Humanistische Psychoanalyse - Erich Fromm - E-Book

Humanistische Psychoanalyse E-Book

Erich Fromm

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Beschreibung

Der Band "Humanistische Psychoanalyse" enthält Beiträge, die Erich Fromm in einer Zeitspanne von 50 Jahren verfasst hat. Sie stellen eine wichtige Ergänzung zu den Hauptschriften von Fromms humanistischer Psychoanalyse dar. Highlights der Sammlung sind sicher die Beiträge "Zum Gefühl der Ohnmacht", "Psychoanalyse als Wissenschaft" und "Humanismus und Psychoanalyse". Im letztgenannten Beitrag begründet Fromm, warum für ihn (wie schon für Freud) die Psychoanalyse in einem humanistischen Denken gründet. Andere Beiträge beschäftigen sich mit dem Ödipuskomplex und dem Verständnis des Ödipusmythos; an ihnen lässt sich nachvollziehen, warum Fromm die Freudsche Libidotheorie kritisierte und schließlich einen eigenen sozial-psychoanalytischen Ansatz entwickelte. Aus dem Inhalt – Dauernde Nachwirkung eines Erziehungsfehlers – Ödipus in Innsbruck – Zum Gefühl der Ohnmacht – Die Sozialphilosophie der „Willenstherapie“ Otto Ranks – Individuelle und gesellschaftliche Ursprünge der Neurose – Einleitung in P. Mullahy „Oedipus. Myth and Complex“ – Das Wesen der Träume – Anmerkungen zum Problem der Freien Assoziation – Psychoanalyse als Wissenschaft – C. G. Jung: Prophet des Unbewussten. Zu „Erinnerungen, Träume, Gedanken“ von C. G. Jung – Humanismus und Psychoanalyse – Der Ödipuskomplex. Bemerkungen zum „Fall des kleinen Hans“ – Vorwort in B. Luban-Plozza „Praxis der Balint-Gruppen“

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EPUB

Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Humanistische Psychoanalyse

Erich Fromm(2016b)

Als E-Book herausgegeben und kommentiert von Rainer Funk[1]

Erstveröffentlichung als E-Book 2016 unter dem Titel Humanistische Psychoanalyse in der Edition Erich Fromm bei Open Publishing, München. Die einzelnen Beiträge dieses E-Book-Sammelbandes sind weitgehend in Printform in der 1999 veröffentlichten Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) enthalten.

Die E-Book-Ausgabe der einzelnen Beiträge dieses Sammelbandes orientiert sich an den von Rainer Funk herausgegebenen und kommentierten Textfassungen in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999.

Die Zahlen in [eckigen Klammern] geben die Seitenwechsel in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden wieder.

Copyright © als E-Book 2016 by The Estate of Erich Fromm. Copyright © Edition Erich Fromm 2016 by Rainer Funk.

Inhalt

Humanistische Psychoanalyse

Inhalt

Dauernde Nachwirkung eines Erziehungsfehlers

Ödipus in Innsbruck

Zum Gefühl der Ohnmacht

Die Sozialphilosophie der „Willenstherapie“ Otto Ranks

Individuelle und gesellschaftliche Ursprünge der Neurose

Einleitung in P. Mullahy „Oedipus. Myth and Complex“

Das Wesen der Träume

Anmerkungen zum Problem der Freien Assoziation

Psychoanalyse als Wissenschaft

1. Die psychoanalytische Theorie

2. Die psychoanalytische Therapie

3. Weiterentwicklungen in der Psychoanalyse

C. G. Jung: Prophet des Unbewussten. Zu „Erinnerungen, Träume, Gedanken“ von C. G. Jung

Humanismus und Psychoanalyse

Der Ödipuskomplex. Bemerkungen zum „Fall des kleinen Hans“

Vorwort in B. Luban-Plozza „Praxis der Balint-Gruppen“

Literaturverzeichnis

Der Autor

Der Herausgeber

Impressum

Dauernde Nachwirkung eines Erziehungsfehlers

(1926a)[2]

Welche Bedeutung ungeschicktes Verhalten der Mutter dem kleinen Kinde gegenüber für dessen spätere charakterliche Entwicklung haben kann, mögen folgende zwei Beispiele zeigen:

Eine 25jährige Analysandin leidet darunter, dass sie dann, wenn sie auf Fragen etwas antworten soll (z.B. bei Unterhaltungen oder im Examen), gewöhnlich versagt und kein Wort herausbringt. Andererseits aber muss sie bei Gelegenheiten, bei denen es ihr erwünscht wäre, zu schweigen, die Dinge heraussagen, und sie kommt dadurch oft in die unangenehmsten Situationen. Ganz ebenso geht es ihr mit Gefühlsäußerungen. Sie ist außerstande, ihrem Manne gegenüber Liebes- und Dankbarkeitsgefühlen, auch wo sie sie intensiv empfindet, Ausdruck zu geben, während sie ihm alle hässlichen und feindseligen Gefühle mitteilen muss, obwohl sie es durchaus vermeiden möchte. In der Analyse wird ihr diese Verhaltungsweise zusammenfassend beschrieben: Sie könne überhaupt nichts von sich geben, wenn sie es solle oder die Realität es fordert, lasse aber alles zur unrechten Zeit heraus. Sie bringt darauf spontan folgenden Einfall:

Ich erinnere mich an eine Situation aus meinem zweiten oder dritten Lebensjahre. Ich sitze auf dem Töpfchen und meine Mutter sagt mir: „Wenn du jetzt nicht gleich etwas machst, schlage ich dich.“

Die Mutter versuchte dem Kinde allzu streng das Einhalten gewisser Zeiten zur Entleerung aufzuzwingen, bevor bei ihm noch die psychische Bereitschaft dazu vorhanden war. Die Gewöhnung an Reinlichkeit und regelmäßige Entleerung geschah nicht der Mutter „zuliebe“, sondern aus Furcht vor ihren Schlägen, und ein trotziges Zurückhalten, von Angst vor den daraus erwachsenden Unannehmlichkeiten begleitet, ist zum Bestandteil des Charakters des erwachsenen Menschen geworden.

