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Watson & Holmes – zusammen unschlagbar Ihr erster Fall hätte sie fast das Leben gekostet, da kommen die Ferien Charlotte Holmes und Jamie Watson ziemlich gelegen: Ein paar erholsame Tage auf dem englischen Familiensitz der Holmes. Aber Geheimnisse sind eine Familientradition und so ist die Lage schon bald alles andere als entspannt. Zudem knistert es heftig zwischen Charlotte und Jamie. Sind sie wirklich bloß Freunde? Als Charlottes Onkel – natürlich auch ein Detektiv – verschwindet, ist das eine willkommene Ablenkung. Sein letzter Auftrag führt zu einem Kunstfälscherring. Erste Station: Berlin. Erste Kontaktperson: Charlottes ehemaliger Schwarm, der eigentlich totgeglaubte August Moriarty.
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Seitenzahl: 434
Veröffentlichungsjahr: 2017
Brittany Cavallaro
Holmes & ich
Unter Verrätern
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Anja Galić
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Cover
Haupttitel
Zitat
Stammbaum
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EPILOG
Über Brittany Cavallaro
Über das Buch
Impressum
»Wissen Sie, was Liebe ist? Ich werd’s Ihnen sagen:
Sie ist all das, was man noch immer verraten kann.«
Krieg im Spiegel
John le Carré
Es ging auf Ende Dezember zu in Südengland, und obwohl es erst drei Uhr nachmittags war, wirkte der Himmel vor dem Fenster von Charlotte Holmes’ Zimmer bereits so dunkel und bleiern wie am nördlichen Polarkreis. Eine Tatsache, die ich während der Zeit in Connecticut am Sherringford-Internat irgendwie vergessen hatte, auch wenn ich praktisch mit jeweils einem Bein auf beiden Seiten des Atlantiks aufgewachsen war. Wenn ich an Winter dachte, dachte ich an die Abende in Neuengland. Die Dunkelheit kam pünktlich nach dem Abendessen und war bis zum Morgengrauen, wenn man sich im Bett wachstreckte, wieder verschwunden. Englische Winterabende waren anders. Sie rückten im Oktober mit einer Schrotflinte an und nahmen einen für die nächsten sechs Monate in Geiselhaft.
Alles in allem wäre es wohl besser gewesen, wenn ich Holmes das erste Mal im Sommer besucht hätte. Ihre Familie lebte in Sussex, einer Grafschaft, die sich an Englands Südküste schmiegt, und vom obersten Stockwerk ihres Herrenhauses konnte man das Meer sehen. Oder hätte es sehen können, falls man zufällig im Besitz einer Nachtsichtbrille und blühenden Fantasie gewesen wäre. Die Dunkelheit eines englischen Dezembers hätte allein schon ausgereicht, um mich in eine düstere Stimmung zu versetzen, aber das Familienanwesen der Holmes ragte ungefähr so behaglich wie eine Festung auf einem Hügel empor. Jeden Moment rechnete ich damit, dass ein Blitz die Wolken durchbrechen und eine arme, gefolterte Frankensteinkreatur aus ihrem Verlies stolpern würde, verfolgt von einem geisteskranken Wissenschaftler.
Das Innere des Hauses wirkte ebenfalls wenig beruhigend. Ich hatte das Gefühl, mich in einem Horrorfilm zu befinden, allerdings in keinem normalen, sondern eher einem skandinavischen Arthouse-Film. Große dunkle, unbequeme Sofas, die nicht dafür entworfen worden waren, auf ihnen zu sitzen. Weiße Wände mit abstrakten weißen Gemälden. Ein in einer Ecke lauernder Flügel. Eben genau die Art von Ort, den Vampire bewohnten. Außerordentlich kultivierte Vampire. Und überall … Stille.
Holmes’ Zimmer im Untergeschoss war das chaotische, schlagende Herz dieses kalten Hauses. Dunkel gestrichene Wände, Metallregale und Bücher, überall Bücher, alphabetisch geordnet im Regal oder aufgeschlagen über den ganzen Boden verteilt. Daran angrenzend ein Raum mit einem Labortisch, auf dem sich Reagenzgläser und Bunsenbrenner drängten. Sich in kleinen Töpfchen windende Sukkulenten, die sie jeden Morgen aus einer Pipette mit einer Essig-Mandelmilch-Mischung beträufelte. (»Es ist ein Experiment«, erklärte mir Holmes, als ich dagegen protestierte. »Ich versuche sie zu töten. Nichts lässt sie eingehen.«)
Überall lagen Unterlagen, Kleingeld und Zigarettenstummeln herum, und trotzdem fand sich in dem ganzen Durcheinander kein einziges Staub- oder Schmutzkörnchen. Es war alles so, wie ich es mittlerweile von ihr kannte, vielleicht bis auf ihren Schokoladenkeksvorrat und der kompletten gebundenen Ausgabe der Encyclopaedia Britannica in dem niedrigen Bücherbord, das als ihr Nachttisch diente. Anscheinend vertiefte Holmes sich auf ihrem Bett gern darin, eine brennende Zigarette in der Hand. Heute war es der Band mit dem Buchstaben T, der Eintrag »Tschechoslowakei(vollständige Bezeichnung: ehemalige Tschechoslowakische Republik)«, und aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund hatte sie darauf bestanden, mir den kompletten Text dazu laut vorzulesen, während ich vor ihr auf und ab tigerte.
Tja. Vielleicht gab es doch einen Grund. Es war eine hervorragende Art, einem echten Gespräch aus dem Weg zu gehen.
Während sie ihren Vortrag hielt, versuchte ich, nicht zu den Sherlock-Holmes-Romanen zu schauen, die sie auf die Enzyklopädie-Ausgaben der Buchstaben U und V gelegt hatte. Sie hatte sie aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters stibitzt. Ihre eigenen Ausgaben waren im Herbst einer Explosion zum Opfer gefallen, genau wie ihr kleines Labor, mein Lieblingsschal und eine beträchtliche Menge meines Vertrauens in die Menschheit. Diese Sherlock-Holmes-Geschichten erinnerten mich an das Mädchen, das sie war, als wir uns kennenlernten, das Mädchen, von dem ich so dringend alles hatte wissen wollen.
In den letzten Tagen hatten wir es irgendwie geschafft, von der ungezwungenen Freundschaft, die zwischen uns entstanden war, wieder in das alte, von Misstrauen und Ungewissheit geprägte Muster zurückzufallen. Der Gedanke daran machte mich krank; so krank, dass ich die Wände hätte hochgehen können. Dass ich am liebsten alles zu ihren Füßen ausgebreitet hätte, wie ein riesiges Puzzle, damit wir anfangen konnten, es wieder zusammenzusetzen und in Ordnung zu bringen.
Ich ließ es bleiben. Stattdessen provozierte ich, ganz wie es der schönen Tradition unserer Freundschaft entsprach, einen Streit, in dem es um etwas völlig anderes ging.
