Hope Rides Again - Andrew Shaffer - E-Book

Hope Rides Again E-Book

Andrew Shaffer

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Beschreibung

Bromance never dies – die Ex-Präsidenten Barack Obama und Joe Biden lösen ihren 2. Fall! Herrlich absurde Unterhaltung für Fans satirischer Noir-Krimis mit einem ordentlichen Schuss Gesellschaftskritik Was ist bloß los mit Ex-Präsident Barack Obama? Ex-Vize Joe Biden macht sich ernsthaft Sorgen um seinen Super-Freund, der in einem untypisch scheußlichen Anzug zu einer Konferenz in Chicago auftaucht. Als dann auch noch Obamas Blackberry aus dem Tagungsraum verschwindet, überschlagen sich die Ereignisse – schließlich sind darauf die Nummern sämtlicher Machthaber dieser Welt gespeichert! Die Jagd nach dem Uralt-Handy führt die best friends Barack Obama und Joe Biden in die Unterwelt von Chicago, mitten ins Reich der Gangs, zu undurchsichtigen Priestern, vorbestraften Jugendlichen und in eine russische Sauna. Die wichtigste Frage bleibt jedoch: Wann bekommt Joe Biden endlich sein Eis? Ironisch, komisch, geistreich: Mit »Hope Rides Again« legt der amerikanische Bestseller-Autor Andrew Shaffer die geniale Fortsetzung seines Noir-Krimis »Hope Never Dies« vor und beschert damit der berühmtesten Bromance, seit es das Internet gibt, einen großartigen zweiten Auftritt. Denn wenn irgendjemand diese Welt noch retten kann, dann sind es die Ex-Präsidenten Barack Obama und Joe Biden!

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Andrew Shaffer

Hope Rides Again

Ein Fall für Obama und Biden. Kriminalroman

Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné

Knaur e-books

Über dieses Buch

Was ist bloß los mit Ex-Präsident Barack Obama? Ex-Vize Joe Biden macht sich ernsthaft Sorgen um seinen Superfreund, der in einem untypisch scheußlichen Anzug in Chicago auftaucht. Als dann auch noch Obamas Blackberry verschwindet, überschlagen sich die Ereignisse, schließlich sind darauf die Nummern sämtlicher Machthaber dieser Welt gespeichert – und die von Bradley Cooper! Die Jagd nach dem Uralt-Handy führt Obama und Biden in die Unterwelt von Chicago, mitten ins Reich der Gangs, zu undurchsichtigen Priestern, vorbestraften Jugendlichen und in eine russische Sauna. Die wichtigste Frage bleibt jedoch: Wann bekommt Biden endlich sein Eis?

Inhaltsübersicht

WidmungMotto1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. Kapitel60. KapitelDanksagung
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Für die Windy City,

in Liebe

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Mögen die Scharniere eurer Freundschaft

niemals Rost ansetzen.

 

Irisches Sprichwort

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1

Was für ein Blödsinn.

Das war mein erster Gedanke gewesen, als ich Mord im Amtrak-Express in einem Taschenbuchständer am Flughafenentdeckt hatte. Irgendein zweitklassiger Schreiberling hatte einen Schundroman mit meiner Wenigkeit, Joe Biden, in der Hauptrolle veröffentlicht. Und nicht nur das – der geldgierige Verleger hatte doch glatt die Unverfrorenheit besessen, mein Gesicht auf den Umschlag zu klatschen. Da saß ich nun einfältig grinsend am Steuer eines silbernen Pontiac Firebird Trans Am – ein Auto, das ich nie in meinem Leben gefahren war. Und jetzt, nach den ersten sechs Kapiteln, blieb meine spontane Einschätzung seines literarischen Wertes unverändert. Manchmal kann man ein Buch eben doch nach seinem Cover beurteilen.

Die fünfzehn Dollar hätte ich genauso gut im Klo runterspülen können.

Das Taxi kam mit quietschenden Reifen zum Stehen, das Buch rutschte mir aus den Händen. Der Fahrer – er war der Bears-Legende Mike Ditka wie aus dem Gesicht geschnitten – drückte auf die Hupe. Vor uns sprang ein halbes Dutzend Fußgänger über die Straße und blockierte den dichten Verkehr auf dem vierspurigen Lake Shore Drive.

Seit wir am Chicago Midway Airport gestartet waren, kamen wir nur stockend voran. Normalerweise dauerte die Fahrt ins Zentrum zwanzig Minuten, aber nun waren wir schon doppelt so lange unterwegs.

»Gibt es keine andere Strecke?«

Ditka schüttelte den Kopf. »St. Patrick’s Day. Der Feiertag ist erst morgen, aber die Parade findet heute statt. Ihr Freund Obama hat sich den falschen Vormittag für sein ökumenisches Forum ausgesucht, wenn Sie mich fragen.«

»Ökonomisches«, sagte ich. »Es ist ein globales Ökonomie-Forum.«

Ditka funkelte mich durch den Rückspiegel böse an. Ich konnte sehen, dass er etwas Schlagfertiges antworten wollte, aber anscheinend hatte er Schwierigkeiten, die alte Denkmaschine in Gang zu kriegen. Eine Frau in engen grünen Hotpants eilte ihren Freundinnen nach und zog eine grüne Federboa hinter sich her. Der Fahrer lenkte seine Aufmerksamkeit entsprechend um.

Ich hätte mit diesem Irrsinn rechnen müssen. Der St. Patrick’s Day ist der zweithöchste Feiertag im irisch-amerikanischen Kalenderjahr, gleich nach dem zwanzigsten November (Geburtstag des siebenundvierzigsten Vizepräsidenten der USA). Abgesehen von Boston gibt es keine amerikanische Stadt, die auf ihr irisches Erbe so stolz ist wie Chicago. Spätestens am Mittag würden alle Gehwege nass von Guinness sein.

Wir fuhren wieder an. Ich tastete unter dem Beifahrersitz nach meinem Buch. Meine Fingerspitzen stießen dagegen, aber da bremste der Fahrer, und es rutschte wieder weg. Gott sei Dank hatte ich am Morgen aufs Frühstück verzichtet, das wohl längst neben mir auf dem Rücksitz gelandet wäre. Die Rückbänke der meisten Taxis sind aus gutem Grund mit Kunstleder bezogen.

