Ich glaube, weil ... - Manfred Klink - E-Book

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Manfred Klink

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Beschreibung

Ich glaube … Weil … Ich glaube (lat. credo) – mit diesen Worten beginnt der zentrale verbindliche Text, der die wesentlichen christlichen Glaubenssätze in sich vereinigt: das apostolische Glaubensbekenntnis. Vor eineinhalb Jahrtausenden entstanden, ist es allen großen christlichen Kirchen gemeinsam und seine Aussagen bilden auch heute noch für viele Christen die feste Grundlage ihres Lebens. Doch wie zeitgemäß ist dieser überlieferte und über die Jahrhunderte bewahrte Text für das heutige Christentum? Kann er dem Einzelnen auch noch in unserer modernen Welt des 21. Jahrhunderts Orientierung und Sicherheit bieten? Wie verhalten sich „Wissen“ und „Glauben“ zueinander? Und wie ist es um die im Bekenntnistext angemahnte Einheit der Kirche Christi bestellt? Ich glaube, weil – so beginnt Manfred Klink sein ganz persönliches Credo, mit dem er sich selbst Rechenschaft darüber ablegt, was er meint, wenn er heute das Glaubensbekenntnis betet. Der katholische Laienchrist setzt sich dabei tiefgründig mit den Inhalten seines Glaubens im Kontext unserer Zeit auseinander. Seine Abhandlung mündet schließlich in die Frage, welche Aufgabe der Kirche in der heutigen Welt zukommt. Gesellschaftsrelevant könne diese nur sein, wenn sie der Gegenwart, den Lebensumständen der Menschen und den sich ständig verändernden gesellschaftlichen Bedingungen Rechnung trägt und mit Entschiedenheit die Ökumene vorantreibt, so sein Fazit – ganz im Sinne des apostolischen Glaubensbekenntnisses. Ein anregender Exkurs, der den Leser dazu einlädt, mit dem Bekenntnistext ebenfalls neu in den Dialog zu treten!

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Seitenzahl: 230

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Vorwort

Ich glaube …

Weil …

Der Konflikt zwischen »glauben« und »wissen«

Die fließende Grenze zwischen »glauben« und »wissen«

Gesetzmäßigkeiten als Kennzeichen allen Seins und die Notwendigkeit ihres Ursprungs in Gott

Der eine Auftrag des Menschen: Offenbarung empfangen

Der andere Auftrag des Menschen: in Freiheit (als Individuum) Zukunft bewältigen (Welt gestalten)

Die Evolution des Universums und der Welt als Planablauf göttlicher Offenbarung

Das Selbst in jeder originalen individuellen menschlichen Gesamtstruktur als einmalige, unwiederholbare treibende Kraft des Schöpfungsplanes

Die beiden Komplexe »Schuld« und die notwendige göttliche Hilfe durch das Phänomen »Liebe« in Jesus Christus, Gottes eingeborenem Sohn

Die Offenbarung Gottes durch die bedeutenden Gestalten des Alten Testaments und durch Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn.

Die Kirche Christi als Medium der Offenbarung auf dem Weg zur Einheit, um die Christus den Vater bittet.

Vorwort

Diese Schrift soll weder als eine theologische noch als eine philosophische oder wissenschaftliche Abhandlung aufgefasst werden, sondern ist die Darstellung der gedanklichen Welt eines Laienchristen in unserer Zeit.

Ich habe sie zunächst für mich geschrieben, um mir selbst über meinen Glauben Klarheit zu verschaffen und um mir Rechenschaft über das zu geben, was ich meine, wenn ich das Glaubensbekenntnis bete.

Wir Christen vollziehen die seit Jahrhunderten bestehenden Gebete und rituellen Abläufe, zu denen ich mich durchaus bekenne, ohne uns der Inhalte, für die sie stehen, in vollem Umfang bewusst zu werden, was allmählich zu einem Sinn- und Wertverlust führen kann, zumal wir ein eskalierendes Auseinanderdriften der Welt des Glaubens und der Lebenswirklichkeit unserer Zeit beobachten müssen.

Die Bewegung weg von der Kirche (den Kirchen), die in den letzten Jahrzehnten immer stärkere Ausmaße angenommen hat, hat meines Erachtens auch in dem oben beschriebenen Missverhältnis ihre Ursache. Die Inhalte unseres Glaubens werden mehr oder weniger formelhaft in sich ständig wiederholenden sprachlichen Formulierungen, die nach den Vorstellungen längst vergangener Zeiten gebildet wurden und sich bis in unsere Zeit tradiert haben, an die Menschen der Gegenwart herangetragen, die mit ihnen und eben auch mit deren Inhalten wenig anzufangen wissen.

Ich bin in meinen Ausführungen der Frage nachgegangen, warum ich glaube, und habe eine Antwort zu geben versucht, die sich, so sehe ich es, mit allen in unserer Zeit möglichen christlichen Glaubenshaltungen vereinbaren lässt.