»Wo ist er?«, fragte ich sie. »Warum kannst du mir nicht einfach sagen, wo er ist?«
»Erst im Jahr 1918 gelang es der Tschechoslowakei, sich von der Habsburgermonarchie zu befreien und zu dem Land zu werden, wie wir es im zwanzigsten Jahrhundert kennen.« Sie aschte ihre Lucky Strike auf ihre Tagesdecke. »In den 1940er-Jahren kam es schließlich zu einer Reihe von Ereignissen, in deren …«
»Holmes.« Ich fuchtelte mit der Hand vor ihrem Gesicht. »Ich habe dich gefragt, wo Milos Anzug ist.«
Sie schlug meine Hand weg. »… in deren Folge die Republik einige Gebietsveränderungen erfuhr …«
»Der Anzug, der mir definitiv nicht passen wird. Der mehr kostet als das Haus meines Vaters. Der Anzug, von dem du willst, dass ich ihn trage.«
»… und das Sudetenland an NS-Deutschland und Teile der Südslowakei an das Königreich Ungarn abtreten musste.« Sie schaute, die Zigarette zwischen den Fingern, mit zusammengekniffenen Augen auf den Text. »Den nächsten Absatz kann ich nicht entziffern. Als ich die Seite das letzte Mal gelesen habe, muss ich irgendetwas darüber verschüttet haben.«
»Dann hast du diesen Eintrag also schon öfter gelesen. Ein bisschen osteuropäische Geschichte vor dem Schlafengehen. Warum nicht. Bestimmt genauso gut wie Nancy-Drew-Bücher.«
»Nancy wer?«
»Niemand.« Ich verlor langsam die Geduld. »Hör zu. Ich kann verstehen, dass du Wert darauf legst, dass ich mich ›fürs Dinner umziehe‹, und dass du diese Worte aussprechen kannst, ohne dabei eine Miene zu verziehen, weil du in dieser erdrückenden, stinkvornehmen Welt aufgewachsen bist. Vielleicht gefällt es dir ja sogar, dass ich mich damit unwohl fühle …«
Sie sah mich blinzelnd an und wirkte etwas verletzt. Irgendwie klang alles, was ich heute sagte, gemeiner als beabsichtigt. »Okay, von mir aus«, ruderte ich zurück, »dann habe ich eben gerade eine sehr amerikanische Panikattacke, aber es ist schwieriger, in die Räume deines Bruders zu gelangen als ins Pentagon …«
»Mach dich nicht lächerlich«, unterbrach sie mich. »Milos Sicherheitsvorkehrungen sind um Längen besser. Wenn du den Zugangscode brauchst, kann ich ihn danach fragen. Er ändert ihn ungefähr alle zwei Tage von Berlin aus.«
»Den Zugangscode zu seinem Kinderzimmer. Er ändert ihn. Von Berlin aus.«
»Er ist nun mal der Kopf eines privaten Sicherheitsunternehmens.« Sie griff nach ihrem Handy. »Und wahrscheinlich will er nicht, dass jemand Mr Schnuffel entdeckt.«
Ich lachte und sie sah mich lächelnd an, und einen Moment lang vergaß ich, dass es gerade schwierig war zwischen uns.
»Holmes«, sagte ich, wie ich es in der Vergangenheit so oft getan hatte – aus einem Reflex heraus, als Ein-Wort-Satz, ohne dass ich noch etwas hätte hinzufügen wollen.
Es dauerte länger als sonst, bis sie »Watson« sagte. Und als sie es schließlich tat, kam es zögerlich.
Ich dachte an die Fragen, die ich ihr stellen wollte. An die ganzen schrecklichen Dinge, die ich stattdessen sagen könnte. Aber dann fragte ich nur: »Warum liest du mir etwas über die ehemalige Tschechoslowakei vor?«
Ihr Lächeln wurde angespannt. »Weil mein Vater die tschechische Botschafterin zum Abendessen eingeladen hat, zusammen mit dem neuen Kurator des Louvre, und da dachte ich, dass es vielleicht nichts schaden kann, wenn ich dich darauf vorbereite, da ich mir fast sicher bin, dass du absolut nichts über die Geschichte Osteuropas weißt, und wir wollen meiner Mutter doch beweisen, dass du kein Idiot bist. Oh«, sagte sie, als ihr Handy den Eingang einer Nachricht verkündete, »Milo hat den Code extra für uns in 666 geändert. Wie charmant. Geh und hol deinen Anzug, aber beeil dich. Wir müssen noch die Samtene Revolution von 1989 besprechen.«
In dem Moment hätte ich gern selbst zu den Waffen gegriffen. Kuratoren? Botschafter? Ihre mich für einen Idioten haltende Mutter? Das war zu viel für mich.
Okay, vielleicht hätte ich damit rechnen sollen. Mein Vater hatte schon angedeutet, dass es schwierig werden könnte, allerdings glaube ich nicht, dass er so etwas vorausgesehen hatte. Als ich ihm ein paar Tage nach der Auflösung des Bryony-Downs-Falls von meinen Plänen erzählte – den ersten Teil der Ferien würden wir bei mir verbringen, den zweiten bei ihr –, gab er zu bedenken, dass meine Mutter davon sicher nicht begeistert sein würde. Diesen Kommentar hätte er sich genauso gut sparen können, denn das wusste ich schon. Meine Mutter hasste die Familie Holmes und sie hasste die Moriartys und überhaupt alles, was mit Geheimnissen zu tun hatte. Ich bin mir sicher, dass sie Tweed-Capes schon allein aus Prinzip hasste. Aber nach allem, was diesen Herbst passiert war, hasste sie vor allem Charlotte Holmes.
»Tja«, hatte mein Vater geseufzt, »wenn du sie unbedingt besuchen willst, wirst du bestimmt eine sehr … nette Zeit dort haben. Ihr Haus ist wirklich hübsch.« Er hatte kurz innegehalten und angestrengt überlegt, was er sonst noch sagen könnte. »Und die Eltern von Holmes sind … ach, na ja. Es soll in dem Haus sechs Badezimmer geben. Sechs!«
Mir schwante nichts Gutes. »Leander wird auch da sein«, sagte ich aus dem Bedürfnis heraus, etwas zu haben, worauf ich mich freuen konnte. Holmes’ Onkel war der ehemalige Mitbewohner und beste Freund meines Vaters.
»Ja! Leander. Sehr gut. Leander wird bestimmt als Puffer zwischen dir und … allem dienen, wofür du einen Puffer brauchst. Ausgezeichnet.« Dann murmelte er irgendetwas in der Art, dass meine Stiefmutter ihn in der Küche brauchen würde, legte auf und ließ mich mit jeder Menge neuer Zweifel bezüglich meiner Weihnachtsplanung zurück.
Als Holmes vorschlug, die Ferien gemeinsam zu verbringen, hatte ich sofort vor mir gesehen, wie wir es uns in dem Apartment meiner Mutter in London gemütlich machten. Dicke Wollpullis und heiße Schokolade, vielleicht ein Serien-Special Doctor Who am prasselnden Kamin. Holmes, die eine Strickmütze mit Bommel trägt und die Schnitze einer Chocolate Orange von Terry’s zerteilt. Wir lagen sogar schon bei mir im Wohnzimmer auf der Couch, als Holmes zu mir sagte, ich solle endlich aufhören, mich so anzustellen, und meine Mutter einfach fragen, ob ich nach Sussex fahren könnte. Bisher hatte ich alles getan, um dem Thema aus dem Weg zu gehen. »Sei diplomatisch«, hatte Holmes mir geraten und kurz innegehalten. »Damit meine ich, überleg dir vorher, was du sagen willst, und dann sag es nicht.«
Es nützte nichts. Sie reagierte ziemlich genau so, wie Holmes und mein Vater es vorausgesagt hatten. Als ich ihr von unseren Plänen erzählte, fing sie an, so laut herumzuschreien und über Lucien Moriarty zu schimpfen, dass sogar die sonst so unerschütterliche Holmes in Deckung ging.
»Du wärst fast gestorben«, beendete meine Mutter ihre Tirade. »Die Moriartys hätten dich fast getötet. Und du willst Weihnachten im Hauptquartier ihres Erzfeinds verbringen?«
»Hauptquartier? Was denkst du, wo ich hinwill – Gotham City?« Ich fing an zu lachen. Auf der anderen Seite des Zimmers vergrub Holmes den Kopf in den Händen. »Mum. Mir wird nichts passieren. Ich bin fast erwachsen und kann selbst entscheiden, wie ich meine Ferien verbringen will. Dad sollte dir nichts von dieser ganzen Nahtod-Sache erzählen, weil ich wusste, dass du total überreagieren würdest, und ich hatte recht.«
Es entstand eine lange Pause, dann wurde das Geschrei noch ein bisschen lauter.
Als sie schließlich – unter extremen Vorbehalten – kapitulierte, war damit ein Preis verbunden. Unsere letzten Tage in London waren ziemlich ungemütlich. Meine Mutter stichelte wegen jeder Kleinigkeit an mir herum – ob es um die Ordnung im Wohnzimmer ging oder darum, dass ich plötzlich wieder mit starkem englischen Akzent redete. Es kommt einem gerade so vor, als hätte dieses Mädchen dir sogar deine Stimme weggenommen. Vielleicht hatte ich ihr ein bisschen zu viel zugemutet; natürlich wäre es ihr lieber gewesen, ich hätte Holmes erst gar nicht mitgebracht. Das wäre wahrscheinlich für beide Seiten besser gewesen, es war mir aber ums Prinzip gegangen – ich hatte genug davon, dass meine Mutter jemanden ablehnte, dem sie noch nie begegnet war. Jemanden, der mir wichtig war. Wenigstens mir zuliebe sollte meine Mutter in der Lage sein, meine beste Freundin als das zu akzeptieren, was sie war: ein brillantes und aufregendes Mädchen.