»Haben Sie da hinten was verloren?«, fragte Ditka und verrenkte sich den Hals, während wir langsam weiterrollten. In den Igelstacheln auf seiner Oberlippe hingen winzige Speicheltröpfchen.

»Nichts Wichtiges«, sagte ich. Das Buch war dort, wo es hingehörte – unter dem Sitz. Ich hatte schon überzeugendere Figuren auf Cornflakesschachteln gesehen. Um bei dem Bild zu bleiben: Es weckte nicht gerade den Tiger in mir.

Ein Fußgängerschwall nach dem anderen schwappte auf die Straße. Die Leute schoben sich zwischen den Autos hindurch, und die Fahrer hupten, was aber kaum etwas nützte. Der Verkehr war vollständig zum Erliegen gekommen.

Den Tribune Tower konnte ich nicht sehen, aber ich wusste, er stand ungefähr einen Block entfernt am Seeufer, keine zwei Kilometer von hier. Wäre ich noch im Amt gewesen, hätte ich mich von einem Helikopter abholen lassen können. Der gute alte Marine Two wäre schneller da, als man »Scott Pruitt« sagen könnte. Aber diese wilden Zeiten waren vorbei, außerdem hätte ich meine Privilegien als Staatsdiener niemals in dieser Form missbraucht.

Ich warf einen Blick auf die Uhr. Viertel vor neun. Bald wäre das Gebetsfrühstück vorüber. Wenn ich mich beeilte und den Rest der Strecke zu Fuß ging, könnte ich vielleicht noch die Keynote hören. Ich würde Baracks einleitende Worte verpassen, aber ich war nicht seinetwegen in die Stadt gekommen. Diesmal nicht.

Ich räusperte mich. »Lassen Sie mich einfach hier raus.«

Ditka zuckte die Schultern. Ihm konnte es egal sein. Ich bezahlte in bar und stieg aus. Eine kühle Brise wehte vom Lake Michigan herüber. Ich musste einfach nur in westlicher Richtung weitergehen und an der Magnificent Mile nach Norden abbiegen. Mein Weg führte mitten durch das städtische Saufgelage.

»Vorsicht da draußen«, rief Ditka mir durch die geöffnete Tür nach. »Sieht nach Schlangenwetter aus!«

Unser Vordermann, ein Mazda, rollte zehn Zentimeter weiter. Weil das Taxi nicht sofort anfuhr, fingen die Fahrer hinter uns wie verrückt zu hupen an. Ich winkte ihnen freundlich zu, worauf sich das Gehupe nur steigerte. Ein anspruchsvolles Publikum.

»Schlangenwetter?«, fragte ich und beugte mich wieder hinunter.

»Heute soll es über zwölf Grad warm werden«, erklärte Ditka. »Das erste schöne Wochenende im Jahr ist immer das gefährlichste. Sobald die Stadt auftaut, kommen die Schlangen raus. Taschendiebe und Trickbetrüger. Gauner mit dem Finger am Abzug. Kriminelle jeglicher Couleur.«

Vor meinem Gesicht schwebte eine grüne Feder, ich fuchtelte sie weg. Vielleicht wollte der Mann mich nur bange machen, doch es lag tatsächlich etwas in der Luft. Seit Anfang Dezember war der Mittlere Westen unter einer Decke aus Schnee und Eis verschwunden. Drei Monate lang hatte sich darunter die Anspannung zusammengebraut, und nun würde Mutter Natur sie entfesseln.

Ich schnaubte verächtlich. »Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Wäre nicht mein erstes Rodeo.«

Erst, als ich die Tür zugeschlagen hatte, fiel mir ein, dass ich noch nie bei einem Rodeo gewesen war.

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2

Jede Stadt hat ihren eigenen Frühlingsduft. In Wilmington beispielsweise wandelt man in einem botanischen Paradies, das so ähnlich riecht wie das Shampoo meiner Frau. Und die Erinnerung an Washington würde für mich immer mit blühenden Magnolien und Kirschbäumen verknüpft sein.

Doch als Chicago an diesem Märzmorgen taute, attackierte ein stinkendes Gemisch aus Corned Beef, Kohl und Pferdemist meine Geruchsnerven. Es war so schlimm, dass ich mich sogar in die hochsommerlichen Senatsräume der Siebzigerjahre zurücksehnte, als Klimaanlagen noch ein Luxus waren. Damals, bevor der Klimawandel sie zu einer Notwendigkeit gemacht hatte.

Ich betrat einen Souvenirshop, um mich mit ein paar Feiertagsaccessoires einzudecken und in der Menge unterzugehen. Ich war jetzt schon knapp dran, aber sollte jemand mich erkennen, würde ich echte Schwierigkeiten bekommen. Von Hunderten Fans umringt zu werden, die »Lauf, Joe, lauf!« riefen, war das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte.

Ich legte mir einen grün-weiß gestreiften Schal um und betrachtete mich im Spiegel. Hinter mir stand ein kleiner, untersetzter Kerl mit rotem Backenbart. In Gedanken hakte ich die Liste ab: grüne Jacke, Schiebermütze. Verdammt, ein irischer Kobold! Fehlte nur noch der Topf mit den Goldmünzen.

»Der Nächste!«

Der Verkäufer winkte mich heran. Ich warf einen Blick über die Schulter und suchte den Laden nach dem Kobold ab, aber hinter mir standen nur zwei junge Frauen, die sich für ein Selfie grüne Kleeblattsonnenbrillen aufgesetzt hatten. Seltsam. Ich reichte dem Verkäufer einen Zwanziger.

»Behalten Sie den Rest. Eine Tüte brauche ich nicht.«

Der Verkäufer hielt die Hand weiterhin geöffnet. »Das macht vierunddreißig neunundneunzig, Sir.«

»Für einen Schal?«

»Für einen hübschen Schal.« Er zeigte auf eine Schütte voller grellgrüner Socken mit Kleeblättern und grünen Bierhumpen. Zwei Paar für zehn Dollar. »Wenn Sie was Billigeres suchen …«

Ich gab ihm einen zweiten Zwanziger.

