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Watson und Holmes: getrennt gefährdet, zusammen unschlagbar Charlotte Holmes und Jamie Watson hatten seit jener schrecklichen Nacht vor einem Jahr keinen Kontakt. Jamie versucht seinen Schulabschluss ohne weiteren Vorfall hinzubekommen und eine Beziehung zu führen mit einem netten Mädchen, in das er sich aber einfach nicht verlieben kann. Charlotte ist auf der Flucht vor Lucien Moriarty – und ihren Fehlern. Sie weiß, dass in ihrer Nähe niemand sicher ist. Und dass Watson ihr niemals vergeben kann. Sie sind vielleicht nicht auf Versöhnung aus, aber irgendjemand will sie wieder zusammenbringen. Jemand, der sie beobachtet, Pläne gemacht, abgewartet hat. Jemand, der einen von beiden leiden und den anderen tot sehen will.
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Seitenzahl: 447
Veröffentlichungsjahr: 2019
Brittany Cavallaro
Holmes & ich
Der Fall Jamie
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Anja Galić
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Cover
Haupttitel
Widmung
Zitat
Stammbaum
1. Jamie
2. Charlotte
3. Jamie
4. Charlotte
5. Jamie
6. Charlotte
7. Jamie
8. Charlotte
9. Jamie
10. Charlotte
11. Jamie
12. Charlotte
13. Jamie
14. Charlotte
15. Jamie
16. Charlotte
17. Jamie
18. Charlotte
19. Jamie
20. Charlotte
21. Jamie
22. Charlotte
23. Jamie
24. Charlotte
25. Jamie
26. Charlotte
27. Jamie
28. Charlotte
29. Jamie
30. Charlotte
31. Charlotte
EPILOG
DANKSAGUNG
Über Brittany Cavallaro
Über das Buch
Impressum
Für Annalise, Lena, Rachel und alle anderen genialen Mädchen, mit denen ich die Ehre hatte zu arbeiten
»Sie sind die einzige Konstante in einer sich stetig verändernden Zeit.«
Sir Arthur Conan Doyle,
Seine Abschiedsvorstellung
Es war Januar in Connecticut und es hatte seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr aufgehört zu schneien. Der Schnee sammelte sich auf den Fenstersimsen, in den Backsteinfugen des neu errichteten Naturwissenschaftsgebäudes und beschwerte die kahlen Äste der Bäume. Ich schüttelte ihn vor jedem Kurs von meiner Wollmütze, zauste ihn mir aus den Haaren, klaubte ihn von meinen Socken. Meine Füße waren schon ganz wund. Ich fand ihn überall, Schnee, der nie ganz zu schmelzen schien, der an meinem Rucksack und meinem Blazer haften blieb und an besonders schlimmen Tagen an meinen Augenbrauen, von denen er in der ersten Unterrichtsstunde mein Gesicht hinunterschmolz, als wären es Schweißperlen, als hätte ich irgendeine Schuld auf mich geladen.
Wenn ich in mein Zimmer zurückkam, breitete ich meinen Parka wie einen Körper auf dem zweiten Bett aus, damit der Schnee nicht auf den Teppich tropfte. Ich hatte es satt, ständig nasse Füße zu haben. Eine feuchte Ersatzmatratze schien das kleinere Übel zu sein. Aber während der Winter sich immer weiter in die Länge zog, fiel es mir schwer, in dieser kläglichen Parka-Mann-Hülle keine Metapher zu sehen, vor allem in den Nächten, in denen ich nicht schlafen konnte.
Aber ich war fertig damit, überall Metaphern zu sehen.
Vielleicht sollte ich so anfangen: Einen Mord angehängt zu bekommen bringt nicht viele Vorteile mit sich. Es gab mal eine Zeit, in der ich gesagt hätte, Charlotte Holmes zu begegnen wäre das einzig Gute gewesen, das aus dieser Katastrophe hervorgegangen war. Aber da hätte mein früheres Ich gesprochen, das, das dieses Mädchen mythologisiert hatte, bis ich den Menschen hinter meiner selbst erfundenen Geschichte nicht mehr sehen konnte.
Wenn ich sie nicht als das sehen konnte, was sie war, was sie schon immer gewesen war, würde ich genauso große Schwierigkeiten damit haben, mich selbst als den zu sehen, der ich war. Mein Irrglaube war nicht ungewöhnlich gewesen. Der große Irrglaube, dass das eigene Leben eine Geschichte ist, die sich eine erzählerische Klippe hinaufwindet, einem Höhepunkt entgegen, dem Moment, in dem man eine schwere Entscheidung fällt, das Böse besiegt, sich endlich als würdig erweist. Eine Art Fußabdruck in der Welt hinterlässt.
Vielleicht fing es an, als ich die Geschichte meines Urururgroßvaters las, in der Sherlock Holmes den Reichenbachfall hinunterstürzt, nachdem er endlich Professor Moriarty bezwungen hat. Ein großes Opfer, das von einem großen Mann dargebracht wurde – um das Böse zu besiegen, hatte Holmes sich selbst opfern müssen. Ich habe »Das letzte Problem« genauso analysiert, wie ich alle anderen Geschichten analysiert habe, habe diese Erzählungen benutzt, um mir daraus einen Ratgeber für Abenteuer, Verpflichtung und Freundschaft zusammenzuschustern, so wie jeder junge Mensch nach Vorbildern sucht. Und dann hatte ich mich zu viele Jahre an diesen Vorstellungen festgehalten.
Weil es dort draußen keine Bösewichte wie aus dem Lehrbuch gibt. Keine Helden. Es gab Sherlock Holmes, der seinen eigenen Tod vortäuschte und drei Jahre später wieder auftauchte, als wäre nie etwas geschehen, und erwartete, mit offenen Armen empfangen zu werden. Es gab selbstsüchtige Menschen und es gab diejenigen von uns, die sich aus einer unangebrachten Loyalität heraus für sie ins Joch spannen ließen.
Mittlerweile wusste ich, dass es dumm gewesen war, so von der Vergangenheit besessen zu sein, nicht nur in Bezug auf meine Abstammung, sondern auch von der jüngsten Vergangenheit, den Monaten, die ich mit meiner eigenen Holmes verbracht hatte. Ich hatte zu viel Zeit damit verloren. Mit ihr. Es war vorbei. Ich veränderte mich. Schmetterlinge, Larven … was auch immer. Ich hatte mir einen Kokon gesponnen. Ich würde mich als realistischerer Jamie Watson entpuppen.
Anfangs war es schwer, sich daran zu halten. Als ich vom Anwesen der Holmes nach Sherringford zurückkehrte, passierte es mir mehr als einmal, dass ich mich im vierten Stock des Naturwissenschaftsgebäudes wiederfand, ohne wirklich zu wissen, wie ich dort hingekommen war. Letztlich spielte es keine Rolle. Ich hätte bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag an der Tür zu Raum 442 klopfen können. Ich hätte keine Antwort erhalten.
Ich kam schon bald zu dem Schluss, dass es nichts nützte, den Kopf hängen zu lassen. Ich musste Bilanz ziehen. Eine schriftliche. Statt wie in der Vergangenheit eine Geschichte daraus zu machen, würde ich objektiv bleiben. Was war seit dem Tag, an dem Lee Dobson tot in seinem Zimmer aufgefunden wurde, mit mir passiert? Was waren die Fakten?
Auf der Sollseite: tote Freunde; tote Feinde; übelster Verrat; allumfassendes Misstrauen; ein gebrochenes Herz; Gehirnerschütterungen; Entführungen; eine so oft gebrochene Nase, dass ich allmählich wie ein zweitklassiger Boxer aussah. (Oder wie ein Bibliothekar nach einem Überfall auf offener Straße.)
Und auf der Habenseite?
Mein Vater und ich redeten wieder miteinander. Ich schlug ihn regelmäßig beim Handy-Scrabble.
Was meine Mutter betraf – tja, so richtig rund lief es nicht. Neulich Abend rief sie mich an, um mir zu erzählen, dass sie jemanden kennengelernt hatte. Es ist nichts Ernstes, Jamie, sagte sie, aber das Zögern in ihrer Stimme deutete an, dass das Gegenteil der Fall war. Dass sie Angst hatte, ich könnte mit derselben Feindseligkeit reagieren, die ich damals meinem Vater gegenüber an den Tag legte, als er Abigail, meine Stiefmutter, kennenlernte und heiratete.
