Ihr sollt (nicht) schweigen - Kyrie McCauley - E-Book

Ihr sollt (nicht) schweigen E-Book

Kyrie McCauley

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Beschreibung

»Mädchen sterben nun mal«, sagen sie Cassie ist tot. In der Schule erschossen von ihrem Freund Nicholas, dem Sohn des mächtigen Waffenfabrikanten. Da Nicholas danach auch sich selbst erschoss, romantisiert man ihren Tod als tragische Romeo-und-Julia-Geschichte. »Mädchen sterben nun mal«, sagt der Sheriff lapidar, als eine Journalistin genauer recherchieren will. Rache – das wollen Cassies beste Freundinnen Vivian und Beck und malen nachts illegal Gemälde an Orten, die an Cassie erinnern. Und weil in ihrer Kleinstadt Kleinkriminalität – anders als der Tod eines Mädchens – nicht ungesühnt bleiben darf, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, bevor nicht zuletzt die mächtige Waffenlobby den Fall endgültig begräbt. Es sei denn, ein Podcast bringt die Wahrheit ans Licht … - Themen, die uns alle angehen: Schulshooting, Gewalt an jungen Frauen, Waffengewalt und das Wegschauen der Mitbürger - Lotet feinfühlig die Doppelmoral unserer Gesellschaft aus - Grandios übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn »Ein strahlender, lebhafter Roman über die viel zu alltägliche Waffengewalt in den USA und die Art, wie sie das Leben in Kleinstädten prägt. Die Trauer, der Zorn und die Unnachgiebigkeit der Freundinnen vermitteln Stärke, um gegen Waffengewalt und Gewalt gegen Frauen anzukämpfen, die in unserer Gesellschaft zu oft als unabänderbar und unaufhaltbar angesehen wird. Möge dieses Buch ein Weckruf für viele und ein Aufruf zum Handeln für uns alle sein.«  Katherine Locke, preisgekrönte Autorin Von Kyrie McCauley außerdem erschienen bei dtv: ›You are (not) safe here‹

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über das Buch

»Mädchen sterben nun mal.«

 

Nachdem ihre Heimatstadt den Mord an ihrer besten Freundin Cassie zu schnell hinter sich lassen will, verfolgen Beck und Vivian endlich ein gemeinsames Ziel: Rache.

Sie setzen Cassie ein Denkmal, indem sie Wandbilder von ihr in der ganzen Stadt malen, eine Botschaft an die Welt, dass Cassie nicht vergessen werden wird. Aber Beck und Vivian haben Geheimnisse, so wie der dritte Passagier, der mit ihnen in Becks VW-Bus fährt – Cassies Geist.

Als sie die Aufmerksamkeit einer Podcasterin erregen, die über Cassies Fall berichtet, werden sie zum Auslöser für eine Debatte, die die Waffenlobby nicht länger ignorieren kann. Beck und Vivian müssen sich beeilen, wenn sie Cassie Frieden geben wollen – indem sie den Verantwortlichen für ihren Tod Gerechtigkeit widerfahren lassen.

 

Ein feinfühliger Roman über den Umgang mit Gewalt gegen Frauen

 

 

Von Kyrie McCauley ist bei dtv außerdem lieferbar:

You are not safe here

Kyrie McCauley

Ihr sollt nicht schweigen

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn

 

 

 

Dieses Buch behandelt Themen, die potenziell belastend wirken können. Eine Liste ausgewählter Hilfe- und Anlaufstellen findet sich am Ende des eBook im gleichnamigen Kapitel.

 

 

 

Für Mädchen, denen man sagt, dass sie zu viel sind für diese Welt,

zu laut, zu eigensinnig, zu sensibel, zu wütend.

Ihr seid genau das richtige Maß für die richtigen Leute.

Findet sie und lasst sie euch rundum lieben.

 

Und für Andrew, Rowan und Theo.

Danke, dass ihr mich rundum liebt.

We Can Be Heroes

Staffel 2: Folge 13 »Der Sheriff«

MERIT LOGAN: Herzlich willkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, bei unserem Podcast für Überlebende von Gewalt, ganz in der Tradition der »Take Back the Night«-Demos, die in den 1970er-Jahren begannen und bis heute weiter stattfinden. Ich bin Merit Logan und moderiere die Sendung. In dieser Staffel richten wir unser Augenmerk auf das Thema Waffengewalt und wie sie zu geschlechtsspezifischer Unterdrückung führt. Doch unsere Serie beginnt mit der Geschichte einer jungen Frau namens Cassandra Queen.

 

[Audio-Clip]

Notrufzentrale: Notrufzentrale. Wie kann ich Ihnen helfen?

Anruferin: Jemand läuft mit einer Waffe rum. Wir haben Schüsse gehört.

Notrufzentrale: Können Sie mir sagen, von wo Sie anrufen?

Anruferin: Von der Highschool. Wir sind in der Schule. Irgendwer schießt.

SHERIFF THOMAS: Das war der schlimmste Tag in meiner ganzen Laufbahn, der absolut schlimmste. Es ist die Art von Anruf, vor der wir uns in diesen Zeiten am meisten fürchten. Irgendjemand, der um sich schießt. Anrufe aus der Bell High School. Unsere Leute in der Notrufzentrale wurden in Sekundenschnelle überschwemmt mit Anrufen. Erst all die Kids mit ihren Handys. Und dann auch noch die panischen Eltern.

 

MERIT LOGAN: Das war der Sheriff von Bell, einer Stadt, die als das »Zentrum amerikanischer Waffenkultur« bezeichnet wurde – und zufällig meine Heimatstadt ist. Sie soll uns als Fallstudie dienen, wenn wir uns in den nächsten Wochen mit dem Thema Waffengewalt auseinandersetzen. Es ist die Stadt, in der vor fast zweihundert Jahren die Firma Bell Firearms gegründet wurde und seither ihren Sitz hat. Bell ist aber auch der Ort, in dem sich Nicolas Bell, der künftige Erbe von Bell Firearms und des gesamten Familienvermögens, die Waffen seines Vaters schnappte, in die Schule stürmte und seine Ex-Freundin, die siebzehnjährige Cassandra Queen, ermordete.

