Homiletik - Ruth Conrad - E-Book

Homiletik E-Book

Ruth Conrad

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Beschreibung

Die vorliegende Homiletik geht davon aus, dass die Predigt nicht nur für das Individuum bedeutsam ist, sondern als soziale Praxis zugleich eine zentrale Ausdrucksform der verschiedenen Gestalten des Christentums ist. Damit rücken drei Perspektiven ins Zentrum: erstens der Zusammenhang von Homiletik und Kirchentheorie wie von Kirchenbild und Predigtziel, zweitens die Pluralität der Predigtkulturen in Geschichte und Gegenwart, die die Pluralität der christlichen Kirchen und Gemeinschaften spiegelt, und drittens die wechselseitige Dynamik zwischen individueller Religion und deren gemeinschaftlicher Praxis, also zwischen Individualität und Sozialität des Christentums. Diese Perspektiven werden systematisch, historisch und konfessionsübergreifend diskutiert und in ihrer Bedeutung für die gegenwärtige Predigtpraxis entfaltet.

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Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Kompendien Praktische Theologie

Herausgegeben von

Thomas Klie und Thomas Schlag

Band 7

Die Kompendien Praktische Theologie bieten kompakte und anschauliche ­Überblicke über die Teilgebiete der Praktischen Theologie. Die einzelnen Bände ­präsentieren gesichertes Grundlagenwissen mit Bezug auf gegenwartsrelevante ­Fragestellungen und orientieren sich an folgenden Leitthemen: Problemhorizont und gegenwärtige Herausforderungen – Geschichte der Disziplin – Systematische Entfaltung – Empirische Erkenntnisse – Enzyklopädische Verortung im Ganzen der Praktischen Theologie. Besonderes Augenmerk liegt auf der Verzahnung von Theoriebildung und Praxisreflexion, der Integration in internationale Diskurse ­sowie dem Dialog mit Partnerwissenschaften außerhalb der Theologie.

Ruth Conrad

Homiletik

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2025

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-034086-2

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-034087-9

epub: ISBN 978-3-17-034088-6

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Die vorliegende Homiletik geht davon aus, dass die Predigt nicht nur für das Individuum bedeutsam ist, sondern als soziale Praxis zugleich eine zentrale Ausdrucksform der verschiedenen Gestalten des Christentums ist. Damit rücken drei Perspektiven ins Zentrum: erstens der Zusammenhang von Homiletik und Kirchentheorie wie von Kirchenbild und Predigtziel, zweitens die Pluralität der Predigtkulturen in Geschichte und Gegenwart, die die Pluralität der christlichen Kirchen und Gemeinschaften spiegelt, und drittens die wechselseitige Dynamik zwischen individueller Religion und deren gemeinschaftlicher Praxis, also zwischen Individualität und Sozialität des Christentums. Diese Perspektiven werden systematisch, historisch und konfessionsübergreifend diskutiert und in ihrer Bedeutung für die gegenwärtige Predigtpraxis entfaltet.

Prof. Dr. Ruth Conrad lehrt Homiletik, Liturgik und Kirchentheorie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin.

Inhalt

Vorwort

I  Begriffe, Kontexte sowie der grundlegende Zusammenhang von Kirchenbild und Predigtideal

1  Begriffliche und theologisch-historische Verortungen

1.1  Die Predigt – eine sozio-kulturelle Ausdrucksform des Christentums

a.  Der Begriff der ›Predigt‹

b.  Die sozio-kulturelle Dimension der Predigt

c.  Predigtgeschichte und Predigtforschung als Teil der Homiletik

1.2  Die Homiletik – ihr wissenschaftlicher Status und enzyklopädischer Ort

a.  Der Begriff der ›Homiletik‹

b.  Die Homiletik als eigenständige theologische Disziplin

c.  Themen der Homiletik

2  Die Predigt als Funktion der Kirche – oder: die Frage nach der sozialen Dimension der Predigt

2.1  Die Predigt in der Spannung von Individualität und Sozialität

a.  Beiträge des aktuellen homiletischen Diskurses

b.  Kirchenbild und Predigtideal – eine grundlegende Korrelation

2.2  Drei Kontextualisierungen

a.  Reformationstheologische Begründung

b.  Religionssoziologische Entfaltung

c.  Rhetorische Vertiefung

2.3  Gegenwartshermeneutisches Potential

II  Historische Konstellationen als exemplarische Konstellationen

1  Die Reformatoren

1.1  Martin Luther: Die gemeinschaftsstiftende Funktion der Predigt

a.  Kirche als creatura verbi – die Neubegründung des Predigtbegriffs als Ausdruck eines erneuerten Kirchenbegriffs

b.  Gesetz und Evangelium als Gestalten des Wortes – die hermeneutische Vertiefung

c.  Die Predigt im Gottesdienst – liturgisch-homiletische Konkretionen

1.2  Johannes Calvin: Die Predigt als Mittel religiöser Sozialdisziplinierung

a.  Kirche als politisches Gemeinwesen

b.  Die Predigt als Gemeinwesenarbeit

c.  Homiletisch-liturgische Konkretionen

2  Confessio und Pietas als Ziel der Predigt im konfessionellen Zeitalter

2.1  Die religionspolitischen Rahmenbedingungen

2.2   Die mehrdimensionale Beschreibung der Predigtaufgabe

2.3   Homiletik und Rhetorik

3  Die Predigt als Mittel zur Kirchenreform im Pietismus

3.1  Die Reformbedürftigkeit der Kirche

3.2  Speners Reformschrift »Pia desideria«

3.3  Konkretionen

4  Die Predigt als Beitrag zur »Versöhnung von Christentum und Kultur« in der Aufklärung

4.1  Aufklärung als anthropologisches Konzept

4.2  Die Orientierung am empirischen Hörer

4.3  Der Prediger als Religionslehrer

4.4  Die Predigt in der entstehenden bürgerlichen Öffentlichkeit

5  »Circulation des religiösen Bewusstseins« als Aufgabe der Predigt bei Friedrich D. E. Schleiermacher