»Selbst wenn es etwas Ernstes ist«, antwortete ich, »oder besser, dann erst recht – ich freu mich für dich.«
»Okay.« Pause. Dann: »Er ist Waliser. Sehr liebenswürdig. Ich habe ihm erzählt, dass du schreibst, und er meinte, dass er gern mal etwas von dir lesen würde. Er weiß nicht, was für düstere Geschichten es sind, aber ich glaube, er würde sie trotzdem mögen.«
Diese Geschichten, die ich geschrieben hatte und in denen es um mein eigenes Leben ging – es waren gar keine Geschichten, und meine Mutter wusste das. Sie konnte sich nur nicht dazu durchringen, es laut auszusprechen.
Seltsamerweise war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte – nicht die Liste mit den Pros und Kontras, sondern die Erkenntnis, dass die Monate, in denen ich mit Charlotte Holmes befreundet gewesen war, so bedrückend waren, dass meine Mutter sich genötigt sah, vor dem Inhalt zu warnen.
Zehn Minuten nachdem ich im Büro der Schulleiterin meinen Fall dargelegt hatte, packte ich meine Sachen und zog in Michener Hall ein Stockwerk tiefer. Ich hatte die ganze Fälschlicherweise-des-Mordes-beschuldigt-Sache benutzt, um mir ein Einzelzimmer zu verschaffen. Die Entschuldigung war ein Jahr alt, aber immer noch stichhaltig. Dank ihr bekam ich, was ich wollte. Kein Zimmernachbar mehr, der mich beim Verzweifeltsein beobachtete. Überhaupt niemand mehr. Nur noch ich, damit ich mir ein neues Leben aufbauen konnte, eines, das ich wirklich leben wollte.
So verging die Zeit, wie sie das meistens tut.
Es war wieder Januar in Connecticut und es wollte nicht aufhören zu schneien. Es war mir egal. Ich hatte ein Literaturmagazin herauszugeben, für die Rugbysaison im Frühling zu trainieren, jeden Abend stundenlang Hausaufgaben zu machen. Ich hatte Freunde, neue Freunde, die nicht meine komplette Zeit und Geduld und unverdienterweise mein uneingeschränktes Vertrauen einforderten.
Es war mein letztes Halbjahr in Sherringford. Ich hatte Charlotte Holmes seit einem Jahr nicht mehr gesehen.
Niemand hatte das.
»Ich habe dir deinen Platz freigehalten.« Elizabeth nahm ihre Tasche von dem Stuhl neben sich. »Hast du mir …«
»Hier.« Ich holte eine Dose Cola-Light aus meinem Rucksack. Letztes Jahr waren in der Cafeteria Softdrinks abgeschafft worden (und die Müsli-Bar, deren Verlust wir alle öffentlich beklagten), aber meine Freundin umging geschickt die Regeln, indem sie dafür sorgte, dass in dem Minikühlschrank auf meinem Zimmer immer ein Sixpack Cola-Light lagerte.
»Danke.« Sie knackte den Verschluss auf und goss sich etwas in ein schon bereitstehendes Glas mit Eiswürfeln.
»Wo sind die anderen?«, fragte ich, weil unser Mittagstisch leer war.
»Lena hat noch ihren Tofu in der Mikrowelle. Diesmal versucht sie ihn mit so einer Soja-Honig-Soße aufzupeppen. Es riecht widerlich. Toms Therapeut musste die Sitzung vorverlegen, aber die Stunde müsste gleich zu Ende sein. Mariella steht noch mit ihrer Freundin Anna an, vielleicht sitzt sie heute bei uns, und wo deine Rugby-Kumpel sind, weiß ich nicht.«
Ich zog eine Grimasse. »Ich habe sie drüben beim Brot gesehen. Wahrscheinlich decken sie sich mit Kohlehydraten für ihre Trainingseinheit ein.«
»Um Masse aufzubauen«, ahmte Elizabeth Randall nach.
Ein Running Gag zwischen uns; ich kannte meinen Text: »Masse.«
»Masssssse.«
»Mmmmassse.«
Wir prusteten. Es gehörte zu unserem Ritual. Sie konzentrierte sich wieder auf ihren Burger; ich konzentrierte mich wieder auf meinen Burger. Nach und nach tauchten unsere Freunde auf, und als Tom schließlich kam, klopfte er mir auf den Rücken und klaute sich eine Handvoll von meinen Fritten. Ich sah ihn mit hochgezogener Braue an, die »Wie ist es in der Therapie gelaufen«-Braue, und er antwortete mit einem »Gut«-Achselzucken.
»Alles okay?«, raunte Elizabeth mir zu. In meinen dunkleren Momenten glaubte ich, dass das ihre Lieblingsfrage war.
»Alles bestens.«
Sie nickte und las weiter in ihrem Buch. Dann schaute sie wieder auf. »Bist du sicher? Du klingst ein bisschen …«
»Nein«, antwortete ich eine Spur zu schnell und rang mir ein Lächeln ab. »Nein. Wirklich. Mir geht’s gut.«
Es war wie ein Tanz, dessen Schritte ich wie im Schlaf beherrschte, den ich kopfüber auf einem sinkenden und in Flammen stehenden Kreuzfahrtschiff aufführen konnte. Im Herbst verbrachten wir die Mittagspause auf dem Hof; im Frühling auf den Stufen vor der Cafeteria. Jetzt war es Winter, also hatten wir unseren Stammtisch neben der Essensaugabe in Beschlag genommen, und ich lauschte dem leisen Summen der Lampen, die das Essen warm hielten. Mariella und Tom gingen ihre Chancen durch, an der Universität ihrer Wahl über das Frühzulassungsverfahren angenommen zu werden. Diese Woche sollten die Benachrichtigungen kommen (Tom University of Michigan; Mariella Yale) und sie konnten über nichts anderes mehr reden. Lena schrieb jemandem unter dem Tisch eine Nachricht und löffelte mit ihrer freien Hand ihren Tofu, während Randall und Kittredge die blauen Flecken verglichen, die sie sich beim Training geholt hatten. Kittredge war sich sicher, dass irgendjemand nachts Löcher in das Rugbyfeld buddelte. Randall war sich sicher, dass Kittredge bloß ein tollpatschiger Idiot war. Elizabeth hatte wie immer einen Roman neben ihrem Tablett liegen und war taub für alles andere, während sie in ihrer Elizabeth-Welt die Seiten umblätterte. Ich wusste nie, was darin vor sich ging. Ich glaubte nicht, dass mir bis zum Abschluss noch genügend Zeit blieb, es herauszufinden.
Mehr als jeder andere wusste ich, dass Elizabeth eine Alleskönnerin war. Es war fast schon Furcht einflößend. Wenn ihre Schuluniformhose einen halben Zentimeter zu lang vom Schneider zurückkam, lernte sie, sie selbst umzunähen. Wenn sie sowohl den Shakespeare-Kurs als auch den Tanzkurs für Fortgeschrittene belegen wollte und beide zur selben Zeit stattfanden, stellte sie einen Antrag auf Freies Lernen für das Thema »Eine Annäherung an Romeo und Julia mittels Irischem Stepptanz«, den sie bis zum Abend bewilligt bekam.
Als der Junge, in den sie verliebt war, niedergeschlagen und verbittert ins Internat zurückkehrte, wartete sie ein halbes Jahr, bis er seine Wunden geleckt hatte, und fragte ihn dann nach einem Date. Hast du Lust, mit mir auf den Homecoming-Ball zu gehen?, hatte letzten Herbst auf der Nachricht in meinem Postfach gestanden. Ich verspreche, diesmal nicht an einem Diamanten zu ersticken.
Ich hatte Ja gesagt. Damals wusste ich nicht so genau, warum – obwohl ich aufgehört hatte, um meine und Holmes’ Nicht-Beziehung zu trauern, hatte ich mich nicht nach anderen Mädchen umgeschaut. Die meiste Zeit hatte ich mit Lernen verbracht. Das war so langweilig wie es klang, aber wenn ich meine Noten nicht verbesserte, konnte ich es mir abschminken, überhaupt an irgendeiner Uni angenommen zu werden, geschweige denn an einer, auf die ich wollte.
Der Mord an Dobson wird nicht ewig als Entschuldigung für Ihre Noten herhalten, hatte der Vertrauenslehrer gesagt. Aber er wird zu einem ausgesprochen überzeugenden Bewerbungsschreiben beitragen!
Also fing ich an zu lernen. Ich spielte Rugby in der Hoffnung, dass vielleicht irgendeine Traumuni auf der Suche nach einem drahtigen englischen Halfback auf mich aufmerksam werden würde, falls meine Noten trotzdem nicht gut genug wären. Mit Elizabeth auf den Homecoming-Ball zu gehen geschah aus einer Art Pflichtgefühl heraus – dieser Plastikdiamant in ihrer Kehle war mehr oder weniger mein Verschulden gewesen, auch wenn ich ihn nicht selbst dort platziert hatte –, und zu meiner Überraschung hatte ich mehr Spaß mit ihr als mit sonst irgendwem während der letzten Monate.
