Beschreibung

Vom Wagnis, sich zu binden, erzählen zehn kluge, pointierte Texte großer Autorinnen aus zweihundert Jahren, von Heiratsanträgen und Hochzeiten, von Verlobungszeit und Flitterwochen. Gemeinsame Nenner sind Hoffnung und Zweifel. Wird es gut gehen? Will ich wirklich? Bin ich bereit, vom alten Leben Abschied zu nehmen? Ein Grat zwischen Angst und Zuversicht, der sich oft als äußerst schmal erweist. Immer wieder sind es die Freundinnen und Schwestern, die zurate gezogen werden und Einfluss auf die Entscheidung nehmen. Die Erzählungen spannen einen Bogen durch die Literaturgeschichte und vermitteln ein Bild davon, wie sich die Lebensumstände und Möglichkeiten der Frauen verändern: Auf die Versorgerehe folgt die Liebesheirat – die Zweifel aber bestehen fort, wenn auch in neuer Form. Das Ende bleibt hier und da offen, aber nicht nur die letzte Erzählung schließt mit dem klassischsten aller Happy Endings: dem Ja­-Wort und der vergewisserten Liebe.

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editionfünf–

Hochzeit?  Hochzeit!

Erzählungen von Heiratsanträgen,Fluchtversuchen und der großen Liebe

Originalausgabe 2017

herausgegeben von Nicole Seifert

Zusammenstellung © 2017 editionfünf–

Verlag Silke Weniger, Gräfelfing /Hamburg

Lektorat: Sophia Jungmann, Karen Nölle

Gestaltung: Kathleen Bernsdorf, Berlin

ISBN 978-3-942374-88-0

www.editionfuenf.de

Nicole Seifert

VOM WAGNIS, SICH ZU BINDEN

Jane Austen

DREI SCHWESTERN (1792)

Virginia Woolf

PHYLLIS UND ROSAMOND (1906)

Katherine Mansfield

HERR UND FRAU TAUBE (1921)

Dorothy Parker

DA WÄREN WIR (1931)

Alice Munro

DAS BETTLERMÄDCHEN (1978)

Laurie Colwin

EINE LANDHOCHZEIT (1984)

Bobbie Ann Mason

KOJOTEN (1988)

Zadie Smith

DAS MÄDCHEN MIT DEN PONYFRANSEN (2001)

Lorrie Moore

DANKE, DASS ICH KOMMEN DURFTE (2014)

Karen Köhler

POLARKREIS (2014)

Die Autorinnen

Quellen

Nicole Seifert

VOM WAGNIS, SICH ZU BINDEN

… handeln diese zehn Erzählungen aus zweihundert Jahren weiblicher Literaturgeschichte. Angeordnet sind sie nach dem Zeitpunkt ihrer Entstehung, denn es sind zweihundert Jahre, in denen sich die Lebensumstände und mit ihnen die Bedeutung der Ehe sehr verändert haben. Zu Jane Austens Zeit war jede Frau, die über eine Mitgift verfügte, für die Ehe bestimmt, und bei der Wahl des Ehemannes hatte nur eins im Mittelpunkt zu stehen: seine finanziellen Mittel. Die Ehe war eine sexuelle und ökonomische Verbindung zu dem Zweck, eine Familie zu gründen, und entsprechend unumwunden wurde verhandelt. Auch noch die höheren Töchter in Virginia Woolfs allererster Erzählung von 1906 konnten nicht den Mann heiraten, den sie wollten, und mussten sorgfältig abwägen zwischen dem Charme ihres künftigen Gatten und seinem Geldbeutel. Erst als den Gefühlen mit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts immer mehr Bedeutung beigemessen wurde, vergrößerte sich der Entscheidungsspielraum bei der Partnerwahl. Aber mit den Wahlmöglichkeiten wuchs auch die Verwirrung darüber, welche Auswahlkriterien die richtigen sind, und oft gerieten romantische Vorstellungen mit dem realen Miteinander in Konflikt, begegnete große Verliebtheit tiefer Skepsis – der Stoff, aus dem die hier versammelten Erzählungen sind. Denn was erwartet einen, wenn man den Antrag annimmt? Will man wirklich auf all die anderen Möglichkeiten verzichten, die das Leben bereithalten könnte? Wird man so geliebt werden, wie man ist, und das auf Dauer? Fragen über Fragen, die alle zulaufen auf die eine: Hochzeit? »Hochzeit!«, antwortet so manche – wenn auch nicht jede – Protagonistin in diesem Band.

