Hurra, wir haben wieder Eltern! - Patricia Vandenberg - E-Book

Hurra, wir haben wieder Eltern! E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Alexander von Schoenecker las die schlichte, aber recht geschmackvoll gedruckte Einladungskarte, die ihm seine Frau Denise gereicht hatte. »Ist ja interessant«, meinte er, »da wird unsere Gegend mit einem Sanatorium beglückt, und wir erfahren es erst, wenn es eingeweiht wird. Hast du davon eine Ahnung gehabt, Isi?« »So nahe ist es nun auch wieder nicht«, gab Denise von Schoenecker lächelnd zurück. abspielt. hübsch. Anschauen sollten wir es uns, das Sanatorium, wenn wir schon eingeladen werden. Dr. Bolko Renz? Der Name ist mir völlig unbekannt.« »Bolko ist ein Hundename«, mischte sich Henrik, der jüngste Schoen-ecker, ein. »Wann fahren wir denn zu der Einweihung, Mutti?« »Von euch ist nicht die Rede, meine Lieben«, erwiderte Denise, an ihre Söhne gewandt. »Die Einladung ist nur an eure Eltern gerichtet.« »Der Dr. Renz weiß wahrscheinlich nicht, dass wir Kinder haben«

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Sophienlust – 544 –Hurra, wir haben wieder Eltern!

Zwillinge bringen doppeltes Glück

Patricia Vandenberg

Alexander von Schoenecker las die schlichte, aber recht geschmackvoll gedruckte Einladungskarte, die ihm seine Frau Denise gereicht hatte.

»Ist ja interessant«, meinte er, »da wird unsere Gegend mit einem Sanatorium beglückt, und wir erfahren es erst, wenn es eingeweiht wird. Hast du davon eine Ahnung gehabt, Isi?«

»So nahe ist es nun auch wieder nicht«, gab Denise von Schoenecker lächelnd zurück. »Schließlich können wir nicht alles wissen, was sich im Umkreis von etwa vierzig Kilometern

abspielt. Aber ›Sonnenalm‹ klingt

hübsch. Anschauen sollten wir es uns, das Sanatorium, wenn wir schon eingeladen werden. Dr. Bolko Renz? Der Name ist mir völlig unbekannt.«

»Bolko ist ein Hundename«, mischte sich Henrik, der jüngste Schoen-ecker, ein. »Wann fahren wir denn zu der Einweihung, Mutti?«

»Von euch ist nicht die Rede, meine Lieben«, erwiderte Denise, an ihre Söhne gewandt. »Die Einladung ist nur an eure Eltern gerichtet.«

»Der Dr. Renz weiß wahrscheinlich nicht, dass wir Kinder haben«, bemerkte Henrik.

»Von Sophienlust wird er sicher schon etwas gehört haben«, erklärte Nick, der Teenager, in leicht gekränktem Ton.

Denise sah nun die übrige Post durch. Da erfuhr sie den eigentlichen Grund für diese Einladung, denn sie hatte auch ein privates Schreiben von Dr. Renz bekommen, aus dem nicht der Arzt und Besitzer des neuen Sanatoriums sprach, sondern ein geplagter Vater.

Nach der Lektüre dieses Briefes war es für Denise beschlossene Sache, dass sie die Einladung annehmen würde. Ihr Mann war damit einverstanden. Gemeinsam wollten sich die beiden nicht nur das Sanatorium anschauen, sondern auch die Zwillingssöhne des Dr. Bolko Renz.

*

Richtige Lausbuben waren Markus und Claudius Renz. Das bekam jetzt vor allem Fräulein Dr. Helen Gröger zu spüren, die sich nach Ansicht der Zwillinge höchst überflüssigerweise auf der Sonnenalm breitmachte.