Für Elizabeth war das keine Überraschung. »Du stehst eben auf einen ganz bestimmten Typ Mädchen«, hatte sie lachend unter den Diskolichtern gesagt. Sie hatte sich ihre langen blonden Haare zu springenden Locken gedreht und trug eine funkelnde Halskette, die beim Tanzen hin- und herschwang, und wenn sie lachte, lachte sie mit ihrem ganzen Körper, und ich mochte sie. Ich mochte sie wirklich.
Ich hatte das seltsame Gefühl, ein altes Kapitel in meinem Leben zu überschreiben, bis vom Ursprungstext nichts mehr übrig war.
»Und der wäre?«, hatte ich gefragt, nicht sicher, ob ich es wirklich wissen wollte. Umgeben von der Musik und dem über die Tanzfläche wabernden künstlichen Nebel stand ich mit dem einen Bein noch im letzten Jahr, aber mit dem anderen bereits in diesem.
Sie hatte mich draufgängerisch angegrinst. Es war kein Draufgängertum, wie ich es gewohnt war. Sondern eins ohne Geheimnisse. Eins, von dem keine Gefahr ausging. Es war das Lächeln eines klugen Mädchens, das zu seinem Recht kam, das wusste, dass es kurz davor war, das zu kriegen, was es wollte. »Du magst Mädchen, die sich nichts von dir gefallen lassen«, hatte sie gesagt und mich geküsst.
Sie hatte recht. Ich mochte Mädchen, die schlagfertig waren; ich mochte Mädchen mit nachdenklichen Augen. Elizabeth hatte beides, und auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, dass ich ein Punkt auf ihrer Checkliste war, den sie erfolgreich abgehakt hatte (Dir den Jungen angeln, auf den du seit der neunten Klasse stehst), tja …
Es hatte weniger etwas mit ihr als mit meinem eigenen Mist zu tun. Ich starrte nämlich wie immer aus dem hell erleuchteten Fenster, grübelte über meinen Aufsatz für Europäische Geschichte nach, über mein Arbeitsblatt für Infinitesimalrechnung und über die eine Million anderen Bälle, mit denen ich jonglierte – oder besser gesagt, versuchte mich davon zu überzeugen, dass ich darüber nachgrübeln musste, dass ich mich dazu zwingen musste, mich dafür zu interessieren.
Dann fiel plötzlich hinter mir jemandem mit einem lauten Scheppern das Tablett herunter und alles war wieder da.
Ich auf einem Rasen in Sussex, August Moriarty zu meinen Füßen, Blut auf dem Schnee. Polizeisirenen, die näher kamen. Charlotte Holmes mit weißen, aufgesprungenen Lippen. Diese letzten Sekunden in diesem anderen Leben.
»Bin gleich wieder da«, sagte ich, aber niemand hörte es, noch nicht einmal Elizabeth, die in ihr Buch versunken war. Immerhin schaffte ich es, den Brechreiz zu kontrollieren, bis ich auf der Toilette war.
Einer der Lacrosse-Spieler wusch sich gerade die Hände. »Heftig«, hörte ich ihn über meine Würgegeräusche hinweg sagen. Als ich aus der Kabine kam, war ich allein.
Ich stützte mich auf dem Waschbecken ab, starrte auf den Abfluss, auf die Risse in der Keramik. Das letzte Mal war der Auslöser eine zuschlagende Autotür gewesen, und da war unmittelbar auf die Übelkeit Wut gefolgt. Entsetzliche, bewusstseinsverändernde Wut. Auf Charlotte für ihre Mutmaßungen, auf ihren Bruder Milo, der einen Mann erschossen hatte und damit durchkam, auf August Moriarty, der mir zwei Wochen zu spät gesagt hatte, dass ich fliehen solle …
Mein Handy plingte. Bestimmt Elizabeth, die sich um mich sorgt, dachte ich, als ich es herauszog. Es war kein unangenehmer Gedanke.
Aber es war nicht Elizabeth. Die Nachricht war von einer unbekannten Nummer.
Du bist hier nicht sicher.
Dieses Gefühl, als hätte jemand bei einem Film, von dem ich vergessen hatte, dass ich ihn schaute, auf die Play-Taste gedrückt. Einem Horrorfilm. Über mein Leben.
Wer ist da?, schrieb ich zurück, gefolgt von einem entsetzten Bist du das, Holmes? Dann rief ich die Nummer an. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal war das Handy ausgeschaltet.
Hinterlassen Sie eine Nachricht, sagte eine elektronische Stimme. Ich stand wie betäubt da, bis mir klar wurde, dass die Mailbox mein Atmen aufnahm. Hastig beendete ich die Verbindung.
Ich schaffte es irgendwie, zu unserem Tisch zurückzukehren. Angst und Dehydrierung knisterten in meinem Kopf. Elizabeth war immer noch in ihr Buch vertieft, Randall verputzte sein drittes Hähnchenbrustsandwich. Mariella, Kittredge und diese Anna schimpften mal wieder über die Abschaffung der Müsli-Bar – es war ein komplettes Ökosystem, eine Landschaft, die wunderbar ohne mich funktionierte.
Warum sollte ich sie damit belasten? Was hätte ich davon, mich wieder zum Opfer zu machen? Noch nicht einmal Elizabeth, der Mensch, dem ich mich normalerweise anvertrauen würde, konnte mir hier helfen. Sie hatte wegen mir schon genug durchgemacht.
Nein. Ich straffte die Schultern und aß meinen Burger auf.
Eine Hand ließ ich auf meinem Handy liegen, nur für den Fall.
»Jamie«, sagte Lena.
Ich schüttelte den Kopf.
»Jamie«, wiederholte Lena und runzelte die Stirn, »dein Vater ist hier.« Ich musste ein ziemlich dämliches Gesicht gemacht haben, als ich ihn mit schneebestäubter Mütze über unserem Tisch aufragen sah.
»Jamie«, sagte er. »Mit den Gedanken woanders?«
Elizabeth schaute lächelnd zu ihm auf. »So ist er schon den ganzen Tag. Verschollen im Traumland.« Ich verzichtete, sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie uns alle für Jane Eyre ignorierte.
»Ha, na ja, du weißt schon«, sagte ich und rang mir ein Lächeln ab. »Ziemlich viel, ähm, Schulstress. Hausaufgaben und so was alles.«
Am anderen Ende des Tischs warfen Lena und Tom sich einen vielsagenden Blick zu.
»Doch, wirklich«, sagte ich und meine Stimme zitterte ein bisschen. »Ähm, was gibt’s, Dad?«
»Familiennotfall.« Er schob die Hände in die Taschen. »Ich habe dich schon im Sekretariat abgemeldet. Geh und hol deine Sachen.«
O Gott, dachte ich. Nicht schon wieder. Außerdem war ich mir nicht sicher, ob meine Beine mich tragen würden, wenn ich aufstand. »Das geht nicht. Wir schreiben gleich einen Französisch-Test.«
Tom runzelte die Stirn. »Das war doch gest…«
Ich verpasste ihm einen sanften Tritt unterm Tisch.
»Familiennotfall«, wiederholte mein Vater. »Na los, mach schon!«
Ich zählte es an meinen Fingern ab. »Englisch Leistungskurs. Ein Referat in Physik. Jetzt schau mich nicht so an.«
»Jamie. Leander wartet draußen im Wagen.«
Erleichterung durchflutete mich. Leander Holmes war einer der wenigen Menschen, die ich ertragen konnte, wenn ich in diesem Zustand war – extrem dünnhäutig und durch den Wind. Ich wusste so gut wie mein Vater, dass er seinen Trumpf ausgespielt und ich diese Runde verloren hatte. Ich packte meine Sachen zusammen und ignorierte Lenas verstohlenes Zwinkern.
»Bis heute Abend«, sagte Elizabeth, die ihre Nase schon wieder in ihr Buch gesteckt hatte. Andererseits war sie mittlerweile an solche Szenen gewöhnt.
»Ich muss morgen wirklich ein Referat in Physik halten«, sagte ich auf dem Weg aus der Cafeteria zu meinem Vater.
Er legte mir eine Hand auf die Schulter. »Natürlich. Aber das ist wohl kaum wichtig, oder?«
Als ich fünf Jahre alt war, überzeugte ich mich selbst davon, übernatürliche Fähigkeiten zu haben.