Eine andere Analysandin klagt über ganz ähnliches. Auch sie ist unfähig, ihren Meinungen und Gefühlen Ausdruck zu geben, wenn sie es möchte; sie empfindet jede Frage und Aufforderung als Angriff und fühlt sich vergewaltigt, wenn man ihr doch eine Äußerung entlockt hat. In der Analyse stellt sich heraus, dass die Mutter, als die Analysandin noch ein kleines Kind war, sich jeden Abend zu ihr ans Bett setzte und von dem Kinde verlangte, ihr zu „beichten“, d.h. alles zu erzählen, [X-037] was es am Tage etwa gedacht oder getan hatte. Wenn sich das Kind weigerte, wurde es von der Mutter damit bestraft, dass sie so lange überhaupt nicht mit ihm sprach, bis es sich entschloss, wieder zu „beichten“. Diese frühe Vergewaltigung durch die Mutter erlebte das Mädchen im späteren Leben in allen Aufforderungen, zu reden und sich zu äußern, wieder, und die Unfähigkeit, dies zu tun, ist beträchtlich von dem verkehrten Verhalten der Mutter mitbestimmt.

Ödipus in Innsbruck

(1930d)[3]

Der Fall Halsmann[4] bietet ein psychologisches Rätsel. Denn was den Angeklagten verdächtig macht, ist nicht das Übliche, eine Waffe oder ein Blutfleck, auch nicht der Nachweis eines Motivs für den Mord, sondern die Tatsache, dass er sich auf die Schilderung eines Tatbestandes versteift (der Vater sei durch einen Unglücksfall umgekommen), von dem durch die Sachverständigen nachgewiesen wird, dass er falsch sein muss: Die tödlichen Wunden können ja nicht vom Absturz stammen, sondern sind sicher die Folgen eines gewaltsamen Angriffs. Hätte nun Halsmann gesagt, er wisse nicht, wie sein Vater umgekommen sei, und hätte er nicht mit so hartnäckiger Sicherheit die These vom Unglücksfall vertreten, so wäre wohl gegen ihn kaum die Anklage erhoben worden, und noch viel weniger wahrscheinlich wäre seine Verurteilung gewesen.

Die Verteidigung muss nun also eine Antwort auf die Frage geben, aus welchem Grunde denn der Angeklagte Dinge als Tatsachen hinstellt, die falsch sind, und hartnäckig an dieser Tatsache festhält. Zu diesem Zweck hat sie auf die Möglichkeit hingewiesen, dass der Anblick des tödlich verwundeten Vaters im Sinne eines schweren schockartigen Traumas wirkt und eine, auch und vor allem nach rückwärts verlaufende, Gedächtnislücke (sog. „retrograde Amnesie“) beim Angeklagten bewirkte, die dann später von ihm durch Erfundenes ausgefüllt wurde. Er sei gerade deshalb auf die Unfalltheorie gekommen, weil wohl der erste Gedanke beim Anblick des verwundeten Vaters naturgemäß der gewesen sei, er sei abgestürzt.

Diese psychologische These der Verteidigung genügt aber nicht; denn sie gibt keine Antwort auf die Frage, warum denn gerade dieser Mensch, der doch im Übrigen ganz normal wirkt, auf den, wenn auch ganz plötzlichen Anblick des sterbenden Vaters mit einer Amnesie reagiert, und warum er seine Erinnerungslücken durch eine falsche Darstellung ausfüllt, an der er dann so hartnäckig festhält. (Dass die Verteidiger in der Revisionsverhandlung schließlich die Unfallthese zugunsten der Annahme eines Raubmordes aufgaben, ändert daran wenig, da man den Eindruck von Halsmanns Verhalten im ersten Prozess damit nicht verwischen konnte, und Halsmann selber auch im zweiten Prozess im Großen und Ganzen bei seiner früheren Darstellung blieb.) [VIII-134]

Was nun die Innsbrucker Psychiater angeht, so kommen diese – berufen, durch eingehende Untersuchung der psychischen Situation Halsmanns den Richtern die Möglichkeit einer Urteilsfindung zu erleichtern – ihrer Aufgabe ganz im Geiste des Staatsanwalts nach und erwähnen in ihrem Gutachten, dass man beim Angeklagten auch das Vorhandensein des Freudschen Ödipuskomplexes annehmen könne, dass sie aber diese Spur nicht weiter verfolgen wollten, weil nicht genügend Material vorliege. Dabei stellten sich die Innsbrucker Psychiater den Ödipuskomplex offenbar so vor, als handele es sich um einen Wunsch mancher kranker Menschen, den Vater zu töten. Gelingt es bei einem des Vatermordes Angeklagten, das Vorhandensein dieses Ödipuskomplexes nachzuweisen, so hat die Anklage gewonnenes Spiel. Ein frischer Blutfleck am Anzug des Mörders könnte kein besserer Beweis sein. Aber leider ist es so schwer, diesen Ödipuskomplex zu finden, und da es auch beim Angeklagten nicht gelingt, so muss man sich mit einer Verdächtigung begnügen.

