Ich hatte einmal einen Sohn - Patricia Vandenberg - E-Book

Ich hatte einmal einen Sohn E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Ostern stand vor der Tür. Isabel Schlüter saß in ihrem Zimmer und malte Ostereier an. Hübsche Bastelarbeiten standen auch überall herum, für jedes Familienmitglied eine besondere Überraschung. Die neunzehnjährige Isabel war künstlerisch sehr begabt und außerdem ein Mädchen, das gern Freude bereitete. Sie war ganz vertieft in ihre Arbeit. Die Eltern waren in der Oper, der um zwei Jahre jüngere Bruder Christian sah sich einen Fernsehkrimi an. Die kleine, erst achtjährige Stefanie schlief bereits.Jedenfalls meinte Isabel das, aber plötzlich stand die Kleine in der Tür.»Entschuldige, Isa«, flüsterte sie, »aber mir ist so schlecht. Wirklich!Rasch sprang Isabel auf. Zitternd und erschreckend blass lehnte Stefanie an der Tür.»Schnell wieder ins Bett«, sagte Isabel. »Was hast du gegessen?»Nichts«, stöhnte die Kleine, »bloß überkippt.So hatte sie es von klein auf gesagt, wenn sie sich übergeben musste.Isabel überlegte nicht lange. Sie rief den Hausarzt Dr. Wollin an, aber der machte gerade Urlaub, und seine Vertretung war eine Ärztin. Dr.

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dr. Laurin – 175 –Ich hatte einmal einen Sohn

Karin verlor ihr Kind, und dann kam Christopher

Patricia Vandenberg

Ostern stand vor der Tür. Isabel Schlüter saß in ihrem Zimmer und malte Ostereier an. Hübsche Bastelarbeiten standen auch überall herum, für jedes Familienmitglied eine besondere Überraschung. Die neunzehnjährige Isabel war künstlerisch sehr begabt und außerdem ein Mädchen, das gern Freude bereitete. Sie war ganz vertieft in ihre Arbeit. Die Eltern waren in der Oper, der um zwei Jahre jüngere Bruder Christian sah sich einen Fernsehkrimi an. Die kleine, erst achtjährige Stefanie schlief bereits.

Jedenfalls meinte Isabel das, aber plötzlich stand die Kleine in der Tür.

»Entschuldige, Isa«, flüsterte sie, »aber mir ist so schlecht. Wirklich!«

Rasch sprang Isabel auf. Zitternd und erschreckend blass lehnte Stefanie an der Tür.

»Schnell wieder ins Bett«, sagte Isabel. »Was hast du gegessen?«

»Nichts«, stöhnte die Kleine, »bloß überkippt.«

So hatte sie es von klein auf gesagt, wenn sie sich übergeben musste.

Isabel überlegte nicht lange. Sie rief den Hausarzt Dr. Wollin an, aber der machte gerade Urlaub, und seine Vertretung war eine Ärztin. Dr. Echner hieß sie. Sie kam eine Viertelstunde später und zeichnete sich durch ein sehr selbstbewusstes Auftreten aus. Sie gefiel Isabel überhaupt nicht, und am liebsten hätte sie die Ärztin wieder weggeschickt.

Und am wenigsten gefiel ihr, dass sie gleich zu Stefanie sagte: »Na, du willst wohl die Schule schwänzen?«

»Es dürfte Ihnen wohl bekannt sein, dass Ferien sind«, sagte Isabel unwillig. »Und zum Spaß wird man in den Ferien nicht krank.«

»Ein bisschen erhöhte Temperatur«, stellte die Ärztin herablassend fest. »Nun, sie wird zu viele Süßigkeiten gegessen haben. Vor den Feiertagen schmecken die ja meist am besten.«

»Schick sie weg, Isa«, weinte Stefanie auf, »ich mag sie nicht.«

»In diesem Fall hätte man mich wohl gar nicht zu rufen brauchen«, sagte die Ärztin anzüglich.

»Ich wollte ja Dr. Wollin bitten«, erklärte Isabel.

»Er kommt nach Ostern wieder zurück. Ihre Eltern sind nicht anwesend?«

»Sie sind in der Oper.«

»Es gibt viele Kinder, die simulieren, weil sie sich vernachlässigt fühlen«, stellte Dr. Echner herablassend fest.

