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Laura wächst in einem emotional belastenden Elternhaus auf, das sie in ein Geflecht aus Abhängigkeit, Schuldgefühlen und unausgesprochenen Erwartungen verstrickt. Als junge Erwachsene entwickelt sie eine schwere Erkrankung, die ihr Leben zusätzlich einengt und jeden Versuch, eigene Wege zu gehen, zu ersticken scheint. Erst viele Jahre später beginnt sie zu verstehen, wie tief die familiären Muster in ihr wirken und wie sehr sie ihr Leben geprägt haben. Mit großer Klarheit und psychologischer Tiefe erzählt das Buch von Lauras Weg aus alten Strukturen heraus: von der mühsamen Suche nach Selbstbestimmung, von Rückschlägen, von innerer Stärke und von der Erkenntnis, dass Veränderung oft in kleinen, stillen Schritten beginnt. Durch Bildung, Freundschaften, therapeutische Impulse und die Erfahrung echter Verbundenheit findet Laura langsam zu sich selbst. Eine eigene Familie, neue berufliche Perspektiven und ein achtsamer Umgang mit sich und anderen werden zu tragenden Säulen ihres neuen Lebens. Ein berührendes, reflektiertes Buch über Resilienz, Hochbegabung, familiäre Prägungen und die Frage, was ein erfülltes Leben wirklich ausmacht. Es zeigt, dass Selbstbestimmung nicht immer laut und spektakulär sein muss; manchmal genügt der Mut, bei sich zu bleiben und den eigenen Weg zu gehen.
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2026
Bára Wiebke Grollius (B.Sc. Psychologie), geboren 1973 in Hamburg, lebt mit ihrer Familie in Bremen. Nach dem Abitur absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Bankkauffrau und arbeitete im Anschluss in verschiedenen kaufmännischen Berufen in Hamburg, Berlin und Frankfurt, bis sie in Bremen eine eigene Familie gründete. In dieser Zeit absolvierte sie ein Psychologiestudium und beendete dies mit einem Bachelor of Science. Im Anschluss an die intensivste Zeit der Familienarbeit widmete sie sich schließlich dem Schreiben. Es entstanden autobiografische Berichte, Fachliteratur aus dem Bereich Psychologie und Thriller.
Friedrich Schiller sagte: „Wer klug ist, lerne schwei- gen und gehorchen.“ Dieses Zitat ermu- tigt dazu, zu schweigen und zu hören, an- statt uns selbst zu präsentieren. Es verlangt, das eigene Ego zu überwinden. Schiller meinte, man solle durch sein Schweigen tieferen Respekt für andere entwickeln, um eine harmonischere Welt zu erschaffen.
Es wäre mein Untergang gewesen, zu schweigen und zu gehorchen. Ich möchte Menschen in ähnlichen Situationen ermutigen, ebenfalls hinzusehen und sich laut gesund zu schreien, um dann genau den Respekt anderen gegenüber zeigen zu können, den man sich selbst gegenüber erlaubt hat zu erkämpfen.
Laura ist eine stille Kämpferin: hochbegabt, hochsensibel und lange unverstanden. Zwi- schen familiären Erwartungen, inneren Konflik- ten und einem unstillbaren Wissensdrang findet sie erst spät den Mut, sich selbst zu erkennen. Ihre Geschichte erzählt von leiser Stärke, tiefer Reflexion und dem Weg einer Frau, die sich aus alten Mustern löst und ihren eigenen Platz im Leben findet.
Themen dieses Buches
Hochbegabung, Spätentdeckung, Entwicklungswege, Neurodiversität, Psychosomatik
Identität, Biografie, Beziehungen, Beruf, Gesundheit, Selbstbild, Emotionale Muster, Gesellschaftliche Erwartungen
Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Neurowissenschaft, Persönlichkeitsforschung, Entwicklungspsychologie
Vorwort
Einführung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nachwort
FAQ – oft gestellte Fragen
Nützliche Anlaufstellen Hochbegabung
Literaturverzeichnis
Weiterführende Literatur
Bücher der Autorin
Dieses Buch basiert auf meinem Leben – auf Erinnerungen, Erfahrungen und inneren Entwicklungen, die mich geprägt haben. Viele der beschriebenen Ereignisse sind so geschehen, andere wurden verdichtet, zusammengeführt oder literarisch gestaltet, um das innere Erleben verständlicher zu machen.