Es war mir sehr daran gelegen, die Inhalte unseres Glaubens mit den Vorstellungen unserer Zeit in Einklang zu bringen.

Mir hat die gedankliche Auseinandersetzung, aus der diese Schrift hervorgegangen ist, sehr geholfen. Möglicherweise kann ihre Lektüre auch anderen Menschen helfen.

Manfred Klink

Ich glaube …

an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen,

der alles geschaffen hat, Himmel und Erde,

die sichtbare und die unsichtbare Welt.

Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn,

aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht,

wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen,

eines Wesens mit dem Vater;

durch ihn ist alles geschaffen.

Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen,

hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist

von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.

Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,

hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden

nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel.

Er sitzt zur Rechten des Vaters

und wird wiederkommen in Herrlichkeit,

zu richten die Lebenden und die Toten;

seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Ich glaube an den Heiligen Geist,

der Herr ist und lebendig macht,

der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,

der mit dem Vater und dem Sohn

angebetet und verherrlicht wird,

der gesprochen hat durch die Propheten,

und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.

Ich bekenne die eine Taufe

zur Vergebung der Sünden.

Ich erwarte die Auferstehung der Toten

und das Leben der kommenden Welt. Amen.

Weil …

Die Aussagen dieses Glaubensbekenntnisses sind für mich die Grundlage meiner Existenz. Ich habe mich seit meiner Kindheit mit den Begriffen und Vorstellungen, die diese Aussagen beinhalten, intensiv auseinandergesetzt. Sie haben für mich stets ihre Gültigkeit behalten. Die Krisen meines Lebens waren eigentlich nie Glaubenskrisen.

Besonders in den letzten Jahren hat sich in mir das Bewusstsein herausgebildet, dass mein Leben ohne diese Aussagen keinen Sinn hätte. Nicht dass ich Grund hätte, mit meinen Lebensumständen unzufrieden zu sein! Ich muss mich sogar als einen in sehr glücklichen Umständen lebenden Menschen betrachten.

Nur sehe ich für mich als Individuum wirklich keinen Sinn darin, fünfzig, sechzig, siebzig, achtzig Jahre lang ein Maß Glück, jedoch auch viel Leid, Angst, Unsicherheit, Entbehrungen, Krankheiten, Schuld zu durchleben, lediglich um dann zu sterben. Ich glaube nicht, dass mir dies um eines auf dieses Dasein, auf unser Leben, bezogenen Wertes willen als sinnvoll erscheinen könnte.

Nicht die Entwicklung der Menschheit, nicht die Entwicklung unserer Gesellschaft, nicht die Wissenschaft, der Fortschritt, nicht einmal die Kunst stellen Werte dar, die mich dazu bewegen könnten, dieses Leben als für sich absoluten Wert anzunehmen. Dies alles hätte für mich keinen Sinn, wenn ich nicht davon ausginge, dass alles Existierende über sich selbst hinausweist und hinausreicht.

Ich nähme mein Leben sicher an aus Verantwortung gegenüber den Menschen, die ich liebe, die mir anvertraut sind, jedoch aus keiner anderen Motivation heraus. Auch darin fände ich keinen wirklichen Sinn, wenn ich nicht dessen sicher wäre, dass mein Dasein und das Dasein überhaupt auf ein absolutes Ziel hin gerichtet sind.

Ein solches Ziel finde ich in diesem Credo dargestellt. Zwar wünsche ich mir, dass die Aussage »die eine heilige, katholische und apostolische Kirche« so bald wie möglich durch »die eine Kirche Christi« ersetzt wird – ich verstehe nicht, dass sich die Kirchen nicht wegen ihrer Uneinheit, die der Betrachter allmählich als lächerliche Pervertierung des Anliegens Christi ansieht, vor Gottes Zorn fürchten –, doch als Ganzes bedeutet dieses Credo für mich den Angelpunkt meines Lebens.

Nun könnte man meinen, ich sollte es bei diesen bekennenden Sätzen bewenden lassen, sie seien von einer blinden Hörigkeit gegenüber einer dogmatischen Instanz geprägt, sie würden der Problematik nicht gerecht, die sich aus den Aussagen des Credos für uns heutige Menschen ergibt, aus ihnen spreche lediglich der Wunsch nach einer Sinngebung, sie seien nicht das Ergebnis einer wirklichen Auseinandersetzung und infolgedessen oberflächlich und irrelevant.

Ich möchte im Folgenden darlegen, dass die ihnen zugrunde liegende Sichtweise das Ergebnis von Denk- und Empfindungsvorgängen, von Lebenserfahrungen ist, die über das rein Kirchlich-Christliche weit hinausgehen, dass sie einen geistigen Hintergrund hat, der in unserer Zeit verwurzelt ist, dass sie durchaus die Sichtweise eines Menschen von heute sein kann.