»Wir werden nicht vernachlässigt«, erklärte Isabel gereizt. »Wenn Sie keine Diagnose stellen können, dürfte sich Ihr Besuch erledigt haben.«

»Es gibt wahrhaftig dringendere Fälle«, erwiderte die Ärztin und entschwand mit kühlem Gruß.

Isabel wandte sich der kleinen Schwester zu, die jetzt heiße Wangen bekommen hatte und noch mehr zitterte.

»Wo tut es denn weh, Steffi?«, fragte sie behutsam.

»Der ganze Bauch, aber ich habe nichts Süßes gegessen. Mir ist so schlecht, Isa.«

Da erschien Christian. »Was ist denn los? Was war das für eine Ziege?«, fragte er.

»Vertretung von Dr. Wollin. Steffi ist übel, Chris, aber diese arrogante Person hat nichts festgestellt. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«

»Kamillentee«, sagte Christian. »Das hilft immer.«

Aber in dem Moment stöhnte Stefanie auf und krümmte sich vor Schmerzen.

»Ja, was ist denn, Pützelchen?«, fragte Christian erschrocken, doch über Stefanies Gesicht rannen jetzt nur noch heiße Tränen.

»Wir bringen sie in die Prof.-Kayser-Klinik«, sagte Christian. »Mach den Wagen flott, Isa. Dr. Hillenberg hat Nachtdienst, das weiß ich. Der wird ihr schon helfen können.«

Isabel zögerte nicht mehr. Sie holte ihren Wagen aus der Garage. Christian hüllte die kleine Schwester in eine warme Decke und trug sie hinaus. Er setzte sich mit ihr auf den Rücksitz und behielt sie im Arm. Zehn Minuten später waren sie in der Prof.-Kayser-Klinik. Nicht nur Dr. Hillenberg war auf der Chirurgischen Station anwesend, auch der Chefarzt Dr. Sternberg, und es dauerte nicht lange, da lag Stefanie schon im Operationssaal.

»Blinddarm«, hatte Dr. Sternberg nur kurz gesagt und war rasch verschwunden. Die Geschwister sahen sich entsetzt an. Jetzt zitterte Isabel.

»Fahr mit dem Taxi heim, Christian«, bat sie, »damit die Eltern Bescheid wissen, wenn sie kommen. Ich bleibe hier.«

Christian schaute prüfend auf die Uhr. »Die Oper ist noch nicht mal aus, und sicher gehen sie noch ein Glas Wein trinken.«

Isabel schüttelte den Kopf. »Sie kommen bestimmt gleich heim«, sagte sie leise, »und Ma würde sich schrecklich aufregen, wenn niemand zu Hause ist.«

»Meinst du, dass es schlimm ist?«, fragte Christian heiser.

»Sonst hätte Dr. Sternberg sie doch nicht gleich in den OP bringen lassen.« Isabel verschlang die Hände ineinander. »Und diese Ziege hat nur blöde Bemerkungen gemacht«, schluchzte sie trocken auf.

»Das wird sie noch büßen!«, murmelte Christian grimmig. »Aber jetzt ist unsere Kleine in guten, in den besten Händen. Ich fahre dann heim.«

»Draußen stehen Taxis. Hast du Geld?«, fragte sie, auch jetzt noch besonnen.

»Klar«, erwiderte er kurz.

*

Die Oper war zu Ende. Manfred Schlüter legte seiner Frau den Mantel um.

»Noch Lust auf ein Gläschen Wein, Liebes?«, fragte er.

»Ich bin so unruhig, Manni«, sagte Karin, »schon die ganze Zeit.«

»Das habe ich bemerkt, aber Isabel ist doch daheim. Die Kleine ist nicht allein.«

»Sei nicht böse, Manni«, bat sie.

»Ich bin doch nicht böse, Schatz. Wir fahren nach Hause, da ist es ja auch gemütlicher.«

Man bezeichnete sie als ein Bilderbuchehepaar. Er war fünfundvierzig, Karin zwei Jahre jünger, und in München wusste niemand – eine Handvoll Menschen ausgenommen, die jedoch darüber schwiegen – dass sie beide in zweiter Ehe verheiratet waren, allerdings schon seit fünfzehn Jahren.