»Du bist Doktor genug, Papi«, sagte Claudius zu seinem Vater. »Du brauchst nicht auch noch ein Fräulein Doktor.«

»Ich kann sie nicht leiden«, schloss Markus sich der Ansicht seines Bruders an. »Sie ist eine aufgetakelte Henne.«

Mit ihren fünf Jahren waren sie schon recht flott in ihrer Ausdrucksweise, wie Dr. Bolko Renz immer wieder feststellen musste. Aber das kam daher, dass sie immer Kindermädchen gehabt hatten, die auch nicht auf den Mund gefallen und mit ihren Ausdrücken nicht gerade wählerisch gewesen waren. Doch lange hatte es bisher keine bei ihnen ausgehalten, und die letzte hatte gleich gekündigt, als sie erfahren hatte, wie weit entfernt die Sonnenalm von der nächsten Stadt lag.

Aber mit dem Fräulein Dr. Gröger hatte es eine eigene Bewandtnis. Dr. Renz hätte gern auf die junge Ärztin verzichtet, doch da gab es eine Klausel in dem Vertrag, den er mit dem alten Dr. Gröger abgeschlossen hatte, als er dessen Sanatorium gekauft hatte, weil es nicht mehr rentabel gewesen war. Diese Klausel bestimmte, dass Dr. Renz Helen Gröger die Möglichkeit geben sollte, in der Sonnenalm praktische Erfahrung als Ärztin zu sammeln, bis sie sich eine eigene Existenz gründen konnte.

Warum nicht, hatte Dr. Renz gedacht, denn ihm hatte das Grundstück gut gefallen. Es war auch so günstig im Preis gewesen wie kein anderes. Das alte Sanatorium war nun zum Wirtschaftsgebäude umgestaltet worden, und darin hatte Helen Gröger auch ihre Wohnung. Das neue Haus, modern und großzügig, lag an den Hag gebettet. Dazu gehörte noch ein hübscher Bungalow, der Dr. Renz und seinen mutterlosen Zwillingen ein gemütliches Heim sein sollte.

Gemütlich ging es da allerdings im Augenblick noch nicht zu. Die Möbel standen noch nicht am richtigen Platz, die Kisten waren noch nicht ausgepackt. Fräulein Dr. Gröger hatte zwar ihre Hilfe angeboten, aber sie hatte das Feld vor einer halben Stunde empört geräumt, nachdem die Zwillinge ihr das Leben zu sauer gemacht hatten.

»Ihr benehmt euch fürchterlich«, sagte Dr. Renz grimmig. Er war nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen und von seinen Rangen so manches gewöhnt, aber jetzt riss ihm doch die Geduld.

»Sie benimmt sich fürchterlich«, behauptete Markus. »Sie tut so, als gehöre ihr alles. Sie kommandiert bloß herum.«

»Und du musst nach ihrer Pfeife tanzen, Papi?«, fügte Claudius mahnend hinzu. »Sie hats auf dich abgesehen.«

Wieso man mit fünf Jahren schon solche Gedankengänge haben konnte, war Dr. Renz ein Rätsel. Aber er hatte das unbehagliche Gefühl, dass die Vermutung seines Sohnes richtig war.

Die beiden Flachsköpfe hatten sich dicht nebeneinander vor dem Vater aufgebaut. Zwei graublaue Augenpaare blickten ihn erwartungsvoll an.

»Stimmt’s?«, fragte Claudius, als Dr. Renz schwieg.

»Was ihr euch so alles denkt«, meinte er brummig. »Und was machen wir nun? Morgen ist die Einweihung, und übermorgen kommt schon die erste Patientin.«

»Hier brauchen wir nichts einzuweihen. Unsere Betten stehen. Alles andere können wir schön langsam machen.« Das war wieder Markus.

»Mit eurer tatkräftigen Unterstützung«, erklärte Bolko Renz seufzend.

»Klar, Papi, auf uns kannst du dich verlassen. Wir brauchen keine Weiber. Die werden alle historisch«, meinte Claudius.

»Hysterisch«, berichtete Dr. Renz automatisch. »Aber ganz ohne Hilfe geht es nicht.«

»Der Mikosch hilft uns schon«, meldete sich nun wieder Markus zu Wort. »Er holt ein paar Leute aus dem Dorf.«

»Warum habt ihr das nicht gleich gesagt?«

»Weil wir erst mal die Gröger raushaben wollten. Du hast uns ja auch gar nicht zu Wort kommen lassen.«

Das war der Gipfel, aber Dr. Renz hielt es für besser, die Debatte nicht noch länger auszudehnen, sondern dafür den Versuch zu machen, Fräulein Dr. Gröger versöhnlich zu stimmen.

