Ich will stets Dein Beschützer sein - Alrun von Berneck - E-Book

Ich will stets Dein Beschützer sein E-Book

Alrun von Berneck

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Beschreibung

Komtesse Beatrix von Lockstätten befindet sich in einem Pensionat in Freiburg, um dort den letzten Schliff als Dame und Trägerin eines adeligen Namens zu bekommen. Ihr heimlicher Verlobter Achim Hollmann studiert dort Medizin. An Weihnachten soll offiziell die Verlobung auf Schloss Ahrenshofen gefeiert werden. Jetzt im Sommer können sich die beiden Liebenden nur selten sehen. Achims größter Feind ist der verschlagene und hinterhältige Graf Hasso von Focke. Niemals wird er es akzeptieren, dass der bürgerliche Achim es wagte, das Herz einer Komtesse zu erobern. Aus Prinzip will er Beatrix besitzen und jedes Mittel dazu ist ihm recht. Und noch ein Mann hat sein Herz an Beatrix verloren: Ulrich von Hasley, der Hauslehrer der Pension. Zwar ist er wesentlich älter als Beatrix, aber die junge Komtess ist fasziniert von der ruhigen, überlegenen Art des älteren, reifen Mannes. Als Achim Beatrix aus Trotz verlässt, nimmt sich Hasley des jungen Mädchens an. Ein weiterer Roman aus dem Leben einer unkonventionellen Frau, die ihren Weg noch finden muss.-

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Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Alrun von Berneck

Ich will stets Dein Beschützer sein

Frauenroman

Saga

Ich will stets Dein Beschützer sein

German

© 1953 Alrun von Berneck

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711507513

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I.

„Hallo, Achim! Da sind Sie ja endlich! Wissen Sie auch, daß wir uns eine volle Woche nicht gesehen haben?“

„Servus, Baron! Natürlich weiß ich das! Aber was soll ich machen, schließlich muß ich ja auch mal an die Arbeit denken!“ erwiderte der Angesprochene lachend.

„Ausgerechnet jetzt, wo Sie Ihre schönste und glücklichste Zeit haben sollten, treiben Sie sich den ganzen Vormittag im Hörsaal herum“, sagte der Baron mit leichtem Vorwurf in der Stimme. „Haben Sie denn wenigstens jetzt eine halbe Stunde Zeit für mich?”

„Nun, eine halbe Stunde wird schon übrig sein“, sagte Achim Hollmann, immer noch lachend, „es kommt ja schließlich nicht so genau darauf an, wann ich zu Mittag esse!“

„Dann essen wir eben zusammen, Herr Hollmann, Sie müssen mir schon erlauben, Sie als meinen Gast zu betrachten! Und nun kommen Sie, gehen wir zur Burse, da finden wir sicher noch einen guten Platz!”

Der Baron faßte seinen Begleiter unter und zog ihn mit sich fort die Kaiserstraße entlang. Vom Martinstor bis zum Bertholdsbrunnen waren es kaum zweihundert Schritte, und dort an der Ecke befand sich auch einer der Eingänge zu dem berühmten Studentenlokal, das Baron von Lauff soeben vorgeschlagen hatte.

Durch eine schmale Ladenstraße erreichten sie das inmitten eines Häuserblocks liegende Restaurant. Als sie eintraten, schlug ihnen schon ein Schwall lärmender Fröhlichkeit entgegen, denn es war die Zeit des Frühschoppens, und es gab viele Freiburger Verbindungen, die in der Burse ihren Stammtisch hatten. Und wo Studenten ihrem Bierkomment huldigten, dort ging es nicht eben zu wie in einer Sonntagsschule.

Die beiden Freunde fanden einen Platz abseits der lärmenden Studenten, wo sie sich ungestört unterhalten konnten. Rüdiger von Lauff bestellte Bier für sie beide, dann sah er den Freund freundlich an und sagte:

„Haben Sie Beatrix inzwischen schon wiedergesehen?“

„Ja, Baron, ich sah sie Freitagnachmittag, als sie mit ihren Pensionsschwestern in der Kyburg Tennis spielte. Es gelang ihr auch, sich für eine halbe Stunde unbeobachtet zurückzuziehen.”

„Was ist schon eine halbe Stunde für ein Liebespaar, Achim! Entschuldigen Sie, wenn ich mich überhaupt um Ihre Angelegenheiten bekümmere, aber ich habe mir nun mal in den Kopf gesetzt, Ihnen zu helfen. Es gibt eben Schwierigkeiten, die einer allein kaum beseitigen kann.“

„Sie brauchen sich nicht entschuldigen, Baron“, wehrte Achim Hollmann ab, „wer hätte wohl ein größeres Recht, sich in meine Angelegenheiten zu mischen, als gerade Sie, Baron Lauff? Ihnen verdanke ich es doch, daß Trixis Vater seine Zustimmung zur Verlobung gegeben hat.”

