Homosexualität - Jürgen B Klautke - E-Book

Homosexualität E-Book

Jürgen B Klautke

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Beschreibung

Dr. Jürgen-Burkhard Klautke ist Ethiker und hat sich gründlich aus biblisch-theologischer, medizinischer und humanwissenschaftlicher Sicht mit dem Thema Homosexualität beschäftigt.

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Seitenzahl: 126

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Dr. Jürgen-Burkhard Klautke

Homosexualität

Orientierung oder Desorientierung?

Reihe AUFKLÄRUNG

der Arbeitsgemeinschaft für Religiöse Fragen (A.R.F.)

Band 48

Dr. Jürgen-Burkhard Klautke

Homosexualität

Orientierung oder Desorientierung?

1. Auflage 2000

2. Auflage 2003

3. Auflage 2009

© 2013 Lichtzeichen Verlag GmbH, Lage

Umschlag: Jakob Siemens

Satz: Gerhard Friesen

ISBN: 9783869549521

Bestell-Nr.: 548952

E-Book Erstellung: LICHTZEICHEN Medien www.lichtzeichen-medien.com

Inhalt

Vorwort1.Was ist Homosexualität?2.Zur Beurteilung der homosexuellen Lebensweise in Vergangenheit und Gegenwart2.1.Urteile im Altertum2.2.Beurteilung im Lauf der abendländisch-christlichen Geschichte2.3.Der Umbruch in der Beurteilung in den USA2.4.Der Umbruch in der Beurteilung in Europa (außerhalb Deutschlands)2.5.Der Umbruch in der Beurteilung in Deutschland2.6.Ergebnis3.Zum Verständnis einiger für die Homosexualitäts-Debatte zentraler Bibelstellen3.1.Sodom (1.Mose 19,1-12)3.2.Gibea (Richter 19)3.3.3. Mose 18,22 und 20,133.4.Römer 1, 18-323.5.1.Korinther 6, 9-10 und 1.Timotheus 1, 8-103.6.Weitere Bibelstellen3.7.Ergebnis4.Zur Auseinandersetzung mit humanwissenschaftlichen Theorien über Wesen, Herkunft und Therapierbarkeit homosexueller Neigungen4.1.Zur Behauptung, die Heilige Schrift wisse nichts von homosexueller Orientierung4.2.Zur Behauptung, die homosexuelle Orientierung sei angeboren4.3.Zur Behauptung, die homosexuelle Orientierung sei durch die Umwelt entstanden4.4.Die ethische Konsequenz aus der These, man sei für die eigene homosexuelle Orientierung nicht verantwortlich4.5.Homosexuelle Orientierung aufgrund freier Entscheidung4.6.Zu Herkunft und Wesen homosexueller Orientierung im Licht der Heiligen Schrift4.7.Zur Heilbarkeit von homosexueller Orientierung4.8.Ergebnis5.Résümee5.1.Die gegenwärtige Homosexualitäts-Debatte im Licht der Heiligen Schrift beurteilt5.2.Was ist zu tun?

Vorwort

Homosexualität ist eines der sensibelsten und am meisten diskutierten Themen in Politik, Gesellschaft, Medien und Kirchen am Beginn des 3. Jahrtausends. Die Emotionen gehen hoch. Eine Versachlichung des Gesprächs ist daher dringend notwendig.

Dr. Jürgen-Burkhard Klautke ist Ethiker und hat sich gründlich aus biblisch-theologischer, medizinischer und humanwissen schaftlicher Sicht mit diesem schwierigen Thema beschäftigt. Seine Ergebnisse wurden zuerst im Jahre 1996 in der Idea-Dokumentation Nr. 17/96 unter dem Titel „Alarm um die Sexualethik“ veröffentlicht. 1998 legte er dann eine erweiterte Fassung als Buch vor: Gegen die Schöpfung. Homosexualität im Licht der Heiligen Schrift, Neuhofen: Evangelisch- Reformierte Medien 1998.

Nachfolgend drucken wir mit freundlicher Genehmigung des Verfassers die wesentlichen Teile daraus erneut ab, da seine Darlegungen aufgrund der besonderen Brisanz der Thematik eine weite Verbreitung verdienen. Aus Platzgründen musste die detaillierte Darstellung der Homosexualitäts-Debatte in den deutschen Kirchen sowie der gesamte umfangreiche Fußnoten-Apparat leider weggelassen werden. Wer Informationen darüber und wissenschaftliche Belege für die Aussagen Klautkes sucht, greife zum obengenannten Buch.

