Beschreibung

In Mansfield Park wächst die aus schwierigen Verhältnissen stammende Fanny Price bei ihrer wohlhabenden Tante und deren vier Kindern auf. Dort wird sie mehr geduldet als geliebt. Nur ihr Cousin Edward begegnet ihr mit Zuneigung. Doch das beschauliche Landleben gerät aus den Fugen, als die Londoner Bonvivants Mary und Henry Crowford auftauchen und mit ihren Kabalen und durchtriebenen Verführungskünsten alles auf den Kopf stellen. Eheversprechen werden aufgelöst und reihenweise Herzen gebrochen. Nur die stille Fanny durchschaut das Spiel. Jane Austen, die Meisterin des wohltemperierten Dialogs, des nonchalanten Witzes und der scharfen Charakterzeichnung erweist sich in ihrem dritten Roman als gereifte Erzählerin auf der Höhe ihrer Kunst. Nach ›Gefühl und Vernunft‹ und ›Stolz und Vorurteil‹ verleihen Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié auch ›Mansfield Park‹ einen frischen und modernen Ton. Mit einem Nachwort von Julika Griem. »Die vollkommenste Künstlerin unter (uns) Frauen, eine Autorin, deren Bücher unsterblich sind…« Virginia Woolf über Jane Austen

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EPUB

Seitenzahl: 845


Jane Austen

Mansfield Park

Roman

Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié

FISCHER E-Books

Mit einer illustrierten Zeittafel

zum Leben Jane Austens

und mit einem Nachwort von

Julika Griem

Inhalt

Erstes Buch1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. KapitelZweites Buch1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. KapitelDrittes Buch1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. KapitelAnhangStammbaum Jane AustensZeittafel zum Leben Jane AustensNachwort von Julika GriemEditorische NotizBiographische Notiz

Erstes Buch

1. Kapitel

An die dreißig Jahre ist es her, dass Miss Maria Ward aus Huntingdon, eine Frau mit gerade einmal siebentausend Pfund, das Glück hatte, sich Sir Thomas Bertram zu angeln, von Mansfield Park in der Grafschaft Northampton, und so zum Rang einer Baronetsgattin aufstieg, mit allem Ansehen und allen Annehmlichkeiten eines vornehmen Hauses und eines stattlichen Einkommens. Ganz Huntingdon staunte über diese Verbindung, und selbst ihr Onkel, der Advokat, war der Ansicht, dass ihr für eine solche Partie doch mindestens dreitausend fehlten. Sie hatte zwei Schwestern, denen ihr neuer Rang zustattenkam, und diejenigen in ihrer Bekanntschaft, die fanden, dass Miss Ward und Miss Frances an Schönheit Miss Maria nicht nachstanden, sagten ihnen zuversichtlich eine kaum weniger vorteilhafte Heirat voraus. Aber es gibt nun einmal nicht so viele vermögende Männer auf der Welt, wie es hübsche Frauen gibt, die sie verdienten. Nach einem halben Dutzend Jahren blieb Miss Ward nichts anderes übrig, als den Reverend Mr Norris zu nehmen, einen Freund ihres Schwagers fast ganz ohne eigenes Vermögen, und Miss Frances erging es gar noch schlechter. Miss Wards Heirat war genau besehen nicht zu verachten, denn Sir Thomas war in der glücklichen Lage, seinem Freund mit der Pfarrstelle von Mansfield ein Einkommen verschaffen zu können, und so begannen Mr und Mrs Norris ihr Eheglück mit doch immerhin beinahe tausend Pfund im Jahr. Miss Frances hingegen heiratete, wie man zu sagen pflegt, unter Stande, und das, indem sie sich einen Marineleutnant ohne Bildung, ohne Vermögen, ohne Verbindungen aussuchte, sehr gründlich. Eine unpassendere Wahl hätte sie kaum treffen können. Sir Thomas Bertram hatte Einfluss, den er aus Prinzip, aus Stolz, aus einem allgemeinen Wunsch heraus, das Rechte zu tun, und aus dem Bestreben, jeden aus seiner Verwandtschaft in angesehener Stellung zu sehen, gern für Lady Bertrams Schwester eingesetzt hätte; aber die Stellung ihres Gatten war solcherart, dass kein Einfluss etwas ausrichten konnte, und bevor er die Zeit hatte, sich eine andere Unterstützung auszudenken, war es zwischen den Schwestern bereits zum vollständigen Bruch gekommen. Das Zerwürfnis ergab sich wie von selbst aus dem Betragen aller Beteiligten, ganz wie es nach einer so unbedachten Heirat fast immer zu geschehen pflegt. Um sich nutzlose Vorhaltungen zu ersparen, hatte Mrs Price ihrer Familie gar nicht erst zu dem Thema geschrieben, und sie erfuhren erst davon, als die Ehe bereits geschlossen war. Lady Bertram, eine Frau von äußerst ruhiger Art und bemerkenswert gutmütigem und nachsichtigem Temperament, wäre zufrieden damit gewesen, ihre Schwester einfach aufzugeben und sich danach keine Gedanken mehr zu machen; doch Mrs Norris war von regerem Geist und hatte nicht eher Ruhe, als bis sie Fanny einen langen und energischen Brief geschrieben hatte, in dem sie ihr die Unmöglichkeit ihres Betragens vor Augen hielt und ihr alle erdenklichen schlimmen Folgen ausmalte. Daran nahm wiederum Mrs Price Anstoß, sie war gekränkt und wütend, und eine Antwort, die in ihrer Bitterkeit beide Schwestern gleichermaßen beschimpfte und so respektlose Betrachtungen über den Stolz von Sir Thomas anstellte, dass Mrs Norris sie unmöglich für sich behalten konnte, machte für geraume Zeit jeglichem Umgang zwischen ihnen ein Ende.

Sie wohnten so weit auseinander, die Kreise, in denen sie sich bewegten, hatten so wenig gemein, dass sich in den folgenden elf Jahren kaum eine Gelegenheit ergab, voneinander zu hören, und Sir Thomas konnte sich nur wundern, wie Mrs Norris es wohl erfahren hatte, wenn sie ihnen, wie es von Zeit zu Zeit geschah, mit ärgerlicher Stimme zuzischte, dass Fanny schon wieder ein Kind bekommen habe. Am Ende des elften Jahres jedoch konnte Mrs Price es sich nicht länger leisten, dem Stolz oder dem Ärger nachzugeben und auch nur eine einzige Verbindung zu verlieren, die ihr vielleicht von Nutzen sein konnte. Eine große und immer noch größer werdende Familie, ein Ehemann, der aus dem aktiven Dienst ausgeschieden, aber deswegen dem geselligen Leben und einem guten Tropfen nicht weniger abgeneigt war, und ein sehr mageres Einkommen, von dem sie ihren ganzen Lebensunterhalt bestreiten mussten, legten ihr nahe, sich doch wieder um die Freunde zu bemühen, die sie so leichtfertig verstoßen hatte, und sie wandte sich an Lady Bertram mit einem Brief, aus dem so viel Zerknirschung und Verzweiflung sprachen, ein solcher Überfluss an Kindern und ein solcher Mangel an fast allem anderen, dass alle, die ihn lasen, gar nicht anders konnten, als sich die Aussöhnung zu wünschen. Die neunte Niederkunft stand bevor, und nachdem sie diesen Umstand bejammert und das erwartete Kind ihrer Großzügigkeit anempfohlen hatte, konnte sie nicht umhin zu schreiben, wie sehr auch die anderen acht auf ihrem weiteren Lebensweg der Unterstützung ihrer Verwandtschaft bedürften. Der Älteste sei ein Junge von zehn Jahren, ein hübscher, lebhafter Bursche, der sich danach sehne, etwas von der Welt zu sehen; aber was könne sie ihm schon bieten? Bestehe vielleicht Hoffnung, dass er Sir Thomas auf seinen Besitzungen in Westindien von Nutzen sein könne? Keine Arbeit solle zu gering für ihn sein – oder was halte Sir Thomas vom Armeedepot in Woolwich? Oder wisse er eine Möglichkeit, einen Jungen nach Ostindien zu schicken?

Der Brief tat seine Wirkung. Er stellte Frieden und Eintracht wieder her. Sir Thomas gab freundliche Ratschläge, sprach Empfehlungen aus, Lady Bertram schickte Geld und Windeln, und Mrs Norris schrieb die Briefe.