Nun, der Ödipuskomplex ist gar nicht so selten, er ist im Gegenteil ein ganz allgemeiner Mechanismus und, wenn auch in verschiedenen Abwandlungen, bei allen Menschen vorhanden. Hätten die Sachverständigen sich nämlich nicht aufs Raten verlegt, sondern auch nur einige Kapitel aus einem der grundlegenden Werke Freuds gelesen, so hätten sie nicht nur entdeckt, dass der Ödipuskomplex nichts Anormales ist, sondern auch, dass die unbewusste Feindseligkeit zwischen Vater und Sohn sich in Träumen, neurotischen Symptomen und Charaktereigenschaften ausdrückt, aber nicht im realen Mord zu enden pflegt. Sie hätten entdeckt, dass die Psychoanalyse gerade nachgewiesen hat, dass die feindseligen Regungen gegen den Vater zu den verpöntesten seelischen Inhalten gehören, so verpönt, dass sie schon als andeutende Phantasien vom Bewusstsein ausgeschlossen, d.h. verdrängt werden, und umso mehr von der Verwirklichung durch eine Tat. Wäre es anders, so wären die meisten Menschen Vatermörder geworden.

Dessen ungeachtet könnte es ja aber so sein, wie die Anklage behauptet, dass zwischen Sohn und Vater Halsmann eine gewisse feindselige Spannung herrschte. Wir wollen uns einmal auf diesen Standpunkt stellen, um zu sehen, was er für die Klärung des Tatbestandes bedeutet.

Vater und Sohn bildeten offenbar nach Temperament und Eigenart recht schroffe Gegensätze. Der Vater war ein lebhafter, sanguinischer, zu Scherzen und Zoten sehr leicht aufgelegter Mann, der mit viel Stolz und Eitelkeit die Erinnerung und manche Gewohnheiten seiner Militärarztzeit bewahrte; der Sohn ist verschlossen, in sich gekehrt, ernst und offenbar häufig verärgert durch die ihm peinliche Art des Vaters. Wenn auch vieles von dem von der Anklage beigebrachten Material wertlos erscheint, so gibt es doch manches andere, was den Eindruck von einer bestehenden, wohl mehr unbewussten als bewussten Spannung zwischen Vater und Sohn verstärkt. So etwa, wenn wir hören, dass der Vater sehr häufig, und auch noch kurz vor seinem Tode, als es sich darum handelte, eine schwierige Bergtour ohne Führer zu machen, sagte: „Nun, dann wird mich mein Sohn eben beerben, wenn uns etwas zustößt.“ Solch ein Scherz, besonders, wenn er wie bei Halsmanns oft gemacht wird, ist gewöhnlich mehr als nur ein Scherz. Er ist das Anzeichen einer, wenn auch unbewussten, feindseligen Spannung. Diese unbewusste Feindseligkeit mag zur Zeit des Todes des [VIII-135] Vaters eher stärker als schwächer gewesen sein, hatte doch der Vater seinen Sohn zum Frühaufstehen, zu großen Märschen und manchem anderen gezwungen, was den Sohn reizte und verärgerte.

In solcher Verfassung wanderte der Sohn mit dem Vater, und plötzlich hört er den Schrei des Vaters, sieht ihn tödlich verwundet liegen. Dieser Anblick wirkt auf ihn als schweres Trauma, denn plötzlich wird ihm plastisch vor Augen geführt, was der Inhalt seiner geheimsten, vom Gewissen verpöntesten und vom Bewusstsein gänzlich ferngehaltenen Wünsche und Regungen war. Er hatte zwar nie dem Vater etwas Böses getan und hätte ihm auch nie im Leben Böses zugefügt, aber der plötzliche Anblick des sterbenden Vaters reißt einen Abgrund seines Unbewussten auf, vor dem nur die Flucht in die Amnesie rettet. Einen Augenblick mögen seine aggressiven Wünsche gegen den Vater triumphieren, der nächste Augenblick lässt das Schuldgefühl wegen dieser immer verdrängten und von jeder Realisierung gänzlich ausgeschlossenen Wünsche zu einer Stärke anwachsen, die nur den Ausweg einer Verdrängung der ganzen Situation und eines Festhaltens an einer entlastenden Phantasie offen lässt. Die leiseste Spur seiner unbewussten Wünsche muss verwischt werden, nicht um den Richter günstig zu stimmen (denn gerade dadurch gestaltet er ja seine Position ungünstiger, und vielleicht dürfen wir in diesem ungeschickten Verhalten vor Gericht ein Stück unbewusster Selbstbestrafung erblicken), sondern um sein eigenes unbewusstes Schuldgefühl zu beschwichtigen. Deshalb darf auch der Vater nicht durch Mörderhand, sondern muss durch einen selbstverschuldeten Unfall umgekommen sein.

Das, was die Anklage an Material über die Feindseligkeit vom Sohn zum Vater beigebracht hat, reicht also nie und nimmer aus, um einen Mord zu erklären, aber es reicht vielleicht aus, um die Schockwirkung des plötzlichen Anblicks des sterbenden Vaters, d.h. die Amnesie (die Gedächtnislücke) zu erklären.

Aber es wird noch ein weiteres verständlich – und gerade hier liegt ja der schwächste Punkt der Verteidigung –, nämlich die Tatsache, dass der Angeklagte die Gedächtnislücke mit der Erzählung vom Unfall des Vaters ausfüllt und dass er so hartnäckig daran festhält. Wenn es so ist, dass der Tod des Vaters die Erfüllung unbewusster Todeswünsche des Sohnes gegen ihn bedeutet, und dass der plötzliche Tod ein außerordentlich intensives und unerträgliches Schuldgefühl im Sohn hervorruft, so wird es verständlich, warum der Angeklagte gerade deshalb in seiner Phantasie auf eine Todesart des Vaters kommt, bei der überhaupt jede Schuld, auch die eines andern, wegfällt, und warum er so hartnäckig an dieser These festhält. Es ist sein aus seinem unbewussten Vaterhass stammendes Schuldgefühl, das die Amnesie und gleichzeitig die Phantasie vom Unfall des Vaters hervorruft und mit dieser Intensität auch weiter bestehen lässt.