Ferner weisen wir darauf hin, dass im Logos-Verlag, Lage, auch die Schrift „For Boys Only“ von Marcel de la Croix erschienen ist. Sie enthält mehrere Berichte ehemaliger Homosexueller und kann somit die Arbeit Dr. Klautkes gut ergänzen.

Die Herausgeber

1. Was ist Homosexualität?

Der Begriff Homosexualität ist seit dem Jahr 1870 nachweisbar. Er geht vermutlich auf eine Wortschöpfung des österreichisch-ungarischen Arztes K.M. Kertbeny (alias: Benkert) zurück. Dieser Begriff ist zusammengesetzt aus der Vorsilbe: homos (griech.): gleich, identisch und dem Begriff: sexus (lat.): Geschlecht. Bis dahin wurde das, was wir heute als Homosexualität bezeichnen, sodomia genannt oder einfach Sünde wider die Natur oder widernatürliches oder namenloses Laster, oder sie wurde - namentlich im 17. und 18. Jahrhundert - in Anlehnung an 1. Mose 18,20-21 als „Sünde, die zum Himmel schreit“ umschrieben.

Andere heutzutage gebräuchliche Ausdrücke wie schwul oder gay entstammen dem Gassenjargon und werden häufig von Pro-Homosexuellenverbänden als demonstrative Selbstbezichtigung verwendet. Unter homosexuell orientierten Menschen sind sie keineswegs unumstritten.

Die weibliche Form der Gleichgeschlechtlichkeit wird als Lesbismus oder als sapphische Liebe bezeichnet. Diese Ausdrücke wurden in Anlehnung an die ägäische Insel Lesbos geprägt, auf der im 6. vorchristlichen Jahrhundert die Dichterin Sappho Leiterin einer Frauen-Kommunität war. Innerhalb dieser Kommune soll es zu gleichgeschlechtlichen Kontakten gekommen sein.

Austauschbar mit dem Begriff Homosexualität wird häufig der Begriff Homoerotik (eros [griech.]: Liebe) verwendet oder der Terminus Homophilie (phile [griech.]: Liebe). Nicht selten unterscheidet man aber auch zwischen Homosexualität und Homophilie. Dann versteht man unter Homosexualität die körperliche Handlung an sich, während Homophilie die innere erotische Orientierung auf das gleiche Geschlecht meint. Gemäß dieser Auffassung kann es homophile Menschen geben, die nicht homosexuell sind. Das sind diejenigen, die zwar die innere Neigung zu Menschen des eigenen Geschlechts haben, aber ihrer Disponiertheit nicht nachgeben. Andererseits, so diese Ansicht, kann es auch homosexuellen Verkehr zwischen Menschen geben, ohne dass bei ihnen eine Veranlagung dazu vorliegt. Diese Menschen üben zwar homosexuelle Handlungen aus, sind aber nicht homophil. Um Homosexualität und Homophilie unter einem Begriff zusammenzufassen, führte der Sexualwissenschaftler Herman van de Spijker den Begriff Homotropie (tropos [griech.]: Richtung) ein.

Homosexualität im Sinn des Ausübens sexueller Handlungen mit jemandem des gleichen Geschlechts oder im Sinn eines erotisch-affektionellen Hingezogenseins zu einem Geschlechtsgenossen („homosexuelle Orientierung“, „Homophilie“) ist wohl in allen Kulturen und zu allen Zeiten vorgekommen.

Noch vor wenigen Jahren war die Lebenswirklichkeit homosexuell lebender Menschen in unserer Gesellschaft wie auch in anderen Zivilisationen ein Randthema. Mittlerweile hat sich darin eine dramatische Veränderung vollzogen. Auf nahezu allen Ebenen des privaten, des politischen und des kirchlichen Lebens wird über das Thema Homosexualität oder Schwulsein debattiert. In zahlreichen Artikeln, Kommentaren, Beiträgen, Büchern, TV-Filmen und Talk-Shows wird die Meinung propagiert, homosexuelle Neigungen seien normale, natürliche Varianten menschlicher Sexualität. Mit dieser Botschaft hat man sich weitgehend den Forderungen der Pro-Homophilen-Verbände angeschlossen.

Die Ziele dieser Gruppen wurden auf einem in Chicago im Jahr 1972 veranstalteten Kongreß National Coalition of Gay Organisations (Nationale Koalition der Schwulen-Organisationen) folgendermaßen programmatisch formuliert:

1. Die staatlichen Gesetze müssen so geändert werden, dass homosexuell lebende Menschen weder in Beruf oder im Wohnungswesen noch im Dienstleistungsbereich in irgendeiner Weise „diskriminiert“ werden.

