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Ilvies ganz persönlicher Albtraum ist wahr geworden: Sie muss mit ihrer Mutter aufs Land ziehen. Weg aus der Stadt, weg von ihren Freundinnen und rein ins Landleben. Ilvie fühlt sich völlig fehl am Platz und als sie dann auch noch herausfindet, dass sie nur wegen des neuen Freundes ihrer Mutter hergezogen sind, will Ilvie einfach nur noch flüchten – am liebsten zurück nach Hause in die Stadt. Doch dann verirrt sie sich im Wald und begegnet einem geheimnisvollen weißen Wolf, mit dem sie sich seltsam verbunden fühlt … - Über Neuanfänge, Freundschaft und Familie - Authentisch, einfühlsam und ganz nah an der Zielgruppe erzählt - Über die besondere Beziehung zwischen Mensch und Tier
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2025
Du bist die Welt und die Welt bist du.
JIDDU KRISHNAMURTI
Kapitel 1: Festgeklebt
Kapitel 2: Der achte Sinn
Kapitel 3: Einhaus
Kapitel 4: Happy Birthday
Kapitel 5: Zwei Elefanten, eine Gurke und ein Wolfszahn
Kapitel 6: Der magische Moment
Kapitel 7: Opa Kurt
Kapitel 8: Vier Kilo Lamm und ein neuer Freund
Kapitel 9: Arnika
Kapitel 10: Kaffeefahrt mit Opa Kurt
Kapitel 11: Dicke Eier, ein Lamm und ein Wolf
Kapitel 12: Heimat ohne Ort
Kapitel 13: Waffenstillstand
Kapitel 14: Freundinnengrinsen
Kapitel 15: Süße Waffeln und wahre Worte
Kapitel 16: Alleinsamkeit
Kapitel 17: Loch im Bauch
Kapitel 18: Das Gegenteil von Träumen
Kapitel 19: Das Wunder
Kapitel 20: Ich sehe dich
Danksagung
Kurz spielte Ilvie mit dem Gedanken, ihre nackten Füße mit dem Sekundenkleber einzuschmieren, den sie zwischen den breiten Holzdielen entdeckt hatte. Und zwar direkt auf die Haut.
Während sie allerdings die Schnürsenkel ihrer Vans öffnete, hielt sie inne, drehte stattdessen die Rautensohle ihrer erst zwei Wochen alten Schuhe zu sich und rieb den weißen Rand mit dem Inhalt der kleinen Tube ein. Einschließlich Preisschild.
Der scharfe Geruch stieg ihr in die Nase, was Ilvie gerade recht war. Sie fühlte sich genauso leer wie ihr Zimmer, das komplett ausgeräumt war. Es gab hier nur noch sie selbst. Und tausend unsichtbare Erinnerungen.
Mit angewinkelten Beinen saß sie mit dem Rücken zur Wand auf ihrem Lieblingsplatz direkt neben der Fensterbank und sah dem Kleber, der in kleinen Mengen unter ihren Sohlen hervorquoll, beim Trocknen zu. Schräg gegenüber von ihr, da, wo gestern noch ihr Bett gestanden hatte, war auf der Raufasertapete nur noch die Messlatte zu sehen, die ihre Eltern für sie angefertigt hatten.
Jeder Wachstumsschub war mit einem Tier gekennzeichnet. Mit vier war sie so groß wie ein Wolf, mit sieben so groß wie eine Hirschkuh, mit fast dreizehn, also jetzt, hatte sie die Größe eines Islandponys erreicht. Okay, ehrlich gesagt sah die Zeichnung ihres Vaters eher aus wie ein kleinwüchsiges Nashorn mit Mähne.
Ilvie seufzte wehmütig und hoffte darauf, dass sie einfach hierbleiben könnte, in ihrem Zimmer, das so was wie ihre zweite Haut war. Sie war hier geboren.
Aber Wunder gab es nun mal nur in Fantasyromanen oder bei Herrn Knaack oben aus dem dritten Stock, der schon viermal vom Blitz getroffen worden war und überlebt hatte. Ausgerechnet er war es, der in dem Moment mit seinen klackernden Herrenschuhen über Ilvie hinwegpolterte und sich mit seinem Gelärme in ihre Untergangsstimmung mischte.