»Benehmt euch jetzt anständig«, ermahnte er die Zwillinge. »Sonst setzt es was.«

Das klang bedrohlich. Sie waren nun doch ein wenig erschrocken.

»Dich wollen wir doch gar nicht ärgern, Papi«, beteuerte Claudius kleinlaut. »Wir können’s bloß nicht leiden, wenn sich eine bei uns breitmacht.«

*

Dr. Renz konnte den beiden nicht böse sein. Sie waren Sonnis Kinder, ihr Vermächtnis. Seine Frau war auch so frisch und munter gewesen, so herzerwärmend natürlich, dass er auch heute, nach fünf Jahren, noch nicht begreifen konnte, dass sie bei der Geburt der Zwillinge hatte sterben müssen. Durch ein Versehen des Anästhesisten. Ein Versehen, das ihr junges frohes Leben ausgelöscht hatte. Er selbst aber, der Chirurg, war daraufhin nie mehr fähig gewesen, einen Operationssaal zu betreten. Er würde sie nie vergessen, seine Sonni, und deshalb sah er den Zwillingen manches nach, obgleich ihm bereits Bedenken kamen, wie es weitergehen sollte.

Im Sanatorium war alles blitzblank. Dafür hatte Dr. Helen Gröger vorbildlich gesorgt. Drei Krankenschwestern waren schon eingetroffen, drei weitere wurden am Nachmittag erwartet. Auch eine Sekretärin hatte Dr. Renz gefunden. Das Küchenpersonal hatte er vom alten Dr. Gröger übernommen. Natürlich musste es noch aufgefüllt werden, wenn das Haus einmal voll belegt sein würde, aber gar so schnell würde das wohl nicht gehen. Er rechnete jedenfalls nicht damit, denn es musste sich erst herumsprechen, dass die Sonnenalm ein ganz modernes Sanatorium geworden war.

Finanziell konnte Dr. Renz es sich leisten, eine Durststrecke zu überwinden. Seine Hauptsorge war augenblicklich Helen Gröger, denn keinesfalls wollte er in ihr die Hoffnung erwecken, dass sie ihm mehr sein konnte als eine Kollegin.

Was sie wohl an ihm finden mochte? Er hielt sich für einen ausgesprochenen Durchschnittstyp: unauffällig, mittelgroß, mittelblond, nicht gerade besonders schlank, eher untersetzt. Sehr vertrauenerweckend fanden ihn die anderen. Doch für Helen Gröger war er wohl einfach eine blendende Partie, denn sie kannte seine Vermögensverhältnisse recht genau.

»Sie tun mir leid«, empfing sie ihn spitz.

»Wieso?«

»Die Lausbuben tanzen Ihnen auf der Nase herum. Sie sind maßlos verwöhnt. Man braucht schon gute Nerven, um sie zu ertragen.«

»Die habe ich«, erwiderte er gleichmütig. »Im Beruf brauche ich ebenfalls gute Nerven.«

»Im Beruf habe ich sie auch, aber die Kinder machen mich fertig.«

»Gehen Sie ihnen aus dem Weg«, riet er ihr. »Für die beiden ist jetzt alles neu und aufregend. Ich werde schon jemanden finden, der sie betreut.«

»Sie Optimist«, spottete sie.

»Wenn es klappt, werde ich sie für die ersten Wochen in ein Kinderheim bringen«, bemerkte er. »Nach Sophienlust.«

Sie unterdrückte ein erleichtertes Aufatmen, meinte aber skeptisch: »Wenn die beiden damit einverstanden sind. Ich hätte Ihnen wirklich gern geholfen.«

»Nett von Ihnen, aber Mikosch holt schon Hilfe. Wichtig ist jetzt, dass hier alles klappt.«

»Darauf können Sie sich verlassen«, sagte sie stolz. »Ich denke, dass ich alles zu Ihrer Zufriedenheit erledigt habe. Übrigens liegen schon fünfzehn Anmeldungen vor. Alles alte Patienten meines Vaters.«