Es ist natürlich schwer, aus der Ferne einen Einblick in die unbewussten Seelenvorgänge des Angeklagten zu gewinnen, und deshalb ist die hier gegebene Erklärung nicht mehr als eine Hypothese, aber immerhin eine, die geeignet erscheint, die verschiedenen psychologischen Schwierigkeiten durch einen einheitlichen Gesichtspunkt zu erklären. Die Nachprüfung dieser Hypothese wäre die Sache von [VIII-136] Sachverständigen, die Gelegenheit hätten, näheren Einblick in die Psyche des Angeklagten zu nehmen.

Wenn die Psychologie zur Klärung eines Tatbestandes herangezogen wird, dann ist zu fordern, dass wenigstens ein Teil der Sachkenntnis von einem Fachmann verlangt wird, wie es bei einem chemischen oder medizinischen Problem selbstverständlich ist. Aber selbst diese recht bescheidene Forderung ist vorläufig wohl nur eine Utopie – und nicht nur in Innsbruck!

Zum Gefühl der Ohnmacht

(1937a)[5]

Der bürgerliche Charakter weist einen eigenartigen Zwiespalt auf.[6] Einerseits hat er eine sehr aktive, auf bewusste Gestaltung und Veränderung der Umwelt ausgerichtete Einstellung. Der bürgerliche Mensch hat mehr als der Mensch irgendeiner früheren Geschichtsepoche den Versuch gemacht, das Leben der Gesellschaft nach rationalen Prinzipien zu ordnen, es in der Richtung des größten Glückes für die größte Zahl der Menschen zu verändern und den Einzelnen aktiv an dieser Veränderung zu beteiligen. Er hat gleichzeitig die Natur in einem bisher nie gekannten Maß bezwungen. Seine technischen Leistungen und Erfindungen stehen einer Verwirklichung aller Träume nahe, die je von der Herrschaft des Menschen über die Natur und seiner Macht geträumt worden sind. Er hat einen bisher ungeahnten Reichtum geschaffen, der zum ersten Mal in der Geschichte die Möglichkeit eröffnet, die materiellen Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen. Nie zuvor ist der Mensch so Meister der materiellen Welt gewesen.

Andererseits aber weist der bürgerliche Mensch gerade schroff entgegengesetzte Charakterzüge auf. Er produziert eine Welt der großartigsten und wunderbarsten Dinge; aber diese seine eigenen Geschöpfe stehen ihm fremd und drohend gegenüber; sind sie geschaffen, so fühlt er sich nicht mehr als ihr Herr, sondern als ihr Diener. Die ganze materielle Welt wird zum Monstrum einer Riesenmaschine, die ihm Richtung und Tempo seines Lebens vorschreibt. Aus dem Werk seiner Hände, bestimmt, ihm zu dienen und ihn zu beglücken, wird eine ihm entfremdete Welt, der er demütig und ohnmächtig gehorcht. Dieselbe Haltung der Ohnmacht hat er auch gegenüber dem sozialen und politischen Apparat. Vielleicht wird es der späte Historiker noch rätselhafter finden als wir Zeitgenossen, dass, obwohl allmählich fast jedes Kind wusste, dass man vor Kriegen stand, die auch für den Sieger das entsetzlichste Leiden mit sich brachten, dennoch die Massen nicht etwa mit verzweifelter Energie alles unternahmen, um die Katastrophe abzuwenden, sondern auch noch ihre Vorbereitung durch Rüstungen, militärische Erziehung usw. ruhig geschehen ließen, ja sogar unterstützten. Er wird weiter die Frage erheben, wie es zu erklären sei, dass angesichts der durch die industrielle Entwicklung erreichten ungeheuren Möglichkeiten für das Glück und die Sicherheit der Menschen die große Mehrzahl sich damit abfand, [I-190] dass nichts geschah und dass in plan- und hilfloser Weise das Kommen und Gehen von Krisen und von sie ablösenden kurzen Prosperitätsperioden wie das Wirken unergründlicher Schicksalsmächte abgewartet wurde.

Diese Studie hat die eine Seite des hier angedeuteten Zwiespalts im bürgerlichen Charakter zum Gegenstand, das Gefühl der Ohnmacht. Es ist in der Beschreibung und Analyse des bürgerlichen Charakters bisher immer zu kurz gekommen. Ein wichtiger Grund hierfür liegt auf der Hand: Das Gefühl der Ohnmacht ist dem bürgerlichen Menschen – im Gegensatz zu bestimmten Typen religiöser Menschen – im wesentlichen nicht bewusst und auf Grund rein deskriptiv-psychologischer Methoden kaum zu erfahren. Es erscheint uns deshalb als ein gangbarer Weg, zum Verständnis des hier gemeinten sozialpsychologischen Phänomens vorzudringen, wenn wir von Beobachtungen ausgehen, wie sie die Psychoanalyse Einzelner erlaubt. Gewiss bleibt es weiteren sozialpsychologischen Forschungen vorbehalten, die Allgemeinheit des hier geschilderten Gefühls zu untersuchen. Es ist aber ein erster Schritt auf diesem Wege, den hier zugrunde liegenden seelischen Mechanismus in seiner Struktur, seinen Bedingungen und seinen Wirkungen auf das Verhalten von Individuen darzustellen.

