Ignatius - Jürg Arquint - E-Book

Ignatius E-Book

Jürg Arquint

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Beschreibung

Sandra, die Enkelin von Ignatius, liebt es, sich in der gemütlichen Arven-Stube ihrer Grosseltern in einen Sessel zu kuscheln und den Geschichten von «früher» zu lauschen, die ihr Grossvater zu erzählen weiss. Und so beginnt für Sandra eine zweihundert Jahre dauernde Reise in eine überraschende, hochspannende Vergangenheit ihrer Vorfahren, welche nicht nur im Engadin, sondern auch in der Toskana und im Veltlin lebten. Sie staunt, dass ihre Ur-Grossmutter gar in einen Prinzen aus dem englischen Königs-Haus verliebt gewesen sei. Sie erfährt, dass ihr Ur-Ur-Grossvater gar ein «König» gewesen sein soll, allerdings nicht aus einer herkömmlichen Monarchie. So erstaunt es sie nicht, dass er fluchtartig über Nacht seine Heimat für immer verlassen musste. Auch ihr Ur-Grossvater soll aus seinem Geburtsort vertrieben worden sein und wurde sowohl in Firenze wie auch in Tarasp gleich mehrmals um seinen gesamten Besitz gebracht. Die wichtigsten Schauplätze der Geschichte sind Tarasp und Scuol im Unterengadin, sowie Firenze und San Gimignano in der Toskana und Bormio im Veltlin.

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per Bap, per tes novantavel

„cur ch’ eu sun quia a Firenze, eu am dumond, co quai pudess esser stat. Sco cha tü vezzarast, n’ aia chatà üna soluziun. Forsa esa stat uschenas, forsa na…

…o co asch tü adüna dit? Schi nu n’es vaira, esa bain invaintà!»

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Teil 1 – Gian-Andrea, Tarasp 1816 – Firenze 1823

Teil 2 – Guglielmo, Firenze 1914 – Tarasp 1917

Teil 3 – Maria, Bormio 1915 – Tarasp 1917

Teil 4 – Maria und Guglielmo, Tarasp ab 1917

Teil 5 – Ignatius, Zürich nach dem 2. Weltkrieg

Prolog

Ich war der Jüngste, der Jüngste von elf Geschwistern. Diesem Umstand verdanke ich auch meinen etwas kuriosen Namen. Als ich am 31. Juli 1929 geboren wurde, war bei meinen Eltern der Vorrat an wohlklingenden, romanischen Namen aufgebraucht, nach zehn Kindern. Bap, mein Vater, hatte den Chalender Ladin konsultiert und die Seiten mit den Namens-Tagen aufgeschlagen.

«Wir könnten ihn «Ignatius» nennen» schlug er vor.

Mamma, die damals noch nicht erahnen konnte, dass ich ihr Liebling werden würde, hatte mit kraftloser Stimme zugestimmt. Und als ich es später geworden war, der Liebling von Mamma, sprach ich sie darauf an

«Mamma, warum haben Bab und Du damals diesen Namen gewählt?» und bevor sie etwas antworten konnte, ergänzte ich noch «ich bin der Einzige in der Familie, der keinen romanischen Namen trägt»

«Dein Name ist viel edler als diejenige Deiner Geschwister» antwortete sie «der Name ist zwar nicht romanisch, dafür aber römisch, also noch viel älter»

«Ja, aber kein Mensch nennt mich so, wie ich wirklich heisse» protestierte ich «alle nennen mich nur «Iggy». In der Schule hat Seraina mich schon einmal «igitt» genannt und dabei ihren Mund verzogen, so als würde sie etwas Saures essen»

«Hör’ einfach nicht zu, wenn andere Kinder Deinen schönen Namen verunstalten. Das machen sie nur, weil sie neidisch sind»

Dieses Argument überzeugte mich nicht. Sie versuchte, mich mit einem anderen Hinweis zu beruhigen

«Also, Du weisst ja, dass die Römer einmal eine Weltmacht waren. Tausend Jahre lang beherrschten sie einen grossen Teil der Welt, damals, so etwa fünfhundert Jahre vor Christi Geburt» dabei schlug sie das Kreuz, indem sie erst mit ihrem Finger an ihre Stirn, danach zwischen ihre Brust und an ihre beiden Schultern fasste «bis etwa fünfhundert Jahre in unsere Zeitrechnung hinein. Dein Name muss sogar noch etwas vorher entstanden sein, bei den Etruskern»

«Wer sind denn die Etrusker?» wollte ich wissen.

«Das waren die Vorfahren der Römer»

«Und das ist der Grund, weshalb Ihr mich auf diesen Namen getauft habt?» verstand ich immer noch nicht «wenn es vor allem ein alter Name hätte sein sollen, hättet Ihr mich ja auch Moses, Abraham oder gar Adam nennen können, nicht?»

Sie sah ein, dass ich nicht lockerlassen würde. Da hatte sie mir gestanden, wie dieser Entscheid damals zustande gekommen war. In der darauffolgenden Nacht hatte ich lange nicht einschlafen können. Immer wieder dachte ich darüber nach, wie ich entschieden hätte, wäre ich an Stelle meiner Eltern gewesen. Aber dann, auf einmal, fiel es mir wie Schuppen vor den Augen. Was für ein Glück, dass ich am 31. Juli geboren wurde. Wie hätten meine Eltern mich genannt, wenn ich einen Tag später das Licht der Welt erblickt hätte? Etwa «Nationalfeiertag»?

Meine Geburt vor achtzig Jahren war kein grosses Ereignis. Als Elfter des Nachwuchses war das eher Routine. Meine Familie lebte damals in Sparsels, einem Orts-Teil von Tarasp, ganz in der Nähe des heutigen Hotels Chasté, am Fusse des berühmten Schlosses. Unser Haus lag am nördlichen Rand dieses Orts-Teils. Direkt dahinter befand sich eine Wiese, auf welcher unsere zwei Ziegen weideten. Mutter war bei ihnen, als sie die ersten, stärkeren Wehen zu plagen begannen. Da ich mich schon einige Tage früher hätte melden sollen und das nicht getan hatte, war ich bei Mutters Prioritäten-Liste nach hinten gerutscht. Sie hatte mich fast schon vergessen. Die Wehen folgten sehr rasch in immer kürzeren Intervallen. Das meine Mutter die nahende Niederkunft verdrängt hatte, erwies sich nun als Problem. Meine älteren Brüder Balzer und Jon weilten auf der Alp Sesvenna und hüteten dort seit Mitte Juni Ziegen und Schafe. Diese beiden konnte sie daher nicht nach Scuol schicken, um die Hebamme zu informieren. Balzer, mein ältester Bruder, war damals zehn Jahre alt, Jon ein Jahr jünger. Meine damals achtjährige Schwester arbeitete bei den Vignadis als Haushalts-Hilfe in Sent, konnte deshalb diese Angelegenheit ebenfalls nicht erledigen. Meine jüngeren Geschwister Fadri, Linard oder Giacomina waren noch zu klein, um diese Aufgabe zu übernehme. Bap war sowieso nicht da. Er, der aus einer Hotel-Dynastie stammte, besass zwar kein Hotel mehr, arbeitete aber als Concierge im mondänen Luxus-Hotel «Kurhaus Tarasp» ganz unten am Inn, wo es sich Gäste aus England und Deutschland beim Kuren mit Mineralwasser gut gehen liessen. Mit seinem Vierzehn-Stunden-Pensum schaffte er es sehr selten, uns während der Saison zu besuchen. Also blieb meiner Mutter keine andere Wahl, als sich selber zu behelfen. Sie hatte das Prozedere einer Geburt bereits zehn Mal durchgestanden. Da würde sie auch die elfte überstehen. Zuerst dachte sie, dass sie nach meiner Geburt die Ziegen noch fertig versorgen könne, stellte aber bald einmal fest, dass sie inzwischen etwas gar viel Blut verloren hatte. Sie bat meinen Bruder Jachen, der vor wenigen Tagen sechs Jahre alt geworden war, er solle doch bei den Raisuns vorbeischauen und fragen, ob jemand von ihnen die Hebamme aus Scuol hierherbitten könne. Tarasp bestand schon damals aus zehn verschiedenen Fraktionen, verteilt auf einem riesigen Gemeinde-Gebiet. Unter den etwa dreihundert Einwohnern fand man aber auch damals keine Hebamme. Also war Jachen losgezogen, die Raisuns aufzusuchen, welche beim Tor zur Auffahrt zum Schloss wohnten. Das waren zwar nur etwa dreihundert Meter von unserem Haus, aber da der Weg bei seinem gleichaltrigen Freund Reto vorbeiführte, hatte Jachen bei ihm reingeschaut. Einige Tage zuvor hatte Retos Katze Mina sechs Junge geworfen. Als Jachen diese winzigen Wollknäuel sah, vergass er die Zeit und den Auftrag. Reto und Jachen spielten lange Zeit mit den noch sehr wackeligen Jungen, bis seine Mutter nach ihnen sah und fragte, wie es meiner Mamma ginge, so kurz vor der Geburt. Erst jetzt fiel Jachen wieder ein, welchen Auftrag er von Mamma gefasst hatte und begann zu weinen anstatt zu antworten. Retos Mutter konnte sich nicht erklären, was sie mit ihrer Frage angerichtet haben könnte. Sie beschloss daher, meinen Bruder zu uns nach Hause zu bringen und selber nach meiner Mutter zu schauen. Als sie mit dem heulenden Jachen bei uns eintraf, war meine Mamma schon fast wieder bereit, sich den Ziegen zuzuwenden. Retos Mutter konnte aber meine Mamma überzeugen, sich doch noch eine Weile hinzulegen und sich um mich zu kümmern. Die Ziegen würde sie füttern.