Das waren die Ergebnisse, die sich sogleich einstellten; und binnen eines Jahres erwuchs Mrs Price sogar ein noch größerer Vorteil daraus. Oft sprach Mrs Norris zu den anderen davon, dass ihre arme Schwester und deren Familie ihr einfach nicht aus dem Sinn gingen und dass etwas in ihrem Herzen offenbar, trotz all dem, was sie bereits für sie getan hätten, noch nicht zufrieden sei – und nach einer Weile konnte sie es einfach nicht mehr für sich behalten und kam damit heraus, sie wünsche sich, dass sie die Last und die Kosten für eines der vielen Kinder ganz von Mrs Prices Schultern nähmen. Was, wenn sie gemeinschaftlich die Verantwortung für ihre älteste Tochter trügen? – ein Mädchen von mittlerweile neun Jahren, mit anderen Worten in einem Alter, in dem es mehr Aufmerksamkeit brauche, als die arme Mutter ihm je geben könne. Was es sie an Aufwand und Mitteln koste, sei nichts im Vergleich zum wohltätigen Nutzen ihrer Unternehmung. Lady Bertram stimmte auf der Stelle zu. »Ich glaube, etwas Besseres können wir gar nicht tun«, sagte sie; »lassen wir das Kind kommen.«

So spontan, so ohne alle Bedenken konnte Sir Thomas sein Einverständnis nicht geben. Er überlegte, er zögerte; die Verantwortung war groß; ein Mädchen, das auf diese Art aufwuchs, musste angemessen versorgt sein, sonst war es grausam, nicht freundlich, es von seiner Familie fortzuholen. Er dachte an seine eigenen vier Kinder – die zwei Söhne – an Cousins und Cousinen, die sich ineinander verlieben, all das –, aber er hatte kaum angefangen, seine Einwände darzulegen, da unterbrach ihn Mrs Norris auch schon mit einer Antwort, die all seine Argumente entkräftete, ob er sie nun vorgebracht hatte oder nicht.

»Mein lieber Sir Thomas, ich verstehe Sie vollkommen und weiß die Großherzigkeit, das Feingefühl in Ihren Überlegungen zu schätzen; so und nicht anders kennen wir es von Ihnen, und ich bin durchaus Ihrer Meinung, im Grundsätzlichen, dass man alles tun muss, um gut für ein Kind zu sorgen, dessen Geschicke man gewissermaßen in die Hand genommen hat; und ich bin gewiss die Letzte, die in so einem Falle nicht ihren Beitrag leisten würde. Da ich keine eigenen Kinder habe, wen sollte ich mit dem wenigen bedenken, das ich einmal zu vergeben habe, wenn nicht die Kinder meiner Schwestern? – und ich bin sicher, dass auch Mr Norris, aufrechter Mann, der er ist … aber Sie wissen ja, ich bin eine Frau, die keine großen Worte macht, keine Beteuerungen. Wir wollen uns nicht durch kleinliche Bedenken von einer guten Tat abhalten lassen. Geben Sie einem Mädchen eine Erziehung, führen Sie es angemessen in die Gesellschaft ein, und es steht zehn zu eins, dass sie eine gute Partie machen wird, ohne dass noch jemandem weitere Kosten entstehen. Eine Nichte von uns, darf ich sagen, oder doch eine Nichte von Ihnen, Sir Thomas, wüchse in einer solchen Umgebung nicht ohne mancherlei Vorteil auf. Ich will nicht behaupten, dass sie so liebreizend würde wie ihre Cousinen. Das bestimmt nicht; aber sie würde in die Gesellschaft dieser Gegend unter so glücklichen Vorzeichen eingeführt, dass sie, nach allem, was wir voraussagen können, gut unterkäme. Sie haben Bedenken wegen Ihrer Söhne – aber sehen Sie denn nicht, dass so etwas gerade dann am unwahrscheinlichsten ist, wenn sie gemeinsam aufwachsen wie Bruder und Schwester? Dann kann es gar nicht geschehen. Ich habe nie von einem Fall gehört. Ja, es ist sogar die einzig verlässliche Methode, eine solche Verbindung zu verhindern. Stellen wir uns vor, sie wäre ein hübsches Mädchen, und Tom oder Edmund sähen sie in sieben Jahren zum ersten Mal, dann, möchte ich prophezeien, kämen Sie in Schwierigkeiten. Allein die Vorstellung, dass man zugelassen hatte, dass sie fern von uns unbeachtet und in Armut groß wurde, würde genügen, dass einer von den beiden braven, gutherzigen Jungen sich in sie verliebte. Aber lassen Sie sie von nun an miteinander aufwachsen, dann wird sie den beiden, und wäre sie auch schön wie ein Engel, nie etwas anderes als eine Schwester sein.«

»Es steckt viel Wahres in dem, was Sie sagen«, erwiderte Sir Thomas, »und fern sei es mir, mich einem Plan in den Weg zu stellen, der offenbar allen Beteiligten so sehr entgegenkommt. Ich wollte nur zu bedenken geben, dass man sich nicht leichtfertig auf diese Dinge einlassen darf und dass wir uns, wenn es Mrs Price tatsächlich von Nutzen sein und uns zur Ehre gereichen soll, verpflichten müssen, dem Kind das Leben einer Frau von Stande zu ermöglichen, auch für den Fall, dass die günstige Verbindung, die Sie so zuversichtlich erwarten, ausbleiben sollte.«

»Ich weiß genau, was Ihnen durch den Kopf geht«, rief Mrs Norris; »Sie sind die Großzügigkeit und Güte in Person, und ich bin mir sicher, in diesem Punkt werden wir uns nie uneins sein. Wann immer ich, das wissen Sie, den Menschen, die mir lieb sind, etwas Gutes tun kann, tue ich es von Herzen; und auch wenn ich für dieses kleine Mädchen nie auch nur ein Hunderstel dessen empfinden könnte, was ich für Ihre lieben Kinder empfinde, es auch niemals in einem solchen Maße als mein eigenes ansehen könnte, würde ich mich doch hassen, wenn ich es fertigbrächte, es zu vernachlässigen. Ist sie denn nicht meiner Schwester Kind? Könnte ich es ertragen, dass sie darbt, und ich hätte ein Stücklein Brot? Mein lieber Sir Thomas, ich mag meine Fehler haben, aber ich habe ein mitfühlendes Herz, und so arm ich auch bin, würde ich mir doch lieber das Notwendigste zum Leben versagen, als jemals kleinlich sein. So will ich also, sofern Sie keine weiteren Einwände haben, morgen meiner armen Schwester schreiben und ihr den Vorschlag unterbreiten; und sobald es entschieden ist, sorge ich dafür, dass das Kind nach Mansfield kommt. Sie müssen sich überhaupt nicht darum kümmern, und meine eigene Mühe, das wissen Sie, rechne ich nie. Ich werde Nanny nach London schicken, und sie kann bei ihrem Vetter, dem Sattler, übernachten, und das Kind kann man dorthin kommen lassen. Es sollte nicht schwer sein, sie von Portsmouth mit der Postkutsche in die Stadt zu schicken, in der Obhut einer vertrauenswürdigen Person unter den Mitreisenden. Es gibt doch immer eine ehrbare Kaufmannsfrau oder jemanden in dieser Art, der gerade in die Stadt fährt.«

Von dem Anschlag auf Nannys Vetter abgesehen, hatte Sir Thomas nichts zu beanstanden, und nachdem ein respektablerer, wenn auch nicht ganz so kostengünstiger Treffpunkt eingesetzt war, galt die Sache als abgemacht, und schon jetzt freuten sich alle, dass sie sich ein so gutes Werk ausgedacht hatten. Allerdings hätte die Genugtuung, hätte man gerecht sein wollen, nicht auf allen Seiten gleich groß sein dürfen – denn Sir Thomas war fest entschlossen, der wahre und beständige Wohltäter des erwählten Kindes zu sein, und Mrs Norris hegte nicht die leiseste Absicht, auch nur einen Penny zu dessen Unterhalt beizusteuern. Zerstreuungen, Klatschgeschichten, Intrigen, da wollte sie gern ihren Beitrag leisten, und keine wusste besser, wie man andere dazu brachte, großzügig zu sein; doch ihre Liebe zum Geld stand der Liebe, andere zu bevormunden, in nichts nach, und sie verstand sich ebenso gut darauf, ihr eigenes zu sparen, wie darauf, das ihrer Freunde auszugeben. Da die Ehe ihr weniger Einkommen beschert hatte, als sie sich über Jahre ausgemalt hatte, hatte sie von Anfang an äußerste Sparsamkeit walten lassen; und was als Umsicht begonnen hatte, führte sie mit Absicht weiter, denn es bot, da nun einmal Kinder fehlten, einen anderen Anlass zu täglicher Sorge. Hätte sie eine Familie zu ernähren gehabt, dann hätte Mrs Norris vielleicht nie gespart; doch da sie keine solchen Sorgen hatte, gab es nichts, was ihre Genügsamkeit gebremst hätte oder die Befriedigung gemindert, die es ihr bereitete, Jahr für Jahr ein Einkommen, das sie ohnehin nie aufzehrten, zu mehren. Mit dieser schönen Einstellung, der keinerlei echte Zuneigung zu ihrer Schwester entgegenstand, würde sie sich ganz mit der Ehre zufriedengeben, sich dies teure Wohlfahrtsunternehmen ausgedacht und es organisiert zu haben – obwohl sie ihr eigenes Herz vielleicht so wenig kannte, dass sie tatsächlich von dieser Unterredung in der glücklichen Überzeugung ins Pfarrhaus zurückkehrte, sie sei die großzügigste Tante und Schwester auf Erden.