Die extremen Fälle des Ohnmachtsgefühls finden wir nur bei neurotischen Persönlichkeiten; doch lassen sich die Ansätze des gleichen Gefühls auch beim gesunden Menschen unserer Zeit unschwer entdecken. Zur Beschreibung des Gefühls und seiner Folgeerscheinungen eignen sich neurotische Fälle der größeren Deutlichkeit wegen freilich besser, und wir werden uns deshalb im Folgenden meistens auf sie beziehen. Das Ohnmachtsgefühl ist bei neurotischen Menschen so regelmäßig vorhanden und stellt einen so zentralen Teil ihrer Persönlichkeitsstruktur dar, dass sich vieles dafür sagen ließe, die Neurose geradezu von diesem Ohnmachtsgefühl her zu definieren. In jeder Neurose, Symptom- oder Charakterneurose, handelt es sich darum, dass ein Mensch nicht imstande ist, bestimmte Funktionen auszuüben, dass er etwas nicht tun kann, was er können sollte, und dass diese Unfähigkeit mit einer tiefen Überzeugung von der eigenen Schwäche und Machtlosigkeit einhergeht, sei es, dass diese Überzeugung bewusst ist oder dass es sich um eine „unbewusste Überzeugung“ handelt.

In den neurotischen Fällen wird der Inhalt des Ohnmachtsgefühls etwa folgendermaßen beschrieben: Ich kann nichts beeinflussen, nichts in Bewegung setzen, durch meinen Willen nicht erreichen, dass irgendetwas in der Außenwelt oder in mir selbst sich ändert, ich werde nicht ernstgenommen, bin für andere Menschen Luft. Folgender Traum einer Analysandin gibt eine schöne Illustration des Ohnmachtsgefühls:

Sie hatte in einem Drugstore etwas getrunken und eine Zehndollarnote in Zahlung gegeben. Nachdem sie ausgetrunken hatte, verlangt sie vom Kellner den Restbetrag. Er antwortet ihr, den habe er ihr doch längst gegeben und sie solle nur richtig in ihrer Tasche nachsehen, dann werde sie ihn schon finden. Sie kramt alle ihre Sachen durch und findet natürlich den Betrag nicht. Der Kellner antwortet in kühl überlegenem Ton, es sei nicht seine Sache, wenn sie das Geld verloren habe, und er könne sich nicht weiter damit befassen. Voller Wut rennt sie auf die Straße, um einen Polizisten zu holen. Sie findet zunächst eine Polizistin, der sie die Geschichte erzählt. Diese geht auch in den Drugstore und verhandelt mit dem Kellner. Als sie zurückkommt, sagt [I-191] sie der Träumerin lächelnd überlegen, es sei ja klar, dass sie das Geld bekommen habe, „sehen Sie nur richtig nach, und Sie werden es schon finden“. Die Wut steigert sich, und sie läuft zu einem Polizisten, um ihn zu bitten einzuschreiten. Dieser gibt sich kaum Mühe zuzuhören und antwortet ganz von oben herab, um solche Sachen könne er sich nicht kümmern und sie solle machen, dass sie weiterkomme. Endlich geht sie in den Drugstore zurück. Da sitzt der Kellner in einem Lehnsessel und fragt sie grinsend, ob sie sich nun endlich beruhigt hätte. Sie gerät in ohnmächtige Wut.

Die Objekte, auf die sich das Ohnmachtsgefühl bezieht, sind sehr mannigfaltig. Zunächst und in erster Linie bezieht es sich auf Menschen. Es besteht die Überzeugung, dass man andere Menschen in keiner Weise beeinflussen könne; man kann sie weder kontrollieren noch von ihnen erreichen, dass sie das tun, was man will. Solche Charaktere sind häufig sehr erstaunt, wenn sie hören, dass ein anderer über sie in ernsthafter Weise gesprochen oder gar sich auf sie oder eine Meinung von ihnen bezogen hat. Ihre realen Fähigkeiten haben damit nichts zu tun. Ein Analysand, der auf seinem wissenschaftlichen Gebiet außerordentliches Ansehen genoss und vielfach zitiert wurde, war jedes Mal von neuem überrascht, dass ihn überhaupt jemand ernst nahm und dem, was er sagte, irgendwelche Bedeutung zumaß. Auch die lange Erfahrung, dass dies tatsächlich so war, hatte an dieser Einstellung kaum etwas geändert. Solche Menschen glauben auch nicht, dass sie irgendjemanden kränken können, sie sind gerade deshalb häufig in ungewöhnlichem Maße zu aggressiven Äußerungen imstande und völlig davon überrascht, dass ein anderer beleidigt ist. Wenn man dieser Überraschung nachgeht, so stellt sich als Grund dafür eben die tiefe Überzeugung heraus, sie könnten überhaupt nicht ernst genommen werden.

Diese Menschen glauben nicht daran, sie vermöchten irgendetwas dazu zu tun, dass jemand sie liebt oder gern hat. Sie machen auch gar keine Anstrengung, aus sich herauszugehen, sich in aktiver Weise so zu verhalten, wie es nötig wäre, um Liebe und Sympathie anderer zu gewinnen. Wenn dies dann natürlich ausbleibt, so ziehen sie die Folgerung, dass sie niemand liebt, und sehen nicht, dass hier eine optische Täuschung vorliegt. Während sie meinen, dass infolge irgendwelcher Mängel oder unglücklicher Umstände sich keiner findet, der sie liebt, ist es in Wirklichkeit ihre Unfähigkeit zu irgendeiner Anstrengung, die Liebe anderer zu gewinnen, die an der Wurzel des von ihnen beklagten Zustandes liegt. Da sie nicht glauben, dass sie irgendetwas dazu tun können, um geliebt zu werden, konzentriert sich alle ihre Aufmerksamkeit auf die in ihnen einmal vorhandenen Qualitäten, wie sie sie von Geburt mitbekommen haben. Sie sind ständig von dem Gedanken erfüllt, ob sie klug, schön, gut genug wären, um andere anzuziehen. Die Frage lautet immer: „Bin ich klug, schön usw., oder bin ich es nicht?“ Das müsse man herausfinden, denn die Möglichkeit, sich aktiv zu verändern und die anderen zu beeinflussen, gibt es für sie nicht. Das Resultat ist dann gewöhnlich ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl, dass man eben die Qualitäten nicht hat, die nötig wären, um Liebe und Sympathie zu finden. Soweit es sich um den Wunsch nach Anerkennung und Wertschätzung handelt, ist es nicht anders. Solche Menschen denken zwangsmäßig darüber nach, ob sie so begabt wären, um die Bewunderung aller anderen hervorzurufen. Ihr Ohnmachtsgefühl hindert sie aber daran, Anstrengungen zu machen, zu arbeiten, zu lernen, etwas zu produzieren, was [I-192] die andern wirklich anerkennen oder bewundern. Ein Selbstgefühl, das zwischen Größenideen und dem Gefühl der absoluten Wertlosigkeit schwankt, ist gewöhnlich das Resultat.