Tarasp, etwa eine Stunde Fussmarsch von meinem jetzigen Wohnort Scuol entfernt, war damals eine Art Enklave im Unterengadin. Von Martina an der österreichischen Grenze bis nach Zernez, von wo man den beschwerlichen Weg über den Pass dal Fuorn, den Ofen-Pass, unter die Füsse nahm, besuchte man am Sonntag den reformierten Gottesdienst. Tarasp aber hatte die im sechzehnten Jahrhundert aufkommende Reformation verschmäht und war immer katholisch geblieben. Auch in unserer Stüva, unserem Wohnzimmer, fand man Zeit meines Lebens ein Bild des amtierenden Papstes. Die Nachbarschaft zu Scuol war daher alles andere als eine Liebes-Beziehung. Daher war es besonders bemerkenswert, dass man 1913 bei der Eröffnung des Bahnhofs den Namen «Scuol-Tarasp-Vulpera» wählte, obwohl der Bahnhof noch heute auf dem Gemeinde-Gebiet von Scuol steht. Dass man mit «Vulpera» gar noch eine Fraktion von Tarasp, also einen Gemeinde-Teil mit in den Namen des Bahnhofs aufnahm, grenzt aus heutiger Sicht schon fast an ein Wunder. Der Grund dafür, dass man es aus Überzeugung tat, ist in den Geschichts-Büchern zu finden.

Tarasp besteht, wie bereits erwähnt, noch heute aus zehn verschiedenen Fraktionen, obwohl es auch heute nur etwa dreihundert Einwohner zählt. In den kleinsten Ortsteilen wie beispielsweise Aschera, Avrona, Sgné, Florins oder Chaposch wohnen nur eine Handvoll Menschen. Die grösseren wie mein Geburtsort Sparsels oder Fontana sind zwar ausserordentlich malerisch, aber wirtschaftlich unbedeutend. Vulpera hingegen war damals, vielleicht übertreibe ich jetzt ein wenig, Vulpera war damals weltberühmt. Ziemlich genau in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts stellte man wissenschaftlich fest, dass die bei uns aus allen Löchern sprudelnden Wasser nicht nur angenehm prickeln, sondern dass deren enthaltene Mineralien auch positive Auswirkungen aufs Wohlergehen der Menschen haben soll. Als man 1860 die Strasse durch das Tal eröffnete, entschieden einige wild entschlossene Hasardeure, welche damals wohl kaum einen Business-Plan erstellt hatten, das «Kurhaus Tarasp» in Nairs zu erstellen. Diese Aussage an sich lässt noch nicht darauf schliessen, welche Wahnsinns-Idee das damals gewesen war. Wer aber heute den vor sich hin lotternden Bau auf der unteren Talseite der Kantonsstrasse genauer unter die Lupe nimmt, beginnt sich vielleicht etwas fragend am Kopf zu kratzen. Auch heute noch, etwa sieben Generationen später, ist es wohl das grösste Gebäude des Unterengadins. Als kleiner Junge durfte ich einmal zum Saison-Schluss mit Bap durchs Haus gehen. Wir sahen nur kurz in eine der vier Suiten mit vier verschiedenen Zimmern. Von den anderen, weit über hundert Zimmern sah ich auch noch deren zwei. Alleine das Erdgeschoss war so gross, dass ich ausser Atem war, als ich im Westflügel bei einem Holzpferd stehen geblieben war, Bap mich am anderen Ende des Flügels zu sich rief und ich zu ihm rennen musste. Das war aber nur der Westflügel, der etwa ein Drittel der Länge des Gebäudes misst. Dasselbe geschah, als Bap mich in den Speisesaal führte. Er musste am anderen Ende etwas holen und bat mich am Eingang zu warten. Ich sah die unendlich vielen Tische und Stühle vor mir, die glitzernden Leuchter an der Decke, die vielen Fenster, welche den Blick zum Park freigeben. «We nan, Iggy!» hatte er gerufen, «komm her», weil ich ihm helfen sollte, die Servietten wegzutragen. Auch da war ich ausser Atem, als ich nach einem Langstrecken-Spurt bei ihm eintraf. Und zum Schluss ging er mit mir durchs Vestibül, welches so hoch war, dass wenn man einen Ball in die Luft warf, man mit ihm nicht bis an die Decke gelangte. Dort sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen nackten Busen. Ich erinnere mich nicht mehr, ob das Fresko irgendwelche Engel darstellen oder ob der Maler ganz einfach eine schöne Frau malen wollte. Als ich kürzlich bei der x-ten Wieder-Eröffnung des Hauses dort bei einem Apéro eingeladen worden war, zu welchem alle Dorfbewohner herzlichst begrüsst wurden, wandte ich meinen Blick wieder zu diesen barbusigen Wesen. Die neuen Pächter, ein orthodox-jüdisches Ehepaar, hatten ihnen mit Tüchern die schönen Busen verdeckt, vermutlich mit einem Tacker mit Klammern direkt in die Wand. Das Haus zu Fuss zu umrunden entspricht einem mittleren Spaziergang. Alleine der imposante, nur als Estrich genutzte Dachstock ist so gross, dass man dort problemlos ein Spital einrichten könnte. Ja, was hatten sich damals diese Investoren gedacht, an diesem abgelegenen Ort ein Fünf-Sterne-Hotel mit diesen Ausmassen zu erstellen? Man muss dazu noch bemerken, dass das Haus damals nur während etwa fünf oder sechs Monaten im Jahr geöffnet blieb. Im Winter-Halbjahr war es für das Flanieren am Ufer des Inns, um auf die Wirkung der Harn- und anderen stoff-treibenden Wässerchen zu warten, viel zu kalt. Es war daher kein Wunder, dass bereits nach zwei oder drei Saisons den Betreibern das Geld ausging und sie Konkurs anmelden mussten. Den ersten von vielen, die in den späteren Jahrzehnten folgten. Diese erste Pleite schien andere Investoren keineswegs abzuschrecken. Ganz im Gegenteil. Auch diese liessen sich von den teilweise gar nach faulen Eiern stinkenden Wassern betören und errichteten in den Folgejahren mehrere ebenso imposante Hotels, vor allem in Vulpera, aber auch in Scuol. Und das in einer Umgebung, wo mein Ur-Ur-Grossvater noch wenige Generationen vorher wegen der grossen Hungersnot nach Italien auswandern musste. Sie stellten dort ihre Luxus-Hotels hin, wo Menschen lebten, die jeden Frühling froh waren, dass sie den harten Winter mehr oder weniger heil überstanden hatten und nicht verhungert waren. Ja, und der grosse Teil dieser Hotels wurde im Tarasper Dorf-Teil «Vulpera» erbaut. Daher einigten sich die beiden Capos, die Gemeindepräsidenten, von Tarasp und Scuol damals auf den Bahnhofs-Namen «Scuol-Tarasp-Vulpera».

mit Sandra…

«Woher glaubst Du zu wissen, dass Dein Ur-Ur-Grossvater damals nach Italien ausgewandert sein soll?» fragte mich meine Enkelin Sandra mit einem etwas belehrenden Unterton in ihrer Stimme. Bisher hatte sie meinen Erzählungen schweigend zugehört.

«Kennst Du meine Schwester, Madlaina, die Nonne?»

«Ich glaube, mein Vater hat mir einmal erzählt, dass wir in der Familie eine Kloster-Frau hätten» meinte Sandra «aber persönlich kennengelernt habe ich sie nie»

«Seit sie sechzehn Jahre alt wurde, verbrachte sie ihr ganzes Leben in den Diensten der Kirche»

«Uhh, das wäre nichts für mich»

«Für mich auch nicht, aber für die Ahnenforschung bringt es gewisse Vorteile»

«Wieso, weil man einen besseren Draht zu Gott hat?»

«In gewisser Weise schon» bestätigte ich ihr grinsend «sie hat durch ihre Tätigkeit uneingeschränkte Einsicht in Kirchenbücher, dort wo man seit Jahrhunderten Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen notiert»

«Und dort soll man entnehmen können, dass ein gewisser X geheiratet hat und daher Dein Ur-Grossvater sei?» witzelte sie ein wenig zynisch.

«Mein Ur-Ur-Grossvater» korrigierte ich sie «und man konnte darin nicht entnehmen, dass er geheiratet hätte, sondern im Jahr 1799 in Tarasp auf den Namen Gian-Andrea getauft wurde. Geheiratet hat er in Firenze, im Jahr 1823»

Meiner Enkelin blieb der Mund offen. Sie war sprachlos, was sehr selten vorkam, aber nur für sehr kurze Zeit.

«Wahnsinn!» war ihr erstes Wort nach dieser kurzen Pause «aber wie konnte Deine Schwester diesen Zusammenhang herstellen, ich meine, dass mit Tarasp und Firenze?»

«Das ist eine längere Geschichte» sagte ich und begann zu erzählen.

