel in ihrem Traum in einen tiefen Schlaf.
Kurz bevor Lyra in die Stadt des Mondes gelangte, empfing der Direktor von Oakley Street einen Besucher. Die Organisation war offiziell aufgelöst und Glenys Godwin gezwungen worden, in Rente zu gehen und die Kontrolle über die Aufzeichnungen, Akten, Büros und die Immobilie, ja, einfach alles, dem Innenministerium zu überlassen.
Sie hatte sich nicht daran gehalten. Sie war wild entschlossen, so viel wie möglich vor der Fraktion, die jetzt die Regierung bildete, in Sicherheit zu bringen, den Kampf fortzuführen und an den Prinzipien festzuhalten, zu denen sie sich vor vierzig Jahren verpflichtet hatte, als sie als junge Frau ans College in der Oakley Street gekommen war.
Da ihre Büroräume beschlagnahmt worden waren, hatten sie und ihr Führungsteam sich vorübergehend in einer großen schäbigen Wohnung in der Nähe des Battersea Park eingemietet. Niemand, so glaubte sie, kannte ihren Aufenthaltsort. Daher war es ein Schock für sie, als es am späten Vormittag an der Tür läutete und ihr Sekretär ihr mitteilte, dass ein älterer Mann sie sprechen wolle. Er hatte sich unter dem Namen Makepeace vorgestellt.
»Hat er sonst noch etwas gesagt?«
»Nein, Ma’am. Er hat nur gesagt, dass er extra Ihretwegen gekommen sei.«
»Er hat meinen Namen erwähnt? Nicht nur nach dem Direktor oder der zuständigen Person verlangt?«
»Er hat Ihren vollen Namen genannt.«
»Sagen Sie, David, wie sieht er aus?«
»Ist um die siebzig, wirkt aber recht kräftig. Trägt einen staubigen, abgetragenen schwarzen Anzug, sieht eher wie ein Handwerker im Ruhestand aus als wie ein Landstreicher. Sein Dæmon ist eine Katze.«
»Jetzt bin ich neugierig geworden. Bringen Sie ihn herein, aber warten Sie im Nebenzimmer, ja?«
Sie blieb an ihrem Schreibtisch, als der Besucher eintrat. Die Zusammenfassung des Sekretärs war korrekt, doch er hatte die geistige Kraft nicht erwähnt, die die klaren Augen des Besuchers ausstrahlten, seine gebieterische Haltung und den leicht rauchigen Geruch von Holz, der ihn umgab. Der Mann trug eine kleine abgetragene Aktentasche bei sich.
»Danke, dass Sie mich empfangen, Mrs Godwin«, sagte er. Seine Stimme verriet Bildung, sein Ton klang aristokratisch. »Ich werde Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen.«
»Setzen Sie sich doch, Mr Makepeace. Erstens: Woher kennen Sie meinen Namen? Zweitens: Woher kennen Sie meine aktuelle Adresse?«
»Die Oakley Street ist mir schon seit Langem ein Begriff. Ich kannte Tom Nugent sehr gut und teilte die Prinzipien, für die er sich einsetzte. Ich kannte Ihren Namen, weil er mir vor seinem Tod anvertraute, dass Sie seine Nachfolgerin sein würden, und ich wusste, wie ich Sie finden könnte, denn ich war schon einmal hier, als dieses Haus als Unterschlupf diente.«
»Aber …«
»Alles, was Sie wissen müssen, ist, was ich Ihnen über diese Dinge berichten werde.«
Er öffnete die Aktentasche und holte ein in braunes Papier eingewickeltes Päckchen heraus, das etwa so groß war wie die Faust eines großen Mannes. Er riss es auf, und zum Vorschein kamen zwei flache grünlich schwarze Steine. Beide Steine waren auf einer Seite glänzender und flacher als auf der anderen.
»Was sind das für Steine?«, fragte Glenys Godwin, nahm einen davon in die Hand und wog sein Gewicht ab.
»Wenn Sie einen davon haben, können Sie sofort mit dem anderen kommunizieren, egal wie weit sie voneinander entfernt sind. Sie funktionieren über einen Prozess der Quantenverschränkung, aber ich habe nicht die Zeit, es Ihnen zu erklären. Sie müssen selbst herausfinden, wie man sie benutzt. Sie werden Ihnen einen unmittelbaren und erheblichen Vorteil gegenüber Ihren Feinden verschaffen. Unseren Feinden.«
»Woher stammen sie?«
»Aus einer anderen Welt.«
Er sprach mit derselben nüchternen Würde wie zuvor, sein Blick war klar und gelassen, und er hatte die Hände im Schoß verschränkt; aber … aus einer anderen Welt?