Sollte ihre Mutter doch ohne sie fahren.
Am liebsten hätte Ilvie sich davongeträumt. Das tat sie manchmal, besonders, wenn sie sich in die Ecke gedrängt fühlte, also wenn große Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen wurden.
In diesem Fall war es ihre Mutter gewesen, die beschlossen hatte, dass sie umziehen würden.
Und zwar heute!
In Ilvies Wachtraum klang der perfekte Dialog mit ihrer Mutter so:
»Mama! Bitte! Können wir nicht hierbleiben? Ich will nicht weg aus Berlin, das ist doch unser Zuhause, ich bin hier aufgewachsen, wir gehören in die Stadt.«
»Ach, Liebes, wenn du unbedingt willst, dann bleiben wir einfach hier. Du hast deine ganzen Freunde hier, und irgendwie hast du ja auch recht, Berlin ist so aufregend und lebendig, und meine Leute wohnen ja auch alle um die Ecke …«
»Ilvie, kommst du bitte?« Ilvies Mutter Edith stand in der Tür, und ihre Stimme klang anders als in Ilvies Traumdialog. Lauter, echter und vor allem angespannter.
»Äh, was?«, stammelte Ilvie wach gerüttelt. Hallo, Realität!
Ihre Mutter verdrehte die Augen, lächelte immerhin dabei und ging zu Ilvie, die schnell die noch offene Sekundenklebertube in ihrer Jeanstasche verschwinden ließ.
»Welchen Teil von Kommst du bitte hast du nicht verstanden?«, fügte ihre Mutter angenervt hinzu.
»Den ganzen Teil«, blaffte Ilvie zurück. Sie vergrub ihren Kopf zwischen den Armen und senkte das Kinn tief, sodass sie ihre Mutter nicht anschauen musste. Hoffentlich bemerkt sie den Kleber nicht, dachte sie, als Edith sich zu ihr herunterbeugte.
Sie roch nach einem Parfum, das Ilvie noch nicht kannte, nach süßen Räucherstäbchen und Luxus. Und seit sie beschlossen hatten umzuziehen, hatte sie dieses komische Dauergrinsen im Gesicht.
Ihre Mutter packte sie an den Händen, um sie hochzuziehen. »Es geht los, na, komm schon, es wird dir gefallen«, sagte sie mit ihrem festgetackerten Lächeln.
Ihre gute Laune verschärfte Ilvies schlechte. Wütend riss sie ihre Hände aus denen ihrer Mutter und vergrub sie in den Hosentaschen ihrer abgeschnittenen Jeans, aus der noch ein paar Fransen hingen. »Im Nirgendwo?«
»In Einhaus«, korrigierte ihre Mutter sie knapp.
»Das klingt ja noch schlimmer.«
»Du wirst sehen, die Ruhe ist einfach herrlich auf dem Land, Natur pur«, versuchte ihre Mutter, sie aufzumuntern.
»Was habt ihr eigentlich immer mit der Natur? Tiere fressen ihren Nachwuchs auf, und es gibt so viele Giftpflanzen, dass die ganze Welt daran zugrunde gehen könnte. Die Natur ist gnadenlos und unberechenbar, schau dir doch die Nachrichten an: Unwetter, Hochwasser, Vulkanausbrüche …«
»Ilvie, in Einhaus gibt es keine Vulkane«, wandte ihre Mutter mit einem Schmunzeln ein.
Enttäuscht ließ Ilvie die Schultern hängen. Sie hätte einfach alles gesagt, um in Berlin zu bleiben. »Und was ist mit meinen Freunden?«
Ihre Mutter rollte genervt mit den Augen. Es war nicht das erste Mal, dass sie dieses Gespräch führten.
Aber Ilvie war mindestens genauso genervt wie sie. Und sie kannte bereits die Entgegnung, die sie nun zu hören bekommen würde.
»Du findest dort bestimmt ganz schnell neue Freunde. Und außerdem sind dreihundert Kilometer heutzutage doch keine Entfernung mehr.«
Für beste Freundinnen eben schon, dachte Ilvie. Aber davon hatte ihre Mutter einfach keine Ahnung. Die suchte doch nur ein Alibi dafür, mit Ilvie in die Pampa zu ziehen.
