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Lena hat die Nase voll von Dating-Fails. Mit einer Checkliste für Traummänner soll ihre Partnersuche endlich zum ersehnten Glück führen. Mutig schlägt sie ihrem nächsten Date also ein gemeinsames Wochenende am Meer vor. Doch erstens hatte sie nicht vor, sich gleich ein Haus mit Luke zu teilen. Und als er dann auch noch mit dem falschen Auto und einem ominösen großen Koffer vorfährt, kommen ihr echte Zweifel. Hat sie etwa schon wieder was falsch gemacht? …
Eine humorvolle spicy Romance, in der nichts ist, wie es scheint. Nicht einmal Lena selbst. Das Setting ist ein altes Bauernhaus auf Rügen mit einem verwilderten Garten drum herum. Ein so romantischer Ort kann doch nur zum Happy End führen, oder?
Der Roman enthält folgende Tropes:Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Nora Amelie
Inselroman
Darf ein Traumprinz Twingo fahren? Für Lena, 29 und noch immer Single, ist klar: Lieber nicht! Schließlich muss der Mann fürs Leben besonders sein. Nur wie genau? Wenn sie das bloß wüsste.
Ihre beste Freundin Vivi macht Druck und behauptet, es ginge nicht ohne To-do-Liste. Damit ließe sich die Spreu vom Weizen trennen, speziell bei Männern. Und plötzlich steht Lena Luke gegenüber. Er sieht gut aus, hat Humor und punktet gleich beim ersten Date. Er könnte der Richtige sein.
Doch als Luke zum vereinbarten Treffen an der Ostsee mit dem falschen Auto und einem ominösen Koffer vorfährt, kommen Lena Zweifel …
Eine Gute-Laune-Geschichte voller Wortwitz, die Spaß macht und perfektes Urlaubsfeeling bringt.
»Das ist er.« Entschlossen tippte Vivi auf diese eine Nachricht, die sie für den Volltreffer hielt. »Frag mich nicht, warum, aber ich bin mir ziemlich sicher.«
Das sollte sie auch. Denn wenn ich es schon nicht schaffte, mir den richtigen Mann an Land zu ziehen, dann wenigstens meine beste Freundin. Warum sonst ließ ich mich bei der offensichtlich schwierigsten Mission meines Lebens von ihr coachen?
Den dritten Abend sichteten wir jetzt zusammen Zuschriften auf meinem Datingprofil. Ich kam mir ein bisschen minderbemittelt dabei vor. Online-Dating – pffff. Das musste doch auch so gehen, oder? Aber ich kriegte es einfach nicht gebacken. Ein Misserfolg jagte den nächsten. So langsam geriet ich in Torschlusspanik.
Ich war neunundzwanzig, meine biologische Uhr tickte. Ich sehnte mich nicht nur nach einem passenden Mann, sondern ich wollte auch endlich eine Familie gründen. Ich wollte Kinder, und zwar nicht erst mit vierzig.
Neugierig verfolgte ich, was Vivi gerade auf meinem Bildschirm bewerkstelligte. Sie öffnete Fotos. Und während sie die Aufnahmen nacheinander anklickte, wurde ihr Lächeln immer breiter.
»Was?«, fragte ich, weil ich beim besten Willen nicht erkennen konnte, was sie zum Schmunzeln brachte.
»Der ist es«, wiederholte sie ihre Worte wie ein Mantra.
Während das Profilbild relativ nichtssagend war – ein Saxophonspieler im Gegenlicht – fielen die restlichen Fotos deutlicher aus. Eines davon zeigte einen Mann mit knallblauen Augen und rabenschwarzem Haar. Ein faszinierender Kontrast und genau der Typ Mann, den ich bevorzugte. Es war eine Porträtaufnahme. Man sah sein Gesicht und dass er Anzug trug. Er wirkte verflixt elegant in diesem Outfit.
Auf dem nächsten Foto hockte derselbe Typ tief über das Lenkrad eines Rennrads gebeugt. Wenn er das wirklich auch war, was ich wegen der Sonnenbrille und dem Cap, das er trug, nur vermuten konnte, war er nicht nur jenseits der Halslinie vorzeigbar, sondern sogar darunter. Sein Körper machte einen gut trainierten Eindruck und an den Waden konnte man einzelne Muskelstränge erkennen.
Wow, dachte ich staunend. So jemand wollte mich?
Ich sah mir zwei weitere Fotos an und konnte Vivis Begeisterung immer besser nachvollziehen. Auf einem davon schien er im Gespräch mit jemandem zu sein, denn er hatte eine Hand erhoben, als wolle er etwas mit einer Geste unterstreichen. Hier sah man ihn zwar nur im Profil, aber selbst das verströmte Sexappeal ... Oh Mann!
Vivi warf mir einen Blick zu. »Wie findest du ihn?«
»Hot«, wollte ich sagen, doch nur ein Krächzen kam aus meiner Kehle.
Wir lachten, als ich mich lautstark räusperte.
»Der wird dir jedenfalls die Hölle heiß machen«, meinte sie und kehrte zu seinem Mailtext zurück. »Sein Name ist Luke. Zweiunddreißig, einsdreiundneunzig, Haarfarbe schwarz.«
»Das sieht man ja«, dämpfte ich Vivis Euphorie. Äußerlichkeiten waren zwar nicht unwichtig, aber definitiv nur eine Seite der Medaille. »Schreibt er was über seinen Job?«
Vivi zuckte die Schultern. »Hier steht nur IT.«
»Also Schreibtischtäter«, murmelte ich.
Irgendwie war ich enttäuscht.
Auf den ersten Blick hätte ich ihn für einen Geschäftsmann gehalten, der seine spärliche Freizeit in einem Sportstudio verbringt. Für jemanden, der ständig auf Achse war und von einem wichtigen Termin zum nächsten reiste. Vorzugsweise im Privatflieger. Klischee, ja doch. Aber warum durfte ausgerechnet ich nicht einmal im Leben auf Klischees stehen? Na ja, traf ja ohnehin nicht zu. IT sprach eher für einen langweiligen Job in einem noch langweiligeren Büro und das hatte ich in der Vergangenheit zur Genüge gehabt.
Träum weiter, Lena, höhnte meine innere Stimme.
»Das würde zumindest erklären, warum ihm Sport wichtig ist«, kommentierte Vivi meinen ‚Schreibtischtäter‘. »Und Sport ist wichtig dabei, glaub mir!« Sie nickte heftig, während ihr Blick noch immer am Bildschirm hing.
Ich wusste, was sie meinte, als sie dieses Dabei so betonte. Ihr Mann Lars war Dauergast im Fitnessstudio und hatte auch Vivi tägliches Training verordnet. Wegen der Kondition, hatte sie mir mal augenrollend erklärt. Natürlich, ohne ins Detail zu gehen. Doch ich wusste: Sie meinte Sex. Was jeder von uns dabei so tat, darüber redeten wir nicht. Aber weil ich seit Jahren erotische Romane las, konnte ich mir die vielgepriesene Kondition, von der sie sprach, lebhaft vorstellen. Speziell bei Vivi.