„Sie wollten sagen, dem Baron Puttlitz und mir, nicht wahr, Herr Hollmann? Denn wir beide sind ja bei dem alten Grafen gewesen und haben ihm die Hölle heiß gemacht. Wir haben ihm erklärt, daß Sie unser bester Freund seien. Da blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als Sie trotz Ihres bürgerlichen Namens als Schwiegersohn anzuerkennen.“

„Damit bestätigen Sie mir nur, Baron, wie tief ich mich in Ihrer Schuld befinde. Ich wollte nur, ich könnte Ihnen einmal für diesen Freundschaftsdienst meinen Dank abtragen!”

„Können Sie, lieber Achim, können Sie!“ lachte Baron von Lauff. „Nur darum habe ich ja überhaupt das Thema angeschnitten!“

„Und wie sollte mir das möglich sein? Sie wissen doch, daß Sie jederzeit über mich verfügen können!” erklärte sich Achim Hollmann sofort zu jedem Gegendienst bereit.

„Das wäre schrecklich einfach”, entgegnete ihm Baron Rüdiger von Lauff und mußte selbst über seine Redensart lachen, denn die angedeutete Einfachheit dürfte kaum einen Schrekken an sich haben. „Sie brauchten nur Ihr Versprechen wahr zu machen, das Sie mir damals auf Schloß Ahrenshofen schon halb und halb gegeben hatten!”

„Ein Versprechen, Baron?“ fragte Achim erstaunt. „Entschuldigen Sie bitte, aber es ist mir peinlich, daß ich mich im Augenblick nicht erinnere, was Sie im Auge haben.“

„Erinnern Sie sich nicht, daß ich Ihnen gesagt habe, ich möchte Sie gern zu meinem Leibfuchs machen, wenn Sie in Freiburg studieren würden?”

„Ja, ich weiß! Und ich habe Ihnen geantwortet, daß ich keinen lieber zum Leibburschen hätte als Sie, Baron! Und ob ich mich daran erinnere!“ antwortete Achim Hollmann mit einer kleinen Verlegenheit.

„Und wie steht es heute mit Ihrer Ansicht darüber? Sie haben doch jetzt hier belegt, sind Mediziner im ersten Semester. Die Vorbedingungen wären demnach erfüllt!”

„Sie wollen mich also für Ihre Verbindung keilen? Ich soll Korpsstudent werden? Und noch dazu in einem so hochfeudalen Korps wie den Saxo-Borussen?“

„Ja, das ist mein Vorschlag! Denn wir können Sie gebrauchen!“

„Weil ich damals dem Grafen Focke im Duell eine Abfuhr erteilt habe?”

„Das spricht natürlich auch für Sie, Achim. Einen guten Fechter können wir immer gut gebrauchen. Aber wichtiger ist uns noch der einwandfreie Charakter unseres Korpsbruders.“

„Ihr Angebot und Ihr Vertrauen sind für mich höchst schmeichelhaft, Baron Lauff”, antwortete Achim nachdenklich. „Aber wissen Sie auch, daß zwischen damals und heute ein himmelweiter Unterschied besteht? Damals durfte ich noch hoffen, daß mein Vater das Studium sicherstellen würde, heute aber habe ich mich mit ihm vollkommen überworfen!“

„Ich möchte annehmen, Herr Hollmann, daß sich das in sehr kurzer Zeit ändern wird. Oder glauben Sie, daß der Schloßherr von Ahrenshofen vor seinem Rentmeister Geheimnisse haben würde?“

„Sie meinen, Graf Lockstätten würde mit meinem Vater sprechen und ihm erzählen, daß er bereit sei, mich als Schwiegersohn zu akzeptieren?”

„Genau das, Achim! Wenn Graf Lockstätten Ihnen nicht mehr zürnt, weil Sie hinter seinem Rücken eine Liebschaft mit seiner Tochter angefangen haben, dann muß Ihnen Ihr eigener Vater auch verzeihen!“

„Sie kennen meinen Vater nicht, Baron! Daß der Graf mein Verhalten als einen Vertrauensbruch bezeichnet hat, wird mir mein Vater nie vergessen! Er steht auf dem Standpunkt, ich habe Schande über die Familie gebracht.”

„Ich glaube, Sie sehen da zu schwarz, Achim! Sie fürchten jedenfalls, finanziell nicht in der Lage zu sein, in einer Verbindung aktiv zu werden. Ist es nicht so?“

„Ja, das ist es. Denn wenn ich nur auf das angewiesen bin, was ich gespart habe — Sie wissen, Baron, zu der Summe gehört auch mein Rennpreis und die Belohnung der Polizei für die Ergreifung des Verbrechers, die mir damals gelungen ist — dann reicht es kaum für drei oder vier Semester!“

„Haben Sie schon einmal gehört, was amerikanische Universitäten für einen guten Sportler ausgeben, damit er ihren Ruhm vermehre?”