 

MERIT: Sheriff Thomas, wissen Sie, wie viele Frauen in diesem Land Monat für Monat von ihren gegenwärtigen oder früheren Partnern erschossen werden?

SHERIFF THOMAS: Ich habe die Zahlen nicht vor mir –

MERIT: Okay, verstehe. Aber dann aus persönlicher Kenntnis: Was erzählen Sie Ihren Beamten bei Schulungen im Umgang mit häuslichen Konflikten – vor allem Fällen von häuslicher Gewalt?

SHERIFF THOMAS: Dass sie niemals allein hingehen sollen. Dass sie immer darauf gefasst sein müssen: Gewalt schlägt schnell um und richtet sich plötzlich gegen sie. Einsätze wegen häuslicher Gewalt sind die lebensgefährlichsten, auf die sie reagieren müssen.

MERIT: Ja, das stimmt. Das entspricht auch den Daten im ganzen Land … aber haben Sie nicht gedacht, dass Cassie in großer Gefahr war?

SHERIFF THOMAS: Ich hatte keinen Grund anzunehmen, sie sei in Gefahr.

MERIT: Hat Cassie geglaubt, sie sei in Gefahr?

SHERIFF THOMAS: Ich kann dazu nichts weiter sagen, Ms Logan. Ich habe Cassandra Queen nicht gekannt. Und Nicolas Bell eigentlich auch nicht.

MERIT: Aber Sie kennen Steven Bell, seinen Vater.

SHERIFF THOMAS: Kein Kommentar, Ms Logan.

MERIT: Das war auch keine Frage, Sheriff Thomas.

[Lange Pause]

MERIT: Also gut, können Sie etwas über seinen Zugang zu Waffen sagen?

SHERIFF THOMAS: Nicos Zugang? Jeder in dieser Stadt hat Zugang zu Waffen. Das ist kein Problem.

MERIT: Kein Problem? Wenn ein Mädchen gestorben ist?

SHERIFF THOMAS: Jeden Tag werden Mädchen getötet, Ms Logan.

MERIT: Aber Sheriff –

SHERIFF THOMAS: Es ist eine schreckliche Tragödie, was mit Cassie Queen passiert –

MERIT: Was ist denn mit Cassie passiert? Hat Cassie Sie um Hilfe –

SHERIFF THOMAS: Aber daran ist nicht die Waffe schuld.

MERIT: Und wer ist schuld, Sir?

WANDBILD 1

TITEL: CASSANDRA

ORT: PLAKATWAND AN DER ROUTE 90

Beck

Beck hatte schon früher oft nachts lange wach gelegen und davon geträumt, dass sie von Aliens entführt würde.

Irgendwann, während sie in den Nachthimmel starrte, schlief sie dann auf der Feuerleiter ein. Verzweifelt suchte sie nach einer Lücke in der Smogschicht, die über der Stadt hing. In dem sehnsüchtigen Verlangen, einen Blick auf die Sterne zu erhaschen. Beck dachte, wenn sie die Sterne sah, dann könnten vielleicht die fernen Sterne auch sie sehen.

Immer wieder malte sie sich aus, wie die Aliens sie zu ihrem Raumschiff beamten. Ihre Lichter so grell. Ihre riesigen, glänzenden Augen, die sie anstarrten. Und sie der eine Mensch. Der eine Mensch auf der Welt, den sie suchten. Sie würden mit langen Fingern durch ihre Haare fahren und darum bitten, ihre schiefen Zähne untersuchen zu dürfen. Sie würden alles Zerbrochene an ihr übersehen und nur das atemberaubende Wesen als Ganzes erkennen. Und in dem Moment – so wie sie ihn sich ausmalte, als sie sechs war – wäre sie etwas Besonderes. Nicht nur hier auf der Erde, sondern auf eine kosmische Weise. Sie würden sie auserwählen, nicht obwohl sie vergessen war, sondern gerade weil.

Wer konnte besser eine ganze Spezies erklären als das junge Wesen, das die Gesellschaft verstoßen hatte?

Wer war besser geeignet, eine neue Heimat unter den Sternen zu finden?

Ein Schweißtropfen erreichte ihr Auge und Beck musste vom Brennen blinzeln. Als das nicht half, löste sie eine Hand von der rostigen Leiter, die sie hochkletterte, wischte sich über die Stirn und ließ ihre Locken die Feuchtigkeit einfangen und aufsaugen.

Ihre andere Hand rutschte von der Sprosse und sie fasste schnell nach, um sich auf der Leiter zu fangen. Die Hälfte geschafft.

Hör auf mit der Tagträumerei, sagte sich Beck. Und schau nicht nach unten.

Beck schaute nach unten.

Wenn es eine andere Fläche gegeben hätte für ihre Arbeit, eine näher am Boden, hätte Beck sie gern genommen. Aber Bell hat nur eine Werbetafel an der Route 90. Und vierundzwanzig Stunden täglich, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr plus den einen in jedem Schaltjahr bewirbt die Tafel das Einzige, wofür diese Stadt bekannt ist: die Schusswaffen der Firma Bell Firearms.

Wenn man Cassie nicht mitzählt.

Aber niemand will darüber reden.

Beck schob ihren Rucksack zurecht und hörte das Klirren von Metall auf Metall, als die Farbdosen im Innern gegeneinanderstießen. Oben angekommen, machte sie eine kurze Pause, setzte den Rucksack ab, platzierte sich mit dem Rücken zum Bild auf der Werbetafel und schaute in Richtung Schnellstraße. Kein Auto. Vollkommen still so früh am Morgen. Beck schaute zum Nachthimmel hoch. Neumond. Keine Wolken. Über ihr eine Trillion Sterne und plötzlich fühlte sich Beck wieder als Sechsjährige, klein und unbedeutend. Zurück in der Zeit, ehe Grandpa sie in sein Universum gezogen hatte und ihr einen weichen Landeplatz bot. Bevor Cassie ihr einen Bleistift lieh und ein sanftes Lächeln schenkte an ihrem ersten Tag auf der neuen Schule.