Als das Thema das nächste Mal zur Sprache kam, legte sie ihre Ansichten genauer dar; und als Antwort auf Lady Bertrams harmlose Frage »Wo soll denn das Kind als Erstes unterkommen, Schwester, bei euch oder bei uns?«, bekam Sir Thomas nicht ohne Überraschung zu hören, dass Mrs Norris vollkommen außerstande sei, zur Erziehung des Mädchens einen persönlichen Beitrag zu leisten. Er hatte sich vorgestellt, dass sie gerade im Pfarrhaus besonders willkommen sein würde, als ersehnte Gefährtin einer Tante, die keine eigenen Kinder hatte; doch darin hatte er sich ganz und gar getäuscht. Mrs Norris verkündete, es sei, zumindest so wie die Dinge im Augenblick stünden, zu ihrem Bedauern vollkommen undenkbar, dass das Kind bei ihr wohne. Die angegriffene Gesundheit von Mr Norris schließe es aus – er könne den Lärm eines Kindes genauso wenig ertragen wie er fliegen könne. Sollten sich seine Gichtbeschwerden eines Tages bessern, dann könne man neu darüber nachdenken; dann wolle sie gern ihren Beitrag leisten, wenn sie an der Reihe sei, und keine Last solle ihr zu groß sein; derzeit jedoch brauche der arme Mr Norris jede Minute ihrer Zeit, und schon die schiere Erwähnung einer solchen Frage werde gewiss zu viel für ihn sein.

»Dann kommt sie wohl besser zu uns«, schloss Lady Bertram mit größter Gelassenheit. Und nach kurzer Pause fügte Sir Thomas in gesetzten Worten hinzu: »Ja; dieses Haus soll ihr Zuhause sein. Wir wollen sehen, dass wir für sie tun, was ihr zusteht, und in jedem Falle wird es gut für sie sein, wenn sie gleichaltrige Gefährten um sich und regelmäßigen Unterricht hat.«

»Sehr richtig!«, rief Mrs Norris; »das sind beides gewichtige Argumente, und für Miss Lee ist es gleich, ob sie drei Mädchen unterrichtet oder nur zwei – das kann schließlich keinen Unterschied machen. Ich wünschte nur, ich selbst könnte mich nützlicher machen; aber ihr wisst, ich tue alles, was in meinen Kräften steht. Ich bin ja keine von denen, die eine Mühe scheuen; und Nanny soll sie holen, auch wenn es mir noch so viele Ungelegenheiten bereitet, dass ich die größte Stütze meines Haushalts drei volle Tage lang entbehren soll. Ich nehme an, Schwester, du wirst das Kind in der kleinen weißen Bodenkammer unterbringen, da wo früher die Kinderstuben waren. Da ist sie am besten aufgehoben, gleich bei Miss Lee und in der Nähe von den Mädchen, und auch nicht weit entfernt von den Hausmädchen; eine davon könnte ihr doch beim Ankleiden helfen und für ihre Kleider sorgen – du findest gewiss auch, dass es gegenüber Ellis nicht anständig wäre, wenn sie zusätzlich zu den anderen auch noch ihr aufwarten sollte. Ja, ich wüsste überhaupt nicht, wo du sie sonst unterbringen könntest.«

Lady Bertram hatte keine Einwände.

»Ich hoffe nur, das Kind ist von gutmütigem Naturell«, fuhr Mrs Norris fort, »und begreift, was für ein außerordentlich großes Glück es ist, solche Freunde zu haben.«

»Sollte es nicht so sein«, entgegnete Sir Thomas, »dürften wir sie um unserer eigenen Kinder willen nicht in der Familie dulden; aber wir haben keinen Grund, ein solches Übel zu befürchten. Wir werden sicher manches an ihr finden, das wir gern anders sähen, und müssen uns auf großes Unwissen gefasst machen, auf eine gewisse Gewöhnlichkeit, ein erschreckend ungeschliffenes Betragen; aber das sind keine Mängel, die sich nicht beheben lassen – und ich bin sicher, auch keine, die denen, die mit ihr umgehen, gefährlich werden. Wären meine Töchter jünger als sie, dann hätte ich es in der Tat bedenklich gefunden, ihnen eine solche Gefährtin ins Haus zu holen. Doch wie die Dinge stehen, ist für unsere Kinder durch diese Begegnung keine Gefahr zu befürchten, ihr aber wird es ein großer Gewinn sein.«

»Genau mein Gedanke!«, rief Mrs Norris, »und genau das habe ich heute Vormittag zu meinem Gatten auch gesagt. Das Kind kann nur davon lernen, wenn es mit seinen Cousins und Cousinen zusammen ist, habe ich gesagt; selbst wenn Miss Lee ihr nichts beibrächte, würde sie von ihnen lernen, wie man brav und klug ist.«

»Ich will nur hoffen, dass sie meinen armen Mops nicht ärgert«, sagte Lady Bertram; »ich habe Julia ja gerade erst so weit, dass sie ihn in Ruhe lässt.«

»Es wird nicht leicht sein, Mrs Norris«, gab Sir Thomas noch zu bedenken, »den notwendigen gesellschaftlichen Abstand zwischen den Mädchen zu wahren, wenn sie größer werden – meine Töchter dürfen nicht vergessen, wer sie sind, aber zugleich dürfen sie auch ihre Cousine nicht geringachten, und sie selbst darf, ohne dass sie deswegen gar zu bedrückt ist, nicht vergessen, dass sie keine Miss Bertram ist. Ich wünsche mir, dass sie wirklich gute Freundinnen werden, und werde auf keinen Fall dulden, dass meine Mädchen gegenüber ihrer Verwandten auch nur die kleinste Überheblichkeit zeigen; aber sie können nicht ebenbürtig sein. In Stand, Vermögen, Rechten und Aussichten wird es immer einen Unterschied geben. Das will mit Geschick behandelt sein, und Sie müssen uns in unseren Bemühungen unterstützen, damit wir genau den richtigen Umgang mit ihr finden.«

Da half Mrs Norris nur zu gern; sie war ganz seiner Meinung – es sei eine diffizile Angelegenheit, aber gemeinschaftlich werde es ihnen schon gelingen.

Man kann sich leicht vorstellen, dass Mrs Norris nicht vergebens an ihre Schwester schrieb. Mrs Price schien zwar überrascht, dass sie sich auf ein Mädchen geeinigt hatten, wo sie doch so viele prachtvolle Knaben hatte, aber sie nahm das Angebot mit großer Dankbarkeit an und versicherte ihnen, dass ihre Tochter ein fügsames, gutmütiges Mädchen sei; sie würden keinen Anlass finden, sie zu verstoßen. Das Kind sei, fuhr sie fort, ein wenig zart und schwächlich, aber sie vertraue darauf, dass es ihm mit der Luftveränderung gleich bessergehen werde. Die arme Frau! Wahrscheinlich dachte sie, dass eine Luftveränderung vielen ihrer Kinder guttun würde.

2. Kapitel

Das kleine Mädchen überstand die lange Reise unbeschadet, und in Northampton wurde sie von Mrs Norris in Empfang genommen, die sich damit in der Ehre sonnen konnte, sie als Erste willkommen zu heißen, und die wichtige Aufgabe, sie zu den anderen zu geleiten und ihrer Obhut anzuempfehlen, genoss.

Fanny Price war damals gerade zehn Jahre alt geworden, und auch wenn es auf den ersten Blick nicht viel an ihr geben mochte, was für sie einnahm, so gab es doch auch nichts, was ihren Verwandten einen Schrecken eingejagt hätte. Sie war klein für ihr Alter, mit stumpfem Teint, auch sonst keine große Schönheit; übermäßig furchtsam und schüchtern, schreckte sie zurück, sobald man sie ansah; doch ihr Auftreten, wenn auch unsicher, war sittsam, ihre Stimme angenehm, und wenn sie sprach, hellten sich ihre Züge hübsch dabei auf. Sir Thomas und Lady Bertram hießen sie sehr freundlich willkommen, und Sir Thomas, der sah, wie sehr sie Ermunterung brauchte, mühte sich, es ihr so leicht wie möglich zu machen; doch seine eigene ernsthafte, umständliche Art war ihm dabei im Wege – und Lady Bertram, die sich nicht halb so viel Mühe machte und nur ein einziges Wort sprach, wo er zehn brauchte, sollte allein durch ein gutmütiges Lächeln vom ersten Augenblick an die weniger Einschüchternde von beiden sein.

Die jungen Leute waren alle zu Hause und leisteten ihren Beitrag zur Begrüßung, gutmütig und ohne Verlegenheit, zumindest was die beiden Söhne anlangte, die mit sechzehn und siebzehn, und groß für ihr Alter, in den Augen ihrer kleinen Cousine schon den Glanz gestandener Männer hatten. Den Mädchen fiel es nicht ganz so leicht, denn sie waren jünger und fürchteten ihren Vater mehr, der ihnen in seinem Ungeschick nun auch noch besonders ins Gewissen redete. Aber gewohnt wie sie es waren, in Gesellschaft zu sein und gelobt zu werden, waren sie von Natur aus nicht zurückhaltend, und dass ihrer Cousine alles Zutrauen so vollkommen fehlte, steigerte das ihre nur noch; binnen kurzem blickten sie ihr offen ins Gesicht und musterten ohne Scheu ihre Züge und ihr Kleid.

