Ich lebte ohne das Gesetz - Bernd Junghans - E-Book

Ich lebte ohne das Gesetz E-Book

Bernd Junghans

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Beschreibung

Wieso hatte Paulus als Jude einen lateinischen Familiennamen? Wer verfolgte eigentlich Christen und warum? Warum nennt er sich selbst in seinen Briefen niemals Saulus? Um auf solche und ähnliche Fragen eine Antwort zu finden, beleuchtet der Autor die Angaben in den authentischen Paulusbriefen und setzt sie in Bezug zu Orient und antiken Lebensverhältnissen. Am Ende entsteht eine Biografie, die das herkömmliche Paulusbild als fromme Propaganda entlarvt.

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Seitenzahl: 83

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Über dieses Buch

Während der Teilnahme an einem Seminar in der Universität Bieleld bei Herrn Professor Witulski über das frühe Christentum 2017 bemerkte ich Ungereimtheiten in der Darstellung der Person des Apostels Paulus, die mein Interesse weckten. Ich begann, mich mt der Materie intensiver zu befassen und fand scheinbar unüberbrückbare Gegensätze zwischen der Apostelgeschichte und den Briefen des Paulus. Besonders der Satz „vivebam sine lege - ich lebte ohne das Gesetz“ blieb mir im Bewusstsein, und ich beschloß, eine Biografie ausschließlich aus den Briefen zu erstellen und die Apostelgeschichte komplett außer Acht zu lassen. So kam es zu diesem Versuch, Paulus aus der antiken Welt heraus zu verstehen.

Hier wird Paulus nicht aus einer theologischen, sondern aus einer historischen Sicht heraus betrachtet- und das Ergebnis ist durchaus anders als das bisher vorherrschende Paulusbild, das seit vielen Jahrhunderten präsentiert wird.

Bielefeld, im Juni 2018

Mein Dank gilt Dr. Hans von Fabeck für seine hilfreiche und sachkundige Kritik, die mich vor einigen sachlichlichen und logischen Fehlern bewahrte.

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Vom Bekenntnis, ein Jude zu sein

Der Name Paulus

Wie verfolgte man eigentlich Christen?

Jerusalem zur Zeit des Paulus

Die politische und geografische Situation des 1. Jahrhunderts in Palästina

Paulus über sich

Der Brief an die Galater

Der Mensch Paulus

Versuch einer Biografie

Nachwort und Ausblick

Literaturhinweise

Über den Autor

Bernd Junghans

Jahrgang 1953

..

besuchte das Gymnasium in Meinerzhagen, anschliessend Ausbildung zum Buchdrucker,

danach Übersiedlung nach Bielefeld, dort als Pfleger in den von Bodelschwingschen Anstalten tätig.

Ab 1978 Westfalen-Kolleg mit Abitur, danach Studium Latein und Geschichte mit Schwerpunkt Antike,

2002 Übersiedlung nach Kappadokien/ Türkei

Dort arbeitete er an der Erforschung byzantinischer Höhlenkirchen, mit weiterer Spezialisierung auf die Geschichte des Christentums

Er betreibt als Administrator die Webseite

www.kircheninkappadokien.de

Seit 2016 aus familiären Gründen zurück in Deutschland,

Forschungen zum romanischen Kirchenbau

EINLEITUNG

„Vivebam sine lege“...

Wenn Paulus hier davon spricht, dass er „ohne das Gesetz lebte“, ist damit sicherlich, wie immer bei Paulus, nicht das römische, weltliche, sondern das jüdische, für alle gläubigen Juden gültige Gesetz gemeint. Ein erstaunlicher Satz - berichtet doch Lukas (oder genauer: der Verfasser der Apostelgeschichte, den wir hier weiterhin, der Tradition entsprechend, Lukas nennen werden), dass Paulus in der Diaspora, und zwar in Tarsus, als Sohn eines Pharisäers und somit eines Schriftgelehrten geboren wurde und aufwuchs....wie also sollte ihm das Gesetz fremd gewesen sein?

Es gibt wohl nur zwei Möglichkeiten: entweder die Aussage des Lukas ist nicht zutreffend – oder aber die Aussage des Paulus selbst muss angezweifelt werden bzw. in ihrer Bedeutung anders interpretiert werden. Für Theologen, die ja, befangen durch die Vorstellung, dass es sich bei Lukas um den Evangelisten handelt und deshalb der Wahrheitsgehalt seiner Aussagen kaum bezweifelt werden darf, ist der Zwiespalt zwischen dem Selbstzeugnis des Paulus und der Aussage des Lukas nur mit Hilfe der Linguistik zu lösen, indem man, einen pluralis majestatis postulierend, die Ansicht vertritt, dass es sich um eine allgemeine Aussage über das gesamte jüdische Volk handele.