Isabel und Christian waren Manfred Schlüters Kinder aus erster Ehe, Stefanie das einzige gemeinsame, und es war nach schon mehr als sechsjähriger Ehe zur Krönung ihres Glückes geworden. Zwei Menschen, die viel Leid erlebt hatten, hatten sich gefunden. Die kleine Stefanie war der Liebling aller, aber für Karin waren es Isabel und Christian gewesen, die sie zuerst gebraucht hatten und sie selbst aus tiefsten Depressionen erlösten, ins Leben zurückführten und ihr das Leben überhaupt wieder lebenswert machten.

Viel mehr Zeit hatte es gebraucht, bis Manfred und Karin zueinander fanden und sich ihrer in aller Stille gewachsenen Liebe bewusst wurden.

Von all diesen Problemen wussten Dr. Laurin und auch Dr. Sternberg, auch Schwester Marie und Professor Kayser, als zu dieser Stunde in der Prof.-Kayser-Klinik um das Leben der kleinen Stefanie Schlüter gerungen wurde.

Für Karin und Manfred war es ein Schock, als Christian, der hochaufgeschossene Siebzehnjährige, der seinem Vater so ähnlich war, sie schon an der Haustür empfing. Kreidebleich war er, und seine sonst so fröhlichen Augen hatten einen verzweifelten Ausdruck.

Aber er war noch ein Junge und wusste nicht, wie behutsam er es ihnen sagen müsste.

»Wir haben Steffi in die Prof.-Kayser-Klinik gebracht«, sagte er leise und hastig. »Es ist der Blinddarm. Da war so eine dämliche Ärztin, die Vertretung von Dr. Wollin, die hat nichts festgestellt.«

»Meine Angst«, flüsterte Karin, »meine Unruhe!«

Ganz fest legte ihr Mann den Arm um ihre Schultern. »Wir fahren zur Klinik, Liebes«, sagte Manfred Schlüter rau.

»Ich komme wieder mit«, erklärte Christian. »Ma, reg dich doch bitte nicht auf. Isa ist ja auch da, und Dr. Sternberg operiert Steffi sogar selbst.«

»So plötzlich, warum so plötzlich?«, murmelte Karin. »Es gab doch noch gar keine Anzeichen, als wir wegfuhren.« Sie schlug die Hände vors Gesicht. »Ich wäre doch nicht weggegangen, wenn sie nicht schon geschlafen hätte.«

»Du darfst dir keine Vorwürfe machen, Ma«, sagte Christian. »Niemand hat was gemerkt. Isabel hat doch auch noch nach ihr geschaut.«

»Ich muss mich noch umziehen«, sagte Karin tonlos. »In dem Abendkleid kann ich doch nicht gehen.«

Es dauerte nur ein paar Minuten, bis sie zurückkam, und dann fuhren sie alle drei zur Klinik.

*

Isabel saß, in sich zusammengesunken, direkt vor dem OP auf einem Stuhl.

Pützelchen, dachte auch sie, und sie erinnerte sich an den Tag, an dem Stefanie zur Welt gekommen war, aber auch an die Monate, die diesem Tag vorausgegangen waren. Wie behutsam hatte ihre Ma sie auf den Familienzuwachs vorbereitet, sie erst gefragt, was sie sagen würde, wenn sie noch ein Geschwisterchen bekommen würde.

Sie hatte sich gefreut. Christian war nicht so sehr begeistert gewesen, wenigstens anfangs nicht, aber als das Baby dann da war, als sie es bestaunen konnten, einen richtigen, lebendigen kleinen Menschen, da hatte es jeder zuerst in die Arme nehmen wollen.

Hier, in der Prof.-Kayser-Klinik, war Stefanie zur Welt gekommen, und Schwester Marie war die Erste gewesen, die ihnen sagte, dass sie ein Schwesterchen bekommen hätten.

Und nun, plötzlich, stand Schwester Marie wieder vor Isabel.