2. Homosexuell lebenden Männern ist der freie Zugang zum Militär zu gewähren.

3. Alle Gesetze, die einvernehmliche homosexuelle Handlungen verbieten, sind ersatzlos zu streichen. Ausdrücklich müssen auch die diesbezüglichen Gesetze zum Schutz Minderjähriger beseitigt werden.

4. Sämtliche gesetzliche Einschränkungen gegen Prostitution und gegen das Zuhältergewerbe müssen aufgehoben werden.

5. Homosexuell lebenden Menschen ist das Recht auf Adoption sowie auf Pflegeelternschaft zu gewähren.

6. Das, was Ehe ist, ist neu zu definieren. Namentlich sämtliche Einschränkungen und Regelungen bezüglich Anzahl und Geschlecht der Partner, die eine „Ehe“ eingehen, sind aufzuheben.

7. Sexualerziehungskurse, die von homosexuell lebenden Männern und Frauen gegeben werden und die die Homosexualität nicht nur als vollwertig und gesund darstellen, sondern die Schüler und Studenten zum Ausprobieren „alternativer Lebensstile“ ermutigen, sind staatlich zu finanzieren.

8. Schwulen-Gruppen und Unterstützungs-Programme für homosexuell Orientierte sind von Seiten des Staates finanziell zu unterstützen.

9. Dagegen sind sämtliche staatliche Förderungen, die an „diskriminierende“ Gruppen gehen, wie zum Beispiel religiös gebundene Schulen, zu streichen.

10. Homosexuell orientierte Menschen sind durch Quotenregelungen „positiv zu diskriminieren“, damit sie in der Öffentlichkeit angemessen repräsentiert werden.

Es ist offensichtlich, dass die emanzipatorischen Schwulen-Gruppierungen mit diesem Programm die uneingeschränkte gesellschaftliche Akzeptanz homosexueller Verhaltensweisen als einer unter anderen sexuellen Spielarten anstreben. Betrachtet man aus dem Blickwinkel dieser vor 25 Jahren aufgestellten Forderungen die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in der westlichen Welt, kommt man unweigerlich zu dem Ergebnis, dass sich dieses Programm mit Riesenschritten der Verwirklichung zu nähern scheint.

2. Zur Beurteilung der homosexuellen Lebensweise in Vergangenheit und Gegenwart

2.1. Urteile im Altertum

Noch immer kann man die Behauptung antreffen, Homosexualität sei erst durch das Judentum und dann vor allem durch Paulus verurteilt worden, sonst aber im Altertum als eine normale Ausdrucksform der Sexualität toleriert bzw. gewürdigt worden. Diese Darstellung ist historisch falsch. Es wird hier zwar nicht die gegenteilige generelle Behauptung verteidigt, also dass Homosexualität von sämtlichen Völkern des Altertums, sagen wir von den Ägyptern, Assyrern, Babyloniern, Griechen und Römern zu allen Zeiten verurteilt worden sei, aber einige Aussagen zeigen, dass man im Altertum Homosexualität keineswegs als etwas Normales betrachtete.

Aus Ägypten ist bekannt, dass man zwar private, gewaltfreie Homosexualität nicht unbedingt in jedem Fall für verwerflich hielt, jedoch berichtet das Ägyptische Totenbuch, wie ein Mann nach seinem Tod vor dem ägyptischen Gott seine Unschuld beteuert. Dabei versichert er unter anderem: „Ich habe keinen sexuellen Verkehr mit einem Jungen gehabt.“ Neben anderen in diesem Zusammenhang genannten Vergehen werden also pädophile Praktiken als unsittlich und als strafwürdig verurteilt. Homosexuelle Prostitution kam, so die Quellenlage, in Ägypten bis zu dem relativ späten Eindringen mesopotamischer Einflüsse nicht vor. Als ein unabänderliches Lebensgeschick wird die Homosexualität nirgendwo angesehen.

In Mesopotamien gab es seit dem dritten Jahrtausend homosexuelle Tempelprostitution. Diese war in der Regel dem Ischtarkult zugeordnet. Einige homosexuelle Praktiken wurden unter Strafe gestellt, andere nicht. Auch im Zweistromland beurteilte niemand homosexuelle Neigungen als unausweichliches Verhängnis.

Gern verweist man im Kontext der Homosexualitäts-Debatte auf Griechenland. Dort seien homosexuelle Praktiken üblich gewesen. Herodot habe sogar berichtet, dass die Griechen die Homosexualität den Persern beigebracht hätten. Auch Platon habe positiv über die Homosexualität gesprochen.