Nimmt man hingegen Paulus wörtlich, so kommt man zu der Frage, ob und wie es möglich war, dass ein Jude ohne größere Kontakte zum jüdischen Gesetz aufwuchs. In der Tat gab es eine solche Möglichkeit, und der Schlüssel zum Verständnis der Biografie sowie der daraus resultierenden Theologie des Paulus könnte im römischen Adoptionsrecht liegen. Eine Adoption löste einen Adoptierten zwar rechtlich gesehen aus seiner Herkunftsfamilie, in anderer Hinsicht jedoch nicht. Darin unterschied sich die antike römische Adoption grundsätzlich von der uns bekannten Form – und war damit ein bedeutender Faktor in der Sozialgeschichte der antiken Welt.

Diese Interpretation würde darauf verweisen, dass Paulus zwar Jude, nicht aber Jude im vollen Sinne, jedenfalls nicht aus unserer heutigen Sicht, war.

Unsere These hingegen greift noch weiter aus.

Wir glauben und werden auch zeigen, dass Paulus nicht nur kein Jude war, sondern auch nicht aus Tarsus stammte, wie es Lukas in der Apostelgeschichte darlegt, sondern ganz andere Wurzeln hatte. Wir wollen den Menschen Paulus in den Vordergrund stellen, um ihn und seine Zerrissenheit zwischen den Welten und Identitäten besser verstehen zu können, seine Suche nach Zugehörigkeit und geistiger Heimat. Wir wollen verstehen, was diesen Mann umtrieb in seiner unerschütterlichen Beharrlichkeit, die ihn zum Vorbild so vieler seiner Zeitgenossen machte. Wir wollen zeigen, wie viel wahrscheinlicher es ist, dass er in früher Jugend (ab utero, von Geburt an, wie er selbst sagt) in Lohnsklaverei oder Adoption gegeben wurde, den Kontakt zur eigentlichen Familie aber nicht verlor, eine durchaus übliche Situation in der nachaugusteischen Zeit, und er sich, zerrissen zwischen zwei Identitäten, mit vollem Eifer dem Judentum zuwandte, gleichzeitig aber die römische Staatsbürgerschaft erwerben wollte, die Freiheit und eine andere rechtliche Stellung versprach, und deshalb hierzu ein militärisches Amt, gemäß der römischen Gesetze, übernahm. Wie er bei der Verfolgung von Staatsfeinden oder Steuerflüchtlingen (oder beidem) in intensiven Kontakt zum neuen, christlichen Glauben und dessen Inhalten kam, wissen wir nicht – er spricht von einer Offenbarung. Wir werden zeigen, dass die biblische Geschichte, die Lukas uns hierzu später erzählt (Paulus' „Damaskus-Erlebnis“) neben ihrer theologischen Funktion auch dem Zweck dient, den eigentlichen Hintergrund dieser Geschichte, die Flucht des Paulus nach Damaskus, zu verschleiern. Und sowohl für Paulus' Flucht, wie auch für deren Verschleierung in der Apostelgeschichte gab es gute Gründe. Wenn wir auch nicht mit letzter Sicherheit den tatsächlichen Grund seiner Flucht angeben können (wir werden im weiteren gleichwohl darüber spekulieren), so können wir doch seinen weiteren Lebensweg nur vor dem Hintergrund dieser Flucht begreifen. Tatsächlich bleibt Paulus Zeit seines Lebens ein Gesuchter, auch während seiner Missionsreisen. Über deren genauen Verlauf jedoch ist – über Paulus' vermutlich geschönte Selbstzeugnisse hinaus – wenig bekannt. Und so bleibt letztlich auch unklar, wie er, nach längerem Gefängnisaufenthalt, nach Rom gekommen ist. Sollte die Anmerkung in den Clemensbriefen den Tatsachen entsprechen, dass er zwei Jahre lang in Rom gewohnt habe, so sicherlich nicht zur Miete, wie behauptet wird, sondern eher, um ein Erbe anzutreten, worauf er als Adoptierter Anspruch hatte. Das damalige Rom ließe sich etwa dem heutigen London vergleichen, die Mieten waren extrem teuer, die Menschen lebten eng gedrängt, oft zu mehreren in einem Raum. Kaum vorstellbar, dass ein Mittelloser – als welcher Paulus von der Tradition in der Nachfolge Christi dargestellt wurde – dort zur Miete hätte wohnen können.