Die Figuren, Beziehungen und Situationen orientieren sich an realen Menschen und Begebenheiten, doch sie sind nicht als exakte Abbilder zu verstehen. Namen, Details und zeitliche Abläufe wurden verändert, um die Privatsphäre aller Beteiligten zu schützen und Raum für erzählerische Freiheit zu schaffen.
Es ist kein Tatsachenbericht und keine vollständige Chronik meines Lebens. Es ist ein autobiografisch er Roman – eine Annäherung an die Wahrheit meines Erlebens, nicht an die Wahrheit der Fakten.
Ich erzähle diese Geschichte, weil sie mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Die Diagnostik der Hochbegabung ist dabei für mich ein entscheidender Schlüssel zur Selbstannahme gewesen. Und vielleicht erkennt sich jemand in diesen Seiten wieder – in den Fragen, im Suchen, im Ringen, im Wachsen.
Mehr Anspruch hat dieses Buch nicht. Und mehr braucht es auch nicht.
Hochbegabung wird in der psychometrischen Diagnostik üblicherweise als ein Ergebnis im 98. Perzentil oder höher definiert, was einem IQ von etwa 130 entspricht. In Deutschland betrifft das rund zwei Prozent der Bevölkerung. Viele dieser Menschen erkennen ihre besondere kognitive Ausstattung nicht oder können sie aufgrund biografischer, sozialer oder struktureller Faktoren nicht vollständig entfalten. Hochbegabung führt daher nicht automatisch zu außergewöhnlichen Leistungen; sie zeigt sich in sehr unterschiedlichen Lebenswegen. Manche entwickeln ihr Potenzial früh, andere erst im Erwachsenenalter, und wieder andere finden Wege, die jenseits klassischer Erfolgskategorien liegen.
Bleibt eine Hochbegabung unerkannt oder wird sie nicht in förderliche Bahnen gelenkt, können Entwicklungsaufgaben unvollständig durchlaufen werden.
Kieboom und Vendrickx (2017a) beschreiben solche nicht bewältigten Schritte als „Embodios“. Dazu zählen beispielsweise kommunikative Muster (äußerst schnelles oder umfangreiches Sprechen), perfektionistische Übererfüllung von Anforderungen, Unsicherheiten im sozialen Miteinander aufgrund fehlender adäquater Spiegelung oder das Erleben von Andersartigkeit und Nicht-Zugehörigkeit.
Das von Ramin Kaminski vorgeschlagene Konzept der „Ortrovertiertheit“ – als Ergänzung zu Introversion, Extraversion und Ambiversion – ist bislang theoretisch, aber kann als Deutungsangebot herangezogen werden, um bestimmte Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen hochbegabter Menschen zu verstehen.
Im Fall von Laura könnte die nicht erkannte Hochbegabung zu psychosomatischen Belastungen beigetragen haben. Gleichzeitig ermöglichten ihr ihre kognitiven Ressourcen, sich aus einer tiefen Krise herauszuarbeiten, einen tragfähigen Lebensentwurf zu entwickeln und diesen Schritt für Schritt umzusetzen. Ihr Weg entspricht nicht unbedingt gängigen Vorstellungen über Hochbegabte – Vorstellungen, die häufig klischeehaft und wenig differenziert sind. Vielmehr zeigt er, wie individuell Lebenswege verlaufen und dass Menschen mit unterschiedlichen kognitiven Profilen sehr verschiedene Formen von Bewältigung und Gestaltung finden.