Es war ihm nicht angenehm, dass sie immer wieder betonte, dass er es eigentlich nur ihr zu verdanken habe, dass alles so schnell ins Rollen kam. Es kam ihm ein bisschen wie Erpressung vor, aber vielleicht war er durch die Bemerkungen seiner Sprösslinge jetzt ein wenig zu misstrauisch geworden. Hoffentlich würde Frau von Schoen-ecker morgen kommen. Er hätte ihr wohl schon früher schreiben sollen, aber dazu hatte er einfach keine Zeit gefunden. Außerdem hatte er von Sophienlust erst kürzlich erfahren.

Denise von Schoenecker war gewohnt, vor rasche Entscheidungen gestellt zu werden. So war es auch bei der kleinen Anja Ortmann gewesen, deren Mutter von einem rücksichtslosen Autofahrer angefahren und mit schweren Verletzungen in die Klinik gebracht worden war.

Die kleine vierjährige Anja hatte den Unfall mit angesehen. Sie hatte vor dem Kindergarten auf ihre Mutti gewartet und den schrecklichen Augenblick miterlebt, als das Auto auf ihre Mutti zuraste.

Zufällig war der Schulbus von Sophienlust in der Nähe gewesen, und bei dem Hin und Her über die Frage »Wohin mit dem verstörten Kind?«, hatte Wolfgang Rennert die kleine An?ja kurz entschlossen mitgenommen.

Acht Tage weilte sie nun schon in Sophienlust, aber von dem Schock hatte sie sich noch immer nicht erholt, obgleich man ihr hatte sagen können, dass es ihrer Mutti schon wieder bessergehe.

Denise hatte Annabel Ortmann schon zweimal besucht. Es half der jungen Frau sehr, dass sie ihr geliebtes Kind in so guter Hut wusste, denn einige Wochen musste sie noch in der Klinik bleiben, bis alle Verletzungen verheilt waren.

Anja war untröstlich, dass sie ihre Mutti noch immer nicht besuchen durfte, aber die Ärzte meinten, dass es sowohl für die Mutter als auch für das Kind aufregend sein würde.

An diesem Tag saß Anja wieder still in ihrer Ecke, während die anderen Kinder spielten. Sie hielt ihre Babypuppe im Arm und führte ein leises Zwiegespräch mit ihr.

Pünktchen gesellte sich zu ihr. »Musst nicht gar so traurig sein, Anja«, sagte sie tröstend. »Jetzt ist deine Mutti bald wieder gesund.«

Mit tränenfeuchten Augen blickte die Kleine sie an. »Möchte Muttilein aber so gern sehen«, flüsterte sie.

»Jetzt darfst du sie bald besuchen, aber wenn sie sieht, wie blass und schmal du bist, macht sie sich Sorgen um dich. Komm, geh mit uns spazieren.«

Zögernd erhob sich Anja. »Tante Isi ist heute noch gar nicht dagewesen«, sagte sie beklommen. »Kommt sie gar nicht?«

»Sie sind heute zu einer Besichtigung gefahren«, erklärte Pünktchen.

»Was besichtigen sie denn?«

»Ein Sanatorium.«

»Was ist ein Sa-na-to-ri-um?«, fragte Anja, sehr bemüht, das unbekannte Wort richtig auszusprechen.

»Das ist so etwas wie ein Krankenhaus, aber nur für solche, die noch richtig gesund werden müssen, aber nicht mehr im Bett zu liegen brauchen«, gab Pünktchen ihr Wissen preis.

»Kommt meine Mutti auch noch in ein Sanatorium?«, fragte Anja.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Pünktchen nachdenklich, denn gerade hatte Nick ihr erklärt, dass so ein Sanatoriumsaufenthalt sehr teuer und nur etwas für reiche Leute sei.