Für das, was bei mir im Bett geschah, hatte ich bislang keine besondere Kondition gebraucht. Bei Lars und Vivien allerdings war das etwas anderes. Die beiden hatten einen Kink. Er dominierte sie und sie ließ ihn machen, was gleichzusetzen war mit der Tatsache, dass sie sich ihm unterwarf. Regelmäßig besuchten sie einschlägige Clubs und Parties. Da müsse man keine Rücksicht auf Nachbarn nehmen, pflegte Vivi bei solchen Gelegenheiten zu sagen. Ich fand das gut, denn da ich über ihnen wohnte, war ich ab und an tatsächlich Ohrenzeuge dessen, was die beiden trieben. Nicht, dass mich Vivis Stöhnen störte, aber neidisch war ich schon. Und mein Kopfkino machte aus den Geräuschen unter mir und aus meinem Wissen über die sexuellen Neigungen meiner Freunde eine derartig ungute Melange, dass mir meine eigene unzulängliche Situation immer deutlicher bewusst wurde. Ich war dankbar für jeden Abend, da es bei den beiden unter mir still zuging. Sollten sie also in ihre Clubs gehen.
Aber was mich betraf – mit meinen Misserfolgen und diesem dummen Neidgefühl musste endlich Schluss sein. Deshalb würde ich etwas ausprobieren. Etwas Neues. Den Kink meiner Freunde. Vielleicht konnte mir der ja den Arsch retten.
Genauer darüber nachdenken, durfte ich allerdings nicht. Dann wurde mir jedes Mal mulmig zumute. Selbst wenn ich wusste, dass meine Romane meistens gut ausgingen und die Frauen ihr Seelenheil fanden. Trotzdem hatte ich keine Ahnung, ob es der richtige Weg war, mich auf einen dominanten Mann einzulassen, und ob ich in der Lage sein würde, Schmerz in Lust umzuwandeln. Wenn ich Vivi und meinen Romanen glauben sollte, war das nämlich so was wie der heilige Gral in diesem Spiel. Aber im Stillen fragte ich mich, ob es nicht auch reichte, den Blümchensex ein bisschen aufzupeppen. Mit einer Augenbinde vielleicht, von mir aus auch ein paar Handschellen und hier und da einem Klaps auf den Hintern.
Menno, ich hatte einfach Schiss davor, mit Striemen und blauen Flecken herumzulaufen und am Ende doch nicht zu kriegen, was ich brauchte!
Aber was brauchte ich denn?
Um genau das endlich herauszufinden, hatte mir Vivi ihr Coaching verordnet. Vielleicht eine etwas hochtrabende Bezeichnung für einen Freundschaftsdienst. Aber ihr Plan, ihr Wording. Ich hatte zugestimmt und deshalb saßen wir nun gemeinsam vor meinem Laptop und starrten auf die Fotos von diesem Luke.
»Ich denke, du solltest dich mit ihm treffen«, hörte ich Vivien sagen.
Mein Kopf schnellte zu ihr herum. »Gleich treffen?«
»Warum nicht? Bisher hast du immer erst stundenlange Telefonate geführt oder ewig gemailt. Und was hat es gebracht?«
Nichts. Ja ja, wusste ich. Aber bevor ich jemanden datete, den ich auch per Mail oder Telefon erreichen konnte ... Außerdem, nichts war nun wirklich untertrieben. Zumindest beim letzten Mal hatte ein Telefongespräch schnell geklärt, dass ich mit dem Kerl, den Vivien mir auf einer ihrer Partys vorgestellt hatte, gar nicht länger reden konnte. Und diese Sicherheitsmaßnahme sollte ich jetzt auslassen?
»Diesmal machen wir es anders. Ich covere dich.«
»Du machst was?« Irritiert legte ich die Stirn in Falten.
Vivien schob den Laptop von sich und schwang mit dem Drehstuhl zu mir herum. »Das ist ganz einfach. Du sagst mir, wann und wo ihr euch trefft, und ich werde ebenfalls dort sein.«
»Spinnst du? Wie sieht denn das aus?«
»Er wird es nicht merken.«
»Und wenn doch?«
»Dann sagst du ihm eben, dass du dich covern lässt.«
»Und er hält mich für verrückt.« Mit einer eindeutigen Geste tippte ich mir an die Stirn. »Vergiss es.«
»Jetzt hör doch mal zu!« Sie schnaufte amüsiert. »Das ist üblich in der Szene, wenn man sich zum ersten Mal trifft. Er wird es also gewohnt sein.«
»Vorausgesetzt, er ist, wofür du ihn hältst«, warf ich ein.
»Genau das werde ich herausfinden, wenn du ihn triffst.«
»Ach so? Und wie?« Da war ich jetzt aber neugierig.
Vivi grinste. »Es gibt so was wie ein Dom-Sub-Radar. Eine Sub erkennt einen Dom, wenn sie ihn sieht, und einem Dom geht es mit einer Sub genauso.«
»Na prima. Wenn ich also nicht in sein Beuteschema passe, weil er in mir keine Sub erkennt, kann er sich an dich halten? Wie praktisch.« Ich grinste ebenfalls.
Vivi hatte es faustdick hinter den Ohren. Wäre nicht das erste Mal, dass sie Lars Hörner aufsetzte. Dabei war der wahnsinnig eifersüchtig. Wenn er jemals herausfand, dass sie ab und an andere Typen ins Visier nahm, konnte sie sich frisch machen. Selbst wenn sie mir damit nur helfen wollte.
»Blödsinn!«, sagte sie jetzt und knuffte mich. »Schon vergessen? Ich bin unsichtbar.«
»Und was, wenn wir nicht essen gehen, sondern spazieren? Latschst du da stundenlang hinter uns her?«
»Wenn’s sein muss ...«
Ich verzog den Mund. »Ich weiß nicht. Hört sich nicht wirklich überzeugend an.«
»Und wenn ich Lars mitnehme?«
»Noch schlimmer!«
»Oder besser. Als Pärchen fallen wir weniger auf.« Sie drehte den Stuhl wieder so, dass sie den Tisch vor sich hatte, und langte nach dem Laptop. »So machen wir es. Du triffst ihn und wir beide covern dich. Und hinterher besprechen wir, was uns aufgefallen ist.«
Sagte ich doch: Durchtrieben. Lars zum Mittäter zu machen, nur weil sie sich mal eben Appetit holen wollte, war ja wohl das Letzte.
* * *
Zwei Tage später traf ich Luke. Ich hatte extra einen zeitnahen Termin vorgeschlagen, weil ich hoffte, dass Vivien ihren bescheuerten Plan dann nicht durchziehen konnte. Denn in dieser Hinsicht tickte Lars wie ich: Er brauchte Vorlauf und ließ sich ungern zu irgendetwas drängen.
Aber ich hatte mich vergeblich bemüht und pünktlich um acht saßen die beiden bei demselben Italiener, den ich für das Date mit Luke gewählt hatte.
Ich mochte das Restaurant. Es gab zahlreiche Nischen, in denen man sich vor den Blicken der anderen verstecken konnte, das Essen war hervorragend und ich fühlte mich sicher. Nicht wegen Vivien und Lars, sondern weil ich hier häufiger aß und man mich kannte.