Hochbegabte sehen sich zudem häufig mit dem Vorurteil konfrontiert, sie benötigten keine Unterstützung, da ihnen Lernen und Erfolg angeblich mühelos zufielen. Solche Zuschreibungen verkennen die Vielfalt hochbegabter Entwicklungsverläufe und tragen zu Missverständnissen bei (Scheer, 2014a).
Hochbegabte bearbeiten Lebensfragen und berufliche Herausforderungen oft auf ihre eigene Weise. Viele finden zu einem hohen Maß an Zufriedenheit, wenn sie erkennen, was sie wirklich wollen und brauchen (vgl. Jung & Jung, 2022).
Der Begriff der Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt neurokognitiver Profile. Unter Neurodivergenz werden unterschiedliche Ausprägungen gefasst, darunter Hochbegabung, Hochsensibilität, Autismus-Spektrum-Ausprägungen und weitere Varianten menschlicher Wahrnehmung und Informationsverarbeitung.
Es existiert eine Vielzahl von Netzwerken, in denen sich hochbegabte und andere neurodivergente Menschen informieren, orientieren und vernetzen können. Eine Auswahl entsprechender Adressen findet sich im Anhang.
Anders zu sein war in unserer Gesellschaft lang nicht gern gesehen. Wir wurden bereits in der Familie durch Anpassungstraining darauf vorbereitet, im Kindergarten bestehen zu können, um anschließend in den Schulbetrieb integriert zu werden. Wenn wir Glück hatten oder dafür arbeiteten, konnten wir dreizehn Jahre zur Schule gehen. Nach der Schule sollten wir schließlich im Berufsleben für andere schuften, damit diese Gewinne erzielen konnten, die unermesslich höher waren als das Gehalt für die eigene Arbeit. Wenn man seine Weichen so gestellt hatte, bekam man ein paar Jahre Aufschub durch den Besuch einer Universität. Doch spätestens dann sollte die Anpassung an gesellschaftliche Normen soweit perfektioniert worden sein, dass man nicht mehr aus der Masse hervorstach und in einem durchgetakteten Arbeitsleben bestehen konnte, denn nur damit ließ sich genügend Geld verdienen, um die eigene Existenz zu finanzieren. Ob man angestellt oder selbständig arbeitete war völlig egal. Ein Hamsterrad war es dennoch.
Vielleicht lag es an diesem Hamsterrad, dass Laura nicht gesehen worden ist und ihre Anpassungs-versuche in eine Zerreißprobe ihrer selbst mündeten. Es war sogar ein doppeltes Hamsterrad, das Laura unsichtbar werden ließ. Ein Hamstertandem sozusagen. Wenn man wie Laura aus einfachen Verhältnissen kam, blieb keine Zeit, um auf dem Lebensweg nach links oder rechts zu sehen. Es konnte nur nach vorn geschaut werden. Innehalten, ausprobieren, erkennen, etwas draus machen - dazu reichten weder Kraft noch Mittel.