5.1  Die Kirche als Gemeinschaft der Frömmigkeitspflege

5.2  Die Predigt als darstellendes Handeln

5.3  Inhalt und Darstellungsformen der Predigt

5.4  Die Predigt zwischen vorausgesetzter Religion und Säkularisierungserfahrung

6  Der Streit um die Kirche als Streit um die Predigt um 1900

6.1  Soziokulturelle, gesellschaftliche und religiöse Dynamiken um die Jahrhundertwende

6.2  Ziel der Predigt: Erbauung der Gemeinde oder Bekehrung des Einzelnen

6.3  Die (Neu-)Entdeckung der Empirie für die Predigt

7  Die Predigt als Einspruch gegen die Welt: der Beitrag der Wort-Gottes-Theologie

7.1  Die veränderte gesellschaftliche Stellung der Kirche nach 1918 und von 1933 an

7.2  Die Predigt als Gottes Wort

7.3  Wirkungsgeschichte

8  Predigt und Kirchenreformbewegung der 1968er

8.1  Kirche als »Institution im Übergang«

8.2  Die Bedeutung der Predigt in einer »Kirche für andere«

8.3  Einordnungen und Rückfragen

9  Die Predigt der ›digitalen Kirche‹ zwischen Transformation und Kontinuität

9.1  Predigtgeschichte als Mediengeschichte

9.2  »Insta als Kanzel«

III  Systematische Perspektiven, konfessionskulturelle Konstellationen und gegenwartsinteressierte Positionierungsversuche

1  Die Predigt im Gottesdienst – die Liturgie als Horizont der sozialen Wirksamkeit der Predigt

1.1  Die Predigt im evangelischen Gottesdienst

a.  Die Predigt als Teil der Liturgie

b.  Der kasuelle Charakter des Sonntagsgottesdienstes

c.  Die Musik im Gottesdienst

1.2  Die Predigt in der römisch-katholischen Messe

a.  Die Stellung der Predigt in der tridentinischen Messe

b.  Die Bedeutung der Predigt im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil

c.  Die katholische Predigt in Geschichte und Gegenwart

1.3  Die Predigt in evangelikalen und (neo-)pentekostalen Gottesdiensten

a.  Der Gottesdienst als partizipative Versammlung

b.  Form und Inhalt evangelikaler und pentekostaler Predigten

1.4  Die Emotionalität von Gottesdienst und Predigt

2  Die Predigtperson – die Vermittlung zwischen Individualität und Sozialität der Predigt

2.1  Konfessionskulturelle Differenzen der Legitimierung und Autorisierung von Predigtpersonen

a.  Das katholische Priesteramt

b.  Das evangelische Predigtamt

c.  Legitimierung durch Berufung, Charisma und Erfahrung

2.2  Frauen und die Predigt

2.3  Die Tugenden der Predigtperson

3  Inhalt und Absicht der Predigt – am Einzelnen orientiert, auf das Gemeinwohl gerichtet

3.1  Am Einzelnen orientiert: Predigt als religiöse Lebensdeutung

a.  Die Predigt in der Dynamik von Überlieferung und Erfahrung

b.  Der homiletische Umgang mit der Überlieferung

c.  Der homiletische Umgang mit der Erfahrung

d.  ›Erhellung‹ als Predigtabsicht

3.2  Auf das Gemeinwohl gerichtet: Die gesellschaftlich-öffentliche Dimension der Predigt

a.  Die Predigt als Ausübung eines ›prophetischen Wächteramtes‹

b.  Hörer und Adressaten – zwei Dimensionen der Öffentlichkeit der Predigt

c.  Die gesellschaftlich-öffentliche Funktion der Predigt und die Individualität des Gewissens

4  Kirchenbild und Predigtideal – oder: zum Schluss eine offene Frage

Literaturverzeichnis

Quellen und Hilfsmittel

Lexikon-Artikel für Überblickswissen

Literatur

Index

Vorwort

Das Herz der kleinsten Schwalbe ist stärker als der Nebel.Die Seele des hoffnungslosesten Vogels verdient unsere Sorge.Serhij Zhadan

Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.Psalm 84

Dieses Buch hat eine lange Entstehungsgeschichte. Die ersten Überlegungen stammen aus der Zeit, bevor ich an der Humboldt-Universität zu Berlin zunächst die Vertretung und dann die Professur für Praktische Theologie übernahm (2016/2018). Im Entstehungszeitraum hat sich nicht nur mein beruflicher und persönlicher Lebenskontext verändert, sondern auch die Welt hat sich eingedunkelt. Die globale Pandemie, die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, das globale Wiedererstarken totalitärer Politik und autoritärer Gesellschaftsformen – all das und noch vieles Nichtgenannte erinnert an die Flüchtigkeit des Lebens und an die Zerbrechlichkeit persönlicher und politisch-gesellschaftlicher Stabilitätserfahrungen. Auch die Situation der Evangelischen Kirche in Deutschland, der primäre Bezugsrahmen meines theologischen Denkens, hat sich in den zurückliegenden Jahren verändert. Ging man 2019 im Rahmen der sog. »Freiburger Studie« davon aus, dass die Zahl der Kirchenmitglieder sich bis 2060 etwa halbieren würde, fürchtet man am Beginn des Jahres 2024 aufgrund der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, dass dieser Wert bereits in den 2040ern erreicht werden könnte. Eine teilweise offensive Panik in kirchlichen Kreisen und unter den kirchenleitenden Personen greift um sich.