Beck fühlte sich zurückversetzt in die Zeit, als sie anfing. Wie sie auf einem rostigen Metallgitter saß, in den Sternenhimmel starrte und sich fragte, ob es dort draußen irgendwas gab, das auf sie wartete – oder irgendwen. Beck hörte zwangsläufig den Widerhall ihrer Worte, die sie als Kind gedacht hatte, als sie sich nach einem Zeichen sehnte: dass sie nicht allein sei im Universum. Vielleicht kommen sie ja eines Tages und holen mich.

Und sie fragte sich unweigerlich, ob auch Cassie jetzt irgendwo da draußen war.

Der Plan für heute Nacht war bescheuert, selbst für Becks Standards. Wahrscheinlich würde man sie irgendwann verhaften, was sicher niemanden überraschte. Aber die Werbetafel war das Letzte, was man von Bell sah, wenn man die Stadt verließ, und was jetzt die Wand zierte, war ein Hohn.

Beck reckte den Hals und betrachtete die vertraute Wand mit der alten Schreibmaschinenschrift.

Bell Firearms. Gegründet 1824.

Die Maske lag passend auf ihrem Gesicht, Beck kniff sie noch mal an der Nase zusammen, zur Sicherheit. Das war Grandpas einzige Regel beim Sprayen: Pass auf dich auf. Schütz deine Lunge. Ratschläge, die wie ein Dolch wirkten nach seiner Diagnose.

Beck spürte die Weite der Dunkelheit in ihrem Rücken. Ihre Höhenangst war ein hohles Gefühl in den Fußballen. Es war das Gefühl zu stürzen, obwohl sie genau wusste, dass sie noch immer dastand, ganz sicher, vierzig Zentimeter von der Kante entfernt.

Aber das ist das Problem mit der Angst. Du kannst dir nicht einreden, dass sie unsinnig ist. Es ist ein Instinkt. Hat was mit Überleben zu tun.

Cassie hätte mehr Angst haben sollen.

Der Gedanke zerrte an Becks Finger auf dem Sprühkopf der Dose und sie begann die Bell-Werbung mit weißer Farbe abzudecken, bis sie bloß noch eine leere Leinwand bildete. Dann tauschte sie die Dose gegen eine andere, skizzierte in schwarzen Linien die Form eines Kiefers, einer Nase, zeichnete das dunkle Geflecht ihrer lockigen Haare nach. Schließlich ergänzte sie ein wenig Blau für ihre Augen. Einen rosa Klecks für die Wangen. Beck sprayte sie als die griechische Prophetin Cassandra – Cassies Namensgeberin –, mit Goldglanzblättern wie Federn in die Haare gesteckt. In der Mythologie sah Cassandra die Vernichtung voraus, doch niemand hörte auf sie.

Ohne Absicht hatte Beck sie mit einem kleinen Lächeln gemalt. Cassie, die so gerne lachte.

Etwas wand sich in ihr bei der Erinnerung, kurz und zerrend wie eine sich drehende Ratsche, die eine Schraube spannt.

Es hieß, Cassie habe gelächelt, als sie starb.

Cassie

Du suchst nicht den Ort heim,

wo du gestorben bist.

Das gibt es nur in Horrorfilmen

und Schauerromanen.

 

Geister lungern dort rum,

wo sie getötet wurden –

man ihnen das Leben raubte.

Ich hasse das.

Warum sollte ich

je zurückkehren

in jene Zeit,

an jenen Ort?

Den Ort, der mir

alles nahm.

 

Stattdessen suche ich den Ort heim,

wo ich gelebt hab,

gelacht hab,

den Ort, wo ein Teil von mir –

eine Seele? Was weiß ich?

Ich weiß nicht mehr richtig,

was ich noch glaube,

aber irgendetwas von mir

kehrte hierhin zurück

und monatelang

versuchte ich zu sprechen,

gesehen zu werden oder gehört.

 

Aber ich bin nur hier, unsichtbar,

in einem seltsamen, sanften Dazwischen,

weder lebendig noch tot,

meistens gelangweilt.

 

Willkommen im Nachleben

der Cassandra Queen.

Vivian

Überall war Blut.

Vivian griff nach einem frischen Paar Handschuhe und zog sie hoch, dass sie gegen die Handgelenke klatschten.

»Was für ein Chaos«, sagte Matteo, während er den Eimer füllte.

»Ist schon spät und du hast morgen früh noch eine Schicht. Ich kann das allein aufwischen«, sagte Vivian und griff nach dem Eimer, doch er hielt ihn außer Reichweite.

»Nee, ich helf dir. Geht schneller«, beharrte er. Matteo holte bereits den neongelben Eimer, den für gefährliche Stoffe. In ihrem Bereich bedeutete das immer Körperflüssigkeiten. Blut.

Der Anruf kam zehn Minuten vor ihrem Schichtende rein. Ein Autounfall. Nicht der schlimmste, zu dem sie beide gerufen wurden, aber kritisch, als sie am Unfallort eintrafen.

Matteo stoppte die Blutung. Vivian belebte das Opfer wieder.

Jetzt sah der hintere Teil des Krankenwagens aus wie ein Tatort und nicht wie ein Ort, an dem gerade Leben gerettet worden war.

Vivian arbeitete still vor sich hin, wrang wieder und wieder den Wischlappen aus. Das Blut machte ihr nichts mehr aus. Weder der Geruch noch das glitschige Gefühl des Bluts an ihren Handschuhen. Sie tat so, als wenn es geschmolzenes Metall wäre. Oder ausgelaufenes Öl. Irgendeine andere kostbare schmierige Flüssigkeit.

Sie betrachtete bei der Arbeit das Wasser. Wie es jedes Mal weniger trüb braun wurde, wenn sie es ausschütteten, bis es zuletzt richtig sauber war. Weggespült, als ob es die Nacht nie gegeben hätte.

Als ob.

Vivian winkte Matteo auf dem Parkplatz zum Abschied und stieg in den alten Honda Civic ihrer Mom. Sie hatte vorgehabt ab August mit dem Wagen zum College zu fahren. Jetzt benutzte sie ihn für den Weg zur Feuerwache und zurück, wenn sie Schicht hatte.