Aber selbst das buchstäbliche Nachvornesehen hatte der Autofahrer nicht hinbekommen, als er das Auto von Lauras Eltern überholte. Er sah auch nicht nach rechts, als er den viel zu knapp bemessenen Überholvorgang zu beenden versuchte, in dem er dem entgegenkommenden Fahrzeug zurück auf die eigene Spur fahrend auswich. Es ist nicht bekannt, ob er es rechtzeitig zurück auf seine Spur schaffte, oder ob das entgegenkommende Fahrzeug beschädigt wurde. Stark beschädigt wurde hingegen das Fahrzeug von Lauras Familie. Lauras Papa fuhr einen blauen Mercedes Benz. Das Auto war sein ganzer Stolz. Schon als junger Mann träumte er davon, einen Mercedes zu fahren wie die reichen Clubmitglieder, für die er arbeitete. Er sagte später als Rechtfertigung immer, dass ein Mercedes sehr stabil gebaut sei und dass die Familie die Beschädigung nicht überlebt hätte, wären sie in einem anderen Fahrzeug unterwegs gewesen. Das überholende Fahrzeug scherte viel zu früh wieder auf die eigene Spur ein, schnitt Lauras Papa damit die Fahrt ab und Lauras Papa fuhr den Mercedes gegen den nächsten Alleebaum. Es war dunkel. Sie kamen aus dem Urlaub aus Dänemark, wohin sie seit einiger Zeit genau wie die Familie von Lauras Tante mit einem Wohnwagen fuhren. An der Nordsee tat die Luft gut, die Landschaft war weit und die Gedanken frei. Mit kleinen Kindern war es ein gutes Urlaubsziel. Zusammen mit der älteren Schwester und ihrem Sohn im Urlaub zu sein machte es auch Lauras Mutter einfacher, mit ihrem kleinen Wirbelwind umzugehen. Die Autofahrt aus Dänemark zurück nach Hause in den Norden von Hamburg, genauer nach Norderstedt, dauerte einige Stunden. Mit einem kleinen temperamentvollen Mädchen an Bord fährt man Urlaubsstrecken lieber im Dunkeln, während das Kind schläft. Sie hatten es schon bis kurz vor Hamburg geschafft, bis Ahrensbök, als es krachte. Der Baum war sehr alt, groß und stabil. Er hatte massive Äste, von denen nun einer auf der Beifahrerseite weit ins Auto ragte. Darunter muss schwer verletzt Lauras Mutter eingeklemmt gewesen sein. Auch sie hatte geschlafen auf dem fast waagerecht gekurbelten Sitz. Hätte sie aufrecht gesessen, wäre sie vermutlich auf der Stelle tot gewesen. Ihre Füße steckten dennoch fest, zerquetscht von dem weit in den Fahrerraum hineingeschobenen Motorblock. Der Ast hatte ihr sehr schwere Kopfverletzungen zugefügt. Sie musste aus dem Auto geschnitten werden. So erzählte man es Laura später. Ihr Papa blieb nahezu unverletzt. Laura sah in dieser Nacht das Gesicht ihres Papas mehrfach draußen an der linken Seitenscheibe. Zusammen mit einem fremden Mann sah er hektisch und gestikulierend zu Laura ins Auto hinein. Er verschwand und tauchte im nächsten Moment wieder auf. Laura sah die beiden Gesichter nur kurz. Das nächste, an das sie sich erinnern konnte war, dass jemand versuchte, sie aus dem Auto zu ziehen. Sei lag hinter dem Fahrersitz mit dem Kopf auf der Fahrerseite. Sie hatte auf der Rückbank nicht angeschnallt quer gelegen und geschlafen. Damals nahm man es mit dem Anschnallen noch nicht so genau. Es war 1976. Beim Aufprall kullerte sie von der Rückbank herunter hinter die Vordersitze auf den Boden und wurde vom sich zurückschiebenden Beifahrersitz an den Füßen eingeklemmt. Deswegen konnte sie nicht so einfach aus dem Auto gezogen werden. Laura hatte keine Angst. Sie kam gar nicht auf die Idee, zu weinen oder zu rufen oder selbst zu versuchen aufzustehen. Es erschien ihr wie ein Traum. Sie schien auch immer wieder einzuschlafen zwischen den Szenen. Das nächste, an das sie sich erinnern konnte war, dass sie außerhalb des Autos war und auf dem Arm ihres Papas gehalten wurde. Sie standen neben der Fahrertür und Papa sprach mit Laura. Papa hatte viele kleine rote Punkte an den Handaußenflächen. „Papa warum hast du da auf einmal so viele rote kleine Punkte auf deiner Hand?“ Laura war zuallererst mal froh, dass sie bei Papa auf dem Arm saß. Der fremde Mann, den sie draußen an der Scheibe gesehen hatte, hatte ihr mächtig Angst eingejagt. Befeuert wurde ihr Gefühl dadurch, dass sie auf dem Fußboden gelegen hatte und das Gesicht des fremden Mannes schräg über ihr, also von oben, auf sie herabblickte. Papa meinte zu seinen roten Punkten nur, es sei nichts und es gehe ihm gut. Dann erinnerte sich Laura daran, dass Papa sie in die orange-braune Kuscheldecke gehüllt zu einer fremden Frau trug und Laura von Papas Arm in den Arm der Frau wechseln sollte, was ihr überhaupt nicht behagte. Sie fing an zu weinen. „Papa ich will nicht zu der Frau, ich will zu dir und Mama! Papa!“ Die Frau hielt Laura fest und Papa drehte sich weg von ihnen. Er ging zurück in Richtung des Autos. Laura bekam einen Riesenschreck. Etwas bäumte sich in ihr auf, ein sehr starkes tief durchdringendes und einschneidendes Gefühl. Laura hatte plötzlich Panik, für immer von ihren Eltern getrennt zu werden. Die Frau drehte sie so, dass sie von Papa und dem Auto weggewandt wurde und nichts mehr sehen konnte als das Auto der Frau. In diesem Moment zerbrach etwas in Laura.