Diesmal bestand ich auf das Rückgeld.

Ich lief acht Häuserblocks weit, und niemand schenkte mir Beachtung, was aber nicht an dem Schal lag. In einer Stadt, in der es vor keltischen Wiederkäuern nur so wimmelte, war ich nur einer von vielen weißhaarigen, irischstämmigen Amerikanern. Ich kam an mindestens dreiundzwanzig Doppelgängern vorbei, die gutes Geld damit verdienen könnten, auf Geburtstagen und Konfirmationen als Joe Biden aufzutreten.

Der Gehweg vor dem Tribune Tower war durch Sägeböcke abgesperrt – nicht wegen der Parade, sondern wegen der Demonstranten. Eine kleine Menge aus zwanzig oder dreißig Occupy-Aktivisten stand herum und schwenkte ihre Plakate, auf denen die üblichen Verdächtigen attackiert wurden:

KEINE GRENZEN, KEINE BANKEN.

SCHLUSS MIT DER GIER DER KONZERNE.

MR OBAMA, TEAR DOWN THIS WALL (STREET).

Nicht gerade ein Willkommenskomitee.

Andererseits auch keine große Überraschung.

Zwei berittene Polizisten überwachten den Aufruhr. Sie bemerkten mich nicht, als ich um sie herumschlich, aber wie sich herausstellte, bildeten sie bloß die erste Verteidigungslinie. Ein Muskelprotz in zu engem Anzug bewachte den Haupteingang. Wahrscheinlich handelte es sich um den Angestellten eines privaten Wachdienstes, ich hatte nämlich noch nie einen Secret-Service-Agenten mit Van-Heusen-Logo am Ärmel gesehen.

Die Drehtüren setzten sich in Bewegung und stießen einen Mann mit Fedora und elfenbeinfarbenem Anzug aus. Er stolperte an dem Wachmann vorbei, und ich sprang beiseite, um nicht über den Haufen gerannt zu werden. Ganz kurz trafen sich unsere Blicke. Der Mann trug einen VIP-Ausweis an einem Band um den dicken Hals und sah sehr zielstrebig aus – offenbar wurde er irgendwo erwartet. Die schrägen Augenbrauen verrieten mir, dass er darüber nicht glücklich war.

Ich nahm meine Sonnenbrille ab und wandte mich an den Wachmann. Über unseren Köpfen flatterten eine amerikanische und eine irische Fahne im Wind.

»Geht es hier zur Konferenz?«, fragte ich.

»Ihren Ausweis, bitte.«

»Ich stehe auf der Gästeliste. Biden, Joe Biden.«

Ohne mich aus den Augen zu lassen, zog der Wachmann sein Walkie-Talkie aus seinem Gürtel wie eine Pistole. »Wenn Sie keinen Ausweis haben …«

Die Drehtür hinter ihm bewegte sich abermals. Heraus kam eine Frau in einer schicken blauen Bluse. Ganz offensichtlich trug sie keinen Ausweis bei sich. Ich hatte nicht wenig Lust, den Wachmann zu fragen, warum für sie eine Ausnahme gemacht wurde, aber ich kannte die Antwort längst: Sie war Michelle Obama, und Michelle Obama konnte tun, was immer sie wollte.

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3

Die Lobby des Tribune Tower war schmal, aber elegant, die Decke hoch und höhlenartig. Eine Videotafel hieß uns beim ERSTEN ALLJÄHRLICHEN WELTÖKONOMIEFORUM DES RISING HOPE CENTER AM SAMSTAG, 16. MÄRZ 2019willkommen. Zum alljährlichen? Klotzen, nicht kleckern, das war schon immer Baracks Motto gewesen.

»Willkommen in Chicago«, sagte Michelle und umarmte mich. »Gut siehst du aus, Joe. Hast du abgenommen?«

»Da musst du meine Hausärztin fragen. Aber in der Tat war ich während unserer Tour viel auf dem StairMaster.«

Michelle führte mich um einen Metalldetektor herum. Überall standen Anzugträger, ein paar davon schick genug, um vom Secret Service zu sein. »Du hast dir einen verrückten Tag ausgesucht, um Chi-Town zu besuchen«, sagte sie. »Ein Wunder, dass die Polizisten keine Schutzanzüge tragen.«

»Die Demonstranten sehen nicht so aus, als müsste man sich groß vor ihnen schützen. Eher so, als bräuchten sie ein Schinkensandwich und einen Mittagsschlaf.«

»Die mit den Plakaten?« Sie schnaubte. »Mit denen wird Barack später über nachhaltiges Wirtschaften und die kooperierende Allmende diskutieren. Nein, ich meinte eher das irische Volksfest da draußen.«

»Ich würde mir keine Sorgen machen. Ich sehe hier mehr Muskeln als im Fitnessstudio«, sagte ich. »Und damit meine ich nicht nur deine Oberarme.«

Sie schlug mich spielerisch an die Brust und begleitete mich dann zur Rolltreppe. Wir fuhren abwärts.

»Habe ich ihn verpasst?«

»Barack? Ich glaube, er ist noch im Aufenthaltsraum.«

»Ich meinte seinen Freund Caruso.«

»Ach, der«, sagte sie. »Der steht immer noch auf der Bühne. Es liegt auf dem Weg, wenn du willst, kannst du einen Blick hineinwerfen.«

Eine Woche zuvor hatte Barack mich völlig überraschend angerufen und mir mitgeteilt, dass der Ex-Rapper Caruso, ein gesellschaftspolitischer Aktivist mit engen Verbindungen zu Chicagos afroamerikanischer Community, die Keynote der heutigen Konferenz halten würde. Falls es mir mit der Kandidatur ernst sei und ich tatsächlich Präsident werden wolle, müsse ich ihn kennenlernen. Seit 2016 wurde viel darüber debattiert, wie das weiße Amerika zurückzugewinnen sei. Hier bot sich nun die Gelegenheit, aus erster Hand zu erfahren, welche Fragen das schwarze Amerika beschäftigten. Barack würde nicht den ganzen Tag vor Ort sein, aber Caruso hatte sich zu einem persönlichen Gespräch mit mir bereiterklärt. Ich würde, was die Beliebtheit bei den Minderheiten betraf, nicht ewig an Baracks Rockzipfel hängen können, vor allem, da er nicht plante, bei den Vorwahlen der Demokraten einen bestimmten Kandidaten zu unterstützen. Nicht einmal, wenn er Freundschaftsarmbänder mit ihm getauscht hatte.