»Da gehts nicht so zu wie bei uns in Sophienlust«, hatte er gemeint. »Da muss jeder fest zahlen.«

»Deine Mutti kann sich auch in Sophienlust erholen«, fuhr Pünktchen fort. »Tante Isi ist da immer sehr lieb.«

»Aber sie muss doch arbeiten und Geld verdienen«, meinte Anja betrübt. »Das macht ihr große Sorgen.«

»Du machst dir aber jetzt keine, Anja«, erklärte Pünktchen fürsorglich. »Schau, es ist ein so schöner Tag. Nun lach’ doch mal ein bisschen.«

Mühsam brachte Anja ein Lachen zustande, aber in ihren Ohren war noch immer das Kreischen der Bremsen zu hören, und noch immer sah

sie ihre Mutti auf der Straße liegen. Das konnte sie einfach nicht vergessen.

Nick kümmerte sich heute besonders aufmerksam um seinen kleinen Bruder Henrik, der es nicht verschmerzen konnte, dass seine Eltern ihn nicht mitgenommen hatten.

»Was willst du denn dort«, meinte er. »Da geht es so vornehm zu mit Sektfrühstück und so’nem Tamtam. Da traut sich keiner zu reden, und kennen tun sich die Leute auch nicht.«

»Aber Mutti hat etwas von Zwillingen erzählt«, beharrte Henrik. »Das sind auch Kinder. Aber die sind dabei.«

»Und wie es scheint, werden sie uns bald beglücken«, äußerte Nick. »Jedenfalls habe ich das aus Muttis Bemerkung entnommen.«

*

Gewiss ging es bei der Einweihung ziemlich steif zu, denn die zwei Dutzend geladenen Gäste kannten einander kaum. Nur der Bürgermeister und der Apotheker aus dem Ort lockerten die Stimmung etwas, bis Helen Gröger ihren etwas unterkühlten Charme einsetzte und ihre Aufmerksamkeit den von Schoeneckers zuwandte, die wohl die attraktivsten Erscheinungen unter den Versammelten waren.

Bisher hatten sich Denise und Alexander von Schoenecker nur kurz mit Dr. Renz unterhalten können, aber dafür brachten sie Verständnis auf.

Obwohl Helen Gröger Alexander von Schoenecker mit besonderer Aufmerksamkeit bedachte, denn eine so schöne Frau wie Denise raubte ihr etwas von ihrem Selbstbewusstsein, erwies sie sich doch als umsichtige Führerin bei der Besichtigung des Sana?toriums, das Denises vollen Beifall fand.

»Wenn ich recht informiert bin, sind Sie die Besitzer von Spophienlust«, wechselte Helen Gröger plötzlich das Thema. »Dr. Renz hegt die Hoffnung, seine Zwillinge bei Ihnen unterbringen zu können. Es wäre ein Segen, für eine Zeit von den beiden befreit zu werden. Oh, ich will Sie nicht erschrecken. Es sind sonst ganz nette Kinder, aber eben schrecklich verwöhnt und augenblicklich überall im Wege.«

Bisher hatte niemand sie zu Gesicht bekommen, doch Helen Gröger schien den Teufel an die Wand gemalt zu haben, denn plötzlich waren sie da.

»Wir haben auch Hunger«, erklärten die beiden lauthals.

Allgemeines Schweigen. Dr. Renz aber geriet in Verwirrung. »Entschuldigung, meine Söhne«, sagte er hastig. »Ihr bekommt ja was.«

»Und wann, Papi? Unsere Mägen knurren.«

Geistesgegenwärtig kam Denise dem geplagten Vater zu Hilfe, bevor er in den Verdacht geraten konnte, auch ein nachlässiger Vater zu sein.

»Was möchtet ihr denn?«, fragte sie freundlich. »Aber sprecht ein bisschen leiser, sonst bringt ihr euren Papi in Verlegenheit.«

Das hatten sie nicht bedacht, und das lag eigentlich auch nicht in ihrer Absicht.

»Von dem tüfteligen Zeug mögen wir nichts«, flüsterte Claudius. »Im Kühlschrank gibt es Schinken und Wurst, das mögen wir lieber. Vielleicht fressen die Leute das auch noch weg.«

»Psst«, machte Denise, »ich spreche schnell mal mit eurem Papi.«

Sie tat es, und die Zwillinge, die wohl doch das Gefühl hatten, mal wieder ins Fettnäpfchen getreten zu sein, folgten ihr widerspruchslos, als sie kurz darauf deren Hände ergriff und sie dem verblüfften Kreis der Gäste entführte.