Oft habe ich mich in den zurückliegenden Jahren gefragt, ob und wie diese Veränderungen mein Nachdenken über die Predigt beeinflussen. Die Fragen nahmen ihren Ausgang am Genre einer Homiletik: Kann man überhaupt noch eine Homiletik schreiben? Ist das Genre eines homiletischen Kompendiums nicht überholt, weil von der Predigt nur noch wenige Menschen etwas Hilfreiches zu erwarten scheinen und weil die Predigt in den kirchlichen Reformdebatten eine eher randständige Rolle spielt? Hat die Predigt eine Zukunft? Ich mochte mich freilich in all den Jahren des Schreibens und Nachdenkens nicht von der Idee verabschieden, dass menschenfreundliche und nachdenkliche Predigten einen Beitrag für ein gutes Leben und eine humane Gesellschaft zu leisten vermögen und ihnen deshalb Wertschätzung widerfahren könnte. Weil, so meine Überzeugung, die Geschichte der christlichen Hoffnung noch nicht auserzählt und die Hoffnung selbst noch nicht aufgebraucht ist. Die Hoffnung, dass das »Herz der kleinsten Schwalbe […] stärker [ist] als der Nebel« und dass der Gottesdienst ein Ort der Hoffnungspflege zu sein vermag. Schön wäre es, wenn sich weiterhin und immer wieder in der Predigt ereignen würde, was über die Poesie gesagt wurde: Dass hier Worte gefunden werden »für die schlimmsten Dinge« und diese »dadurch ein wenig erträglicher, und ein wenig verständlicher« werden. »Indem wir unsere Schmerzen und Ängste benennen, zähmen wir sie, domestizieren wir sie und wagen uns in ihre Nähe. Das Unvermeidliche bleibt unvermeidlich, aber dank der Versprachlichung, dank des Aussprechens können wir Bitterkeit und Trauer zulassen« (Zhadan 32022, 24). Wenn sich dieses Buch dafür in unterschiedlichen Kontexten als anregend erweisen würde, würde ich mich freuen.

So ist das Buch womöglich eher ein homiletischer Essay als ein Kompendium geworden, gleicht eher eine Suchbewegung denn einem Wissenssilo.

Um die Dynamiken im religiösen Feld und die Veränderungen, mit denen sich die Kirche konfrontiert sieht, nicht nur als Drohkulisse im Hintergrund (oder Vordergrund, je nach Perspektive) zu halten, habe ich diese Homiletik im Horizont des Zusammenhangs von Kirchenbild und Predigtziel entworfen. Dieser Zusammenhang ermöglicht es, historische und gegenwärtige Veränderungen von Kirche und Religion in Bezug auf die Predigt handhabbar zu machen und in eine systematisch kohärente Denkfigur einzuzeichnen. Darum geht es im Folgenden: über die Predigt im Wechselspiel von Kirchenbild und Predigtziel nachzudenken. Damit rücken Fragen des Inhalts und weniger der Performanz ins Zentrum.

Ausgehend von diesem Zusammenhang hat die hier vorgelegte Homiletik drei Teile: In einem ersten Teil werde ich die entscheidenden Begriffe, Themen und Kontexte vorstellen und in den von mir zu Grunde gelegten Zusammenhang von Kirchenbild und Predigtideal einführen. Im zweiten Kapitel werde ich historische und gegenwärtige Konfigurationen dieses Zusammenhangs als exemplarische, weil zu jeder Zeit (wieder) mögliche Konstellationen vorstellen. Die Darstellung beginnt mit den Reformatoren. Diese Einschränkung ist unter anderem dem Umfang eines Kompendiums geschuldet. Zugleich versteht sich die vorliegende Homiletik dezidiert als evangelische Homiletik und orientiert sich an der hiesigen protestantischen Tradition, bringt diese aber mit anderen Predigttraditionen ins Gespräch. Dafür steht insbesondere der dritte Teil. Dort wird der systematische Gehalt des Zusammenhangs von Kirchenbild und Predigtideal im Blick auf den liturgischen Kontext der Predigt, das Selbstverständnis der Predigtperson sowie den Inhalt und die Absicht der Predigt entfaltet. Zusätzlich speise ich hier konfessionsvergleichende Perspektiven ein, markiere konfessionskulturelle Differenzen und entfalte vor diesem Hintergrund eigene Positionen.

Insgesamt versuche ich, predigtgeschichtliche und soziokulturelle Perspektiven in die Homiletik zu integrieren, um so die Basis der homiletischen Argumentation zu erweitern. Zwar ist das vorliegende Lehrbuch keine Predigtgeschichte, für mich aber ist es ein Schritt hin zu einer kulturtheoretischen und kulturgeschichtlichen Erschließung und Beschreibung der Predigt.

Dass die Predigt eine soziale Wirksamkeit zu entfalten vermag, versuche ich im Folgenden nicht nur theoretisch zu entfalten, sondern erlebe es in vielen Gesprächen über die Predigt immer wieder. Dafür danke ich den Studierenden in den zahlreichen Homiletisch-liturgischen Seminaren in Berlin und vielen Pfarrern und Pfarrerinnen, die mir Anteil an ihrer Praxis gewähren.

Mit ihren unterschiedlichen Erfahrungshintergründen und Perspektiven haben Wolfgang Altvater, Tilman A. Fischer, Eberhard Schwarz, Dr. Martin Wendte und – wie so oft und immer so sorgfältig im Detail und konstruktiv in der Gedankenführung – Dr. Martin Weeber das Manuskript einer wohlwollenden und zugleich kritischen Lektüre unterzogen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Um die formalen Korrekturen und Vereinheitlichungen haben sich mit großer Geduld und Sorgfalt Anna Seidel, Richard Zeller und Nina Dohle verdient gemacht. Ihnen gebührt größter Dank. Falls sich noch Fehler finden, habe ich diese zu verantworten.

Den beiden Herausgebern der Reihe, Thomas Schlag und Thomas Klie, sowie dem Verlag und Florian Specker danke ich für ihre mehr als großzügige und langmütige Geduld und ihre hilfreichen Lektüren.

Gewidmet ist das Buch Dieter Bofinger, dem Gefährten meines Lebens. Er weiß, warum. Danke!