»Nein«, entgegnete Ilvie entschieden. Mit verschränkten Armen lehnte sie sich gegen die von der Sonne aufgewärmte Zimmerwand.
Geräuschvoll atmete ihre Mutter aus, bevor sie schließlich aufstand. In ihren weichen Gesichtszügen bildete sich eine Zornesfalte, genau senkrecht in der Mitte ihrer Stirn.
»Mach’s lieber kurz und schmerzhaft. Du hast noch fünf Minuten. Ich warte unten im Auto auf dich, okay?«
Ilvie reagierte nicht, sondern biss sich lieber die Unterlippe wund.
»O-kay?«, wiederholte ihre Mutter mit Nachdruck.
»Ja-ha«, nuschelte Ilvie in den Ausschnitt ihres rot-weiß geringelten T-Shirts und wartete, dass ihre Mutter sie endlich in Ruhe ließ. Sie konnte ja gar nicht aufstehen, ihre Schuhe klebten fest an den Holzdielen. Zudem wartete sie auf Karlas Zeichen.
Schwungvoll zog ihre Mutter die Tür hinter sich zu.
Ilvie überlegte zu klopfen, so wie sie es immer tat, wenn sie genau an dieser Stelle hier saß. Nur eine Steinmauer trennte sie von ihrer besten Freundin Karla, die nebenan wohnte.
Über die vielen Jahre hinweg hatten sie zusammen ein modernes Morsealphabet entwickelt, über ein Dutzend verschiedene Klopfzeichen, die entweder Buchstaben oder Ausdrücke bedeuteten. Es war ihre Geheimsprache geworden, wenn sie Handyverbot oder Hausarrest hatten. Eine Verständigung ohne Worte, ohne Netz. Das war das Beste daran gewesen.
Doch diesmal klopfte Ilvie nicht. Dafür klopfte ihr Herz umso lauter. Sie spürte, dass Karla nicht da war. Auf ihren Unterarmen richteten sich die von der Sonne aufgehellten blonden Härchen auf, gefolgt von einer Gänsehaut, die ihren ganzen Körper überzog. Der eindeutige Beweis dafür, dass Ilvie richtiglag. Ihre dünne Haut funktionierte wie ein Lügendetektor.
Nachdenklich schlang sie ihre Arme um die Beine, presste den Kopf gegen ihre Oberschenkel, machte sich ganz klein. Das Schiff konnte jetzt sinken und sie mit ihm.
Täääää-täääää!
Das laute Hupen von draußen riss sie aus ihrer Untergangsstimmung. Es ging los. Schwerfällig stand sie auf und schlüpfte aus ihren Vans, die das Einzige waren, was sie zurücklassen würde.
Barfuß lief sie zur Tür, drehte sich nicht um, weder zu ihren Schuhen noch zu Karla, die ausgerechnet heute nicht hinter der Mauer saß.
Ihre beste Freundin hatte sie einfach vergessen.
***
Die Hitzewelle der letzten Tage schien vorüber zu sein. Der Himmel über Berlin war mit Wolken verhangen, Sommerlaub wehte durch die belebten Straßen des Prenzlauer Bergs, Vorboten, die einen herannahenden Sturm ankündigten. Väter schoben ihre Kinderwagen eilig über den Arnimplatz, Rolf vom Späti hievte seinen Kartenständer in den Laden, zwei Jugendliche sausten auf dem Bürgersteig auf ihren Skateboards um die Wette und fuhren dabei dicht vorbei an einer jungen Businessfrau mit Glätteisen-Frisur und Knopf im Ohr, die ihren Recup-Becher jonglieren musste und ihnen fluchend hinterherbrüllte.
Es war noch keine zehn Uhr, als im Seitenspiegel Ilvies Leben vorbeizog. Neben ihr im Seat Kombi saß ihre Mutter, die Ilvies nackte Füße nur mit einer hochgezogenen Augenbraue kommentiert hatte.