Dieses Covern hätte ich weiß Gott nicht gebraucht. Im ungünstigsten Fall bestand sogar die Gefahr, dass mich einer der Kellner auf meine Freunde aufmerksam machte, weil er uns schon mehrmals zusammen hier gesehen hatte. Doch die Italiener schienen keine Plaudertaschen zu sein. Sie waren nett und zuvorkommend, beließen es aber bei einem wissenden Augenzwinkern, als sie uns begrüßten.
Luke war auch in echt der Typ Mann, auf den ich flog. Er überragte mich, obwohl ich mit High Heels bestimmt auf einsachtundsiebzig kam. Er schob mir höflich den Stuhl zurecht und ließ mich sogar mit dem Rücken zur Wand sitzen, damit ich den Gastraum überblicken konnte. Er roch gut, er hatte eine angenehme, markante Stimme und er bewegte sich in seinem gut sitzenden Anzug so elegant, wie ich es mir erhofft hatte.
Im ersten Moment hatte ich das mit dem Anzug als overdressed empfunden. Andererseits machte er was her, und wenn ich eines liebte, dann Männer mit Stil. Witzigerweise schien es sogar, als hätte ich mich intuitiv auf seine Garderobe eingestellt. Während er ein schwarzes Hemd zu seinem caramelfarbenen Anzug trug, steckte ich in einem gänzlich schwarzen Kleid mit einem großzügigen Ausschnitt. Schwarz war an sich nicht meine Farbe. Bei nordischen Typen wie mir kam es oft zu hart rüber. Aber ich hatte ein wenig herumprobiert und dabei rausgefunden, dass es passte, wenn ich Haut zeigte. Je mehr, umso besser. Deshalb der Ausschnitt. Wobei mir natürlich bewusst war, dass man mir das auch anders auslegen konnte.
Der Kellner brachte die Karten und wir vertieften uns darin. Also, Luke vertiefte sich. Ich kannte die Gerichte und wusste längst, was ich nehmen würde. Über den Rand der Karte hinweg war ich mehr damit beschäftigt, mein Gegenüber zu mustern und den Tisch mit Vivien und Lars im Auge zu behalten. Denn obwohl ich für uns eine Nische ausgewählt hatte, hatte Vivi es geschafft, einen Platz in unserer Nähe zu ergattern, der ausreichend Beobachtungspotential bot. Wir würden nichts tun können, ohne dass sie es mitbekamen.
So viel zum Covern. Die reinste Freiheitsberaubung!
»Weißt du, was du nimmst?« Luke klappte seine Karte zu und sah neugierig zu mir rüber.
Gott, hatte der blaue Augen!
Nervös geworden, atmete ich tief durch und nickte. »Lammkoteletts.«
»Gute Wahl, die nehm ich auch.«
Das machte er doch mit Absicht, oder? Ich hatte wirklich den Eindruck, er hätte sich gerade umentschieden. Ich überlegte, ihn zu fragen. Aber warum sollte ich? Er war alt genug, um zu wissen, was er tat.
Nachdem wir unsere Bestellung aufgegeben und dem Kellner dabei zugesehen hatten, wie er den dazu georderten Wein einschenkte, waren wir im Handumdrehen in eine Diskussion über südländische Esskultur vertieft. Ich wusste auch nicht genau, wie das kam. Normalerweise fand ich Koch- und Backgespräche langweilig. Doch Luke schien weit herumgekommen zu sein und lieferte Storys, die mich permanent zum Lachen brachten. Wie die Sache in diesem Dunkelrestaurant, das er unbedingt hatte ausprobieren wollen und die ihm neben einer nassen Anzughose an genau der Stelle, die auch anderes vermuten lassen konnte, zusätzlich eine Schnittverletzung eingebracht hatte. Im Dunkeln war ihm nämlich, als er im Begriff war nachzuschenken, obwohl ihn der Kellner gewarnt hatte, eine Flasche zu Bruch gegangen. Daraufhin griff er erst in die Scherben und merkte dann, dass der Wein in seine Richtung lief.
»Falls du deine Abende also vorzugsweise in Dunkelrestaurants verbringst, bin ich nicht der richtige Mann für dich«, sagte er grinsend.
Ich lachte leise. Erstens hatte ich mich bisher in solchen Etablissements nie aufgehalten und zweitens: So schnell gab ich nicht auf. Nicht mal, wenn Dunkelrestaurants ein Must-have für mich gewesen wären.
Einen Moment lang schwiegen wir und musterten uns gegenseitig.
Luke sah wirklich aus wie auf den Fotos. Sein dunkles Haar war oben länger als an den Seiten, aber nicht so lang, dass es sich kringeln konnte. Er hatte nämlich Locken, auch wenn er das offenbar vertuschen wollte. Ich sah es. Der dunkle Bartschatten ließ ihn verwegen erscheinen. Und diese blauen Augen dazu – hach! Damit konnte er einem vermutlich bis zum Grund der Seele schauen. Kein Wunder, dass Vivi bei seinem Anblick hin und weg gewesen war. Luke ging eindeutig als Sahneschnitte durch.
»Enttäuscht?«, wollte er wissen, nachdem wir lange genug geguckt hatten. Er ruckelte mit dem Hintern ein bisschen auf dem Stuhl herum und warf sich betont bemüht in Positur.
Wenn er so weitermachte, würde ich nachher vor lauter Lachen keinen Bissen runterkriegen.
»Alles gut«, gab ich zurück. »Deine Fotos sind nicht gefakt.«
»Puhhh, Glück gehabt.« Er wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn. »Deine aber auch nicht«, schob er dann hinterher.
»Bist du sicher, dass du mich meinst?« Ich war irritiert. Denn im Gegensatz zu ihm hatte ich keine Fotos ins Internet gestellt. Ich wollte, aber ehe ich mich für eine Auswahl entschieden hatte, waren wir bereits verabredet gewesen. Danach hatte ich es einfach gelassen.
»Ganz sicher. Du bist mein einziges Blind Date.«
Wahrscheinlich wollte er mir ein Kompliment machen. Ich jedoch spitzte die Ohren. Wie viele hatte er denn schon getroffen?
»Zeigen die anderen Frauen sich immer gleich per Bild?«, erkundigte ich mich vorsichtig.
»Und ob. Dabei ist ‚zeigen‘ noch eine nette Formulierung für das, was da manchmal abgeht.«
»Ach so?« Ich lehnte mich ein wenig zurück, weil unser Kellner im Begriff war, das Essen zu servieren. Als er mit einer eleganten Drehung aus dem Handgelenk auch Wein nachschenkte, konnte ich mir ein Kichern und einen vielsagenden Seitenblick auf Luke nicht verkneifen.
Amüsiert hob er eine Braue, intensivierte den fragenden Ausdruck in seinem Gesicht aber erst, als wir wieder allein waren.
»Das Dunkelrestaurant«, erinnerte ich ihn.
»Ach so.« Er lachte.
Sein Lachen gefiel mir. Es war nicht anzüglich oder sonstwie unangenehm, sondern einfach frei heraus. Ehrlich eben. Und so wunderbar dunkel, dass ich mein Höschen für den heutigen Abend bereits in Gefahr sah ...
»Was war auf dem Foto, das du am allerwenigsten erwartet hattest?«, kehrte er zu unserem Gesprächsthema zurück.