Natürlich bilden die Aussagen des Glaubensbekenntnisses lediglich ein mehr oder weniger abstraktes Gerüst in meinem Bewusstsein, das durch unsere Zeit und die in ihr geltenden Inhalte geprägt ist. Ich als Christ meiner Zeit fühle mich in jedem Augenblick herausgefordert, die Inhalte unserer Zeit in dieses Gerüst zu transferieren oder umgekehrt, das Gerüst in die Inhalte unserer Zeit einzubinden.

Die Kirchen haben es, aufs Ganze gesehen, leider versäumt, diesen Vorgang mitzuvollziehen. Sie hätten die Vorstellungen, die das Glaubensbekenntnis enthält, in einem kontinuierlichen Prozess mit den Inhalten einer jeden Zeit in Übereinstimmung bringen müssen. Stattdessen haben sie sie rückwärtsgewandt gehalten und es so den Menschen, die sie ansprechen wollten, in zunehmendem Maße schwieriger gemacht, sie zu verstehen.

Als Christen sind wir heute in eine Zeit gestellt, deren Wesen in sich ständig steigernder Weise durch Erkenntnisse und Transparenz auf allen Gebieten sowie durch hochqualifizierte Technik bestimmt ist, und haben immer mehr in einem Spannungsfeld zu leben, das sich einerseits aus den auf Wissen beruhenden Anforderungen der modernen Gesellschaft, andererseits aus den Inhalten und Vorstellungen des Glaubensbekenntnisses ergibt.

Wenn diese Angelpunkt unseres Lebens bleiben sollen, müssen wir sie in unsere Lebenswirklichkeit einbringen, sonst geraten wir in einen unheilvollen Zwiespalt, den wir auf die Dauer nicht ertragen können.

Der Konflikt zwischen »glauben« und »wissen«

»Glauben« und »wissen« sind die beiden Steuerungsfaktoren unseres Bewusstseins, und das oben angesprochene Spannungsfeld ist gekennzeichnet durch immerwährenden Konflikt zwischen den beiden. »Glauben« und »wissen« sind innermenschliche Vorgänge, die in unserer geistigen Struktur verankert sind, und zwar in gleicher Weise. Sie haben für unsere Bewusstseinsbildung den gleichen Wert. Leider hat man sie zu lange als in einem scheinbaren Gegeneinander stehend gesehen, und der Konflikt, von dem ich eben sprach, von dem wir Christen am intensivsten betroffen sind, ist eigentlich ein unnötiger, denn die beiden Vorgänge sind durchaus nicht unvereinbar, ja, sie können sogar hilfreich miteinander wirken, wenn man sie nur in ihrem Wesen erkennt und ihrer Funktion gemäß agieren lässt.

Nun scheint es heute schwerer denn je, mit diesem unnötigen Konflikt umzugehen, der ja auch ein Konflikt zwischen der Theologie einerseits und den Naturwissenschaften und der Philosophie andererseits ist. Er hat sich in den letzten Jahrhunderten verschärft, und die Misere unserer Zeit ist letzten Endes zum Teil aus diesem historischen Vorgang zu erklären, jener Bewegung, die seit der Renaissance durch ein Auseinanderdriften von der Theologie (als Vermittlerin von Glaubensinhalten) und der Philosophie sowie den Naturwissenschaften (als Vermittlerin des Daseins durch wissende Erkenntnis) gekennzeichnet ist. Eine Einheit der beiden Vorstellungsbereiche bestand noch zur Zeit der Scholastik mit ihren bei den großen Vertretern Albertus Magnus und Thomas von Aquin. Die Scholastiker waren noch Theologen und Philosophen sowie Naturwissenschaftler zugleich. Seit dem 15./16. Jahrhundert fand dann diese Trennung von Theologie und Philosophie statt, die uns diesen meines Erachtens unnötigen Zwiespalt eingebracht hat.

Der Vorgang »wissen« hat in den letzten Jahrhunderten, in den letzten Jahrzehnten, in den letzten Jahren in einer sich ständig steigernden Weise quantitativ und qualitativ zugenommen und an Bedeutung gewonnen. Der Mensch wurde immer stärker auf »wissen« hin ausgerichtet und von »wissen« abhängig, so dass der Vorgang »glauben« in dem Bewusstsein der Menschen verdrängt wurde. Es scheint so, als könne sich der Mensch »glauben« nicht mehr leisten, als sei ihm die Fähigkeit zu »glauben« abhandengekommen.

Dabei gehört »glauben« als der andere Steuerungsfaktor unseres Bewusstseins, wie ich schon darlegte, in gleicher Weise zu unserem Wesen, zu unserer menschlichen Natur wie »wissen«. Beide stehen sogar in einem engen Zusammenhang miteinander, das eine ist ohne das andere gar nicht zu denken. Und ihre Funktion ist eng verbunden mit unserem Erkenntnishorizont zu sehen, der die Grenzlinie zwischen beiden bildet.