»Ich verstehe«, erwiderte sie. »Und wie sind sie in Ihren Besitz gelangt?«
»Ganz einfach. Ich habe sie im Schaufenster eines Trödelladens entdeckt, wusste, worum es sich handelte, und habe sie gekauft. In der Welt, aus der sie stammen, werden sie als ›Resonanzmagnete‹ bezeichnet.«
»Und diese andere Welt …«
»Sie erinnern sich sicherlich an die Barnard-Stokes-Hypothese.«
»Ich dachte, der Kerngedanke dieser Hypothese sei, dass jede Welt für eine andere absolut unerreichbar ist.«
»Sie bildete einen Teil der Mathematik, die recht spät eingeführt wurde, um den Behörden vorzugaukeln, dass die Vorstellung von den vielen Welten kein praktisches Anwendungsgebiet haben könne, damit man sie theoretisch untersuchen konnte, ohne der Ketzerei zu verfallen.«
»Wenn diese Dinge also irgendwie aus ihrer eigenen Welt in unsere gelangt sind, könnte es vielleicht auch für Menschen möglich sein, dies zu tun?«
»Ja, aber es ist schwierig und gefährlich. Es ist praktisch ausgeschlossen, dass Menschen dabei erfolgreich sind. Doch manchmal ergibt sich tatsächlich für Dinge die Möglichkeit, von einer Welt in die andere zu wechseln. Sei es durch Glück, Zufall oder Vergesslichkeit.«
»Wo haben Sie so etwas schon einmal gesehen? Sie sagten, Sie hätten gewusst, worum es sich bei den Steinen handelte?«
»Ich erkannte, dass sie nicht von dieser Welt stammten. Wenn man einmal gelernt hat, das zu erkennen, ist es eindeutig. Es ist wie eine Schulung der Sinne, genau wie ein Klavierstimmer lernt, zwischen verschiedenen Harmonien und Intervallen zu unterscheiden. Ich hatte keine Ahnung, wofür sie verwendet wurden, bis ich auf einen Reisenden stieß, der sie gesehen und mit dem fremden Volk, das sie benutzte, gesprochen hatte. Bis jetzt habe ich nur Sie eingeweiht, aber es ist an der Zeit, dass sie wieder verwendet werden.«
Alle erdenklichen Möglichkeiten gingen ihr durch den Kopf wie die Figuren in einem Wahngebilde. Der Mann saß ruhig da und hielt ihrem Blick stand.
»Was sind Sie von Beruf, Mr Makepeace?«
»Ich beschäftigte mich mit dem, was einst als experimentelle Theologie bezeichnet wurde. Dieser Begriff scheint heute keinen Anklang mehr zu finden, deshalb gebe ich mich gern als Alchemist aus.« Sein Gesichtsausdruck veränderte sich ein wenig; seine Augen funkelten leicht, eine Andeutung von Komplizenschaft, und sie erkannte, dass Einverständnis zwischen ihnen herrschte. Er schloss die Aktentasche. »Die Zeit drängt, Mrs Godwin. Aber ich hätte gern eine Quittung für die Steine.«
»Mein Sekretär wird Ihnen eine ausstellen.« Sie drückte auf einen Knopf und sprach kurz mit ihrem Sekretär, bevor sie sich erneut Mr Makepeace zuwandte. »Darf ich fragen, wo Sie wohnen?«
»In Oxford, im Stadtteil Jericho. In der Juxon Street, um genau zu sein.«
Die Tür wurde geöffnet, und der Sekretär kam mit zwei Kopien einer getippten Quittung herein, die Mrs Godwin und Makepeace beide unterschrieben.
Makepeace nahm die Quittung und stand auf. Nachdem sie einander die Hände geschüttelt hatten, begleitete Mrs Godwin ihn zur Tür.
»Danke, dass Sie mir die Steine gebracht haben«, sagte sie. »Und Sie glauben wirklich, dass ich herausfinden kann, wie man sie verwendet?«
»Ja. Und wenn die Person, mit der Sie kommunizieren, etwas über den Alkahest in Erfahrung bringen kann, würde sie etwas sehr Wertvolles tun.«
»Den Alkahest? Was ist das?«
»Ein Begriff aus der Alchemie. Mrs Godwin, Ihre führenden Politiker werden diese Adresse schon bald in Erfahrung bringen. Ich glaube, es wäre klug, vorher das Feld zu räumen.«
»Der Name Hemel Hempstead hat mir schon immer gefallen«, sagte sie. »Er klingt so romantisch.«
Ein erneutes kurzes Aufflackern in seinem Blick verriet ihr, dass er verstanden hatte. Er lächelte, nickte und ging hinaus.