Vivians ganzer Kopf tat weh vom Ziehen ihrer zu straff geflochtenen Zöpfe, die sie die komplette Schicht über trug, und sie wollte sie einfach nur noch lösen. Doch sie wusste, sobald sie die Haare lose herabhängen ließe, würden sie bei der Julihitze sofort an Nacken und Rücken kleben.

Sie sollte sie abschneiden. So wie sie auch alle anderen alten Zöpfe ihres Lebens abgeschnitten hatte. Wie zum Beispiel das College. Wie ihren Traum, an eine medizinische Hochschule zu gehen.

Wie Beck.

Die gelbe Benzinlampe leuchtete auf, als sie den Motor anließ.

»Scheiße«, sagte sie und lehnte den Kopf gegen das Lenkrad. Sie warf einen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett. Alle Tankstellen im Ort hatten geschlossen. Die einzige, die 24 Stunden offen war, lag an der Schnellstraße, auf halber Strecke nach Tannersville.

Aber mit einem Balken würde sie es bis dort schaffen. Sie hatte das schon öfter gemacht.

Vivian griff nach dem Handy, während sie vom Parkplatz des Polizeireviers fuhr. Sie brauchte nicht die Stimme ihrer Mutter im Schädel, die ihr erklärte, sie solle beim Fahren nicht mit dem Handy rumspielen – sie hatte als Rettungssanitäterin selber genügend Unfallopfer gesehen. Aber ohne Musik war die Chance groß, dass sie auf der Route 90 am Lenkrad einschlafen würde. Und solche Unfälle hatte sie auch zur Genüge gesehen.

Früher hatte Vivian beim Fahren meist True-Crime-Podcasts gehört, aber das ging nicht mehr. Stattdessen scrollte sie zu ihrer Playlist der lautesten Songs, so eine Art monströses Alternative-Rock-Gekreisch. Die Playlist war nicht mal ihre. Sie stammte von Beck. Die Musik, die sie teilten, gehörte für Vivian innerlich zu der Kategorie Hör dir das niemals an, wenn du dich nicht von Gefühlen überwältigen lassen willst, doch heute war sie dankbar dafür. Für die Lautheit. Dafür, dass sie alles andere auslöschte. Es dämmerte ihr, dass Beck wahrscheinlich genau aus dem Grund diese Musik liebte. Sie hatte immer Erinnerungen gehabt, die sie lieber abblockte.

Vivian hatte sie erst seit März.

Der Highway war auf beiden Seiten von Sonnenblumen gesäumt, die im Spätsommer, nur noch ein paar Wochen vor dem Fest, sehr hoch standen. Vivian kurbelte die Fenster runter. Die Sommerhitze gab der Luft etwas Verbrauchtes und Schweres, doch Vivian fuhr schnell genug, dass eine leichte Brise in den Wagen hereinwehte. Auch wenn sie nicht frisch war, hatte sie doch irgendwas an sich und ließ Vivian die Sonnenblumen riechen. Sie rochen nicht süßlich wie andere Blumen. Sie rochen nach Erde. Die Sonnenblumen erinnerten Vivian an Cassie. Als Kinder waren sie so schnell wie nur möglich zwischen den Sonnenblumen hindurchgerannt und es kümmerte sie nicht, wenn ihnen die papierdünnen Blätter in die Arme und ins Gesicht schnitten. Sie waren auch in den letzten Jahren so zwischen den Blumen hindurchgerannt, aber gewöhnlich nur, wenn sie vorher heimlich ein paar Drinks aus der elterlichen Hausbar getrunken hatten.

Plötzlich entdeckte Vivian eine Gestalt auf dem Sockel der Werbewand weiter vorn und wäre fast von der Straße abgekommen.

Wollte die Person etwa springen? Und selbst wenn nicht, konnte sie runterstürzen. Und bei der Höhe würde sie übel verletzt.

Vivian hielt auf dem Standstreifen. Noch im selben Moment war sie aus dem Wagen und ihre Ausbildung als Unfallsanitäterin setzte ein. Ihr Training, das Adrenalin zu ihrem Vorteil zu nutzen. Schneller zu denken, zu reagieren. Schnell genug, um ein Leben zu retten.

Das Training, das nützlicher gewesen war, als man von einer Achtzehnjährigen annehmen konnte, damals vor fünf Monaten, als sie eine Klassenkameradin noch anleitete, ihr einen Druckverband ums Bein zu legen, bevor sie selbst bewusstlos wurde.

Das war der Tag gewesen, an dem Vivian begriff: Du kannst alles Training der Welt haben. Jeden Menschen zu retten gelingt dir trotzdem nicht.

Aber heute Nacht, als sie den Boden unter dieser Plakatwand erreichte, erstarrte sie, das Adrenalin stockte vor Schock. Es war, als wenn sie sie durch die Erinnerung heraufbeschworen hätte. Nicht die potenzielle Springerin, von der sie vage begriff, dass sie gar nicht springen würde, sondern eine Kriminelle war, die auf die Plakatwand sprayte.

Es war das Wandgemälde, das sie plötzlich stoppte.

Vivian erkannte das gesprayte Gesicht direkt über ihr sofort. Dicke, dunkle Farblinien formten die Kieferpartie, ihre Augen, ihr dunkles Haar, das in Wellen herabfiel, umgeben von einem goldenen Stirnreif.

Und die Augen stimmten genau – ein helles, eisiges Blau. Dieser leichte Schwung eines Lächelns, das fast nie aus ihrem Gesicht verschwand. Und eine unvergossene Träne, genau im Augenwinkel.

Der andere Teil des Wandbilds war das, was sie umbrachte: dicke Linien, die die schmucklose Form einer Gewehrkugel bildeten. Auf der Seite der Kugel standen vier Buchstaben: B-E-L-L.

Bell Firearms war verschwunden.

Überdeckt von einem Cassie-Porträt und den Worten in Schreibschrift darunter: Collige Virgo Rosas.

Vivian kannte das Zitat, aber nur, weil Cassie es ihnen mal erklärt hatte. Es bedeutet: »Pflücke, Mädchen, die Rosen.« Pflück deine Blumen, solange du es noch kannst.

Cassie hatte es ihnen erklärt. Als sie alle zusammen waren.

Vivian begriff, dass es nur einen Menschen gab, der das hier gesprayt haben konnte. Jemand, den sie seit Monaten mied.