Teil 1

Gian-Andrea

Tarasp 1816 – Firenze 1823

Tarasp – 1816-1817

Das Jahr seiner Geburt stand für das Engadin unter keinem guten Stern. Als Gian-Andrea 1799 die Düsternis der Welt erblickte, von Licht konnte zu dem Zeitpunkt keine Rede gewesen sein, waren eben die Truppen der habsburgischen und französischen Armeen plündernd und raubend durch das Tal gezogen. Sie hinterliessen eine Spur der Verwüstung und brachten grosses Elend über die Bevölkerung. Es war daher fast verständlich, dass seine Ankunft den Eltern eher grosse Sorgen als Freude bereitete. Wie wollten sie ein weiteres hungriges Maul stopfen, wenn sie selbst kaum wussten, wie sie den kommenden Winter überleben sollten? Die Soldaten hatten fast alle ihre Vorräte mitgenommen, ebenso ihre Hühner und ihr Schwein. In seiner Verzweiflung hatte sich der Vater schweren Herzens anerboten, den Jungen in einem Korb vor die Kirche zu stellen und ihn dort seinem Schicksal zu überlassen. Seine Mutter konnte ihn aber davon abhalten, indem sie ihm glaubhaft darlegen konnte, dass man in der Nachbarschaft ja wisse, dass sie Nachwuchs erwartete. Wie sollte man den Leuten erklären, dass sie auf einmal nicht mehr schwanger war, aber ein unbekanntes Neugeborenes auf der Treppe vor der Kirche erschienen war?

Wie durch ein Wunder, überlebten Gian-Andrea, seine Eltern und vier seiner Geschwister den Winter, sein zwei Jahre älterer Bruder schaffte es nicht. Er verstarb an hohem Fieber in der Nacht, als das Jahr 1800 anbrach. Seine Eltern lebten, wie fast alle anderen im Dorf, von der Weide- und Alpwirtschaft, vom Ackerbau, aber auch von der Holzwirtschaft. Sein Vater war auch Tischler und übte seinen Beruf vor allem im Winterhalbjahr aus, wenn es auf den Feldern nichts zu tun gab. Dennoch wurde er als Sonderling bezeichnet, da er sich als einziger traute, Kartoffeln anzupflanzen. Die anderen im Dorf verachteten diese Nahrung als ärmlich, reizlos und vor allem als ungesund. Sie ernährten sich in erster Linie von Mehlprodukten und setzten daher auf den Getreideanbau. Den erst seit wenigen Jahren in Graubünden angebauten Kartoffeln standen sie sehr skeptisch gegenüber. Für Gian-Andreas Familie hatte es sich in diesem Winter als sehr wertvoll erwiesen, dass die Soldaten die grosse Kiste im dunklen Naturkeller mit den Kartoffeln verschmäht oder übersehen hatten. Zwar war ihr Speiseplan auch in den folgenden Jahren durch die Knollen-Frucht geprägt, was ihnen im Dorf den Übernamen «Maglia-Mailinterra», die Kartoffel-Fresser einbrachte, andererseits hatte seine Familie seither kaum Hunger leiden müssen. Trotzdem hätte sich Gian-Andrea oft gewünscht, dass er manchmal Brot essen dürfte, so wie er das bei den Nachbarskindern immer wieder sehen konnte. Bis zum besagten Schicksalsjahr 1816 änderte sein Speiseplan kaum. So blieben seine Sehnsüchte nach Mehlspeisen und er nutzte jede sich bietende Gelegenheit, wenn er davon profitieren konnte. Im Jahr 1816 wollte und wollte sich der Frühling nicht einstellen. Es war, als würde der Winter sich weigern, dem Frühling Platz zu machen. Gian-Andrea hatte seinem Vater geholfen, das Saatgut auszubringen, als es am Tag darauf nochmals kräftig schneite. Zwei Tage später war er dennoch gemeinsam mit seinem drei Jahre älteren Bruder auf die Alp Astras hinaufgestiegen. Fünfunddreissig Tiere führten sie hinauf, gemeinsam mit ihrem Hund Sedi. Der Schnee auf der Alp lag so hoch, dass die Tiere nach Gras graben mussten. Sedi hatte es bald einmal satt, die Tiere zu beaufsichtigen. Er sah sie ganz einfach nicht, weil er so tief im Schnee versank. Es schneite im Juni, es schneite im Juli, es schneite im August. Ende August entschieden sie, die Tiere von der Alp ins Tal zurückzuführen. Es hatte insgesamt neunzehn Mal geschneit. Die Tiere fanden keine Nahrung. Bei ihrer Rückkehr wählten sie den Weg nahe am Got Tamangur vorbei, dem höchsten Arvenwald in Europa. Die Tiere waren so hungrig, dass sie sich an den Nadeln der Arven den Hunger zu stillen versuchten. Im Dorf angekommen, mussten sie feststellen, dass es auch im Tal sehr oft geschneit hatte. Das Getreide stand im September noch so grün, wie normalerweise Ende Juni. Die Kartoffeln seines Vaters waren zur Erntezeit noch so klein, dass er entschied, sie noch ein wenig länger im Boden zu lassen. Danach schneite es. Bereits Ende November lag so viel Schnee, wie normalerweise in einem harten Winter im Februar. Es schneite auch im Dezember. Das Dorf war wie ausgestorben. Alle Menschen hockten in ihren warmen Stuben und zählten ihre Vorräte. Gian-Andrea hörte seine Eltern oft miteinander tuscheln, wie sie wohl diesen Winter überstehen könnten. «Die Vorräte neigen sich schon bald dem Ende zu» hatte die Mutter Ende Jahr ihrem Mann zugeflüstert. «Was sollen wir tun?» Sie beschlossen, noch kleinere Portionen auszuschenken, als die bisherigen, bereits reduzierten. In diesem Jahr plagte Gian-Andrea der Hunger andauernd. Auch er blieb viel öfters im einzigen geheizten Raum ihres Hauses, in der Stüva. Früher konnte er sich bei der grössten Kälte draussen aufhalten. Jetzt aber, wo sein Körper Mangel litt, fror er ständig. Im Dorf hatte eine Frau begonnen, die Rinde der Birken des nahen Waldes fein zu mahlen und dem Brotteig beizumischen. Deren Tiere brüllten im Stall vor Hunger. Eine andere Familie hatte vom Metzger in Scuol erfahren, dass man Knochen fein mahlen könne. Das daraus entstehende Mehl sei sehr nahrhaft und könne wunderbar anderen Lebensmitteln beigemischt werden. Kurz vor Weihnachten verstarb seine kleine Schwester. Sie war schon immer eher schwächlich gewesen. Die Lungenentzündung, die sie sich beim Holzsammeln im nahen Wald eingehandelt hatte, schwächte die halbverhungerte Elfjährige zusätzlich. Gian-Andrea hatte sie auf die Ofenbank in ihrer warmen Stube gebettet, weil es in den Schlafräumen so kalt war, dass sich Eisblumen vor den kleinen Fenstern bildeten. In ihrer Todesnacht war er bei ihr geblieben und war neben ihr auf dem Boden eingeschlafen. Als er mitten in der Nacht aufschreckte und eine Kerze anzündete, konnte er nur noch feststellen, dass sie nicht mehr atmete.

Als das neue Jahr anbrach, bat ihn sein Vater, ihn bei der Lieferung eines Tisches nach Scuol zu begleiten, welchen er dem Arzt bringen durfte. Das würde ihnen hoffentlich ausreichend Geld bringen, um sich Nahrungsmittel für den Rest des Winters zu beschaffen. Was sein Vater damals noch nicht kannte, war das Problem der Inflation. Der Preis für Korn, aber auch für viele andere Nahrungsmittel, hatte sich in der Zwischenzeit mehr als verdoppelt. Das erfuhr sein Vater aber erst, als sie sich in Scuol danach erkundigten. Seit Gian-Andrea von der Alp Astras zurückgekehrt war, hatte er seinen Vater immer wieder an diesem Tisch arbeiten sehen. Nun war das Werk vollendet, mit wunderbaren Intarsien und in der Mitte einer grossen, rechteckigen Schieferplatte. Der Transport erwies sich als enorm aufwändig. Es lagen inzwischen fast zwei Meter Schnee. Der Weg hinunter nach Scuol war mehr schlecht als recht gepfadet. Erst hatte sein Vater den Karren von seinem Bruder ausleihen wollen. Sein Pferd war aber mangels Futter so ausgemergelt, dass man es nicht mehr dazu nutzen konnte, es vor ein Fuhrwerk zu spannen. Der enorm viele Schnee erwies sich für einmal als Vorteil. Mit dem grossen Schlitten, also auf Kufen, schafften es Vater und Sohn, den Tisch erstaunlich rasch nach Scuol zu befördern. Als sie beim grossen Haus des Arztes eintrafen, welches sich zwischen den beiden Weilern Scuol-Sot und Scuol-Sura befand, waren sie so erschöpft und hungrig, dass sie es nicht schafften, den Tisch in den vorgesehenen Raum hinauf zu hieven. Der Arzt wollte dem Tischler schon mit einer Reduktion der Zahlung drohen, wenn er den Tisch nicht bald an seinen vorgesehenen Platz hinstellen würde, als ein älterer Herr aus dem Haus trat und in leisen Worten auf den Arzt einredete. Gian-Andrea und sein Vater sassen auf dem Schlitten mit dem auf dem Rücken liegenden Tisch und konnten vor Erschöpfung kaum noch aufrecht sitzen. Kurz darauf bat sie der Arzt ins Haus und führte sie in die Küche. Dort wies er seine Magd an, ihnen einen Teller Suppe vorzusetzen. Die beiden verschlangen die Suppe, während der Arzt dringend zu einem Patienten abberufen wurde. Der geheimnisvolle Mann, der sie aus dem Hintergrund beobachtet hatte, wies die Magd an, nochmals nach zu schöpfen. Sie löffelten die zweite Portion ebenso rasch leer wie die erste. Nun aber befahl ihnen der ältere Mann mit Handzeichen, aber ohne Worte, den Tisch an den vorgesehenen Ort zu bringen. Gian-Andrea ging auf den rätselhaften Mann zu, drückte ihm die Hand und dankte ihm mit einem herzlichen «Grazcha fich». Dieser antwortete ihm in einer für ihn fremden Sprache mit «poverino!», dabei sah er ihn mitleidig an. Als Gian-Andrea und sein Vater mit neuen Kräften den Tisch an seinen vorgesehenen Platz gewuchtet hatten, bestand sein Vater darauf, diesen nochmals richtig zu putzen und mit dem mitgebrachten Gebräu aus Honigwaben und Fett einzuwachsen. Als sie fertig waren, meinte der mystische Herr: «Meraviglioso!». Auch der Arzt, der bereits wieder von seinem Krankenbesuch zurückgekehrt war, lächelte und bedankte sich bei den beiden. Er ging an einen hübschen Sekretär und öffnete eine Schublade, um dort einen Beutel mit Silbermünzen zu entnehmen. Der geheimnisvolle Herr trat zu ihm heran und murmelte ihm etwas zu, was Gian-Andrea nicht verstand. Es entstand ein lebhafter, kurzer Wortwechsel zwischen den beiden, was seinen Vater und ihn veranlasste, mit hängenden Armen neben dem Tisch zu warten. Schliesslich trat der Arzt auf Gian-Andrea zu

«Wie alt bist Du?»