Stuttgart/Berlin24. Juli 2024

I  Begriffe, Kontexte sowie der grundlegende Zusammenhang von Kirchenbild und Predigtideal

1  Begriffliche und theologisch-historische Verortungen

Die folgenden begrifflichen und theologisch-historischen Einordnungen bauen auf einer grundlegenden Unterscheidung auf – der Unterscheidung von Theorie und Praxis. Die Praxis der Predigt geht der homiletischen Theorie voraus. Das heißt: Jede Homiletik als Theorie ist re-konstruktiv. Sie reflektiert auf eine Praxis, die ihr vorausliegt. Um es zuzuspitzen: Erst die Predigt, dann die Homiletik; erst die Praxis, dann die Theorie. In diesem Sachverhalt spiegelt sich die Unterscheidung von Religion und Theologie. Diese ist ein Kennzeichen des modernen Christentums westlicher Prägung, wie es sich seit der Zeit des Pietismus und der Aufklärung etabliert hat (Rössler 21994, 25–30). Diese Unterscheidung formuliert die Eigenständigkeit von Religion und Theologie, wobei die religiöse Praxis gegenüber der theologischen Theoriebildung vorgängig ist. Sie wird in diesem Zusammenhang als Berufsführungswissen verstanden.1 Um es auch hier zuzuspitzen: Erst Religion, dann Theologie. Das bedeutet: Theologische Theoriebildung und religiöse Praxis gehören zwar zusammen und sind stets wechselseitig aufeinander bezogen, sind aber nicht dasselbe. Für das Verhältnis von Predigt und Homiletik folgt daraus: Die Predigt ist eine religiöse Praxis und eine Ausdrucksform des christlichen Glaubens; die Homiletik die wissenschaftliche Reflexion auf die theologischen und rhetorischen Prinzipien, geschichtlichen Entwicklungen und sozio-kulturellen Bedingungen dieser religiösen Praxis.

Dieser Unterscheidung folgend ordne ich zunächst die Rede von der »Predigt« begrifflich und sachlich ein (I.1.1), daran anschließend die Rede von der »Homiletik« (I.1.2).

1.1  Die Predigt – eine sozio-kulturelle Ausdrucksform des Christentums

a.  Der Begriff der ›Predigt‹

Der Begriff ›Predigt‹ leitet sich ab vom lateinischen »praedicare«/»praedicatio« und meint »öffentlich bekanntmachen« bzw. »öffentlich ausrufen« (Stowasser 2016, 537). Konstitutiv für die Predigt ist also erstens ihr öffentlicher Charakter (vgl. III.3.2) und zweitens die Voraussetzung eines Sachverhaltes, der öffentlich bekanntgemacht werden soll. Zur Predigt gehören daher immer Redner und Hörer.2 Alternativ werden im Lateinischen auch die Begriffe sermo (Vortrag, Gespräch) und concio (Versammlung, Volksrede) verwendet.

Im Griechischen werden für diese öffentliche (religiöse) Sprechhandlung die Begriffe ὁμιλία, κήρυγμα und διδαχή verwendet. Jeder dieser Begriffe setzt einen eigenen Akzent: Der Begriff ὁμιλία verweist stärker auf den kommunikativen und dialogischen Charakter der Predigt. Kήρυγμα (z. B. Mt 12, 41; Lk 11,32; Röm 16,25; 1Kor 1,21; 2Tim 4, 17; 1Kor 2,4; vgl. auch κηρύσσω und κῆρυξ) betont den Aspekt der Verkündigung sowie deren Inhalt. Der Ausdruck διδαχή nimmt den Gedanken der Lehre und Unterweisung auf, ist also ebenfalls inhaltlich bestimmt (z. B. 1Kor 14, 6; 2Tim 4,2; Mk 4,2; 12,38; Mt 16,12; Hebr 6,2 Lehre von der Taufe; Hebr 13,9 Verhältnis von Irrlehre und Wahrheitsanspruch).

Dieser Hintergrund legt es nahe, die Predigt in einem formalen Sinn als eine öffentliche Sprechhandlung mit religiösem Inhalt (vgl. III.3) zu beschreiben, in der, oft im Rahmen eines institutionalisierten religiösen Rituals, eine Einzelperson zu einer Hörergruppe spricht. Hörer und Redner gehören (meist) der gleichen religiösen Gemeinschaft an. Im Christentum bezieht sich die Predigt oft, aber nicht zwingend, auf einen biblischen Text, dessen Sinngehalt für die jeweilige Gegenwart erschlossen wird. In der westlichen Moderne hat die Predigt daher eine mindestens dreifache Vermittlungsleistung zu vollbringen: zum einen zwischen dem historischen Bestand des Christentums, wie er in den Texten der Tradition bewahrt wird, und der jeweiligen Gegenwart der Hörer; zum zweiten zwischen dem Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens, wie er sich systematisch und historisch entwickelt hat, und den jeweils zeitbedingten Wahrheitsansprüchen und zum dritten zwischen den allgemein-prinzipiellen Gehalten des Glaubens und der Individualität der einzelnen Hörer (vgl. Rössler 21994, 390–395). Auf Seiten der Hörer und Rezipienten ist dabei mit einer Integration auch nicht-kirchlicher, religiöser Traditionen zu rechnen (Patchwork-Religiosität). Weil es um eine Aufgabe der Vermittlung geht, gibt es die Predigt nur im Plural, denn an jedem einzelnen Punkt der Vermittlungsaufgabe sind unterschiedliche, oft gleichermaßen legitime Entscheidungen möglich.

b.  Die sozio-kulturelle Dimension der Predigt

Der öffentliche Charakter der Predigt, ihr religiöser Gehalt, ihre häufig rituelle Situierung wie die skizzierte Herausforderung der Vermittlung konfigurieren sowohl die allgemeine Form der Predigt wie auch ihre jeweils spezifische Ausformung. Denn das ist ein besonderes Paradox der Predigt – dass ihre Form sich über die Jahrhunderte hinweg als erstaunlich konstant erweist und dass sie zugleich in vielfältigen kulturellen, historischen, lokalen und individuellen Variationen begegnet. Jede Predigt erfolgt an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit. Regionale Besonderheiten (z. B. Stadt vs. Land, Diaspora), infrastrukturelle und künstlerische Entwicklungen (z. B. Kirchen- und Kanzelbau), konfessionelle und innerkonfessionelle Differenzen, frömmigkeits- und mentalitätsgeschichtliche Eigenheiten und kirchenrechtliche Vorgaben (z. B. wer Zugang zum Predigtamt hat) prägen die konkrete Predigt. Auch gesellschaftliche (z. B. Industrialisierung, Kriegszeiten) und mediale Dynamiken (z. B. mündliche Predigt vs. Lese- und Internetpredigt) nehmen Einfluss auf die Predigt.