»Nun, David«, sagte Glenys Godwin zu ihrem Sekretär. »Es wartet Arbeit auf uns.«
Marcel Delamare, der Präsident des Hohen Rats des Magisteriums, verließ nur selten sein Büro in dem Gebäude in Genf, das als La Maison Juste bekannt war. Die Welt, in der er lebte, bewegte sich in ruhigen, geordneten Bahnen: Er besaß eine gemütliche Wohnung in einem nahe gelegenen Gebäude mit Blick auf den See und die Kathedrale, gönnte sich gelegentlich den Besuch eines Restaurants oder eines Konzerts und seiner Gesundheit zuliebe einen Spaziergang am Seeufer. Seit seiner Jugend war er nicht mehr in den Bergen gewesen. Damals hatte er angenommen, dass die Begeisterung fürs Klettern seinem guten Ruf zuträglich sein würde.
Es war also mindestens fünfundzwanzig Jahre her, dass er die verschneiten Wege oberhalb von Les Diablerets entlanggestapft war, aber er hatte noch nie den Weg zu dem Phänomen eingeschlagen, das er zurzeit untersuchte. Wie sein Guide ihm erklärte, hatte dies noch kaum jemand getan. Ob der dritte Anwesende den Weg kannte, verriet er nicht; er war sehr schweigsam. Colonel Schreiber war in den Bergen zu Hause, und er war es genau wie andere hochrangige Offiziere unter dem Kommando des sogenannten Geistlichen Disziplinargerichts gewohnt, sich unauffällig zu verhalten. Seine stämmige Gestalt, sein Kaiser-Franz-Joseph-Bart, der Schnurrbart und sein bartloses Kinn waren all seinen Untergebenen vertraut.
Das, worauf sie blickten, befand sich in einem tiefen Tal zwischen dicht zusammengedrängten Kiefern. Delamare hatte so etwas noch nie gesehen. Es sah aus, als hätte jemand ein Loch in die Luft geschnitten.
Es war schlecht zu erkennen, und im fahlen Nachmittagslicht hätte es leicht von jemandem, der nicht danach Ausschau hielt, übersehen werden können, denn die Landschaft auf der anderen Seite des Lochs ähnelte stark allem auf dieser Seite: Auch dort gab es Kiefern und einen schneebedeckten Felshang. Die Ähnlichkeit war so groß, dass jeder, der dort hinwanderte, das Loch leicht hätte übersehen können – nicht zuletzt deshalb, weil seine ungeschmälerte Aufmerksamkeit darauf fokussiert gewesen wäre, auf dem steilen schneebedeckten Felshang Halt zu finden.
»Sehen die alle so aus, Beamish?«, wandte sich Delamare an den Guide.
Hugo Beamish war ein hagerer, grauhaariger, sonnengebräunter Mann in den Vierzigern. »Ja«, erwiderte er. »Alle haben etwa diese Größe, sind an abgelegenen Plätzen zu finden und weder leicht zu erreichen noch zu sehen.«
Delamare suchte sich festeren Boden und beugte sich weiter vor. Der Rand des Lochs in der Luft war deutlich sichtbar, wenn er sich direkt davor befand, aber nicht aus einer gewissen Entfernung. Die Öffnung war so groß, dass ein erwachsener Mann oder eine Frau hindurchschlüpfen konnte. Die Form war ungleichmäßig, keine geraden Ränder oder glatten Rundungen, vermutlich war das Loch freihändig und in Eile herausgeschnitten worden.
»Was geschieht, wenn – Colonel, würden Sie mir bitte den Gefallen tun und sich sozusagen seitlich dahinter stellen?«, sagte Delamare und wich vorsichtig ein paar Schritte zurück.
Colonel Schreiber kam seiner Bitte nach. Er versuchte, auf den schneebedeckten Felsen das Gleichgewicht zu halten, trat von der Seite an die Öffnung heran und stellte sich dahinter. Im Nu war er verschwunden. Sein Dæmon, ein Stachelschwein, war ihm nicht gefolgt und in heller Aufregung: Er wimmerte, schüttelte die Stacheln und trippelte vor der Öffnung hin und her.
Delamare holte tief Luft. Der Guide hatte dieses Ding schon einmal gesehen, stützte sich auf seinen Stock und beobachtete alles aufmerksam.
»Colonel? Können Sie mich hören?«
»Ja, ich kann Sie hören, aber ich kann Sie nicht sehen. Keinen von Ihnen beiden.«
»Würden Sie bitte zurückkommen?«
Es schien, als sei Schreiber gerade hinter einem Gebäude hervorgetreten, obwohl nur der steile Felshang und die dicht beieinanderstehenden Bäume voller Schnee zu sehen waren.