Michelle und ich blieben an einer Doppeltür stehen. Davor stand ein schwarzer Teenager mit vor dem Körper verschränkten Händen. Er trug ein strahlend weißes Hemd und eine schwarze Stoffhose, wie ein Zeuge Jehovas. Seine Schuhe waren so auf Hochglanz poliert, dass man sich darin spiegeln konnte.

»Du kannst dir das Ende des Vortrags von der letzten Reihe aus anhören«, erklärte Michelle. »Er sollte in« – sie blickte auf ihre Apple Watch – »fünfzehn Minuten fertig sein. Dann musst du dich losreißen und in den Pausenraum rüberkommen. Die grüne Tür.«

»Ah, wegen des St. Patrick’s Day?«

»Wie meinst du das?«

»Na ja, weil sie grün ist und … ach, egal.«

»Ach so, Joe, verstehe.« Sie drehte sich zu dem Teenager um. »Kannst du Mr Biden den Weg zeigen, wenn er so weit ist?«

Der Junge zögerte. »Ich darf meinen Posten eigentlich nicht verlassen, Ma’am.«

»Ich werde einen anderen Freiwilligen schicken, der dich ablöst. Du machst ohnehin gleich Schluss, oder?«

»Um elf fängt meine Schicht am Güterbahnhof an.«

»Wir werden dich pünktlich hinbringen.« Sie sah mich an. »Joe, darf ich dir Shaun Denton vorstellen? Er nimmt an unserem Rising-Star-Programm teil. Wir fördern eine zukünftige Generation von Führungspersönlichkeiten hier aus der Chicagoer Community. Shaun und die anderen Helfer kommen von Pastor Browns Gemeinde.« Ihr Handy klingelte. »Entschuldigt mich.«

Nun war ich mit dem Jungen allein. Ich schüttelte ihm die Hand und stellte mich vor. Ob man es glaubt oder nicht, er sah wirklich ein wenig ehrfürchtig aus. Ich mochte ihn auf Anhieb. »Wo ist denn Ihre Sonnenbrille?«, fragte er.

»Die Ray-Ban? Mal sehen …« Ich tat so, als müsste ich meine Taschen absuchen, und dann, voilà, zog ich sie heraus.

»Möchtest du mal?«

Er grinste. »Echt cool«, sagte er und setzte sich die Brille auf. »Ich habe Sie schon einmal gesehen, im Grant Park. Vor elf Jahren.«

»In der Wahlnacht, ich erinnere mich. Da musst du noch ein Baby gewesen sein.«

»Meine Ma hat mich mitgenommen. Der erste schwarze Präsident und so weiter … Sie hat gesagt, sie würde es erst glauben, wenn sie es mit eigenen Augen sieht. Ich bin ja so froh, dass sie das noch erlebt hat.«

Als er die Sonnenbrille wieder absetzte, waren seine Augen feucht. »Ich habe Ihr Buch gelesen«, sagte er und klappte umständlich die Brillenbügel ein, wie um mich nicht ansehen zu müssen. »Bis zum Schluss.« Er klang verlegen, aber ich musste grinsen wie ein Honigkuchenpferd.

»Wirklich?«

»Ja, ich musste in der Schule ein Referat darüber halten. Zum Glück wurden im Rising Hope Center Exemplare davon verschenkt. Mrs Obama hat sie uns vorbeigebracht.«

Mein Herz weitete sich. Ich machte mir eine gedankliche Notiz, ein paar Ausgaben von Becoming zu kaufen und im Wartezimmer meines Zahnarztes auszulegen.

»Es hat dir hoffentlich gefallen«, sagte ich.

Er nickte. »Wie Sie jeden Abend mit dem Zug von Washington, D. C., nach Hause gefahren sind, den ganzen langen Weg, nur um Ihre Kinder zu sehen. Das war cool, Mann. Mein Vater würde für mich nicht mal zwei Blocks laufen.« Er lachte, als fände er das lustig, aber ich konnte sehen, wie verletzt er war. Und als ich seine Worte hörte, war ich ebenfalls verletzt.

»Wenn du mein Sohn wärst«, sagte ich, »würde ich für dich einmal um die Welt fahren und zurück.«

Er lächelte mich an, als glaube er mir kein Wort, aber ich meinte es ernst. Wirklich. Am liebsten hätte ich den Jungen sofort nach Hause mitgenommen, um ihm Jill und die Enkel vorzustellen. Er könnte etwas Zeit bei den Bidens verbringen und erleben, was ein richtiges Familienleben ist.

»Hier.« Shaun reichte mir die Sonnenbrille. »Danke.«

»Du kannst sie behalten«, sagte ich mit einem Zwinkern. »Ich habe noch eine.«

Michelle kam zurück, und Shaun bezog erneut seinen Posten. Mit der Sonnenbrille sah er aus wie ein Nachwuchsagent des Secret Service. »Ich wünschte, ich könnte noch bleiben, aber ich muss los«, sagte Michelle. »Brunch mit Oprah. Ich weiß, dass du heute schon wieder zurückreist, aber ich denke, wir werden uns diesen Sommer noch häufiger sehen.«

»Oder du sagst den Brunch einfach ab und bleibst.«

Sie warf mir einen ungläubigen, fast schockierten Blick zu, wie schon Hunderte Male in den vergangenen Jahren.

»Scherz«, sagte ich lächelnd. Dann fügte ich leise hinzu: »Ist sie hier?«

»Du glaubst doch nicht etwa, die vielen Bodyguards wären wegen mir und Barack hier?«

Ich hatte Oprah nie kennengelernt, folglich wusste ich nicht, mit wie vielen Personenschützern sie unterwegs war. In der letzten Zeit hatte sie ein paar Spendengalas für die Demokraten veranstaltet. Gerüchten zufolge erwog sie sogar, selbst zu kandidieren. Falls es dazu kam, würde ich mich auf einen Kampf bis aufs Blut gefasst machen müssen.