Konfrontieren wir uns zunächst mit dem Letzteren: In dieser Pauschalität ist die Aussage, dass Platon homosexuelle Handlungen als positiv ansah, nicht richtig. In einigen Dialogen verurteilte Platon nachdrücklich homosexuelle Praktiken wie Päderastie. In seinem Spätwerk, den Gesetzen (Nomoi), forderte der Philosoph den generellen Ausschluß homosexueller Handlungen aus dem vernünftig geordneten Gemeinwesen: In der Homosexualität drücke sich die „Zügellosigkeit der Lust“ aus.

Lediglich in einem einzigen Dialog, im Gastmahl (Symposion), macht der Philosoph zur Pädophilie positive Aussagen. Aber auch dort ist sein positives Urteil keineswegs vorbehaltlos. Platon kritisiert an homosexuellen Neigungen die Maßlosigkeit im Begehren des eigenen Geschlechts. Homosexuelle Handlungen widersprächen dem Begriff des Eros, da die Liebe nur „im Unterschied“ fruchtbar sein und zeugen könne. Im Gegensatz zu homosexuellen Kontakten sei das Verhältnis von Mann und Frau als Verhältnis von Ungleichen etwas Heiliges, denn es sei offen auf einen Dritten, auf ein Kind.

Aber selbst wenn man Platons Ausführungen zur Homosexualität auf das Gastmahl eingrenzen wollte und die Vorbehalte gegen die Homosexualität in diesem Dialog außer Acht lassen würde, um sich in der Ansicht, der griechische Philosoph habe eine unzweideutig positive Einstellung zu homosexuellen Praktiken gehabt, nicht verunsichern zu lassen, darf nicht übersehen werden, dass Platon, der selbst aus der athenischen Adelsschicht stammte, im Symposion keineswegs die Sitten des durchschnittlichen Griechen im Auge hatte, sondern diejenigen einer relativ kleinen Oberschicht von höchstens 10 %. Homosexuelle Kontakte kamen vornehmlich in den philosophischen Schulen zwischen Lehrern und Schülern vor („edukative Päderastie“) und im Heer während der oft jahrelangen Kriegsdienstzeit („militärische Päderastie“).

In Athen wie auch in Sparta gab es Gesetze, die homosexuelle Handlungen unter Strafe stellten. Die Behauptung, in der Antike hätten ganz Griechenland oder zumindest große Teile der Halbinsel eine prinzipiell positive Einstellung zur Homosexualität eingenommen, ist also entweder ein Zeichen von Unkenntnis oder von bewusster (durch bestimmte Interessen geleiteter?) Geschichtsfälschung.

Auch in der römischen Welt gab es große Vorbehalte gegenüber homosexuellen Handlungen. Andererseits ist nicht nur aus Röm. 1,24 ff bekannt, dass in der Kaiserzeit homosexuelle Praktiken vielfach übliche

Lebensweisen waren. Das wohl bekannteste, aber wahrlich nicht einzige Beispiel ist der römische Kaiser Hadrian. Er übte mit dem jungen Antionos homosexuelle Praktiken aus. Als jener im Nil ertrunken war, ließ der Kaiser zu seinen Ehren einen Tempel und zahlreiche Statuen errichten.

Im Judentum wurde jede Form homosexuellen Verhaltens strikt abgelehnt. Auf die Frage, was geschehen mußte, bis Gott die Sintflut sandte, antworteten die Rabbiner: Die Menschen ließen Eheverträge zwischen Männern und Tieren zu. Homosexuelle Handlungen beurteilte man nicht als Bagatellvergehen, sondern derartige Praktiken wurden als Ausdruck chaotischer kosmischer Unordnung angesehen.

2.2. Urteile im Lauf der abendländischchristlichen Geschichte

In der Alten Kirche verurteilten ausnahmslos alle Theologen, die zum Thema Homosexualität Stellung nahmen, jede Form homosexuellen Verhaltens: angefangen von der Didache (Apostellehre) und dem Barnabasbrief, über den Brief des Märtyrers Polykarp von Smyrna bis hin zu den Apologeten Justin, Athenagoras und Tatian. Tertullian bezeichnete homosexuelle Handlungen als widernatürlich (etwas, das „gegen die Natur“ ist). Dabei setzte er „Natur“ mit den aus der Bibel abgeleiteten Schöpfungsordnungen gleich. Ähnlich unmissverständlich äußerte sich Clemens von Alexandrien. Die Kirchenväter untermauerten ihr Urteil vor allem mit 1.Mo 19,1ff und Röm 1,26-27.