Paulus kannte, wie wir sehen werden, Leute aus dem Haus des Kaisers – schon dieser Umstand lässt eine jüdische Herkunft aus Tarsus unwahrscheinlich erscheinen. Und bedenken wir, dass Lukas in der Apostelgeschichte gerade einen halben Satz darauf verwendet, um Paulus eine jüdische Identität zu verpassen. Er schreibt, mit vielen Details ausgeschmückt, die Geschichte eines Saulus nieder - und am Ende lapidar die Anmerkung: „Saulus, der auch Paulus heißt“. Geschichtsklitterung kann so einfach sein...

Aber wenden wir uns nun textkritisch den Primärquellen zu.

Grundsätzlich werden in diesem Buch nur die Briefe als Quelle herangezogen, die als echte Paulusbriefe gelten (im Einzelnen: Thessaloniker-, Korinther- 1 und 2, Galater-, Römer-, Philipper-, Philemon-). Die Apostelgeschichte, die später geschrieben wurde als die Briefe und deren Verfasser wir mit dem Evangelisten Lukas gleichsetzen, wird außer Acht gelassen, am Ende des Buches werde ich kurz auf sie eingehen.

Alle, die sich mit der Person und dem Leben des Paulus beschäftigen oder beschäftigt haben, stehen vor dem gleichen Quellenproblem: Es existieren neben den Briefen des Paulus und eben der Apostelgeschichte keine weiteren Quellen, und Lukas schrieb 30-40 Jahre nach dem Tod des Paulus, dazu noch an der Westküste der heutigen Türkei und war vermutlich nie im vorderen Orient gewesen, wie seine ungenauen Ortsangaben nahelegen. So finden sich in seiner Schrift – wie auch im Denken der damaligen Zeit nicht unüblich – naturgemäß Wahrheiten, Halbwahrheiten, Missverständnisse und Wunschdenken vermischt, die im Einzelnen zu bestimmen die Quellenlage unmöglich macht. Lediglich die konkrete Inaugenscheinnahme der Zeit des Paulus, die Kenntnis damaliger juristischer und soziologischer Gegebenheiten sowie die menschliche Logik können helfen, einer in sich stimmigen und damit einer, wenn auch nicht beweisbar „wahren“, doch zumindest wahrscheinlicheren Sachgrundlage des Textes näherzukommen.

Wir wenden wir uns zuerst Paulus und seinen Aussagen zu, denen wir als Quelle immer den Vorzug vor der Apostelgeschichte geben, und versuchen zunächst in einer Art gedanklichen tabula rasa zu vergessen, was wir traditionell über Paulus gelernt haben.

VOM BEKENNTNIS, EIN JUDE ZU SEIN

Einige Passagen seiner Briefe befassen sich kurz und in Andeutungen mit seiner Herkunft, so etwa im zweiten Korintherbrief ,Kapitel 11, Vers 22. Einige Juden haben sich in Gemeinde in Korinth begeben und offenbar versucht, die Gemeinde wieder vom Christusglauben abzubringen und zum alten jüdischen Glauben zurückzuführen. Paulus bezeichnet ihre Aussagen als Unsinn und Prahlerei und hält dagegen:

„Womit aber jemand prahlt - ich rede jetzt als Narr -, damit kann auch ich prahlen. 21) Sie sind Hebräer - ich auch. Sie sind Israeliten - ich auch. Sie sind Nachkommen Abrahams - ich auch. 22) Sie sind Diener Christi - jetzt rede ich ganz unvernünftig -, ich noch mehr: Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr.“

Hier prahlt Paulus, wie er ja selbst ausdrücklich sagt, um den Lesern und Zuhörern einen Spiegel ihres Verhaltens vorzuhalten, und zählt im weiteren Verlauf unmögliche Dinge auf: eine Steinigung, die er überlebt haben will, dreimaliger Schiffbruch etc., um den Grad der Absurdität seiner Aussagen zu steigern. Natürlich überlebt niemand eine Steinigung, und, da in der Antike so gut wie niemand schwimmen konnte, auch keinen dreimaligen Schiffbruch. Wir dürfen durchaus annehmen, dass die Aussage, Hebräer und Israelit zu sein, ebenso absurd ist, was seiner Zielgruppe ja auch bekannt sein dürfte. Möglicherweise übertreibt er aber auch nur. Er könnte auch ein Proselyt, also jemand, der zum Judentum übergetreten ist oder übertreten will, gewesen sein. Ob er tatsächlich qua Geburt Jude war, darf jedenfalls stark bezweifelt werden. So sagt er etwa über seinen Zugang zum Judentum an anderer Stelle :

(1.Korinther 20, 21):