»Von dir?«
»Nein, überhaupt von denen, die dich angeschrieben haben.«
Ich runzelte die Stirn. Das hatte ich umgehend gelöscht, weil ... Nee, selbst aussprechen wollte ich das nicht.
Luke hatte mich verstanden. »Und so was kriegen Männer auch von Frauen«, sagte er. »Vielleicht nicht alle, aber ich schon.«
»Du Armer«, gab ich mich mitleidig. Dann verzog ich angewidert den Mund. »Was denken die sich bloß dabei?«
»Tja, wenn ich das wüsste ... Vielleicht nehmen die das ‚Sex sells‘ zu wörtlich.« Er zuckte mit den Schultern und setzte das Steakmesser an. »Lass uns diese Erinnerung einfach wegschnippeln.«
Wir lachten.
Während des Essens setzten wir unsere Unterhaltung fort. Aber in regelmäßigen Abständen schielte ich zu Vivien hinüber und überlegte, was sie wohl inzwischen herausgefunden hatte.
Mir war nichts aufgefallen. Wie auch. Ich hatte ja keine Ahnung, wie dominante Männer tickten. Das konnte ich zwar allabendlich in meinen Romanen nachlesen. Aber selbst mir war bewusst, dass zwischen Fiktion und Realität Welten lagen. Ich brauchte mir nur Lars anzuschauen, den Mann meiner besten Freundin. Ich ahnte mehr, was er mit ihr tat, als dass ich es wusste. Doch wenn ich ihn nicht kennen würde, käme ich nicht mal ansatzweise auf die Idee, er könnte ihr regelmäßig die Peitsche überziehen. Zumal Vivien eine durchaus selbstbewusste Frau war, die sich in ihrem Job locker gegen Männer durchsetzte. Und Lars ... na ja, er sah normal aus.
Als ich nach dem Essen kurz aufs Klo verschwand, folgte Vivi mir.
»Und?«, fragte ich. »Immer noch überzeugt?«
Sie nickte enthusiastisch. »Geiler Typ, Schatz.«
Ich hasste es, wenn sie mich so nannte. Aber daran würde ich in diesem Leben nichts mehr ändern. Also verkniff ich mir mittlerweile jeden Protest.
»Ein Dom?«, wollte ich stattdessen wissen.
Sie presste die Lippen aufeinander und wiegte den Kopf. »Da bin ich nicht sicher. Aber zumindest hat er das Zeug dazu.«
Ich wusch mir die Hände und tupfte kühles Wasser gegen meine Schläfen. »Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun?«
»Im Plan bleiben. Wie besprochen. Hast du ihm den gemeinsamen Urlaub vorgeschlagen?«
Hatte ich nicht. Wirkte aus meiner Sicht auch irgendwie übereilt und würde schlimmstenfalls nur meine Torschlusspanik unterstreichen. Was aber ein Mann wie Luke von Torschlusspanik hielt, konnte ich mir an allen zehn Fingern abrechnen. Der wär‘ schneller wieder weg, als ich das Wort überhaupt aussprechen konnte.
»Mach das. Ich bin sicher, er findet es gut«, redete Vivi auf mich ein.
Hahhh, ich nicht! Wenn er wirklich ein Dom war, standen eigentlich nur ihm derartige Vorschläge zu. So jedenfalls lief es in meinen Romanen.
Ratlos betrachtete ich mich im Spiegel.
»Was ist? Angst?« Vivien stand neben mir und zog die Lippen mit demselben Stift nach, den ich eben benutzt hatte. Als sie fertig war, griff sie an meine Tasche und ließ ihn kurzerhand hineinfallen. »Ich hätte dich für mutiger gehalten.« Sie feixte provozierend.
Ich wusste, warum sie das tat. Sie wollte mich aus der Reserve locken. Blöd nur, dass ich kaum noch welche hatte ...
Dennoch straffte ich die Schultern und hob das Kinn. »Okay. Wenn es schief geht, bist du schuld. Und wenn ich mich zum Affen mache, beklage ich mich bei Lars.« Entschlossen erwiderte ich ihren Blick.
»Du würdest also riskieren, dass er mich bestraft?« Sie starrte mich ungläubig an.
Ich nickte. »Klar. Wie du mir, so ich auch.« Damit drehte ich mich auf dem Absatz um und stöckelte zur Tür hinaus.
Und ob ich das würde. Luke gefiel mir. Wenn ich es ihretwegen vergeigte, würde ich ihr das übelnehmen bis ans Ende meiner Tage. Die Strafe von Lars wäre also definitiv ihre kleinere Sorge.
»Hey, Lena. Komm rein.« Lars stieß die Tür weit auf und ließ mich eintreten.
Hinter mir hörte ich es leise klacken, als sie wieder ins Schloss fiel.
»Vivi noch nicht da?« Suchend sah ich mich um.
Ich kannte die Wohnung der beiden. Vom Schnitt her war sie mit meiner identisch, nur eben anders eingerichtet. Während ich auf sparsame Möblierung setzte, hatte ich immer das Gefühl, bei meinen Freunden wäre es viel enger, weil sämtliche Wände mit Schränken zugestellt waren. Allerdings nicht nur enger, sondern auch gemütlicher. Vivi hatte nämlich überall, wo es sich anbot, Kissen und Stoffe hindrapiert, Lampen, die indirektes Licht warfen, und diversen anderen Schnickschnack. Im Gegensatz zu mir hatte sie für so was ein Händchen.
Dass Lars das akzeptierte, fand ich jedes Mal aufs Neue bewundernswert. Insgeheim glaubte ich allerdings, dass die beiden einen Deal getroffen hatten. Vor einer Weile hatte es nämlich bauliche Aktivitäten im Schlafzimmer gegeben. Normalerweise erzählten sie, wenn sie etwas veränderten oder umbauten. Diesmal hatten sie es nicht getan und ich bildete mir ein, genau zu wissen, warum nicht.
»Sie ist gerade erst raus aus dem Büro.« Lars machte eine einladende Handbewegung zur Sofaecke.
Mist! Ich wollte nicht mit ihm allein sein.
Am liebsten hätte ich mich sofort wieder verdrückt. Vivien brauchte eine halbe Stunde von ihrer Arbeitsstelle hierher. Warum hatte sie mir keine Nachricht geschrieben, dass sich unser Treffen verschob?
»Dann geh ich noch mal hoch und ihr gebt mir Bescheid, wenn sie hier ist«, schlug ich vor.
Aber Lars schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Ist schon in Ordnung. Ich wollte sowieso unter vier Augen mit dir sprechen.«
Ach du Scheiße! Wir beide ohne Vivi? Was hatte denn das zu bedeuten?
Lars und ich – das war eine lange Geschichte. Als die alte Dame unter mir ins Pflegeheim musste, zogen er und Vivien hier ein. Einer ausgeliehenen Glühbirne hatte ich wenige Tage später die Einladung zu ihrer Umzugsparty zu verdanken. Und weil ich schwer ‚nein‘ sagen kann, ließ ich mich darauf ein. Was der Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit Vivi wurde, während Lars mir immer ein bisschen suspekt blieb.