«Eu sun deschset, ich bin siebzehn, mein Herr» antwortete Gian-Andrea demütig.

Der Arzt sagte etwas zum seltsamen Herrn, was ähnlich klang, wie das Romanisch gesprochene «Siebzehn». Dieser nickte und erwiderte etwas in einer Sprache, welches dem Romanischen zwar ähnelte, aber Gian-Andrea nicht einordnen konnte.

«Wie heisst Du?» fragte der Arzt und Gian-Andrea nannte seinen Namen.

Der Arzt sah seinen Vater an

«Sar Visconti ist ein Kollege von mir aus Firenze. Er ist auf der Durchreise, von Wien herreisend. Ihm ist durchaus bewusst, was für Folgen dieses unselige 1816, das Jahr ohne Sommer, auf die Bevölkerung im Tal hat. Er kann nicht allen Menschen hier helfen. Er hat Dich und Deinen Sohn bei der Arbeit beobachtet und meint, dass er in seinem Heimatort San Gimignano, in der Nähe von Firenze jemanden wie Deinen Sohn sehr gut beschäftigen könnte» Der Arzt unterbrach, weil sein Kollege ihm noch etwas in Italienischer Sprache zugeflüstert hatte. Es entwickelte sich erneut ein kurzes Gespräch, während dem Gian-Andrea versuchte, dass eben Gehörte, richtig einzuordnen. Bevor er seine Schlüsse ziehen konnte, fuhr der Arzt an seinen Vater gewandt fort

«Sar Visconti fragt, ob Gian-Andrea mit ihm mitkommen möchte. Ich weiss nicht, wie viele Mäuler Du stopfen musst. Eines weniger, dann noch von einem so kräftigen Kerl wie Deinem Gian-Andrea, dürfte es Dir erleichtern, den kommenden Winter durchzustehen. Sar Visconti reist morgen früh weiter»

Ihre Rückkehr hinauf nach Tarasp erwies sich als fast noch anstrengender, als der Transport des Tisches nach Scuol hinunter, obwohl sie diesen bekanntlich abgeliefert hatten. Sie hatten mit dem grössten Teil des Geldes, welches sie vom Arzt erhalten hatten, in Scuol-Sot im Laden am Plaz völlig überteuerte Lebensmittel eingekauft. Es hatte in der Zwischenzeit wieder zu schneien begonnen. Bis sie sich wieder bis nach Sparsels hinaufgeschleppt hatten, war so viel Schnee gefallen, dass sie ihre Spuren der Hinfahrt nicht mehr erkennen konnten. Während der gesamten Plackerei dachte Gian-Andrea an das Angebot von Sar Visconti. Einerseits ängstigte ihn die Aussicht, seine Eltern und Geschwister verlassen zu müssen. Vielleicht würde er sie nie wiedersehen, wenn er diese Reise antrat. Andererseits wusste sein Vater zu erzählen, dass das weit entfernte Firenze eine grosse Stadt mit riesigen Gebäuden sei. Der Dom, deren grösste Kirche, verfüge über eine Kuppel, die doppelt so hoch sei wie das Hauptgebäude des Schlosses in Tarasp, alleine die Kuppel. Die Leute dort seien so reich, dass man deren Häuser Palazzi nennen würde, Paläste.

«Woher weisst Du das alles?» fragte Gian-Andrea, als sie während der Rückreise noch ausreichend Atem kriegten, um zu reden.

«Von Cesare»

Und da begann ihm sein Vater von dem dunkelhaarigen, fröhlichen Mann mit den schwarzen Augen zu erzählen, der noch vor Gian-Andreas Geburt eines Tages im Dorf aufgetaucht war. Er hatte überall herumgefragt, wo er etwas zu essen kriegen könnte. Er würde selbstverständlich dafür arbeiten, auf dem Feld, im Stall oder auch sonst wo. Er könne aber auch ganz toll zeichnen.

«Er tat das in italienischer Sprache und liess sich überhaupt nicht davon beeindrucken, dass wir nur einen Bruchteil dessen verstanden, was er plapperte» erklärte sein Vater «schliesslich bot der Schmied ihm an, dass er ihm bei seiner Arbeit helfen könne»

Der Schmied galt im Dorf als eher vermögend, weil er Kundschaft im ganzen Tal beliefern durfte. Dieser Cesare, wie er sich nannte, musste für den Schmied Holz und Holz-Kohle schleppen, das Feuer entfachen und es tagsüber am Brennen halten. Dies hatte er einige Tage zur Zufriedenheit des Schmiedes getan, war danach aber bald einmal unruhig geworden.

«Ich hatte immer wieder gerne beim Schmied reingesehen. Mich fasziniert die Arbeit mit Eisen, Feuer und Wasser noch heute, auch wenn ich es selber nicht beherrsche. Dabei sind Cesare und ich ins Gespräch gekommen»

Sein Vater erklärte Gian-Andrea, wie unkompliziert das funktionierte. Cesare sprach mit grossen Gesten in seinem Italienisch, sein Vater antwortete in Romanischer Sprache. Wenn sie einmal etwas nicht verstanden, zeichneten sie es mit einem Stöckchen in den sandigen Boden der Schmiede.

«Ich habe ihn mehrmals besucht, bevor er mir eines Tages verkündete, dass er nun wieder nach Firenze zurückreisen werde. Vieni con me, hatte er damals gesagt»

Während sein Vater, inzwischen schwer atmend, diesen Satz aussprach, sah Gian-Andrea in seinem Blick eine tiefe Sehnsucht. Gemeinsam überwanden sie danach das besonders steile Stück des Weges zwischen Vulpera und der oberen Ebene, wo man erstmals das Schloss erblicken kann. Während sie dort schon fast erschöpft kurz rasteten, sprach Gian-Andrea seinen Vater auf dieses Gefühl an, welches er bei ihm vorhin zu entdecken geglaubt hatte. Seine Worte lösten bei seinem Vater eine Gefühlswallung aus, die er noch nie bei ihm gesehen hatte. Erstmals sah er Tränen in seinen Augen, bevor er sich verschämt abwandte und brüsk befahl

«So, wir müssen weiter. Bald wird es dunkel»

Sie gingen schweigend das kurze, etwas flachere Stück weiter. Bevor es wieder steiler wurde, sagte sein Vater zu ihm mit belegter Stimme

«Weisst Du, mein Sohn, wie gerne ich damals mit ihm weggezogen wäre? Weg von dieser Plackerei, weg von diesen harten Wintern, weg von diesen steilen Bergen, nur weg!»

Sein Vater zerrte verbissen an den krummen Holmen des Schlittens, das Gian-Andrea kaum mithalten konnte. Er redete fast zu sich selbst

«Aber was wollte ich tun? Da war Deine Mutter, da waren Deine älteren Geschwister, da war unser Haus»

Als sie ausser Atem den höchsten Punkt ihrer Rückreise erreicht und nochmals gerastet hatten, sagte sein Vater die entscheidenden Worte zu Gian-Andrea

«Gian-Andrea, versteh’ es bitte nicht falsch, was ich Dir jetzt sage. Ich liebe Deine Mutter, ich liebe Euch Kinder über alles. Aber ich würde liebend gerne mit Dir tauschen und mit Sar Visconti mitreisen, morgen in der Früh»

Zum ersten Mal seit vielen Wochen fühlte Gian-Andrea sich nur ein wenig hungrig und nicht ausgezehrt. Die beiden Teller Suppe aus der Küche des Arztes hatten seinen Magen seit langem wieder einmal für kurze Zeit gefüllt. Seine Mutter hatte noch am selben Abend mit den neuen Lebensmitteln, die sie von Scuol hinaufgeschleppt hatten, erneut eine Suppe gekocht, die sie alle mit grossem Appetit verschlangen. Seine Mutter und seine Geschwister wollten wissen, was sie alles in Scuol erlebt hatten. Sie erzählten von den anstrengenden Transporten, vom vielen Schnee, von den wenigen Leuten, die sie gesehen hatten, dass auch sie Hunger leiden würden. Sie vermieden aber das Thema, welches sie am meisten beschäftigte: das Angebot des italienischen Arztes. Gian-Andrea war von den Strapazen des Tages todmüde und hätte mit seinem endlich einmal gefüllten Bauch beste Voraussetzungen gehabt, durchzuschlafen. Er schaffte es nicht einmal einzuschlafen. Sein Bruder, mit welchem er das Bett teilen musste, warf ihn raus und murmelte

«Lass’ wenigstens mich schlafen. Herumnervösen kannst Du auch unten in der warmen Stube»

Das tat er schliesslich und setzte sich dort in die Ecke, von wo er nach draussen sehen konnte. Es schneite immer noch, so stark wie schon lange nicht mehr. Er hielt es nicht mehr in der warmen Stube aus. Gian-Andrea holte seinen Mantel, stieg in seine noch nassen Schuhe und trat hinaus vors Haus. Es sank bis an die Oberschenkel in den frisch gefallenen Schnee. Auf einmal durchfuhr ihn eine Erkenntnis, die ihn fast lähmte. Wie sollte er bei diesem Neuschnee morgen Vormittag nach Scuol herunter gelangen? Er ging einige Schritte ins Gelände hinaus, so quasi als Probelauf. Nach wenigen Metern war er schon so ausser Atem, dass er sich entschloss, ins Haus zurückzukehren. Als er in den Piertan, den grossen Vorraum ihres Engadinerhauses eintrat, hatte er bereits fingerdick Schnee auf seinen Schultern. Plötzlich stand sein Vater vor ihm, eine Kerze in seiner Hand. Auch er hatte nicht schlafen können. Sein Blick zeigte ein Gefühl wie liebevolle Sehnsucht.