»Darf man nicht mal mehr sagen, dass man Hunger hat?«, begehrte Claudius auf.

»Natürlich dürft ihr das. Aber wenn euer Papi Gäste hat, müsst ihr das etwas leise tun.«

»Ach so«, meinte Markus, der überaus beeindruckt war von dieser wunderschönen Dame, die so freundlich mit ihnen sprach, obgleich er mit seinem Bruder doch mit voller Absicht in die Gesellschaft hineingeplatzt war. Zugeben wollten das die beiden allerdings nicht.

»Von denen ist doch gar keiner krank. Warum dürfen sie sich dann bei uns durchfuttern?«, fragte Claudius. Aber dann war er dunkelrot, weil er sich erinnerte, dass diese Dame ja auch zu den Gästen gehörte. »Verzeihung, Sie waren damit nicht gemeint«, erklärte er so höflich, dass Markus der Mund offenstehen blieb. »Die Gröger hat doch bloß ihre Leute eingeladen, damit sie angeben kann, oder …«, nun wurden auch noch seine Ohren rot, »oder gehören Sie auch zu ihren Leuten?«

»Nein, uns hat dein Papi eingeladen«, erklärte Denise.

»Unser Papi«, berichtigte Markus.

»Natürlich, euer Papi. Jetzt wollen wir uns erst mal miteinander bekannt machen, oder, noch besser, ich mache euch erst mal etwas zu essen. Danach holen wir das Bekanntmachen nach.«

Die Zwillinge zeigten ihr die Küche, die nun schon recht ordentlich aussah. Der Kühlschrank war wohlgefüllt, und Denise setzte Wasser für die Würstchen auf.

»Ab morgen kriegen wir das Essen von drüben«, erklärte Claudius. »Das wird ein schöner Fraß sein, wenn die Gröger zu bestimmen hat.«

Mit Ermahnungen war den beiden wohl nicht so schnell beizukommen. Also versuchte es Denise mit Nachsicht.

»Was habt ihr eigentlich gegen Fräulein Dr. Gröger?«, fragte sie.

Die Jungen überlegten. »Dass sie so tut«, begann Claudius, »als würde alles ihr gehören.« Markus ergänzte: »Und Papi auch. Uns kann sie nämlich nicht riechen.«

»Wir sie auch nicht«, stellte Claudius fest.

Das war eine sehr deutliche und verständliche Erklärung. Mehr brauchte Denise vorerst nicht zu wissen.

Sie wartete ab, bis die Kinder ihren Hunger gestillt hatten. Das dauerte eine Weile, denn sie verdrückten

eine hübsche Portion. Ihrem Appetit schien der Gedanke an Fräulein Dr. Gröger jedenfalls nicht abträglich zu sein.

»Warum sind Sie eigentlich so nett zu uns, Frau von Schoenecker?«,

fragte Claudius, dem nicht nur die Dame, sondern auch der Name imponierte.

»Warum sollte ich nicht nett sein? Ihr seid doch auch nett zu mir«, erwiderte Denise mit ihrem reizenden Lächeln, dem niemand widerstehen konnte.

»Wirklich?« Die Zwillinge sahen sich fragend an. »Waren wir denn nett?«

»Ihr müsst wissen, dass ich mit sehr vielen Kindern zu tun habe«, erklärte Denise diplomatisch. »Mit lebhaften und stillen, mit naseweisen und ganz verschlossenen.«

»Wie viel haben Sie denn?«, fragte Markus staunend.

»Vier eigene und zwanzig im Kinderheim.«

Denise wartete auf die Wirkung dieser Worte. Doch zuerst folgte ein langes Schweigen, das sie bedenklich stimmte.

»Sie haben ein Kinderheim?«, fragte Claudius endlich staunend, während Markus ungläubig den Kopf schüttelte.

Wieder folgte ein langes Schweigen.