Ich konnte ihn einfach nicht einordnen. Er war deutlich älter als Vivien, nur wenig größer als ich, dafür breitschultrig und drahtig und er trug Glatze. Am Anfang glaubte ich, das hätte etwas mit seiner Gesinnung zu tun. Erst viel später erzählte Vivien, dass er sie trug, weil sie ihm genau den Look gab, den er bevorzugte: Dominant, kraftstrotzend und ein wenig düster. Zu mir war er immer freundlich. Sooft wir zusammen waren, ich bei ihnen, sie bei mir oder wir gemeinsam irgendwo, erlebte ich ihn als hilfsbereit, gut organisiert und besonnen. Wohingegen Vivi ihr Herz auf der Zunge trug und eine ziemliche Klatschtante war. Das hörte man schon an ihrer Stimme. Eine Spur zu hell, zu schnell und zu schrill. Dennoch – Lars und sie kamen super miteinander zurecht, auch wenn er sich in Sachen Kommunikation sehr zurückhielt. Aber genau das war der Punkt zwischen uns. Allzu oft fühlte ich mich von ihm beobachtet und analysiert. Das verunsicherte mich. Deshalb war ich stets darauf bedacht, nie mit ihm allein zu sein. Sein Wunsch nach einem Vier-Augen-Gespräch gefiel mir deshalb gar nicht.
»Wein oder Bier?«, wollte er wissen.
Erst zuckte ich hilflos mit den Schultern, dann deutete ich auf die bereits geöffnete Rotweinflasche. Er nahm eins der bereitgestellten Gläser und schenkte mir ein.
Ganz offensichtlich war er darauf vorbereitet, mich allein zu treffen. Ob Vivi das ahnte? Hatte sie mich ins offene Messer laufen lassen?
Tolle Freundin!, dachte ich missmutig.
Lars setzte sich mir schräg gegenüber aufs Sofa und legte einen Arm über die Lehne. »Und? Hast du dein Date verdaut?«
Wahrscheinlich sollte es witzig klingen. So, als hätte er einen Scherz gemacht. Aber ich blieb auf der Hut. Mein Nicken war zögernd. Weil mir klar war, dass Lars den Mann, mit dem ich mich getroffen hatte, einer ebenso akribischen Beobachtung unterzogen hatte wie Vivien. Heute wollten wir darüber reden, was ihnen aufgefallen war. Ich begriff nur nicht, was Lars darüber hinaus im Schilde führte ...
»Vivi behauptet, er wäre exakt der Typ Mann, auf den du stehst.«
Ich erschrak. Vivien hatte ihm das erzählt? Bisher war mir nicht bewusst gewesen, dass die zwei über so was redeten. Scheiße! Musste man seiner besten Freundin wirklich explizit eintrichtern, dass sie die Klappe halten sollte, wenn es um so hochsensible Themen wie mein Liebesleben ging?
Selbst schuld, wenn du dich mit einer Tratschtante einlässt, amüsierte sich die Stimme in meinem Kopf. Und dann gehst du auch noch auf ihr Coaching-Angebot ein - tztztz ... Sie nutzt das nicht nur gnadenlos aus, sondern sie wird es maßlos übertreiben.
Unbehaglich rutschte ich auf meinem Platz herum.
»Ich würde dir gern meine Meinung dazu sagen«, hörte ich Lars weitersprechen.
Ich hob den Blick. »Ich dachte, wir reden zu dritt darüber ...« Wie wir es vorab beschlossen hatten. Und – nebenbei – ich hatte zwar zugestimmt, dass Vivi Lars zum Italiener mitschleppte und dass wir den gestrigen Abend heute gemeinsam auswerteten. Aber zu sonst nichts. Schon gar nicht, dass sie ihm haarklein die Hintergründe des Ganzen darlegte.
Lars nickte zu meinem Einwand. »Tun wir auch, wenn Vivi da ist. Ich will nur ein bisschen Vorarbeit leisten. Vielleicht ganz interessant für dich, was mir so von Mann zu Mann aufgefallen ist.«
Ich war froh, dass er nicht gesagt hatte ‚von Dom zu Dom‘. Denn damit wollte ich überhaupt nicht konfrontiert werden. Offiziell wusste ich nicht mal, dass Vivi und Lars Dinge taten, die ich sonst nur aus meinen erotischen Romanen kannte. Wenn Vivi darüber redete, dann nur hinter vorgehaltener Hand. Aber mit Lars dieses Thema anschneiden? Das wäre mir nicht nur ein bisschen peinlich gewesen, sondern ganz und gar unpassend erschienen.
Ich spürte, wie ich rot wurde.
Normalerweise war ich im Umgang mit Männern geübt. Wozu sicher auch der jahrelange Kontakt mit meinen Kunden beigetragen hatte. Ich wusste, dass sich hinter einer großen Klappe oft genug einfach nur Schwäche verbarg. Und dass man Kerle besonders treffen konnte, wenn man ihren Stolz verletzte. Doch was ich nicht wusste, war, wie ich mit jemandem wie Lars umgehen sollte. Wenn er am Grill stand und Witze riss, war das kein Ding. Aber wenn er mich so prüfend ansah und mich dazu zwang zu realisieren, dass er ein Mann mit gewissen Qualitäten war, definitiv.
Lars ignorierte meine Unsicherheit oder tat zumindest so. Er beugte sich leicht vor und legte beide Unterarme auf die Knie.
»Aber zuallererst würde ich gern etwas anderes ansprechen.«
»Okay«, erwiderte ich frustriert, während ich das Gefühl nicht loswurde, dass er mich plötzlich noch eindringlicher musterte.
»Vivi meinte, du würdest beim Sex auf die härtere Gangart umschwenken wollen.«
»Wa ... as?« Mir blieb fast die Luft weg vor Entsetzen.
Oh! Mein! Gott! Das war echt nicht zu fassen!
Meine beste Freundin hatte ihrem Mann mein geheimstes Geheimnis verraten!
Ich rang nach Atem, verschluckte mich dabei und begann zu husten.
Lars machte Anstalten, mir den Rücken zu klopfen, aber ich wich ihm aus.
»Das muss dir nicht unangenehm sein«, räumte er ein. »Ich bin natürlich ein bisschen in sie gedrungen, weil ich wissen wollte, warum du plötzlich einen Aufpasser brauchst, wenn du einen Typen datest.«
»Ist ja wohl meine Sache«, keuchte ich.
»Sicher. Aber da wir befreundet sind und ich nun mal mit Vivi unter einer Decke stecke, kommen solche Dinge irgendwann auch bei mir an.«
Schockiert erwiderte ich seinen Blick. »Was weißt du noch?«
»Nichts weiter. Jedenfalls bisher nicht. Aber ich hatte gehofft, wir beide könnten darüber reden.« Er lehnte sich wieder zurück und schlug die Beine übereinander.
Ich runzelte die Stirn. »Moment mal! Nur, damit ich das begreife. Du glaubst, ich erzähle dir, was mich anmacht?«
Er musste nichts sagen. Ich erkannte an seiner Miene, dass er genau das erwartete.
»Vergiss es!«, zischte ich. »Geht dich einen Scheißdreck an!«
»Also bitte, Lena. Contenance!« Sein Lächeln wurde breiter. »Wenn Vivi mir auf diese Weise käme, würde ich sie übers Knie legen.«
Hatte er das wirklich gesagt? Hatte er mir gerade verraten, was ich bisher nicht hätte wissen sollen?