Das war keine aus der Luft gegriffene Mutmaßung. Mein Vater sagte immer, man solle sich ausschließlich auf Fakten verlassen, und die Fakten waren da. Eine ganze Woche lang träumte ich, ich würde nach London fahren. Diese Träume beruhten auf Tatsachen. Meine Tante Araminta musste einige finanzielle Dinge regeln und bot an, meinen Bruder und mich mitzunehmen und anschließend das Naturhistorische Museum mit uns zu besuchen, um uns eine Dinosaurier-Ausstellung anzuschauen. Milo war damals geradezu besessen von Stegosauriern.
In dem Traum stiegen wir an einer nebligen Bahnhofsstation aus dem Zug. Meine Tante kaufte jedem von uns eine Brezel. Wir mussten sehr lange in einer marmornen Eingangshalle warten, und Milo zog mich an den Haaren, die gelockt waren. Meine Haare waren sonst nie gelockt; sich derart herauszuputzen war unnütz. Milos Gemeinheit brachte mich zum Weinen – was äußerst seltsam war, weil ich nie weinte – und wir gingen nicht ins Museum.
Als es schließlich so weit war, ereignete sich alles so, wie ich es geträumt hatte. Bevor wir losfuhren, steckte meine Mutter meine noch nassen Haare zu einem Knoten hoch, und als ich später in unserem Zugabteil das Band aus meinen mittlerweile getrockneten Haaren zog, waren sie wild gelockt. Jeder von uns bekam in der Bahnhofshalle eine Brezel gekauft. Meine Tante regelte ihre geschäftlichen Angelegenheiten bei der Bank in einem Büro mit Milchglasfenstern, während wir in der marmornen Eingangshalle warten mussten. Das Warten dauerte sehr lange. Ich konnte nicht aufhören herumzuzappeln, und weil wir nicht herumzappeln durften, zog Milo mir an den Haaren. Es tat weh, aber ich schrie nicht. Wir durften nicht laut sein. Wir durften eigentlich gar nichts, außer aufmerksam unsere Umgebung beobachten und uns sämtliche Details für später einprägen, und wir saßen bereits seit vier Stunden in dieser Eingangshalle und ich musste furchtbar dringend auf die Toilette. Ich hatte panische Angst davor, mir in die Hose zu machen. Unvorstellbar, was passieren würde, wenn ich es täte.
Bei dem Gedanken fing ich an zu weinen. Ich hatte noch nie in der Öffentlichkeit geweint, jedenfalls nicht, seit ich alt genug war, mich zu erinnern. Um mich zu warnen, zog Milo mir erneut an den Haaren – Milo war damals zwölf, alt genug, um mich vor den Konsequenzen solcher Dinge bewahren zu wollen, aber nicht alt genug, um sich auf vernünftige Weise auszudrücken. Genau in diesem Moment kam Tante Araminta aus dem Büro und wurde Zeugin dieser Szene. Ich, wie ich schluchzte. Milo, wie er mich zurechtwies. »Kinder«, sagte sie mit einer Stimme wie kaltes Wasser, und da konnte ich es nicht mehr zurückhalten.
Wir gingen nicht ins Museum. Wir nahmen den nächsten Zug nach Hause.
Bevor ich an dem Abend ins Bett ging, klopfte ich an die Arbeitszimmertür meines Vaters. Ich wollte mich für mein Verhalten entschuldigen und ihm dann von meiner Deduktion zu meinen übernatürlichen Fähigkeiten erzählen. Ich glaubte, dass er stolz auf mich sein würde.
Mein Vater hörte zu, während ich ihm meinen Fall darlegte. Er lächelte nicht. Andererseits tat er das nur selten.
»Deine Logik ist fehlerhaft«, sagte er, als ich fertig war. »Korrelation ist etwas anderes als Kausalität, Lottie. Deine Mutter badet dich um sieben Uhr morgens. Araminta hat euch um halb acht abgeholt. Es liegt also auf der Hand, dass deine Mutter keine Zeit gehabt hätte, dir die Haare zu richten, sondern sie gezwungen sein würde, sie dir hochzustecken, wie sie es bei solchen Gelegenheiten immer tut. Du kennst den Brezel-Stand in der Bahnhofshalle und wusstest, dass Araminta sich überreden lassen würde, euch etwas zu kaufen. Und du wusstest auch, dass der Besuch bei der Bank länger dauern könnte, vielleicht so lange, dass keine Zeit mehr für euren Museumsbesuch bleiben würde. Eine Möglichkeit, der du mit deinem Verhalten Vorschub geleistet hast.«
»Aber die Träume …«
»… können nicht die Zukunft vorhersagen, und das weißt du.« Er verschränkte die Hände und sah mich stirnrunzelnd an. »Dazu ist nur das logische Denken des wachen menschlichen Verstands in der Lage. Und was die Situation mit der Toilette angeht, so verlasse ich mich darauf, dass sich so etwas nicht wiederholen wird.«
Ich versteckte meine Hände hinter dem Rücken, damit er nicht sah, dass ich zappelig war. »Tante Araminta hatte mir aufgetragen zu warten.«
»Natürlich.« Über seinem Auge zuckte ein Muskel. »Man sollte allerdings nur Regeln befolgen, die nachvollziehbar sind. Nachvollziehbar ist, kurz aufzustehen und die nächstgelegene Toilette aufzusuchen. Nicht nachvollziehbar ist, so lange zu warten, bis ein Malheur passiert, das andere dann beseitigen müssen.«
Das leuchtete mir ein. »Ja, Vater.«
»Zeit, ins Bett zu gehen«, sagte er und seine in Falten gelegte Stirn glättete sich etwas. »Morgen früh um acht kommt Professor Demarchelier, um sich deine Gleichungen anzuschauen. An deinen Fingernägeln kann ich ablesen, dass du noch nicht alle deine Hausaufgaben erledigt hast. Sag mir, warum habe ich das gewusst?«
Ich stellte mich etwas aufrechter hin und antwortete.
Befolge nur Regeln, die nachvollziehbar sind.
Das Problem mit diesem Grundsatz ist, dass es nicht viele Regeln gibt, die auch bei näherer Betrachtung noch nachvollziehbar sind.
Typisches Beispiel: Es gibt Gesetze, die es verbieten, jemanden gegen seinen Willen in einen Wandschrank einzusperren. Das scheint so weit vernünftig zu sein – Verletzung der persönlichen Autonomie eines Menschen, mögliche Beschädigung des Wandschranks und so weiter. Dennoch hatte ich mindestens sieben nachvollziehbare Gründe dafür, einen gewissen Schlägertypen so lange in einen Wandschrank einzusperren, bis ich mir die Informationen beschafft hatte, nach denen ich suchte.
Nicht dass er wirklich ein Schlägertyp war. Er war ein Angestellter der Passbehörde, und wir befanden uns außerhalb der Öffnungszeiten in dem Gebäude, in dem er arbeitete. Nichts an dieser Beschreibung ist aufschlussreich: Angestellter der Passbehörde. Das sagte nichts über sein rötliches Gesicht oder seinen New-Jersey-Akzent oder darüber aus, wie einfach es gewesen war, ihn an diesem Sonntagabend hier in die Enge zu treiben, um meine Forderungen zu stellen.
Manchmal lässt uns die Sprache im Stich. Am präzisesten wäre es, ihn als mein Opfer zu bezeichnen.
»Ich werde zur Polizei gehen«, drohte er. Zu dem Zeitpunkt war er von all seinen Drohungen schon ganz heiser.
»Eine interessante Entscheidung«, sagte ich, weil es so war. Ich lehnte mit dem Rücken an der Wandschranktür und inspizierte eine bedauerliche Schramme an der Spitze meines Stiefels. Um sie zu beseitigen, würde ich wieder Nerzöl besorgen müssen, und auch wenn Nerze bösartig sind, so sind sie zugleich klein und wirken verletzlich. (Mir ist klar, was für eine Heuchlerin ich bin – meine Schuhe sind aus Leder; Leder wird von Kühen gewonnen; Kühe sollten nicht auf diese Weise dafür bestraft werden, weniger niedlich zu sein, aber bedauerlicherweise … tja. Die Welt ist ein kalter und erbarmungsloser Ort, und ich trage weiterhin meine Chelsea-Boots.)
»Interessant?«, fragte er.
»Interessant, weil Sie Scotland Yard dann all die gefälschten Dokumente erklären müssten, die ich in Ihrem Büro gefunden habe.« Ich zog eine Fotokopie (EU-Reisepass, gültig bis 2018, ausgestellt auf den Namen TRACEYPOLNITZ) aus meiner Tasche und schob sie unter der Schranktür hindurch.