Alle Vorgänge, die innerhalb unseres Erkenntnishorizontes liegen, werden von uns »gewusst«. Es sind dies Vorgänge oder Sachverhalte, die beobachtet, belegt, bewiesen werden können. Sie werden von unseren Sinnen wahrgenommen, von unserem Verstand erfasst, begriffen und eingesehen, von unserem Urteilsvermögen eingeordnet und in Zusammenhänge gebracht. Vorgänge und Sachverhalte, die außerhalb unseres Erkenntnishorizontes liegen, die (noch) nicht gewusst werden, können von uns vermutet, angenommen, vorausgesetzt, geglaubt werden.

Nun findet »glauben« immer ausgehend von »wissen« statt, es gründet sich auf Vorgängen oder Sachverhalten, die innerhalb unseres Erkenntnishorizontes liegen, auf Erkenntnissen, die wir gewonnen haben. Ohne die geistigen Tätigkeiten aus dem Wortfeld »glauben« wären wir nicht in der Lage, über unseren Erkenntnishorizont hinauszugehen, ihn schließlich zu erweitern, ohne sie wären wir wie die anderen Lebewesen eingebunden in die Grenzen, die durch die Triebe und den Instinkt gesetzt sind. Erkenntnis wäre uns nicht möglich.

Ein solcher Erweiterungsvorgang geht also von dem aus, was wir »wissen«. Unsere Erkenntnisse geraten in ein Kombinationsspiel, indem wir mit ihnen, die ja innerhalb unseres Erkenntnishorizontes erprobt, belegt, bewiesen sind, außerhalb etwas konstruieren, was wiederum unseren durch sie gewonnenen Vorstellungen entspricht. Diese Konstruktionen jenseits unseres Erkenntnishorizontes im Bereich »glauben« werden an der Wirklichkeit erprobt, belegt, bewiesen, und falls sie der Wirklichkeit standhalten, in den Bereich »wissen« hereingeholt, so dass dieser erweitert wird.

Der eben beschriebene Vorgang ist der Steuerungsvorgang menschlicher Existenz und damit der Evolution des Geistes. Wir sehen, wie »glauben« und »wissen« in bilateraler Weise an der Erweiterung unseres Erkenntnishorizontes beteiligt sind und wie gleichberechtigt und gleichwertig sie in unseren geistigen Strukturen angelegt sind.

So sind wissenschaftliche Experimente und die Hypothesen, auf denen sie beruhen, Akte aus dem Bereich »glauben«, bis sich durch ihr Gelingen die Hypothese als der Wirklichkeit entsprechend erweist. Erst durch vielfache Wiederholung und Überprüfung wird aus der Annahme Gewissheit, aus »glauben« »wissen«.

Was wir Bewältigung der Zukunft nennen, ist nur durch das Zusammenspiel dieser beiden Steuerungsfaktoren möglich, und es ist unzulässig, dem Vorgang »wissen« eine größere Bedeutung einzuräumen als dem Vorgang »glauben«. Umgekehrt ist es nicht zulässig, dem Vorgang »glauben« eine größere Bedeutung beizumessen als dem Vorgang »wissen«, denn nur wenn beide in gleicher Weise in uns tätig sind, ist es uns möglich, die uns als Menschen gestellten Aufgaben zu erfüllen.

»Glauben«, das heißt über unseren Erkenntnishorizont hinaus annehmen, für gewiss halten, für wahr halten, bedarf letzten Endes auch unserer Erkenntnisse, ja unserer Erkenntnisse a priori, denn sie sind es, die den oben beschriebenen Vorgang der Erweiterung unseres Erkenntnishori zontes veranlassen und regeln, der eigentlich ein Hinausprojizieren unserer Erkenntnisse in den Bereich des Nicht-Gewussten ist. Erkenntnisse (aus dem Bereich des Gewussten) veranlassen uns zu gezielten Experimenten, die wiederum zu neuen Erkenntnissen führen.

Nun scheint hier ein Unterschied in der Sache zu bestehen; man könnte es als nicht gerechtfertigt ansehen, wenn ich das Beispiel des wissenschaftlichen Experiments aufgrund der Annahme von Gesetzmäßigkeiten jenseits unseres Erkenntnishorizontes mit dem Vorgang »glauben« im religiösen Sinne gleichsetze, mit dem Glauben an Gott. Von den Strukturen unseres Bewusstseins her (annehmen, für wahr halten, »glauben« mit Blick auf Sachverhalte außerhalb unseres Erkenntnishorizontes) kann ich keinen Unterschied erkennen.