Jane Austen

DREI SCHWESTERN

BRIEF I

Miss Stanhope an Mrs ***

Meine liebe Fanny,

ich bin das glücklichste Geschöpf unter der Sonne, denn Mr Watts hat mir heute einen Heiratsantrag gemacht. Es ist mein allererster, und ich kann Dir gar nicht sagen, wie stolz und froh ich darüber bin. Wie werde ich über die Duttons triumphieren! Ich glaube fast, dass ich ihn nicht erhören werde, aber weil ich mir noch nicht ganz sicher bin, gab ich ihm eine mehrdeutige Antwort und ließ ihn stehen. Und jetzt, meine liebe Fanny, benötige ich Deinen Rat, ob ich seinen Antrag annehmen soll oder nicht, und damit Du Dir ein Urteil über seine Meriten und seine geschäftliche Lage bilden kannst, will ich Dir berichten, wie es damit steht. Er ist schon ziemlich alt, etwa zweiunddreißig, und sieht so garstig aus, dass ich ihn kaum anschauen mag. Er ist unausstehlich und für mich der abscheulichste Mensch auf der Welt. Er besitzt ein großes Vermögen und wird mich für den Fall seines Todes gut versorgen; aber ach, er ist kerngesund. Kurzum, ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Gebe ich ihm einen Korb, will er, wie er mir andeutete, Sophia seine Hand antragen und wird, wenn auch sie ihn nicht mag, um Georgiana werben, und der Gedanke, dass eine von ihnen vor mir heiratet, ist mir unerträglich. Ich weiß wohl, dass ich für den Rest meines Lebens unglücklich sein werde, wenn ich ihn nehme, denn er ist sehr übellaunig, reizbar und von argwöhnischem Naturell, zudem ein so großer Knicker, dass kein Auskommen mit ihm im Hause ist. Er werde nun mit Mama sprechen, sagte er, das aber verbat ich mir nachdrücklich, denn dann würde sie mich zur Heirat mit ihm zwingen, ob ich ihn will oder nicht; doch hat er es vermutlich inzwischen schon getan, denn er macht nie das, worum man ihn bittet. Ich glaube, ich nehme ihn doch. Welch ein Triumph, vor Sophy, Georgiana und den Duttons verheiratet zu sein! Und er hat versprochen, zur Hochzeit eine neue Equipage anzuschaffen, aber um ein Haar wären wir wegen der Farbe uneins geworden, denn ich bestand auf Blau mit Silber, er dagegen auf schlichtem Schokoladenbraun, und um mich noch mehr zu reizen, sagte er, die neue Equipage solle genauso niedrig sein wie seine alte. Ich sage Dir, ich will ihn nicht. Er werde morgen wiederkommen, meinte er, und sich meine endgültige Antwort holen; ich muss ihn mir wohl doch sichern, solange noch Zeit ist. Die Duttons werden mich beneiden, das ist gewiss, und ich werde Sophy und Georgiana auf allen Winterbällen chaperonieren können. Doch was habe ich davon, wenn er mich wahrscheinlich gar nicht hingehen lässt, denn das Tanzen ist ihm verhasst, und dass andere Menschen an Dingen, die ihm verhasst sind, Gefallen finden könnten, geht über seinen Verstand. Und überdies spricht er sehr viel davon, dass Frauen ins Haus gehörten und dergleichen. Ich glaube, ich nehme ihn nicht, und das würde ich ihm auch sofort sagen, könnte ich nur sicher sein, dass meine Schwestern seinen Antrag nicht annehmen und er sich, wenn sie ihn abweisen, nicht an die Duttons wendet. Nein, dieses Wagnis kann ich nicht eingehen. Wenn er also verspricht, die Kutsche so zu bestellen, wie ich sie möchte, will ich ihn nehmen, wenn nicht, mag er meinethalben allein darin fahren. Ich hoffe, Du billigst meine Entscheidung, etwas Besseres fällt mir nicht ein.

In alter Freundschaft immer die Deine

Mary Stanhope

Von derselben an dieselbe

Liebe Fanny,

ich hatte gerade meinen letzten Brief an Dich versiegelt, als meine Mutter heraufkam und sagte, sie wünsche in einer außerordentlichen Angelegenheit mit mir zu sprechen.

»Ich weiß schon, worum es geht«, sagte ich.

»Mr Watts, dieser alte Narr, hat dir alles erzählt, obschon ich ihn inständig bat, es nicht zu tun. Doch kannst du mich nicht zwingen, ihn zu nehmen, wenn ich nicht will.«

»Ich werde dich nicht zwingen, Kind. Ich möchte nur wissen, wie du über seinen Antrag denkst, und dir nahelegen, dich so oder so zu entscheiden, damit Sophia ihn nehmen kann, falls du ihn nicht willst.«

»Nicht doch«, erwiderte ich eilfertig, »Sophia braucht sich darum nicht zu bekümmern, denn ich werde ihn ganz sicher selbst heiraten.«

»Wenn du das schon beschlossen hast«, sagte meine Mutter, »weiß ich nicht, weshalb du fürchtest, ich könnte dich zu einer dir unwillkommenen Entscheidung zwingen.«

»Weil es für mich noch nicht endgültig feststeht, ob ich ihn nehme oder nicht.«

»Du bist mir schon ein sonderbares Mädchen, Mary. Was du in der einen Minute verkündest, widerrufst du in der nächsten. Sag mir jetzt ein für alle Mal, ob du Mr Watts zu heiraten gedenkst oder nicht.«