»Kommen Sie bitte zu der Stelle, an der ich mich gerade befinde«, forderte Delamare ihn auf, »und beobachten Sie, wie ich hindurchgehe.«
Der Colonel stellte sich neben ihn. Delamare verspürte eine Regung, die sich wie Angst anfühlte, aber intensiver und fremdartiger war. Er trat vor die Öffnung und schaute hindurch, wie er es kurz zuvor getan hatte. Dann trat er einen Schritt vor und verschwand in dem Raum dahinter. Sein Eulen-Dæmon folgte ihm, packte ihn aber grimmig an der Schulter.
Er sah sich um. Er hätte an einem kalten hellen Tag in seiner eigenen Welt sein können, in der Schweiz, in einem Wald oberhalb von Les Diablerets. Alles hier war fast wie dort, aber etwas Wesentliches war anders, auch wenn er nicht wusste, was.
Das bereitete ihm Unbehagen, also ging er zurück und gesellte sich zu den beiden anderen.
»Gut«, sagte er. »Lassen Sie uns jetzt nach Genf zurückkehren.«
Am nächsten Morgen empfing Delamare den Guide in einem kleinen Büro in der Nähe des Hauptbahnhofs. Sie trafen sich nicht in La Maison Juste, denn der Präsident wollte seinen Besucher aus verschiedenen Gründen von diesem Gebäude fernhalten. Und dieses unpersönliche, unscheinbare kleine Büro, das man im Namen einer fiktiven Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gemietet hatte, erfüllte diesen Zweck vorzüglich.
Hugo Beamish nahm unter Delamares Beratern eine Sonderstellung ein, da er nicht in der Theologie, im Recht oder in den Finanzen bewandert war, sondern in der Geografie. Er war Engländer, und was seine Karriere anging, hatte er eine komplizierte Reise hinter sich, vom Pfarrhaus in Hampshire, in dem er zur Welt gekommen war, über die wissenschaftliche Arbeit in Cambridge und die Feldforschung im Norden von Neu-Dänemark wie in der sibirischen Arktis bis ins Büro des Direktors von La Maison Juste, der zum Präsidenten des neuen Hohen Rats des Magisteriums gewählt worden war. Marcel Delamare hatte Beamish zwei Jahre zuvor auf diese ungewöhnliche und ungemein vertrauliche Mission geschickt, da er in ihm einen Mann sah, dessen Gewissenhaftigkeit und Schweigsamkeit äußerst ungewöhnlich waren. Er freute sich, dass sein Vertrauen gerechtfertigt war.
Das Büro, in dem sie sich trafen, war klein, aber sauber und warm; die Möbel waren schlicht, modern und zweckmäßig. Draußen schien die Sonne und es gab Kaffee.
»Nun, Beamish«, sagte der Präsident, »wie viele solcher Phänomene haben Sie aufgespürt?«
»Siebzehn«, erwiderte der Guide. »In jedem Teil der Welt. Das heißt, siebzehn, die ich persönlich aufgesucht habe. Es gibt noch weitere, von denen ich gehört habe, acht, um genau zu sein, aber die habe ich noch nicht gesehen. Hier sind meine gesamten Notizen für Sie, Karten mit den Fundorten und so weiter.« Er deutete auf einen Packen von fünf oder sechs prall gefüllten Ordnern. Diese waren mit einer dicken Schnur zusammengebunden und lagen auf dem Beistelltisch zwischen den beiden Stühlen.
»Bilder? Fotogramme?«
»Das Phänomen übt eine seltsame Wirkung auf den fotografischen Film aus. Ich habe Bilder von dem gemacht, was durch die Öffnung zu sehen ist, und von dem, was sich auf dieser Seite befindet, aber die Emulsion scheint davon genauso beeinträchtigt zu werden wie durch das Licht, das von beiden Quellen auf sie fällt. Es gibt sicher eine Möglichkeit, das zu bewerkstelligen, aber ich habe sie noch nicht entdeckt. Die Bilder, die ich aufgenommen habe, liegen zwischen den Notizen in den Akten.«
»Und was halten die Einheimischen von diesen Öffnungen?«
»Wenn sie überhaupt darüber Bescheid wissen – was sie oft nicht tun –, äußern sie sich voller Angst und Aberglauben. Mancherorts hält man sie für Eingänge zur spirituellen Welt oder dergleichen und meidet sie. Im Allgemeinen wird sehr selten darüber gesprochen, was die Suche stark erschwert hat.«
»Aber sind Sie jedes Mal durch die Öffnung getreten und haben erkundet, was sich auf der anderen Seite befindet? Ich gehe davon aus, dass Sie sich nicht durch Lokallegenden haben entmutigen lassen?«
»Nein, ich ging überall dort, wo ich eine fand, hindurch. Einzelheiten darüber erfahren Sie ebenfalls aus den Notizen. Die Öffnungen befanden sich, abgesehen von zwei Ausnahmen, alle in unzugänglichen Gegenden, und die Landschaft auf der anderen Seite war meist sehr ähnlich, vergleichbar mit der, die wir gestern gesehen haben – als habe man diese Stelle genau aus diesem Grund gewählt. Aber ich hatte jedes Mal den eindeutigen Eindruck …«
Sein Blick verriet Besorgnis.