Eine andere wichtige Folge des Ohnmachtsgefühls vor Menschen ist die Unfähigkeit, sich gegen Angriffe zu verteidigen. Das kann sich auf körperliche Angriffe beziehen, und die Folge ist dann ein mehr oder weniger ausgeprägtes Gefühl der körperlichen Hilflosigkeit. Dies führt häufig dazu, dass Menschen von den in ihnen vorhandenen körperlichen Kräften im Falle der Gefahr keinerlei Gebrauch machen können, dass sie wie gelähmt sind und gar nicht auf den Gedanken kommen, sich auch pur wehren zu können. In der Praxis sehr viel wichtiger als die Unfähigkeit zur Verteidigung gegen körperliche Bedrohung ist die Verteidigungsunfähigkeit gegen alle anderen Arten von Angriffen. Man findet in diesen Fällen, dass Menschen jede gegen sie gerichtete Kritik, ungerechtfertigte wie gerechtfertigte, einfach hinnehmen und nicht imstande sind, Gegenargumente vorzubringen. Manchmal wissen sie, dass die Kritik ungerechtfertigt ist, und können nur zu ihrer Verteidigung nichts äußern. In extremen Fällen geht aber die Hilflosigkeit so weit, dass sie auch nicht mehr imstande sind zu fühlen, dass sie ungerechtfertigt kritisiert werden, und jede Kritik oder jeden Vorwurf als berechtigt innerlich akzeptieren. Die gleiche Verteidigungsunfähigkeit bezieht sich häufig auch auf alle Arten von Beleidigungen und Demütigungen. Auch hier schwankt das Verhalten zwischen einer Unfähigkeit, auf die Beleidigung entsprechend zu antworten, und einem willigen Hinnehmen in der Überzeugung, der andere habe Recht und Grund, sie zu demütigen. Oft geht es so, dass erst nach Stunden oder Tagen die Tatsache der Unberechtigtheit eines Vorwurfs oder der Unverschämtheit einer Beleidigung ins Bewusstsein kommt. Dann fallen häufig den Betreffenden alle Argumente ein, die sie zur Entkräftung des Vorwurfs hätten gebrauchen, oder alle Grobheiten, die sie auf die Beleidigung hin hätten äußern können. Sie führen sich die Situation wieder und wieder vor Augen, phantasieren bis in alle Details, wie sie es hätten machen sollen, steigern sich in eine Wut, die sich manchmal mehr gegen den anderen, manchmal mehr gegen sie selbst richtet, um doch bei der nächsten Gelegenheit wieder genauso gelähmt und hilflos einem Angriff gegenüberzustehen.

Das Ohnmachtsgefühl tritt Dingen gegenüber ebenso in Erscheinung wie Menschen. Es führt dazu, dass sich Menschen in jeder Situation, die ihnen nicht geläufig ist, völlig hilflos fühlen. Es kann sich darum handeln, dass sie sich in einer fremden Stadt außerstande fühlen, sich allein zurechtzufinden, oder dass sie bei einer Autopanne ganz unfähig sind, auch nur den leisesten Versuch zu unternehmen nachzusehen, wo die Störung liegen kann, oder dass sie bei einer Wanderung, bei der sie über einen kleinen Bach springen müssen, sich völlig gelähmt fühlen, dies zu tun, oder dass sie unfähig sind, sich ihr Bett zu machen oder sich etwas zu kochen, wenn die Situation es erfordert. Ein Verhalten, welches man als besonders unpraktisch oder ungeschickt bezeichnet, geht häufig auf das Ohnmachtsgefühl zurück. Wir vermuten, dass auch beim Schwindelgefühl auf Höhen das Ohnmachtsgefühl nicht selten die Wurzel darstellt.

Das Ohnmachtsgefühl äußert sich auch im Verhältnis zur eigenen Person. Ja, hier liegen vielleicht seine wichtigsten Folgen für das Individuum. Eine Erscheinungsform des Ohnmachtsgefühls auf dieser Ebene ist die Hilflosigkeit gegenüber den in einem [I-193] selbst wirksamen Trieben und Ängsten. Es fehlt völlig der Glaube, dass man auch nur den Versuch machen könne, seine Triebe oder Ängste zu kontrollieren. Das Motto ist eben immer: „Ich bin einmal so, und daran kann ich nichts ändern.“ Nichts scheint überhaupt unmöglicher, als sich zu ändern. Sie können ihr Leben damit zubringen, darüber zu jammern und zu klagen, wie schrecklich sie unter dieser oder jener Eigenschaft leiden, sie können auch bewusst sich äußerst bereit zeigen, sich zu ändern, aber bei näherer Beobachtung wird deutlich, dass sie deshalb nur umso hartnäckiger an der Überzeugung festhalten, sie selbst könnten nichts ändern. In manchen Fällen ist die Diskrepanz zwischen dieser unbewussten Überzeugung und den bewussten kompensierenden Veranstaltungen geradezu grotesk. Ob solche Menschen von einem Arzt zum anderen oder von einer religiösen oder philosophischen Lehre zu anderen laufen, ob sie jede Woche einen neuen Plan haben, wie sie sich ändern können, oder von jeder Liebesbeziehung erwarten, dass sie die große Änderung vollbringe, alle diese Geschäftigkeit und bewusste Anstrengung ist doch nur der Schirm, hinter dem sie sich im Gefühl der tiefsten Ohnmacht verstecken.