»Ich bitte dich, Mama, wie kann ich dir sagen, was ich selbst noch nicht weiß?«

»Dann ersuche ich dich, deine Entscheidung möglichst schnell zu treffen, denn Mr Watts mag sich nicht auf die Folter spannen lassen.«

»Da wird er sich schon nach mir richten müssen.«

»Das wird er nicht, denn wofern du ihm nicht morgen, wenn er zu uns zum Tee kommt, deine endgültige Antwort gibst, will er um Sophy anhalten.«

»Dann werde ich aller Welt verkünden, dass er mir sehr übel mitgespielt hat.«

»Wozu soll das gut sein? Mr Watts wird schon so lange von aller Welt geschmäht, dass es ihm jetzt nichts mehr ausmachen dürfte.«

»Ich wünschte, ich hätte einen Vater oder einen Bruder, die müssten ihn zum Duell fordern.«

»Das wäre recht schlau von ihnen, denn Mr Watts würde daraufhin sogleich das Weite suchen, und ebendeshalb sollst und wirst du noch vor morgen Abend entscheiden, ob du seinen Antrag annimmst.«

»Aber warum muss er um meine Schwestern anhalten, wenn ich ihn nicht will?«

»Meiner Treu, Kind, weil er sich mit unserer Familie zu verbinden wünscht, und weil deine Schwestern ebenso hübsch sind wie du.«

»Aber wird Sophy ihn erhören, Mama, wenn er um sie anhält?«

»Ei, warum denn nicht? Sollte sie aber seinen Antrag ausschlagen, so muss Georgiana ihn nehmen, denn ich werde mir die Gelegenheit, einer meiner Töchter zu einer so guten Partie zu verhelfen, gewiss nicht entgehen lassen. So nütze denn die Zeit wohl und eile dich, mit dir ins Reine zu kommen.«

Damit ging sie. Jetzt, liebe Fanny, bleibt mir nur, Sophy und Georgiana zu fragen, ob sie ihn nehmen wollen, falls er um sie anhält. Wenn sie Nein sagen, bin ich entschlossen, ihn auch abzuweisen, denn ich verabscheue ihn mehr, als ich Dir sagen kann. Und sollte er eine der Duttons heiraten, hätte ich immer noch die Genugtuung, dass er sich zuvor bei mir einen Korb geholt hat. Adieu für jetzt, liebste Freundin!

Immer die Deine

M. S.

Miss Georgiana Stanhope an Miss ***

Mittwoch

Meine liebe Ann,

Sophy und ich haben soeben unserer älteren Schwester eine kleine Komödie vorgespielt, deren wir uns ein wenig schämen, die aber im Hinblick auf die obwaltenden Umstände am Ende doch entschuldbar ist. Unser Nachbar Mr Watts hat Mary einen Antrag gemacht, und sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. Zwar ist er ihr äußerst zuwider (eine Empfindung, mit der sie nicht allein steht), doch würde sie ihn eher heiraten, als zuzugeben, dass er um Sophy oder mich anhält, was er, wie er ihr sagte, beabsichtigt, wenn sie ihn abweist, denn Du musst wissen, dass es die Ärmste als das größte denkbare Unglück ansähe, das ihr widerfahren könnte, wenn wir vor ihr unter die Haube kämen, und um das zu verhindern, wäre sie auch bereit, sich durch eine Verbindung mit Mr Watts ins Unglück zu stürzen. Vor einer Stunde kam sie, um uns zu unseren Absichten auszuforschen und ihr Verhalten entsprechend einzurichten. Kurz zuvor hatte meine Mutter mit uns über diese Angelegenheit gesprochen und erklärt, sie wolle wohl dafür sorgen, dass er nicht außerhalb unserer Familie nach einer Frau zu suchen brauche. »Deshalb«, sagte sie, »soll Sophy ihn haben, wenn Mary ihn nicht will, und wenn Sophy nicht mag, muss es eben Georgiana sein.«

Arme Georgiana! Wir machten beide keinen Versuch, meine Mutter von dieser Absicht abzubringen, denn ihre Vorsätze werden, wie ich leider sagen muss, gewöhnlich weniger vom Verstand bestimmt als von dem festen Willen, sie auszuführen. Doch sobald sie uns verlassen hatte, versicherte ich meiner Schwester, ich erwartete für den Fall, dass Mary Mr Watts abweise, keinesfalls von ihr, dass sie aus Hochherzigkeit ihr Glück aufs Spiel setze, um seine Frau zu werden, wozu sie, wie ich befürchte, aufgrund ihrer Gutmütigkeit und schwesterlichen Zuneigung durchaus imstande wäre.