Demonstrativ hielt ich mir die Ohren zu. »La lala lala lalaaaa ...«
Lars verstummte und ich nahm die Hände wieder runter.
»Wie kommst du darauf, dass du auf so was stehst?«, fuhr er unverblümt fort.
»Ich ...« Herrgott! Ich wollte nicht darüber reden, verdammt! Nicht mit ihm! »Das geht dich nichts an, Lars!«, fauchte ich. »Und dass Vivien ihre Klappe nicht halten konnte, verzeih ich ihr nie!«
»Ach komm. Ist doch normal, dass ihr Mädels darüber redet. Wir Kerle tun das schließlich auch.«
»Das kann man doch nicht vergleichen!«
»Kann man schon.« Um seine Mundwinkel zuckte es. »Aber im Ernst: Was bringt dich dazu zu glauben, du stündest auf Hardcore-Sex?«
Noch immer um Fassung ringend, sah ich ihn an. »Du scheinst dich ja damit auszukennen ...«
»Das tut hier nichts zur Sache. Wir reden über dich, Kleines.«
»Nenn mich nicht Kleines!«
»Gefällt dir nicht?« Er grinste. »Nicht respektvoll genug, oder? ... Das würdest du allerdings aushalten müssen, wenn du dich darauf einlässt.«
»Was weißt du schon?«, murmelte ich.
Natürlich war das unangemessen. Denn natürlich wusste er viel besser als ich über den Umgangston in der Szene Bescheid. Aber ich konnte doch nicht zugeben, dass mir das bekannt war.
Lars erwiderte nichts, sondern stand einfach auf, ging ins Schlafzimmer und kam mit einer Handvoll Zeug zurück, dass er klappernd auf den Couchtisch fallen ließ.
Na, der war ja mutig!
»Und das hier?« Er deutete mit dem Kinn darauf. »Gefällt dir das besser?«
Widerstrebend musterte ich seine Mitbringsel. Handschellen, einen Ballknebel mit deutlichen Gebrauchsspuren, Augenbinden und irgendwas aus schwarzen ledernen Strippen. Keine Ahnung, was das sein sollte. Vielleicht ein Flogger. War mir aber auch egal. Ich war gewillt, diese Unterredung sofort zu beenden.
Ich zeigte ihm einen Vogel und sprang auf.
Lars guckte zu mir hoch. »Setz dich wieder hin, Lena. Wir sind noch nicht fertig.« Seine Stimme klang zwar leise, aber schneidend.
Einen Moment lang überlegte ich, dann sank ich zurück in den Sessel.
»Ich will dich nicht erschrecken«, meinte er nun eine Spur sanfter. »Ich möchte nur, dass du dir genau überlegst, worauf du dich da einlässt.«
»Weil?«, gab ich ärgerlich zurück.
»Weil ich den Eindruck habe, dass es nicht zu dir passt.«
Ach ja? Ich hob den Kopf. »Woher willst du das wissen?«
»Ich weiß es natürlich nicht genau. Aber in den drei Jahren, die wir uns nun kennen, hast du niemals auch nur im Geringsten auf irgendetwas in dieser Richtung reagiert.«
Das wurde ja immer kryptischer.
Fragend zog ich die Brauen zusammen.
Er legte schmunzelnd den Kopf schief. »Manchmal gehen die Pferde mit mir durch und dann mach ich Dinge, die eigentlich nur Vivi und mich etwas angehen, schon mal in größerer Runde.«
»Weil du gern provozierst ...«
»Genau. Provozieren und rausfinden, ob sich vielleicht Gleichgesinnte unter den Anwesenden befinden.« Er lehnte sich zurück und streckte die Beine aus. »Manchmal macht es einfach Spaß, Dinge zu tun, die nicht ganz stubenrein sind.«
Unter anderen Umständen hätte ich über diese Formulierung gelacht. Aber jetzt starrte ich ihn nur an.
»Jedenfalls hab ich bei solchen Gelegenheiten nie irgendwelche eindeutigen Reaktionen bei dir bemerkt.«
Wie auch. Wahrscheinlich waren mir seine dämlichen Spielereien gar nicht aufgefallen. Allerdings fragte ich mich gerade, was dran war an Vivis Behauptung, ein Dom erkenne eine Sub, wenn er sie sah.
Genaugenommen glaubte ich ja selbst nicht, dass ich eine Sub war oder sein wollte. Aber männliche Dominanz gepaart mit einer düsteren Aura machte mich an, so viel war klar. Jedenfalls in meinen Romanen. Bei Lars natürlich nicht. Er hatte mich sowieso nicht erkannt. Nur – warum nicht?
Innerlich schüttelte ich den Kopf über meine aufkeimenden Zweifel, während mich der Mann meiner besten Freundin nachdenklich musterte. Aber wenn er dachte, er könnte mich verunsichern, hatte er sich geschnitten. So schnell ließ ich mir meine neue Datingstrategie nicht ausreden.
»Das Gute ist, dass auch Luke nicht wie ein Szenegänger rüberkommt«, meinte Lars. »Wobei das nichts bedeuten muss. Manche Typen können sich in der Öffentlichkeit sehr zurücknehmen und laufen erst zur Höchstform auf, wenn sie mit der Frau allein sind.« Eindringlich sah er mich an. »Du musst auf dich aufpassen, Lena. Mehr will ich doch gar nicht.«
Das klang nach echter Sorge. Auf der einen Seite. Auf der anderen weigerte ich mich, ausgerechnet von ihm irgendwelche Ratschläge anzunehmen.
»Nur weil Vivi dich gestern unbedingt dabei haben wollte, hast du noch lange kein Recht, dich in meine Privatangelegenheiten einzumischen.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte ihn an. Gott sei Dank fiel so langsam aber sicher diese blöde Unsicherheit wieder von mir ab. »Ich habe Luke gecheckt. Der ist weder ein Frauenmörder noch ein verkappter Sadist«, fuhr ich fort. »Ich weiß, wo er wohnt und wo er arbeitet. Er ist ungefährlich.« Wovon ich wirklich überzeugt war.
Blöderweise lag mir aber gerade an einem Mann, von dem zumindest ein Hauch Gefahr ausging. Die langweiligen Typen hatte ich schon durch. Die waren höchstens gut für Blümchensex. Jetzt wollte ich echte Kerle. Solche, die nicht lange fackelten, ehe sie eine Frau flachlegten. Aber ob das mit Luke ging, musste ich erst noch rausfinden.
»Wie hat er denn auf deinen Vorschlag mit dem Kurzurlaub reagiert?«, wollte Lars wissen.
Ich schnaubte frustriert. »Das weißt du also auch schon?«
»Vivi blieb nichts anderes übrig, als damit rauszurücken«, gab er mit einem süffisanten Grinsen zurück.
Wollte ich wissen, mit welchen Methoden er sie unter Druck gesetzt hatte?
Ich schüttelte innerlich den Kopf und dachte stattdessen an den Moment, da ich Luke eröffnet hatte, ihn besser kennenlernen zu wollen.
»Ich bin es leid, Wochen oder gar Monate damit zuzubringen herauszufinden, wie jemand tickt«, hatte ich behauptet. »Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.«
Lukes überraschtes, dunkles Lachen klang mir noch immer in den Ohren.