Es hatte angefangen zu regnen und die Frau trug Laura zu ihrem Auto. Dort wartete die Tochter der Frau im Auto. Laura wurde auf die Rückbank gesetzt. Im Auto war es warm und das Innenraumlicht war an. Laura konnte draußen nichts erkennen außer einem regelmäßig aufleuchtenden blauen Licht. Inzwischen regnete es stärker. Die Regentropfen liefen an den Scheiben hinunter. Laura fand es schnell gemütlich im Auto und fasste Vertrauen. Die Frau und ihre Tochter waren sehr nett. Sie drehten sich zu Laura, lächelten und unterhielten sich mit ihr. Sie boten ihr einen Schokoriegel an. Es war warm und das Radio lief leise. Laura saß auf der Rückbank in der Mitte und war in ihre Kuscheldecke gewickelt. Die Angst ihre Eltern nie mehr wiederzusehen blitzte noch ein paar Mal auf, wurde aber durch die sehr angenehme Atmosphäre im kleinen Auto der Frau abgemildert. Sie und ihre Tochter schafften es Laura abzulenken von dem Geschehen, das draußen am Straßengraben stattfand.
Das Nächste, an das Laura sich erinnern konnte war, dass sie wieder auf dem Arm ihres Papas getragen wurde. Sie dachte, sie wären wieder zu Hause. An das Geschehene erinnerte sie sich nicht mehr. Tatsächlich war es immer noch dieselbe Nacht, offenbar war sie weit fortgeschritten. Diesmal betraten sie einen großen zunächst noch dunklen und fensterlosen Raum mit vielen weißen Kacheln, wie sich herausstellte. Das Licht wurde angeknipst und strahlte kühl. Es gab fast keine Einrichtungsgegenstände in diesem Raum. Laura hatte Angst und fühlte sich nicht wohl. Sie war müde. Papa trug Laura zu einer schwarzen Liege, die rechts hinten in der Ecke des Raumes stand und mit einem Papierstreifen bezogen war. Papa setzte Laura auf diese Liege an den Rand, so dass ihre Füße herunterbaumelten. Es kam ein großer schlanker Mann in einem weißen Kittel hinzu. Der Mann schaute sich Laura an. Er klopfte mit einem kleinen Hammer gegen Lauras Knie. Erst jetzt bemerkte Laura, dass sie gar keine Schuhe mehr anhatte. Der Mann untersuchte Laura am ganzen Körper und am Ende hatte Laura um den rechten Fuß herum und im Gesicht orangefarbene Tinktur. Der Mann sagte mit Laura sei sonst alles in Ordnung und sie könne nun mit Papa nach Hause fahren. Laura wollte nur fort von diesem kalten Ort.