Was dachte sie? Vandalismus? Und sie wusste, wie sehr Beck Höhe hasste.

Es gab nur einen Weg, es rauszufinden.

»Beck!«, schrie Vivian. »Was tust du?«

Die Gestalt über ihr wirbelte herum und ließ eine Farbdose fallen, die über den Rand rollte. Vivian trat zur Seite, als die Dose nach unten stürzte, und ließ sie schadlos dort landen, wo sie gerade selbst gestanden hatte.

Beck zog die Maske ab und kauerte auf dem Sockel. »Vivian. Du hast mich zu Tode erschreckt. Wo kommst du überhaupt her?«

»Von der Arbeit. Komm da jetzt runter, sofort, oder ich ruf die Cops.«

»Das ist doch Bullshit, selbst in deinen Augen. Das weißt du genau.«

Vivian entsperrte ihr Handy, wedelte mit dem leuchtenden Display in der Luft. »Fünf! Vier!«

»Ist ja gut! Ich komm schon.«

Beck murmelte etwas vor sich hin, aber Vivian hörte es nicht. Wahrscheinlich ein Schimpfwort. Beck hatte immer Schimpfworte für sie parat.

Sie brauchte ein paar Minuten, um runterzuklettern, doch dann stand Beck da, direkt vor Vivian. Es war das erste Mal seit der Beerdigung, dass sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden.

Es fühlte sich an, als wäre es gestern gewesen.

Es fühlte sich an wie tausend Jahre her.

»Hi, Vivian«, sagte Beck. Die wilden roten Locken quollen aus einem unordentlichen Knoten und umrahmten ihr Gesicht. Sie war von Schweiß und Farbe bedeckt, die Maske hing ihr noch lose um den Hals. Ihre Sachen waren von Farbspritzern übersät, aber nicht erst seit heute. Man sah mehr Farbe als Jeansstoff an ihrem Overall.

»Beck«, sagte Vivian. Typisch Beck, dachte sie. Macht mal wieder irgendwas Dummes, Gefährliches und völlig Unnötiges.

Doch dann schaute Vivian zurück zu dem Wandbild. Zu Cassie. Vivian wusste, was es für Beck mit ihrer Höhenangst hieß, da raufzuklettern. Wusste, dass Beck es für Cassie tat.

Vielleicht war es ja gar nicht so unnötig.

»Pass auf, ich ruf nicht die Cops. Hör einfach auf und fahr jetzt nach Hause, okay?«

»Okay, Boss«, antwortete Beck mit einem sanften Lachen.

»Findest du das witzig?«, keifte Vivian. Es war eine lange Schicht gewesen. Die Arbeit als Sanitäterin machte sie fix und fertig, sowohl emotional als auch körperlich. Deshalb hatte sie sich dafür entschieden. Damit sie zu müde zum Nachdenken war.

Aber heute Nacht wollte sie einfach nur duschen und schlafen.

»Hätte nie gedacht, dass ich den Tag erleben werde, an dem du mein schlechtes Benehmen nicht weitersagst.«

»Tja, Glückwunsch. Hast einen Freifahrtschein, aber nur wegen totaler Erschöpfung«, antwortete Vivian und drehte sich um. »Fahr nach Hause, Beck.«

Vivian stieg in ihr Auto und fasste nach dem Schlüssel. Doch die Zündung war schon an.

»Nein. Nein, nein, nein, nein.«

Sie betete für fünfzehn Sekunden zu sämtlichen Göttern, die ihr in den Sinn kamen, dann probierte sie die Zündung erneut. Nichts. Absolut, gnadenlos null Benzin mehr.

Vivian starrte auf ihr Handy, das auf dem Beifahrersitz lag. Als ob sie auch nur die geringste Wahl hätte. Sie griff nach dem Handy und öffnete ihre Textnachrichten. Sie scrollte eine Weile, ehe sie merkte, dass es das, was sie suchte, überhaupt nicht gab.

Es gab keinen Nachrichtenverlauf zwischen ihr und Beck. Keinen zwischen ihnen allein. Wenn, dann nur Gruppen-Chats mit Cassie. Sie scrollte wieder hoch. Die Nachrichten waren noch da. Datiert auf den Morgen, an dem Cassie starb.

Vivian rief stattdessen Beck an.

»Meinung geändert? Rufst du jetzt doch die Cops?«, fragte Beck statt einem Hey.

»Mein Auto springt nicht mehr an. Nimmst du mich mit?«

»Scheiße, ja. Ich dreh um.«

Vivian beendete den Anruf. Das Display leuchtete auf und zeigte den Chat der drei. Das Gespräch, das sie nicht einfach löschen, aber auch nicht noch einmal lesen konnte.

Das Letzte, was Cassie geschickt hatte, war ein SpongeBob-Meme.

Cassie

Es war immer

der schönste Teil des Tages –

mit Beck und Vivian zusammen

zur Schule zu fahren.

 

Becks wütende Musik und

Vivians wütender Blick.

Die zwei Menschen,

die ich in diesem Leben am meisten liebte

und die sich gegenseitig kaum tolerierten,

aber es trotzdem taten

wegen mir.

 

Manchmal

gelang es mir, sie beide

gleichzeitig zum Lachen zu bringen.

Ich weiß nicht wieso, doch

es war wie Magie und ich fühlte

mich dann am meisten geliebt.

 

Von da also kam ich,

als ich starb:

aus Becks Wagen.

Beck

Beck drehte auf dem Highway um, hielt hinter Vivians Wagen und ließ den Motor im Leerlauf.

Als Vivian in das Scheinwerferlicht von dem alten VW-Bus trat, sah Beck sie in dieser Nacht zum ersten Mal klar und deutlich. Zum ersten Mal seit Monaten. Vivians braune Haare waren zu denselben straffen Zöpfen zusammengebunden, die sie jedes Mal getragen hatte, wenn sie ihre Bahnen lief. Sie sah aus wie immer, die dichten braunen Augenbrauen tief in Gedanken zusammengezogen, als wenn sie alles, was sie sah und hörte, bis ins kleinste Detail analysieren würde.