»Wiegen wir uns«, sagte sie, »einstweilen in der Hoffnung, dass Mary ihm keinen Korb gibt. Und doch – wie wäre es möglich, dass meine Schwester einen Mann erhört, der sie nie und nimmer glücklich machen kann?«

»Er sicherlich nicht, wohl aber sein Vermögen, sein Name, sein Haus, seine Equipage. Ich zweifle nicht daran, dass Mary ihn heiraten wird. Warum auch nicht? Er ist nicht älter als zweiunddreißig, ein sehr passendes Heiratsalter für einen Mann. Gewiss, er ist recht unscheinbar, doch was gilt schon Schönheit bei einem Mann? Besitzt er nur eine angenehme Erscheinung und ein verständiges Gesicht, so mag das vollauf genügen.«

»Sehr wahr, Georgiana, doch ist Mr Watts’ Erscheinung leider außerordentlich gewöhnlich, und seine Züge sind sehr grob.«

»Er gilt als übellaunig, aber kann es nicht sein, dass ihn die Welt bisher nur verkannt hat? Sein Auftreten hat etwas Freimütiges, das einem Mann wohl ansteht. Es heißt, er sei knickrig; wir wollen ihn gewissenhaft nennen. Es heißt, er neige zum Argwohn. Der aber entspringt häufig einem hitzigen Temperament, das man der Jugend wohl verzeihen mag. Kurzum, es ist nicht einzusehen, warum er nicht einen sehr guten Ehemann abgeben oder warum Mary nicht sehr glücklich mit ihm werden sollte.«

Sophy lachte, und ich fuhr fort: »Ob aber Mary ihn erhört oder nicht – mein Entschluss steht fest. Ich würde eher betteln gehen, als Mr Watts heiraten. Er ist von abstoßender Gestalt und hat keine einzige gute Eigenschaft, die einen darüber hinwegsehen ließe. Zwar besitzt er Vermögen. Nur ist es doch nicht gar so groß! Dreitausend im Jahr. Was sind dreitausend im Jahr? Das ist nur sechsmal so viel wie das Einkommen meiner Mutter und kann mich nicht verlocken.«

»Für Mary allerdings ist es eine stolze Summe«, versetzte Sophy und lachte wieder.

»Für Mary! In der Tat, sie sähe ich gern in solchem Wohlstand.«

So plauderten wir zum größten Ergötzen meiner Schwester weiter, bis Mary in beträchtlicher Erregung das Zimmer betrat. Wir rückten am Kamin zusammen, sie setzte sich und schien zunächst nicht recht zu wissen, wie sie beginnen sollte. Schließlich sagte sie ziemlich befangen:

»Höre, Sophy, hättest du nicht Lust, dich zu verheiraten?«

»Mich zu verheiraten! Nicht im mindesten. Doch warum fragst du? Kennst du einen Mann, der um mich anhalten will?«

»Ich … nein, wie sollte ich. Aber darf ich nicht eine alltägliche Frage stellen?«

»Gar so alltäglich ist die Frage wohl nicht, Mary«, versetzte ich.

Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: »Wie würde es dir gefallen, Mr Watts zu heiraten, Sophy?«

Ich blinzelte Sophy zu und übernahm es, für sie zu antworten: »Wen sollte es nicht freuen, einen Mann mit dreitausend Pfund im Jahr heiraten zu können?«

»Sehr wahr«, sagte sie. »Ja, ja, das ist wohl wahr. Du würdest ihn also nehmen, wenn er dir einen Antrag machte, Georgiana? Und du, Sophy?« Sophy widerstrebte es, eine Unwahrheit zu sagen und ihre Schwester zu täuschen. Sie umging Ersteres und beschwichtigte ihr Gewissen ein wenig, indem sie eine mehrdeutige Antwort gab.

»Ich würde genauso handeln wie Georgiana.«

»So hört denn«, sagte Mary und blickte uns triumphierend an. »Ich bin von Mr Watts um meine Hand gebeten worden.«

Wir waren natürlich äußerst überrascht. »Ich wünschte, du gäbest ihm einen Korb«, sagte ich. »Vielleicht nähme er dann mich.«

Kurzum, der Plan gelang, und um das zu durchkreuzen, was sie für unser künftiges Glück hält, ist Mary bereit, etwas zu tun, was sie nie täte, wenn sie wüsste, dass sie damit in Wirklichkeit unser Glück sicherstellt. Dennoch spricht mein Herz mich nicht frei, und Sophys Bedenken sind noch größer. Beruhige unser Gemüt, liebe Ann, indem Du uns schreibst, dass Du unser Vorgehen billigst. Überlege alles wohl. Mary wird großen Gefallen daran finden, eine verheiratete Frau zu sein und uns chaperonieren zu können, und das soll sie auch, denn ich fühle mich verpflichtet, so weit wie möglich dazu beizutragen, dass sie in dem neuen Stand, den zu wählen ich sie veranlasst habe, glücklich wird. Sie werden wohl eine neue Equipage bekommen, für sie das reinste Paradies, und wenn wir Mr Watts überdies noch zum Erwerb eines Phaetons bewegen können, wird sie überglücklich sein. Sophy und mich indes könnten diese Dinge nicht über häusliche Trübsal hinwegtrösten. Bedenke all das und verdamme uns nicht.