Wie schon oben erwähnt, glauben sie nicht daran, ihre Wünsche durchsetzen und selbständig etwas erreichen zu können. Menschen dieser Art warten immer auf etwas und sind tief davon überzeugt, dass sie zum Ergebnis nichts tun können. Sehr häufig geht dieses Gefühl so weit, dass sie es aufgeben, überhaupt etwas zu wünschen oder zu wollen, ja, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie eigentlich wünschen. Gewöhnlich tritt an die Stelle der eigenen Wünsche die Erwägung, was andere von ihnen erwarten. Ihre Entscheidungen nehmen zum Beispiel die Form an, darüber nachzugrübeln, dass, wenn sie diesen Schritt tun, ihre Frau ihnen böse ist, und wenn sie einen anderen Schritt tun, ihr Vater. Sie entscheiden sich zum Schluss nach der Richtung, wo sie das Bösesein am wenigsten fürchten, aber es kommt überhaupt nicht zur Aufrollung der Frage, was sie eigentlich am liebsten tun möchten. Die Folge ist häufig, dass solche Menschen bewusst oder unbewusst das Gefühl haben, von anderen vergewaltigt zu werden, wütend darüber sind und doch nicht sehen, dass sie es in erster Linie sind, die sich vergewaltigen lassen.

Der Grad der Bewusstheit des Ohnmachtsgefühls schwankt nicht weniger als der seiner Intensität. In vielen Fällen ist es als solches bewusst. Hier handelt es sich allerdings um Fälle schwerer Neurosen, in denen die Leistungsfähigkeit und das soziale Funktionieren der Menschen so eingeschränkt sind, dass sie des Zwanges enthoben sind, sich über das Gefühl ihrer Ohnmacht hinwegzutäuschen. Der Betrag an seelischem Leiden, der mit der völligen Bewusstheit des Ohnmachtsgefühls verknüpft ist, ist kaum zu überschätzen. Das Gefühl tiefer Angst, der Sinnlosigkeit des eigenen Lebens, ist regelmäßig in solchen Fällen gegeben. Allerdings finden sich in schweren Neurosen auch die gleichen Wirkungen des Ohnmachtsgefühls, ohne dass dieses als solches überhaupt bewusst wäre. Es bedarf häufig langwieriger analytischer Arbeit, um das unbewusste Ohnmachtsgefühl ins Bewusstsein zu heben und mit seinen Folgeerscheinungen zu verknüpfen. Aber auch da, wo dieses Gefühl bewusst ist, zeigt sich gewöhnlich in der Analyse, dass das nur für einen kleinen Teil seines Umfangs gilt. Es stellt sich meist heraus, dass die tiefe Angst, die das Ohnmachtsgefühl begleitet, bewirkt, dass es nur in sehr abgeschwächter Form ins Bewusstsein zugelassen wird. [I-194]

Ein erster Versuch, das Quälende des Gefühls zu überwinden, liegt in einer Reihe von Rationalisierungen, die das Ohnmachtsgefühl begründen sollen. Die wichtigsten der begründenden Rationalisierungen sind folgende: Die Ohnmacht wird auf körperliche Mängel zurückgeführt. In solchen Fällen bestehen die Menschen darauf, körperlich schwach zu sein, keine Anstrengungen zu vertragen, diesen oder jenen körperlichen Defekt zu haben, „leidend“ zu sein. Damit gelingt es ihnen, das Ohnmachtsgefühl, das in Wirklichkeit psychische Wurzeln hat, auf körperliche Mängel zurückzuführen, die ihnen nicht zur Last zu legen sind und an denen sich auch im Prinzip nichts ändern lässt. Eine andere Form der begründenden Rationalisierungen ist die Überzeugung, durch bestimmte Lebenserfahrungen so geschädigt worden zu sein, dass ihnen alle Aktivität und aller Mut geraubt wurde. Bestimmte Erlebnisse in der Kindheit, unglückliche Liebe, ein finanzieller Zusammenbruch, Enttäuschungen mit Freunden werden als die Ursachen für die eigene Hilflosigkeit angesehen. Ein simplifizierendes Missverständnis der psychoanalytischen Theorie hat diese Rationalisierungen in mancher Hinsicht noch erleichtert. Es gibt manchen Menschen den Vorwand zu dem Glauben, dass sie ihre Ohnmacht der Tatsache verdanken, dass sie mit drei Jahren einmal von der Mutter Schläge bekommen haben oder dass sie mit fünf Jahren von einem älteren Bruder ausgelacht worden sind. Eine andere Form der begründenden Rationalisierungen erweist sich oft als besonders verhängnisvoll, nämlich die Tendenz, in der Phantasie oder auch in Wirklichkeit eine Schwierigkeit auf die andere zu türmen und damit das Gefühl zu haben, dass die Aussichtslosigkeit der realen Situation es verständlich macht, wenn man sich ihr gegenüber hilflos fühlt. Was sich hier abspielt, ist zum Beispiel folgendes: Ein Beamter soll einen Bericht schreiben und fühlt sich dieser Aufgabe gegenüber hilflos. Während er an seinem Schreibtisch sitzt und das Gefühl seiner Schwäche wahrnimmt, geht ihm durch den Kopf, dass er Angst hat, seine Stelle zu verlieren, dass seine Frau krank ist, dass sein Freund ihm böse sein wird, weil er ihm so lange nicht geschrieben hat, dass es im Zimmer zu kalt ist, bis er endlich in seiner Phantasie eine so traurige und aussichtslose Situation zusammengebraut hat, dass das Gefühl der Ohnmacht als das ganz natürliche und adäquate Kapitulieren vor zu großen Schwierigkeiten erscheint. Noch verhängnisvoller ist es, wenn sich die Tendenz, die Situation zu verschlimmern, nicht nur auf Phantasien beschränkt, sondern sich auf das Verhalten in der Wirklichkeit erstreckt. Der Betreffende wird dann geneigt sein, wirklich krank zu werden, seinen Chef so zu provozieren, dass er ihn in der Tat entlässt, mit seiner Frau Streit anzufangen, so dass den ganzen Tag Unfriede im Hause herrscht, und wenn ihm alles dies gelungen ist, fühlt er sich völlig gerechtfertigt, seine Ohnmacht als durch die Unerträglichkeit der äußeren Verhältnisse begründet anzusehen. Gewiss hat die hier geschilderte Tendenz, sich in der Phantasie oder in Wirklichkeit Leiden zuzufügen, sich schwach und unglücklich zu machen, noch andere Wurzeln. Dies zu erörtern führt in das Problem des Masochismus, auf das wir hier nicht eingehen können. (Vgl. hierzu E. Fromm, Sozialpsychologischer Teil, 1936a, GA I, S. 139-187, sowie K. Horney, 1937.) Die Rationalisierung des eigenen Ohnmachtsgefühls ist aber sicherlich einer der Faktoren, der für die Tendenz zur phantasierten oder realen Steigerung des eigenen Leidens verantwortlich ist.