Schweigend waren sie aufgebrochen, beladen mit den letzten Umzugskartons, die bei der Fahrt über das Kopfsteinpflaster hinter ihnen an die Decke des Kofferraums knallten.
Ilvies Magengrube brannte. Und ihr Herz. Alles Neue machte Ilvie Angst. Ganz einfach.
Karla, wo bist du nur?
tippte sie in ihr Handy, löschte die Nachricht aber wieder. Zu gerne hätte sie sich mit ihrer Freundin über ihr Gefühlskarussell ausgetauscht, doch Karla war abwesend. Genauso wie Ilvies Mutter, die seit dem Aufbruch kein Wort gesprochen hatte.
Überhaupt war ihre Mutter ungewöhnlich ruhig. Mit zusammengepressten Lippen lenkte sie den Kombi durch die Großstadt. Im Radio lief irgendein belangloser Song, ein Copy-Paste-Lied, das kurz in und dann schnell wieder vergessen gewesen war.
Der Abschied breitete sich in Ilvie aus wie ein lähmendes Gift. Ein Pling-Geräusch erlöste sie von diesem schrecklichen Gefühl.
So sorry. Panne im Bus und Akku leer. Und das an deinem großen Tag. Shit!
Karla, endlich!
Ilvies Herz entkrampfte sich, und abrupt stiegen ihr Tränen in die Augen, Erleichterung breitete sich in ihr aus. Gleichzeitig schmerzte die Trennung jetzt erst recht. Sie versuchte, ihr Schluchzen zu unterdrücken. Klappte natürlich nicht, wie immer.
»Alles klar bei dir, mein Herz?« Ihre Mutter streckte ihre Hand aus, strich liebevoll über Ilvies Oberschenkel.
»Mmmmhhhh«, machte Ilvie leise. Mit dem Handrücken wischte sie sich schnell die Freudentränen weg und antwortete Karla.
Puh, du bist da, wie gut. Dachte schon, du hast mich vergessen.
Vergessen? Dich? Niemals!
Sind schon auf dem Weg in die Pampa, Vans kannst du haben.
Vans?
Deine Größe, stehen in der Wohnung
Du bist die Beste. Miss you already. Shit! ForeverFriends
Echte Freundinnen kennen keine Entfernung. Friendsforever
Zum Schluss schickte Karla Ilvie noch den Link zu einem Lied, das Ilvie sich gleich in die Ohren stöpselte. Passend zu ihrer Stimmung. Darin war Karla richtig gut. Sie aus der Grube holen, die sie sich selbst gegraben hatte.
No Surprises von Radiohead ließ Ilvie lächeln, und als sie einen Blick in den Seitenspiegel warf, wo die Häuserfassade Berlins inzwischen schon einige Kilometer zurücklag, schimmerte über der Stadt ein Regenbogen in allen Spektralfarben.
»Wenn das mal kein Abschiedsgeschenk ist«, rief ihre Mutter mitten in den Song hinein, als sie den Wagen auf die Autobahn lenkte.
Ilvie gab ihrer Mutter insgeheim recht. Es war wirklich ein faszinierender Anblick – die gesamte Stadt war über eine bunte Brücke verbunden.
So eine Brücke würde auch sie und Karla immer verbinden. Das wusste Ilvie jetzt.
Hektisch quietschten die Scheibenwischer über die Windschutzscheibe, um die Sicht frei zu halten. Starkregen hatte eingesetzt, und nachdem sie von der Autobahn abgefahren waren, bewegten sie sich nur noch im Schneckentempo vorwärts.
Die Landschaft hatte sich total verändert, definitiv nicht zum Guten! Anstatt hoher Häuser säumten nun pralle Felder die Straßen, und es stank bestialisch nach Gülle. Ilvie schloss schnell den schmalen Spalt des Fensters, bevor der säuerliche Geruch das Auto komplett durchdrungen hatte.
Weit und breit war kein Mensch, dafür stand ein verlassener Mähdrescher in der Mitte eines halb gepflügten Getreidefelds. Es sah aus, als wäre der Bauer beim Mähen von dem Regenschauer überrascht worden.