Das hatte ungefähr so gut funktioniert, wie es zu erwarten gewesen war.
Holmes und ich verbrachten viel Zeit außer Haus.
Ich nahm sie in meine Lieblingsbuchhandlung mit, wo ich sie mit Romanen von Ian Rankin belud und sie mich dazu drängte, ein Buch über Weinbergschnecken zu kaufen. Ich ging mit ihr in den Fish-’n’-Chips-Laden an der Ecke, wo sie mich mit ausführlichen und wahrscheinlich frei erfundenen Einzelheiten über das Sexleben (Drohnen, Kameras, sein Dachswimmingpool) ihres Bruders ablenkte, während sie mir meinen ganzen frittierten Fisch wegfutterte und ihren eigenen Teller nicht anrührte. Ich machte mit ihr einen Spaziergang an der Themse, wo ich ihr zeigte, wie man einen Stein übers Wasser hüpfen ließ und sie beinahe ein Loch in ein vorbeifahrendes Fährboot schleuderte. Wir gingen zu meinem Lieblingsinder. Zweimal. An einem Tag. Sie hatte diesen ganz bestimmten Ausdruck bekommen, als sie den ersten Bissen von ihrem Pakora nahm, der, bei dem man genießerisch die Augen halb schließt, und zwei Stunden später hatte ich das Bedürfnis, ihn noch mal zu sehen. Es tat so gut, sie glücklich zu erleben, dass es mir nicht einmal etwas ausmachte, als ich sie später dabei erwischte, wie sie meiner Schwester Shelby anhand des peinlichen Curryflecks auf meinem Hemd demonstrierte, wie man Blutflecken aus Stoff entfernt.
Kurz, es waren die besten drei Tage meines Lebens – trotz meiner Mutter – und gleichzeitig waren sie so normal, wie es mit Charlotte Holmes möglich war. Meine Schwester, die eine solche Naturgewalt nicht gewohnt war, war völlig überwältigt. Shelby fing an, Holmes wie ein Schatten zu folgen, sich komplett schwarz anzuziehen und die Haare zu glätten und sie ständig in ihr Zimmer zu schleppen, um ihr irgendwelche Dinge zu zeigen. Ich wusste nicht genau, was für Dinge das waren, aber aus der schwülstigen Musik, die unter der Tür hindurchdrang, schloss ich, dass der dazugehörige Soundtrack von L.A.D. stammte, Shelbys derzeitiger Lieblings-Boygroup. Vermutlich zeigte sie Holmes ihre Bilder. Meine Mutter hatte mir erzählt, dass meine Schwester in meiner Abwesenheit mit Feuereifer angefangen hatte zu malen, bis jetzt aber immer zu schüchtern gewesen war, ihre Kunstwerke irgendjemandem zu zeigen.
Nicht dass ich besonders viel dazu hätte sagen können. Mit Kunst kannte ich mich nicht wirklich aus. Ich wusste, was mir gefiel, was mich berührte – meistens Porträts. Ich mochte Bilder, die etwas Geheimnisvolles hatten. Ein Motiv in einem dunklen Raum. Mysteriöse Bücher und Flaschen oder ein Mädchen mit abgewandtem Gesicht. Wenn ich nach meinem Lieblingskunstwerk gefragt wurde, gab ich immer Die Anatomie des Dr. Tulp von Rembrandt an, aber um ehrlich zu sein, hatte ich es gar nicht mehr so detailgetreu im Kopf. Wenn mir etwas gefiel, beschäftigte ich mich oft so ausführlich damit, bis ich es praktisch totgeliebt hatte. Nach einer Weile verloren diese Dinge dann ihre Bedeutung und verkümmerten zu einer Art Stichwort, das dafür stand, wer ich war, und nicht mehr so sehr für etwas, das mir tatsächlich Spaß machte.
»Shelby hat mich um meine Meinung gebeten, und da ich mich gut in der Malerei auskenne, habe ich ihr gesagt, was ich davon halte«, antwortete Holmes, als ich sie fragte, ob sie mit meiner Schwester über deren Bilder gesprochen hatte. Es war unser letzter Abend in London; am nächsten Nachmittag reisten wir nach Sussex ab. Da meine Mutter mein Zimmer in ein Arbeitszimmer umgewandelt hatte, waren wir dort, wo wir schon die ganze Woche gewesen waren – auf dem ausklappbaren Schlafsofa im Wohnzimmer, hinter dem sich wie ein Schutzwall unsere Taschen übereinanderstapelten. Draußen dämmerte es. Schlafmangel war eines der Dinge, die man in Kauf nehmen musste, wenn man mit Holmes befreundet war. Sprich, man schlief so gut wie gar nicht mehr.
»Wie gut?«, fragte ich.
»Mein Vater hielt es für einen wichtigen Teil meiner Ausbildung. Ich kann endlos über Farbe und Komposition reden, dank ihm und« – ihr Gesichtsausdruck verdüsterte sich – »meinem alten Hauslehrer Professor Demarchelier.«
Ich stützte mich auf einem Ellbogen auf. »Malst du auch?« Plötzlich wurde mir klar, wie wenig ich eigentlich von ihr wusste und dass mir alle Fakten über ihr Leben entweder aus zweiter Hand oder nur stückchenweise und widerstrebend erzählt worden waren. Sie hatte eine Katze, die Maus hieß. Ihre Mutter war Chemikerin. Aber ich hatte keine Ahnung, welches ihr erstes Buch gewesen war oder ob sie mal Meeresbiologin hatte werden wollen, noch nicht einmal, wie sie war, wenn sie nicht gerade unter Mordverdacht stand. Sie spielte natürlich Geige, also lag es nahe, dass sie auch schon andere Kunstarten ausprobiert hatte. Ich versuchte mir vorzustellen, wie Holmes’ Bilder aussehen würden. Ein Mädchen in einem dunklen Zimmer, dachte ich, das Gesicht abgewandt, aber als ich sie anschaute, wandte sie mir das Gesicht zu.
»Malen zählt nicht zu meinen Talenten, und ich verschwende meine Zeit nicht mit Dingen, in denen ich nicht gut bin. Worin ich aber gut bin, ist, Kunst zu beurteilen. Deine Schwester hat definitiv Talent. Ein feines Gespür für Bildaufbau, interessanter Farbgebrauch. Siehst du? Da haben wir’s. Typisches Kunstgerede. Ihre Motivauswahl ist allerdings etwas beschränkt. Ich habe ungefähr dreißig Bilder von eurem Nachbarshund gesehen.«
»Wuff schläft meistens hinten im Garten«, sagte ich lächelnd. »Das macht ihn zu einem leicht zu malenden Motiv.«
»Wir könnten sie in die Tate Modern mitnehmen. Morgen-Vormittag, bevor wir fahren. Wenn du Lust hast.« Sie streckte die Arme über den Kopf. Ihre Haut schimmerte im Dunkeln wie Sahne in einem Kännchen. Ich zwang meinen Blick zu ihrem Gesicht zurück. Es war spät, und wenn es spät war, passierten mir manchmal solche kleinen Ausrutscher.
Wenn ich ehrlich war, passierte mir das ständig. Um vier Uhr morgens konnte ich es mir nur leichter eingestehen.
»Die Tate«, sagte ich und riss mich zusammen. Ihr Angebot hatte aufrichtig geklungen. »Klar. Aber nur, wenn es dir wirklich nicht zu viel wird. Du bist auch so schon unglaublich nett zu Shelby gewesen. Wahrscheinlich hast du in den letzten Tagen genug L.A.D. für den Rest deines Lebens gehört.«
»Ich liebe L.A.D.«, sagte sie todernst.
»Du magst ABBA«, erinnerte ich sie. »Ich bin mir also nicht sicher, ob das ein Witz sein soll. Als Nächstes finde ich noch heraus, dass du im Sommer eine Bauchtasche trägst. Oder dass du mit elf ein Poster von Harry Styles in deinem Zimmer hängen hattest.«
Holmes zögerte.