»Fahren Sie fort«, forderte ihn Delamare ruhig auf. »Sie berichten von etwas Seltsamem und begehen keine Häresie. Was wollten Sie gerade sagen?«
Beamish räusperte sich und sagte: »Jedes Mal, wenn ich durch eine dieser Öffnungen schlüpfte, hatte ich den Eindruck, dass ich mich in einer anderen Welt befand. Nicht einfach nur in einem anderen Land, in einer anderen Klimazone oder in einer anderen Landschaft – mehr als das. Irgendwo außerhalb dieser Welt.«
»War Ihr Gefühl in diesem Moment irgendwie spiritueller Natur?«
Beamish zögerte erneut. Er wirkte besorgt, und Delamare fügte hinzu: »Denken Sie daran, dass Sie es auf meinen direkten Befehl getan haben. Egal, was Sie gesehen haben oder berichten: Sie können nicht dafür verantwortlich gemacht werden.«
»Danke, Sir. Spiritueller Natur … Ich weiß nicht, wie ich das herausfinden soll … An jedem Ort verhielt es sich anders. Das war eine weitere Überraschung. Es war, als würden die Öffnungen auf diesem Planeten jeweils in einen anderen Teil des Universums führen. Oder … in ein anderes Universum.«
»Ich kann mir vorstellen, dass das durchaus besorgniserregend sein kann.« Delamare betrachtete den Besucher abschätzend, bevor er aufstand. »Mein lieber Beamish, Sie sehen müde aus«, fuhr er fort. »Ein Glas Marillenschnaps wird Ihre Lebensgeister wieder wecken.«
Er goss die goldene Flüssigkeit in zwei Gläser.
»Und haben Sie in diesen anderen Welten irgendwelche Lebewesen entdeckt?«
»In einer der Welten konnte ich in der Ferne die Gebäude einer Stadt erkennen und war überrascht über die Größe der Gebäude, die Formen. Wiederum in einer anderen Welt waren Lebewesen, Kreaturen, damit beschäftigt, den Boden zu bearbeiten, aber nicht in der Nähe der Öffnung. Jedes dieser Löcher war mit großer Sorgfalt etwas abseits von Siedlungen oder Straßen, an sorgsam gewählten einsamen Plätzen angelegt worden.«
»Berichten Sie mir mehr von diesen Lebewesen oder Kreaturen.«
»Ich studierte sie durch mein Fernglas. Sie hatten die Größe von kleinen Pferden, aber sechs Beine, wie intelligente Insekten. Während ihrer Arbeit unterhielten sie sich miteinander. Aus weiter Ferne konnte ich ihre Stimmen hören.«
»Hatten sie Geräte?«
»Ja, kleine Pflüge oder Eggen, aber diese schienen durch Eigenantrieb zu funktionieren. Irgendwann entstand eine Diskussion – einer der Pflüge schien eine andere Richtung nehmen zu wollen, und die Insektenkreaturen versuchten, ihn davon abzubringen, aber er setzte sich durch. Allmählich arbeiteten sie sich zu dem Hang vor, auf dem ich meinen Beobachterposten eingenommen hatte, und so beschloss ich, wieder durch die Öffnung zurückzukehren, bevor sie mich entdeckten.«
»Haben Sie irgendwo menschliche Kreaturen gesehen?«
»Ein- oder zweimal in der Ferne, auf einer Straße. Aber sie waren zu weit weg, sodass man sie selbst mit dem Fernglas nicht deutlich erkennen konnte.«
Delamare legte den Kopf an die Lehne des Sofas und starrte zur Decke hoch. Er schien tief in Gedanken versunken zu sein.