Nachdem Michelle gegangen war, betrat ich den Saal, lehnte mich an die Rückwand und lauschte Caruso. Seine Haare waren lang und zu Zöpfen geflochten. Er war so hochgewachsen wie ein Maisstängel im August und sprach mit einem trägen Midwestern-Akzent. Seine Worte waren reine Poesie.

»… die Kluft zwischen den Ärmsten und den Reichsten ist so groß wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Allein in den USA verdient ein Spitzenmanager fünfhundertdreiundsechzig Mal so viel wie ein durchschnittlicher Arbeiter. Gleichzeitig ist die Kaufkraft dieses Arbeiters im Laufe der letzten vierzig Jahre geschrumpft. Unsere Mittelschicht zerfällt. Und wir sind nicht allein. Rund um die Welt bedeutet Armut …«

Ich ertappte mich dabei, dass ich zustimmend nickte wie der Rest des Publikums. Die jungen Leute, die mit ihren Plakaten vor dem Gebäude standen, waren gar keine Demonstranten – sie waren Fans. Nicht nur von Präsident Obama, sondern vor allem von dem Mann, der dort auf der Bühne saß. Ich hätte ihm gern noch aufmerksamer zugehört, doch leider bekam ich Oprah nicht aus dem Kopf. Sie war nicht als Rednerin aufgeführt und sie wohnte auch nicht mehr in Chicago. War sie ebenfalls gekommen, um Caruso zu treffen? Eines war klar: Oprah war sicher nicht hier, um ein paar Gratis-Mimosas abzustauben.

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4

Seit achtzehn Monaten war ich nun unterwegs und zog durch die Stadthallen, um demokratische Kandidaten zu unterstützen und für mein Buch zu werben. Es war ein Versuchsballon für 2020, der allerdings niemanden täuschen konnte. Während der Midterm-Wahlen war ich für ein paar Wochen nach Delaware zurückgekehrt, aber nachdem ich im Januar wieder auf Tour gegangen war, hatte ich kaum ein Dutzend Nächte in meinem eigenen Bett geschlafen. Ein kurzes Treffen mit Jill in St. Croix hatte mir schmerzlich vor Augen geführt, wie sehr wir uns voneinander entfernt hatten.

Inzwischen war meine Familie eine verblassende, von Facebook und Skype am Leben gehaltene Erinnerung, und meine Freunde waren Phantome aus der Vergangenheit. Barack und ich standen in Kontakt, aber er wusste, dass ich Vollgas geben musste. Da blieb keine Gelegenheit, sich zu treffen wie früher, als wir jede Woche zusammen zu Mittag gegessen hatten. Zum letzten Mal hatte ich ihn während des Skiurlaubs in den Weihnachtsferien gesehen. Präsident W. war ebenfalls in Aspen gewesen, er war sogar ein paar Stunden mit uns über die Pisten gewedelt, bevor er und Michelle sich auf einen heißen Kakao mit Marshmallows ins Clubhaus zurückgezogen hatten.

Ich hatte Barack erst wieder im Sommer treffen wollen; wir planten einen gemeinsamen Familienurlaub am Rehoboth Beach. Ich hatte nicht erwartet, dass unsere Termine sich hier in Chicago überschneiden würden, doch als Michelle sagte, ich könne ihn möglicherweise im Pausenraum treffen, fing mein Herz wie wild an zu klopfen. Diesen Effekt hat er auf mich.

Diesen Effekt hat er auf so ziemlich jeden.

Leider war Barack nicht mehr da, als ich den Raum betrat. Schon die fehlenden Secret-Service-Agenten vor der grünen Tür hätten mir ein Hinweis sein sollen. Ich war ein lausiger Detektiv. Ich bedankte mich bei Shaun, und er verabschiedete sich. Er musste zur Arbeit, außerdem hatte er Präsident Obama bereits am Morgen kennengelernt.

Wie die meisten provisorischen Aufenthaltsräume war auch dieser ein kleiner Konferenzsaal, in den man rollende Kleiderständer und ein paar Sofas geschoben hatte. Es gab ein Büfett auf einer langen, mit Tischtuch bedeckten Tafel. Ich sah den obligatorischen Käse und etwas Obst. Die Cracker waren alle. Sind sie immer.

Ich las mir ein Faltblatt mit dem Konferenzplan durch. Am Abend würde es einen VIP-Empfang im Crown-Foyer in der vierundzwanzigsten Etage geben. Ich war nicht eingeladen, obwohl ich doch ein »VP« im Namen trug. Aber egal. Mein Flugzeug würde gleichzeitig mit dem Empfang starten. Ich musste unbedingt zurück nach Delaware und …

Eine flüchtige Bewegung am Büfett erregte meine Aufmerksamkeit. Unter dem weißen Tischtuch ragten zwei schwarze Schuhsohlen hervor. War ein Terrorist dabei, eine Bombe zu verstecken?

Unter dem Tisch grunzte jemand. Die schwarzen Sohlen schoben sich rückwärts, auf mich zu. Ich ballte die Hände zu Fäusten und hob die Arme, bereit für eine Schlägerei.

»Rauskommen, Hände hoch!«, rief ich. »Und keine Mätzchen!«

Der unheimliche Kriecher hielt inne. Die Schuhe waren ungewöhnlich groß, die beigen Hosenbeine darüber tadellos gebügelt. Die Socken waren mit Kleeblättern und grünen Bierhumpen verziert.

»Mit erhobenen Händen kann ich nicht kriechen.« Die Baritonstimme war gedämpft, aber unverwechselbar.