Leises Rascheln, als er das Blatt auseinanderfaltete. »Der ist nicht gefälscht, du kleine Idiotin …«
»Das Original hatte keinen RFID-Chip. Es ist durch den UV-Test gefallen. Die Wassermarken und das Microembossing haben der Blitzlicht-Analyse nicht standgehalten …«
»Wer bist du?« Ich konnte nicht hören, wie er sich mit einer Hand über sein schweißgebadetes Gesicht fuhr, aber ich wusste trotzdem, dass er es tat.
Die Frage war irrelevant. »Ich möchte sämtliche Dokumente, die Sie für Lucien Moriarty gefälscht haben.«
»Mir sind keine Vorgänge zu diesem Namen bekannt …«
»Natürlich nicht. Aber wie ich gehört habe, sind Sie mit seinen Decknamen vertraut. Wenn er in die Staaten fliegt, was regelmäßig der Fall ist, landet er immer auf dem Washington Dulles International Airport, ganz gleich was es kostet. Ich habe sämtliche seiner Flüge in den letzten sechs Monaten zurückverfolgt. Denken Sie, es gibt einen Grund, warum er ausschließlich mittwochs ankommt?«
Stille.
»Versuchen wir es so. Wie lange hat Ihre Geliebte schon mittwochabends Dienst? Wie praktisch, dass sie Zollbeamtin ist, nicht wahr? Wie praktisch, dass ihr RFID-Lesegerät immer grünes Licht gibt, obwohl der Chip im Pass fehlt.«
Stille, gefolgt vom Geräusch einer gegen die Tür schlagenden Faust.
Ich hatte die Inspektion meiner Stiefel mittlerweile abgeschlossen. Die Schramme würde leicht zu beheben sein, und sobald ich nicht mehr wie eine Beinahe-Version meiner selbst (schwarze Kleidung, blonde Perücke) angezogen sein würde, sondern wie jemand, der weit genug von mir entfernt war, um so eine Art eigener Mond zu sein (Hailey, eine Anfertigung, die ausschließlich für männliche Blicke konzipiert war), würde ich sie wieder zum Glänzen bringen. Ich war heute Abend nur deswegen fast ich selbst, weil der Mann im Schrank mich bereits in jeder anderen mir zur Verfügung stehenden Tarnung gesehen hatte, und es war mir wichtig gewesen, inkognito an seinem Arbeitsplatz zu erscheinen.
Ich schweife ab. Meine Schuhe würden, wie gesagt, wieder in Ordnung kommen, also nahm ich stattdessen meinen Hammer.
»Die nächsten fünf Minuten werden so ablaufen«, sagte ich und hielt den Hammer hoch. Das stumpfe Metall wirkte im spätabendlichen Licht schwarz. Ein Detail, das Watson auffallen würde, und bei dem Gedanken wurde meine Stimme härter. »Entweder Sie geben mir jeden einzelnen von Lucien Moriartys Decknamen preis und händigen mir die dazugehörigen Pässe aus oder ich kehre zu Ihrem Haus zurück und verschaffe mir Zugang zum Zimmer Ihres Sohns. Ich werde mich vergewissern, dass er schläft. Dann werde ich ihm damit die Kehle zertrümmern.«
Mein Vater hatte mir beigebracht, immer eine Sekunde verstreichen zu lassen, um meinen Worten Nachdruck zu verleihen, und genau das tat ich. Dann machte ich mich unmissverständlich klar – das hieß in diesem Fall, dass ich den Hammer schwungvoll gegen die Schranktür hieb.
Der Mann dahinter schrie auf.
»In der Zeit, die es Sie kostet, aus Ihrem erbärmlichen kleinen Loch herauszukriechen, kann ich dort und wieder verschwunden sein, bevor irgendjemand etwas mitbekommt. Oder wir überspringen dieses hässliche Prozedere und Sie liefern mir die gewünschten Informationen. Aus Rücksicht auf Ihre emotionale Aufgewühltheit gebe ich Ihnen dreißig Sekunden Zeit, über mein Angebot nachzudenken.«
»Du bist Genna«, sagte er erstaunt. »Du warst mit Danny zusammen. Du bist das Mädchen, das er im Hundepark kennengelernt hat …«
Bevor ich mich zurückhalten konnte, sagte ich mit Gennas »Bitte, bitte finde mich nett«-Stimme: »Was für ein süßer kleiner Terrier! Wie heißt sie? Genau so einen Hund wollte ich auch immer haben, aber meine Eltern haben es mir nie erlaubt. Die Kleine hat wirklich Glück, eine Familie zu haben, die sie so sehr liebt! Schau sich nur einer dieses niedliche kleine Stummelschwänzchen an!«
Er schwieg so lange, dass ich schon befürchtete, er hätte wegen mir einen Schlaganfall erlitten. Doch dann identifizierte ich den heiseren Laut, der unter der Tür hindurchkam, als das, was es war – er weinte.
Ich blickte auf den Hammer in meiner Hand hinunter.
Ich hatte mich erst in der jüngsten Zeit damit abgefunden, dass ich grausam sein konnte.
Das mochte vielleicht nach einer zynischen Erkenntnis klingen angesichts der Fakten, die zu den Ereignissen der letzten Jahre vorlagen (dank, mal wieder, Watson). Ich war schon an guten Tagen kein Hauptgewinn, aber ich hatte nie wirklich verstanden, warum.
Ich war eben das, was ich war – ein Mädchen, das sich selbst zu einer Statue geformt hatte. Ich hatte es für das Sinnvollste gehalten, nach den Brüchen und Fehlern in anderen zu suchen, sie aufzuzeichnen, sie auszubeuten, um meine eigenen Schwachstellen zu glätten, bis ich wie Marmor glänzte. Ich musste mitleidlos sein. Das schärfte ich mir so lange ein, bis ich es glaubte. Was folgte, war leider eine Reihe von Explosionen. Es ist nett, eine stattliche Marmorsäule in einer Stadt zu sein. Aber in tausend Stücke zu zerspringen, während diese Stadt brennt, ist eine ganz andere Sache.
Es fühlte sich an, als würde diese Stadt schon sehr lange brennen.
Jeden Abend vor dem Einschlafen schloss ich die Augen und erinnerte mich daran, was das letzte Mal passiert war, als ich die Nerven verlor. Ich dachte an August, der daran glaubte, dass man gegen seine niedrigsten Instinkte ankämpfen konnte, der an die Hoffnung und die Polizei glaubte und wahrscheinlich an Welpen und Weihnachten, der mich geliebt hatte, als wäre ich ein Negativabzug von ihm. August, der nur deshalb in Sussex gewesen war, weil ich ihn leiden sehen wollte.
Es war zu viel für mich, es mir als eine Geschichte vorzustellen. Ich musste sie in verschiedene Fakten zerlegen und diese dann nacheinander ins Licht halten.
Nachdem Luciens Plan, mir in Sherringford einen Mord anzuhängen, gescheitert war, hatte er sich etwas Neues einfallen lassen.
Nämlich: meine Eltern Alistair und Emma Holmes und meinen Lieblingsonkel Leander zu erpressen.
Die Bedingungen: Entweder sie hielten Leander aus der Sache heraus und sorgten dafür, dass er seine Ermittlungen gegen den Fälscherring von Luciens Geschwistern Hadrian und Phillipa einstellte, oder
Lucien würde die britische Regierung auf die Existenz einiger mit russischem Geld gefütterter Offshore-Konten aufmerksam machen, die die einzige Vermögensquelle meines Vaters darstellten.
Als sie nicht darauf eingingen, befahl Lucien der Krankenpflegerin meiner Mutter – eine Frau, die für ihn arbeitete –, sie zu vergiften.
Meine Eltern erzählten mir nichts davon.
Stattdessen schickten sie mich nach Deutschland in Milos Headquarter, wo August Moriarty für meinen Bruder arbeitete. Sie glaubten, dass ich dort in Sicherheit sein würde.
In der Zwischenzeit überwältigte meine Mutter während eines Ausfalls des Sicherheitssystems in unserem Haus ihre Pflegerin, tauschte die Kleidung mit ihr, setzte sie unter Drogen und inszenierte dann alles so, dass der Rollentausch nicht bemerkt werden würde.
Das erforderte Perücken und Maskeraden, was das betraf (und nur was das betraf), war es also ganz nach meinem Geschmack.
Leander versteckte sich im Keller, während meine Eltern ihre nächsten Schritte erörterten.
Zur Erinnerung: Ich wusste nichts von alldem.
Ich hatte diese Tatsache sehr lange dazu benutzt, mich von jeder Schuld freizusprechen.