„Das habe ich, Baron, aber leider sind wir hier nicht in Amerika!“

„Und doch gibt es einen Ausweg! Sie waren im vorigen Jahr Florettmeister Ihrer Schule, dann haben Sie als Abiturient gegen den Grafen Focke, einen bekannten Fechter, im Duell gestanden und ihn abgefertigt wie den krassesten Fuchs. Glauben Sie, die Saxo-Borussen würden sich einen solchen Fechter entgehen lassen?”

„Sie meinen ...?“ fragte Achim zaghaft, aber immer noch skeptisch und ablehnend.

„Jawohl, Achim, ich meine, daß wir da eine Lösung finden werden! Jedenfalls sollten Sie sich deswegen keine Sorgen machen!“

„Aber ich bin doch zum Arbeiten in Freiburg und nicht, um mir als Verbindungsstudent zwei oder drei Semester um die Ohren zu schlagen! Denn wenn ich auf den Paukboden gehe, habe ich keine Zeit fürs Kolleg, und würde ich Tag für Tag im Hörsaal sitzen, könnte ich meinen Verpflichtungen nicht nachkommen, die ich als Verbindungsstudent hätte. Es geht also nur eins von beiden! Glauben Sie mir, Baron Lauff, die Entscheidung fällt mir nicht leicht!”

„Aber Sie sind doch jung, Achim! Sie haben sich mit Fleiß und Tüchtigkeit durch das Gymnasium gepaukt. Da kommt es auf zwei oder drei Semester auch nicht an, das schaffen Sie nachher spielend! Seien Sie fröhlich mit den Fröhlichen und genießen Sie den Lenz Ihres Lebens, solange Ihnen die Sonne lacht! Und als künftiger Schwiegersohn des Grafen von Lockstätten und Schloßherr auf Ahrenshofen brauchen Sie sich solche Sorgen doch gewiß nicht zu machen!“

Die Versuchung für Achim war wirklich groß und das Angebot des Freundes verlockend. Aber er konnte doch nicht vorbehaltlos ja sagen. Als Sohn eines Gutsbeamten war er es nicht gewohnt, leichtsinnig in den Tag hineinzuleben und sich nicht um die Zukunft zu sorgen.

„Ich müßte mit vielen Vorsätzen brechen, Baron, wenn ich Ihrem Rat folgen würde“, gab er zu bedenken.

„Nur nicht mit dem, ein anständiger Kerl zu bleiben“, lachte Baron von Lauff sorglos. „Und eine solche Gefahr besteht bei Ihnen glücklicherweise nicht. Also geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß und entschließen Sie sich, ein frischfröhlicher Student zu sein! Sie werden es in Ihrem späteren Leben gewiß nicht zu bereuen haben.“

„Halten Sie mich bitte nicht für kleinlich und engstirnig, Baron Lauff, wenn ich Ihnen nicht gleich zujubele”, bat Achim Hollmann um Verständnis für seine Haltung. „Aber ich bin es von Jugend an gewohnt gewesen, Verantwortung zu tragen und vor allen Dingen meine Pflichten über meine sogenannten Rechte zu stellen.“

„Verstehe ich alles, Herr Hollmann! Und gerade darum gebe ich Ihnen den Rat, einmal den Alltag hinter sich zu werfen. Umso freudiger werden Sie sich auf Ihre Pflichten stürzen, wenn Sie sich wieder zu ernster Arbeit entschließen. Und ich habe noch einen Grund, warum Sie der Saxo-Borussia beitreten müssen, einen ganz gewichtigen Grund, der Sie zwingen wird, alle Bedenken fallen zu lassen!” Rüdiger von Lauff lächelte geheimnisvoll vor sich hin und amüsierte sich über Achims neugierigen Blick.

„Da bin ich aber wirklich gespannt, Herr von Lauff! Sie glauben also, mich überzeugen zu können?“

„Und ob ich das glaube! Hören Sie also gut zu! Graf Lockstätten hat doch den Wunsch geäußert, daß Sie sich erst zu Weihnachten offiziell mit Beatrix verloben. Das bedeutet aber nichts anderes, als daß Sie die heimliche Verlobung ganz für sich behalten, davon dürfen weder Ihre Freunde noch Trixis Freunde etwas wissen, geschweige denn die gestrenge Frau Friederike von Ergste. Sie können und dürfen Ihrer Braut also keinen offiziellen Besuch im Pensionat machen. Die wenigen Stunden, in denen Sie sich sehen wollen, müssen Sie sich also buchstäblich stehlen. Und das ist auch für eine noch so heiße Liebe kein reines Vergnügen. Darin müssen Sie mir doch beipflichten, nicht wahr, Achim?“

„Unbedignt, Baron von Lauff, ich hätte dem kein stichhaltiges Argument entgegenzusetzen!” pflichtete ihm Achim Hollmann bei, dessen Spannung immer größer wurde.