Eine andere Gruppe von Rationalisierungen tritt in Erscheinung, wenn das [I-195] Ohnmachtsgefühl weniger bewusst ist als in den eben besprochenen Fällen. Die Rationalisierungen haben dann weniger einen begründenden als vielmehr einen tröstenden Charakter und dienen dazu, die Hoffnung zu erwecken, dass die eigene Ohnmacht nur eine vorübergehende sei. Die zwei wichtigsten Formen dieser tröstenden Rationalisierungen sind der Glaube an das Wunder und der Glaube an die Zeit. Beim Glauben an das Wunder dreht es sich um die Vorstellung, durch irgendein von außen eintretendes Ereignis werde plötzlich die eigene Ohnmacht verschwinden und alle Wünsche nach Erfolg, Leistung, Macht und Glück erfüllt werden. Die Formen, in denen dieser Glaube auftritt, sind äußerst mannigfaltig. Häufig ist es so, dass man erwartet, irgendeine Veränderung in äußeren Lebensumständen werde den Umschwung bringen, sei es eine neue Liebesbeziehung, der Umzug in eine andere Stadt oder eine andere Wohnung, ein neuer Anzug, ein neues Jahr oder auch nur ein frischer Bogen Papier, auf dem die Arbeit besser gehen wird. Bei religiösen Menschen nimmt der Glaube an das Wunder zuweilen die Form an, Gott werde plötzlich in das Schicksal eingreifen. Eine weitere Form des Wunderglaubens ist die, dass durch bestimmte Menschen das eigene Schicksal geändert werde. Ein häufiges (oben bereits erwähntes) Beispiel hierfür sind Menschen, die von einem Arzt zum anderen laufen und jedes Mal erwarten, er werde das Wunder vollbringen. Das Gemeinsame an all diesen tröstenden Illusionen ist immer, dass man selbst nichts zum gewünschten Erfolg zu tun braucht, auch gar nichts dazu tun kann, sondern dass eine außerhalb des Menschen stehende Macht oder Konstellation plötzlich das Gewünschte vollbringt.

Eine besondere Form dieses Wunderglaubens ist der Ersatz kausaler Beeinflussung durch magische Handlungen, die dem Bewusstsein die Illusion eigener Aktivität gestatten. Der Inhalt der magischen Geste kann sehr verschieden sein. Ob es sich darum handelt, einem Bettler ein Almosen zu geben, einer alten Tante einen Besuch zu machen, aufs korrekteste seine Pflicht zu erfüllen oder vor dem Beginn der Arbeit dreimal bis dreißig zu zählen, die Erwartung ist immer dieselbe. Wenn ich dies oder jenes tue, dann wird sich alles so wenden, wie ich es wünsche. Wie bei allen magischen Handlungen tritt an die Stelle der objektiven Beeinflussung ein rein in Gedanken des Subjekts vorhandener Kausalnexus. Häufig wird es den betreffenden Menschen gar nicht bewusst, dass sie eine bestimmte Handlung im Sinne einer magischen Geste ausführen, häufig, vor allem bei Zwangsneurotikern, kann die magische Geste zu einem äußerst quälenden Zeremoniell ausarten. Gerade in der Stärke des Ohnmachtsgefühls und der magischen Gesten als seiner spezifischen Überwindung liegt eine der Charakteristiken der Zwangsneurose.

Beim Glauben an die Zeit fehlt das Moment der Plötzlichkeit der Veränderung. Stattdessen besteht die Erwartung, dass sich „mit der Zeit“ schon alles machen werde. Von Konflikten, zu deren Lösung man sich selbst außerstande fühlt, wird erwartet, dass die Zeit sie schon lösen werde, ohne dass man selbst das Risiko einer Entscheidung auf sich nehmen muss. Besonders häufig findet man diesen Glauben an die Zeit mit Bezug auf die eigenen Leistungen. Menschen trösten sich über die Tatsache, dass sie nicht nur nichts von dem vollbringen, was sie leisten wollen, sondern auch selbst keine Vorbereitungen dazu treffen, damit hinweg, sie hätten ja noch lange Zeit, und es sei kein Grund, sich zu eilen. Ein Beispiel für diesen Mechanismus ist der Fall, in [I-196]