»Nein, hattest du nicht.«
»Es war ein Poster von Prinz Harry.« Sie verschränkte die Arme. »Er hat immer einen sehr guten Kleidungsstil gehabt und so was weiß ich nun mal zu schätzen. Wie auch immer. Ich war elf und einsam, und wenn du nicht aufhörst, mich so dämlich anzugrinsen, dann komme ich rüber und …«
»Natürlich hast du nur seinen sehr guten Kleidungsstil geschätzt und nicht sein …«
Sie schlug mit ihrem Kissen nach mir.
»Wenn man so darüber nachdenkt«, sagte ich mit dumpfer Stimme, weil ich den Mund gerade voller Gänsedaunen hatte. »Du bist eine Holmes. Deine Familie ist berühmt. Der Traum hätte wahr werden können. Prinzessin Charlotte und der royale Notnagel mit dem Bad-Boy-Image. Du bist weiß Gott so hübsch, dass du es hättest schaffen können. Ich kann es förmlich vor mir sehen – du mit einem Diadem, wie du von der Rückbank einer offenen Limousine diese Glühbirne-eindrehen-Handbewegung machst.«
»Watson.«
»Du hättest Reden halten müssen. Vor Waisenkindern und Gesellschafterversammlungen. Du hättest dich mit kleinen Welpen fotografieren lassen müssen.«
»Watson.«
»Was? Du weißt, dass ich dich nur aufziehen will. Die Art, wie du aufgewachsen bist, geht einfach über meinen Horizont hinaus.« Ich wusste, dass ich mich um Kopf und Kragen redete, aber ich war zu müde, um mich zu bremsen. »Schau dich doch nur mal hier um. Unsere Wohnung ist ein besserer Kleiderschrank. Und du hast ja gesehen, wie seltsam meine Mutter sich benimmt, sobald du von deiner Familie anfängst. Ich glaube, sie macht sich Sorgen, dass ich in Sussex in den Sog der dekadenten, mysteriösen Holmes’ gerate und mich nie wieder daraus befreien kann. Und du lächelst höflich und schluckst herunter, was du wirklich von ihr und meiner Schwester und der Art, wie wir leben, denkst. Was, seien wir ehrlich, dich wahrscheinlich unglaublich viel Mühe kostet, weil es nicht unbedingt zu deinen Stärken gehört, nett zu sein. Was du auch nicht sein musst. Du bist vornehm, Charlotte Holmes. Sprich mir nach: Ich bin vornehm und Jamie Watson ist ein Bauer.«
»Manchmal glaube ich, dass du mich unterschätzt«, sagte sie stattdessen.
»Was?« Ich setzte mich auf. »Ich wollte nur … Okay, vielleicht bin ich ein bisschen übernächtigt. Es ist schon spät. Aber ich möchte nicht, dass du das Gefühl hast, du müsstest dich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten oder irgendjemanden beeindrucken. Wir sind schon beeindruckt. Du musst nicht so tun, als würdest du meine Mum mögen oder meine Schwester oder wie wir leben …«
»Ich mag eure Wohnung.«
»Sie ist so groß wie dein Labor in Sherringford …«
»Ich mag eure Wohnung, weil du hier aufgewachsen bist.« Sie sah mich ruhig an. »Und ich esse gern, was es bei euch zum Abendessen gibt, einfach weil ihr es gekocht habt. Und ich mag deine Schwester, weil sie klug ist und dich anbetet, was bedeutet, dass sie sehr klug ist. Du redest über sie, als wäre sie ein Kind, aber du solltest sie nicht damit aufziehen, dass sie versucht, ihre aufkeimende Sexualität zu entdecken, indem sie eine Boygroup mit schwermütigen Sopranstimmen hört. Das ist definitiv sicherer als die Alternative.«
Die Unterhaltung hatte eine unerwartete Wendung genommen. Obwohl ich es vielleicht von dem Moment an, in dem mir die Worte »du bist so hübsch« herausgerutscht waren, hätte kommen sehen sollen.
Sie richtete sich auf, um mich anzusehen. Das Laken war um ihre Füße gewickelt, ihre Haare waren zerwühlt, und sie sah aus, als würde sie in einem nicht ganz jugendfreien französischen Film mitspielen. Genau so etwas sollte mir jetzt nicht in den Sinn kommen. Deshalb ging ich eine vertraute Liste in meinem Kopf durch, auf der die am wenigsten erotischen Dinge standen, die ich mir vorstellen konnte: Grandma, mein siebter Geburtstag, König der Löwen …
»Die Alternative?«, wiederholte ich.
»Es ist besser, erst mal nur einen Zeh einzutauchen, bevor man ins kalte Wasser springt.«
»Wir müssen nicht darüber sprechen …«
»Tut mir wirklich leid, wenn dir das unangenehm ist.«
»… wenn du nicht willst, wollte ich sagen. Wie sind wir überhaupt auf dieses Thema gekommen?«
»Du hast die Verhältnisse, aus denen du kommst, schlechtgemacht. Ich habe sie verteidigt. Mir gefällt es hier, Jamie. Morgen fahren wir zu meinen Eltern und dort wird es anders sein als hier. Ich werde anders sein als hier.«
»Wie meinst du das?«
»Hör auf, so zu tun, als wärst du schwer von Begriff«, fuhr sie mich an. »Das passt nicht zu dir.«
Fürs Protokoll: Ich tat nicht so, als wäre ich schwer von Begriff. Ich versuchte nur, ihr die Möglichkeit zu geben, eine andere Richtung einzuschlagen. Ich wusste, dass sie gefährlich nah an einem Thema dran war, über das wir nie gesprochen hatten. Sie war vergewaltigt worden. Man hatte uns den Mord an dem Vergewaltiger anhängen wollen. Was auch immer sie für mich empfand, war in dieser traumatischen Erfahrung gefangen, also lag das, was auch immer ich für sie empfand, erst einmal auf Eis. Ich verlor mich vielleicht manchmal in dummen Tagträumen darüber, wie wunderschön sie war, hatte diese Gedanken aber noch nie laut ausgesprochen. Immer wieder hatte ich ihr die Gelegenheit gegeben, mit mir über uns beide zu sprechen, sie aber nie dazu gedrängt. Am nächsten dran waren wir während solcher elliptischen Unterhaltungen im Morgengrauen, wo wir so lange um das Thema kreisten, bis ich irgendetwas Falsches sagte und sie komplett zumachte und mich danach stundenlang noch nicht einmal mehr ansah.
»Ich habe nur versucht zu signalisieren, dass ich nichts davon anspreche, wenn du es nicht willst«, sagte ich und mit nichts davon meinte ich Sussex. Und ich meinte Lee Dobson, von dem ich mir regelmäßig vorstelle, wie ich ihn ausgrabe und noch mal umbringe, und ich meinte über uns zu sprechen, was mir offen gestanden selbst nicht ganz leichtfallen würde, und ich meinte obwohl deine Haare immer wieder über dein Schlüsselbein streichen und du dir mit der Zunge über die Lippen fährst, wenn du nervös bist, denke ich nicht auf diese Weise an dich, das tue ich nicht, ich schwöre bei Gott, dass ich das nicht tue.
Das Beste und zugleich das Schlimmste an Holmes war, dass sie nicht nur das hörte, was ich sagte, sondern auch alles, was ich nicht sagte.
»Jamie.« Es war ein trauriges Flüstern, andererseits war es so leise, dass ich es mir vielleicht nur einbildete. Zu meiner Bestürzung griff sie nach meiner Hand und zog sie an ihren Mund.
Das hatte sie noch nie getan.
Ich spürte ihren heißen Atem auf meiner Handfläche, die Berührung ihrer Lippen. Ich unterdrückte einen Laut, der aus meiner Kehle hochstieg, und hielt vollkommen still, weil ich Angst hatte, dass ich sie verschrecken könnte oder, was noch schlimmer gewesen wäre, dass wir beide daran zerbrechen könnten.
Sie fuhr mit einem Finger über meine Brust. »Ist es das, was du willst?«, fragte sie und ich verlor das letzte bisschen Willenskraft.
Ich konnte nichts erwidern, jedenfalls nicht mit Worten. Stattdessen ließ ich die Hände zu ihrer Taille hinunterwandern, um sie so zu küssen, wie ich es mir schon seit Monaten wünschte – ein tiefer, forschender Kuss, eine Hand in ihren Haaren vergraben, während sie sich an mich presste, als wäre ich der einzige andere Mensch auf der Welt.