Becks Hand glitt über das große Lenkrad und sie wandte gerade genug Druck auf, um die Hupe leicht tönen zu lassen. Vivian zuckte erschrocken zusammen, dann zeigte sie ihr den Mittelfinger, während sie an den Scheinwerfern vorbeischaute.

Beck konnte nie widerstehen. Vivian war seit jeher einfach viel zu leicht reizbar.

Außerdem, so war es immer zwischen ihnen gewesen. So würde es weiter sein, wenn das Universum überhaupt irgendeinen Scheißsinn machte.

Vivian stieg in den Bus und murmelte leise: »Danke.«

»Keine Ursache«, antwortete Beck.

»Können wir schnell ein bisschen Benzin holen, damit ich nach Hause komme? Wir müssen auch gar nicht reden«, sagte Vivian.

Beck sagte nichts und fuhr los.

Es gab keinen Anschluss für ein Handy und auch kein Bluetooth in dem alten Schlachtross von Bus, so einem klassischen VW-Bus, den Becks Grandpa in einem heruntergekommenen Zustand – aber billig – entdeckt und gemächlich über die Jahre restauriert hatte. Als Beck vierzehn war, ließ er sie die Farbe für eine neue Lackierung aussuchen. Sie entschied sich für Goldgelb. Die Farbe der Sonnenblumen. Als sie dem Wagen einen Namen geben sollte, nannte sie ihn Betty.

Dann, an ihrem sechzehnten Geburtstag, überraschte er sie mit dem Schlüssel.

Wenn irgendwer Tribeca Jones mit sechs Jahren, als sie zu ihrer Errettung die Sterne beobachtete, erzählt hätte, dass eines Tages jemand ein Auto liebevoll restaurieren würde, nur damit sie etwas zum Fahren hatte … also, da hätte sie wahrscheinlich gesagt: »Danke, aber behalt den Wagen und stell vielleicht besser etwas zu essen in den Kühlschrank oder hilf meinen Eltern trocken zu werden.«

Die sechsjährige Beck war womöglich noch wütender gewesen als die Beck im Teenager-Alter. Geradezu ungezähmt.

Aber Beck liebte den alten VW-Bus mehr als die meisten Menschen und es machte ihr absolut nichts aus, dass er bloß Musik aus dem Radio spielen konnte, und das auch nur, wenn er gerade Lust hatte.

Als Beck in dieser Nacht einen Sender suchte, versetzte Betty ihnen einen unerwarteten Schlag in die Magengrube, indem sie ausgerechnet einen von Cassies Lieblingssongs spielte.

»Scheiße«, sagte Beck und griff erneut nach dem Drehknopf, aber Vivian hielt ihre Hand zurück.

»Schon gut«, sagte sie mit leiser Stimme. »Lass ruhig.«

Eine Minute verging … die Musik zu fröhlich für das Gefühl, das sie in den beiden Mädchen auslöste.

Es schien, als ob Cassie da wäre, bloß einen Moment entfernt und nicht fünf Monate. Für einen Augenblick hätte Beck schwören können ein vertrautes Summen zu hören. Mehr als alles andere hatte Cassie zu singen geliebt. Sie hatte immer auf der Rückbank gesungen oder zur Radiomusik mitgesummt.

»Das Wandbild ist wunderschön«, sagte Vivian plötzlich wie aus dem Nichts und holte Beck aus der Vergangenheit zurück.

Beck schaute zu ihr hinüber, aber Vivian hatte den Blick gesenkt und sah zu, wie sie die eigenen Hände im Schoß zusammenbog. Wann immer sie Angst hatte, nagte sie an den Fingernägeln, bis es blutete, so wie jetzt. Beck fasste hinüber, ihre Hand landete auf Vivians, und stoppte sie.

»Sie hätten es nicht hängen lassen sollen«, sagte Vivian. »Das war … keine Ahnung. Einfach nur grausam.«

»Niemanden interessiert, ob es grausam ist, Vivian. Das Einzige, was die Leute interessiert, ist, dass es in Bell genug Jobs gibt.«

»Ich glaube, es ist komplizierter«, widersprach Vivian.

»Ich nicht«, antwortete Beck in zu scharfem Ton. Sie war nicht auf Vivian wütend. Diesmal nicht. Beck versuchte einen weicheren Ton zu finden, ehe sie weitersprach. »Es ist unheimlich, die Musik zu hören, ohne dass sie dabei ist.«

»Es ist, als ob ich Cassie hören könnte.«

Aber Beck hörte es auch.

Das Summen.

Diesmal deutlicher.

»Lass das, Beck.« Vivians Stimme kippte, als sie ihren Namen sagte, ihre Wut biss sich durch das Wort.

»Das bin ich nicht. Das wär krank«, antwortete Beck. Es gab tausend Sachen, mit denen sie Vivian gern quälte, aber nicht mit Cassie.

Beck bremste ab und hielt auf dem Seitenstreifen, um zu horchen. Wenn sie allein gewesen wär, hätte sie es auf die Erschöpfung geschoben. Hatte sie das nicht in den anderen Nächten immer gemacht? Als sie glaubte … etwas zu hören? Es abgetan als Sehnsucht und Trauer.

Der Refrain setzte ein.

Eine Stimme schmetterte ihn – und die Stimme kam von hinten aus dem Bus.

Sie wirbelten gleichzeitig herum. Zuerst glaubte Beck, sie müsse von der Plakatwand gestürzt und so hart mit dem Kopf aufgeschlagen sein, dass sie entweder tot oder bewusstlos war. Aber Vivian saß ganz real neben ihr und strahlte Wärme aus, nach so vielen Monaten. Und das hier war kein Traum.

Auf der Rückbank des Busses, nur ganz schwach in dem Dunkel, erkannte sie eine Silhouette.

Einen Schatten, in Gestalt eines Mädchens.

Aber der Schatten bewegte sich, kam ihnen näher. Der Schwung der Kieferpartie war vage zu erkennen, aber das meiste nicht. Die Haare, wie sie an ihr herabfielen, waren nicht mehr als eine Welle aus Schwarz.

Doch ihre Augen besaßen das gleiche leuchtende Blau.