Freitag

Gestern Abend kam Mr Watts wie verabredet zum Tee. Sobald seine Kutsche vor dem Haus hielt, trat Mary ans Fenster. »Stell dir vor, Sophy«, sagte sie, »der alte Narr besteht darauf, dass die neue Equipage genau die gleiche Farbe hat wie die alte und ebenso niedrig ist. Aber ich bin entschlossen, mich durchzusetzen. Und wenn sie nicht so hoch sein kann wie die von den Duttons und nicht in Blau und Silber gehalten ist, nehme ich ihn nicht, das sage ich euch. Da ist er schon. Er wird sich ungehobelt benehmen, das weiß ich im Voraus, er wird übler Laune sein und kein höfliches Wort an mich richten oder sich sonst benehmen, wie es sich für einen Liebhaber gehört.« Dann setzte sie sich wieder, und Mr Watts trat ein.

»Gehorsamer Diener, die Damen.« Wir begrüßten ihn, und er setzte sich ebenfalls.

»Schönes Wetter, die Damen.« Dann wandte er sich an Mary. »Nun denn, Miss Stanhope, ich hoffe, Sie haben sich zu einer Entscheidung durchgerungen und teilen mir jetzt gütigst mit, ob Sie mich heiraten wollen oder nicht,«

»Ich denke, Sir«, sagte Mary, »Sie hätten sich bei Ihrer Frage ein wenig gewählter ausdrücken können. Wenn Sie sich so wunderlich aufführen, weiß ich wirklich nicht, ob ich Sie nehmen soll.«

»Mary!«, sagte meine Mutter.

»Ach, Mama, wenn er sich so widerwärtig benimmt …«

»Pst, Mary, so unziemlich darfst du über Mr Watts nicht reden.«

»Legen Sie ihr nur ja keine Zurückhaltung auf, Madam. Es ist durchaus unnötig, sie zur Höflichkeit mir gegenüber anzuhalten. Wenn sie meinen Antrag nicht annehmen will, so versuche ich mein Glück eben anderswo, denn es ist schließlich nicht so, dass ich eine besondere Vorliebe für sie hätte. Mir gilt es im Grunde gleich, ob ich sie nehme oder eine ihrer Schwestern.« Was für ein nichtswürdiger Mensch! Sophy errötete vor Ärger, und auch ich war sehr erzürnt.

»Nun, wenn es denn sein muss«, sagte Mary recht verdrießlich, »dann nehme ich Sie.«

»Ich dächte doch, Miss Stanhope, dass es eine Frau bei einer so großzügigen Versorgung, wie ich sie biete, keine allzu große Überwindung kosten dürfte, ihr Jawort zu geben.«

Mary murmelte etwas, und da ich dicht neben ihr saß, verstand ich ihre Worte: »Was nützt mir eine großzügige Versorgung, wenn so ein Mann ewig lebt?« Laut sagte sie: »Vergessen Sie nicht das Nadelgeld. Zweihundert im Jahr.«

»Hundertfünfzig, Madam.«

»Zweihundert, Sir«, sagte meine Mutter.

»Und denken Sie daran, dass ich eine neue Equipage erwarte, in Blau und Silber und so hoch wie die von den Duttons. Und überdies ein neues Reitpferd, ein feines Spitzenkleid und ungeheuer viele wertvolle Juwelen. Brillanten, wie sie kein Auge je sah, und Perlen, Rubine, Smaragde und sonstigen Schmuck. Sie sollen einen Phaeton anschaffen, cremefarben mit einem Kranz von Silberblumen. Sie sollen mir die besten Braunen im ganzen Königreich kaufen und mich täglich ausfahren. Ich bin noch nicht fertig. Sie sollen Ihr Haus nach meinem Geschmack gänzlich neu einrichten, noch zwei Lakaien zu meiner Bedienung einstellen, mich immer nach Gutdünken schalten und walten lassen und mir ein sehr guter Ehemann sein.«

An dieser Stelle hielt sie inne, da ihr wohl ein wenig der Atem ausgegangen war.

»All das, Mr Watts, kann meine Tochter mit Fug und Recht erwarten.«

»Da wird wohl Ihre Tochter mit Fug und Recht eine Enttäuschung erleben«, sagte er und wollte schon weitersprechen, da fiel Mary ihm ins Wort:

»Sie sollen mir ein vornehmes Gewächshaus bauen und mit Pflanzen ausstatten. Sie sollen dafür Sorge tragen, dass ich den Winter in Bath und das Frühjahr in London verbringen und jeden Sommer eine längere Reise machen kann, und den Rest des Jahres, wenn wir zu Hause sind (Sophy und ich lachten), sollen Sie Bälle und Maskeraden für mich geben. Sie sollen einen besonderen Raum für Theateraufführungen bauen. Als erstes Stück werden wir ›Which is the Man?‹ zeigen, und ich spiele Lady Bell Bloomer.«

»Und was, Miss Stanhope«, fragte Mr Watts, »darf ich dafür als Gegenleistung erwarten?«