Aber als ich sie berührte, wich sie zurück. Ein panischer Ausdruck glitt über ihre Züge. Ich beobachtete, wie die Panik sich in Wut verwandelte und dann in etwas, das wie Verzweiflung wirkte.
Wir schauten uns einen schier unmöglichen Moment lang an. Schließlich schob sie sich wortlos von mir weg und legte sich mit dem Rücken zu mir auf die Seite, das Gesicht dem Fenster zugewandt, auf dem sich die wie ein Bluterguss leuchtenden Farben der Morgendämmerung ausbreiteten.
»Charlotte«, sagte ich leise und legte eine Hand auf ihre Schulter. Sie schüttelte sie ab. Ich nahm es ihr nicht übel. Aber etwas zog sich in meiner Brust zusammen.
Mir wurde klar, dass meine Anwesenheit vielleicht zum ersten Mal eher ein Fluch als ein Segen war.
Es war nicht das erste Mal, dass etwas zwischen uns passiert war.
Wir hatten uns geküsst. Einmal. Nur ganz kurz, eher ein flüchtiges Streifen unserer Lippen. Da mein Leben zu diesem Zeitpunkt auf der Kippe stand, hatte sie mich also vielleicht nur aus Mitleid geküsst. Wir hatten zudem gerade unsere Mordermittlungen abgeschlossen, vielleicht hatte sie es also auch nur aus einem deplatzierten Gefühl der Erleichterung getan. Jedenfalls hatte ich es nicht als ein Versprechen auf mehr verstanden. Selbst wenn sie so etwas wie eine Liebesbeziehung mit mir haben wollen würde, war es kaum zu übersehen, dass sie mit schweren psychischen Verletzungen zu kämpfen hatte. Wie gesagt, ich wollte sie wirklich nicht drängen. Und manchmal fragte ich mich, ob ich selbst das überhaupt wollte, ob ich das seltsame fragile Etwas, das wir zwischen uns gesponnen hatten, dadurch nicht zerstören würde und wir dann noch übler dran wären. Nach letzter Nacht schien es ganz danach auszusehen.
Wir gingen am nächsten Morgen nicht in die Tate. Wir schlichen uns nicht nach ein paar Stunden Schlaf zum Frühstück hinaus, wie wir es in den Tagen davor getan hatten. Wir packten schweigend, Holmes in Morgenmantel und Strümpfen und mit blassem Gesicht, und nachdem wir uns von meiner Mutter und meiner mit den Tränen kämpfenden kleinen Schwester verabschiedet hatten, gingen wir schweigend zum Bahnhof. Wir fuhren in einem Privatabteil nach Sussex, wo sie eisern aus dem Fenster schaute und ich so tat, als würde ich lesen, bis ich es irgendwann aufgab. Ich machte niemandem etwas vor, schon gar nicht ihr.
Als wir schließlich in Eastbourne aus dem Zug stiegen, wurden wir von einer schwarzen Limousine erwartet.
Holmes drehte sich, die Hände in die Manteltaschen geschoben, zu mir um. »Es wird schon alles gut gehen«, murmelte sie. »Du wirst da sein, es kann also nur gut gehen.«
»Damit ›alles gut geht‹, wie du es nennst, wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn wir miteinander reden würden.« Ich versuchte, nicht so verletzt zu klingen, wie ich mich fühlte.
Sie wirkte überrascht. »Ich rede gern mit dir«, sagte sie. »Aber ich kenne dich. Du hast ständig das Bedürfnis, alles bis ins Letzte zu klären und wieder geradezurücken, und genau das würde im Moment alles nur noch schlimmer machen.«
Als der Fahrer ausstieg, um unser Gepäck entgegenzunehmen, klopfte sie mir in ihrer zerstreuten Art auf die Schulter und trat ihm entgegen, um ihn zu begrüßen. Ich stand mit meinem Koffer in der Hand da und war wütend auf sie, weil sie entschieden hatte, dass wir lieber darüber schweigen sollten. Weil sie immer alles entschied. Sie behandelte mich, als wäre ich ihr Haustier, dachte ich und wurde von dieser welterschütternden Verlorenheit durchflutet, die ich schon seit Monaten nicht mehr gefühlt hatte.
Genau dieses Gefühl hatte mich überhaupt erst in diese ganze chaotische Charlotte-Holmes-und-Jamie-Watson-Sache hineingezogen und ich war durchaus noch in der Lage, die Ironie zu sehen, die darin lag.
Ihre Eltern nahmen uns bei unserer Ankunft nicht in Empfang, womit ich kein Problem hatte. Ich hätte es wahrscheinlich nicht geschafft, besonders freundlich zu ihnen oder sonst jemandem zu sein. Stattdessen kümmerte sich eine Haushälterin um uns, eine gepflegte, zurückhaltende Frau, die ungefähr im Alter meiner Mutter war. Sie nahm uns unsere Mäntel ab und führte uns nach unten zu Holmes’ Räumen, und als wir mit dem Mittagessen fertig waren, das sie uns auf einem Tablett gebracht hatte, war es bereits dunkel.
Nachdem ich einige Zeit später meine spontane Unterrichtsstunde in osteuropäischer Geschichte bekommen hatte, stand ich nun auf einer Holzkiste, die die Haushälterin für mich organisiert hatte, damit sie mir die zu langen Beine von Milos Hose kürzen konnte. Holmes war bereits verschwunden gewesen, als ich in dem Anzug in ihr Zimmer zurückkehrte. Während die Haushälterin, ein Maßband um die Schultern gelegt, die Säume absteckte und ich unbehaglich dastand und versuchte, nicht herumzuzappeln, überlegte ich, wo Holmes sich versteckt haben könnte. Vielleicht spielte sie in einem Billardzimmer eine Runde Pool oder tastete sich mit verbundenen Augen durch einen Hindernisparcours, mit dem Holmes’ Eltern Gerüchten zufolge die Geschicklichkeit ihrer Kinder trainierten. Vielleicht hockte sie im Kleiderschrank und futterte Schokoladenkekse.
»Fertig«, sagte die Haushälterin schließlich, richtete sich auf und betrachtete zufrieden ihr Werk. »Sie sehen sehr gut aus, Master Jamie. Der offen stehende Kragen steht Ihnen ganz wunderbar.«
»Bitte«, sagte ich und zupfte an meinen Ärmelaufschlägen, »nennen Sie mich nicht so. Können Sie mir vielleicht sagen, wo H …, wo Charlotte ist?«
»Oben, nehme ich an.«
»Hier gibt es eine Menge oben.« Vor meinem geistigen Auge sah ich mich schon in dem geliehenen Anzug ziellos durchs Haus irren. Auch eine Art von Hindernisparcours. »Zweiter Stock? Dritter? Vierter? Ähm … gibt es überhaupt einen vierten?«
»Versuchen Sie es im Arbeitszimmer ihres Vaters«, sagte sie und hielt mir die Tür auf. »Dritter Stock, Ostflügel.«
Gut möglich, dass ich es schneller von London nach Sussex geschafft hätte, aber ich fand sein Arbeitszimmer schließlich am Ende eines langen, mit Porträts gesäumten Flurs. Dieser Flügel hier fühlte sich älter an, düsterer als der Rest des Hauses. Die Gemälde blickten finster auf mich herab. Auf einem von ihnen waren Holmes’ Vater und seine Geschwister um einen Tisch versammelt, auf dem sich Bücher stapelten. Alistair Holmes sah genau wie seine Tochter aus, ernst und reserviert, die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet. Der mit dem verwegenen Lächeln war zweifellos Leander, dachte ich und fragte mich, ob er schon da war. Ich hoffte es.
»Es ist offen«, hörte ich eine gedämpfte Stimme hinter der Arbeitszimmertür sagen, obwohl ich gar nicht geklopft hatte. Natürlich wussten sie, dass ich da war. Es war offensichtlich, dass in diesem Haus Geheimnisse gehütet wurden, ich selbst würde hier allerdings keine für mich behalten können, so viel stand fest.