Sie waren eine bemerkenswert gutaussehende Familie, die Söhne stattlich, die Töchter ausgesprochen hübsch, alle gut gewachsen und weit entwickelt für ihr Alter, und so zeigte sich der Unterschied zwischen ihnen im Äußeren nicht minder deutlich, als ihn ihre Erziehung im Auftreten wirken ließ, und niemand hätte gedacht, dass die Mädchen in Wirklichkeit fast gleich alt waren. Tatsächlich lagen aber nur zwei Jahre zwischen der Jüngsten und Fanny. Julia Bertram war gerade erst zwölf und Maria nur ein Jahr älter. Die kleine Besucherin war bei dieser Begrüßung so unglücklich, wie man sich nur vorstellen kann. Sie fürchtete sich vor allen, schämte sich für sich, sehnte sich in ihr verlorenes Zuhause zurück, traute sich nicht aufzublicken, sprach so leise, dass man sie kaum verstehen konnte, und nie ohne Tränen. Auf dem ganzen Weg von Northampton hatte Mrs Norris ihr von ihrem großen Glück gepredigt, von dem gewaltigen Maß an Dankbarkeit und gutem Betragen, das sie dafür schulde, und ihr war elender denn je zumute bei dem Gedanken, was für eine Sünde es war, dass sie nicht glücklich war. Auch die Müdigkeit nach einer so langen Reise setzte ihr nun zu. Vergebens waren die wohlmeinende Leutseligkeit von Sir Thomas und die unablässigen Beteuerungen von Mrs Norris, dass sie ein braves Mädchen sein werde; vergebens lächelte Lady Bertram sie an und ließ sie zu sich und dem Mops aufs Sofa kommen, ja, nicht einmal der Anblick einer Stachelbeertorte war ihr ein Trost; sie konnte kaum zwei Bissen davon nehmen, bevor die Tränen sie am Essen hinderten, und da ihr mit Schlaf am ehesten geholfen schien, brachte man sie mitsamt ihrem Kummer zu Bett.

»Das ist ja nicht gerade ein vielversprechender Anfang«, sagte Mrs Norris, als Fanny das Zimmer verlassen hatte. »Nach allem, was ich ihr auf der Herfahrt eingeschärft habe, hätte ich erwartet, dass sie sich besser benimmt; ich hatte ihr gesagt, wie wichtig es ist, gleich zu Anfang einen guten Eindruck zu machen. Ich hoffe nur, dass sie kein verstocktes Kind ist – wie ihre arme Mutter es früher war; aber wir müssen nachsichtig mit ihr sein – und ich bin mir auch gar nicht sicher, ob es wirklich gegen sie spricht, wenn sie trauert, dass sie von ihrer Familie fortmusste; denn bei allem, was dagegensprach, war es doch ihr Zuhause, und sie begreift noch nicht, um wie viel besser sie es hier hat; aber mit der Zeit wird es schon werden.«

Fanny brauchte allerdings länger, als Mrs Norris ihr zugestanden hätte, um sich an Mansfield Park zu gewöhnen, an die Trennung von allen, mit denen sie bisher gelebt hatte. Ihr Schmerz war groß, doch da niemand sie verstand, half ihr auch niemand. Keiner wollte unfreundlich sein, aber es machte sich auch keiner die Mühe, sie zu trösten.

Der nächste Tag war den Misses Bertram freigegeben worden, damit sie sich in Ruhe mit ihrer kleinen Cousine bekanntmachen und ihr Gesellschaft leisten konnten, doch viel Gemeinsamkeit fanden sie nicht. Sie mussten sie einfach für armselig halten, als sie hörten, dass sie nur zwei Schärpen besaß und nie Französisch gelernt hatte; und als sie merkten, dass das Duett, das sie ihr großmütig vorspielten, sie kaum beeindruckte, blieb ihnen als einziges Mittel noch, ihr ein paar von den weniger wertvollen Spielsachen zu schenken, und dann überließen sie sie sich selbst und widmeten sich dem, was eben gerade ihre liebste Freizeitbeschäftigung sein mochte – Papierblumen basteln oder Goldpapier traktieren.

Ob sie nun bei ihren Cousinen war oder anderswo, ob im Schulzimmer, im Wohnzimmer oder im Garten, Fanny fühlte sich überall gleichermaßen verloren, fand bei jedem Menschen, an jedem Ort Furchteinflößendes. Das Schweigen von Lady Bertram entmutigte sie, Sir Thomas’ ernste Miene ängstigte sie, Mrs Norris’ Ermahnungen bedrängten sie. Ihre Cousinen, beide älter, beschämten sie mit Bemerkungen darüber, wie schmächtig sie war, machten sie verlegen, wenn sie von ihrer Schüchternheit sprachen; Miss Lee rang die Hände über ihre Unwissenheit, und die Dienstmädchen machten sich lustig über ihre Kleider; und wenn sie zu all diesem Kummer auch noch an ihre Geschwister dachte, unter denen sie stets einen wichtigen Platz als Spielgefährtin, Erzieherin und Kindermädchen gehabt hatte, war die Verzweiflung, die sich ihres kleinen Herzens bemächtigte, entsetzlich.

Die Pracht des Anwesens bestaunte sie, aber sie war ihr kein Trost. Die Räume waren zu groß, als dass sie sich unbekümmert darin hätte bewegen können; bei allem, was sie anfasste, fürchtete sie, es zu zerbrechen, und sie schlich in ständigem Schrecken, hier vor diesem, dort vor jenem, durchs Haus; oft flüchtete sie in ihre Kammer und weinte; und das kleine Mädchen, von dem man, wenn es sich am Abend auf ihr Zimmer zurückgezogen hatte, unten im Salon sagte, jetzt sei es sich aber wohl doch des großen Glücks, das ihm zuteilwerde, bewusst geworden, beschloss die Qualen des Tages damit, dass es sich in den Schlaf weinte. Eine Woche war so vergangen, und niemand wusste etwas von ihrem Leid, weil sie es auf ihre stille, verschlossene Art verbarg, da fand sie eines Morgens ihr Vetter Edmund, der jüngere der beiden Söhne, weinend auf der Dachbodentreppe sitzen.

»Mein liebes Cousinchen«, sagte er mit der ganzen Sanftheit eines fühlsamen Menschen, »was hast du?« Und er setzte sich zu ihr und gab sich alle Mühe, ihre Verlegenheit darüber, dass er sie so überrascht hatte, zu vertreiben, wollte sie dazu bewegen, dass sie offen zu ihm sprach. Ob sie krank sei? Oder war jemand böse mit ihr? Hatte sie sich mit Maria oder Julia gestritten? Hatte sie etwas im Unterricht nicht verstanden, das er ihr vielleicht erklären konnte? Kurz, fehle ihr etwas, das er ihr etwa besorgen oder für sie tun könne? Lange Zeit war keine andere Antwort aus ihr herauszubekommen als »Nein – überhaupt nicht – nein, vielen Dank«; aber er ließ nicht locker, und kaum waren sie auf Fannys altes Zuhause zu sprechen gekommen, schon verriet ihm ihr umso heftigeres Schluchzen, wo die Ursache ihres Kummers zu suchen war. Er mühte sich, sie zu trösten.

»Du bist unglücklich, weil du deine Mama verlassen hast, meine liebe kleine Fanny«, sagte er, »und das zeigt, dass du ein gutes Mädchen bist; aber du darfst nicht vergessen, dass du unter Verwandten bist, unter Freunden, die dich alle liebhaben und dich glücklich machen wollen. Komm, wir gehen in den Park, und dann erzählst du mir von deinen Brüdern und Schwestern.«

Mit ein wenig Beharrlichkeit erfuhr er, dass unter diesen Geschwistern, auch wenn sie jeden Einzelnen davon liebhatte, einer war, der ihr häufiger in den Sinn kam als die anderen. Es war William, von dem sie am meisten redete und den sie am meisten vermisste. William, der Älteste, ein Jahr älter als sie, war stets ihr Gefährte und Freund gewesen, ihr Fürsprecher bei der Mutter (deren Liebling er war) in jeder Notlage. William hatte nicht gewollt, dass sie fortging – hatte ihr beteuert, wie sehr er sie vermissen werde. »Aber bestimmt wird William dir schreiben.« Ja, das habe er versprochen; aber sie solle als Erste schreiben, habe er gesagt. »Und wann willst du das tun?« Sie ließ den Kopf hängen und antwortete stockend, das wisse sie nicht; sie habe ja auch kein Papier.

»Wenn das deine einzige Sorge ist – ich kann dir Papier und alles Notwendige besorgen, und dann kannst du deinen Brief schreiben, wann immer du magst. Wärst du glücklich, wenn du an William schriebst?«

»Ja, sehr.«

»Dann soll es jetzt gleich sein. Komm mit ins Frühstückszimmer, da findest du alles, was du brauchst, und wir sind mit Sicherheit für uns allein.«

»Aber – wird der Brief denn auch zur Post kommen?«

»Das wird er, verlass dich auf mich; er geht mit den anderen Briefen ab, und da dein Onkel ihn frankieren wird, kostet er William nichts.«

»Mein Onkel!«, wiederholte Fanny mit erschrockenem Blick.