»So schlimm?«, hatte er gefragt.
»Schlimmer«, war meine Antwort gewesen. »Es ist furchtbar mühsam, den richtigen Partner zu finden. Und dieses Try and Error geht mir langsam aber sicher auf die Nerven.«
Ich hatte seine Reaktion auf meine Worte genaustens studiert. Und wenn auch nur der Anschein von Ablehnung, Verachtung oder Missbilligung in seiner Miene zu lesen gewesen wäre, wäre ich umgehend aus seinem Leben verschwunden. Ich hatte mir mit Viviens Hilfe einen Plan gemacht und den wollte ich durchziehen. Da war für Männer, die mich an der Nase herumführen wollten, kein Platz mehr.
Glücklicherweise entdeckte ich aber nur Neugier, Erstaunen, vor allem aber deutliches Interesse bei Luke. So, als würde er ähnlich denken wie ich. Es war überhaupt kein Problem, meine Idee zu besprechen und uns darüber zu einigen, wie wir dieses Kennenlernen bewerkstelligen wollten.
Lars‘ Frage erinnerte mich jetzt wieder daran. »Nächste Woche ziehen wir das durch«, antwortete ich.
»Nächste Woche schon?« Er guckte entgeistert. »Der lässt ja nichts anbrennen.«
»Vielleicht lasse ich ja nichts anbrennen?« Dass Männer immer davon ausgingen, sie selbst würden die Ansagen machen und die Frau ihnen folgen ... Aber klar, jemand wie Lars dachte so.
»Umso wichtiger ist es, dass du weißt, worauf du dich einlässt«, kam er wieder auf unser eigentliches Thema zurück.
»Ich glaube, Vivi hat mich schon ausreichend gebrieft«, wehrte ich ab. Jetzt allerdings nicht mehr ganz so schroff wie noch vor wenigen Minuten. Immerhin konnte ich erkennen, dass er es gut meinte. Außerdem hasste ich es zu streiten.
»Und was, wenn du feststellst, dass er doch nicht das ist, was er zu sein vorgibt?«
»Erstens hab ich nicht das Gefühl, dass er mir was vormacht. Und zweitens bin ich schon ein großes Mädchen. Ich kann gut auf mich aufpassen.«
»Herrgott, Lena, lass dir doch helfen.« Beschwörend hob Lars beide Hände.
»Das tue ich doch. Von Vivien.« Wenn auch nicht ganz freiwillig, fügte ich in Gedanken hinzu.
Er schnaufte.
In diesem Moment hörten wir einen Schlüssel, dann die Wohnungstür und schließlich Vivi, die mit uns zu reden begann, während sie im Flur ihre Sachen ablegte.
Endlich.
Ich atmete erleichtert durch und warf Lars einen triumphierenden Blick zu.
»Das solltest du unbedingt mit in die Liste aufnehmen.« Vivi nickte so inbrünstig, dass ich kicherte.
»Dein Ernst? Nach dem Motto: ‚Schick mal ein Foto, ich will sehen, ob Er hübsch genug ist‘?« Ich zeigte ihr einen Vogel. »Mach ich bestimmt nicht.«
Vivi verzog den Mund. »Aber du hast selbst gesagt, dass es Unterschiede gibt.«
»Klar. Und tu nicht so, als ob du das nicht wüsstest.« Missbilligend schüttelte ich den Kopf. »Aber bevor ich mir einschlägige Bilder schicken lasse, bei denen mir garantiert kotzübel wird, fällt das eher in die Kategorie Risiko. Es gibt Wichtigeres.«
»Zum Beispiel?«
Ich überlegte. »Na, zum Beispiel, ob er rasiert ist oder nicht.«
»Und – wofür plädierst du?«
»Von mir aus nicht.«
»Was?« Fassungslos starrte sie mich an. »Das ist doch längst Standard.«
»Als ob ich mich an so was orientieren würde.«
Vivi legte die Stirn in Falten. »Lena, ich bitte dich, stell dir vor, er will ...« Sie brach ab und deutete mit dem Zeigefinger auf ihren Schoß, während sich ihre Augen weiteten. »Das wollen sie doch alle irgendwann«, gab sie zu bedenken. »Und wenn du dann lauter Haare ...« Sie machte Würgegeräusche und gab mir damit deutlich zu verstehen, was mich erwartete.
Demonstrativ hielt ich mir die Ohren zu. Vor meinem geistigen Auge entstand ein Bild, das mir nicht so wirklich gefiel.
Grundsätzlich hatte ich kein Problem mit Blowjobs. Aber war das nicht ganz allein meine Sache? Auch wenn sie meine beste Freundin war – das ging sie nun wirklich nichts an. Außerdem – ich hatte ihr schon viel zu viel erzählt. Und sie konnte die Klappe nicht halten. Dass Lars über mein Liebesleben bestens informiert war, vergaß ich ihr so schnell nicht.
Nach dem Abend zu dritt neulich hatte ich sie mir erst mal zur Brust genommen und ihr gehörig die Leviten gelesen. Sie musste mir schwören, dass ihre Indiskretionen ein für alle Mal ein Ende hatten. Sonst würde ich ihr die Freundschaft kündigen. Vor allem hatte ich sie darum gebeten, Lars zurückzupfeifen. Mochte schon sein, dass er sich meinetwegen Gedanken machte. Aber es war absolut inakzeptabel, dass er sich einbildete, die Weisheit über dunkle Leidenschaften mit Löffeln gefressen zu haben. Dom hin oder her – gewisse Erfahrungen wollte ich definitiv selbst machen.
»Hör auf mit deinen Schauermärchen!«, empörte ich mich jetzt. »Du sollst mir bei der Liste helfen und mir nicht sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, oder?«
»Wie du meinst.« Sie grinste.
»Du hast dir echt ne Menge von Lars abgeguckt«, schimpfte ich, griff nach meinem Weinglas, nahm einen Schluck und fügte mit gesenkter Stimme hinzu: »Und wehe, der hört uns.«
Das war das Signal für Vivien, aufzuspringen und sich weit über die Brüstung zu beugen, um einen möglichst guten Blick auf den Balkon unter uns zu erhaschen.
»Alles im grünen Bereich«, meinte sie, als sie sich wieder aufrichtete.
Das wollte ich auch gehofft haben. Auf noch ein Vier-Augen-Gespräch mit Lars hatte ich echt keine Lust.
Seitdem Vivien und ich befreundet waren, war es uns Mädels zur Gewohnheit geworden, auf meiner Dachterrasse zu sitzen und über Gott und die Welt zu plaudern. Stundenlang. Allerdings war uns nie klar gewesen, welchen Lärm wir beiden Quatschtanten dabei machten. Bis Lars sich eines Tages verriet und Vivi mitbekam, dass er uns belauscht hatte. Daraufhin hing bei den beiden der Haussegen schief. Denn auch wenn Vivi akzeptierte, dass Lars im Bett das Sagen hatte – Grenzen gab es für sie trotzdem. Sie hatte ihm kurzerhand verboten, den Balkon zu nutzen, wenn wir dasselbe eine Etage höher taten. Und merkwürdigerweise hielt er sich daran. Meine Hand würde ich dafür natürlich nicht ins Feuer legen. Jetzt sowieso nicht mehr. Außerdem war Lars ein eifersüchtiger Kerl und gerissen noch dazu. Der hatte garantiert seine Tricks, an die Informationen zu kommen, die ihn interessierten. Und wenn er Vivi dafür malträtieren musste ...