Gott ist nicht innerhalb unseres Erkenntnishorizontes. Er lässt sich nicht durch Beweise erkennbar machen. Zwar deutet vieles auf seine Existenz hin (das, was uns als »Sein« vorliegt, von dem wir die Vorstellung »Schöpfung« haben, sowie die Offenbarung des Alten und Neuen Testaments), wir können ihn in unserem Leben als ihm Vertrauende, ihn Liebende, sich nach ihm Sehnende, als Menschen, denen er Gnade erweist, die seine Liebe spüren, erfahren; doch er selbst bleibt uns unsichtbar, entzieht sich unserer direkten Erkenntnis. Und die Theologie stellt sich uns als eine Kette von Gottesfindungen dar, die auf in sich schlüssigen Argumentationssequenzen basieren, in ihrem letzten Schritt allerdings auf rationale Beweisführung verzichten müssen.

Insofern liegt das gleiche Verhaltensmuster vor: »glauben« als das Fürwahrhalten von Vorstellungen außerhalb unseres Erkenntnishorizontes aufgrund von Erfahrungen innerhalb.

Und auch in der Sache habe ich keine Bedenken: Wissenschaftliches Forschen hat immer, gleichgültig aus welcher Motivation heraus geforscht wird, Offenbarungscharakter. Jedes Entdecken neuer Zusammenhänge, bis dahin unbekannter Gesetzmäßigkeiten deckt uns bis zu dem betreffenden Zeitpunkt unbekannte Qualitäten des Geistes Gottes auf, bringt uns Gott näher.

Alle Wissenschaften beschäftigen sich ausschließlich mit dem, was Gott hat werden lassen, was er geschaffen hat, mit den Gesetzmäßigkeiten, die hinter dem, was existiert, stehen, das heißt mit dem Wesen Gottes.

Wir sehen aus diesem Blickwinkel, wie eng verwandt miteinander die Theologie und die Wissenschaften sind und wie bedauerlich es ist, dass sie sich voneinander getrennt haben und, von der Ideologie her, konträre Wege gegangen sind. In Wirklichkeit bemühen sich beide um das Gleiche, um Gott und sein Wirken im Universum und in der Welt.

In seinem Brief an die Römer schreibt Paulus (1,18–21) im Hinblick auf die Erkenntnis Gottes und den Glauben an ihn: »Gottes Zorn enthüllt sich vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen. Ist doch, was sich von Gott erkennen lässt, in ihnen offenbar; Gott selbst hat es ihnen kundgetan. Denn sein unsichtbares Wesen, seine ewige Macht und Göttlichkeit sind seit Erschaffung der Welt an seinen Werken durch die Vernunft zu erkennen. Sie sind darum nicht zu entschuldigen, weil sie trotz ihrer Erkenntnis ihn nicht als Gott verherrlichten.«

Hier ist Offenbarung angesprochen, die mit Hilfe des Verstandes, der Vernunft zum Glauben an Gott und zu seiner Verherrlichung führen soll. »Verstand, Vernunft werden im kirchlichen Sprachgebrauch kaum unterschieden; hier bezeichnen beide Worte das geistige Erkenntnisvermögen des Menschen …« (Rahner/Vorgrimler, Kleines Theologisches Wörterbuch).

Paulus beschreibt hier jenes Zusammenspiel der beiden Steuerungsfaktoren unseres Bewusstseins bemerkenswert genau hinsichtlich ihrer Funktion. Es ist von »erkennen« und »Erkenntnis« die Rede, die Ratio, das Erkenntnisvermögen, wird hier in einem engen Zusammenhang mit Offenbarung gesehen.

Paulus spricht von einer Forderung Gottes an uns Menschen, die von Anfang an gegeben ist (»seit Erschaffung der Welt«), nämlich Offenbarung durch die Erkenntnis seiner Werke zu empfangen. Dies ist eine Offenbarung, die also weit vor der alttestamentarischen und neutestamentarischen Offenbarung anzusetzen ist. Man gewinnt den Eindruck, dass hier der Offenbarungsvorgang mit Hilfe des Verstandes als der ursprüngliche, eigentliche angesehen wird und dass die beiden anderen als notwendige zusätzliche Hilfen von Anfang an gedacht und eingeplant sind, deswegen, weil in der geistigen Struktur des Menschen zwar die Fähigkeit zu diesem Offenbarungsvorgang (durch die Vernunft), aber auch die Möglichkeit des Versagens angelegt sind.

Eine andere Textstelle aus dem Johannesevangelium geht auf das gleiche Problem ein. Hier spricht Christus zu Nikodemus (Joh. 3,11): »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Was wir wissen, reden wir, und was wir gesehen haben, bezeugen wir. Ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. Wenn ich von irdischen Dingen zu euch geredet habe und ihr glaubt nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich von den himmlischen Dingen zu euch rede?« Auch diese Textstelle ist sehr aufschlussreich, hier steht ebenfalls »wissen«, »sehen« vor bezeugen, »glauben«.