Die Vielfalt der Predigtkulturen lässt sich noch weiter auffächern. So können Anlässe der Predigt unterschieden werden – die Predigt im Rahmen des sonntäglichen Gemeindegottesdienstes, die Predigt bei Missions- und Evangelisationsveranstaltungen oder die Kasualpredigt mit entweder biographischem Bezug (z. B. Trau- oder Bestattungspredigt) oder öffentlich-gesellschaftlichem Anlass (z. B. Dorffest- oder Gedenkpredigt). Diesen unterschiedlichen Anlässen korrespondieren unterschiedliche Hörer- bzw. Zielgruppen (z. B. Krankenhaus- oder Altenheimgemeinden; Besucher von Familien- oder Schulgottesdiensten). Predigten lassen sich zusätzlich nach den gewählten Inhalten und Textreferenzen unterscheiden (z. B. Perikopen-, Motto-, Katechismus- oder Liedpredigt), aber auch nach den Intentionen, die verfolgt werden (z. B. sog. politische Predigt, seelsorgliche Predigt, Lehrpredigt, Bußpredigt) oder den rhetorischen Methoden (z. B. narrative oder argumentative Predigt; Homilie). Zudem legt sich eine Unterscheidung der Orte und Medien der Predigt nahe (z. B. Fernseh- oder Internetpredigt, gedruckte Predigt, Predigtsammlungen).

Last but not least ist die Pluralität der Predigtkulturen auch bedingt durch die Predigtpersonen selbst, die sich durch Charakter, Persönlichkeitsstruktur, familiäre und religiöse Biographie, Ausbildung und Vorgaben der jeweiligen religiösen Gemeinschaften unterscheiden.

In kultur- und sozialgeschichtlicher Perspektive spiegelt diese Vielfalt der Predigten und Predigtkulturen die Bandbreite und Vielfalt, in der sich Menschen in vergangenen Zeiten »wahrgenommen und gedeutet haben« und »welche materiellen, mentalen und sozialen Hintergründe jeweils auf ihre Wahrnehmungs- und Sinnstiftungsweisen einwirkten und welche Wirkungen von diesen ausgingen« (Daniel 2016, 19). Das gilt auch für die Gegenwart – Predigten legen Zeugnis davon ab, wie Menschen sich in der Welt wahrnehmen und ihr Leben deuten. Die Pluralität der Predigtkulturen spiegelt die Vielfalt, in der sich die erwähnte dreifache Herausforderung der Vermittlung konkretisiert. Zugleich ist die Predigt in Geschichte und Gegenwart (nur) eine der vielfältigen sozio-kulturellen Ausdrucksformen religiöser Erfahrung und steht mit anderen Ausdrucksgestalten des christlichen Glaubens in steter Wechselwirkung. Hierzu gehören die Entwicklung von Riten, Liturgien und Gesängen (vgl. III.1), die Ausbildung von Institutionen, die Etablierung von Dogmen und Normen, die Entwicklung und Pflege einer ethischen und diakonischen Praxis sowie die Entstehung unterschiedlicher kultureller Formen in Musik, Architektur, Literatur und Kunst (Lauster 2005, 109–141; Lauster 2020).

c.  Predigtgeschichte und Predigtforschung als Teil der Homiletik

Um der Pluralität der Predigtkulturen auch im Rahmen der homiletischen Theoriebildung gerecht zu werden, wird die Predigt im Folgenden stets auch in Bezug auf ihre sozio-kulturelle Dynamik und Wirksamkeit wahrgenommen. Das heißt: Im Zentrum (Kap. II) stehen nicht normativ motivierte Überlegungen zur Predigt, sondern die konkreten Predigten, ihre vielfältigen Bedingungen und sozio-kulturellen Kontexte. Auch wenn eine Homiletik stets normative Aspekte impliziert (z. B. durch die Integration einer notwendigen Religionstheorie; III.3 und III.4), werden diese im Folgenden durchgängig auf Einsichten der Predigtgeschichte bezogen. Theorie und Praxis, Deskriptives und Positionelles sollen in einem beständigen Gespräch gehalten werden.

Dieses Vorgehen bietet vier Vorzüge: Erstens lassen sich Perspektiven der Ereignis-, Sozial-, Regional-, Mentalitäts-, Geistes-, aber auch der Medien- und Rhetorikgeschichte in die Predigtforschung und damit auch in die Homiletik integrieren. Die Predigt ist eben kein nur binnenkirchliches und innertheologisches Phänomen. Sie ist eine sozio-kulturelle Ausdrucksgestalt des christlichen Glaubens. Daher wird zweitens der oben eingeführte Sachverhalt ernstgenommen, dass die Praxis der Predigt gegenüber der Theorie vorgängig ist. Die Pluralität der Predigt, wie sie sich in Geschichte und Gegenwart zeigt, wird – in ersten Ansätzen – zu einem konstitutiven Bestandteil der Homiletik. Auf diesem Weg können drittens historische und gegenwartsorientierte Perspektiven miteinander verbunden werden und die Daueropposition zwischen beiden Perspektiven kann behutsam eingehegt werden. Viertens werden damit zugleich Grenzen des Anspruchs jeder Homiletik erkennbar – die eine homiletische Darstellung kann es nicht geben. So wie es die eine (richtige) Predigt(weise) nicht gibt, so wenig gibt es die eine Homiletik.3 Alle normativen Ansprüche eines bestimmten Konzepts werden durch die historische wie gegenwärtige Pluralität der Predigtkulturen immer schon begrenzt. Homiletik ist damit immer auch Reflexion auf die eigene, mit bestimmten Gründen präferierte Predigtkultur und damit mehr als eine Anwendungswissenschaft. Homiletik ist eine Form selbstreflexiver Kultur, die homiletische Ausbildung zielt auf eine Haltung distanzierender und kritisch-orientierender Selbstreflexion.