Das nächste, an das Laura sich erinnern konnte war, dass sie an einem warmen sonnigen Tag eine sandige Straße mit vielen Schlaglöchern entlangging und sehr traurig war. Es war eine fremde Straße und sie hatte ihre Eltern schon lange nicht mehr gesehen. Laura kam an einem Haus vorbei, in dem eine Familie zusammen mit ihren Kindern einen Kindergeburtstag feierte. Das Haus stand erhöht, so dass die Terrasse, die mit einem großen Fenster zur Straßenseite lag, ungefähr einen Meter fünfzig höher war als die Straße. Die kleinen Menschen hinter der Scheibe wirkten auf Laura fröhlich und gesund. Es waren auch zwei oder drei Erwachsene zu sehen. Laura fühlte sich niedergeschlagen und krank. Alleingelassen, verlassen, verwirrt, verstört, zerrissen. Niemand erzählte ihr etwas oder fragte sie etwas. Sie wurde aufbewahrt. Sie erklomm neugierig die Terrasse, die noch nicht eingezäunt war und schlich sich zur Fensterscheibe, hinter der gefeiert wurde. Die Familie bemerkte sie und schenkten ihr ein Eis. Aber Laura musste draußen bleiben und war mit ihrem Schmerz wieder allein.
Lauras Mutter war Telefonistin, bevor sie mit Laura in Schwangerschaftsurlaub ging. Nach der Geburt wollte Lauras Mama zu Hause bleiben, aber Lauras Papa wollte, dass sie wieder arbeiten ginge und das Familieneinkommen unterstützte. Eigentlich wollte Lauras Mama gar keine Kinder, erzählte Lauras Papa ihr später. Die Familie von Lauras Mama sagte hingegen, dass Lauras Mama sich sehr liebevoll um Laura gekümmert habe. Lauras Papa war selbständiger Sportlehrer in einem Club. Dort kam er mit vielen wichtigen, einflussreichen und reichen Menschen zusammen und gab ihnen Sportunterricht. Er wollte so sein wie sie und gleichzeitig war er sich immer seiner Herkunft bewusst. Vielleicht gerade deswegen wollte er eher so sein wie sie, denn seine Herkunft bedeutete Einfachheit, Armut, ausgegrenzt sein, Anderssein. Nicht ganz unschuldig an diesem Gefühl war wohl sein Bruder Herbert, über den er erzählte, dass dieser ihn kleingehalten und damit seinem Selbstwert erheblich geschadet habe. Wie genau das vonstattenging, konnte Lauras Vater allerdings nicht benennen. Schließlich war es Lauras Vater, der scheinbar viel früher im Beruf stand als Herbert und Geld verdiente, worauf er mächtig stolz war, denn er unterstützte damit ungefragt oder aus der Not heraus seine Mutter, seine kleine Schwester und sorgte schon mit sechszehn Jahren quasi für sich selbst. Später, als seine Mutter starb, war er um die zwanzig Jahre alt. Um zu verhindern, dass seine kleine Schwester in ein Kinderheim gegeben wurde, setzte er durch, dass er und seine Schwester in eine kleine einfache Wohnung ziehen und er sich um sie kümmern durfte. Lauras Papa sah sich permanent unangemeldeten Behördenkontrollen ausgesetzt, die sicherstellen sollten, dass Lauras Papa ordentlich für seinen kleine Schwester und sich sorgte und alles sauber hielt. So wurde Lauras Vater schon sehr früh selbständig im doppelten Sinn, denn er hatte seine selbständige Tätigkeit als Sportlehrer aufgenommen und sein Kreislauf aus Arbeit und Verantwortung begann sich zu drehen. Das zweite Hamsterrad kam für Lauras Vater hinzu, als Lauras Mutter neun Monate lang im Krankenhaus in Kiel zu besuchen. Nahezu täglich. Nach der Arbeit. Von Hamburg aus. Mit einer Stunde Fahrtzeit für eine Strecke. Obwohl oder weil Lauras Mutter nach der Begegnung mit dem Ast im Auto im künstlichen Koma lag. Laura bekam ihre Eltern in dieser Zeit nicht zu Gesicht. Sie kam bei Pflegeeltern unter.
