"IHM GEGENÜBER" - Armin Wunderli - E-Book

"IHM GEGENÜBER" E-Book

Armin Wunderli

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Beschreibung

Wie stellt Gott sich die Zusammenarbeit zwischen Mann und Frau in der christlichen Gemeinde vor? Da müsste man direkt bei ihm nachfragen. - Der Autor wählte einen anderen Weg: Er hat die Bibel von vorn bis hinten auf diese Frage hin gelesen. Die Bibeltexte vergleicht er mit unterschiedlichen Auslegungen, die in den letzten Jahren zu diesem Thema geschrieben wurden. Dabei zeigt er, dass nicht alles so eindeutig zu beantworten ist, wie es auf den ersten Blick scheint. - Ein interessanter, tiefgehender Blick anhand der Bibel auf ein stets polarisierendes Thema, mit dem sich alle christlichen Konfessionen auseinandersetzen.

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Seitenzahl: 102

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Armin Wunderli

„ihm gegenüber“

Gleichberechtigung in der Kirche und was die Bibel dazu (nicht) sagt

für Sonja

Gott, der Herr, sprach:

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.

Ich will ihm eine Hilfe schaffen,

ihm gegenüber.“

nach Gen 2,18

Einleitung

„Dürfen Frauen predigen?“

„Ist die Leitung der Gemeinde nur Männern vorbehalten?“

Oder etwas allgemeiner: „Gibt es in der Bibel eine Hierarchie der Geschlechter, aus welcher sich Regeln für den Dienst in der Gemeinde ableiten lassen?“

Solche und ähnliche Fragen werden immer wieder gestellt und bisweilen recht hitzig diskutiert. [1]

Nach freikirchlichem Verständnis ist die Bibel die Instanz, die ­diese Fragen beantworten soll. So tragen manche Bücher zu diesen Themen die Bibel zumindest im Untertitel:

„Die Frau in Amt und Würden. Gleichberechtigung auf Grund­lage der Bibel.“„Yes, she can! Die Rolle der Frau in der Gemeinde. Ein bibel­festes Plädoyer.“„Lehrverbot für Frauen. Was Paulus wirklich meinte.“

Ich werde auf diese Werke und auf viele andere noch eingehen. Bei diesen Titelformulierungen wird der Wunsch sichtbar, auf der Grundlage der Bibel Gemeinde zu bauen. Beide Geschlechter, ­Männer und Frauen, sollen ihre Rolle so wahrnehmen, wie es den biblischen Grundsätzen entspricht. Aber wie lauten diese Grundsätze? Die Meinungen zu dieser Frage gehen auseinander und wenn man verschiedene Auslegungen zu den einzelnen Texten miteinander vergleicht, staunt man nur zu oft, wie weit sie auseinander liegen.

Tatsächlich lassen viele Stellen unterschiedliche Interpretationen zu. Die Frage wird sein, wie man einzelne Stellen gewichtet bzw. welchen Stellen man den Vorrang vor anderen gibt. Ein einfacher Grundsatz dabei lautet, dass schwierige Stellen durch einfache erklärt werden sollen. Aber auch das klingt einfacher, als es ist. Ein Grund dafür ist nicht nur die Komplexität des Themas, sondern auch die Tatsache, dass jeder Exeget bzw. jede Exegetin mit einem Vorverständnis und möglicherweise auch mit bestimmten Interessen an dieses Thema herangeht.

So ist es beispielsweise wesentlich, dass ich diesen Beitrag als Mann schreibe und nicht als Frau. Da ich ein Mann bin, habe ich nicht mit Einschränkungen im Dienst zu rechnen. Ich darf predigen und als Pastor arbeiten, wenn ich das gerne möchte. In den biblischen Texten wird die Sichtweise des Mannes ausreichend berücksichtigt. Es könnte in meinem Interesse sein, den Status quo einer konservativen Gemeinde beizubehalten.

Tatsächlich liegt das nicht in meinem Interesse, da es mir ein Anliegen ist, Gemeinden zu bauen, die keinen Fremdkörper in der westeuropäischen Kultur darstellen. Das tun sie aber, wenn sie Frauen in ihrem Dienst einschränken.