In den ersten nachweisbaren Bußordnungen (Konzil von Elvira [305 n. Chr. Geb.]) wurden Knabenschänder (stupatores puerum) mit Ausschluß aus der Kirchengemeinschaft bedroht (Kanon 71,14 Vives). Das Konzil von Ancyra (314 n. Chr. Geb.) war für die Einstellung zur Homosexualität in den folgenden Jahrhunderten maßgeblich. Hier wurden diejenigen verurteilt, die „unvernünftige“, „verführerische“ Dinge treiben. Wenn sich spätere kirchliche Versammlungen auf diesen Ausspruch der Synode von Ancyra berufen, denken sie dabei an Schamlosigkeit, wie sexueller Umgang mit Tieren (Bestialität; Zoophilie) und auch an homosexuelle Handlungen.

Als es aufgrund verschiedener theologischer Fragen im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte zu (Ab)spaltungen kam, waren sich ausnahmslos sämtliche Kirchen in ihrem Urteil über homosexuelle Praktiken einig. Dieses belegen Aussagen des für die armenische Kirche einflußreichen Theologen Johannes Mandakuni, des für die griechisch-orthodoxe Kirche namentlich in ethischen Fragen maßgeblichen Johannes Chrysostomos und des für die westliche Kirche wegweisenden Theologen Aurelius Augustinus.

In den Jahren 538 und 544 fertigte Kaiser Justinianus die Novellae an, ein Gesetzeskodex, in dem unter anderem homosexuelle Handlungen gesetzlich verboten wurden. Auch die Westgoten stellten gleichgeschlechtliche Lebensformen unter Strafe.

Im Mittelalter schrieb Petrus Damianus ein Buch gegen die Homosexualität. Darin wandte er sich scharf gegen homosexuelle Handlungen und forderte schärfste kirchliche Strafen. Andere Kirchenführer, wie zum Beispiel Papst Leo IX. befürworteten mildere Sanktionen: Man müsse „menschlicher“ handeln; man solle jemanden erst dann aus seinem Amt entfernen, wenn er lange Zeit mit allen möglichen Männern Umgang gehabt habe. Trotz dieser Differenzen war das Nein zu gleichgeschlechtlichen Handlungen unmissverständlich. Als das Konzil von London (1102) harte Urteile über homosexuelle Handlungen fällte, versuchte Anselm von Canterbury die verhängten Strafen zu mäßigen. Ein anderes Konzil (Paris 1202) plädierte dafür, dass es besser sei, homosexuellen Verhaltensweisen präventiv zu begegnen als hinterher scharfe Sanktionen zu verhängen: Man solle Nonnen nicht bei Nonnen und Mönche nicht bei Mönchen in einem Bett schlafen lassen. Die Lampe solle nachts anbleiben. Man solle es sich selbst nicht schwer machen.

Thomas von Aquin nahm als erster Theologe bei sexuellen Handlungen Einteilungen vor. Er unterschied zwischen sexuellen Vergehen, die gegennatürlich (contra naturam) sind und denjenigen, die nicht gegennatürlich (para naturam) sind. Hurerei, Prostitution, Ehebruch, Vergewaltigung, Blutschande, sakrilegische Unzucht (Schändung einer gottgeweihten Jungfrau) sind zwar verboten, aber diese sexuellen Sünden sind nicht gegen die Natur. Von diesen sind Handlungen abzugrenzen, die er als gegennatürliche Vergehen bewertete. Dazu gehören unter anderem Geschlechtsverkehr mit Tieren und männliche und weibliche Homosexualität. Als gegennatürlich galten ihm diejenigen sexuellen Handlungen, bei denen die Geschlechtsorgane ohne die Möglichkeit bzw. ohne den Willen zur Fortpflanzung verwendet werden. Die gegennatürlichen Sünden beurteilte Thomas für schuldhafter als diejenigen Sexualdelikte, die nicht gegen die natürliche Ordnung des Sexualaktes gerichtet sind.

Dieses Paradigma sexueller Vergehen ist bis heute im Kern für die römisch-katholische Moraltheologie maßgeblich. So fragt sie nicht nur nach der Intention einer geschlechtlichen Handlung, also ob diese aus Liebe oder aus Hass getan worden ist, sondern sie kennt auch unbesehen von der (vermeintlichen) Motivation in sich gute und in sich schlechte Handlungen.

Im Jahr 1555 verfaßte Petrus Canisius einen Katechismus, aus dem in den folgenden Jahrhunderten viele Generationen lernen werden, dass neben Mord, (er dachte an Kains Brudermord, 1.Mo