Werden die Predigtgeschichte und Predigtforschung in die Homiletik integriert, dann sind methodische Probleme zu reflektieren. Drei seien knapp skizziert. Erstens erfolgt insbesondere die sonntägliche Gemeindepredigt meist in liturgischem Kontext. Sie ist auf den gemeinschaftlichen Vollzug eines Rituals hin konzipiert und hat performativen Charakter (Roth 2021). Als Forschungsquelle zugänglich sind Predigten aber fast ausschließlich in gedruckter Form (indirekte Quelle). Erst in der jüngsten Gegenwart sind Videoaufnahmen, digitale Predigten u. ä. als Quellen der Predigtforschung möglich. Das eigentliche »preaching event« (Kienzle 1993, 84) und die gedruckte Predigt unterliegen aber jeweils eigenen Text-, Wirkungs- und Rezeptionsbedingungen. So ist die gedruckte Predigt eher als literarische Gattung, das »preaching event« dagegen eher als performatives Geschehen zu beschreiben. Zweitens waren die Möglichkeiten zur medialen Vervielfältigung, Verbreitung und Archivierung von Predigten historisch sehr unterschiedlich verteilt. Gedruckt wurden meist die Predigten berühmter Redner an prominenten Predigtorten (kirchenpolitisch bedeutende Zentralkirchen, hervorgehobene Gemeinden etc.). Daher wird die Geschichte der Predigt bislang oft als eine Geschichte der männlichen, urbanen und theologisch-kirchlichen Eliten erzählt. Wie »landauf landab, in Dorf und Stadt, in lutherischer, reformierter oder katholischer Glaubensweise, gepredigt worden ist, davon wissen wir bis heute immer noch so gut wie nichts« (Beutel 2013a, 17). Das hatte und hat Konsequenzen für den homiletischen Diskurs. Auch eine konfessionell und international komparative Predigtforschung existiert nur in Ansätzen und in exemplarischen Einzelveröffentlichungen (Braune-Krickau/Galle 2021; Conrad/Hardenberg/Miethner/Stille 2024). Bedingt ist dies auch durch die nicht zu überblickende Materialfülle. Das dritte Problem liegt an dem skizzierten Verhältnis von Predigt und Homiletik. Die Predigt ist eine Praxis, die Homiletik eine theologische Disziplin mit tendenziell normativem Anspruch. Traditionell werden in der Homiletik die Fragen nach der ›richtigen‹ und guten Predigt diskutiert, zuletzt mit besonderem Fokus auf die richtige Performanz und die entsprechende Ausbildung. Dabei wird auch auf den historiographisch-empirisch kaum zugänglichen Anspruch des Christentums reflektiert, dass in der Predigt Gottes Wort so vernehmbar wird, dass es Glauben weckt. Dieser Anspruch ist theologisch und homiletisch für den Protestantismus konstitutiv, lässt sich aber in der historischen wie empirischen Predigtforschung kaum einholen.

Blicken wir nun im zweiten Schritt auf die Theorie der Predigt, die Homiletik, ihren wissenschaftlichen Status und enzyklopädischen Ort.

1.2  Die Homiletik – ihr wissenschaftlicher Status und enzyklopädischer Ort

a.  Der Begriff der ›Homiletik‹

Der Begriff ›Homiletik‹ ist ein Kunstbegriff, dessen Verwendung sich erstmals im 17. Jahrhundert nachweisen lässt. Die damit bezeichnete Sache, nämlich die theologische Reflexion auf die Praxis der Predigt, ist freilich älter. Bereits aus der Zeit der antiken Christentümer und auch aus dem Mittelalter liegen homiletische Beiträge vor. Meist handelt es sich dabei um pastoraltheologische Anleitungen, die homiletische Fragen als Probleme der angemessenen und gottgefälligen pastoralen Praxis behandeln. Nachdem die Reformatoren die Predigt zum zentralen religiösen Kommunikationsmedium erhoben haben, bildet sich sukzessive eine gegenüber der Pastoraltheologie eigenständige Homiletik heraus. Dabei sind zunächst Bezeichnungen wie ars praedicandi, ars praedicatoria, oratoria oder rhetorica sacra, ratio concionandi, später auch ›Kanzelberedsamkeit‹ im Gebrauch. Diese Begriffe weisen die Predigtlehre als Spezialfall der Rhetorik aus, betonen damit zugleich den Zusammenhang von Homiletik und Redekunst.

Das Verb ὁμιλέω bezeichnet das gemeinsame Gespräch als Grundvollzug sprachlicher Kommunikation zwischen Menschen (»sich unterreden«). In diesem Sinn findet es sich in Lk 24,14f., wo es das Gespräch zwischen den beiden Jüngern und dem auferstandenen Christus auf dem Weg nach Emmaus bezeichnet. Der Begriff ›Homiletik‹ bewahrt die Erinnerung an die dialogische Grundstruktur religiöser Rede. »In, mit und unter der Sprache der Menschen, die sich unterhalten, wird von Gott gesprochen und wird Gott selbst vernehmbar. Gott wird nicht durch heilige bzw. geweihte Personen mit heiligen Worten und Handlungen beschworen, sondern Gott vergegenwärtigt sich selbst in der Form der menschlichen Unterredung« (Meyer-Blanck 22020, 4). Die Predigtsituation ist eine kommunikative und damit soziale Situation (vgl. I.1.1). Sie ist auf Gespräch, auf Zuhören, auf den Austausch von Argumenten, auf die Wahrnehmung unterschiedlicher Positionen, auf emotionale Wechselseitigkeit angelegt.