Nach einer kurzen Pause fragte er: »Haben Sie im Lauf Ihrer Reisen irgendwo mit jemandem über dieses Phänomen gesprochen? Haben Sie ein längeres Gespräch darüber geführt?«
»Dreimal, Herr Präsident. Einmal in Timbuktu mit einem malischen Gelehrten, der mir von einer derartigen Öffnung im Atlasgebirge berichtete. Ich begab mich auf die Suche danach, wurde aber nicht fündig. Und einmal mit einigen Hirten in der Mongolei, die den Verlust von Schafen beklagten und vermuteten, ein Überfallkommando aus … der anderen Welt sei dafür verantwortlich. Sie wagten es nicht, die Verfolgung aufzunehmen und ihre Herde zurückzuholen; sie zogen einfach weiter und beschlossen, diesen Ort künftig zu meiden. Ein andermal unterhielt ich mich mit einem Gewürzhändler in Java. Er erzählte mir von einem Freund, der durch eine solche Öffnung verschwunden und nie wieder aufgetaucht sei.«
»Haben Sie sich Notizen zu all diesen Gesprächen gemacht? Namen, Adressen und so weiter notiert?«
»Steht alles in den Akten.«
»Hat irgendeine Autorität Ihr Interesse hinterfragt?«
»Nein, Sir. Wo auch immer ich war, stieß ich auf milde, eher halbherzige Neugier. Es handelte sich zwar um etwas Ungewöhnliches, war jedoch nicht von grundlegendem Nutzen oder Interesse.«
»Haben Sie gefragt, seit wann diese Öffnungen bereits bekannt sind? Wurden sie zum Beispiel schon in alten Überlieferungen erwähnt?«
»In präliteralen Gesellschaften spricht man bei Datierungen oft von ›zur Zeit unserer Großväter‹, ›seit der Zeit vor den großen Bränden‹, ›vor Entstehen des Waldes‹ oder dergleichen.«
»Und ist Ihnen aufgefallen, dass sich irgendetwas an den Öffnungen verändert hat? Sind sie größer oder kleiner geworden? Oder haben sie sich wieder ganz geschlossen?«
»Die Leute, die darüber sprachen, schienen der Meinung zu sein, dass sie schon immer so gewesen sind. Doch wie schon gesagt, sprachen nicht viele Leute darüber.«
»Vielen Dank, Mr Beamish. Überlassen Sie mir Ihre Notizen; ich werde sie gründlich studieren. Informieren Sie meine Sekretärin über Ihre Unterkunft. Ich schlage vor, Sie erholen sich ein wenig von Ihren Reisen. Gönnen Sie sich ein oder zwei Wochen Ruhe. Wo sind Sie einquartiert?«
»Im Hôtel de la Tour.«
»Sehr gut. Ich werde Sie erneut sprechen wollen, entfernen Sie sich also nicht zu weit, und rechnen Sie damit, dass ich mich melden werde.«
Delamare schien schnell und entschieden einen Entschluss über etwas gefasst zu haben. Beamish, der großen Gefallen an den Öffnungen gefunden hatte und sich liebend gern noch länger darüber unterhalten hätte, fand sich an diesem Sonntagmorgen draußen auf einer ruhigen Straße in Genf wieder und fragte sich, was er getan hatte und ob es klug gewesen war.
Als der Präsident sah, dass Beamish die Straße hinunterging, drückte er auf den Buzzer auf seinem Schreibtisch. Kurz danach betrat Colonel Schreiber das Büro.
»Sie haben mitgehört?«
»Jedes Wort, Herr Präsident.«
»Das hier sind die Akten. Nehmen Sie sie mit, wenn Sie gehen. Warten Sie ab, bis Beamish in sein Hotelzimmer zurückgekehrt ist, lassen Sie ihn dann festnehmen und entfernen Sie alles aus seinem Zimmer. Tun Sie ihm nicht weh, aber sorgen Sie dafür, dass wir ihn endgültig loswerden. Ich will, dass er verschwindet. Dann lesen Sie die Akten und entwerfen einen Plan, wie Sie diese Öffnungen überall auf der Welt zerstören können. Vermutlich wäre Sprengstoff am effektivsten. Fangen Sie mit der Öffnung an, die wir gestern auf den Diablerets gesehen haben. Informieren Sie mich über den Ausgang Ihrer Tat, sobald Sie damit fertig sind. Teilen Sie mir auch mit, ausschließlich mündlich, wie viele Leute Sie dafür brauchen, welches Material und welche Ausrüstung. Das unterliegt natürlich höchster Geheimhaltung. Wenn wir uns persönlich treffen müssen, dann nur hier und nicht in La Maison Juste.«
Der Colonel salutierte und trat den Rückzug an.
Delamares weißer Eulen-Dæmon blickte ihm hinterher und wandte dann den Kopf wieder dem Präsidenten zu. Dieser beobachtete die Eule mit einem vielschichtigen Gesichtsausdruck, der ihr vertraut war und den sie sowohl schätzte als auch fürchtete.
»Und?«, fragte sie.
»Mir wird allmählich klar, was wir tun müssen.«
»Abgesehen von der Ermordung unschuldiger Geografen?«
Er tat diese Bemerkung mit einer Handbewegung ab.
»Alles wird gut«, sagte er.
Lyra träumte von ihrem Dæmon. In der realen Welt konnte Pantalaimon einen Fluss riechen. Oder vielmehr, ihn hören: Seine Sinne waren ungewöhnlich scharf, aber nicht unbedingt klar voneinander zu unterscheiden. Für gewöhnlich lebte er in einem Zustand der Synästhesie, worüber er sehr froh war, besonders wenn er einen Fluss rauschen hörte. Oder den Geruch von Schilf, Schlamm oder frischem Wasser aufnahm.