An der nächsten Kreuzung rechts halten, säuselte die Stimme des Navigationssystems, das ihre Mutter gestartet hatte, obwohl sie den Weg im Schlaf kannte. Das war nur eine ihrer vielen Marotten.
Sie befanden sich exakt 49 Kilometer entfernt von ihrem Zielort, und bei dem Blick auf die Anzeige breitete sich wieder dieses flaue Gefühl in Ilvies Magengegend aus.
»Erinnerst du dich denn gar nicht mehr an Opas Haus?«, fragte ihre Mutter in die quietschende Stille. Bisher hatten sie wenig miteinander gesprochen, jede war versunken gewesen in ihre eigene Gedankenwelt.
Ilvie nahm den linken Stöpsel aus ihrem Ohr. »Nee«, entgegnete sie knapp.
»Es ist das pure Idyll. Du wirst es lieben. Versprochen.«
Da war sich Ilvie nicht so sicher. Sie war ein Stadtkind, kein Landei. Nachdenklich blickte sie aus dem Seitenfenster, wo eine Schafherde dicht zusammengedrängt unter einem Unterstand kauerte, obwohl der Regen nachgelassen hatte. Genau in dem Moment, als ihre Mutter zum x-ten Mal wiederholte, dass sie bestimmt schnell neue Freunde finden würde, traf sie das Augenpaar eines schwarzen Schafs. Wenn das mal kein gutes Vorzeichen war.
»Warum waren wir eigentlich so selten bei Opa Kurt, wo bei ihm doch angeblich alles so idyllisch ist?« Ilvie legte Misstrauen in ihre Stimme, um ihrer Mutter eins auszuwischen.
Die räusperte sich zweimal und blickte verwundert zu Ilvie, die sie herausfordernd anschaute.
»Äh, na ja, ich hatte einfach viel Arbeit«, redete sich ihre Mutter heraus.
»Ach ja, so viel Arbeit? Das letzte Mal habe ich ihn gesehen, da war ich noch nicht mal in der Schule.«
Ihre Mutter wich ihrem Blick aus und stellte die Scheibenwischer aus, die eine Weile rhythmisch über die trockene Scheibe geschrubbt waren. Sie holte tief Luft, bevor sie weitersprach. »Opa Kurt wollte uns nicht sehen, erst recht nicht nach Omas Tod und …« Sie geriet ins Stocken, schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. »Er kann ganz schön hart sein, dein Großvater«, sprach sie etwas leiser, wobei sie die beiden letzten Worte betonte.
»Aber ich bin doch seine Enkelin«, wunderte sich Ilvie, die ihre nackten Füße auf dem Armaturenbrett platzierte, um feuchte Abdrücke auf der Windschutzscheibe zu hinterlassen, die aussahen wie zwei ausgequetschte Orangenhälften.
»Kannst ihn ja selber fragen«, antwortete ihre Mutter knapp, fügte nach einer längeren Pause aber noch hinzu: »Falls er mit dir spricht.«
»Ich erinnere mich nur noch an seine schrumpeligen Hände und an den Leberwurstgeruch«, erwiderte Ilvie und rümpfte dabei die Nase. Sie konnte den fettigen Lebergeruch förmlich riechen.
Ihre Mutter lachte auf, viel zu schrill für Ilvies Geschmack. »Das stimmt, jetzt, wo du es sagst. Opa Kurt isst für sein Leben gern Leberwurst.« Sie schaltete einen Gang herunter und bog an der nächsten Kreuzung rechts auf eine sehr lange und gerade Straße ein. Es wirkte nicht so, als wollte sie noch etwas sagen.
Ilvie bemerkte den bitteren Zug um die Mundwinkel, den ihre Mutter manchmal bekam, wenn sie von der Vergangenheit sprach. Oder von Ilvies Papa Nuno.
Gerade wollte Ilvie nachbohren, als ihre Mutter anfing, weiter vom Idyll ihres neuen Zuhauses zu reden. Die tollen grünen Fensterläden, die Lage direkt am Waldrand, die einzigartige Ruhe, die in Ilvies Ohren nur nach unsäglicher Einsamkeit klang … Ihre Mutter plapperte ohne Unterbrechung, redete sich praktisch wieder froh.