»Ja – wenn du den Brief geschrieben hast, bringe ich ihn meinem Vater zum Frankieren.«

Fanny hielt das für ein gewagtes Unternehmen, leistete aber keinen weiteren Widerstand; gemeinsam gingen sie ins Frühstückszimmer, und Edmund bereitete den Bogen vor und zog die Linien so gutmütig für sie, wie ihr eigener Bruder es getan hätte, und wahrscheinlich ein wenig gleichmäßiger. Die ganze Zeit, in der sie schrieb, blieb er bei ihr, um ihr mit Federmesser oder Rechtschreibkenntnissen beizustehen, sobald eins von beiden gebraucht wurde; und diesen Aufmerksamkeiten, für die sie ihm sehr dankbar war, fügte er noch eine Freundlichkeit gegenüber ihrem Bruder hinzu, die sie mehr freute als alles andere. Mit eigener Hand schrieb er einen Gruß an Cousin William und schickte ihm unter dem Siegel eine halbe Guinee mit. Fanny war bei all dem so sehr von ihren Gefühlen überwältigt, dass sie keinen Ausdruck dafür fand; aber ihr Gesicht, ein paar einfache Worte, gaben Edmund all ihre Dankbarkeit, ihre Freude zu verstehen, und er fand sie nun doch interessanter, als er gedacht hatte. Er redete noch ein wenig mit ihr und schloss aus all ihren Worten auf ein treusorgendes Herz und den ehrlichen Wunsch, recht zu tun; und er überlegte, dass sie einen Anspruch auf mehr Aufmerksamkeit hatte, der Notlage wegen, in welcher sie steckte, und auch wegen ihrer großen Furcht. Er hatte ihr niemals absichtlich Schmerz bereitet, aber jetzt spürte er, dass ein größeres Maß an Freundlichkeit vonnöten war, und so machte er sich nun als Erstes an die Aufgabe, ihr die Angst vor ihnen allen zu nehmen, und ganz besonders gab er ihr gute Ratschläge für den Umgang mit Maria und Julia und machte ihr Mut, so vergnügt zu sein, wie sie nur konnte.

Von dem Tag an ging es Fanny besser. Sie spürte, dass sie einen Freund hatte, und das Wohlwollen ihres Vetters Edmund machte sie mutiger im Umgang mit allen anderen. Der Ort kam ihr weniger fremd vor, die Leute schienen weniger bedrohlich; und diejenigen, die ihr auch weiterhin Angst einjagten, verstand sie nun immerhin und lernte bald, wie sie ihnen am besten begegnete. Die kleinen Versehen und Unbeholfenheiten, die anfangs alle, allen voran sie selbst, in Verlegenheit gebracht hatten, verschwanden, und schließlich versetzte es sie nicht mehr in Angst und Schrecken, wenn sie zu ihrem Onkel gerufen wurde, und sie fuhr nicht mehr gar so sehr zusammen, wenn die Stimme ihrer Tante Norris erklang. Hin und wieder duldeten ihre Cousinen sie als Spielgefährtin. Auch wenn sie ihnen an Jahren und Körperkraft unterlegen und deswegen ihrer ständigen Gesellschaft nicht würdig war, gab es doch Pläne und Vergnügungen, bei denen eine Dritte durchaus nützlich sein konnte, gerade wenn diese Dritte ein gefügiges, nachgiebiges Wesen hatte; und wenn die Tante sich nach Fannys Fehlern erkundigte oder Edmund seine Schwestern ermahnte, ihr mit der gebührenden Freundlichkeit zu begegnen, mussten sie zugeben, dass Fanny »doch ganz nett« sei.

Edmund selbst war allzeit freundlich, und von Toms Seite hatte sie nichts Schlimmeres zu befürchten als die Art von Späßen, die jeder junge Mann von siebzehn bei einem zehnjährigen Kind für passend hält. Er stand auf der Schwelle zum Erwachsenwerden, voller Lebenslust und mit den verschwenderischen Freiheiten eines ältesten Sohnes, der glaubt, er sei zu nichts anderem auf der Welt, als um Geld auszugeben und sich zu vergnügen. Die Freundlichkeiten, die er seiner kleinen Cousine erwies, entsprachen ganz seiner Stellung und seinen Rechten: Er machte ihr ein paar hübsche Geschenke und amüsierte sich über sie.

Je mehr sich Fannys äußere Erscheinung und ihre Stimmung besserten, desto zufriedener waren Sir Thomas und Mrs Norris mit ihrem wohltätigen Plan; und bald waren sie sich einig, dass Fanny zwar alles andere als klug, aber doch ein folgsames Mädchen war, das ihnen keine großen Schwierigkeiten bereiten würde. Sie waren nicht die Einzigen, die eine geringe Meinung von ihren Fähigkeiten hatten. Fanny konnte lesen, nähen und schreiben, aber sonst hatte sie nichts gelernt; und als ihre Cousinen merkten, dass sie von vielen Dingen, die sie längst wussten, nichts verstand, hielten sie sie für außerordentlich dumm und berichteten in den ersten zwei oder drei Wochen immer wieder das Neueste darüber im Salon. »Stell dir bloß vor, Mama, unsere Cousine hat nicht mal die Landkarte von Europa im Kopf – unsere Cousine kann nicht einmal die Hauptflüsse von Russland aufzählen – sie hat noch nie von Kleinasien gehört – sie kennt nicht den Unterschied zwischen Wasserfarben und Pastell! – Wie merkwürdig! – Hast du je so etwas Dummes gehört?«

»Liebes Kind«, antwortete ihre umsichtige Tante dann, »das ist bedauerlich, aber du darfst nicht erwarten, dass jeder so viel weiß und eine so schnelle Auffassungsgabe hat wie du.«

»Aber, Tante, sie hat wirklich keine Ahnung! – Stell dir vor, gestern Abend haben wir sie gefragt, auf welchem Weg sie nach Irland reisen würde, und sie hat gesagt, sie würde zur Insel Wight übersetzen. Sie hat nichts als die Insel Wight im Kopf, und sie nennt sie die Insel, als ob es auf der ganzen Welt keine anderen Inseln gäbe. Also, ich hätte mich geschämt, wenn ich das in ihrem Alter nicht längst gewusst hätte. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, dass es einmal eine Zeit gab, in der ich viele Dinge, von denen sie noch nie gehört hat, nicht wusste. Es ist schon eine Ewigkeit her, Tante, dass wir die Abfolge der englischen Könige mit dem Datum ihrer Thronbesteigung und den wichtigsten Ereignissen ihrer Regierungszeit auswendig gelernt haben!«

»Ja«, fügte die zweite Schwester hinzu, »und die römischen Kaiser bis hin zu Severus; außerdem eine Menge aus der heidnischen Mythologie, und sämtliche Metalle, Halbmetalle, Planeten und bedeutenden Philosophen.«

»Ja gewiss, meine Lieben, aber ihr seid mit einem hervorragenden Gedächtnis gesegnet, und eure arme Cousine hat wahrscheinlich gar keins. Wie bei allen Dingen gibt es auch beim Gedächtnis sehr große Unterschiede, und deshalb müsst ihr eurer Cousine gegenüber nachsichtig sein und Mitleid mit ihr haben. Vergesst nicht, auch wenn ihr noch so klug und begabt seid, solltet ihr immer bescheiden bleiben; denn ihr wisst zwar schon viel, müsst aber noch sehr viel lernen.«

»Ja, ich weiß; bis ich siebzehn bin. Aber ich muss dir noch etwas anderes über Fanny erzählen, etwas ganz besonders Dummes. Stell dir vor, sie sagt, sie will weder Musik- noch Zeichenunterricht.«

»Das ist allerdings tatsächlich dumm von ihr, meine Liebe, und zeugt von einem großen Mangel an Ehrgeiz und Begabung. Aber genau besehen, frage ich mich, ob es nicht sogar besser ist, denn auch wenn euer Papa und eure Mama (dank meiner Fürsprache) so gütig sind, sie mit euch zusammen aufzuziehen, ist es keineswegs nötig, dass sie so gebildet ist wie ihr – im Gegenteil, es ist sehr viel wünschenswerter, dass der Unterschied gewahrt bleibt.«

Das war die Art von Ratschlägen, mit denen Mrs Norris zur Charakterbildung ihrer Nichten beitrug; und da ist es nicht weiter verwunderlich, dass es ihnen bei allen vielversprechenden Talenten und aller jugendlichen Gelehrsamkeit an den weniger weit verbreiteten Tugenden der Selbsterkenntnis, der Großzügigkeit und der Bescheidenheit vollkommen fehlte. Für alles hatten sie hervorragende Lehrer, nur nicht für ihren Charakter. Sir Thomas war sich dieses Mangels nicht bewusst, denn zwar war er ihnen in allem ein treusorgender Vater, zeigte aber nach außen seine Gefühle nie, und seine verschlossene Art erstickte bei ihnen in seiner Gegenwart jede stärkere Regung.