Anmerkung: Die Fäden für diese Intrigen zog Lucien Moriarty aus dem Ausland, unantastbar, unerreichbar, und schon bald gelang es ihm sogar, auch vom Radar meines Bruders zu verschwinden.
Auf eine kranke Art bewunderte ich ihn dafür.
Alles, was ich herausgefunden hatte, war, dass Lucien meine Mutter vergiften wollte, dass meine Familie in finanziellen Schwierigkeiten war und dass meine Eltern meinen Onkel im Keller festhielten. Ich vermutete, dass sie ihn so dazu bringen wollten, seinen Erbanteil an sie abzutreten, um ihre Geldprobleme zu lösen.
Meine Erfahrungen in den letzten Jahren haben mir wenig Anlass zu der Annahme gegeben, meine Eltern könnten gute Absichten gehabt haben.
Was mich nicht davon abhielt, sie vor den Konsequenzen meiner eigenen Fehler beschützen zu wollen. Mit dem zusätzlichen Bonus, Lucien Moriarty wegzusperren und den Schlüssel fortzuwerfen.
Mein Plan war simpel: Ich würde den Fälscherring der Moriartys hochgehen lassen und die Verantwortlichen – Hadrian und Phillipa – nach England zu unserem Familienanwesen schaffen. Dort würde ich ihnen das Verschwinden meines Onkels anhängen und meine Eltern von jedem Vorwurf reinwaschen. Dieser Schachzug würde Lucien aus seinem Versteck treiben, weil er niemals zulassen würde, dass seine Familie von Hand eines Holmes fiel.
Der Plan meiner Mutter war ebenfalls simpel: Mein Onkel Leander würde eine nicht tödliche Dosis des Gifts einnehmen, das sie von Lucien verabreicht bekommen hatte, sich ins Krankenhaus einliefern lassen und behaupten, Hadrian und Phillipa hätten ihn vergiftet. Was Lucien aus seinem Versteck treiben würde, weil er niemals zulassen würde, dass seine Familie von Hand eines Holmes fiel.
Eigentlich könnte man meinen, dass diese beiden Pläne aufgrund der Informationslage wunderbar aufeinander abgestimmt waren.
Man würde sich irren.
Als alle Hebel in Bewegung gesetzt waren, zerrte ich Watson nach England zurück, wo wir uns alle wie zu einem Showdown in einem zweitklassigen Actionfilm vor unserem Haus versammelten – Hadrian und Phillipa, die ihren Aufpasser ausgetrickst und sich befreit hatten; mein Vater, außer sich vor Wut über meine Einmischung und meinen ungeheuerlichen Verdacht gegen ihn, und meine Mutter; Leander erschüttert, geschlagen und ernsthaft krank; und August, die Hände erhoben, darum flehend, das Feuer einzustellen.
Als mein Bruder Milo sehr viel später eintraf, als er erwartet hatte, verwechselte er August Moriarty aus der Ferne mit dessen Bruder und erschoss ihn mit einem Scharfschützengewehr.
Das sind die Fakten.
So weit ich sie verstand. Wenn ich überhaupt irgendetwas verstand.
Wie man sieht, hatte ich mich daran gewöhnt, niemandem zu vertrauen. Daran, die Einzige zu sein, die überhaupt einen Plan hatte.
Wohin hatte mich das gebracht? Dahin, von allen verlassen zu sein. Leander fort. Milo ein Mörder. August tot auf dem schneebedeckten Rasen. Und Watson, der wusste, dass es meine Schuld war. Weiter konnte ich nicht gehen, mehr ertrug ich nicht.
Es war ein erzwungenes Erinnern. Eine Buße. Nicht dazu gedacht, den Schmerz zu lindern, sondern ihn am Leben zu erhalten. Es war mir so leichtgefallen, den fühlenden Teil von mir zu isolieren, dass ich angefangen hatte, es für natürlich zu halten. Ich hatte mich getäuscht. Ich war dabei, das wieder abzulegen.
Du musst das Blut fühlen, das unter all diesem Verstand pulsiert, hatte Detective Inspector Green gesagt. Du musst es fühlen und dich nicht dafür entschuldigen. Ansonsten passiert es zwischendurch unkontrolliert und wird dich so überwältigen, dass du nur aus diesem Instinkt heraus reagieren kannst und weiterhin sehr Dummes tun wirst.
Die Andeutung, ich sei dumm, hatte mir nicht gefallen, aber das änderte nichts daran, dass mir selbst klar war, dass meine Methoden nicht mehr funktionierten. Und wenn ich eines war, dann eine gute Schülerin. Also machte ich es mir zur Aufgabe, so oft ich konnte, zu »fühlen«. Meine Kontrolliertheit aufzugeben, um das kleine hässliche Etwas, was im hintersten Teil meines Herzens nistete, freizulassen.
DI Green glaubte wahrscheinlich, dass ich anfangen würde, Wiedergutmachung bei meiner Familie zu leisten, bei Watson, bei mir selbst, dass ich die Chance, die sie mir gewährt hatte, »nutzen« würde. Dass ich vielleicht malerisch auf ihrem Sofa in Tränen ausbrechen würde, während sie mir eine malerische Tasse Kamillentee machte. Wie hätte ich ihr das übel nehmen können?
Ich nahm es ihr nicht übel. Ich weinte nicht. Ich machte mich mit meiner Wut auf und davon. Ich hatte, wie man so schön sagt, Wichtigeres zu tun.
Deswegen diese beiläufige, kleinkarierte Grausamkeit auf meiner Seite der Wandschranktür. Von der kleinlichen Art, die »Das Mädchen, das du ganze zwei Wochen in deinem Haus hast ein und aus gehen lassen, sammelt für die Regierung Beweismaterial gegen dich«-Art. Nicht notwendig für den Fall, den ich zu lösen hatte, sondern lediglich dazu gedacht, Salz in eine offene Wunde zu streuen. Und trotzdem war es menschlich, so zu empfinden und das Bedürfnis zu haben, diesem abscheulichen Mann, der einem noch abscheulicheren Mann gegen Geld Beihilfe geleistet hatte, das volle Ausmaß seiner Dummheit bewusst zu machen.
Er hatte eine Shirley Temple in der Freundin seines Sohns gesehen, dabei hätte er ein Gift sehen sollen.
»Mein Gott«, sagte er. »Du bist ein Monster. Wie alt bist du? Was hast du mit meinem Jungen gemacht?«
»Zehn Sekunden.« Ich schlug erneut den Hammer gegen die Tür. Das Holz begann zu splittern. »Neun. Acht.«
Ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen seines Sohns, wenn auch auf eine abstrakte Art, aber im Vergleich dazu, gar nichts zu empfinden, war es trotzdem ein Fortschritt. Danny war ein leichtes Opfer gewesen – ein verloren wirkender Junge, der auch bei Eiseskälte schwitzte und neben seinem winzigen Hund wie ein tollpatschiger Riese aussah. Er hatte zu viel Angst gehabt, in irgendeiner Form körperlich mit mir zu werden, was mir sehr entgegengekommen war. Meistens spielten wir bei ihm im Garten mit Button, seiner Terrier-Hündin. Button büxte gern aus, und als sie durch eine lose Latte im Zaun (wofür selbstverständlich ich verantwortlich gewesen war) entwischte und Danny ihr hinterherjagte, schaute ich mich im Arbeitszimmer seines Vaters nach den Unterlagen um, die ich benötigte. Die Fotos auf dem Kaminsims hätten im Grunde schon ausgereicht: Danny und sein Vater auf einem Katamaran; Danny und sein Vater vor der Sagrada Familia in Barcelona; Danny und sein Vater auf Safari, die Mutter nur ganz verschwommen hinter ihnen auf der Rückbank des Jeeps zu erkennen. Da wusste ich, wie Lucien Moriartys Blutgeld ausgegeben worden war. Alles, was mir noch gefehlt hatte, waren handfeste Beweise.
Button büxte eine Woche lang jeden Tag aus. Unternehmungslustige Hündin.
Ich hatte nicht wirklich vor, Danny etwas anzutun. Was sein Vater nicht zu wissen brauchte. »Drei …«, sagte ich, »zwei … eins …«, und der Mann im Wandschrank holte zitternd Luft.
Als die Sonne untergegangen war, hatte ich alles, was ich benötigte.
»Und was sage ich meinem Sohn?«, fragte er, während ich meine Sachen zusammenpackte.
Ich antwortete nicht. Das war schließlich nicht mein Problem.