Er war eine Nachtreise von der Totenstadt entfernt. Den Namen dieses Flusses kannte er nicht, und er wusste auch nicht, wohin er führte, doch er bewegte sich, genau wie Pantalaimon selbst, nach Osten. Als er durch das Schilf am Ufer schlüpfte und das langsam unter den Sternen dahinfließende Gewässer sah, das nicht breiter war als die Themse bei Westminster, erfüllte ihn ein Hochgefühl. Das Schuldgefühl, das ihn gequält hatte, seit er Nur Huda in Madinat al-Qamar verlassen hatte, schien wie ein Kleidungsstück von ihm abzufallen. Er ließ es am Ufer zurück und tauchte rasch in den Fluss ein.
Schwerelos trieb er an den Pappeln am Ufer vorbei, an einem kleinen Fischerdorf, wo einige Boote am Steg festgebunden waren, an den Holzfeuern, an denen Menschen ihr Abendessen zubereiteten, und an ihren Stimmen, die leise über das Wasser klangen.
Er wurde weitergetrieben. Vielleicht würde dieser Fluss in einen großen See oder sogar ins Kaspische Meer münden. Irgendwo zwischen seinem jetzigen Standort und der fernen Wüste von Karamakan würde er auf Berge stoßen, und vielleicht würde er dort umkommen, unermesslich weit entfernt von dem Teil von ihm, der Lyra hieß, und sie würde im selben Augenblick sterben.
Während er diesen trübseligen Gedanken nachhing, schreckte er durch einen Vogel auf, der aus der Dunkelheit auftauchte und dicht über seinen Kopf hinwegflog. Er vernahm das Schlagen von Flügeln und einen seltsam gedämpften Schrei und drehte sich im Wasser, um zum Himmel hochzublicken, aber der Vogel war verschwunden. Es konnte keine Eule gewesen sein, denn dann hätte er den Flügelschlag nicht gehört. Er hatte den Eindruck, dass es sich um eine junge, eher tollpatschige Kreatur handelte, die in Panik war. Und vielleicht war es nicht einmal ein Vogel: nicht die richtige Gestalt, die falsche Art von Schrei …
Und erneut schwebte das Wesen tief über ihm, und Pan fand, dass sein Schrei etwas Menschliches hatte.
Er schlug die Richtung zum Ufer ein, schwamm schnell. Dann vernahm er einen Schrei von weiter oben, dann noch einen, voll unbändiger Wildheit, fast überirdisch.
Die erste Kreatur flog wieder tief über ihm. Pan glaubte, in ihrer Stimme, die jetzt dringlicher, näher klang, ein Schluchzen zu hören, das an ihn gerichtet war.
War es eine Warnung? Ein Hilfeschrei?
Es folgten weitere Schreie von hoch oben, eine Salve von Schreien, hart und hasserfüllt. Und dann stürzte sich etwas Großes und Schweres auf die erste Kreatur und drängte sie hinunter ins Wasser.
Pan war verwirrt, doch eines war klar: Die zweite Kreatur war ein Ungetüm von einem Vogel, und sie stank nach faulem Fleisch. Die erste würde ertrinken, wenn er sie nicht rettete. Durch den Kampf der Kreaturen spritzte das Wasser auf allen Seiten hoch. Das heisere, gurgelnde Kreischen des riesigen Vogels war unerträglich und so nah …
Einen Augenblick lang konnte Pan die Lage klar erkennen: Der Vogel hatte die kleinere Kreatur mit den Krallen gepackt, versuchte, nach ihr zu schnappen und ihr den Kopf abzureißen. Aber er war nicht in seinem Element. Die gewaltigen Flügel sogen sich mit Wasser voll, während sein Schnabel immer wieder in die leere Luft oder ins Wasser schnappte und die kleine Kreatur sich wand und drehte, um sich zu befreien. Sollte der Schnabel zuschnappen, würde das ihren Tod bedeuten.
Pan kannte sich mit Schnäbeln aus. Die Muskeln, die sie öffneten, waren viel schwächer als die, die sie geschlossen hielten. Wenn es ihm gelänge, nahe genug an den Vogel heranzukommen, um seine Zähne in dessen Schnabel zu graben, konnte er es mit etwas Glück vielleicht schaffen, den Vogel so lange unter Wasser zu drücken, bis er ertrunken war.
Der Vogel hatte ihn noch nicht wahrgenommen, aber wenn Pan nicht sofort aktiv wurde, wäre der Überraschungseffekt dahin. Er drehte sich jäh und drängte vorwärts. Eine weitere mühevolle Drehung, und er befand sich unter dem aufgewühlten Wasser, nah genug, um die panische Angst der ersten Kreatur zu spüren, die sich bemühte, an die Oberfläche zu gelangen und nach Luft zu schnappen.