Lady Bertram schenkte der Erziehung ihrer Töchter nicht die geringste Aufmerksamkeit. Für so etwas hatte sie keine Zeit. Sie war eine Frau, die ihre Tage fein angezogen mit endlosen, weder schönen noch sonderlich nützlichen Handarbeiten auf dem Sofa zubrachte und dabei mehr an ihren Mops als an ihre Kinder dachte; Letztere behandelte sie mit großer Nachsicht, solange es ihr selbst keine Unannehmlichkeiten bereitete, und folgte in allen wichtigen Fragen dem Rat von Sir Thomas, in weniger wichtigen dem ihrer Schwester. Selbst wenn sie mehr Zeit für die Erziehung ihrer Mädchen gehabt hätte, hätte sie den Aufwand wohl für unnötig gehalten, denn sie standen unter der Obhut einer Gouvernante und erfahrener Lehrer und hatten alles, was sie brauchten. Und dass Fanny beim Lernen keine Fortschritte machte, dazu konnte sie nur sagen, dass dies sehr bedauerlich sei, aber manche Menschen seien nun einmal schwer von Begriff, und Fanny müsse sich eben mehr Mühe geben; sie wisse nicht, was man sonst tun könne; und abgesehen von ihrer Schwerfälligkeit könne man dem armen kleinen Ding nichts vorwerfen – sie selbst finde sie ausgesprochen nützlich, wenn sie eine Nachricht zu übermitteln habe oder eine Besorgung zu machen sei.

Trotz all ihrer Fehler, ihrer Unwissenheit und Schüchternheit gehörte Fanny nun zu Mansfield Park, lernte, einen Großteil der Liebe zu ihrem Elternhaus auf das neue Zuhause zu übertragen, und wuchs einigermaßen glücklich im Kreis ihrer Verwandten heran. Maria und Julia waren nicht von Natur aus bösartig; und auch wenn sie Fanny oft herablassend behandelten, hatte diese eine viel zu geringe Meinung von sich selbst, als dass sie sich gedemütigt gefühlt hätte.

Etwa zur selben Zeit, zu der Fanny in die Familie aufgenommen wurde, gab Lady Bertram als Folge einer leichten Unpässlichkeit und einer gehörigen Portion Trägheit das Haus in London auf, in dem sie bis dahin alljährlich das Frühjahr verbracht hatte; fortan lebte sie ganz auf dem Land, und Sir Thomas war, wenn er seinen Pflichten im Parlament nachkam, auf sich gestellt, ob nun die Abwesenheit seiner Frau dies für ihn angenehmer machte oder beschwerlicher. Also blieben die Misses Bertram auf dem Lande, schulten weiter ihr Gedächtnis, übten ihre Duette und wuchsen zu stattlichen jungen Frauen heran; und ihr Vater sah mit Freude, dass sie sich in Erscheinung, Auftreten und Bildung genau so entwickelten, wie er es sich erhofft hatte. Sein ältester Sohn war leichtsinnig und verschwenderisch und hatte seinem Vater schon viel Verdruss bereitet; doch seine übrigen Kinder versprachen ihm nur Gutes. Solange sie den Namen Bertram trugen, würden seine Töchter diesem Namen neuen Glanz verleihen, und wenn sie ihn ablegten, würden sie, darauf vertraute er fest, eine Verbindung eingehen, die dessen würdig war; und Edmunds Charakter, sein gesunder Menschenverstand und sein aufrechtes Wesen verhießen ihm und seiner Familie ein nützliches Dasein in Glück und Ehre. Er sollte Pfarrer werden.

Bei allem Kummer und aller Freude, die seine eigenen Kinder ihm machten, vergaß Sir Thomas nie, auch für die seiner Schwägerin nach Kräften zu sorgen; er unterstützte Mrs Price großzügig in der Ausbildung und Unterbringung ihrer Söhne, jedes Mal, wenn einer alt genug war, ihm einen Beruf zu suchen – und Fanny, auch wenn sie kaum noch Verbindung zu ihrer Familie hatte, nahm es mit großer Freude auf, wenn sie von einer Wohltat gegenüber ihren Geschwistern hörte, überhaupt von allem, was eine Verbesserung ihrer Lage oder Umstände versprach. Ein Mal, und nur dies einzige Mal in all den Jahren, hatte sie das Glück, mit William zusammenzukommen. Die anderen sah sie überhaupt nicht mehr; anscheinend erwartete niemand, dass sie noch einmal zu ihnen zurückkehrte, nicht einmal auf Besuch, niemand zu Hause schien sie zu vermissen; doch William, der sich, kurz nachdem sie die Familie verlassen hatte, entschlossen hatte, zur See zu gehen, wurde eingeladen, eine Woche bei seiner Schwester in Northamptonshire zu verbringen, bevor die Ausbildung begann. Wie glücklich sie waren, einander wiederzusehen, wie sehr sie die gemeinsame Zeit genossen, wie ernsthaft sie in manchen Augenblicken miteinander redeten, das kann man sich vorstellen; und ebenso den Unternehmungsgeist, die Zuversicht des Jungen bis zum letzten Augenblick und den Kummer des Mädchens, als er Abschied nahm. Zum Glück fiel der Besuch in die Weihnachtsferien, und sie konnte sich sogleich von ihrem Vetter Edmund trösten lassen; und der malte ihr das Leben, das William nun führen, und die Stellung, die er mit seinem Beruf erlangen würde, in so schönen Farben aus, dass sie am Ende tatsächlich fand, die Trennung habe vielleicht doch ihr Gutes. Edmund blieb ihr in all dieser Zeit gewogen, und als er Eton abschloss und nach Oxford ging, mehrten sich die Gelegenheiten, seine Freundschaft unter Beweis zu stellen, sogar noch. Nie strich er heraus, dass er mehr tat als die anderen, nie fürchtete er, er könne einmal zu viel tun, stets hatte er ihre Interessen im Sinn, nahm stets Rücksicht auf ihre Gefühle, mühte sich, ihre Vorzüge herauszustellen und die Zaghaftigkeit zu zerstreuen, die verhinderte, dass diese Vorzüge deutlicher zutage traten; er gab ihr Ratschläge, er tröstete sie und machte ihr Mut.

Unbeachtet, wie sie von allen blieb, konnte seine Fürsprache allein Fanny nicht ins Licht rücken, doch trotzdem waren seine Aufmerksamkeiten von größter Bedeutung, denn sie bildeten ihren Verstand und mehrten ihre Freude an dessen Gebrauch. Er wusste, dass sie klug war, dass sie eine rasche Auffassungsgabe hatte, vernünftigen Sinnes war und dass sie gern las, was, wenn man es nur in die rechte Bahn lenkte, ja schon für sich genommen eine Erziehung war. Miss Lee brachte ihr Französisch bei und hörte jeden Tag eine Lektion Geschichte ab; aber die Bücher, die ihre Mußestunden verzauberten, empfahl ihr Edmund, er bildete ihren Geschmack und schärfte ihr Urteil, er gab ihrer Lektüre einen Sinn, denn er sprach mit ihr über das Gelesene und erhöhte durch gut abgemessenes Lob noch dessen Reiz. Zum Dank für diese Dienste liebte sie ihn mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt, ausgenommen William; diese beiden liebte sie genau gleich.

3. Kapitel

Das erste Ereignis von einiger Tragweite in der Familie war der Tod von Mr Norris, der sich zutrug, als Fanny ungefähr fünfzehn Jahre alt war und der zwangsläufig zu Neuerungen und Veränderungen führte. Mrs Norris musste das Pfarrhaus verlassen und zog zunächst nach Mansfield Park, dann in ein Häuschen aus Sir Thomas’ Besitz im Dorf; über den Verlust ihres Gatten tröstete sie sich mit der Überlegung hinweg, dass sie auch ohne ihn gut auskam, und über die Minderung ihres Einkommens mit dem Gedanken, dass ein sparsames Leben nun also notwendiger war denn je.

Die Pfarrstelle war für Edmund bestimmt gewesen, und wäre sein Onkel ein paar Jahre früher gestorben, wäre sie an einen Freund gekommen, der sie verwaltet hätte, bis Edmund alt genug war, seine Weihen zu empfangen. Doch in der Zwischenzeit hatte Tom ein so verschwenderisches Leben geführt, dass nun mit der Stelle anders verfahren werden und der jüngere Bruder helfen musste, für die Ausschweifungen des älteren geradezustehen. Zwar gehörte zum Besitz noch eine zweite Pfarre, die sie weiterhin für Edmund freihielten, doch auch wenn dadurch dafür gesorgt war, dass Sir Thomas bei der Unternehmung kein gar so schlechtes Gewissen hatte, sah er sie doch als Ungerechtigkeit an und gab dies auch seinem älteren Sohn mit klaren Worten zu verstehen, in der Hoffnung, dass er bessere Lehren daraus zog als aus allem, was er ihm bisher an Ermahnungen hatte angedeihen lassen.

»Ich schäme mich für dich, Tom«, sagte er in seinem würdevollsten Tonfall, »es treibt mir die Röte ins Gesicht, dass ich zu einer solchen Maßnahme gezwungen bin, und ich will hoffen, dass du dich wenigstens als Bruder ebenfalls dafür schämst. Du hast Edmund für zehn, zwanzig, dreißig Jahre, vielleicht sein Leben lang, um mehr als die Häfte dessen gebracht, was ihm an Einkommen zugestanden hätte. Möge ich oder (was ich hoffe) mögest du in Zukunft Gelegenheit haben, ihm angemessenen Ersatz zu verschaffen. Und selbst dann würden wir ihm nichts weiter geben als das, was ihm zusteht, und niemals kann etwas den Vorteil ausgleichen, den wir nun aufgeben müssen, um deine Schulden zu bezahlen.«[1]

Tom hörte sich das alles mit einem gewissen Bedauern und einer gewissen Beschämung an, machte sich dann aber so schnell er konnte davon und ließ sich dabei mit schönster Selbstsucht durch den Kopf gehen, dass er ja erstens gar nicht so viele Schulden habe wie manche seiner Freunde, dass zweitens sein alter Herr doch ein ziemlich lästiger Umstandskrämer sei und dass zum dritten der neue Inhaber der Pfarrstelle, wer immer er sein mochte, bestimmt bald sterben würde.