Ich ließ die Fäuste sinken. »Kommen Sie raus, Mr President!«

Barack Obama erhob sich und klopfte sich die beige Hose und das passende Sakko ab. Als er den Anzug im Amt getragen hatte, machte man sich sowohl von links als auch von rechts über ihn lustig. Der Anzug war zu bieder, irgendwie nichtssagend. Ein Augenarzt schrieb in einem Leserbrief, seine Pfannkuchenteigfarbe sei ein »Attentat auf den Sehnerv«, das »bei sensiblen Menschen eine neurogene Entzündung« auslösen könne. Ein Mitglied des Repräsentantenhauses ging sogar so weit zu behaupten, der Anzug stelle ein nationales Sicherheitsrisiko dar. Kein Scherz, Leute. Als ich den Anzug jetzt sah, musste ich zugeben, dass er nicht so hässlich war, wie ich ihn in Erinnerung hatte.

Er war noch viel hässlicher.

»Hey, Joe«, sagte Barack und riss mich in eine bärengleiche Umarmung. Ich tätschelte seinen Rücken. Unsere Bromance war so lebendig wie eh und je. »Hübscher Schal. Wo hast du den Leichnam von dem Kobold verscharrt, dem du das Ding abgenommen hast?«

»Im Ernst? Du willst mir einen Vortrag über die Kleiderordnung halten, während du …«

Ein Agent des Secret Service stürmte in den Saal und sah sich keuchend um. Anders als seine Kollegen war dieser hier ein guter Bekannter. Steve. Sicherlich hatte er einen Nachnamen, schließlich war er nicht Cher, aber den schien niemand zu kennen. Zuletzt hatte ich gehört, er sei ins Weiße Haus versetzt worden. Ihn jetzt an Baracks Seite zu sehen, verwunderte mich aber kein bisschen. Ich war mir sicher gewesen, dass er es mit der neuen Regierung nicht lange aushalten würde. So erging es allen.

»Steve!« Ich wollte ihn ebenfalls umarmen, entschied mich dann aber für einen Händedruck.

Er ignorierte mich. »Was zur Hölle ist hier los?«, rief er wütend. »Ich habe den Agenten vor der Tür abgelöst, einen Blick in den Saal geworfen und gesehen, dass er leer ist. Ich habe die letzten fünf Minuten damit verbracht, einen vermissten Ex-Präsidenten zu suchen, und jetzt komme ich zurück und …«

»Ganz ruhig, Steve«, sagte Barack. »Niemand wird vermisst. Allen geht es gut.«

»Da ist Staub an Ihren Hosenbeinen, Sir«, sagte Steve. »Haben Sie sich auf dem Boden gewälzt?«

»Machen Sie immer noch diese Low-Carb-Diät«, fragte ich.

Steves Gesichtsausdruck veränderte sich von verärgert zu verdutzt und wieder zurück. »Ich war nie auf Low Carb. Das Ganze nannte sich Zero Carb. Aber auf Dauer hat es nichts gebracht, deswegen habe ich auf Paleo umgestellt.«

»Die Steinzeitdiät?«

»Na ja, ist ja nicht so, als gäbe es Säbelzahntigersteaks und Mammutburger …«

»Und scharfe Pterodactylusflügel«, scherzte ich.

Steve starrte mich an. »Der Pterodactylus war zur Steinzeit schon ausgestorben.«

»Also nein?«

»Nein«, sagte er, ging hinaus und knallte die Tür hinter sich zu. Als er verschwunden war, fragte ich Barack, was zum Samhain er auf allen vieren unter dem Büfett gesucht hatte.

»Ich habe mein Blackberry verloren.«

»Unter dem Tisch?«

»Ich weiß nicht, wo. Wenn ich es wüsste, wäre es nicht verloren.«

»Darin sind die Handynummern aller führenden Politiker der Welt eingespeichert«, sagte ich nachdenklich. »Und die von Bradley Cooper.«

»Er hat eine neue.«

»Und er hat sie dir nicht gegeben?«

Barack schloss die Augen und massierte sich die Schläfen. »Ich wollte während der Fastenzeit aufs Handy verzichten. Ein paar Wochen lang hat es gut geklappt, aber dann habe ich es heimlich mit rausgenommen, um die Basketballergebnisse nachzulesen. Und die Nachrichten. Und kurz darauf war ich wieder süchtig.« Er sah mich an. »Vielleicht ist das Gottes Art, mich vom Rückfall zu kurieren.«

»Fastenzeit? Aus Solidarität mit deinen irischen Vorfahren?«

»Wohl eher aus Solidarität mit meiner Familie. Michelle wollte, dass ich einen Monat ohne ausprobiere. Sie sagte, sie wolle ›ihren Mann zurück‹.«

Nicht bloß, dass ich den St. Patrick’s Day vergessen hatte, bis der Taxifahrer mich darauf hinwies – ich hatte dieses Jahr keine Sekunde lang ans Fasten gedacht. Wenn man weder trinkt noch raucht, ist es gar nicht so leicht, auf etwas zu verzichten. Nicht einmal den Kaffee konnte ich mir sparen, denn zum letzten Mal hatte ich der gerösteten Bohne im College gefrönt. Ja, ich könnte auf Eiscreme verzichten, aber genauso gut könnte ich das Atmen einstellen. Dennoch, ich bewunderte Barack. Er war noch irisch-katholischer als Joe Biden.

Das Vibrieren eines Handys zerriss die Stille und ließ mich fast aus den Herrenslippern fahren. Ich klopfte meine Taschen ab. Mein Handy klingelte nicht. Das Geräusch kam aus einer karierten Anzugjacke, die am Garderobenständer hing.

»Nicht meins«, sagte Barack. »Ich habe schon nachgesehen.«

»Ist es vielleicht in einer deiner Taschen?«

Barack legte den Kopf schief.

»Einmal dachte ich, ich hätte meine Brieftasche verloren«, sagte ich. »Ich habe mich halb totgesucht. Und rate mal, wo sie war.«

»Wo war sie, Joe?«

»Vorn in meiner Hose!«, lachte ich. »Weißt du, normalerweise stecke ich sie immer in die Gesäßtasche. Ich hatte sie die ganze Zeit dabei, nur eben in der falschen Tasche. Und ich hatte keine Ahnung, wie sie da hingekommen war.«

»Vielleicht hast du sie da reingesteckt?«

Möglicherweise hatte er recht.

Hatte er meistens.