„Sehen Sie, und da weiß ich für Sie einen Ausweg, den einzigen, der überhaupt gangbar ist, um den konventionellen Rahmen nicht zu sprengen. Die Saxo-Borussen halten nämlich mit dem ‚Haus Friederike‘ besonders enge Verbindung; wenn im Pensionat ein Hausball veranstaltet oder etwas Ähnliches durchgeführt wird, das sich nicht ohne die Herren der Schöpfung abwickeln läßt, dann sind wir dort als Gäste geladen. Das alles geschieht natürlich im streng gesellschaftlichen Rahmen und unter Aufsicht der Pensionsvorsteherin, aber es ist dort trotzdem schon zu Verlobungen gekommen. Sie sehen also, Achim ...“

„Meine einzige Chance!” unterbrach der Angesprochene die Rede des Freundes. „Unter diesen verlockenden Umständen kann ich natürlich nichts anderes als ja sagen!“

„Bravo, Achim, das habe ich gewußt! Also darf ich Sie gleich morgen mitnehmen ins Verbindungshaus und Sie unseren Chargierten vorstellen?“

„Ich danke Ihnen herzlichst, Baron! Wie soll ich das nur wieder gutmachen? Ich bin tief in Ihrer Schuld!”

„Auf dem Paukboden, Achim! Und dann natürlich als mein Leibfuchs! Sie sehen also, eine Hand wäscht die andere, es gleicht sich alles aus! Wann sehen Sie übrigens Ihre Braut wieder?“

„Morgen nachmittag auf dem Tennisplatz!”

„Dann werde ich Sie am Vormittag aus dem Kolleg abholen und bei meinen Verbindungsbrüdern einführen. Halten Sie sich bitte für elf Uhr bereit!“

„Ich werde Sie erwarten, Baron!“ versprach Achim Hollmann und reichte dem Freund die Hand.

Als sie sich später trennten, begab sich Achim auf den Heimweg, während Baron Rüdiger von Lauff dem Verbindungshaus zustrebte, um den Freunden seine ‚Neuerwerbung‘ bekanntzugeben.

Was den Baron bewogen hatte, Achim Hollmann für sein Korps zu keilen, war tatsächlich nicht nur reine Nächstenliebe gewesen, obwohl ihre alte Freundschaft den Ausschlag gegeben haben mochte. Achim war ein durchtrainierter Sportsmann und schon heute ein Fechter von Format, der das Rapier ebenso sicher beherrschte wie das Florett. Und da auch sein ehrenhafter Charakter durchaus feststand, hatte Baron von Lauff nicht die geringsten Bedenken, sich für ihn zu verbürgen und ihn in die Gemeinschaft der hochfeudalen Saxo-Borussen aufzunehmen. Daß Achim in diesem erlauchten Kreise, da er nicht aus reichem Hause stammte, eine Ausnahme bilden würde, war dem Baron vollkommen klar. Aber dieser ‚Mangel‘ wurde durch seine Fähigkeiten und seinen Charakter mehr als wettgemacht. Als ihr Renommierpauker würde er bald seine Rolle spielen.

Nur eins machte ihm Sorgen: wie sollte man den gerade in diesem Punkt sehr empfindlichen Achim Hollmann unterstützen, ohne daß er das Empfinden haben konnte, ein Almosen zu empfangen?

Nach langem Überlegen hatte er auch hier einen Ausweg gefunden, den sowohl seine Korpsbrüder als auch Achim Hollmann annehmen mußten, man würde Achim einfach den Paukboden anvertrauen und ihn verpflichten, seine Korpsbrüder zu lehren, die gleiche gute Klinge zu führen, die er selber schlug. Und das mußte natürlich bezahlt werden. Schließlich sparte man dadurch den Sportlehrer.

Fröhlich vor sich hinpfeifend, weil er diese probate Lösung gefunden hatte, betrat Baron von Lauff das Korporationshaus. — —

Achim Hollmann war inzwischen in seiner Wohnung in der Güntherstalstraße angekommen, nachdem er eine gute halbe Stunde in den Anlagen am Ufer der Dreisam spazieren gegangen war, um noch einmal das verlockende Angebot des Freundes zu überdenken.

Alle Für und Wider wog er gegeneinander ab, es wurde ihm nicht leicht, die Zusage, die er dem Baron gegeben, auch vor seinem eigenen Gewissen zu rechtfertigen. Zu sehr steckte in ihm das angeborene Pflichtgefühl, und sein Verantwortungsbewußtsein war ein nicht zu unterschätzender Teil seines Charakters. Was er aber jetzt vorhatte, war ein Sprung vom Wege, ein Abirren in den Leichtsinn, eine Flucht vor der Verantwortung.

Und dennoch hatte er sich hierzu entschlossen! Ja, er wollte auch einmal wirklich frei und sorglos und übermütig sein, jung und überschäumend wie so viele Kameraden, die kaum in den Hörsälen, desto mehr aber in den Kneipen und auf dem Paukboden zu finden waren. Er hatte Mühe, diesen Entschluß vor sich selbst zu entschuldigen, es gelang ihm nicht, sich mit einem leichtsinnigen Kopfsprung in die neue Situation hineinzustürzen.