Aus Christi Worten spricht die Erwartungshaltung: Glaube kann durch »irdische Dinge«, das heißt durch Zusammenhänge in der sichtbaren Welt, durch das, was geschaffen ist, durch die Schöpfung, hervorgerufen werden. Es spricht aber auch die Enttäuschung darüber aus ihnen, dass die Menschen in dieser Hinsicht versagen, und auch die bange Sorge, dass auch das Reden von den »himmlischen Dingen« nicht zum Erfolg führen könnte.

Die beiden Steuerungsfaktoren unseres Bewusstseins »wissen« und »glauben« haben sich in uns zu sehr voneinander getrennt. Uns ist dieses Abhängigkeitsverhältnis, in dem die beiden zueinander stehen, nicht so recht bewusst, dass z. B. unser Leben in die Zukunft ein von »Wissen« gesteuertes »Glauben« ist, dass unser Dasein insgesamt von diesem Wechselspiel geprägt ist.

Es scheint mir eine fatale Entwicklung zu sein, dass die Theologie einerseits und die Philosophie mit den Naturwissenschaften andererseits im Laufe der Zeit jeweils überwiegend nur das eine (»glauben«) oder das andere (»wissen«) für sich in Anspruch genommen haben. Dadurch wird, was die Theologie (die Religion) anbetrifft, eine Fähigkeit des Menschen, nämlich Erkenntnisse zu machen mit Hilfe des Verstandes und der Vernunft, außer Kraft gesetzt, sobald es um das Verhältnis des Menschen zu Gott geht. Und man hat den Eindruck, dass die Theologie (die Kirchen) hinsichtlich dieses Verhältnisses den Versuch, Erkenntnisse mit Hilfe des Verstandes und der Vernunft zu erwerben, als verwerflich hinstellt. Der Zugang zu Gott sei nur durch »glauben« möglich, und »glauben« habe mit dem durch den Verstand gesteuerten Vorgang »wissen« nichts zu tun.

Die Naturwissenschaften und die Philosophie hingegen lassen, indem sie sich allein auf den Vorgang »wissen« stützen, den anderen notwendigen Steuerungsfaktor der menschlichen Bewusstseinsbildung außer Acht und übersehen dabei, wie sehr sie in ihrem Fortkommen auf Vorgänge aus dem Bereich »glauben« angewiesen sind.

Theologen, die zugleich Naturwissenschaftler sind, und Wissenschaftler sowie Philosophen, die einer Religionsgemeinschaft zugehören, geraten hinsichtlich dieses Umstandes in einen schizophrenen, lächerlich anmutenden Zustand: Als Theologen oder als religiös orientierte Menschen vollziehen sie den Vorgang »glauben«, als Wissenschaftler halten sie sich an dem Vorgang »wissen« fest. Das eine schließt bei derartigen Einstellungen des Bewusstseins das andere aus, ein wahrhaft gespaltener Zustand!

Dabei ist unser Bewusstsein doch als eine Einheit geschaffen, und eine derartige Spaltung kann nicht im Sinne des Schöpfers sein.

Dieser Zustand betrifft uns alle in gleicher Weise. Denn wir sind heute als Christen in zunehmendem Maße dem Wissen und der Wissenschaft verpflichtet, in einer Weise, wie es zu keiner Zeit der Fall war. Ständig müssen wir diesen unnötigen Konflikt mit uns herumtragen und unser Bewusstsein, je nachdem, in welchem geistigen Umfeld wir uns befinden, einstellen. Ich gehe davon aus, dass dieser eigentlich unerträgliche und unzumutbare Umstand die Schuld daran trägt, dass so viele Menschen sich von den Kirchen abwenden. Sie sehen sich nicht in der Lage, einen solchen Verhaltensbruch auf Dauer mit sich herumzutragen.

Um nicht nach der einen oder anderen Richtung hin borniert zu sein, sollten wir die Einheit in unserem Bewusstsein wiederherstellen und mit viel Umsicht und geistiger Wendigkeit die Aufgabenbereiche von »wissen« und »glauben« in unserem Bewusstsein ausloten und das Gleichgewicht zwischen den beiden in einem immerwährenden Prozess erhalten.

Die einheitliche Wirklichkeit in uns, um die es dabei geht, lässt zugleich – und dies muss ich immer wieder betonen – auch unsere Begrenztheit sichtbar werden. Denn der Vorgang »wissen« gibt zwar Sicherheit in der Erkenntnis, bedeutet aber Begrenztheit durch die Grenze des Erkenntnishorizontes. Der Vorgang »glauben« hebt zwar diese Begrenztheit auf, indem er den Raum des Nicht-Gewussten öffnet, erfordert aber eine andere Sicherheit, als sie uns durch Erkenntnis vermittelt wird. Es ist die Sicherheit eines inneren Dranges, die sich aus der Notwendigkeit ergibt, das Leben zu bewältigen, das Unbekannte zu erforschen, sich Gott näherzubringen.