»Hallo, Isabel«, sagte sie, »nicht mehr weinen. Es ist alles gutgegangen.«

Isabel blickte auf. »Schwester Marie«, flüsterte sie. »Sie sind da?«

»Ja, ich bin da. Komm, Isabel, trink einen Tee mit mir. Die Kleine schläft jetzt.«

»Ich habe daran gedacht, wie sie auf die Welt gekommen ist«, sagte Isabel leise. »Da haben Sie es uns gesagt. Ich habe mit Christian gewartet, und Papi war bei Ma.«

»Und du warst noch ein kleines Mädchen, und jetzt bist du eine junge Dame. Ich dürfte gar nicht mehr du sagen«, meinte Schwester Marie.

»O doch. Dass ich nicht gleich darauf gekommen bin, Steffi herzubringen. Das hat erst Christian gesagt. Diese Dr. Echner hat ja gesagt, dass Steffi simuliert.«

»Dr. Echner?«, wiederholte Marie fragend.

»Die Vertretung von Dr. Wollin. Er ist unser Hausarzt.«

Wieder liefen Tränen über Isabels Wangen.

»Du bist ja ganz erschöpft, Kind«, sagte Marie weich und teilnahmsvoll.

»Ma wird sich aufregen«, murmelte Isabel. »So selten gehen sie mal aus, und dann muss gleich so was passieren.«

»Aber Steffi hat zwei ganz gescheite Geschwister«, sagte Marie tröstend. »Und nun wird sie auch keine Schmerzen mehr haben. Der Blinddarm ist raus.«

»War es sehr schlimm?«

»Es war gerade noch zur rechten Zeit«, erwiderte Marie.

»Aber wir haben gar nicht viel gemerkt. Sie hatte immer so ein komisches Ziehen, wenn sie gewachsen ist, und Dr. Wollin hat auch gesagt, dass das davon kommt. Und seit der Angina hat sie auch wenig Appetit gehabt. Ma wird sich schreckliche Vorwürfe machen, weil sie sich auch auf Dr. Wollin verlassen hat. Aber er kannte Steffi doch schon so lange.«

»Jetzt mach du dir mal keine Gedanken, Isabel. Das sollen die Ärzte unter sich ausmachen, und sie werden schon nachhaken. Setz dich und trink den Tee, das beruhigt.«

*

»Wollin hatte keinen Überblick mehr«, sagte Dr. Laurin, der auch herbeigerufen worden war, zu Dr. Sternberg. »Ihn können wir nicht mehr befragen.«

»Wieso nicht?«, fragte Dr. Sternberg.

»Er ist vorgestern gestorben. Ich bekam heute Morgen die Nachricht.«

Dr. Sternberg runzelte die Stirn. »Da scheint er sich aber keine gute Nachfolgerin für seine Praxis ausgesucht zu haben«, murmelte er.

»Vertretung, Eckart, nur Vertretung. Er ahnte wohl selbst nicht, dass er sobald sterben würde.«

»Oder er wollte es nicht wahrhaben«, sagte Eckart Sternberg. »Wir können von Glück sagen, dass das Kind so vernünftige Geschwister hat.«

»Ich bin froh, dass du anwesend warst«, sagte Dr. Laurin. »Es wäre nicht auszudenken, wenn Karin Schlüter auch dieses Kind verloren hätte.«

Sie sahen sich an, und plötzlich war Karin Schlüters früheres Leben ihnen ganz gegenwärtig. Aber sie konnten darüber nicht mehr sprechen, denn nun kamen Manfred und Karin Schlüter, und mit ihnen der jetzt völlig verstörte Christian, der vergeblich nach seiner Schwester Isabel Ausschau gehalten hatte.

»Isabel ist bei Schwester Marie«, erklärte Dr. Laurin rasch, als Christian aufgeregt nach ihr fragte.

»Und Steffi?«

»Sie schläft«, sagte Dr. Sternberg. »In ein paar Tagen ist sie wieder okay, Christian.«

»Geh jetzt auch zu Marie. Wir möchte mit euren Eltern sprechen«, bat Dr. Laurin.

Karin hatte noch kein Wort über die Lippen gebracht, und Manfred Schlüter sah die beiden Ärzte nur fragend und flehend an.

Christian legte den Kopf zurück. »Sie wird bestimmt wieder gesund?«, stieß er hervor.