«Gehen wir in die Stüva?» fragte er.

«Es schneit wie verrückt, Bab» antwortete Gian-Andrea verzweifelt.

Sein Vater ging voran, die zwei Treppenstufen hinauf zur niedrigen Türe, an welcher Gian-Andrea sich des Öfteren den Kopf stiess. In der Stube war es mindestens zehn Grad wärmer als im Rest des Hauses. Sein Vater ging an den Tisch und entzündete eine weitere, wertvolle Kerze. Sie setzten sich schweigend an den Tisch. Gian-Andrea stützte seinen Kopf mit seinen Händen.

«Hast Du Dich schon entschieden?»

Gian-Andrea fühlte ein Schluchzen aufsteigen, dass er nicht unterdrücken konnte.

«Aber was macht Ihr den, wenn ich gehe?»

«Wir werden uns schon irgendwie durchschlagen»

Sein Vater legte ihm die Hand auf die seine. Im Kerzenlicht sah Gian-Andrea, dass seine Augen glänzten

«Weisst Du, Figl, mein Sohn, ich bin ein alter Mann. Aber Du, Du bist noch jung und hast noch Dein ganzes Leben vor Dir. Du bist stark, nicht nur körperlich. Du bist viel stärker als Deine Brüder, Gian-Andrea»

Und dann sagte er die Worte, die Gian-Andrea am meisten aufwühlten in dieser Nacht, die sein Schicksal bestimmen sollten

«Weisst Du, so eine Chance erhält man nur einmal im Leben. Ich habe die meine damals nicht genutzt und ich denke heute, wie so oft in der Vergangenheit, dass es vielleicht ein Fehler gewesen war. Ich weiss nicht, was aus uns werden wird, wie das weiter gehen soll mit diesem Wetter, mit diesem vielen Schnee. Wenn Du es wirklich willst, dann hast Du meinen Segen, dann tue es!»

Gian-Andrea tat etwas, was er bisher noch nie getan hatte. Er erhob sich und trat hinter seinen Vater. Er schlang von hinten seine Arme um den ausgemergelten Körper seines Babs und begann zuerst leise, danach von Schluchzern begleitet zu weinen. Sein Vater blieb in derselben Position sitzen und hielt seinerseits Gian-Andreas Arme fest. Gian-Andrea wusste nicht, wie lange er in dieser Stellung verharrt hatte. Mit einem Mal verspürte er diese Kraft, die sein Vater vorhin geschildert hatte.

«Bab, es schneit wie verrückt. Wie soll ich nach Scuol gelangen, damit ich rechtzeitig bei Sar Visconti eintreffe?»

Sein Vater drehte sich zu ihm um

«Komm’, gehen wir nochmals raus!»

In hastigen Schritten traten sie wieder in den Piertan, Gian-Andrea stiess sich zum letzten Mal in seinen Leben an diesem Türrahmen den Kopf. Beide lachten. Sie traten hinaus, ohne sich warm anzukleiden. Sein Vater sah mit einem besorgten Blick auf den Schnee und verharrte einige Atemzüge. Ein leiser Schauer liess ihn wieder umkehren. Es war ganz einfach zu kalt, ohne Mantel. Sie kehrten in die warme Stube zurück. Gian-Andrea sah ihn erwartungsvoll an.

«Das wird…» er unterbrach, dann fuhr er weiter «…sehr schwierig, Du hast recht»

In Gian-Andrea stieg eine Art Panik auf. Dieses Mal aber nicht, weil er die Familie verlassen sollte, sondern weil er die Aussichtslosigkeit seines Unterfangens erkannte. Wieder legte sein Vater seine Hand auf die seine. Er schien angestrengt zu überlegen. Auf einmal sah er auf und lächelte

«In Scuol wird es ebenso viel Schnee geben»

Gian-Andrea verstand nicht, weshalb sein Vater deshalb lächelte. Er spürte, dass der Druck seiner Hand auf seinem Arm sich verstärkte

«Figl, auch Sar Visconti ist nur ein Mensch» und nun lachte er kurz auf «auch er wird morgen nicht abreisen können, nicht?»

Sie hatten noch eine Weile geplaudert. Sie hatten überlegt, was Gian-Andrea auf die Reise mitnehmen sollte. Viel gab es nicht, vor allem Lebensmittel nicht. Nachdem die eine Kerze erloschen war, sagte sein Vater, dass er jetzt schlafen gehe, nun wohl gut schlafen werde. Das solle Gian-Andrea auch tun, er würde den Schlaf brauchen. Wenig später war er in das schlafwarme Bett seines Bruders gestiegen, welcher im Schlaf knurrte. Bald darauf war er tief und fest eingeschlafen. Er erwachte, als es draussen bereits hell war. Sein Bruder war nicht mehr da. Die Sonne schien ihm ins Gesicht. Die Sonne! Wieder erfüllte ihn eine leise Panik. Wann hatte ihn die Sonne das letzte Mal geweckt? Er schoss auf und rannte die eiskalte Treppe hinunter in die Küche, wo seine Mutter am Ofen herumhantierte. Sie sah auf und blickte ihn mit verheulten Augen an.

«Wo ist Bab?» rief er ihr zu.

Sie trat auf ihn zu und umschlang ihn wie eine Ertrinkende. Ein Zittern durchfuhr ihren dünnen Körper. Er hielt sie fest. Sie wusste es also, aber wo war sein Vater?

«Er ist bei Deinem Onkel, das Pferd…» sagte sie noch, danach brach sie in Schluchzen aus.

Noch während sie eine Weile so verharrten, trat sein Vater mit schneebedeckten Schuhen in die Küche. Das tat er sonst nie. Es war bei ihnen heilige Pflicht, die Schuhe im Piertan auszuziehen und den Schnee draussen zu lassen.

«We, mes char, komm’ mein Lieber» sagte er «verabschiede Dich von Deiner Mutter. Wir müssen los»

Als Gian-Andrea sich von seiner Mutter und danach von seinen Geschwistern verabschieden musste, überkamen ihn heftige Zweifel und Gewissensbisse. Erst als seine Mutter ihm einen kleinen Stoffbeutel mit einem Stück Trockenfleisch in die Hand legte und sich mehrfach bekreuzigte, liess er sich überzeugen, dass er auch ihren Segen hätte.

«Geh mit Gott!» sagte sie und drückte ihm einen letzten nassen Kuss auf die Wange «und vergiss uns nicht»

Um der Sache etwas die Sentimentalität zu nehmen, meinte sein Vater ungeduldig

«So, fertig jetzt mit dem Geheule, Weib, wir müssen los»

Sie gingen nach draussen. Die Sonne schien, blauer Himmel. Die Landschaft präsentierte sich im schönsten Bild. Die geduckten Häuser vor dem majestätischen Schloss, der viele Schnee, die klare, eiskalte Luft. Sein Vater hatte das Pferd seines Bruders geholt, welches lustlos vor dem Haus wartete. Es würde sie nach Scuol begleiten, indem sie sich an ihm festhielten. Bab hatte seinem Bruder versprochen, dass er mit dem wenigen Rest-Geld, dass er durch seinen Tisch-Verkauf eingenommen hatte, das Pferd in Scuol einmal richtig füttern wollte. Noch einmal winkten ihm alle zu, auch die Nachbarn waren aus ihren Häusern getreten, um Gian-Andrea zu verabschieden. Das Pferd trottete lustlos los, seine beiden Passagiere neben sich her stampfen lassend. Die kurze Steigung hinauf bis zur Stelle, wo man auf Scuol hinunterblicken kann, kamen sie nur schlecht voran. Gian-Andrea machte sich bereits Sorgen, dass sie es trotz des Pferdes nicht schaffen könnten. Als sie aber auf das Dorf hinuntersehen konnten, wurde alles viel leichter. Die Strecke hinunter schafften sie in etwa derselben Zeit, wie am Vortag mit ihrem schweren Transport. Sie trafen genau zum Zeitpunkt ein, als die Kirchenglocken zwölf schlugen. Sein Vater sah hinüber zum Haus des Arztes und zeigte Gian-Reto lächelnd auf die Eingangspartie. Gian-Andrea verstand nicht sofort, was er meinte

«Keine Fussspuren, weit und breit. Ich habe es Dir doch gesagt» sagte er «nur unsere eigenen»

Erst jetzt verstand Gian-Andrea und lächelte seinen Vater an. Sie standen sich unschlüssig gegenüber. Das Pferd schien erschöpft, sein Vater nicht.

«Nun denn…» sagte er, redete aber nicht weiter, da sich die Türe hinter ihnen öffnete.

Sar Visconti stand dort, in einen dicken Mantel gehüllt, auf seinem Gesicht ein breites Lächeln.