Als er aber an Trixi dachte, glitt ein stilles Lächeln über sein Gesicht. Komtesse Beatrix von Lockstätten würde ihm darob nicht böse sein. Sie würde sich mit ihm freuen, denn für ihre junge Liebe gab es nur sommerfrohe Sonne und wolkenlose Seligkeit.

Komtesse Beatrix teilte ihr Jungmädchenzimmer im ‚Haus Friederike‘ mit der Baronesse Jutta von Freitag, einem stillen und blonden Mädchen, das sie sofort in ihr Herz geschlossen hatte. Und so hatte es nicht lange gedauert, bis aus der Zimmergefährtin auch die Vertraute ihres Herzens geworden war.

Jutta war die einzige Pensionsschwester, die um ihr Geheimnis wußte und die auch dafür sorgte, daß Trixi, wenn sie mit den anderen zum Tennisspielen an der Kyburg weilte, mit Achim ungestört sprechen konnte.

Trixis Freundin schwärmte ganz unverhohlen für Achim, was aber in Trixi weder Argwohn noch Eifersucht auslöste. Es entsprach eben Juttas romantisch veranlagter Natur, daß sie für diesen Mann schwärmen mußte, der unter Einsatz seines Lebens ein Verbrechen an Trixi verhütete, indem er den Strolch, der sie im Walde überfallen, niederschlug und der Polizei übergab. Darum war Achim Hollmann in den Augen der Baronesse von Freitag ein Held. Aber er war für sie auch ein Ritter ohne Furcht und Tadel, weil er für Trixis Ehre eingetreten und sich ihretwegen mit dem Grafen von Focke duelliert hatte. Ohne Hasso von Focke überhaupt zu kennen, warf sie einen glühenden Haß auf den Menschen, nur weil er Achims Widersacher war.

Darum war es auch verständlich, daß sie mit allen Anzeichen höchster Erregung zu Trixi ins Zimmer lief, als sie im Sekretariat durch einen reinen Zufall erfahren hatte, Komtesse Irene von Focke, ein ehemaliger Zögling des Hauses Friederike, würde für einige Wochen nach Freiburg zu Besuch kommen und hier Wohnung nehmen.

„Nun denk dir, Trixi“, rief sie der Freundin aufgeregt entgegen, „ich habe soeben gehört, daß Komtesse von Focke hierher kommt! Frau von Ergste hat sie eingeladen, im Hause zu wohnen! Das ist doch sicher die Schwester dieses schrecklichen Grafen, der sich mit deinem Achim geschlagen hat?“

„Ja, das ist seine Schwester“, antwortete Beatrix ruhig. „Und die kommt nun hierher?“

„Morgen schon!“ sprudelte die Baronesse Jutta heraus. „Und dann wird der Bruder wohl auch nicht lange auf sich warten lassen!“

„Da kann man nichts machen, Jutta“, lächelte Beatrix ein wenig sauer. „Wir können den beiden weder verbieten, nach Freiburg zu kommen, noch Frau Ergste ersuchen, sie nicht im Hause zu empfangen.“

„Aber willst du denn das alles so ruhig hinnehmen, Trixi?“

„Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben. Irene ist lange Zeit eine gute Freundin gewesen, wie man eben unter Nachbarskindern befreundet ist. Und daß sich ihr Bruder schlecht benommen hat, rührte wohl daher, daß er auf Achim eifersüchtig war. Männner sind eben manchmal so komisch. Dann verlieren sie gleich jede Selbstbeherrschung.“

„Wenn es ihr Charakter zuläßt, Trixi!“ entgegnete Baronesse Jutta weise. „Nicht alle Männer reagieren dann gleich! Achim Hollmann würde niemals seinen Nebenbuhler beleidigt haben!“

„Nein, Jutta, das würde er nicht!“ lachte Beatrix froh. „Achim ist auch eine Ausnahme, er ist eben ein ganz prächtiger Mensch. Darum liebe ich ihn ja auch!“

„Und was wirst du tun, wenn dir Graf Focke über den Weg läuft? Ich bin sicher, er kommt nur deinetwegen hierher! Ob er über Achim Hollmann gar nichts weiß?“

„Was ich tun soll, Jutta, ich werde ihm ganz unbefangen entgegentreten, ich werde so tun, als ob ich von dem Duell überhaupt nichts wüßte. Damit tue ich Achim sogar einen Dienst, denn ich verhindere, daß Graf Focke zu der Meinung kommt, Achim habe mir gegenüber mit seinem Siege renommiert.“

„Trixi, das könnte ich nicht!“ antwortete Jutta von Freitag schaudernd. „Ich brächte es nicht fertig, ihm auch nur ein freundliches Gesicht zu machen!“

„Denk immer an die Konvention, die uns verpflichtet, Jutta! Oder hast du schon wieder vergessen, was wir im Anstandsunterricht gelernt haben? Man verbirgt seine Gedanken unter der Maske eines Lächelns, wenn man unversehens einem Feinde gegenübersteht, so verlangt es die gute Erziehung von der Dame der Gesellschaft!“

„Und von Achim weiß er nichts?“ kam die wissensdurstige Baronesse wieder auf ihre schon einmal gestellte Frage zurück.