Begrenztheit ist eine der wesentlichen Gegebenheiten unserer menschlichen Existenz (wobei zu unterscheiden ist zwischen »begrenzt« und »borniert«; das eine ist wesensbedingt, das andere ist selbstverschuldet). Es ist für uns Menschen unumgänglich, dass wir uns zu dieser Begrenztheit bekennen, denn sie ist in unser Wesen eingebunden, auch als Triebfeder. Sie hält den Prozess der Erweiterung unseres Erkenntnishorizontes und damit die geistige Evolution aufrecht.

Wie ich oben aufzeigte, ist es seit der Renaissance zu einer Trennung zwischen der Theologie einerseits und der Philosophie andererseits gekommen, in deren Verlauf sich die Naturwissenschaften auf die Seite der Philosophie schlagen mussten, weil die Theologie und mit ihr die Kirchen nicht in der Lage waren, die umwälzenden Erkenntnisse, die auf allen Gebieten in dieser Zeit gemacht wurden, nachzuvollziehen und mitzutragen, obwohl die meisten Vertreter der Philosophie und der Wissenschaften zunächst aus ihrem eigenen Umfeld stammten. Ja, es muss angenommen werden, dass man dies auch nicht wollte. Die Theologie und die Kirchen haben in dieser Zeit in schuldhafter Verstrickung den geistigen Fortschritt, die Evolution des Geistes, von der ich annehme, dass sie von Gott gewollt ist, aus der Hand gegeben. Die Theologie, die Kirchen hätten die Entfaltung der Philosophie und der Wissenschaften von sich aus in Gang setzen können; dann wäre die Welt des philosophischen und wissenschaftlichen Geistes in ihrem Umfeld geblieben, und es wäre nicht zu der unheilvollen Konfrontation beziehungsweise zu dem desinteressierten Nebeneinander gekommen, von denen seither, bis in unsere Zeit hinein, das Verhältnis zwischen den beiden Blöcken geprägt ist. Stattdessen haben damals eine unkluge Unbeweglichkeit, Starrheit und ein Mangel an Gutwilligkeit und Einsicht das Verhalten der Theologie und der Kirchen bestimmt.

Wie wenig Einsicht und Beweglichkeit seitens der katholischen Kirche, zu der ich mich durchaus bekenne, die sich aber der kritischen Haltung vieler ihrer Mitglieder zu etlichen Punkten in freimütiger Auseinandersetzung stellen muss, jahrhundertelang vorgelegen hat, lässt sich aus der Tatsache ablesen, dass erst kürzlich die Erkenntnisse Galileo Galileis hinsichtlich unseres Sonnensystems offiziell vom Vatikan für richtig erklärt wurden.

Mehr als dreieinhalb Jahrhunderte hat diese Einsicht auf sich warten lassen. Was Galilei damals mit Hilfe seines genialen Forschergeistes erkannt hat, ist seit langem Gemeinplatz geworden, jedes Kind lernt es bereits in der Grundschule, modernes Leben ist ohne diese Erkenntnis nicht denkbar. Galilei wurde 1633 von der Inquisition gezwungen, seine der Wirklichkeit entsprechenden Erkenntnisse faktisch als nicht der Wirklichkeit entsprechend hinzustellen. Erst in unserer Zeit hat sich die katholische Kirche dazu durchgerungen, ihr Fehlurteil zu widerrufen und damit ihr Fehlverhalten einzugestehen.

Dieser unglaubliche Vorgang zeigt überdeutlich das Missverhältnis zwischen der Theologie (der Kirche) und den Wissenschaften auf; es ist letzten Endes auch das Missverhältnis zwischen »glauben« und »wissen«, von dem ich oben gesprochen habe, das sich hier in eklatanter Weise zu erkennen gibt.

Es ist höchste Zeit, dass das verloren gegangene Miteinander, das Zusammenwirken von Theologie und Philosophie sowie den Naturwissenschaften, in einer neuen, unserer Zeit entsprechenden Form wiederhergestellt wird, damit »glauben« heute aus den Denk- und Empfindungsstrukturen dieser unserer Zeit heraus erfolgt.

Gerade heute können die Naturwissenschaften, indem sie die Wunderwerke des göttlichen Geistes aufdecken (offenbaren), den Vorgang »glau ben« herausfordern. Mir scheint sogar, dass »glauben« das notwendige letzte Ziel von »wissen« sein kann und vielleicht auch sein muss. Denn je weiter sich unser Erkenntnishorizont ausdehnt, desto größere unbekannte Räume tun sich hinter seiner jeweiligen Grenze auf, und es hat den Anschein, dass der Wissende vor der Fülle des Ungewussten hinter dem Erkannten den anderen Steuerungsfaktor des Bewusstseins, »glauben«, zu Hilfe nehmen muss.