Das Singen brach ab und die Augen waren auf Beck und Vivian gerichtet. Sie wirkten unnatürlich weit aufgerissen ohne das Gesicht, das sie umrahmte. Und dazu bloß diese weiche, durchsichtige Form eines vertrauten Lächelns.

Cassie.

Vivian

Vivian hatte nie Angst vor Gespenstern und Monstern unterm Bett gehabt.

Sie hatte nie an Feen geglaubt. Nicht mal an die, die kommt, um Zähne einzusammeln. Schon von Kindheit an, seit sie den Unterschied begriff, hatte sie die Wissenschaft der Dichtung vorgezogen und die Wahrheit dem Märchen. Vivian hatte kein einziges Mal den Nachthimmel nach Ufos abgesucht oder wegen einer Geistergeschichte nicht einschlafen können. Denn Geistergeschichten waren nicht real.

Nur dass sie sich jetzt plötzlich in einer Geistergeschichte befand.

Vivian tastete vorn durch den VW-Bus, ohne den Blick von der Rückbank zu nehmen, bis ihre Hand Becks Arm fand.

»Beck, siehst du …?«

»Ja, ich seh sie.«

»Ehrlich?«, fragte Cassie und kletterte – schwebte? – auf die mittlere Bank. Vivian erkannte jetzt mehr Details, doch sie waren instabil, kurz da und dann wieder weg. Wie die Wimpern auf der Wange oder das dunkle Indigo ihrer Jeansjacke, die sie getragen hatte, als sie starb.

»Was geht denn hier ab?«, fragte Beck. Sie streckte den Arm aus und Vivian sog scharf die Luft ein, als Becks Hand durch Cassies kaum vorhandenen Arm glitt. »Wieso?«

»Wie?«, fragte Vivian.

»Ich weiß nicht, wieso«, antwortete Cassie. Die Stimme war das einzig Stabile an ihr. Sie hörten Cassie, als ob sie wirklich neben ihnen säße. Was aber unmöglich war. »Ich weiß auch nicht, wie. Ich bin schon eine ganze Weile hier, auch wenn ihr mich nicht sehen, nicht hören konntet. Erst seit ihr zwei …«

»Seit wir zwei zusammen da sind«, ergänzte Vivian den Satz. Ihre Hand lag noch immer auf Becks Arm, als ob sie sich an etwas – an jemandem – festhalten müsse, um sich zu überzeugen, dass das hier real war und kein weiterer dieser Albträume, die sie seit März heimsuchten.

Sie drückte ihre Finger zusammen und kniff Beck.

»Au!«, schrie die und zog ihren Arm weg.

»Will nur sicher sein, dass das kein Traum ist«, sagte Vivian, ohne Cassie aus den Augen zu lassen.

»Aber doch nicht so«, antwortete Beck und rieb sich den Arm.

Cassie lachte.

Und dann kümmerte sich Vivian nicht mehr um ein Wieso und Wie. Sie wollte das gar nicht mehr hinterfragen, sondern nur von Neuem dieses Lachen hören. Dieses Lachen, das sie seit dem 15. März, als es ihr gestohlen wurde, so sehr vermisst hatte, jeden Moment.

»Ich bin nur nachts da«, sagte Cassie. »Tagsüber bin ich zu … waberig. Ich bin nirgends. Es gibt dann nur meine Gedanken.«

»Das versteh ich nicht«, sagte Vivian.

»Ich auch nicht«, stimmte ihr Cassie zu. »Tut mir leid, wenn ich euch einen Schrecken eingejagt hab. Ihr habt mich vorher nie gehört.«

»Ich hab dich summen hören«, sagte Beck. »Hab nur nicht gedacht, dass es real ist. Oh, Cassie, wir haben dich so vermisst.«

Die Geistergestalt Cassie drehte sich zum Fenster. Draußen gab es nichts als endlose Felder von Sonnenblumen.

»Wie geht es meiner Familie?«, fragte Cassie.

Zerbrochen, dachte Vivian.

»Sie … geben sich alle Mühe, Cassie«, antwortete sie stattdessen. »Sind von hier weggezogen, zurück in die Stadt, wo deine Großeltern wohnen.« Das stimmte, doch es war nicht die ganze Wahrheit.

»Schön«, sagte Cass. »Das ist sicher das Beste.«

Ein Lichtschein drang in den noch immer dunklen Bus. Die Sonne ging auf.

»Ich werde wieder verschwinden«, sagte Cassie. »Seht ihr?«

Sie beugte sich vor und ließ den Schatten ihres Arms durch den Lichtstrahl gleiten, wo er verschwand. Bevor Vivian und Beck protestieren konnten, hob Cassie die Hand. »Doch ich versuche zurückzukommen. Heute Nacht. Ich denke … ich denke, vielleicht müsst ihr beide da sein. Ich denke, vielleicht müsst ihr zwei mir helfen.«

»Helfen wobei?« Vivian beugte sich nach hinten, ihre Hände klatschten zusammen, als wenn sie sich davon abhalten müsste, sie weiter auszustrecken, nach Cassie zu greifen und zu versuchen sie festzuhalten.

»Bei dem, was jeder Geist braucht«, antwortete Cassie. »Einen Abschluss.«

»Einen Abschluss?«, fragte Beck. Die Sonne wärmte den Bus auf und erhellte ihn zu schnell.

»Unerledigte Dinge«, erklärte Cassie. »Ich hatte viel Zeit, drüber nachzudenken. Kann mir nicht vorstellen, wieso ich sonst hier bin. Ich weiß nur nicht, was das für Dinge sind.«

Vivian wusste es auch nicht.

»Rache nehmen«, flüsterte Beck.

Vivians Kopf schwang herum.

»Nur weil deine ganze Weltanschauung auf wütenden Rachefantasien basiert, heißt das doch nicht, dass es bei allen anderen auch so ist, Beck.«

»Na ja, ganz unrecht hat sie nicht«, widersprach Cassie.

»Rache? Gegen wen?«, fragte Vivian. »Nico ist weg, Cass.«

»Gegen Bell, nehm ich an«, antwortete Cass und ihre Schultern hoben sich zu einem geisterhaften Zucken. Die Bewegung wirkte so lässig, so Cassie-haft. Es schien, als ob sie die Karikatur eines Geists wäre, der seine Spukpflichten nicht genügend ernst nahm. Doch da saß sie, tot – irgendwie –, und bat sie um Hilfe, das unmögliche Geheimnis zu lüften, wieso sie hier war, damit sie wirklich loslassen konnte.