«Ich gehe dann jetzt…» sagte sein Vater mit belegter Stimme und drehte sich um.

«Oh, no!» rief ihm Sar Visconti zu «dai, dai, venite, entrate!»

Gian-Reto sah seinen Vater fragend an, entnahm aber den Handzeichen des Arztes, dass sie beide eintreten sollten. Sein Vater zog das Pferd etwas näher an das Haus heran und befestigte die Zügel an einem in der Wand eingelassenen Ring. Danach stapften sie verlegen die Treppenstufen hinauf, hinein in die Wärme.

mit Sandra…

«Und was geschah dann, Nonno, Grossvater» fragte mich meine Enkelin Sandra, die Tochter meines Sohnes Jonpeider, die neben mir sass und meine berühmten Geschichten von früher hören wollte «konnten sie wirklich nicht abreisen? War die ganze Mühe umsonst gewesen?»

«Ja und nein» sagte ich und zog meine Decke wieder über meine Knie, die wieder einmal schmerzten «Ja, denn wie sein Vater vermutet hatte, war auch Dottore Visconti zur Erkenntnis gelangt, dass es wenig Sinn machte, mit so viel Neuschnee loszufahren»

«Und nein?»

«Nein, weil sie es nach zwei Wochen schliesslich doch taten, aber das erzähle ich Dir, wenn ich mein Nickerchen gemacht habe. Ich bin nicht mehr der Jüngste und benötige meine Pausen» sagte ich mit einem Lächeln auf meinen Lippen.

«Ach was, Du überlebst uns alle noch» meinte meine Enkelin verschmitzt «aber nur so nebenbei, wie konnte es sein, dass es einen ganzen Sommer lang immer wieder schneite, damals? Kann man sich das heute erklären?»

Ich musste meine aufsteigende Müdigkeit überwinden und ihr auch das noch kurz erklären.

«Also dazu gibt es inzwischen eine einleuchtende Theorie, die uns alle und jederzeit treffen könnte, auch heute noch. Warst Du eigentlich schon auf der Welt, als dieser Vulkan, der Mount St. Helens in den USA ausbrach?»

«Keine Ahnung, aber ich habe schon davon gehört. Das muss ziemlich heftig gewesen sein. Gibt es dazu nicht diesen Film mit dem ehemaligen James Bond?»

«Ja, mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle. In der Neuzeit war das wohl der heftigste Ausbruch eines Vulkans. Das war aber Pipifax gegen den, der im Jahre 1815 in Indonesien ausbrach. Wie man erst viele Jahrzehnte später erkannte, war dieser grösste Vulkanausbruch der Menschheitsgeschichte enorm. Beim Tambora, so heisst das Ungetüm glaub ich noch heute auf der Insel Sumbaya, wurde das oberste Viertel weggepustet. Wenn man bedenkt, dass der damals etwa viertausend Meter hoch war, kam da eine ganz schöne Menge Material zusammen. Auf der Insel sollen über hunderttausend Menschen in den Tod gerissen worden sein, durch Lava, Asche aber auch Flutwellen. Was aber noch schlimmer war, waren die Folgen für die gesamte Erde. Vulkangase und Schwefeldioxid gelangten in grosse Höhen und verteilten unglaubliche Mengen von festen und flüssigen Schwebeteilchen über den gesamten Erdball. Diese waren in so riesigen Mengen vorhanden, dass sie einen Teil des Sonnenlichtes absorbierten, was sich nicht nur bei uns, sondern auch in Nordamerika auswirkte»

«Dass es danach ein Jahr lang auch im Sommer schneite? Kaum zu glauben»

«Kaum zu glauben, aber anscheinend die einzige, vernünftige Erklärung für dieses Phänomen der Jahre 1816 und 1817, ja»

«Das muss ja heftiger gewesen sein, als der Ausbruch des Vesuvs mit Pompeji, oder?»

«Viel heftiger, ja und wenn man bedenkt, sind wir Engadiner noch fast glimpflich davongekommen, verglichen zu den Deutschen im Gebiet der ehemaligen DDR, in Sachsen»

«Wieso denn das? Wenn ich höre, was mein Ur-wieviel-auch-immer-Grossvater erlebte, kann es wohl kaum noch viel schlimmer gewesen sein»

«Oh doch, meine Liebe. Erinnerst Du Dich noch an Deinen Geschichtsunterricht in der Schule?»

«Ist schon eine Weile her, was war da in der Zeit?»

«Napoleon!» sagte ich stolz auf meine Geschichtskenntnisse «der wurde doch 1814 nach Elba verbannt, nachdem man seine übermächtigen Armeen 1813 bei Leipzig mit vereinten Kräften bezwungen hatte. Die Habsburger, die Briten, die Schweden, die Russen und die Preussen hatten sich endlich zusammengerauft, diesem Tyrannen die Stirn zu bieten, aber dafür einen hohen Preis bezahlt. Dieses Gemetzel hinterliess hunderttausende von Toten und noch mehr Verletzte, Soldaten, aber auch unter der zivilen Bevölkerung. Ganze Landstriche hinterliess Napoleon auf seinem Rückzug als verbrannte Erde, das war seine Taktik, damit man ihm nur schwer folgen konnte. Die Menschen dort hatten danach keine Nahrung, kein Vieh, nichts mehr. Alles war kaputt. Die Bürger in Sachsen litten unglaublichen Hunger in der Zeit danach. Und kaum begannen sie sich ein ganz klein wenig von diesem unsinnigen Krieg zu erholen, kam das Jahr 1816. Unvorstellbar, nicht?»

Meine Enkelin sass mit gesenktem Blick da und schwieg, was bei ihr nicht oft vorkam.

«Also dann, wann machen wir weiter?» Sie sah mich an und lächelte wieder

«Draussen schneit es. Ich bin keine Ski-Fahrerin. Also, sobald Du wieder fit bist, nicht?» meinte sie und kuschelte sich in den gemütlichen Leder-Sessel neben mir. Wenige Atemzüge später muss ich eingeschlafen sein.

Tarasp-San Gimignano - 1817

Je weiter sie nach Süden gelangten, umso wärmer wurde es. Das erste Teilstück ihrer Reise von Scuol bis St. Moritz mussten sie dank der Schlitten-Post zwar nicht selber gehen. Es war aber so kalt, dass sie sich fast Erfrierungen zu zogen. Der nach vorne klappbare Deckel aus Holz, den sie über ihre Beine legen konnten, brachte nur wenige Schutz vor der Kälte. Für die Weiterfahrt bis nach Maloja hatten sie ein weiteres Schlitten-Gespann genutzt, welches vom Besitzer der Herberge in St. Moritz organisiert worden war. Der Kutscher hatte sie in Maloja einem Kollegen übergeben, der sie über den Maloja-Pass ins Bergell hinuntergeführt hatte. In Soglio mussten sie einen Tag verweilen, bis sie nach Milano weiterfahren konnten. Gian-Andrea konnte sich kaum satt sehen. Noch nie hatte er ein so riesiges Gebiet gesehen, welches so flach war. Sar Visconti hatte enorm viel Gepäck dabei. Er war mehrere Monate an der Universität in Wien gewesen, um sich auf dem Gebiet der Ophthalmologie weiterzubilden. Er hatte unendlich viel Lesestoff über die Augenheilkunde mitgebracht, nicht nur von seinem Professor Georg Joseph Beer. Sar Visconti, oder Dottore, wie Gian-Andrea ungefähr ab Maloja in nannte, sprach neben seiner Muttersprache leidlich gut Deutsch. Gian-Andrea allerdings nicht. So hatten sie bald einmal festgestellt, dass wenn sie langsam in ihrer Muttersprache miteinander parlierten, der andere das meiste verstand. Gian-Andrea verfügte über eine rasche Auffassungs-Gabe, sodass er bereits auf halbem Weg verschiedene Sätze und Worte in italienischer Sprache reden konnte. Der Dottore hatte Gian-Andrea unter anderem damit beauftragt, dafür zu sorgen, dass sein umfangreiches Gepäck, vor allem seine wertvollen Bücher, immer auf- und abgeladen, aber auch überwacht wurde. Wenn sie an einem Ort übernachteten, musste Gian-Andrea beim Gepäck schlafen und allfällige Neugierige oder gar Diebe davon abhalten, sich diesem zu nähern. Als sie Milano erreichten, liessen sie sich in einem vornehmen Villen-Quartier absetzen. Gian-Andrea hatte noch nie so schöne Häuser gesehen. Das schlossähnliche Gebäude, in welchem er das Gepäck in ein grosses Zimmer hinaufschleppen musste, gehörte einem Bekannten des Dottore, bei welchem sie einige Tage bleiben wollten. Gian-Andrea durfte ebenfalls in ein eigenes kleines Zimmer bei den Dienstboten einziehen. Ein sehr ernsthaft dreinblickender Herr, welcher noch edler gekleidet war, als der Hausherr, führte ihn in sein Zimmer. Er sagte zu ihm, er solle hier warten, er würde ihn bald abholen. Sein Bett, welches er ganz alleine benutzen durfte, war mit wertvollem Leinen bezogen. Das dicke Kopfkissen war so leicht, dass er es mehrmals in die Luft warf, um festzustellen, ob es vielleicht gar fliegen könnte. Von seinem Fenster aus konnte er in einen Garten blicken, in welchem die grünen Büsche vollständig geometrisch angeordnet waren. Noch bevor er den Garten genauer inspizieren konnte, klopfte es an seine Türe. Der edle Herr trat herein und bat ihn mitzukommen. Sie gingen durch mehrere Türen etliche Gänge entlang, bis sie in einen Raum gelangten, wo Gian-Andrea anscheinend bereits von einem anderen Herrn erwartet wurde, der ähnlich ausgesucht gekleidet war. Erst musterte er Gian-Andrea von Kopf bis Fuss. Danach verschwand er kurz in einem anderen Raum und erschien mit einem Kleidungsstück in seiner Hand. Er hielt die Hose so vor Gian-Andrea hin, dass er abschätzen konnte, ob diese einfache Beinbekleidung ihm passen könnte. Er zeigte Gian-Andrea mit Handzeichen, er solle sich diese Hose anziehen. Er wies ihn an, dies hinter einem Paravent zu tun. Als Gian-Andrea die leichte Woll-Hose überstreifte, fühlte er, dass diese sich sanft an seinen Körper schmeichelte. Als er hinter dem Sichtschutz hervortrat, nickte der Herr kurz und bat Gian-Andrea, sich auf ein kleines Podest hinzustellen und ruhig stehen zu bleiben. Einen Augenblick sah er ihn an, als würde er ein Pferd beurteilen. Danach rollte er ein Band mit vielen kleinen Strichen aus und hielt es Gian-Andrea an allen nur erdenklichen Körperteilen hin. Dabei murmelte er immer wieder Zahlen vor sich hin, begab sich an den kleinen Tisch und notierte dort etwas. Als Gian-Andrea sich traute zu fragen, was er den hier tue, musste er feststellen, dass dieser Herr seiner romanischen Sprache überhaupt nicht mächtig war. Sie versuchten es mit Handzeichen. Als das nicht klappte, zeigte ihm der Schneider seine Notizen, auf welchen Kleidungsstücke ersichtlich waren und die Masse, die er Gian-Andrea genommen hatte. Gemeinsam mit diesen Notizen, Gebärden und ihrer Sprache entnahm Gian-Andrea dieser Unterhaltung, dass er weitere, neue Hosen erhalten sollte. Schliesslich bat er ihn nochmals kurz zu warten, verschwand im selben Raum wie vorhin und tauchte mit einem beigen Hemd auf, dass er ihm aber nicht übergab. Als der edle Herr ihn wieder abholte, übergab der Schneider ihm das Hemd und murmelte noch einige Worte dazu, die Gian-Andrea nicht mitbekam. Der Butler führte ihn in sein Zimmer zurück, wo inzwischen ein Becken mit warmem Wasser aufgestellt worden war. Der Butler erklärte ihm, er solle sich waschen, aber vorher sein verdrecktes Hemd ausziehen und ihm übergeben. Gian-Andrea tat dies etwas verlegen, worauf der Butler auf das neue Hemd zeigte und erklärte, dass er dieses danach anziehen solle. Kurze Zeit später sah der Dottore bei ihm vorbei und schmunzelte, als er Gian-Andrea neu eingekleidet sah. Er erklärte ihm, dass er ihn die kommenden Tage nicht benötigen würde. Der Hausherr hätte aber gefragt, ob Gian-Andrea in der Küche mithelfen könne, wo ein Dienstmädchen ausgefallen sei. Der Butler würde ihn in die Arbeit einweisen. Etwas später wurde er abgeholt und in eine Küche geführt, die etwa die Ausmasse des Tablás hatte, der Scheune seines Elternhauses. Die Chefin, eine unglaublich dicke Frau mit lauter Stimme, empfing ihn mit dem Ausruf