Die fließende Grenze zwischen »glauben« und »wissen«

Nun scheint mir heute, mehr als in früheren Zeiten, die Möglichkeit gegeben zu sein, durch eine eigentlich geringe Korrektur unseres Denkens, die übrigens längst fällig ist, »glauben« und »wissen«, Theologie auf der einen Seite, Naturwissenschaften und Philosophie auf der anderen Seite einander näherzubringen.

Unser Denken und Empfinden als Christen und als abendländische Menschen überhaupt sind bislang geprägt von einer strengen Unterscheidung zwischen »natürlichen« und »übernatürlichen« Vorgängen, zwischen dem »Diesseitigen« und dem »Jenseitigen«, zwischen »irdisch« und »überirdisch«, zwischen »Erde« und »Himmel«, zwischen den »Naturgesetzen« und »göttlichen Gesetzmäßigkeiten«.

Diese Anschauungsweise ergibt sich aus ebenjenem Konflikt zwischen den beiden Steuerungsfaktoren unseres Bewusstseins, »wissen« und »glauben«.

Die jeweils erste Vorstellung der oben genannten Begriffspaare bezieht sich auf Vorgänge, die innerhalb unseres Erkenntnishorizontes im Bereich »wissen« liegen, die jeweils zweite auf solche, die außerhalb im Bereich »glauben« liegen.

Diese Unterscheidung in unserem Denken und Empfinden geht auf Ur-Erlebnisse und Ur-Vorstellungen der Menschheit zurück. Sie hat sich in früheren Zeiten als folgerichtig und auch notwendig erwiesen. Man muss hier von einer Zweispurigkeit des Denkens und Empfindens sprechen, die sich zwangsläufig in der frühen Menschheitsgeschichte ergeben hat.

Die Menschen seit der Urzeit erlebten ihre Umwelt als eine geheimnisvolle und rätselhafte Wirklichkeit. Einen realen Bezug hatten sie nur zu der Oberfläche der Wesen und Gegenstände, mit denen sie umgingen, die ihnen freundlich oder feindlich gegenübertraten, die ihnen Nahrung oder Schutz boten oder sie abwiesen bzw. für sie Gefahr bedeuteten, die angenehme oder unangenehme Empfindungen in ihnen hervorriefen. Was hinter diesen Wesen und Gegenständen existierte, wie sie zustande kamen, wer für sie verantwortlich war, musste ihnen unbekannt und unbewusst sein. Die Lebens- und Wachstumsvorgänge in der Natur und in ihrem eigenen Leben, der Zusammenhang zwischen Zeugung und Geburt, zwischen Lebenskeim und Lebewesen, die Bedeutung von Wasser und Sonne, von Tages- und Jahreszeiten, all dies war ihnen sehr lange Zeit unbekannt und unerklärlich, ebenso die außergewöhnlichen Ereignisse in der Natur, wie Blitz, Donner, Sturm, Sturmflut, Vulkanausbruch und vieles andere mehr. Alles, was vor ihnen existierte und sich ereignete, nahmen sie über ihre Sinne in sich auf bzw. gingen damit um, doch sie konnten die Zusammenhänge hinter den Wesen und Gegenständen nicht erkennen noch erklären.

Die seit Anbeginn der menschlichen Existenz drängenden Fragen nach den Ursachen und Zusammenhängen hinter der Oberfläche des Wahrnehmbaren brachten die Menschen in allen Kulturen dazu, Kausalitätszusammenhänge außerhalb ihres Erkenntnishorizontes zu konstruieren, indem sie sich Wesen mit Eigenschaften, die sie aus ihrem menschlichen Erfahrungsbereich kannten, als Mächte und Gewalten vorstellten, die von außen her auf diese Welt einwirken würden, deren Wirkungsweise ihnen aber unerfahrbar und unfassbar erschien.

So sahen sie hinter jedem Vorgang in der Natur und in ihrem eigenen Leben Dämonen, Götter, personifizierte Wesen, die hinter dem Erkennbaren stehend und mit unbegreifbarer Macht ausgestattet, die Vorgänge in der erkennbaren Welt bewirken würden.

So gab es in allen Kulturen – wir finden heute noch derartige Zustände und Umstände in vielen Bereichen unserer Welt – derartige Wesen, die für das Wachstum, die Ernte, das Leben, die Fruchtbarkeit, den Tag, die Nacht, die Sonne, den Mond, die Jahreszeiten, den Himmel, die Erde, das Feuer, das Wasser in seinen verschiedenen Erscheinungsformen, die Berge, die Bäume, die Pflanzen, die Tiere zuständig waren bzw. sind, die für die mannigfachen Veränderungen in der sichtbaren Welt, die die Menschen als lebensnotwendig und lebensbedingend erkannten, die Verantwortung zugewiesen bekamen bzw. bekommen.

Um diese Wesen sich selbst gegenüber freundlich zu stimmen, beschenkte man sie, wie man Menschen beschenkt, mit vielfältigen und unterschiedlichen Opfergaben bis hin zu Menschenopfern und dachte, so ihre Gunst zu gewinnen.