Ein Geheimnis, das zu lösen war, ein Geist, ein VW-Bus. Und Beck hatte sicher ein bisschen Gras unter einem der Sitze versteckt. Fast wie in »Scooby-Doo«. Das Einzige, was noch fehlte, war der Hund.

»Was genau meinst du mit Bell? Die Stadt? Die Firma? Mr Bell?«, fragte Vivian.

»Ja, genau«, antwortete Beck.

»Alles«, sagte Cassie, während die Sonne über die Baumkronen stieg.

Und so schnell, wie sie zu ihnen zurückgekehrt war, war sie auch wieder verschwunden.

We Can Be Heroes

Staffel 2: Folge 13 »Der Sheriff«

MERIT LOGAN: Ein bisschen Hintergrund-Info. Im März brachte Nico Bell, Ex-Freund der siebzehnjährigen Cassie Queen, die Schusswaffen seines Vaters mit in die Schule und schoss auf Cassie, eine Mitschülerin und sich selbst. Die Mitschülerin überlebte. Nico und Cassie starben noch vor Ort. Man könnte argumentieren, dass der kleine Ort Bell eine Hochburg der Waffenbefürworter im Land ist, weil dort seit 1824 die Firma Bell Firearms ihren Stammsitz hat und die Stadt förmlich um die Firma herum entstand. Vierzig Prozent aller Jobs hängen bis heute noch an der Firma Bell. Und Nico Bell sollte das Ganze von seinem Vater, Steven Bell, irgendwann übernehmen.

 

MERIT: Ich habe noch ein paar weitere Fragen, was die Ereignisse angeht, die zu dem Mord an Cassie führten, Sheriff.

SHERIFF THOMAS: Nun, ich werde versuchen sie zu beantworten. Aber ich weiß nicht viel. Es war eine Jugendliebe, die auf schreckliche Weise schiefging. Einer meiner Beamten hat den Fall damals übernommen. War keine obere Priorität. Keine Ahnung, wieso der Junge das getan hat. Wieso er glaubte, es sei der einzige Weg.

MERIT: Der einzige Weg?

SHERIFF THOMAS: Der einzige Weg, sie zu halten. Was weiß ich? Vielleicht hatte er nicht mal geplant sie zu töten. Vielleicht wollte er ihr bloß … Angst einjagen.

MERIT: Sie glauben, ein Siebzehnjähriger hat die Waffen seines Vaters mit in die Schule gebracht, um einem Mädchen, dem er vorher Gewalt angetan hatte, Angst einzujagen?

SHERIFF THOMAS: Ich sage bloß, dass wir nicht wissen, was in seinem Kopf vorging. Wir hätten seine Absichten unmöglich ahnen können.

MERIT: Sir, haben Sie in letzter Zeit mit Fällen von häuslicher Gewalt zu tun gehabt?

SHERIFF THOMAS: Leider ja. Solche Fälle erleben wir unangenehmerweise häufig.

MERIT: Wie oft? Bloß mal geschätzt.

SHERIFF THOMAS: In Bell etwa dreimal im Monat.

MERIT: Und wie unterschieden sich die Umstände bei Cassie von den anderen Notrufen?

SHERIFF THOMAS: Es war etwas völlig anderes. Keine Erwachsenen. Die beiden waren nicht verheiratet oder lebten zusammen.

MERIT: Das heißt, Sie haben Cassies Fall nicht so behandelt wie andere Fälle von Misshandlungen?

SHERIFF THOMAS: Es gab keinen Fall, Ms Logan. Nico Bell war nicht auf unserem Schirm. Die zwei waren Kinder. Wer erwartet denn, dass sich Kinder gegenseitig umbringen?

MERIT: Vielleicht ja die Person, deren Aufgabe es ist, sich mit der Dynamik von Gewalt auszukennen. Und die Kinder haben sich nicht gegenseitig umgebracht. Nico hat getötet. Nur Nico. Sie reden so, als ob beide verantwortlich wären. Aber lassen Sie uns weitermachen, Sheriff. Mit dem Tag, als es passiert ist. Können Sie mir sagen, was Sie von dem Morgen noch wissen?

SHERIFF THOMAS: Es war ein normaler, ruhiger Morgen im März. Wir sind hier in Bell stolz darauf, wie Sie wissen. Niedrige Kriminalitätsrate. Niemand in Bell bricht in Häuser ein. Oder überfällt eine Tankstelle. Denn so gut wie jeder in Bell ist bewaffnet. Das bewahrt den Frieden.

[Lange Pause]

MERIT: … Wirklich?

SHERIFF THOMAS: Sie wissen genau, was ich meine, Ms Logan. Es hat ihn bewahrt. Was sollen wir tun? Jedem die Waffen wegnehmen, nur weil ein Mädchen gestorben ist?

Cassie

Zuerst fühlt sich der Tod an

wie damals mit zwölf

in dem Sommer, als ich

beinah ertrunken wäre im See.

 

Es war kein Schmerz da,

nur so ein Begreifen,

untergegangen zu sein, bald

keinen Sauerstoff mehr zu kriegen.

 

Unser Ruderboot sank

genau in der Mitte

des Sees

und ich war noch drin.

 

Ich versuchte zurück

an den Steg zu schwimmen,

doch ich verkenne

den Weg, meine Kraft.

 

Und dann spürte ich

Arme um meinen Körper,

die mich an die Oberfläche zogen

und zurück an den Steg.

 

Die Sonne stand strahlend

am Himmel,

direkt hinter seinem Kopf,

und bildete einen Heiligenschein.

 

Als die Lokalzeitung

über den Vorfall schrieb,

einen kleinen Artikel auf Seite 4,

nannten sie ihn einen Helden.

 

Nico.

Beck

Beck versuchte erst gar nicht zu schlafen, als sie nach Hause kam.

Stattdessen stellte sie die Kaffeemaschine an und griff nach den Pillenfläschchen für Grandpa.