»Als Gegenleistung? Die Gewissheit, mir zu Glück und Zufriedenheit verholfen zu haben.«

«Es müsste schon recht sonderbar zugehen, wenn das nach alldem nicht der Fall wäre. Sie sind mir zu anspruchsvoll, Madam, und so wende ich mich denn an Miss Sophy, die vielleicht ihre Erwartungen nicht ganz so hoch gespannt hat.«

»Sie irren, Sir«, sagte Sophy. »Meine Erwartungen mögen zwar nicht ganz auf der gleichen Linie liegen wie die meiner Schwester, sind aber dennoch hoch genug. Ich erwarte von meinem Ehemann, dass er heiter und ausgeglichen ist; dass er bei allem, was er tut, mein Glück im Auge hat; und dass er mich treu und aufrichtig liebt.«

Mr Watts machte große Augen. »Das sind fürwahr recht wunderliche Vorstellungen, junge Dame! Ich rate Ihnen sehr, sie noch vor der Eheschließung abzulegen, sonst werden Sie gewiss genötigt sein, es danach zu tun.«

Indes hatte meine Mutter mit Mary gesprochen und ihr Vorhaltungen gemacht. Diese begriff, dass sie zu weit gegangen war, und Mr Watts hatte sich just mir zugewandt, als sie halb devot, halb verdrießlich sagte: »Sie irren, Mr Watts, wenn Sie glauben, ich hätte es ernst gemeint, als ich so viel verlangte. Auf einer neuen Equipage aber muss ich bestehen.«

»Ja, Sir, Sie werden zugeben, dass Mary das mit Fug und Recht erwarten kann.«

»Ich habe auf jeden Fall vor, eine neue Equipage anzuschaffen, wenn ich heirate, Mrs Stanhope, das habe ich schon immer vorgehabt. Aber sie wird in der Farbe genau wie die alte sein.«

»Ich denke, Mr Watts, Sie sollten meiner Tochter die Höflichkeit erweisen, sie in solchen Dingen nach ihrem Geschmack zu befragen.«

Damit war Mr Watts nicht einverstanden, und geraume Zeit noch beharrte er auf seiner Schokoladenfarbe, indes Mary mit dem gleichen Eifer für Blau-Silber stritt. Schließlich schlug Sophy Mr Watts zu Gefallen als Farbe Dunkelbraun und Mary zu Gefallen eine recht hohe Equipage mit silbernen Kanten vor. Darauf einigten sie sich dann schließlich, wenn auch mit einigem Widerstreben, da beide ihren Standpunkt lieber vollständig durchgesetzt hätten. Hernach wurden andere Dinge besprochen, und man kam überein, Hochzeit zu machen, sobald die Urkunden aufgesetzt waren. Mary war auf eine Sondererlaubnis zur Eheschließung aus. Mr Watts sprach vom Aufgebot. Man einigte sich schließlich auf eine gewöhnliche Heiratserlaubnis. Mary soll seinen Familienschmuck haben, der aber wohl nicht der Rede wert ist, und Mr Watts versprach, ihr ein Reitpferd zu kaufen; dafür hat sie in den kommenden drei Jahren keine Reise nach London oder anderen öffentlichen Orten zu erwarten. Sie wird weder ein Gewächshaus noch ein Privattheater oder einen Phaeton bekommen und muss sich mit nur einer Zofe – ohne zusätzliche Lakaien – begnügen. Die Regelung dieser Fragen nahm den ganzen Abend in Anspruch; Mr Watts aß mit uns und verließ erst um zehn das Haus. Sobald er fort war, stieß Mary hervor: »Gott sei Dank! Endlich ist er weg. Wie ich ihn verabscheue.« Vergeblich stellte Mama ihr vor, wie unziemlich es sei, denjenigen zu verabscheuen, der ihr zum Ehemann bestimmt sei. Sie wurde nicht müde zu verkünden, wie verhasst er ihr sei und wie inständig sie sich wünsche, ihn nie wiederzusehen. Was mag das für eine Ehe werden. Adieu, liebste Ann.

Deine Dich liebende

Georgiana Stanhope

Von derselben an dieselbe

Samstag

Liebe Ann,

Mary, der sehr daran gelegen war, die Kunde von ihrer bevorstehenden Heirat überall zu verbreiten und ihren Triumph über die Duttons auszukosten, forderte uns auf, am Vormittag mit ihr einen Gang nach Stoneham zu machen. Da wir nichts anderes zu tun hatten, waren wir einverstanden und freuten uns an dem Spaziergang, soweit das in Gesellschaft Marys möglich war, deren Unterhaltung sich darin erschöpfte, ihren künftigen Ehemann zu schmähen und sich nach einer blausilbernen Equipage zu verzehren.

Als wir zu den Duttons kamen, fanden wir die beiden Mädchen im Ankleidezimmer, zusammen mit einem sehr gutaussehenden jungen Mann, der uns natürlich vorgestellt wurde. Es ist der Sohn von Sir Henry Brudenell aus Leicestershire. Mr Brudenell ist der stattlichste junge Mann, der mir je begegnet ist, wir sind alle drei sehr von ihm angetan.