Pan spürte, wie sein Gesicht gegen das schuppige Bein des Monstervogels stieß, und biss hinein. Der Vogel kreischte entsetzt auf und ließ die erste Kreatur los, die sich aus seinem Griff befreite.
Pan vollzog eine ganze Drehung, stürzte sich dann auf das Gesicht des Vogels und bearbeitete es mit Krallen und Zähnen. Dann ging er auf Abstand, tat so, als weiche er seitwärts aus. Der Vogel drehte sich um und folgte Pan. Pan preschte erneut vorwärts, peitschte mit dem Schwanz, bewegte sich wie eine Schlange und packte den Schnabel des Vogels mit seinem eigenen kraftvollen Kiefer.
Aber er hatte nur die Schnabelspitze erwischt. Der Vogel wehrte sich, während Pan seinen Schnabel weiter festhielt. Er wusste, dass er loslassen musste, um noch kräftiger zupacken zu können, und spürte die gewaltige Kraft der Kreatur, die heftig mit ihren riesigen Flügeln schlug. Pan ahnte jede ihrer Bewegungen. Und gerade als sie ihre Flügel hob, genau in dem Moment, in dem sie für den Bruchteil einer Sekunde keine Schwungkraft hatte, ließ Pan los und grub seine messerscharfen Zähne weiter oben in den Schnabel. Dieses Mal durfte er ihn nicht loslassen.
Aber der Vogel konnte immer noch mit seinen kräftigen Flügeln schlagen, obwohl sie sich mit Wasser vollgesogen hatten, und mit seinen schmutzigen Krallen kratzen, die nach dem fauligen Fleisch stanken, das er sein Leben lang auseinandergerissen hatte. Mit seinem wilden Flügelschlag drückte er Pan fast unter Wasser, drohte ihn zu ertränken.
Doch auch Pans Krallen waren scharf. Während er mit seinem gesamten Gewicht am Schnabel des Vogels hing, riss er mit den Krallen an jedem Teil von ihm, den er erreichen konnte, an Brust, Flügeln, Kehle und Augen. Der Vogel gab immer noch das für ihn typische obszöne gurgelnde Krächzen von sich, schüttelte den Kopf, um ihn abzuwerfen, warf sich – und Pan – hin und her, halb im Wasser und halb außerhalb, am Ufer und erneut im Wasser, Gischt spritzte auf, er flatterte mit den Flügeln, wand und drehte sich.
Pans Kiefer schmerzte von der Anstrengung, und er verspürte einen Brechreiz von dem ekelhaften Gestank des Vogelkopfs dicht vor seiner Nase und seinem Mund. Außerdem hatte er mehrere brutale Schläge von den Füßen und Flügeln der Kreatur eingesteckt. Er hatte fast keine Kraft mehr. Aber dann spürte er mit einem Mal, wie der Vogel plötzlich schwach wurde, erschlaffte und ins Wasser sackte.
Er musste mit aller Kraft ziehen und sich drehen, um seine Zähne aus dem Horn des Schnabels zu befreien, und fürchtete, von dem Feind, den er getötet hatte, unter Wasser gezogen zu werden. Doch schließlich löste sich der Schnabel von seiner Schnauze, und Pan fiel ins Wasser zurück, wund und aufgewühlt. Während er beobachtete, wie der Vogelkörper in der Dunkelheit verschwand, dachte er: Sicherlich hat Lyra das alles gespürt.
Er vernahm das Flattern kleinerer Flügelschläge, und die andere Kreatur landete am nahe gelegenen Ufer. Mit gewaltiger Anstrengung hievte Pan sich aus dem Wasser und legte sich, schwer keuchend, auf das Gras.
Das Mondlicht offenbarte ihm ein Wesen, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Es hatte Flügel, war aber kein Vogel, hatte vier Beine und Krallen wie ein Löwe, war aber kein Löwe. Es war so groß wie eine Katze; sein Adlerkopf, die Brust und die Flügel waren mit Federn bedeckt, der Rest mit Fell überzogen. Genau wie Pan war das Wesen verwundet. Eine tiefe Schramme zog sich über seine Körperseite, und es blutete.
»Ich verdanke dir mein Leben«, flüsterte es.
Englisch? Es sprach Englisch?
»Geh zurück ins Wasser«, sagte Pan, als er die Wunde sah. »Auf der Stelle. Du musst die Wunde so bald wie möglich säubern.«
»Du aber auch«, erwiderte die Kreatur. »Immerhin bist du mit dem Wasser vertraut, ich nicht. Du wirst mir helfen müssen.«