Barack erzählte, er habe sein Telefon zuletzt am Morgen gesehen. Er hatte es neben das Tablett mit dem Obst und dem Käse gelegt. Als Michelle hereinkam, hatte er es schnell unter einem Teller verschwinden lassen. Anschließend hatten sie das Gebetsfrühstück besucht, und das Handy war ihm erst später wieder eingefallen. Zu dem Zeitpunkt waren bereits etliche Personen in dem Konferenzraum ein und aus gegangen.

»Zeig deins mal her«, sagte er. »Ich könnte mich auf der Webseite von Blackberry einloggen und das Gerät orten …«

Seine Stimme erstarb, als er mein Handy sah.

»Ein Klapphandy? Du siehst jedes Mal, wenn ich dich sehe, unverändert aus, nur deine Handys werden immer älter.«

»Ich habe da ein paar Apps drauf. Und einen Internetbrowser aus dem letzten Jahrhundert. Das Ding ist komplizierter zu bedienen als ein Videorekorder. Aber so mag ich das.«

Barack öffnete die Tür und bat Steve, ihm einen Laptop zu besorgen.

»Da steht noch ein ganzes Käsetablett«, sagte er zu mir. »Bedien dich.«

»Du sollst das alles allein essen? Ohne Cracker?«

»O Gott, nein. Oprah war hier. Sie hat aber nichts angerührt. Pastor Brown hingegen … der haut vielleicht rein! Er könnte sogar dich unter den Tisch essen. Wobei er sich während des Gebetsfrühstücks sehr zurückgehalten hat, wenn ich jetzt drüber nachdenke. Zu schade. Es gab sogar Bagels, die harten, wie man sie sonst nur in New York kriegt. Die magst du doch so gern.«

Umso besser, dass ich es nicht rechtzeitig zum Frühstück geschafft hatte. Angesichts Baracks beigem Anzug wäre mir der Appetit vergangen. Farblich ähnelte er ausgespuckter Babynahrung zu sehr.

»Oprah war hier«, sagte ich gedankenverloren.

»Ja, das war sie. Alles in Ordnung, Joe? Du wirkst so abwesend.«

»War sie hier, bevor oder nachdem dein Handy verschwunden ist?«

»Du glaubst doch wohl nicht, dass Oprah mein Handy geklaut hat«, sagte er. »Oprah.«

Barack fand meinen Witz kein bisschen lustig. Abgesehen davon würde keine Jury dieser Welt Oprah schuldig sprechen, nicht einmal, wenn wir eine rauchende Pistole in ihrer Handtasche gefunden hätten. Manchmal fragte ich mich, ob sie wirklich die Heilige war, für die alle sie hielten. Meine Güte, mich hielten auch viele Leute für einen Pfadfinder, dabei stanken meine Fürze wie die von allen Menschen. Manchmal sogar noch schlimmer. Ich hätte gestern Abend auf die Zwiebelringe verzichten sollen.

Steve klopfte an. Er hatte in einem der oberen Stockwerke einen Computer ausfindig gemacht.

Barack warf einen Blick auf seine Uhr. »Und dafür haben Sie zwanzig Minuten gebraucht. Im Tribune Tower. Gibt es hier nicht ganze Etagen voller Zeitungsreporter mit Laptop?«

»Doch«, sagte Steve, »aber wenn Sie in die Redaktion gehen, würde es den ganzen Nachmittag dauern, Sie da wieder rauszuboxen. Sie wissen doch, wie sehr die Medien Sie lieben, Sir.«

Ich nickte. »Da hat er recht.«

Barack sah mich stirnrunzelnd an.

»Nun tu nicht so, als würde es dich stören«, sagte ich.

Barack seufzte. »Caruso hat gesagt, er wolle nach seinem Vortrag hier vorbeischauen. Wahrscheinlich wurde er aufgehalten und muss Autogramme schreiben. Warum kommst du nicht mit und hilfst mir suchen, Joe? Sicher wird es nicht lange dauern. Und ich weiß doch, dass ein Detektiv in dir steckt.«

Wahrscheinlich bezog sich diese kleine Stichelei auf Mord im Amtrak-Express, aber ich hätte natürlich niemals zugegeben, dass ich das Buch gekauft hatte. Barack hatte einfach keinen Sinn für leichte Unterhaltung. »Anspruchslos«, so nannte er das. Er betonte gern, dass ein schweres Hirn schwere Kost brauche. Vor zwei Jahren hatte ich als Detektiv so gründlich versagt, dass es uns fast beide das Leben gekostet hatte. Wäre ich ein echter Detektiv gewesen, hätte ich das Rätsel um meinen Freund Finn Donnelly gelöst, bevor unser Weg durch Wilmington von Leichen gepflastert war. Nein, ich war wahrlich kein Schnüffler; ich war Politiker.

Was nicht bedeutete, dass ich einem kleinen Abenteuer à la Hardy Boys abgeneigt war.

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5

Das Blackberry des Präsidenten ist verschwunden.

Wären wir in einem Actionknaller mit Charles Bronson in der Hauptrolle, hätten die sechs Wörter eine stadtweite Hetzjagd ausgelöst. Aber wir waren im echten Leben, und Barack war »No Drama Obama«. Sein Handy war verschwunden, aber er blieb so kühl und klar wie immer. Im Laufe der Jahre hatte ich zwar ein paarmal erlebt, dass auch seine Fassade Risse bekommen konnte; aber da musste schon mehr auf dem Spiel stehen als ein verlorenes Handy.

»Hast du irgendwelche Feinde? Hätte irgendjemand was davon, dir dein Handy zu stehlen?«, fragte ich im Aufzug.

Barack verzog den Mund. »Hm, jetzt, wo du es sagst … Ich habe mich in der Tat gefragt, was Sean Hannity hier zu suchen hat.«

»Vergiss es.«

Er lachte. »Du machst dir zu Unrecht Sorgen, Joe. Jede Wette, dass Michelle es eingesteckt hat, um mir eine Lektion zu erteilen? Ich werde mich auf der Seite einloggen und das Gerät finden, und ich setze dreiundachtzig Dollar darauf, dass es um die Ecke beim Brunch ist.«

»Dreiundachtzig?«

Der Aufzug hielt im Erdgeschoss.