Die Gemeinde wird zwar den Gegensatz zwischen dieser Welt und dem Reich Gottes, von dem Jesus spricht, immer wieder spüren. So gesehen wird sie ein Fremdkörper in der Gesellschaft sein. Wenn es jedoch zusätzliche kulturelle Barrieren zwischen der Gemeinde und der Gesellschaft gibt, wird die Botschaft, die sie verkündigt, nicht mehr verständlich, geschweige denn attraktiv sein.

Ich halte es zudem für wesentlich, dass in der Predigt und in der Gemeindeleitung die Ansicht der Frauen, die oft mehr als die Hälfte der Gemeindeglieder ausmachen, angemessen vertreten wird, und das geht nur, wenn Frauen an diesen Diensten in ausreichendem Maße beteiligt sind. Ideal wäre aus meiner Sicht eine Quote von fünfzig Prozent.

Meine Sicht ist aber zweitrangig. Wenn man die Bibel als Wort Gottes liest, ist sie die Instanz, die das entscheidet, und nicht meine persönlichen Wünsche. Bibeltexte sind jedoch immer interpretationsbedürftig. Ich muss mir deshalb meine eigenen Denkvoraussetzungen, Wünsche und Traditionen bewusst machen. Die verschiedenen Interpretationen muss ich vergleichen, um zu verhindern, dass ich mich nur in meinen eigenen „Denkbahnen“ bewege.

Am Ende wird entscheidend sein, welchen Stellen ich den Vorrang vor anderen gebe. Diese Stellen dienen als hermeneutischer Schlüssel: Alle anderen Stellen werden im Licht dieser Stellen ausgelegt. Auch darüber muss ich Rechenschaft ablegen, wenn ich die einzelnen Texte interpretiere, und vor allem, wenn ich meine Interpretation mit anderen diskutiere. Nur zu oft redet man aneinander vorbei, weil jeder einen anderen hermeneutischen Schlüssel verwendet.

Mann und Frau im Alten Testament

Mann und Frau in der Schöpfung

Ich lese die Bibel von vorne nach hinten. Was im ersten Moment selbstverständlich klingt, ist es nicht, denn es bedeutet, dass ich versuche, die Schöpfungsgeschichte zuerst aus sich selbst heraus zu ­verstehen, ohne die Auslegungen zu berücksichtigen, die ich dazu später in der Bibel finde. Darauf gehe ich weiter unten ein.

Das Bild Gottes

Laut Gen 1,27 schuf Gott Mann und Frau nach seinem Bild. Dieser eine Vers enthält wesentliche Informationen zur Identität der Geschlechter:

Es gibt „das neutrale Mensch“ nicht, sondern nur Mann oder Frau. Deshalb schreibe ich diesen Text nicht aus einer neutralen Sicht, sondern als Mann. Sobald ich mir die Frage nach der Identität der Geschlechter stelle, bin ich gleichzeitig Partei, weil ich einem von beiden Geschlechtern angehöre.Gott schuf beide Geschlechter nach seinem Bild. Das heißt: Der Mann und die Frau sind ein Bild Gottes. Beide bilden Gott ab, jeder und jede in seiner bzw. ihrer Art. Oder: Mann und Frau bilden als Ehepaar Gott ab.

Wer den Menschen beobachtet, kann von ihm auf den unsichtbaren Gott schließen. Folgt man dem Schöpfungsbericht, gibt es kein anderes Geschöpf, das Gott abbildet. Das trifft nur auf den Menschen zu. Man kann also einen Mann anschauen und von ihm auf Gott schließen. Genauso kann man eine Frau anschauen und von ihr auf Gott schließen. Und wenn man ein vollständigeres Bild haben möchte, kann man ein Ehepaar anschauen und von ihm auf Gott schließen.

Eine Hierarchie der Geschlechter ist in diesem Vers nicht nur nicht sichtbar, sondern ausgeschlossen.