»Ganz bestimmt, Christian«, versicherte Dr. Sternberg. »Morgen könnt ihr sie besuchen.«

»Ganz bestimmt«, flüsterte jetzt Karin, und dann klammerte sie sich an ihren Mann.

»Du hast es gehört, Liebes«, sagte Manfred Schlüter. »Unser Kleinchen wird wieder gesund.«

»Dann geh ich jetzt zu Isa«, murmelte Christian.

»Ich möchte Steffi sehen«, sagte Karin, als er sich entfernt hatte.

Dr. Laurin wusste, welche Gedanken diese junge Frau jetzt bewegten. »Es wird Steffi bald besser gehen, Frau Schlüter«, meinte er beruhigend. »Sie brauchen nichts zu fürchten.«

Vor nunmehr achtzehn Jahren, als er noch nicht lange Chefarzt an der Prof.-Kayser-Klinik war, hatte er dieser Frau solche tröstenden Worte nicht sagen können, und daran dachte auch er jetzt.

Manfred Schlüter hielt seine Frau fest in den Armen. »Du hast es gehört, mein Liebes, wir werden unsere kleine Steffi behalten.«

*

Vor achtzehn Jahren hieß Karin noch Spingler, war fünf Jahre verheiratet und glückliche Mutter eines bildhübschen vierjährigen Jungen, der auf den Namen Stephan getauft war. Ihr Mann hatte gerade eine gute Stelle als Direktionsassistent bekommen. Zum eigenen Auto reichte das Geld noch nicht, da sie sich erst eine Wohnung eingerichtet hatten, aber um dem kleinen Stephan eine Freude zu machen, hatte Georg Spingler eine Viertage-Busreise nach Österreich gebucht.

Diese sollte jedoch schon nahe bei München ein tragisches Ende nehmen. Ein Tanklastzug war ihnen entgegengekommen, während der Bus von einem Kolonnenspringer überholt wurde, und es war zu einer Katastrophe gekommen. Schwerverletzt hatte Karin diese überlebt. Als sie nach einer Woche in der Prof.-Kayser-Klinik zu Bewusstsein gekommen war, wagte man es noch nicht ihr zu sagen, dass ihr Mann und ihr Kind nicht mehr lebten.

Schonend hatte Dr. Laurin es ihr beibringen müssen, aber sie hatte nicht glauben wollen, dass auch ihr kleiner Sohn tot war.

»Er lebt, Stephan lebt«, hatte sie immer wieder gesagt. »Er hat sich an mich geklammert, und ich will ihn jetzt sehen.«

Sie musste sich sagen lassen, dass sie ihn nicht mehr sehen könne.

Viele Wochen verbrachte Karin in der Klinik, bis sie dann doch halbwegs wiederhergestellt war. Körperlich, wie man sagen musste, seelisch war sie im Tief. Professor Kayser und seine Frau Teresa nahmen sie bei sich auf, und dadurch fand sie halbwegs ins Leben zurück.

Dann, Monate später, erfuhr Dr. Laurin von dem erschütternden Schicksal, das Manfred Schlüter getroffen hatte. Manfreds Vater war ein Studienfreund von Bert Kayser, dem Bruder von Professor Joachim Kayser, und sie standen in enger geschäftlicher Verbindung. Auch Manfred war jung verheiratet und glücklich mit seiner jungen Frau Marisa. Sie hatten ihr Töchterchen Isabel, und Marisa erwartete ihr zweites Kind. Eine operative Entbindung wurde nötig, aber es schien keinerlei Gefahr für Mutter und Kind zu bestehen. In früher Morgenstunde konnte sich Manfred über einen kräftigen Sohn freuen, doch Marisa wachte aus der Narkose nicht mehr auf.

Als Professor Kayser und Dr. Leon Laurin davon erfuhren, veranlassten sie Manfred Schlüter, der völlig verzweifelt war, eine Untersuchung gegen die verantwortlichen Ärzte einzuleiten. Es war in einer renommierten Klinik passiert, und die Untersuchung verlief im Sande. Unvorhersehbare Komplikationen hatten angeblich zum Tode der jungen Frau geführt. Zurück blieb ein gebrochener Mann, Vater von zwei kleinen Kindern, die versorgt werden mussten.