„Was kann er schon wissen? Vielleicht ist das Gerücht zu ihm gedrungen, daß mein Vater mit dem Rentmeister Hollmann eine Auseinandersetzung gehabt und daß Herr Hollmann seinen Sohn aus dem Hause gejagt hat. Aber er weiß bestimmt nichts von der Unterredung, die Baron Puttlitz und Baron Lauff mit meinem Vater hatten. Also kann er auch nicht ahnen, daß Paps uns seinen Segen gegeben hat.“

„Das dachte ich mir, Trixi! Dann kommt er auch bestimmt deinetwegen. Er will die Verbindung wieder aufnehmen! Du mußt ihm jetzt ein für alle Male einen Kob geben!“

„Den bekommt er schon, Jutta, das laß nur meine Sorge sein! Aber es soll mir niemand vorwerfen können, ich hätte die Gesetze der Höflichkeit verletzt.“

„Gott sei Dank brauche ich den Grafen Focke noch nicht zu meinen Bekannten zählen, aber ich kann mir schon vorstellen, wie er aussieht. Sein Gesicht wird wohl genau so schäbig sein wie sein Charakter. Und wie es erst aussehen mag, wenn er erfährt, daß Herr Hollmann auch in Freiburg ist!“

„Hoffentlich treffen die beiden nicht noch einmal aufeinander! Ich könnte mir denken, daß ihn dann nicht nur die Eifersucht plagen wird, sondern auch noch die Rachsucht wegen des Ausgangs des Duells. Daß er damals den kürzeren zog, wird er Achim nie vergessen!“

„Es wird wohl nur halb so schlimm werden, Trixi“, tröstete Baronesse Jutta, „Freiburg ist groß, und da werden sie sich ja nicht unbedingt in die Arme laufen.“

„Hast recht, Jutta, es muß nicht sein, daß sie sich begegnen. Aber wenn es trotzdem geschieht, wird Achim schon die richtigen Worte finden, um ihn in seine Schranken zurückzuweisen.“

„Und wann siehst du Achim wieder? Heute nachmittag an der Kyburg? Oder kommt er heute nicht zum Tennisspielen?“

„Doch, er kommt!“ antwortete Beatrix überzeugt, „es ist doch die einzige Möglichkeit, uns zu sehen. Ich muß ihm doch sagen, daß mein Vater in drei Wochen kommen wird, um uns seinen Segen zu geben.“

„Hat er geschrieben?“ fragte Baronesse Jutta erstaunt. „Davon hast du mir ja noch gar nichts gesagt!“

„Entschuldige, Jutta, der Brief kam erst soeben an, und als du mit deiner überraschenden Nachricht dazwischen kamst, dachte ich nicht mehr daran.“

„Ob deine Tante wohl mitkommt?“

„Tante Adelheid? Nein, davon schreibt Paps nichts! Ich weiß nicht einmal, wie er es ihr beigebracht hat. Sie war es doch, die sich so sehr gegen meine Freundschaft mit Achim gesträubt hat — und sie überraschte uns ja auch, als wir uns küßten. Ohne ihr Dazwischentreten wäre das ganze Drama sicher vermieden worden.“

„Dann wird dein Vater aber einen schweren Stand haben“, antwortete die Baronesse weise, denn sie lebte sich mit ihrem wachen Verstande sofort in die Situation ein, die gegenwärtig auf Schloß Aihrenshofen herrschte. „Ich kann mir direkt vorstellen, wie giftig deine Tante sein wird und wie sie deinem Vater die Hölle heiß macht, weil er euch seine Zustimmung gegeben hat.“

„Ja, über den Kummer kommt Tante Adelheid nie hinweg“, seufzte Beatrix. „Sie hatte so große Pläne mit mir vor!“ — —

Zur selben Zeit, als die beiden Freundinnen dieses Gespräch führten, holte Baron von Lauff, wie er das versprochen hatte, Achim Hollmann vom Kolleg ab. Sie trafen sich vor dem Gebäude der Universität, wo Rüdiger an der großen Freitreppe Posten gefaßt hatte.

„Da bin ich also!“ begrüßte er Achim, als dieser die Treppe hinunterschritt.