Vivien griff nach der Weinflasche und schenkte uns nach. »Wie viele Punkte haben wir inzwischen auf unserer Liste?«
»Viele«, erwiderte ich, zählte laut durch und kam auf mehr als zwanzig.
»Das ist wirklich ne Menge.«
»Du wolltest es ja so.«
Grinsend zog sie die Brauen hoch. »Wenn es nicht funktioniert, hast du es wenigstens versucht.«
Als hätte sie eine Art Schlusswort über besagte Liste gesprochen, klingelte in diesem Moment mein Telefon. Ich schielte auf das Display und nickte meiner Freundin vielsagend zu.
Er?, formten ihre Lippen eine stumme Frage.
Ich legte mir den Finger auf den Mund, nickte und nahm das Gespräch entgegen.
»Letzte Chance, einen Rückzieher zu machen«, begrüßte mich der Mann am anderen Ende.
Ich lachte. »Rufst du deshalb an?«
Der dunkle, irgendwie undefinierbare Laut, der daraufhin an mein Ohr drang, jagte mir einen Schauer über den Rücken. Das mochte ich schon mal, auch wenn ‚sexy‘ kein Extrapunkt auf meiner Liste war.
Warum eigentlich nicht?
»Ich will nur sicher gehen, dass ich den ganzen Aufwand nicht umsonst betrieben habe.«
»Welchen Aufwand?«
»Na ja, zwei, drei Sachen waren es schon, um die ich mich kümmern musste.«
Das meinte er nicht vorwurfsvoll, oder?
Unsere spontane Idee hatte auch meine täglichen Routinen durcheinandergebracht. Insofern ging es uns ähnlich. Nur dass ich normalerweise einen Vorlauf von mehreren Wochen brauchte, um mir ein paar Tage freizuschaufeln. Wohingegen er meinen Vorschlag, einen kleinen Urlaub miteinander zu verbringen, sofort aufgegriffen und schon am Folgetag eine passende Unterkunft präsentiert hatte. Es sei das Ferienhaus seines besten Freundes auf Rügen, behauptete er. Wir würden sehen. Zur Not konnten wir immer noch in diese schwimmenden Appartements bei Putbus umsiedeln, von denen Vivi mir vorgeschwärmt hatte.
»Bleibt die Frage, ob wir zusammen fahren«, fuhr Luke unbeirrt von meinem Schweigen fort.
»Also, ich fahre definitiv allein hoch.«
Ich mochte blauäugig sein, aber ich war nicht leichtsinnig. Es war keine Option, mich zu ihm ins Auto zu setzen. Das tat ich bei Fremden nie. Wusste ich, wie er fuhr? Ich würde vielleicht tausend Tode sterben, wenn ich auf seine Fahrkünste vertraute. Nein, eindeutiges No-Go. Schlimm genug, dass wir in einem Haus am A der Welt Quartier beziehen würden. Ich für mein Teil hätte einen lebhafteren Ort vorgezogen. Aber dann wollte ich wenigstens sicherstellen, dass ich jederzeit ausbüxen konnte, wenn mir der Sinn danach stand. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Auch wenn das eigentlich nicht in meiner Absicht lag – ich würde Lars keinen Anlass zum Meckern geben.
»Okay«, hörte ich Luke sagen »Dann schick ich dir mal die Adresse rüber. Oder willst du dich an mich ranhängen?«
Nein, wollte ich nicht! »Ich hab die Adresse«, warf ich ein.
Die Koordinaten unserer Ferienlocation auf Rügen hatte er mir mitgeteilt, da haderte ich noch mit meinem irrsinnigen Mut, den ich ja eigentlich nur Vivis so genanntem Coaching zu verdanken hatte. Und ich war davon ausgegangen, dass die Idee sowieso nicht funktionieren würde. Aber ich hatte mich geirrt. Und was das Timing betraf, schien Luke meinen Entscheidungen stets einen kleinen Schritt voraus zu sein.
»Treffen wir uns also zur Mittagszeit, okay?«
»Ich werde da sein.«
Bei diesen Worten grinste ich in mich hinein. Er konnte ja nicht ahnen, was mit dieser vagen Zeitangabe auf ihn zukam.
Mittag war ein dehnbarer Begriff. Für mich noch mehr als für jeden anderen. Wenn es bei Luke ein Uhr wäre, was definitiv in den genannten Rahmen fiel, würde es bei mir erst zwölf sein. Und diese Stunde Differenz würden wir nicht mehr loswerden. Auch davon hatte er noch keinen blassen Schimmer.
»Ist bei der Packliste was dazu gekommen?« Ich war längst aufgestanden, hatte mich vom Balkon und damit aus der Hörweite von Vivi zurückgezogen und lief nun hinüber ins Schlafzimmer, wo fein säuberlich sortiert die Sachen auf dem Bett lagen, die ich mitzunehmen gedachte. Hatte ich was vergessen?
Es war warm in dem kleinen Raum. Die Sonne hatte den Nachmittag über mit hundert Sachen vom Firmament geknallt und ich war echt froh, diesem Backofen für ein paar Tage zu entkommen. Ich hatte den Wetterbericht genaustens studiert. Während Berlin weiter unter der verdammten Hitze stöhnen würde, war an der Küste zwar kein Regen zu erwarten, andererseits aber auch keine Extremtemperaturen. Die hatten mich nämlich schon mehrfach dazu veranlasst, einen Umzug in Erwägung zu ziehen. Dachgeschoss war genial, wenn einem die vielen Treppen nichts ausmachten. Aber in den Sommern, die wir seit ein paar Jahren hatten, kaum noch auszuhalten. Es gab Tage, da verlegte ich das Arbeiten in die frühen Morgen- oder die späten Abendstunden und verfluchte jeden Kunden, der es wagte, mich beim Vor-mich-hin-Dösen tagsüber mit seinem Anruf zu belästigen. Ich konnte von Glück sagen, dass ich frei in meiner Zeiteinteilung war. Das verhinderte allerdings nicht, dass die unerträgliche Hitze, die oft schon Ende April ins Land zog, mein Gehirn aufzuweichen schien. Eine Lösung für dieses Problem hatte ich noch nicht gefunden. Außer eben einem Umzug. Aber bei den Immobilienpreisen, die inzwischen in der Hauptstadt aufgerufen wurden, überlegte man sich so was dreimal. Vielleicht sollte ich stattdessen zurück nach Hamburg gehen, wo ich eigentlich herkam.
»Bettwäsche, Handtücher und was du sonst noch brauchst«, hörte ich die Stimme an meinem Ohr. »Eher weniger als zu viel.«
Täuschte ich mich oder klang Luke bei diesen Worten belustigt? »Wie meinst du das?«
Wieder sein dunkles Lachen. »Es ist Sommer. Wir werden nicht viel brauchen. Baden kann man auch nackt.«
Ich zuckte zusammen. FKK? Fast hätte ich vor Entsetzen in den Hörer gestöhnt.