Ich griff nach der Klinke und hielt inne. Direkt neben der Tür hing ein Porträt, das mir erst jetzt auffiel. Es zeigte Sherlock Holmes, der mit gekräuselten Lippen und einer Lupe in der Hand dasaß und dem es sichtlich gegen den Strich ging, sich malen zu lassen. Dr. Watson, mein Urururgroßvater, stand hinter ihm und hatte beruhigend eine Hand auf die Schulter seines Freundes gelegt.
Ich hätte es als positives Zeichen deuten können. Aber während ich auf diese Hand schaute, fragte ich mich, wie oft Sherlock Holmes wohl versucht hatte, sie abzuschütteln. Die Watsons, Generationen von Masochisten, dachte ich, bevor ich die Tür öffnete.
Der Raum war nur spärlich beleuchtet. Es dauerte einen Moment, bis meine Augen sich daran gewöhnt hatten. In seiner Mitte stand ein wuchtiger Schreibtisch, hinter dem sich wie mächtige Schwingen Bücherregale ausbreiteten. Vor all diesem gesammelten Wissen saß Alistair Holmes und musterte mich mit seinem wachen Blick.
Ich mochte ihn sofort, obwohl ich wusste, dass ich es nicht sollte. Nach allem, was ich über ihn gehört hatte, hatte er seine Tochter mit seiner strengen Erziehung und seinen hohen Erwartungen beinahe in den Tod getrieben. Aber er wusste über mich Bescheid. Ich erkannte es an dem abschätzenden Ausdruck auf seinem Gesicht, es war derselbe, den ich schon so oft an Charlotte Holmes gesehen hatte. Er sah mich als das, was ich war – ein nervöser Junge aus der Mittelklasse in einem geliehenen Anzug, und trotzdem steckte er mich in keine Schublade. Meine soziale Herkunft interessierte ihn nicht. Nach den ganzen Gefühlsturbulenzen der letzten Tage war es richtig angenehm, auf ein bisschen emotionalen Gleichmut zu treffen.
»Jamie«, sagte er mit einer überraschend hellen Stimme. »Bitte setzen Sie sich. Es freut mich, Sie endlich kennenzulernen.«
»Ganz meinerseits.« Ich nahm in dem Lehnstuhl ihm gegenüber Platz. »Vielen Dank, dass Charlotte mich mitbringen durfte.«
Er hob abwehrend eine Hand. »Selbstverständlich. Sie haben meine Tochter sehr glücklich gemacht.«
»Danke«, sagte ich, obwohl das so nicht ganz stimmte. Ich hatte sie glücklich gemacht oder glaubte es zumindest. Ich hatte sie aber auch unglücklich gemacht. Ich hatte sie im Arm gehalten, während unser Zufluchtsort abbrannte. Ich war zu ihren Füßen zusammengebrochen, zu schwach, um mich auf den Beinen zu halten, während Lucien Moriarty sie durch Bryony Downs glitzerndes pinkfarbenes Handy verhöhnte. Das war nur zum Aufwärmen. Ich wollte herausfinden, was dir wichtig ist. Ich wollte wissen, wie bedingungslos dieser kleine Idiot dir vertraut. Ich bedrohe ihn und du küsst ihn. Einsatz der Streicher. Tosender Applaus.Vorhang. Und jetzt hatte ich sie dazu getrieben, sich irgendwo in diesem riesigen, am Meer liegenden Haus zu verstecken, während ihr Vater die Art von Small Talk mit mir führte, die ihr so verhasst war.
»Gefällt Ihnen das Bild unserer gemeinsamen Vorfahren? Ich hörte, wie Sie stehen blieben, um es zu betrachten.«
»Sie sehen Sherlock Holmes sehr ähnlich. Jedenfalls auf den Bildern, die ich von ihm kenne«, sagte ich. Er nickte und ich hatte plötzlich das Bedürfnis, die Höflichkeiten zu überspringen und ein echtes Gespräch zu beginnen. »Ich musste dabei daran denken, wohin das alles geführt hat. Ich meine, jetzt sind es Charlotte und ich, die sich zusammengetan und einen Mordfall gelöst haben, an dessen Ende ein Moriarty stand. Es ist fast so, als würde die Geschichte sich wiederholen.«
»Es gibt eine Menge familiengeführte Unternehmen auf der Welt.« Er legte seine schlanken Finger aneinander und stützte sein Kinn darauf. »Väter geben ihre Schusterei an ihre Söhne weiter. Anwälte lassen ihre Töchter Jura studieren und machen sie zu Juniorpartnerinnen in ihrer Kanzlei. Wir mögen gewisse Affinitäten haben, die wir an unsere Kinder weitergeben, sei es durch Vererbung oder die Denkweise, die wir ihnen beibringen, aber ich glaube nicht, dass wir keinen Einfluss auf unser Schicksal haben. Es ist nicht so, als wären wir Sisyphus’ Sprösslinge, die auf ewig dazu verdammt sind, einen Felsbrocken den Berg hinaufzurollen. Schauen Sie sich Ihren Vater an.«
»Er ist im Vertrieb tätig«, sagte ich, während ich versuchte, mit seinen Gedankengängen Schritt zu halten.
Holmes’ Vater zog eine Braue hoch. »Und die Frau, die das Porträt gemalt hat, das Sie im Flur bewundert haben, war Professor Moriartys Tochter. Sie hat es unserer Familie als Entschuldigung für die Verbrechen ihres Vaters geschenkt. Die Taten der Vergangenheit hallen vielleicht nach, dennoch sollten Sie daraus nicht schließen, dass unsere Wege vorbestimmt sind. Ihr Vater mag Gefallen daran finden, Kriminalfälle zu lösen, aber seit er in die USA gezogen ist, scheint ihn die Rolle des Beobachters glücklicher zu machen. Ich könnte mir vorstellen, dass es ihm geholfen hat, nicht länger Leanders Einfluss ausgesetzt zu sein. Mein Bruder ist ein echter Chaosstifter.«
»Wissen Sie, wann er kommt? Leander, meine ich?«
»Heute Abend oder morgen«, antwortete er mit einem Blick auf seine Uhr. »So genau kann man das bei ihm nie wissen. Er ist der Meinung, die Welt müsse sich seinen Bedürfnissen anpassen. In dieser Hinsicht sind er und Charlotte sich sehr ähnlich. Mit der Rolle des Beobachters geben sie sich nicht zufrieden. Oder damit, für Gerechtigkeit zu sorgen. Dass sie mit ihrem Tun anderen helfen, ist für beide zweitrangig.«
Gegen meinen Willen beugte ich mich fasziniert vor. Alistair Holmes war ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit – seine förmliche Ausdrucksweise, sein entschlossener, beinahe hypnotisierender Blick. Ich konnte mich seinem Bann nicht entziehen. »Und was glauben Sie, worum es Charlotte und Leander dann geht?«
»Sich in der Welt zu behaupten, das ist jedenfalls immer mein Eindruck gewesen.« Er zuckte mit den Achseln. »Unauffällig im Hintergrund zu agieren ist ihre Sache nicht. Irgendwie gelingt es ihnen immer, ins Rampenlicht zu treten. In diesem Punkt ähneln sie beide Sherlock wohl deutlich mehr als jeder andere von uns. Wissen Sie, ich bin lange für das Verteidigungsministerium tätig und der Urheber einiger kleiner internationaler Konflikte gewesen, trotzdem habe ich meinen Schreibtisch nur selten verlassen. Es genügte mir, Armeen in der Theorie auf Schlachtfeldern zu bewegen und es anderen zu überlassen, diese Konzepte in die Tat umzusetzen. Mein Sohn Milo geht einer ganz ähnlichen Beschäftigung nach. In vielerlei Hinsicht, sowohl im Guten als auch im Schlechten, folgt er meinem Ansatz.«
»Aber ist das wirklich besser?«, hörte ich mich fragen. Ich wollte ihn nicht provozieren; es rutschte mir einfach heraus. »Halten Sie es nicht für sinnvoller, die Konsequenzen des eigenen Handelns direkt mitzubekommen, um daraus zu lernen und in Zukunft klügere Entscheidungen zu treffen?«
»Sie sind ein gedankenvoller junger Mann«, sagte er, wobei ich mir nicht sicher war, ob er es auch so meinte. »Hätten Sie es für klüger gehalten, wenn ich darauf bestanden hätte, dass Charlotte nach dem Debakel mit August Moriarty hierbleibt und die Auswirkungen ihrer Taten mitansieht, statt sie fortzuschicken, um einen Neuanfang zu versuchen?«
»Ich …«
»Es gibt viele Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen für unsere Vergehen nicht immer mit unserem Blut bezahlen oder damit, unsere Zukunft zu opfern. Aber ich höre Charlotte den Flur entlangkommen, vielleicht sollten wir also lieber das Thema wechseln.« Er sah mich mit leicht zusammengekniffenen Augen an. »Sie sind anders, als ich erwartet habe.«
»Was haben Sie denn erwartet?«, fragte ich und war plötzlich unsicher. Ich war nicht geschaffen für diese Art von Tiefsee-Konversationen auf finsterem Meeresgrund.