Die Reihenfolge der Schöpfung

Gen 2 bietet eine etwas differenziertere Sicht. Hier wird beschrieben, in welcher Reihenfolge der Schöpfungsvorgang geschah:

Zuerst wurde der Mann geschaffen (V. 7).Gott gab dem Mann das Verbot, von einem bestimmten Baum zu essen (V. 16-17).Dann schuf Gott die Frau, als Hilfe für den Mann (V. 18-23).Abschließend sagte Gott, dass der Mann in Zukunft seine ­Eltern zugunsten der Frau verlassen würde (V. 24).

Aus diesem Text lassen sich verschiedene Schlussfolgerungen ziehen:

Die Reihenfolge der Schöpfung macht eine Hierarchie denkbar: Der Mann wurde zuerst geschaffen, deshalb steht er quasi über der Frau. Das müsste man dann konsequenterweise auf die ganze Schöpfung übertragen. Somit stehen die Tiere über dem Menschen, was aber keinen Sinn ergibt und zudem Gen 1,28 widerspricht. Dort sagt Gott, dass der Mensch über die Schöpfung herrschen soll.Die Hierarchie wäre auch umgekehrt möglich: Je später das Werk, umso vollendeter ist es. Tatsächlich war Gott in Höchstform, als er die Frau schuf. Am Ende des Textes steht, dass der Mann die Eltern verlässt, um bei seiner Frau zu sein. Aus diesem Grund und wenn man mit der Reihenfolge der Schöpfung argumentiert, könnte man das Matriarchat biblisch ­begründen. Demnach dürfte eine Gemeindeleitung nur aus Frauen bestehen; Männer wären nicht zugelassen.Gott gab dem Mann das Verbot; die Frau kannte es nur aus zweiter Hand. Deshalb kommt dem Mann eine besondere ­Verantwortung zu, dass Gottes Gebot eingehalten wird.

Alle drei Schlussfolgerungen stehen auf wackeligen Füßen. Tatsache ist: Der Text erzählt nur; Schlussfolgerungen werden keine gezogen. Ob Eva das Gebot tatsächlich nur aus zweiter Hand kannte, ist nicht mehr zu rekonstruieren, denn es ist gut möglich, dass Gott es später mehrmals wiederholte. Der Text ist zu kurz, um aus seinem Schweigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Hilfe oder Gehilfin?

Gen 2,18b wird sehr unterschiedlich übersetzt:

Schlachter: „Ich will ihm eine Gehilfin machen, die ihm entspricht.“ (Anm.: „Andere Übersetzung: einen Beistand / eine Hilfe als sein Gegenüber“)Luther 1984: „Ich will ihm eine Gehilfin schaffen, die um ihn sei.“Luther 2017 und Elberfelder: „Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“Neues Leben: „Ich will ihm ein Wesen schaffen, das zu ihm passt.“Hoffnung für alle: „Ich will ihm jemanden zur Seite stellen, der zu ihm passt!“Einheitsübersetzung: „Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm ebenbürtig ist.“

Auffallend sind die beiden Revisionen der Luther-Übersetzung: 2017 verschwand das Wort „Gehilfin“. Es steht aktuell nur noch in der Schlachter-Übersetzung, allerdings auch hier mit der Anmerkung, dass man das Wort auch anders übersetzen könnte. Neues Leben und Hoffnung für alle vermeiden den Begriff „Hilfe“.

Die Grundübersetzung des hebräischen Wortes ´eser lautet „Hilfe“. [2] Es wird zum Beispiel in Dtn 33,26 verwendet (in den folgenden Zitaten fett gedruckt): „Es ist kein Gott wie der Gott Jeschuruns, der am Himmel daherfährt dir zur Hilfe und in seiner Hoheit auf den Wolken.“ [3] Im Buch Genesis kommt es nur noch an einer Stelle vor: „Abram sprach aber: Herr HERR, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder und mein Knecht Eliëser von Damaskus wird mein Haus besitzen.“ Das Wort steht im Eigennamen Eliëser; dieser bedeutet „Gott ist Hilfe“. [4]

Ist es Ironie oder Zufall, dass das Wort für Hilfe im Buch Genesis nur zweimal vorkommt? Einmal für die Frau und dann für Gott. Eine Hierarchie kann man hier nicht ablesen – oder höchstens umgekehrt: Die Frau steht höher als der Mann, denn sie hilft ihm. Er jedoch ist hilfsbedürftig.