Mary, die schier barst im Bewusstsein ihrer eigenen Bedeutung und in dem Drang, sich entsprechend mitzuteilen, konnte, als wir einmal saßen, über das Thema nicht lange schweigen und wandte sich alsbald an Kitty: »Meinst du nicht, dass es nötig sein wird, den ganzen Schmuck neu fassen zu lassen?«

»Notwendig wofür?«

»Wofür? Nun, für meinen Auftritt natürlich.«

»Verzeihung, aber ich verstehe dich nicht. Von welchem Schmuck sprichst du, und wann soll dieser Auftritt sein?«

»Auf dem nächsten Ball natürlich, nach meiner Hochzeit.«

Du kannst dir ihre Überraschung vorstellen. Zuerst waren sie recht skeptisch, doch als wir die Geschichte bestätigten, mussten sie es wohl glauben. »Und wer ist der Glückliche?«, lautete natürlich die erste Frage.

Mary spielte die Schamhafte und erwiderte mit niedergeschlagenem Blick: »Mr Watts.«

Auch hierfür erbaten sie unsere Bestätigung, denn dass ein so hübsches und überdies mit einem kleinen, aber sicheren Vermögen ausgestattetes Mädchen wie Mary aus freien Stücken bereit wäre, einen Mr Watts zu heiraten, war ihnen schier unbegreiflich.

Da nun der Gegenstand angemessen eingeführt war und Mary sich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit fand, legte sich ihre Befangenheit vollkommen, und sie wurde ganz offenherzig und gesprächig. »Es wundert mich, dass ihr noch nichts davon gehört habt, denn derlei Dinge sprechen sich doch schnell in der Nachbarschaft herum.«

»Ich kann dir versichern«, sagte Jemima, »dass ich von dieser Sache keine Ahnung hatte. Geht sie denn schon länger?«

»O ja! Bereits seit Mittwoch.«

Alle lächelten, besonders Mr Brudenell.

»Ihr müsst wissen, dass Mr Watts heftig in mich verliebt ist, so dass es auf seiner Seite eine echte Neigungsehe ist.«

»Doch wohl nicht nur auf seiner Seite«, bemerkte Kitty.

»Ach, wenn auf einer Seite so viel Liebe im Spiel ist, tut sie auf der anderen Seite nicht not. Doch bin ich ihm nicht allzu abgeneigt, obschon er recht garstig aussieht.«

Mr Brudenell machte große Augen, die Dutton-Schwestern lachten, und Sophy und ich schämten uns von Herzen für Mary.

»Wir werden eine neue Equipage bekommen und sehr wahrscheinlich einen Phaeton.« Diese Feststellung entsprach, wie wir wussten, nicht der Wahrheit, doch wenn es der Ärmsten Freude machte, den Anwesenden etwas Derartiges einzureden, mochte ich ihr den harmlosen Spaß nicht verderben.

Sie fuhr fort: »Mr Watts wird mir seinen Familienschmuck schenken, der, wie ich glaube, sehr beträchtlich ist.«

Ich konnte nicht umhin, Sophy zuzuflüstern: »Ich glaube das nicht.«

»Und dieser Schmuck, denke ich, sollte neu gefasst werden, ehe man ihn tragen kann. Ich werde ihn zu meinem ersten Ball nach der Hochzeit anlegen. Falls Mrs Dutton nicht hingehen möchte, will ich euch gern chaperonieren. Sophy und Georgiana nehme ich auf jeden Fall mit.«

»Sehr gütig«, sagte Kitty. »Da du offenbar so gern junge Damen unter deine Fittiche nimmst, solltest du Mrs Edgecumbe fragen, ob sie dich ihre sechs Töchter chaperonieren lässt. Kommen deine Schwestern und wir noch hinzu, so dürfte dein Erscheinen erhebliches Aufsehen erregen.«

Wir mussten alle schmunzeln bis auf Mary, die den Hintersinn ihrer Worte nicht begriffen hatte und kühl erklärte, eine so große Schar wünsche sie nicht zu chaperonieren. Sophy und ich bemühten uns, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, was aber nur für wenige Minuten gelang, denn Mary brachte die Rede sogleich wieder auf sich und ihre bevorstehende Hochzeit. Es tat mir für meine Schwester leid, dass Mr Brudenell ihr offenbar mit großem Ergötzen zuhörte und sie durch Fragen und Bemerkungen ermutigte fortzufahren, denn es lag auf der Hand, dass er sich nur über sie lustig machte. Ich fürchte, er fand sie sehr albern. Er beherrschte sich recht gut, doch war ihm anzusehen, dass er Mühe hatte, ernst zu bleiben. Schließlich aber schien er ihrer Redereien überdrüssig zu sein, er wandte sich uns zu und richtete in der nächsten halben Stunde, ehe wir Stoneham verließen, kaum noch ein Wort an Mary. Auf dem Heimweg konnten wir uns nicht genugtun, Mr Brudenells Wesen und Erscheinung zu preisen.