Andere Begriffe zur Bezeichnung der Predigttheorie, die im Kontext von Erweckungsbewegungen den Akzent stärker theologisch-dogmatisch und weniger rhetorisch zu setzen suchten, haben sich nicht durchgesetzt (z. B. die Rede von »Keryktik« im Anschluss an ›Kerygma‹ bei Rudolf Stier [21844]; vgl. Conrad 2014, 76ff.). Im Anschluss an Friedrich D. E. Schleiermacher wird Homiletik auch als Theorie religiöser Rede bezeichnet. Dabei werden der rhetorische Charakter und der inhaltliche Bezugspunkt – die Religion – gleichermaßen betont.

b.  Die Homiletik als eigenständige theologische Disziplin

Dass es gerade ab dem 17. Jahrhundert zur Ausbildung einer theologischen Subdisziplin ›Homiletik‹ kommt, hängt wesentlich mit der Entwicklung der Praktischen Theologie zu einer eigenständigen Disziplin im Verbund der theologischen Disziplinen an der Universität zusammen (enzyklopädischer Sachverhalt). Für diese Entwicklung gibt es mehrere Gründe (ausführlich erörtert u. a. bei Drehsen 1988). Drei seien kurz erwähnt:

• Theologiegeschichtliche Gründe: Bis in die Zeit des Pietismus hinein war die Theologie eng verbunden mit der religiösen Praxis, auf die sie sich bezog. Religiöse Lebenspraxis und theologisches Wissen bildeten weitgehend eine Einheit. In den pietistischen Bewegungen verstärkte sich dann die Tendenz, den religiösen Praxisvollzügen eine eigenständige Bedeutung zuzuweisen. In der Aufklärung setzte sich zunehmend die Einsicht durch, dass die Praxisvollzüge gegenüber der theologischen Reflexion vorgängig sind. »In der Theologie soll jetzt nicht mehr die Praxis durch die Erkenntnis begründet, sondern die Erkenntnis durch die Praxis geleitet werden« (Rössler 21994, 27; vgl. zur Unterscheidung von Religion und Theologie I.1).

• Wissensgeschichtliche und wissenschaftsgeschichtliche Gründe: Die Umbildungen des philosophischen Weltbildes in der Aufklärung veränderten auch die Struktur des christlichen Glaubens. Die Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaften stellte das überlieferte biblisch-dogmatische Weltbild in Frage und die Ausbildung historisch-kritischer Methoden in der Exegese ließ eine Verbalinspiration biblischer Texte obsolet erscheinen. Die Pluralisierung des Wissens und der Wissenschaften forderte die Theologie heraus, ihre eigenen Wissensbestände zu re-formulieren und deren Relevanz im System der Wissenschaften neu zu legitimieren.

• Sozial- und kulturgeschichtliche Gründe: Seit der frühen Neuzeit und insbesondere seit dem 18. Jahrhundert pluralisiert und individualisiert sich die religiöse Praxis aufgrund gesellschaftlicher und sozio-kultureller Veränderungen. Man denke an den Umbau von einer Stände- zu einer Bürgergesellschaft, den Ausbau des Bildungswesens, die zunehmende Entwicklung einer von den Kirchen unabhängigen Kunst und Kultur wie auch an Prozesse der Verstädterung und der Migration.

In der Summe führen diese Entwicklungen dazu, dass Kirchen und Theologien ihre zentrale gesellschaftliche Stellung und ihr Monopol in Deutungsfragen verlieren. Religion wird neben Wirtschaft, Politik, Bildung etc. ein eigenständiges funktionales Teilsystem der Gesellschaft, das seine Bedeutung aus sich selbst begründen muss (Karle 22021, 32–42, im Anschluss an Niklas Luhmann). Die Theologie steht in der westlichen Moderne vor der Herausforderung, ihren Ort und ihre Funktion im System der Wissenschaften und an der Universität begründen und dabei auch die veränderte gesellschaftliche Stellung der Kirche reflektieren zu müssen, und dies wird eine bleibende Herausforderung sein.

Vor diesem Hintergrund entwickelte Friedrich D. E. Schleiermacher (1768–1834) ein Konzept der Praktischen Theologie, das darauf abzielt, dass diese als universitäre Disziplin mehr als pastoraltheologische Handlungsanweisungen zu geben imstande sei. Sie solle in die Theologie spezifische, nicht durch andere Fächer vertretbare Perspektiven einbringen. Schleiermacher verankert die Theologie insgesamt (neben Jura und Medizin) als positive Wissenschaft an der Universität (Schleiermacher 1830/2002, KD2 § 1; eine knappe Übersicht bei Karle 22021, 5–13).4 Als positive Wissenschaft leitet die gesamte Theologie ihre Aufgabe und Funktion nicht aus der Idee des Wissens ab (so die ›reinen Wissenschaften‹), sondern aus einer empirischen Praxissituation. Für diese gilt es, angemessene Verfahrensweisen zu entwickeln. Die Praxisaufgabe, auf die sich die Theologie bezieht, ist die Leitung und Gestaltung der Kirche (Gräb 1991. 2000). Schleiermacher versteht die Theologie als den »Inbegriff derjenigen wissenschaftlichen Kenntnisse und Kunstregeln, ohne deren Besitz und Gebrauch eine zusammenstimmende Leitung der christlichen Kirche, d. h. ein christliches Kirchenregiment nicht möglich ist« (KD2 § 5). Die Theologie ist demnach eine Fach- und Berufswissenschaft. Sie zielt auf Professionalisierung der kirchenleitend Tätigen, also Pfarrer, Religionslehrer. Die entscheidende Frage lautet demnach nicht: »Was ist Theologie?« (z. B. die Lehre von Gott), sondern: »Wozu gibt es Theologie?«.

Entsprechend zeichnet sich die Theologie durch Zweckgebundenheit und Praxisbezug aus. Sie vertritt keine überzeitlichen Wahrheiten, sondern argumentiert stets in Bezug auf eine konkrete historische Situation. Was heute angemessen ist, kann morgen als überholt und unpassend gelten. Um die jeweils gegenwärtig anstehenden Aufgaben zielorientiert und situationsadäquat erheben und gestalten zu können, arbeitet die Theologie mit unterschiedlichen Methoden (Textauslegung, empirischer Forschung, systematischer Theoriebildung). Schleiermacher unterscheidet für die Theologie drei Bereiche: Erstens die Philosophische Theologie, die aus Apologetik und Polemik besteht. Hier wird, einmal nach Innen und einmal nach Außen, die Idee des Christentums mit dessen konkreten geschichtlichen Erscheinungen abgeglichen. Die Historische Theologie – bestehend aus Exegese, Kirchengeschichte und den gegenwartsbezogenen Disziplinen Dogmatik, christliche Sittenlehre und Statistik – blickt auf das Ganze der Kirche und der Theologie als einer geschichtlich gewordenen Größe. Sie bilden den eigentlichen »Körper« (KD2 § 28) des theologischen Studiums. Und zuletzt die Praktische Theologie, auch als »Krone« (Schleiermacher 1811, KD1 § 31)5 bezeichnet, die zwischen der Theologie als universitärer Wissenschaft und der kirchlichen Praxis vermittelt. Ihre Aufgabe besteht nicht in der Aufstellung konkreter, anwendungsorientierter Einzelregeln (sog. mechanischer Regeln), sondern in der Entwicklung eines regelgebenden Verfahrens (sog. »Kunstregeln«, KD2 § 265). Dieses ist von den Einzelnen in Bezug auf die jeweils konkrete Situation adäquat zu entfalten. Denn die Theorie kann »nie die Virtuosität hervorbringen, nur die Anlage die ein jeder dazu hat leiten« (Schleiermacher 1850/1983, PT, 202).