Die eigenen Kinder der Pflegeltern waren bereits aus dem Haus, so dass ihre ganze Aufmerksamkeit Laura galt. Es gab ein Nachbarskind in Lauras Alter, zu dem Laura oft zum Spielen ging. Sie teilten viel miteinander, einmal sogar Windpocken. Lauras Freundin lag mit Windpocken im Bett und Laura fand es lustig, zu ihr unter die Bettdecke zu kriechen und Quatsch zu machen. Das erzählte sie freudestrahlend ihren Pflegeltern, die sie panisch ins Waschbecken setzten und von oben bis unten mit Seife abschrubbten. Es tat weh auf der Haut. Es nutzte freilich nichts, denn Windpocken wurden durch Luftexposition übertragen. Auch Laura hatte sich die Windpocken eingefangen.
Einmal kamen Lauras Eltern zu Besuch, beide. Jedenfalls erinnerte Laura sich nur an dieses eine Mal. Die Eltern fuhren ohne sie wieder fort. In einem gelben Mercedes. Laura war am Boden zerstört. Sie rannte dem abfahrenden Auto hinterher, weinte, schrie, bettelte, sie mögen sie doch mitnehmen. Sie sei doch ihre Tochter. „Mama, Maaaamaaaaa! Paaaapaaaa!“ rief sie dem abfahrenden Auto hinterher, aber die Eltern fuhren unerbittlich fort ohne noch einmal anzuhalten. Laura konnte sich nicht erinnern, dass ihre Eltern sie in den Arm genommen hätten oder sich gefreut hätten sie zu sehen. An diesem Tag brach etwas in ihr erneut, diesmal noch tiefer.
Die Pflegefamilie hatte einen süßen Hund. Einen beigefarbenen Cockerspaniel. Laura erinnerte sich nur an eine Begebenheit. Sie saß auf einer hohen Kommode, weil der Cockerspaniel sie in den Bauch gestupst hatte. Laura hatte sich fürchterlich erschrocken und angefangen zu weinen, obwohl sie den Hund eigentlich richtig liebhatte. Ihre Pflegemama hatte sie hoch auf die Kommode gehoben, damit sie von dort beobachten konnte, dass der Hund nur spielen wolle und ganz freundlich bliebe. Laura war vier Jahre alt, als das passierte. Ihre Körperlänge lag bei weniger als einem Meter und der Hund war schon 35 cm hoch. Aus Lauras Sicht war der Hund riesig. Ihre Pflegemama war freundlich zugewandt und zurückhaltend. Sie bedrängte Laura nicht, jedenfalls fühlte Laura sich frei. Ihre Pflegemama sprach wenig mit ihr. So kam es Laura jedenfalls vor. Niemand erzählte ihr etwas über ihre Situation. Es war ganz einfach so.
Im Haus gab es eine Sauna, die Laura einmal gezeigt wurde. Sie wurde nicht angeschaltet, es war wohl Sommer. Es gab auch eine Hängematte, die an einem stabilen Gestell aufgehängt war und auf der großen Terrasse stand, die in einen noch größeren Garten auslief. Der Garten war umsäumt von dichten Nadelbüschen. Dahinter war ein Feld. Nebenan standen weitere Einfamilienhäuser. Die Straße war noch nicht hergerichtet, sondern wies etliche Schlaglöcher in der sandigen Oberfläche auf. Vermutlich stand das Haus in einem Neubaugebiet. An dem Tag, als Lauras Eltern wieder fortfuhren, ohne sie mitzunehmen, rannte sie so schnell sie konnte hinter dem gelben Mercedes ihrer Eltern her. Sie weinte bitterlich. Das Auto entfernte sich zwar langsam, weil es durch die vielen Schlaglöcher schaukelte, aber Laura konnte es nicht einholen. Sie stolperte auf der Sandstraße und schlug der Länge nach hin. Ihre Pflegemama lief ihr hinterher und sammelte sie geradewegs ins häusliche Waschbecken ein, denn mit einer Hand war sie in einem Hundehaufen gelandet. Das Geschrubbe im Waschbecken war unangenehm und begleitet von Lauras Schluchzen. Das Waschbecken war viel zu hoch, ihr Arm war quasi hineingebogen und die Bürste tat auf der Haut weh. Sie verstand nicht, was grad in ihrem Leben geschah.