„Guten Tag, Baron Lauff! Ich dachte schon, Sie würden mich vor dem Hörsaal auf dem Flur erwartet haben. Aber dieser Treffpunkt war Ihnen wohl sicherer, nicht wahr?“

„Offen gestanden“, lachte Baron von Lauff, „ist es mir schon lieber, wir treffen uns außerhalb der Uni, ich getraue mich nämlich gar nicht mehr hinein.“

„Sie trauen sich nicht?“ fragte Achim erstaunt. „Haben Sie denn Ihre Kolleggelder nicht bezahlt?“

„Das schon, aber ich könnte ja mal einem der Herren Professoren begegnen, und da wäre es mir doch sehr peinlich, wenn er mich fragen würde, wo ich eigentlich meine kurzen Tage verbrächte.“

„Nun, Sie sind ja nicht auskunftspflichtig“, lachte Achim zurück, „wofür haben wir denn unsere akademische Freiheit!“

„Das meine ich auch“, bestätigte der Baron und klopfte Achim auf die Schulter. „Was nutzt uns alle Freiheit, wenn wir keinen Gebrauch von ihr machen. Und ich habe mir eben erlaubt, mir nun schon das vierte Semester um die Ohren zu schlagen. Das heißt, ganz so schlimm ist es ja nicht, denn meine Vorprüfung mache ich noch in diesem Sommer!“

„Dann wünsche ich guten Erfolg!“ sagte Achim, der von Beatrix wußte, welch ein fanatisches Arbeitstier der Baron war, wenn er es einmal gepackt hatte. Und da er seit einem halben Jahr mit der Baronesse Gisela von Dammerow verlobt war, würde er wohl alles daransetzen, sein Studium schnell zu beenden, um dann heiraten zu können.

Einen Vorteil allerdings hatte Baron von Lauff den meisten seiner Studienkollegen voraus: er brauchte eigentlich kein Diplom und keine Abschlußprüfung, denn er ging ja nicht zu anderen Leuten in einen Beruf, sondern er übernahm das väterliche Gut. Wenn er trotzdem eine Prüfung machte, so geschah es, weil er nicht die Achtung vor sich selber verlieren wollte. Er stand auf dem Standpunkt, daß man alles im Leben verlieren könne, nur nicht das, was man einmal gelernt hatte. Trotz aller Romantik und der vielgepriesenen Burschenherrlichkeit stand Baron Rüdiger von Lauff mit beiden Füßen fest im Leben.

„Und nun auf in den Kampf, Achim!” sagte der Baron und führte den Freund zu einer Droschke, die am Straßenrande wartete. „Meine Verbindungsbrüder sind schon neugierig, den neuen Fuchs kennenzulernen! Oder haben Sie es sich inzwischen etwa anders überlegt?”

„Aber nein, Baron, ich halte selbstverständlich meine Zusage! Und außerdem habe ich heute einen Brief von daheim bekommen. Es scheint sich alles wieder einzurenken.“

„Ihr Herr Vater hat geschrieben?“ fragte Baron von Lauff voller Freude.

„Nein, nicht mein Vater, sondern meine Mutter. Aber sie teilt mir mit, daß Graf Lockstätten mit ihm gesprochen hat und daß er seitdem wieder ein freundliches Gesicht macht. Den Bannstrahl wird er also wohl über kurz oder lang zurücknehmen.“

„Das möchte ich Ihnen von Herzen wünschen, Achim! Aber da wir schon einmal bei den frohen Nachrichten sind, will ich Ihnen auch noch etwas berichten. Sie sind einstimmig in die Saxo-Borussia aufgenommen, obwohl man Sie noch nicht gesehen hat!“

„Was ich natürlich wieder Ihnen verdanke, Baron!“

„Nun lassen Sie es schon gut sein“, wehrte dieser jeden Dank ab. „Dafür erwartet man allerdings auch etwas von Ihnen.“ Als er bemerkte, wie ihn Achim Hollmann neugierig anschaute, fuhr er fort: „Man wird Ihnen antragen, den Paukbetrieb zu übernehmen. Ich darf doch wohl erwarten, daß Sie zusagen werden?“

„Ich werde Ihre Erwartung nicht enttäuschen, Baron Lauff! Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich annehme, daß ich dieses Amt auch wieder Ihnen verdanke?“

„Nichts für ungut, Achim, ich sah darin die beste Lösung in der gegenwärtigen Situation. Das Amt des Paukwarts wird anständig honoriert und gibt Ihnen die Möglichkeit, doch noch aktiv zu werden. Aber bitte, reden wir nicht mehr darüber, Sie werden schon mit uns zufrieden sein!“

Da reichte ihm Achim spontan die Hand.

„Wie Sie wünschen, Baron! Und ich werde mir natürlich die größte Mühe geben, um alle Erwartungen der Saxo-Borussia zu erfüllen!”