Ich benötigte die üblichen fünfundvierzig Minuten, um die fünf Blocks zu meiner Unterkunft zu Fuß zurückzulegen. Zweimal glaubte ich, verfolgt zu werden, und einmal war ich mir sicher – niemand trägt so auffällig eine Ausgabe der Lokalzeitung unter dem Arm mit sich herum, geschweige denn, dass er sein Gesicht dahinter verbirgt, wenn die Zielperson an dem Schaufenster vorbeikommt, vor dem er seinen Beobachtungsposten bezogen hat. Ich kehrte um und wechselte in einer Starbucks-Toilette meine Tarnung (Perücke, Yoga-Hose, Turnschuhe), dann wartete ich, bis eine Gruppe von Mädchen in Sportsachen vorbeilief, und schloss mich ihnen im sicheren Abstand an.
Als ich in meiner Bleibe ankam, war ich erschöpft. Aber ich hatte noch einiges an Arbeit vor mir – mich meiner Perücke entledigen und sie in Seide eingeschlagen in der Holzkiste unter dem Bett verstauen; mein Gesicht und meine Stiefelsohlen einer gründlichen Reinigung unterziehen; die Tür, drei Fenster und den zu großen Lüftungsschacht, der mich fast davon abgehalten hatte, diese Räume überhaupt anzumieten, verbarrikadieren. Anzeigen für Wohnobjekte zur Untervermietung waren selten so ausführlich. Man musste wissen, welche Fragen man stellen musste.
Diese Vorsichtsmaßnahmen waren zeitaufwendig, aber Verrichtungen, die dazu beitragen, mich am Leben zu erhalten, habe ich noch nie als ermüdend empfunden. Als ich mir sicher war, jede Gefahrenquelle ausgeschaltet zu haben, legte ich eine Chopin-Etüde auf und stellte sie so laut, dass jedes Geräusch, das ich vielleicht machen würde, davon übertönt werden würde, und begann dann, systematisch das Zimmer auseinanderzunehmen und nach Kameras, Abhörgeräten oder kleinen Bohrlöchern zu suchen. Ich fand nichts.
Über alldem war es einundzwanzig Uhr geworden. Nach einigem Nachdenken kam ich zu dem Schluss, dass mir für die weitere Abendgestaltung folgende Optionen blieben:
Das restliche Oxycodon nehmen, das ich im Saum meines Mantels aufbewahrte.
Irgendetwas im Netz streamen, das nichts mit körperlicher Gewalt und/oder Mord, mit Opiaten, Liebesbeziehungen, dem Vereinigten Königreich oder – auch wenn das etwas seltsam klingen mag – mit Sherlock Holmes zu tun hatte. Mir war nämlich aufgefallen, dass in den merkwürdigsten Zusammenhängen Bezüge zu meinem Urururgroßvater auftauchten. Zum Beispiel hatte ich angefangen Star Trek: The Next Generation zu schauen, eine Serie, die meine Ausschlusskriterien erfüllte und in der ein Androide mitspielte, von dem ich sehr angetan war. Bis er dann plötzlich anfing, mit einem Deerstalker auf dem Kopf herumzulaufen und mit irgendeinem Star-Trek-Watson Kriminalfälle zu lösen. Deswegen brauchte ich eine neue Serie.
Hm … das restliche Oxy nehmen, das ich im Saum meines Mantels aufbewahrte … eines Mantels, den mir mein stilsicherer Onkel Leander vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte und der mir immer noch passte, weil es dasselbe Jahr war, in dem ich beschlossen hatte, nichts mehr zu essen, um das Schlechte aus mir herauszuhungern … eines Mantels, dessen Taschen ich zu genau dem Zweck der Drogenaufbewahrung aufgetrennt hatte; danach könnte ich vielleicht in die Nacht hinausgehen und mich von irgendeinem Moriarty-Handlanger bis zur Brücke über den Potomac verfolgen lassen, wo ich während der letzten Tage vier, wenn nicht gar fünf Mal die Möglichkeit gehabt hätte, mir neuen Stoff zu beschaffen; ich würde meinen Stoff haben und könnte mich an meinem Hochgefühl berauschen (nicht am Stoff selbst, sondern dem Wissen, dass die Nacht, in der ich endlich unwiderruflich allem entfliehen könnte, zum Greifen nah war) und es nutzen. In dem Moment, in dem das Ende besiegelt wäre, endgültig besiegelt, würde ich das Messer aus meinem Stiefelschaft ziehen und mit einer schnellen Bewegung dem Moriarty-Handlanger die Kehle aufschlitzen und wüsste danach wenigstens mit Bestimmtheit, dass nun ein Mann weniger hinter Watson her wäre, dass Watson ein klein wenig sicherer wäre. Wieder in meine Unterkunft zurückgekehrt, wo mir nichts weiter bleiben würde, als den unweigerlich bevorstehenden schweren Sturz abzuwarten (Polizeizugriff oder brutale Vergeltung), könnte ich mein Geständnis schreiben. Zur Abrundung des Ganzen würde ich vielleicht das Foto von jenem Sonntag im März heraussuchen, an dem meine Mutter mir meinen ersten Chemiebaukasten schenkte. Auf dem Bild legt sie mir eine Hand auf die Schulter. Ich lächle das unschuldige Lächeln eines Kindes. Ich könnte es jetzt gleich in meine Tasche stecken, damit es gefunden wird. Ein letztes Mal den Trumpf des kleinen verlassenen Mädchens ausspielen. Ein solches wortloses Schuldeingeständnis käme bei gewissen Mitgliedern meiner Familie bestimmt gut an, wobei ich mir vorstellen könnte, dass Watson es geschmacklos fände. (Jeden Abend räumte ich mir die Möglichkeit ein, dieses Ende in die Wege zu leiten, und jeden Abend erinnerte ich mich daran, was für eine Verschwendung es wäre, eine Verschwendung meiner selbst, meiner Fähigkeiten, meiner Stärke, und ich wollte mich nicht verschwenden. Wollte ich nicht. Wollte ich nicht. Ich würde es nicht tun.)
Oder … mein restliches Oxy fotografieren, die Aufnahme an DI Green schicken zum Beweis dafür, dass ich es nicht genommen hatte (hier gilt natürlich das Ehrensystem; ich versuche unter anderem ehrenvoll zu sein), die Pillen wieder in meinen Mantel stecken und anschließend meine verdammte Kosmetiktasche ausräumen und sortieren.
Ich entschied mich für Letzteres, machte das Foto und verschickte es. Anschließend schüttete ich zähneknirschend den Inhalt meiner Kosmetiktasche auf den Boden, machte ein Küchenpapier nass und fing an zu schrubben.
Mein Zug ging in acht Stunden. Gegen Mittag würde ich in New York sein.
Mein Vater ließ während der gesamten Fahrt nach New York Madonna laufen.
Nicht die Hits, die man normalerweise im Radio hört, sondern mehr der B-Seiten-Kram. Seltsamer Kram. Mein Vater war eigentlich eher der Bob-Dylan-Typ, ich hatte bei seiner Musikauswahl also schon des Öfteren eine Braue hochgezogen, aber das war an Seltsamkeit nicht zu überbieten. Zumal er offenbar den kompletten Text von »This Used To Be My Playground« mitsingen konnte.
Normalerweise zerbrach ich mir über die Seltsamkeiten meines Vaters nicht groß den Kopf (der Tag hatte einfach nicht genügend Stunden dafür), aber hinzu kam, dass Leander so distanziert reagiert hatte, als ich in den Wagen gestiegen war. Er hatte noch nicht einmal Hallo gesagt, sondern nur genickt, meilenweit entfernt auf dem Beifahrersitz im Auto meines Vaters.
Noch nie hatte Leander mich, oder sonst jemanden, so begrüßt. Soweit ich es beurteilen konnte, war Holmes’ Onkel, der auch für mich so etwas wie ein Onkel war, das mit Abstand menschlichste Mitglied ihrer Sippschaft. Er rief an Weihnachten seine Freunde an, lächelte einem zu, wenn man einen Raum betrat, schmiss für meinen Vater Geburtstagspartys. Eben all die Dinge, die ein normaler Mensch machte.
Aber das allein war es nicht. Letztes Jahr, in den Wochen nachdem mein Vater uns aus England nach Hause geholt hatte, als Leander immer noch unter den Folgen der Vergiftung gelitten hatte und ich so angeschlagen und todunglücklich gewesen war, dass niemand, vor allem nicht meine Familie, wollte, dass ich allein war … nun ja. Nachdem mein Vater uns also tagelang nicht von der Seite gewichen war, hatte er endlich einmal das Haus verlassen, um einkaufen zu fahren. Meine Stiefmutter war bei der Arbeit, meine Halbbrüder in der Schule.