„ihm gegenüber“

Der andere hebräische Begriff, der in Gen 2,18 gleich daneben steht, bedeutet „wie ihm gegenüber, ihm entsprechend“. [5] Als Gott die Frau schuf, schuf er ein Wesen, das dem Mann gegenüber stand und ihm entsprach. Jegliche Art der Hierarchie wird durch diesen Begriff ausgeschlossen.

In diesem Vers wird das Wort 'adam verwendet. Es bedeutet „Mensch“. [6] Die gängigen Übersetzungen übersetzen es so wie die Einheitsübersetzung: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.“

Diese Übersetzung schließt die Frau ein. Nur durch den Kontext wird deutlich, dass der Mann gemeint ist.

Für den jüdischen Religionswissenschaftler Pinchas ­Lapide schwingt beim Begriff „ihm gegenüber“ zudem der Aspekt der ­Opposition mit:

„Eva war also weder als unterwürfige Ja-Sagerin noch als demütige Mitläuferin gemeint, sondern als Person mit Eigenrecht, die widersprechen soll und aufbegehren darf.“ [7]

Dass die Frauen uns Männern auf diese Weise „gegenüber“ stehen sollen, stellt uns bis heute vor Herausforderungen. Damit wir uns nicht mit ihren Aussagen und Argumenten auseinandersetzen müssen, haben wir die Beziehung zu ihnen verändert: Einzelne Frauen werden wie Göttinnen verehrt, viele andere werden zu Gehilfinnen degradiert. So können wir besser ignorieren, was sie sagen. Beides entspricht jedoch nicht Gottes Vorstellung.

Der Sündenfall

Die Ereignisse werden in dieser Reihenfolge erzählt:

Die Frau aß zuerst.Dann gab sie dem Mann, der bei ihr stand, auch von der Frucht.Der Mann aß.Gott zog zuerst den Mann zur Rechenschaft, dann die Frau, dann die Schlange.Bei den Gerichtsworten ging er umgekehrt vor: Zuerst kam die Schlange an die Reihe, dann die Frau, zum Schluss der Mann.

Die Schlange bekam folgende Strafe:

Sie muss auf dem Bauch kriechenund Staub fressen.

Die Botschaft an die Frau lautete:

Schwangerschaft und Geburt werden schmerzhaft.Sie wird vom Mann beherrscht werden.

Der Mann hatte ebenfalls zwei Dinge zu erwarten:

Die Arbeit wird mühsam.Am Ende wird er zu Staub.

Aufschlussreich für die Frage nach einer Hierarchie der Geschlechter ist die zweite Strafe an die Frau: Hier wird ein Konflikt zwischen den Geschlechtern angedeutet. Der Frau wird angekündigt, dass der Mann über sie herrschen wird. Man braucht nur flüchtig in die Weltgeschichte zu blicken, um festzustellen, dass die Herrschaft des Mannes über die Frau kein Segen ist.

Konträre Deutungen der Geschichte vom Sündenfall

Markus Liebelt schreibt über Schöpfung und Sündenfall:

„Nach biblischem Zeugnis ist das Zueinander von Mann und Frau heilsgeschichtlich durch zwei theologisch bedeutsame Größen bestimmt: Die erste ist das Zueinander von Mann und Frau in der Schöpfung. Zentrales Motiv ist hier in 1.Mo. 2,18 der Gedanke, dass Gott dem zuerst erschaffenen Mann eine ‚Hilfe‘ zur Seite stellt. Luthers Übersetzung ‚Gehilfin‘ im Sinne von ‚Helferin‘ ist nach dem hebräischen Grundtext sachlich völlig korrekt. Die Frau soll ‚bei‘ dem Mann, ihm als Helferin ‚gegenüber‘ sein.

Die zweite Größe ist das Zueinander von Mann und Frau nach dem Sündenfall. […] In 1.Mo. 3,16 sehen wir die von Gott verordnete Unterordnung der Frau unter den Mann in der Ehe. Es ist die Bestimmung des ‚Haupt-Seins‘ des Mannes als Grundordnung einer geistlichen Familienstruktur.“ [8]