»Eher weniger.« Er stand auf und ging zum Fenster, schaute über die dunklen Hügel aufs Wasser hinaus. »Es ist wirklich schade.«
»Was meinen Sie damit?«, fragte ich, aber genau in dem Moment klopfte auch schon Holmes an die Tür.
»Mutter wird mich umbringen«, sagte sie, als ich ihr aufmachte. »Wir sollten schon seit fünf Minuten unten sein. Hallo, Dad.«
»Lottie«, sagte er, ohne sich umzudrehen. »Ich komme gleich. Warum gehst du nicht mit Jamie vor und zeigst ihm das Speisezimmer.«
»Natürlich.« Sie hakte sich bei mir unter. Es fühlte sich irgendwie distanziert an. Hatten wir immer noch Streit? Hatten wir uns überhaupt gestritten? Ich war es leid, mich das ständig zu fragen, außerdem spielte es sowieso keine Rolle, nicht solange wir mitten im Winter hier in diesem riesigen düsteren Haus ihrer Familie waren. Mich beschlich langsam das Gefühl, dass ich diese Woche ohne Holmes als meine Übersetzerin nicht überleben würde.
»Du siehst sehr hübsch aus«, sagte ich zu ihr, weil es die Wahrheit war – sie trug ein knöchellanges Kleid, hatte sich die Lippen dunkel nachgezogen und die Haare zu einem Knoten hochgesteckt.
»Ich weiß«, seufzte sie. »Ist das nicht furchtbar? Bringen wir es hinter uns.«
Emma Holmes redete nicht mit mir. Eigentlich redete sie mit niemandem. Mit ihrer linken, von funkelnden Ringen bewehrten Hand rieb sie sich immer wieder den Nacken. Die andere war mit ihrem Weinglas beschäftigt. Es wäre auch nicht weiter schlimm gewesen, hätte ich nicht das Gefühl gehabt, irgendwo in Sibirien zu sitzen, wenn ihr Speisezimmer Russland gewesen wäre (von der Größe kam das ungefähr hin).
Ich war zwischen Holmes’ Mutter und der mürrisch vor sich hin starrenden Tochter der tschechischen Botschafterin gesetzt worden, ein Mädchen namens Eliska, das mich von oben bis unten gemustert und dann einen flehenden Blick an die Decke geworfen hatte. Entweder hatte sie sofort meine nicht vorhandenen finanziellen Ressourcen gerochen oder sich einen größeren, muskulöseren Jamie Watson erhofft, der ein bisschen mehr wie ein freiwilliger Feuerwehrmann und weniger wie ein ehrenamtlicher Bibliothekar aussah. Jedenfalls blieb es mir überlassen, Small Talk mit Holmes’ Mutter zu betreiben, während Eliska leise über ihrem Essen seufzte.
Von Holmes – meiner Holmes, falls sie das überhaupt war – kam keinerlei Rückendeckung. Sie hatte das Essen auf ihrem Teller in kleine Stückchen geschnitten und war nun damit beschäftigt, sie neu anzuordnen, ihrem abwesenden Blick sah ich jedoch an, dass sie sich auf die Unterhaltung am anderen Ende des Tischs konzentrierte. Der einzigen Unterhaltung am Tisch, um genau zu sein, in der es um so etwas wie den Marktpreis für Picasso-Skizzen ging. Alistair Holmes berichtigte den leicht verschlagen wirkenden Kurator. Natürlich wusste er mehr über Kunst als jemand, der im Louvre arbeitete. Ich schaffte es nicht, die Energie aufzubringen, darüber erstaunt zu sein.
Ehrlich gesagt, konnte ich gar keine Energie aufbringen. Ich wartete weiter darauf, dass die Bedrohung, die ich an diesem Ort spürte, real wurde, dass sie zu etwas wurde, das ich sehen oder hören konnte, zu etwas, dem ich mich stellen konnte. Ich hatte mit einem kühleren Empfang gerechnet. Dass die Holmes sich gegenseitig darin überbieten würden, mich an meinen intellektuellen Platz zu verweisen. Mich vorführen würden, mich durch einen Feuerreifen springen lassen würden wie bei einer Zirkusnummer. Stattdessen hatte ich ausgezeichnetes Essen und eine kryptische Unterhaltung mit Holmes’ Vater bekommen. Ich dachte an ihre Warnung zurück, bevor wir hier ankamen, wurde aber nicht schlau daraus.
»Sherringford? Was für eine grauenhafte Schule«, sagte Alistair. »Ja, es ist schon eine Enttäuschung gewesen, aber wir hatten keinen Zweifel daran, dass Charlotte sich trotz der widrigen Umstände bewähren würde.«
Charlotte lächelte kalt und schmallippig.
»Bitte verzeihen Sie, dass ich heute so still bin«, sagte ihre Mutter mit leiser Stimme zu mir. »Ich mache gerade eine schwierige Zeit durch. Die ständigen Krankenhausaufenthalte. Ich hoffe, Sie genießen das Dinner.«
»Es ist großartig, danke. Tut mir leid, dass es Ihnen nicht gut geht.«
Das lenkte Charlottes Aufmerksamkeit schlagartig wieder auf mich. »Mutter«, sagte sie und schabte mit ihrer Gabel über den Teller. »Du könntest Jamie wenigstens ein paar der üblichen Fragen stellen. Das wird doch wohl nicht so schwer sein. Wie es ihm im Internat gefällt. Ob er Geschwister hat. Und so weiter.«
Ihre Mutter errötete. »Natürlich. Hatten Sie eine gute Zeit in London? Lottie ist so gern dort.«
»Wir hatten viel Spaß zusammen«, antwortete ich und warf ihrer Tochter einen finsteren Blick zu. Ihre Mutter schien sich wirklich alle Mühe zu geben. Sie tat mir leid, wie sie in diesem lächerlich riesigen Raum die Dame des Hauses spielen musste, obwohl sie eindeutig ins Bett gehörte. »Wir sind an der Themse entlangspaziert und in ziemlich vielen Buchhandlungen gewesen. Nichts zu Anspruchsvolles.«
»Ich war schon immer der Meinung, dass man sich nach einem schwierigen Schulhalbjahr eine Auszeit nehmen sollte. Nach allem, was ich gehört habe, war Ihres besonders schwierig.«
Ich lachte. »Das ist eine Untertreibung.«
Ihre Mutter nickte und schien einen Moment angestrengt nachzudenken. »Helfen Sie mir, James. Warum standen Sie und meine Tochter noch einmal unter Verdacht, diesen Jungen umgebracht zu haben? Wenn ich das richtig verstanden habe, hatte er Lottie angegriffen. Aber was um alles in der Welt hatten Sie mit dieser Sache zu tun?«
»Ich habe mich nicht freiwillig als Verdächtiger gemeldet, falls das Ihre Frage beantwortet.« Ich versuchte, einen leichten Tonfall zu bewahren.
»Nun, mir wurden als Grund alberne romantische Gefühle genannt, die Sie für meine Tochter gehegt haben sollen, aber ich verstehe immer noch nicht, wie das zu ihrer Verwicklung geführt hat.«
Es war, als wäre ich geohrfeigt worden. »Was? Ich …«
Charlotte fuhr mit unveränderter Miene fort, das Essen auf ihrem Teller herumzuschieben.