Das führte dazu, dass ich mich allein im Gästezimmer wiederfand und zum Deckenventilator starrte, wie immer, wenn ich nicht schlief. Ich schlief die meiste Zeit – morgens, in den Stunden vor dem Abendessen oder direkt nachdem die Sonne untergegangen war. Nur nachts nicht. Da lag ich still und reglos da, zählte meine Atemzüge, beobachtete, wie die Stunden sich ihrer selbst entledigten, bis ich irgendwann aufstand und durchs Haus wanderte, unfähig, die Erinnerung abzuschütteln, wie August hingestreckt im Schnee lag.
Wir waren keine guten Freunde gewesen, August und ich, aber er war ein anständiger Mensch gewesen, durch und durch anständig, und für diese Anständigkeit hatte er bezahlt. Ich hatte einmal geglaubt, dass ich in Holmes’ Welt leben könnte. Dass ich ein Messer bei seiner Klinge packen könnte, meine Hände durch Glas rammen, dass ich die Gewalt überleben könnte, die ihr wie ein Schatten überallhin folgte. Aber jetzt wusste ich, dass ich es nicht konnte, dass jemand wie ich dort nichts zu suchen hatte.
An dem Tag, an dem mein Vater uns endlich allein ließ, wurde mir klar, dass ich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gesprochen hatte. Meine gebrochene Nase war verheilt, aber sie tat immer noch weh, wenn ich den Mund aufmachte, außerdem hätte ich sowieso nicht wirklich gewusst, was ich sagen sollte. Mir ist gerade bewusst geworden, dass ich ein Feigling bin. Dass ich unter Druck zusammenbreche. Dass ich aus einem Hausbrand eine Feuersbrunst mache. Es spielte keine Rolle. Ich würde einfach weiterschlafen. Bis zum Unterrichtsbeginn war es noch eine Woche; ich brauchte noch kein Mensch zu sein.
Leander hatte andere Pläne. Er rief mich von unten in die Küche – um mich dazu zu bringen, etwas zu essen, dachte ich, obwohl ich an dem Morgen ein bisschen Brühe runtergezwungen hatte. Ich ging schwerfällig die Treppe hinunter und blieb ein bisschen schwindelig vom langen Liegen vor ihm stehen.
Er saß am Küchentisch und sah mich eine Weile schweigend an. Dann beugte er sich vor, räusperte sich und sagte etwas heiser: »Jamie, ist dir klar, dass du mit deinem neuen Haarschnitt wie Donkey Kong aussiehst?«
Ich hatte gelacht. Ich hatte gelacht, bis ich keine Luft mehr bekam, bis ich mich setzen musste, bis ich zu schluchzen begann und Leander mir eine Hand auf die Schulter legte, bis ich schließlich stockend zu erzählen anfing, was passiert war.
Was ich damit sagen möchte, ist, dass es sonst nicht Leanders Art war, denselben düsteren Stimmungen wie der Rest seiner Familie zu frönen. Aber jetzt schien er irgendetwas durchzumachen, und obwohl ich sofort das Bedürfnis hatte, ihm beizustehen, rief ich mir in Erinnerung, dass das die Taktik des alten Jamie war. Des Jamies, der die Kämpfe anderer ausfocht, der alles nur schlimmer machte. Ich versuchte jetzt normal zu sein. Normal bedeutete, die Erwachsenen mit ihren Problemen allein klarkommen zu lassen. (Außerdem war ich zu sehr damit beschäftigt, mein Handy zu checken. Bislang waren keine weiteren Nachrichten mehr von Unbekannt eingegangen.)
Mein Vater, der Erwachsene, handhabte die Melancholie seines besten Freundes, indem er aus voller Kehle »Material Girl« mitsang. Wenigstens spielte er mittlerweile die Hits.
»Dad«, sagte ich. »Dad.« Bis Manhattan waren es immer noch vierzig Minuten.
Eine Hand hatte er auf dem Lenkrad, mit der anderen wühlte er im Becherhalter nach Kleingeld. »We’re liv-ing in a material world, and I am a material …«
»Bitte hör auf.« Ich sah, wie in Leanders Kinn ein Muskel zuckte. »Dad.«
»I need quart-ers for the very next toll …«
»Dad …«
»James«, sagte Leander, ohne ihn anzusehen. »Würde es dir etwas ausmachen, das leiser zu stellen?«
»Das haben wir früher immer in Edinburgh gehört«, sagte mein Vater. »Wenn wir unsere Sommersonnenwende-Partys veranstaltet haben. Weißt du nicht mehr?«
»Doch. Stell es bitte leiser.«
Mein Vater dachte gar nicht daran. »Meinetwegen müssen wir nicht darüber reden.«
»Du hast deinen Sohn praktisch mitten aus dem Unterricht geholt.« Seine Worte wurden von der scheppernden Musik untermalt. »Wir sind auf dem Weg in die Stadt. Also müssen wir wohl darüber reden.«
Wir näherten uns der Mautstelle. Mein Vater ließ das Fenster herunter und warf die Münzen mit einer Brutalität in den Korb, die ich nicht erwartet hätte.
Wenn ich in den letzten Jahren mit Charlotte etwas gelernt hatte, dann das: Niemals in den Verlauf einer Szene wie dieser einzugreifen. Ein falsches Wort und der entsprechende Holmes wechselte das Thema und ließ es hinter dir auf der Straße zurück.
»Er macht im Frühjahr seinen Abschluss«, begann mein Vater schließlich wieder zu sprechen. »Er ist ein guter Schüler. Er hat eine Freundin und …«
»Ich verstehe nicht, was das alles damit zu tun hat«, entgegnete Leander ruhig, aber mit Nachdruck. Wenn er sprach, hörte ich in seinem Tonfall manchmal ein Echo von Charlotte. Sie hätte weniger Worte benutzt. Irrelevant, hätte sie gesagt, oder Hör auf, Watson, aber es hätte dieselbe Ungeduld darin gelegen.
Mein Vater hob den Blick zum Rückspiegel und sah mich an. »Jamie«, begann er. »Während des letzten Jahres … na, du weißt ja, dass Leander Charlotte im Auge behalten hat. Wo sie ist. Was sie treibt. Solche Dinge. Ob das nun vernünftig ist oder nicht …«
»Es spielt keine Rolle«, brauste Leander auf. »Mir geht es nicht darum, irgendetwas gutzuheißen, sondern darum, auf sie aufzupassen. Jemand musste sich vergewissern, dass sie noch am Leben ist. Ihr Bruder kümmert sich mit Sicherheit nicht darum.«
Milo Holmes hatte sich von der Leitung Greystones beurlaubt, um sich um so eine belanglose kleine Sache wie seine Mordanklage zu kümmern. Ich sage »seine« Mordanklage, da er derjenige war, der den Abzug drückte, aber soweit es die Welt (und das Gericht) betraf, war er unschuldig. Einer seiner Söldner war dazu abbestellt worden, den Kopf für ihn hinzuhalten, und ich war mir sicher, dass eine hübsche Stange Geld auf ihn warten würde, sobald er einfuhr.
Dennoch, ein Angestellter der Holmes, der einen Moriarty erschießt? Milo hatte immer die Art von Macht besessen, mit der man eine Geschichte aus den Medien fernhalten konnte, aber diesmal entzog sich die Berichterstattung seiner Kontrolle. Die Story war eine Sensation. Sie war überall. Ich tat, was ich konnte, um sie zu ignorieren.
Soweit wir wussten, hatte Milo sein Versprechen gehalten: Er hatte sich der Verantwortung für seine Schwester und ihrer Probleme entledigt. Da war er nicht der Einzige.
Was genau war an diesem Abend in Sussex passiert? Mir war klar geworden, wie wenig ich gewusst hatte.
Ich hatte Holmes aus kürzester Entfernung beobachtet und versucht, ihre Verhaltensweisen zu verstehen, statt die zwei Schritte zurückzutreten, die nötig gewesen wären, um das große Ganze zu sehen. Sie hatte sich von Anfang an darauf versteift, dass ihr Vater Leander festhielt. Dass er von Lucien Moriarty dazu erpresst worden war. Dass es etwas mit den Finanzen ihrer Familie zu tun hatte. Sie hatte nichts davon offen angesprochen, hatte nicht in Erwägung gezogen, dass die Eltern, die sie so grausam behandelten, tatsächlich grausame Menschen sein könnten, sondern mich in ihre krude Wunscherfüllungsmission mit hineingezerrt, um die Schuld jemand anderem anzuhängen.
Es hatte kein gutes Ende genommen. Um es milde auszudrücken.