Als sie vor dem Hause vorfuhren, sagte Achim:

„Eine Bitte hätte ich aber noch, Baron! Sie wissen, ich möchte Trixi heute nachmittag treffen. Das muß unter allen Umständen möglich sein!“

„Sie haben Angst vor dem Frühschoppen?” lachte Baron Lauff. „Nun gut, ich werde dafür sorgen, daß Sie rechtzeitig und nüchtern wieder nach Hause kommen!“

Das Korpshaus der Saxo-Borussen war eine große, geräumige Villa im Stil der Gründerjahre. Sie war als Korporationshaus aus den Stiftungen der Altherrenschaft erbaut worden, und darum hatte man mehr Wert auf besondere Zweckmäßigkeit als auf übertriebenen Luxus gelegt. Neben den Zimmern der Studenten, die im Hause wohnten, und der Wohnung des Pedellen gab es noch mehrere Gesellschaftszimmer und gleich im Parterre eine schöne, holzgetäfelte Diele. Den Hauptraum aber nahm die sogenannte Kneipe ein, ein langgestreckter Raum, der die ganze Fensterfront des Hauses beanspruchte und sein Licht aus hohen, gotischen Buntglasfenstern erhielt.

In diesem Raum saßen die Herren Studenten versammelt, als Baron Rüdiger von Lauff seinen Freund einführte und mit den Hausherren bekanntmachte. Das ging nach einem besonderen Zeremoniell vor sich und wurde von allen sehr ernst genommen. Der hier angewandte Komment und die vielen hochtönenden Namen, die an Achims Ohr klangen, machten ihn im ersten Augenblick ein wenig befangen. Trotzdem hielt er sich ausgezeichnet.

Der erste Chargierte, Adolf Graf von der Holst, hieß Achim Hollmann in wohlgesetzten Worten im Kreise der Saxo-Borussen willkommen und wies ihm einen Platz im ‚Fuchsstall‘ an, jenem Teil der langen Tafel, wo die krassen Füchse, also die Studenten im ersten Semester, saßen, den Burschen als ihren Lehrherm nach dem Munde sahen und bestrebt waren, es ihnen in allem gleichzutun.

Der zweite Chargierte, Bodo Herwarth, spielte heute die Rolle des Fuchsmajors, auf dessen Kommando die Füchse ‚sich löffeln‘ oder ‚in die Kanne steigen‘ mußten. Und zu diesen Füchsen gehörte auch Achim Hollmann. Als er schon mehrere Male sein Gemäß gehoben und einen tiefen Zug getan hatte, warf er dem Baron von Lauff einen hilfesuchenden Blick zu, den dieser auch sofort verstand, denn er erhob sich und bat um Silentium, nachdem ihm der erste Chargierte das Wort erteilt hatte.

„Burschen und Füchse, bitte einmal herhören! Als Leibbursch fühle ich mich für das körperliche und seelische Wohl meines Leibfuchses Achim Hollmann voll verantwortlich. Da das eine aber nicht vom anderen zu trennen ist, das seelische Wohl aber heute von Umständen abhängig ist, die meine Kompetenzen übersteigen, bitte ich für ihn um verständnisvolle Rücksicht und besonderes Wohlwollen ...“

„Rücksicht verdient nur ein ausgewachsener Kater!“ warf einer der Füchse dazwischen, der jedoch vom ersten Chargierten sofort zur Ordnung gerufen wurde:

„Hasselmeyer möge sich löffeln wegen vorlauter Bemerkung!“

Der Fuchs hob sein Glas und trank. Baron von Lauff konnte fortfahren, nachdem der Präside dem vorlauten Fuchs den Rest des Glases geschenkt hatte:

„Ich betone ausdrücklich, daß bei meinem Leibfuchs weder ein Kater noch ein körperliches Unwohlsein vorliegen, sein seelisches Gleichgewicht hängt vielmehr von einem Minnedienst ab, den er im Laufe des Nachmittags ohne Beeinträchtigung durch die Nachwirkungen eines Frühschoppens zu absolvieren hat. Darum tempus peto für Achim Hollmann!“

„Habeas!“ gewährte der Präside den erbetenen Urlaub.

„Die Liebe soll leben!“ rief ein Bursche dazwischen, bevor der Präside zu Ende gesprochen hatte, was diesen, zur Aufrechterhaltung der Disziplin, zu dem scharfen Befehl veranlaßte:

„In die Kanne, von Bargen! Und Sie, Achim Hollmann, melden sich heute abend Punkt acht Uhr zur Stelle! Können Sie Ihren Minnedienst bis dahin beendet haben?“

„Jawohl, das kann ich!“ Er erhob sich, winkte den Zechern zu und verließ den Kneipsaal. Schon rauchte ihm der Kopf, denn er war keinen Frühschoppen gewohnt, und der Alkohol verlieh seiner Phantasie besonderen Schwung, so daß er sich bereits im siebenten Himmel glaubte.

Pfeifend ging er die Straße entlang, sodann beschloß er, irgendwo zu Mittag zu essen, denn einmal verlangte der Magen um diese Stunde sein Recht, zum anderen aber war es notwendig, die Wirkung des Alkohols aufzuheben. Trixi würde zwar größtes Verständnis haben, wenn seine Seele beschwingt war von der Liebe und dem Überschwang seiner Jugend, aber es war nicht sicher, ob sie sich freuen würde, wenn diese Beschwingtheit realere Ursachen hatte und auf einen ungewohnten Frühschoppen zurückzuführen war.