»So viel habe ich dabei«, sagte Barack.

Steve führte uns durch die Lobby. Er war uns immer ein paar Schritte voraus.

»Ist doch schön, dass die alte Gang wieder vereint ist«, sagte ich. »Wir beide sind schon ein besonderes Duo, was?«

»Es sei denn, man rechnet Steve dazu«, sagte Barack.

»Klar«, murmelte ich.

»Er ist jetzt mein leitender Personenschützer«, sagte Barack. In meinem Alter brauchte ich wirklich keinen Aufpasser mehr, aber manchmal war es ganz nett, den Secret Service in der Nähe zu haben. Zum Beispiel, wenn man Kleingeld brauchte und einen großen Schein wechseln wollte.

Wir erreichten ein kleines Kabuff am hinteren Ende der Lobby. Einer der zwei Arbeitsplätze war von einer Frau mittleren Alters belegt. Sie hatte Locken und einen dunklen Haaransatz. Sie hob kurz den Kopf, wandte sich wieder dem Bildschirm zu, hob abermals den Kopf.

Barack lächelte sie an. Durch geschlossene Zähne zischelte er Steve zu: »Das Business Center?«

»Sie wollten einen Computer.«

Die Frau war inzwischen komplett errötet und glotzte den Präsidenten mit offenem Mund an. Ein Spatz hätte hineinfliegen und Eier legen könne, ohne dass sie es bemerkt hätte.

»Ich wollte nur mal kurz nach den Basketballergebnissen sehen«, sagte Barack leichthin und setzte sich ihr gegenüber. Steve warf ihr einen professionellen Blick zu, und sie eilte hinaus. Er legte sich einen Finger an den Knopf in seinem Ohr und sagte: »Das war der Empfang. Nada. Sie melden sich, falls jemand was abgibt.«

»Haben Sie gesagt, um wessen Blackberry es geht?«, fragte Barack. »Wir können kein Aufsehen gebrauchen.«

»Ich habe gesagt, es wäre Joes«, erklärte Steve und zwinkerte mir zu.

»Ha, ha«, sagte ich. Barack lächelte, aber wir wussten beide, dass ich schon lange nicht mehr der Clown der Nation war. Ich hatte mir seit mindestens einer Woche keinen öffentlichen Ausrutscher mehr geleistet.

Ich setzte mich auf den Platz der Frau und ruckelte die Maus. Der Bildschirmschoner verschwand. »Ob ich hier wohl meine Mails lesen kann? Natürlich nicht auf meinem WhiteHouse.gov-Account«, sagte ich und schob im Flüsterton hinterher: »Auf den habe ich keinen Zugriff mehr.«

»Das sind öffentlich zugängliche Computer«, sagte Barack. »Man weiß nie, wer da dran war. Die haben auf der Tatstatur wahrscheinlich ebenso viele Viren wie im Betriebssystem …«

»Ich bin drin«, sagte ich, als mein Yahoo-Posteingang auf dem Bildschirm erschien.

Ich scrollte die Nachrichten durch – Scams, Spams und ein paar wahrscheinlich lesenswerte Mails, aber nichts von Jill oder den Kindern. Eine flehentliche Nachricht von meinem Pressesprecher, der mir schrieb, er könne die Presse bezüglich meiner Pläne für 2020 nicht länger hinhalten. Es war an der Zeit zu angeln – oder den Köder einzuholen.

»Das kann nicht sein«, sagte Barack und runzelte die Stirn.

Ich beugte mich hinüber, um seinen Bildschirm zu sehen. Ein roter Punkt pulsierte neben der East Sixty-third Street. Ein großes Areal namens NORFOLK SOUTHERN RAILROAD YARD bedeckte die untere Hälfte der Karte. Der Güterbahnhof, einer von Dutzenden in Chicago. Und doch ging in meinem Hinterkopf ein stummer Alarm los.

»Anscheinend ist es in der South Side«, erklärte er.

»Könnte Michelle es haben?«

»Das Chez Quis ist nur wenige Blocks von hier, nicht in Englewood.« Er klickte ein paarmal auf die Maus. »So. Ich habe es komplett gelöscht. Wer immer es hat, kann es jetzt als teuren Briefbeschwerer benutzen. Komm, wir gehen wieder runter.«

»Das war’s?«

»Das war’s.« Barack erhob sich. »Easy-peasy, Joe.«

Easy-peasy? Zuerst machte er mir die Fastenzeit streitig und dann meine Sprüche? Wenn jemand meine Privatsphäre auf diese Weise verletzt hätte, wäre ich in die Luft gegangen. Aber offensichtlich hatten wir unterschiedliche Philosophien und Temperamente. Manchmal konnte ich nicht glauben, dass wir je Freunde geworden waren.

»Aber … dein Handy«, stammelte ich. »Findest du nicht, wir …«

»Ich kaufe mir ein neues. Was können die noch damit anfangen? Wer würde ihnen glauben, wenn sie versuchten, es als das alte Blackberry des Präsidenten zu verkaufen?«

Wir gingen zu den Aufzügen. Der stumme Alarm in meinem Hinterkopf hörte nicht auf, und er hatte nichts mit den dreiundachtzig Dollar zu tun, die Barack an mich verloren hatte (und von denen ich keinen Cent sehen würde). Ich hatte eine ziemlich konkrete Vorstellung von unserem Dieb. Barack schien das Ganze vergessen zu wollen, was aber nur daran lag, dass er nicht wusste, was ich wusste.

»Ich muss los«, sagte ich. »Mir ist eingefallen, dass ich noch etwas vorhabe.«

Er zog die Augenbrauen hoch. »Was ist mit Caruso? Eigentlich hatte ich dich nur deswegen zu der Konferenz eingeladen. Er wird dir gefallen. Er hat ein paar tolle Ideen.«

»Tut mir leid. Ein andermal. Mein Flug geht erst um neun, aber ich bin gern pünktlich am Flughafen. Man weiß ja nie, wie voll es an der Sicherheitskontrolle wird.«