»Das ist eine einfache Frage«, sagte ihre Mutter mit dieser leisen Stimme. »Komplizierter wäre die Frage, warum Sie ihr immer noch wie ein Schatten folgen, wenn sich diese Umstände aufgeklärt haben? Ich verstehe nicht, welchen Nutzen sie jetzt noch von Ihnen hat.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mich mag.« Ich betonte jedes meiner Worte. Nicht aus Gehässigkeit, sondern aus Angst zu stottern. »Wir sind Freunde, die die Weihnachtsferien zusammen verbringen. Daran ist nichts Ungewöhnliches.«
»Ah.« In diesem einzigen Laut steckte eine ganze Bandbreite von Bedeutungen: Zweifel, Spott, eine gesunde Dosis Geringschätzung. »Dabei hat sie gar keine Freunde. Es schadet natürlich nichts, dass Sie gut aussehen oder aus einer Familie stammen, die merklich an Einfluss eingebüßt hat. Ich nehme an, Sie würden ihr überallhin folgen. Diese Kombination muss für ein Mädchen wie unsere Lottie so unwiderstehlich wie Katzenminze sein. Ein treuer Anhänger für den täglichen Gebrauch. Aber was springt für Sie dabei heraus?«
In jeder anderen Situation, bei jedem anderen Menschen, wäre Holmes wie ein Panzer in diese Unterhaltung hineingebrettert. Es war nicht so, als wäre ich nicht selbst in der Lage gewesen, mich zu verteidigen, aber ich war so an ihre unerschrockene scharfsinnige Schlagfertigkeit gewöhnt, dass mir in dem Moment, in dem sie ausblieb, zu meiner eigenen Überraschung die Worte fehlten.
Sie blieb auch weiter aus. Holmes war abwesend. Ihr Blick hatte sich verdunkelt und wirkte weit weg, ihre Gabel folgte nach wie vor einem unsichtbaren Muster auf dem Teller. Wie lange hatte das schon in Emma Holmes gebrodelt? Oder war es ganz spontan aus ihr herausgebrochen, um ihre Tochter für ihr vorlautes Verhalten zu bestrafen?
Emma Holmes heftete den Blick ihrer tief liegenden Augen auf mich. »Wenn Sie irgendetwas aushecken. Wenn Sie im Auftrag von jemanden arbeiten. Wenn Sie etwas von ihr verlangen, was sie nicht erfüllen kann …«
»Du musst nicht …«, meldete Holmes sich endlich doch zu Wort – nur um sofort wieder unterbrochen zu werden.
»… wenn Sie ihr wehtun, werde ich Sie vernichten. Das ist alles.« Emma Holmes hob die Stimme und wandte sich an den Rest des Tischs. »Wo wir gerade beim Thema sind. Habe ich da eben den Namen Picasso gehört? Walter, warum erzählen Sie uns nicht von der Ausstellung, die Sie gerade vorbereiten?«
Es war nicht als Bestrafung gedacht gewesen. Sie hatte es aus Liebe zu ihrem Kind getan, das sie beschützen wollte, und diese Liebe war Furcht einflößend.
Ich beobachtete, wie Charlotte schaudernd die Schultern hochzog. Falls es im Hause Holmes bei Tisch immer so zuging, war es kein Wunder, dass sie nie Appetit hatte.
Auf der anderen Tischseite tupfte der Kurator sich den Mund mit seiner Serviette ab. »Picasso, ja. Alistair erzählte mir gerade von Ihrer privaten Sammlung. Sie befindet sich in Ihrem Haus in London? Ich würde sie mir gern einmal ansehen. Wie Sie ja wissen, war Picasso äußerst produktiv, er hat so viele Skizzen verschenkt, dass immer wieder neue Stücke ans Licht kommen.«
Holmes’ Mutter wedelte mit der Hand. Ich kannte diese Geste von ihrer Tochter. »Vereinbaren Sie einen Termin mit meiner Sekretärin. Sie wird bestimmt eine Führung durch unsere Sammlung für Sie arrangieren können.«
Daraufhin schob ich meinen Stuhl zurück und entschuldigte mich für einen Moment. Ich musste mir, wie man es aus Dutzenden von Filmen kannte, ganz klischeehaft kaltes Wasser ins Gesicht spritzen. Zu meiner Überraschung legte Eliska ihre Serviette beiseite und folgte mir in den Flur.
»Jamie, richtig?«, fragte sie mit starkem Akzent. Als ich nickte, warf sie einen Blick über ihre Schulter, um sich zu vergewissern, dass wir allein waren. »Jamie, das hier ist so ein … Bullshit.«
»Das könnte man so sagen.«
Sie trat in die Gästetoilette und schaute sich im Spiegel an. »Meine Mutter hat gesagt, dass wir für ein Jahr nach England ziehen und dass ich meine Freunde nicht zu sehr vermissen werde, weil es ja nicht so lange ist, und dass ich neue Freunde finde. Aber alle hier sind tausend Jahre alt oder dumm oder stumm.«
»So sind nicht alle hier«, hörte ich mich sagen. »Ich nicht und Charlotte Holmes auch nicht. Jedenfalls normalerweise.«
Eliska rieb über eine Stelle an ihrem Mund, wo ihr Lippenstift etwas verschmiert war. »Vielleicht wenn sie woanders ist. Aber bei diesen Abendessen in diesen riesigen Häusern sind die Jugendlichen immer stumm. Das Essen ist sehr gut. Bei mir zu Hause ist das Essen schlecht und die Jugendlichen sind viel witziger.« Sie warf mir einen abwägenden Blick über die Schulter zu. »Meine Mutter und ich gehen in einer Woche zurück. Die Regierung hat einen neuen Job für sie. Komm mich doch besuchen, wenn du mal in Prag bist. Du – wie soll ich sagen? – tust mir leid.«
»Ich fand es schon immer toll, aus Mitleid eingeladen zu werden«, gab ich zwinkernd zurück, aber mein Herz war nicht bei der Sache. Eliska schien es zu merken. Sie warf mir ein kleines Lächeln zu und ging.
Als ich an den Tisch zurückkehrte, war Emma Holmes zu Bett gegangen. In der Zwischenzeit war der Nachtisch serviert worden, ein architektonisches Kunstwerk aus einem Käsekuchen in der Größe meines Daumennagels, und Alistair Holmes stellte seiner Tochter gerade eine Reihe unverfänglicher Fragen zu Sherringford. Was hast du Neues in Chemie dazugelernt? Wie kommst du mit deinen Lehrern zurecht? Weißt du schon, wie du diese Erfahrungen in deine deduktive Arbeit einfließen lassen kannst? Holmes antwortete einsilbig.
Schließlich konnte ich den Fragen nicht länger zuhören. Nicht wenn Charlotte Holmes mir genau gegenübersaß und einen ihrer Zaubertricks vollführte. Sie zog kein Kaninchen aus einem Zylinder oder verwandelte sich in jemand anderes. Diesmal verschwand sie vollständig in ihrem samtbezogenen hohen Lehnstuhl, ohne auch nur einen einzigen Muskel zu rühren.
Ich erkannte sie nicht wieder. Nicht hier. Nicht in diesem Haus. Ich erkannte mich nicht wieder.
Vielleicht passierte so etwas, wenn man eine Freundschaft auf gemeinsamen Katastrophen gründete. Sie brach in dem Moment zusammen, in dem sich die Dinge richtigstellten, sodass man beinahe sehnsüchtig auf das nächste Erdbeben wartete. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass es nicht nur das war. Aber mir war nach einer einfachen Lösung. Sich zu wünschen, dass einem von irgendwoher ein Mordfall vor die Füße fiel, war furchtbar, ich tat es trotzdem.
Nach dem Abendessen stand Holmes wortlos vom Tisch auf und ging. Als ich kurz darauf nachkam, war sie schon in ihrem Zimmer und hatte die Tür abgeschlossen. Ich klopfte ganze fünf Minuten lang an, ohne eine Antwort zu bekommen. Unschlüssig blieb ich noch eine Weile im Flur stehen. Von oben drang eine sich überschlagende männliche Stimme zu mir herunter – Das können sie mit uns nicht machen. Das können sie uns nicht wegnehmen –, gefolgt von einer zuschlagenden Tür.
»Na, das geht aber nicht«, sagte eine Stimme hinter mir. Ich fuhr erschrocken zusammen. Es war die Haushälterin, die mich dabei ertappte, wie ich wie ein verlorenes kleines Hündchen im Flur wartete. Sie begleitete mich zu meinem Zimmer. Ihre freundliche, sachliche Art brachte mich auf den Gedanken, dass sie es vielleicht gewöhnt war, Streuner aufzulesen.