An einem warmen sonnigen Sommertag gingen Laura, ihre Oma und ihr Papa vom Parkplatz den langen breiten mit Betonplatten belegten Weg hoch über die langgezogenen Treppen zum Eingang des Krankenhauses. Es war ein großes graues Gebäude, und durch den Sonnenschein wirkte es friedlich. Die Stimmung bei ihrer Oma und ihrem Papa schien freundlich zu sein. Sie lächelten und machten kleine Späße miteinander. So jedenfalls empfand es Laura, denn sie selbst war bester Laune. Heute wollten sie seit langer Zeit alle zusammen ihre Mama wiedersehen. Ihre Mama war noch da. Also war alles gut und die Welt wieder in Ordnung. Laura sprang fröhlich vor den anderen beiden vor und zurück, warf die Arme in die Luft, drehte sich im Kreis und fühlte sich fantastisch leicht und gutgelaunt. Ein paarmal wurde sie wohl ermahnt, nicht so übermütig zu sein. Laura sollte gleich ihre Mama wiedersehen! Wer konnte da artig neben den Erwachsenen hergehen? Die Tür zum Zimmer von Lauras Mama war geschlossen. Laura war zuerst am Türgriff, drückte ihn hinunter und betrat vorsichtig ein von der Sonne hell erleuchtetes Doppelzimmer. Das Bett ihrer Mama stand auf der linken Seite am Fenster. Laura lief überglücklich zu ihr. Sie lag im Bett und stand nicht auf. Sie hatte eine der vielen Operationen hinter sich, die auf den Unfall folgten. Ihr Oberkörper war hochgebettet, die Bettdecke hochgezogen. Laura war in der Zwischenzeit tüchtig gewachsen und überlegte nicht lange, sondern hüpfte hoch und landete im Bett ihrer Mama. Sie fühlte sich willkommen, denn Mama lächelte. Sie wollte ganz nah bei ihr sein, sie umarmen und von ihr gehalten werden. Sie dachte es könnte doch nur in Ordnung sein, bei Mama im Bett zu sitzen. Doch da hatte sie sich getäuscht. In dem Moment, als Laura im Bett aufkam, schrie ihre Mama schmerzerfüllt auf. Laura war auf ihren Beinen gelandet. Und die waren kaputt. Vor Lauras stürmischer Begrüßung schon, vom Unfall. Doch das hatte Laura niemand gesagt. Niemand hatte mit ihr über ihre Mama geredet. Wieso waren die Beine kaputt? Und warum waren sie und ihr Papa jetzt so böse auf sie? Laura wurde gescholten und musste vom Bett ihrer Mama wieder herunterklettern. Sie sollte sich vom Bett fernhalten und still sein. Laura war getroffen, das hatte sie doch nicht gewollt! Niemals wollte sie ihrer heißgeliebten Mama wehtun! Warum hatte sie denn niemand vorgewarnt? Jetzt war es zu spät. Die Beine ihrer Mama hatten zwar keinen zusätzlichen Schaden genommen, aber die Stimmung war nun sehr angespannt. Auch zwischen den Erwachsenen. Laura fühlte sich schuldig.
Viel später war ihre Mama wieder zu Hause. Ihr Zuhause war eine ca. 90 qm große Mietwohnung im dritten Stock ohne Fahrstuhl. Lauras Mama hatte eine schwere Kopfverletzung erlitten. Sie musste Sprechen und Schreiben neu lernen. Sie hatte Wortfindungsschwierigkeiten. Der Ast hatte ihren Kopf an der linken Seite hart getroffen. Lauras Mama hatte deswe