Nun war Mr Norris also tot, und die Pfarre ging an einen gewissen Dr. Grant, der sich, als er nach Mansfield kam und seine Stelle antrat, als robuster Mann von fünfundvierzig erwies und ganz so aussah, als werde er Mr Bertram einen Strich durch die Rechnung machen. Doch nein, so einen kurzhalsigen Kerl, den werde der Schlag treffen; mit genug guten Sachen gefüttert, werde er bald in die Grube fahren.

Er hatte eine Frau, etwa fünfzehn Jahre jünger als er, jedoch keine Kinder, und als sie ankamen, eilte ihnen der übliche Ruf anständiger, freundlicher Leute voraus.

Nun war der Zeitpunkt gekommen, zu dem Sir Thomas erwartet hätte, dass seine Schwägerin ihren Anteil an der Erziehung ihrer Nichte forderte, zumal Mrs Norris’ neue Lebensumstände und das Alter, das Fanny mittlerweile erreicht hatte, doch allem Anschein nach all ihre früheren Einwände gegen das Zusammenleben hinfällig gemacht hatten, ja im Gegenteil diese Veränderung sogar als höchst wünschenswert erscheinen ließen; und da seine eigenen Umstände nicht mehr ganz so freundlich aussahen wie zuvor, denn zu den Verschwendereien seines älteren Sohns waren in jüngster Zeit auch noch Verluste auf seinem Besitz in Westindien gekommen, kam es ihm gar nicht so ungelegen, dass die Kosten für ihren Unterhalt, und auch ein Teil der Verpflichtung, sie später zu versorgen, auf andere übergingen. Bald war er überzeugt, dass es so und nicht anders sein musste, und kündigte diesen Wechsel seiner Frau an; und da es ihr gerade eben wieder einfiel, als Fanny bei ihr stand, sagte sie ganz beiläufig zu ihr: »So, Fanny, du wirst uns also verlassen und bei meiner Schwester wohnen. Wie gefällt dir das?«

Fanny war so überrascht, dass sie nur die Worte ihrer Tante wiederholen konnte: »Euch also verlassen?«

»Ja, meine Liebe – wieso staunst du da? Du bist fünf Jahre bei uns gewesen, und meine Schwester hatte stets die Absicht, dich zu sich zu holen, wenn Mr Norris stirbt. Du kommst natürlich noch oft her und hilfst mir beim Anheften der Schnittmuster.«

Die Nachricht war für Fanny genauso unerwünscht wie unerwartet. Sie hatte von ihrer Tante Norris nie Freundlichkeit erfahren und empfand keine Zuneigung zu ihr.

»Es wird mir sehr leidtun, von hier fortzugehen«, sagte sie, und die Stimme versagte ihr.

»Ja, das wird es dir ganz bestimmt; das ist nur natürlich. Ich darf sagen, du hast, seit du in diesem Haus bist, so wenig Anlass zu Verdruss gehabt, wie ein Mensch auf dieser Welt überhaupt nur haben kann.«

»Ich hoffe, ich bin nicht undankbar«, antwortete Fanny beklommen.

»Nein, meine Liebe; das hoffe ich auch. Ich habe dich immer als äußerst braves Mädchen erlebt.«

»Und ich soll nie wieder hier wohnen?«

»Nie, meine Liebe; aber du bekommst ein schönes neues Zuhause. Für dich kann es doch kein großer Unterschied sein, ob du im einen Haus wohnst oder im anderen.«

Fanny ging tief bekümmert hinaus; ihr schien der Unterschied nicht so gering, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie sich je bei ihrer Tante wohl fühlen würde. Gleich als sie Edmund sah, erzählte sie ihm von ihrem Kummer.

»Es soll etwas geschehen«, sagte sie, »das mir überhaupt nicht gefällt; und auch wenn du mich schon oft dazu gebracht hast, mich mit Dingen abzufinden, die mir anfangs zuwider waren, wird es dir diesmal nicht gelingen. Ich soll von jetzt an bei Tante Norris wohnen.«

»Tatsächlich?«

»Ja, Tante Bertram hat es mir gerade gesagt. Es ist alles entschieden. Ich soll Mansfield Park verlassen und mit ihr ins White Cottage ziehen; wenn sie selbst dort einzieht, nehme ich an.«

»Nun, Fanny, wenn dir die Sache nicht so zuwider wäre, würde ich sagen, das ist ein ausgezeichneter Plan.«

»Ach, Edmund!«

»Alles andere spricht dafür. Es ist nur vernünftig, dass unsere Tante dich bei sich haben will. Sie sucht sich ihre Freundin und Gefährtin genau an der richtigen Stelle, und ich bin froh, dass ihre Liebe zum Geld sie nicht davon abhält. Bei ihr bekommst du einen Platz, wie du ihn haben solltest. Ich hoffe, es quält dich nicht zu sehr, Fanny.«

»Doch, das tut es. Es gefällt mir gar nicht. Ich liebe dieses Haus und alles, was darin ist. Dort werde ich nichts lieben. Du weißt doch, wie unwohl mir in ihrer Nähe ist.«

»Ich will die Art, wie sie dich als Kind behandelt hat, nicht entschuldigen; aber uns anderen gegenüber hat sie sich ja nicht anders betragen, oder kaum anders. Sie hat noch nie gewusst, wie man freundlich zu einem Kind ist. Aber du bist jetzt in einem Alter, in dem man besser behandelt wird; ich glaube, sie behandelt dich schon besser; und wenn du ihre einzige Gefährtin bist, dann musst du ihr etwas bedeuten.«

»Ich werde nie jemandem etwas bedeuten.«

»Was sollte dem entgegenstehen?«

»Alles – meine Stellung – meine Dummheit und Unbeholfenheit.«

»Was Dummheit und Unbeholfenheit betrifft, liebe Fanny, so glaube mir, du hast keine Spur davon, außer wenn du diese Wörter so unbedacht dahersprichst. Nicht einen einzigen Grund gibt es, warum du nicht jemandem etwas bedeuten solltest, wenn er dich erst einmal kennt. Du bist vernünftig, du bist gutmütig, ich bin mir sicher, du hast auch ein dankbares Herz, das niemals Freundlichkeit empfangen würde, ohne dass es sie erwidern will. Besser geeignet zur Freundin und Gefährtin kann man doch gar nicht sein.«

»Das ist sehr freundlich«, sagte Fanny, die von so viel Lob errötete; »wie soll ich dir je danken, wie du es verdienst, dafür, dass du so gut von mir denkst? Ach, Edmund, wenn ich fortgehen muss, dann werde ich deine Güte bis ans Ende meiner Tage nicht vergessen.«

»Wirklich, Fanny – ich will doch hoffen, dass du mich nicht vergisst, wenn du drüben im White Cottage wohnst. Du redest, als gingest du zweihundert Meilen weit fort, statt einfach nur auf die andere Seite des Parks. Du wirst weiter zu uns gehören, fast genauso wie vorher. Jeden Tag im Jahr werden unsere beiden Familien sich sehen. Der einzige Unterschied wird sein, dass dein Leben bei der Tante dich so herausfordern wird, wie du es zum Vorankommen brauchst. Hier bei uns sind zu viele, hinter denen du dich verstecken kannst; bei ihr dagegen wirst du gezwungen sein, für dich zu stehen.«

»Bitte, sag so etwas nicht.«

»Ich muss es sagen, und ich sage es gern. Mrs Norris ist um vieles besser geeignet als meine Mutter, dich von nun an zu fördern. Sie hat eine Art, sich sehr für einen Menschen einzusetzen, wenn sie erst einmal ein Interesse an ihm gefunden hat, und sie wird dafür sorgen, dass die Talente, die in dir schlummern, sich entfalten.«

Fanny seufzte, dann sagte sie: »Mir kommt es alles ganz anders vor; aber ich sollte daran glauben, dass du recht hast und nicht ich, und dir dankbar sein, dass du mir helfen willst, mich in das Unvermeidliche zu fügen. Wenn ich glauben könnte, dass meiner Tante wirklich etwas an mir liegt – das wäre wunderbar, das Gefühl, dass ich doch jemandem etwas bedeute! – Hier ist es nicht so, das weiß ich, und trotzdem liebe ich diesen Ort so sehr.«

»Den Ort, Fanny, musst du nicht hergeben, nur das Haus sollst du verlassen. In Park und Garten wirst du umherstreifen wie zuvor. Nicht einmal dein treues kleines Herz muss sich vor einer Veränderung fürchten, bei der so vieles bleibt, wie es ist. Du kannst die gleichen Spaziergänge machen wie zuvor, dir aus derselben Bibliothek deine Bücher holen, du triffst auf dieselben Leute und reitest auf demselben Pferd.«