Zu Hause fanden wir Mr Watts vor. »Na, Miss Stanhope«, sagte er, »wie Sie sehen, bin ich gekommen, um Ihnen die Cour zu schneiden, wie sich das für einen richtigen Liebhaber gehört.«

»Das hätten Sie mir nicht eigens zu sagen brauchen. Ich weiß sehr gut, warum Sie gekommen sind.«

Sophy und ich verließen das Zimmer, da wir der jungen Liebe natürlich nicht im Wege sein wollten. Zu unserer großen Überraschung folgte uns Mary fast unverzüglich nach.

»Wie, hat Mr Watts sein Courschneiden so schnell wieder eingestellt?«, fragte Sophy.

»Courschneiden!«, gab Mary zurück. »Gestritten haben wir. Watts ist so ein Hanswurst, am liebsten würde ich ihn nie wiedersehen.«

»Ich fürchte, daraus wird nichts«, sagte ich, »da er heute hier zu Abend isst. Worum ging denn der Streit?«

»Nur weil ich ihm erzählte, ich hätte heute Vormittag einen Mann gesehen, der viel hübscher ist als er, geriet er in Wut und nannte mich einen Zankteufel, daraufhin sagte ich nur, für mich sei er ein Lumpenkerl, und ließ ihn stehen.«

»Kurz und bündig«, bemerkte Sophy. »Aber sag mir doch, Mary, wie das wieder ins Lot kommen soll.«

»Eigentlich müsste er mich um Verzeihung bitten, doch wenn er es täte, würde ich sie ihm nicht gewähren.«

»Dann hätte ja sein Nachgeben wenig Sinn.«

Wir zogen uns um und gingen dann wieder in den Salon, wo Mama und Mr Watts in vertraulichem Gespräch beisammensaßen. Er hatte sich offenbar über das Betragen ihrer Tochter beschwert, und sie hatte ihm zugeredet, sich nichts daraus zu machen. Und so begegnete er denn Mary mit all seiner gewohnten Artigkeit, und bis auf eine Spitze, die den Phaeton, und eine zweite, die das Gewächshaus betraf, verlief der Abend in schönster Harmonie und Herzlichkeit. Watts will nach London fahren, um die Hochzeitsvorbereitungen voranzutreiben.

In alter Freundschaft verbleibe ich Deine

Georgiana Stanhope

aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann

Virginia Woolf

PHYLLIS UND ROSAMOND

In dieser sehr merkwürdigen Zeit, da wir auf einmal das Bedürfnis nach Bildern von Menschen haben, von ihrem Denken und ihrer Kleidung, mag eine getreue Skizze, gezeichnet allein mit der Fähigkeit zur Wahrheitsliebe, womöglich von gewissem Wert sein.

Neulich hörte ich, wie gesagt wurde, ein jeder sollte genau aufschreiben, wie sein Arbeitstag aussieht; die Nachwelt werde sich über die Niederschrift so freuen wie wir selbst, wenn wir eine Aufzeichnung darüber besäßen, wie der Türsteher des Globe Theatre und der Mann, der das Tor zum Park bewachte, ihren Samstag, den 18. März, im Jahr des Herrn 1568 verbrachten.

Und da die Porträts, die es gibt, fast ausnahmslos Wesen männlichen Geschlechts abbilden, die sichtbarer über die Bühne schreiten, erscheint es lohnend, sich eine der vielen im Schatten zusammengedrängten Frauen als Modell zu wählen. Denn jeder redlich denkende Mensch, der sich mit Geschichte und Biografie beschäftigt, wird feststellen, dass diese verborgenen Gestalten eine ähnliche Stellung innehaben wie die Hand des Puppenspielers beim Tanz von Marionetten; und der Finger liegt auf dem Herzen. Unserem schlichten Blick, das ist wahr, ist es viele Jahrhunderte lang so vorgekommen, als würden die Puppen eigenständig tanzen und ihre Schritte setzen, wie sie es wollten; und das bisschen Licht, das Schriftsteller und Historiker auf den dunklen, beengten Raum hinter den Kulissen zu werfen begonnen haben, hat uns bislang kaum mehr gezeigt, als wie viele Fäden dort von verborgenen Händen gehalten werden, die durch ihr Rucken und Drehen den gesamten Verlauf des Tanzes bestimmen. Diese Vorrede bringt uns alsdann an den Punkt zurück, der am Anfang stand; wir wollen uns so sorgsam, wie wir können, eine kleine Gruppe anschauen, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt (dem 20. Juni 1906) lebt und aus einigen noch zu nennenden Gründen die Eigenschaften vieler zu verkörpern scheint. Ihr Fall ist ein durchaus üblicher, denn es gibt nun einmal viele junge Frauen aus gutsituiertem, angesehenem, gehobenem Elternhaus; sie alle dürften mit ähnlichen Problemen konfrontiert sein und leider nur über eine geringe Auswahl von Lösungen verfügen.