«Oh, come sei magro! Wie dünn er ist»

Bevor er etwas arbeiten durfte, wurde er an einen kleinen Tisch gesetzt und mit seiner ersten Portion Pasta seines Lebens beglückt. Die Spaghetti mit einer Tomatensauce schmeckten so gut, dass Gian-Andrea glaubte, er sei im Himmel gelandet. Als ihn die Chefin gar «voi ancora?», willst Du noch mehr, gefragt hatte, musste er sich erst in die Backe kneifen, bevor er bejahte und noch eine weitere Portion Spaghetti verdrückte. Die Arbeiten, für welche sie ihn einteilte, erledigte Gian-Andrea mit links. Als er sich nach weiterer Arbeit erkundigte, zeigte man ihm, wie er in einem Teig rühren sollte. Er tat dies mit einer solchen Inbrunst, dass man ihn gleich noch in die Kunst der Pasta-Herstellung einführte. Aus einem flachen Teig musste er kleine Rechtecke schneiden, auf welche eine hübsche Magd kleine Haufen einer bräunlichen Masse schmierte. Danach deckten sie diese mit einem etwa gleich grossen Pasta-Deckel zu, den Gian-Andrea mit einer Gabel rundherum an den unteren Teil andrücken musste. Er war begeistert, rührte, knetete, schnitt und formte bis die dicke Mamma Anita, wie alle sie in der Küche nannten, ihn mit einem feinen Klaps auf den Hintern in sein Zimmer schickte und dabei «vai dormire» sagte, was sehr ähnlich klang, wie das romanische «va a dormir». Bevor er die Küche verliess, fragte er: «posso domani?», darf ich morgen. Anita grinste und meinte nur «ma certo», aber sicher, erklärte ihm aber mit Handzeichen, dass auch sie müde sei und nun ins Bett wolle. An den folgenden Tagen wiederholte sich das Prozedere. Gian-Andrea schaufelte sich mit Pasta voll, danach arbeitete er für zwei und lernte, wie in einer aristokratischen Küche in Milano gekocht wurde. Er beklagte sich nie, erledigte alle Arbeiten und fragte stets, ob er auch noch Dies oder Das tun könne. Am fünften Tag, als Gian-Andrea in einer Sauce aus zerhacktem Fleisch, Tomaten und Schweinefett rührte, erschien der Butler und wechselte einige Worte mit Mamma Anita. Sie nickte und gab Gian-Andrea zu verstehen, er solle dem Butler folgen. Sie gingen erneut gemeinsam durch mehrere Korridore und Türen, bis sie wieder in dem vertrauten Raum standen, in welchem der Schneider seine Masse genommen hatte. Der Schneider empfing ihn mit demselben Blick wie damals. Er schielte auf Gian-Andreas in der Zwischenzeit deutlich genährte Bauchpartie und verschwand im hinteren Raum. Er erschien mit mehreren Kleidungsstücken, die er Gian-Andrea einzeln hinhielt, um von Auge Mass zu nehmen. Schliesslich bat er ihn, die eine Hose anzuprobieren, wies aber erneut darauf hin, dies hinter dem Paravent zu erledigen. Gian-Andrea tat wie befohlen und stellte sich wieder auf das kleine Podest. Der Butler und der Schneider sahen ihn an und schüttelten leise den Kopf. Gian-Andrea hörte, wie der Schneider so etwas wie «incredibile», unglaublich, sagte, gefolgt von Worten, die er mit «um den Bauch gewachsen» oder ähnlich für sich übersetzte. Die dunkelblaue Hose, die er hatte anprobieren dürfen, fühlte sich so weich an, dass er sie am liebsten anbehalten hätte. Er wurde aber angewiesen, sich wieder in die andere Hose zu stürzen, was er hinter dem Sichtschutz tat.

Die darauffolgenden Tage arbeitete er weiter in der Küche, von morgens früh bis abends spät. Obwohl er mehr Zeit in der Küche verbrachte als alle anderen Mitarbeiter, fühlte er sich nie müde. Fast bedauerte er jeweils den Augenblick, als Mamma Anita ihn am Abend als letzten aus der Küche spedierte. Fast hätte er vergessen, dass er den Dottore begleitete und erst etwa die Hälfte der geplanten Reise hinter sich gebracht hatte. Es kam, wie es kommen musste. Der Butler erschien eines Abends kurz vor Arbeitsschluss und führte ihn abermals zum Schneider. Vorher erklärte er ihm, dass er morgen abreisen würde, was beim gesamten Küchenpersonal Proteste und Wehklagen auslöste. Als Gian-Andrea sich vom Küchenpersonal verabschieden wollte, erklärte man ihm, dass sie das am Morgen tun würden, nachdem sie nochmals gemeinsam gefrühstückt hätten. Der Butler führte ihn zum letzten Mal zum Schneider, der ihn mit seiner neuen Uniform einkleidete. Gian-Andrea war von den angenehmen Stoffen begeistert, obwohl er weder wusste, wann noch wo er diese feinen Kleider anziehen sollte. Am darauffolgenden Morgen ass er gemeinsam mit der Küchenmannschaft und verabschiedete sich von jeder einzelnen Person. Mamma Anita drückte ihn an ihren Busen und wischte sich eine Träne ab, bevor er vom Butler in das Zimmer geführt wurde, wo der Dottore sein Gepäck zwischengelagert hatte. Er wurde angewiesen, eine schöne Kutsche damit zu beladen, die sich in der Einfahrt des Palazzo befand. Erst als er seine Arbeit fast beendet hatte, tauchte der Dottore gemeinsam mit dem Hausherrn auf. Bei der Verabschiedung trat der Patrone zu ihm hin und legte die Hand auf seine Schulter. Gian-Andrea entnahm seinen Worten, die er an den Dottore richtete, dass er ihn jederzeit nach Milano schicken könne, sollte der Dottore ihn nicht mehr benötigen. Gian-Andrea wusste nicht recht, ob er es bedauern oder sich darüber freuen sollte, dass der Dottore vehement Widersprach.