»Da hast du recht. Ja, das liebe alte graue Pony. Ach, Edmund, wenn ich daran denke, wie sehr ich mich anfangs vor dem Reiten gefürchtet habe, mit welchem Schrecken ich mir anhörte, es werde mir wahrscheinlich guttun (Oh, was habe ich gezittert, wenn mein Onkel auch nur den Mund aufmachte und auf Pferde zu sprechen kam!), und dann an die liebe Mühe, die du dir gemacht hast, mir meine Ängste auszureden, mich davon zu überzeugen, wie gut es mir schon bald gefallen werde, und wenn ich dann sehe, wie recht du damit hattest – dann will ich doch glauben, dass deine Prophezeieungen sich vielleicht auch hier erfüllen.«

»Und ich bin fest überzeugt, dass dein Umzug zu Mrs Norris genauso gut für deinen Verstand sein wird, wie es das Reiten für deine Gesundheit war – und dich am Ende genauso glücklich macht.«

So endete diese Unterredung, und was den praktischen Nutzen für Fanny anging, so hätte sie ebenso gut unterbleiben können, denn Mrs Norris hegte keinerlei Absicht, sie bei sich aufzunehmen. Wenn sie im Zuge der anstehenden Veränderungen überhaupt an diese Frage dachte, dann als etwas, das es sorgsam zu vermeiden galt. Um solche Erwartungen im Keim zu ersticken, hatte sie das kleinste Haus gewählt, das in der Gemeinde Mansfield eben noch als vornehm gelten konnte; White Cottage war gerade groß genug für sie selbst und ihre Dienstboten sowie für ein Gästezimmer, denn darauf legte sie den größten Wert. In den Gästezimmern im Pfarrhaus hatte zwar nie jemand gewohnt, aber jetzt ließ sie keine Gelegenheit aus zu betonen, wie wichtig ein solches Zimmer sei. Doch auch noch so viele Vorsichtsmaßnahmen konnten nicht verhindern, dass man bessere Absichten bei ihr vermutete; vielleicht hatte sogar erst ihr Beharren auf einem weiteren Zimmer Sir Thomas auf den Gedanken gebracht, dass es in Wirklichkeit für Fanny bestimmt sei. Doch mit einer beiläufigen Bemerkung gegenüber Mrs Norris sorgte Lady Bertram rasch für Klarheit in dieser Frage:

»Auf Miss Lee können wir künftig wohl verzichten, wenn Fanny jetzt zu dir zieht, Schwester?«

Mrs Norris fiel aus allen Wolken. »Zu mir, meine Liebe, wie kommst du denn darauf?«

»Soll sie denn nicht zu dir ziehen? – ich dachte, das hättest du mit Sir Thomas so besprochen?«

»Ich! niemals! Ich habe so etwas Sir Thomas gegenüber mit keiner Silbe erwähnt, und auch er hat nie davon gesprochen. Fanny in meinem Haus! Das ist das Letzte, woran ich denken würde oder was jemand, der uns beide kennt, für wünschenswert halten könnte. Du lieber Himmel! Was sollte ich denn mit Fanny anfangen? – Ich! Eine arme, hilflose, einsame Witwe, zu nichts mehr zu gebrauchen, am Ende ihrer Kräfte. Was könnte ich mit einem Mädchen in ihrem Alter anfangen, einem Mädchen von fünfzehn Jahren! Genau das Alter, in dem Kinder die meiste Aufmerksamkeit und Fürsorge brauchen und selbst das heiterste Gemüt auf eine harte Probe stellen. So etwas kann Sir Thomas doch nicht ernstlich von mir erwarten! Dazu ist er mir zu sehr gewogen. Jemand, der mir wohlgesinnt ist, würde so etwas gewiss nicht vorschlagen. Wie ist Sir Thomas überhaupt auf den Gedanken gekommen, mit dir darüber zu sprechen?«

»Das weiß ich auch nicht. Ich nehme an, er fand es am besten so.«

»Aber was genau hat er gesagt? Sicher nicht, dass es sein Wunsch ist, dass ich Fanny bei mir aufnehme. Das kann er nicht aus wahrem Herzen wollen.«

»Nein, er hat nur gesagt, dass er damit rechnet – und gerechnet habe ich damit auch. Wir dachten beide, dass sie dir ein Trost sein wird. Aber wenn du es nicht willst, müssen wir nicht mehr darüber sprechen. Hier fällt sie niemandem zur Last.«

»Liebe Schwester! Bedenke doch meine unglückliche Lage – wie könnte sie mir da ein Trost sein? Sieh dir mich an, eine arme, verzweifelte Witwe, die gerade einen Ehemann, wie man ihn sich besser überhaupt nicht vorstellen konnte, verloren hat! – die sich die Gesundheit in hingebungsvoller Pflege ruiniert hat, von der seelischen Verfassung gar nicht zu reden – deren Frieden auf dieser Welt dahin ist und der kaum genug für ein Leben bleibt, wie es einer Dame aus gutem Hause ansteht, eines, das dem Andenken des lieben Dahingeschiedenen Ehre macht – wie könnte es mir da ein Trost sein, wenn ich mir mit Fanny eine so schwere Verantwortung aufbürdete! Und selbst wenn ich es um meinetwillen wünschte, würde ich dem armen Mädchen so etwas nicht antun. Sie ist in guten Händen, und für ihr Wohl ist gesorgt. Ich muss meine Sorgen und Schwierigkeiten meistern, so gut es geht.«

»Dann macht es dir nichts aus, ganz allein zu leben?«

»Meine Liebe! Wozu bin ich denn noch anderes gut als zur Einsamkeit? Von Zeit zu Zeit kann ich, hoffe ich, einen Besucher in meinem bescheidenen Heim begrüßen (bei mir soll es immer ein Bett für einen Besucher geben); doch den Großteil meiner Tage werde ich künftig in stiller Abgeschiedenheit zubringen. Wenn ich nur genug zum Leben habe, mehr will ich nicht mehr verlangen.«

»Ich hoffe, ganz so schlecht ist es doch nicht um dich bestellt – schließlich wirst du, wie Sir Thomas sagt, über sechshundert im Jahr verfügen.«

»Meine Liebe, ich will mich ja nicht beklagen. Ich weiß, dass ich nicht weiterleben kann wie bisher, dass ich mich einschränken muss, wo es geht, und lernen, besser hauszuhalten. Ich bin mit Geld immer sehr großzügig umgegangen, aber es macht mir nichts aus, fortan sparsamer zu wirtschaften. Meine Stellung hat sich ebenso verändert wie mein Einkommen. Als Pfarrer der Gemeinde war der arme Mr Norris zu vielem verpflichtet, was man mir nicht abverlangen kann. Man macht sich überhaupt keine Vorstellungen, was die, die im Pfarrhaus ein und aus gingen, aus unserer Küche alles verzehrt haben. Im White Cottage muss auf solche Dinge besser geachtet werden. Ich muss mit meinem Geld auskommen, sonst wird es mein Unglück; und um ehrlich zu sein, wäre es mir eine große Genugtuung, wenn ich am Ende des Jahres auch noch ein wenig beiseitelegen könnte.«

»Bestimmt kannst du das. Es ist dir doch bisher immer gelungen, nicht wahr?«

»Mein Streben, liebe Schwester, gilt denen, die nach mir kommen. Wenn ich mir wünsche, ich wäre wohlhabender, dann denke ich an das Wohl deiner Kinder. Ich habe sonst niemanden, für den ich sorgen muss, aber ich würde mich freuen, wenn ich ihnen eine Kleinigkeit hinterlassen könnte, die ihrer nicht unwürdig ist.«

»Das ist sehr lieb von dir, aber mache dir ihretwegen keine Sorgen. Sie werden auch so genug haben. Darum wird Sir Thomas sich schon kümmern.«

»Aber du weißt, die Mittel von Sir Thomas werden beschränkt sein, wenn der Besitz auf Antigua so wenig abwirft.«

»Oh, das kommt sicher bald in Ordnung. Ich weiß, Sir Thomas hat deswegen schon geschrieben.«

»Nun, meine Liebe«, sagte Mrs Norris und schickte sich an zu gehen, »ich kann nur sagen, dass ich nichts anderes im Sinn habe, als deiner Familie von Nutzen zu sein – wenn also Sir Thomas je wieder darauf zu sprechen kommt, dass ich Fanny bei mir aufnehmen solle, dann kannst du ihm sagen, meine Gesundheit und meine seelische Verfassung ließen es nicht zu – und außerdem hätte ich kein Bett für sie, denn ich brauche doch ein Gästezimmer, falls einmal Freunde kommen.«

Lady Bertram berichtete ihrem Gatten genug von diesem Gespräch, dass er einsah, wie sehr er sich in den Absichten seiner Schwägerin getäuscht hatte; und fortan war diese vor allen Erwartungen, ja der kleinsten Anspielung seinerseits vollkommen sicher. Natürlich wunderte er sich über ihre Weigerung, etwas für eine Nichte zu tun, für deren Aufnahme sie sich mit so viel Nachdruck eingesetzt hatte; aber da sie ihm und Lady Bertram schon zu diesem frühen Zeitpunkt zu verstehen gab, dass alles, was sie besaß, für ihre Kinder bestimmt war, freundete er sich bald mit Aussichten an, die nicht nur vorteilhaft und angenehm für sie beide waren, sondern ihn zudem in die Lage versetzten, selbst besser für Fanny zu sorgen.