Der Homiletik weist Schleiermacher innerhalb der Praktischen Theologie die Aufgabe zu, die historisch jeweils kontingente Form der Predigt zu reflektieren und entsprechendes Berufsführungswissen zu generieren (KD2 § 284f.; vgl. II.5).

c.  Themen der Homiletik

Das erste Lehrbuch der Praktischen Theologie verfasste Carl Immanuel Nitzsch (1787–1868; drei Bände, 1847–1867). Darin bestimmt Nitzsch die Kirche (und nicht die kirchenleitenden Personen) als Gegenstand der Praktischen Theologie. Entsprechend wird die Homiletik als Theorie der kirchlichen Rede entwickelt. Zugleich löst Nitzsch die bei Schleiermacher angelegte Abhängigkeit der Praktischen Theologie von der Philosophischen und Historischen Theologie auf und betont deutlicher die Eigenständigkeit der Praktischen Theologie im System der theologischen Wissenschaften, gerade durch ihren Bezug auf die Kirchentheorie bzw. Ekklesiologie.

Die oben skizzierten vielfältigen Perspektiven bei der Beschreibung der Predigt machen eine Binnendifferenzierung der Homiletik notwendig. Der reformierte Theologe Alexander Schweizer (1808–1888) etabliert die Unterscheidung in prinzipielle, materiale und formale Homiletik (Schweizer 1848). Die prinzipielle Homiletik reflektiert die fundamentaltheologischen Grundlagen und Bedingungen der Predigt (Was ist die Predigt?). Die materiale Homiletik bedenkt die Inhalte der Predigt (Worüber wird gepredigt?) und die formale Homiletik die Gestaltung und Durchführung derselben, also ihre liturgisch-kultischen, sozio-kulturellen und rhetorischen Bedingungen und Möglichkeiten (Wie wird gepredigt?).

Diese Aufteilung erinnert an den bereits erwähnten inter- und transdisziplinären Charakter der Homiletik. Die prinzipielle Homiletik weist die Predigt als Konkretions- und Bewährungsort der gesamten Theologie aus. Ihr kommt für das Gesamte der Theologie integrierende Funktion zu. Fragen der materialen Homiletik können sinnvoll nur im Austausch mit den exegetischen und systematischen Fächern sowie mit der Philosophie und den Kultur- und Sozialwissenschaften bearbeitet werden. Die formale Homiletik schließt stets an rhetorische, linguistische, liturgische, ritual- und performanztheoretische Diskurse an.

So wie sich in der Geschichte der Predigt eine Kulturgeschichte des Christentums abbildet, so impliziert die Geschichte der Homiletik Aspekte einer transdisziplinären Wissenschafts- und Wissensgeschichte. Dabei gilt, dass die Geschichte der Predigt und die Geschichte der Homiletik nicht identisch sind und auch nicht zu allen Zeiten parallel verlaufen. Insgesamt ist die Geschichte der Homiletik aufgrund der konziseren Quellenlage und des normativen Interesses zumindest in der Praktischen Theologie bislang ausführlicher erforscht und intensiver diskutiert als die Geschichte der Predigt.

2  Die Predigt als Funktion der Kirche – oder: die Frage nach der sozialen Dimension der Predigt

2.1  Die Predigt in der Spannung von Individualität und Sozialität

Jeder Homiletik liegt (hoffentlich) eine leitende Idee zugrunde, d. h. ein zentraler Gedanke, der die Argumentation organisiert bzw. aus dem heraus sich die Argumentation entwickelt. Mit einem knappen Blick auf die in jüngster Zeit rezipierten homiletische Entwürfe kann man sich diesen Sachverhalt vergegenwärtigen und zugleich einen Überblick über zentrale Diskurslinien der gegenwärtigen deutschsprachigen Homiletik gewinnen. Ich beziehe mich auf die Entwürfe von W. Engemann, W. Gräb und das Programm der sog. dramaturgischen Homiletik.

a.  Beiträge des aktuellen homiletischen Diskurses

Wilfried Engemann versteht die Predigt als »Kommunikationsgeschehen« (Engemann 32020, 20), dessen Ziel genauer die »Kommunikation des Evangeliums« sei (vgl. Engemann 2014). Immer dort, wo »Menschen glauben, gibt es«, so Engemann, »eine Kultur der Glaubenskommunikation« (Engemann 32020, 531). Deshalb ist die Predigt eine wesentliche und unhintergehbare Aufgabe und Funktion von Gemeinde und Kirche. Auch wenn die Gemeinde konstitutiver Teil des Predigtgeschehens ist, ist die Predigt stets »Rede von Mensch zu Mensch« (Engemann 32020, 18). Sie zielt darauf, dass der Einzelne, ein »Leben in Freiheit und Liebe« führen kann (Engemann 32020, 542; zum dahinterstehenden Konzept einer religiösen Lebenskunst vgl. Engemann 2013). Alle homiletische Kunst bleibe vergeblich, »wenn sich der Einzelne aus der Predigtkommunikation nichts ersehen kann, wenn sie für seine Existenz keine Bedeutung gewinnt« (Engemann 32020, 324). Für das Gelingen der Predigtkommunikation sind nach Engemann die »homiletischen Prämissen eines Predigers« entscheidend, d. h. »sein Religions- und Glaubensverständnis, sein Lebensideal, sein Menschen- und Gottesbild« (Engemann 3