Sie kamen viel rascher voran, als im Streckenteil vor Milano. Das Gelände war so flach, dass Gian-Andrea glaubte jetzt schon erkennen zu können, wo sie erst morgen eintreffen würden. Das Wetter meinte es ebenfalls gut mit ihnen. Mit jedem Meter, den sie in Richtung Süden hinter sich brachten, wurde es noch wärmer. Der Dottore wollte möglichst weit vorankommen, solange das Wetter ihnen wohl gesinnt war. Gian-Andrea hatte den Äusserungen des Dottore entnommen, dass man im März immer mit radikalen Wetterumstürzen rechnen müsse. Je weiter nach Süden sie vorankommen würden, desto weniger würde eventuell schlechteres Wetter sie noch behindern. Als sie bereits nach zwei Tagen gegen Abend in Bologna eintrafen, begann der Wind aufzufrischen. Innert kürzester Zeit verdunkelte sich der Himmel und entleerte die schweren Wolken mit sintflutartigem Regen. An eine Weiterfahrt war nicht zu denken. Sie flüchteten in eine schummrige Herberge, bei welcher man die Pferde im selben Gebäude unterbringen konnte. Gian-Andrea war zwar hungrig, konnte sich aber nicht überwinden, den undefinierbaren Frass zu sich zu nehmen, welcher ihnen der unfreundliche Wirt vorsetzte. Der Dottore liess sich vom Lärm und Gestank in der Gaststube nicht beeindrucken und schlang den breiartigen, bereits erkalteten Eintopf wortlos hinunter. Dazu trank er fast einen ganzen Krug wässrigen, sauren Wein, während Gian-Andrea nur lustlos in seinem Essen herumstocherte. Sie vereinbarten, dass er beim Gepäck schlafen und sie am Morgen entscheiden würden, ob sie weiterfahren konnten.

Nach einer unruhigen, immer wieder durch Lärm unterbrochenen Nacht, erwachte Gian-Andrea durch einen Sonnenstrahl, welcher direkt auf sein Gesicht schien. Er fühlte sich wie gerädert. Noch während er sich streckte und reckte, um seine steifen Glieder etwas zu lockern, trat der Dottore zu ihm in den Stall. Er hatte sich draussen schon ein wenig umgesehen und ein Stück Brot mit Hartkäse für ihn dabei, einem Parmigiano, der hier in der Nähe hergestellt wurde. Dankbar nahm Gian-Andrea das Essen entgegen und biss herzhaft in das frische Stück Brot. Der Dottore erklärte ihm, dass der starke Regen die Strassen so sehr aufgeweicht hatte, dass es für die Pferde viel zu mühsam wäre, jetzt bereits loszufahren. Die Räder der Kutsche würden im entstandenen Matsch einsinken. Der Dottore beauftragte Gian-Andrea, beim Gepäck und dem Gespann zu bleiben. Er würde zu Fuss in die Stadt gehen und im Laufe des Nachmittags wieder zurück sein. Er würde dann entscheiden, ob sie noch am selben Tag weiterfahren oder noch eine Nacht in Bologna bleiben wollten. Gian-Andrea kam es gar nicht ungelegen, dass er nicht mitmusste. Er fühlte sich nicht wohl hier. Er hatte noch nie so viele Menschen auf einmal gesehen. In Milano waren sie nur im Villenquartier gewesen und hatten das Stadtzentrum umfahren. Hier aber waren sie in der Nähe des Zentrums in dieser schäbigen Herberge untergekommen. Der Dottore hatte sich nur deshalb entschlossen, trotzdem hier zu übernachten, weil er nicht im strömenden Regen bei einsetzender Dunkelheit nach einer besseren Bleibe suchen wollte. Bei Tageslicht und erneutem Sonnenschein konnte Gian-Andrea jetzt die nahe Umgebung etwas genauer in Augenschein nehmen. Immer mit einem Auge auf seine kostbare Fracht, blickte er sich ein wenig um. Als erstes fiel im auf, dass die Menschen in Bologna sehr zurückhaltend waren. Fast alle liefen mit Kapuzen bedeckten Häuptern herum, einige verdeckten ihr Gesicht gar mit spitzen Masken. Er konnte sich nicht erklären, wieso die an ihm vorbeigehenden Menschen seinem Blick auswichen, ja sogar körperlich einen Bogen um ihn machten. Nun bedauerte er, dass er dem Italienischen noch nicht mächtig genug war, jemanden ansprechen zu können. Was war hier los? Mit einem Mal entstand eine Unruhe um ihn herum. Leute blieben mitten auf den verschmutzten Strassen stehen und sahen in die Richtung, in welcher der Dottore weggegangen war. Gian-Andrea versuchte zu erhaschen, was alle anderen Menschen entdeckt hatten. Kurz darauf rief ein kleiner, in Lumpen gekleideter Junge etwas, was Gian-Andrea nicht verstehen konnte. Darauf drehten sich viele Menschen weg und suchten hastig das Weite. Andere wiederum verzogen sich in einen Hauseingang oder gingen in eine Seitengasse. Jetzt entdeckte auch Gian-Andrea, was der Junge vorhin angekündigt hatte. Ein Mann in Uniform kam ihnen im Marschschritt und erhobenem Säbel entgegen und rief monoton immer wieder dieselben Worte. Gian-Andrea verstand nur die Worte «passare» und «tifo», verstand aber die Aussage nicht. «Passare» hätte dem romanischen «passar» oder passieren entsprechen können, aber was bedeutete «tifo»? Hinter dem Uniformierten sah er ein Gefährt, welches von einem alten Gaul gezogen wurde, der den Eindruck vermittelte, als würde er nächstens zusammenbrechen. Auf dem Kutsch-Bock erblickte Gian-Andrea eine in einer dicken Kutte eingehüllte Gestalt, welche ebenfalls eine kuriose Maske trug, die sein ganzes Gesicht verdeckte. Der Soldat kam direkt auf Gian-Andrea zu und schien ihn direkt anzusprechen. Gian-Andrea sah sich mit mulmigem Gefühl um und stellte fest, dass er sich noch alleine auf der Strasse befand. Alle anderen Menschen waren verschwunden. Wieder rief der Uniformierte dieselben Worte und zeigte Gian-Andrea mit einer Armbewegung, er solle den Weg freimachen. Erschrocken trat Gian-Andrea rückwärts in den Stall, konnte es aber nicht lassen, den Blick weiterhin auf das kuriose Fuhrwerk zu werfen. Kurz darauf war das Gefährt bei ihm angelangt und rumpelte an der Herberge vorbei. Von seiner etwas tieferen Position aus dem Stall heraus war es Gian-Andrea nicht möglich, über den Rand des Fuhrwerks zu sehen. Als es aber auf der gesamten Länge an ihm vorbeigezogen war, konnte er durch die heruntergeklappte Lade hinten in das Gefährt hineinblicken. Was er sah, liess ihn erschaudern. Unter einer schmutzigen Blache sah er einen nackten, völlig verdreckten Fuss hervorstehen. Darüber ragte ein ebenso schmutziger Arm heraus, welcher dieselben Bewegungen mitmachte wie der gesamte Wagen. Beide Körperteile wirkten leblos und Gian-Andrea begann sich auszumalen, wie die dazugehörenden Körper auf dem Wagen liegen mussten. Das Gefährt fuhr mit unvermindertem Tempo weiter, begleitet mit der eintönigen Liturgie des Soldaten. Gian-Andrea fuhr zusammen, als er ein Stupsen an seinem Arm verspürte und wirbelte herum. Der verdreckte Junge hielt ihm die hohle Hand hin und schien nach etwas zu betteln. Gian-Andreas Puls verlangsamte sich wieder. Er sah dem Jungen in die grossen, dunklen Augen. Das war doch derselbe, welcher vorhin auf das seltsame Gefährt aufmerksam gemacht hatte. Ohne zu überlegen, sprach Gian-Andrea ihn an: «ma che era quai, was war das denn», fragte er in seiner gewohnten Sprache. Der Junge schien ihn erstaunlicherweise verstanden zu haben, antwortete aber in Italienisch

«Sie fahren die Toten zur Kirche, um sie dort zu begraben» und ergänzte noch «Du bist nicht vor hier, oder?»

Gian-Andrea nahm die Aussage fast wortwörtlich auf und fühlte sich gar in der Lage zu antworten

«Io sono dalla Svizzera» er zeigte mit dem Finger auf sich selbst «ma perche sun cuistas persunnas morts?» wechselte er wieder ins Romanische, warum sind diese Personen tot.

«Tifo!» gab der Junge zurück «l’epidemia da tifo, non ai sentito?» Typhus, die Typhus-Epidemie, hast Du das nicht gewusst? verstand Gian-Andrea.

Er schüttelte verständnislos den Kopf. Was bedeutete dieses Tifo? Was war eine Epidemie? Den Jungen schien ein völlig anderes Problem zu plagen

«Ho fame, ai qualcosa di mangiare? ich habe Hunger, hast Du was zu essen», fragte er und hielt erneut die hohle Hand hin.

Gian-Andrea, der sich für die Reise ein Stück des harten Käses in die Hosentasche gesteckt hatte, schob seine Hand hinein und zog es hervor. Bevor er davon etwas abbrechen konnte, packte der Junge das gesamte Stück und rannte davon. Gian-Andrea liess es geschehen, ohne sich zu wehren. Zu geschockt war er von den Ereignissen, zu viele Fragen blieben für ihn unbeantwortet. Rund um ihn herum begann sich die Strasse wieder mit Menschen zu füllen. Vermummte Gestalten gingen an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten, alle mit düsterem Blick. Wo war er hier gestrandet? Wo war der Dottore? Langsam stieg in Gian-Andrea eine Art Panik auf. Erneut kam in der Menschenmasse eine Unruhe auf. Dieses Mal aus der entgegen gesetzter Richtung, in welche der Junge davongerannt war. Eine ärmlich gekleidete Frau mit dunklem, offenem Haar schrie etwas auf eine kleinere Person ein und hielt diese an einem Arm fest. «Ladro!» rief sie, zwei oder drei Mal. Als