So war sie eben. Was nicht schön war, wurde schöngeredet. Wie eine Art Weltflucht. Darin war ihre Mutter richtig gut. Create your own Planet!
Doch sie war nicht ehrlich, das spürte Ilvie, die auf Durchzug geschaltet hatte und lieber mit einem Ohr Karlas Musik hörte.
Die Wahrheit lautete, dass ihre Mutter es in ihrer Berliner Wohnung nicht mehr ausgehalten hatte. Vermutlich dachte sie, dass Ilvie das nicht gemerkt hatte, doch so blöd konnte nun wirklich niemand sein. Ihre Mutter kam einfach nicht mit den vielen Erinnerungen an Ilvies Papa klar. Der war zwar nicht gestorben – immerhin, das nicht –, aber Ilvies Eltern hatten sich getrennt. Was fast aufs Gleiche hinauslief, denn seitdem hatte Ilvie ihren Vater kaum mehr gesehen. Seit der Trennung vor einem Jahr war er ständig unterwegs gewesen, allerdings nicht um die Ecke, sondern immer so weit weg wie irgendwie möglich.
Zur Zeit war er in Patagonien.
Aber das mit ihrem Vater war nicht alles. Irgendwas anderes war da noch, das spürte Ilvie. Warum wollte ihre Mutter jetzt unbedingt aufs Land in ihr Elternhaus ziehen, wo sie früher nicht mal für Besuche hingefahren war? Angeblich hatte sie im Ort eine tolle Stelle als Veterinärin für Großtiere angeboten bekommen. Doch wozu brauchte sie dafür ein neues Parfum? Jedenfalls sicher nicht, um die Schweine zu beeindrucken oder um den Güllegestank zu übertünchen, oder?
Bei der Vorstellung musste Ilvie lachen – doch dann flutete schlagartig Gänsehaut ihren Körper, ein unnachgiebiger Kälteschauer, der bis in die Gliedmaßen schoss, bis zu den Fingerspitzen reichte.
Gefahr! Gefahr!
»STOPP!« Ilvie griff ihrer Mutter reflexartig ins Lenkrad.
Das Auto machte einen kleinen Schlenker und rutschte ein paar Meter ungebremst über die regenglatte Landstraße, um schräg auf dem Seitenstreifen zum Stehen zu kommen.
»Spinnst du?« Entsetzt drehte sich ihre Mutter zu ihr und holte zu einer Standpauke aus – als unmittelbar vor der Windschutzscheibe ein Reh aus dem Gebüsch sprang und über die Straße huschte. Sein braunes Fell glänzte nass, und es dauerte keine drei Sekunden, bis ihm zwei Kitze folgten. Sie hatten weiße Punkte auf den Flanken und sprangen ihrer Mutter blindlings hinterher, schlitterten mit ihren winzigen Hufen über den Asphalt.
Gebannt betrachteten Ilvie und ihre Mutter die scheuen Vierbeiner, die in dem angrenzenden Waldstück auf der anderen Straßenseite verschwanden.
In Zeitlupe drehte Ilvies Mutter den Kopf zu ihr, echtes Staunen lag in ihrem Blick. »Hast du das Reh vorher am Straßenrand gesehen?«
»Nee.«
»Und woher wusstest du, dass es über die Straße kommen würde?« Benommen richtete ihre Mutter sich im Fahrersitz auf, die Hände fest am Lenkrad.
Ilvies Antwort war ein Achselzucken. Sie wusste es selbst nicht.
»Manchmal bist du mir echt unheimlich.«
»Ich bin deine Tochter.«
»Eben, deshalb ja.«
Für einen kurzen Moment trafen ihre Blicke aufeinander. Dann fing Ilvie an zu kichern. Ihre Mutter fiel mit ein, erst zurückhaltend, dann immer lauter, bis sogar das Auto mitschunkelte.
In dem gemeinsamen Lachanfall steckte ihre ganze Anspannung. Der Abschied, der Umzug, der Neuanfang – für einen Augenblick konnten sie alles vergessen, und Ilvies Unmut war wie verflogen.
Nach ihrem Lachflash startete ihre Mutter das Auto wieder, um weiterzufahren. Diesmal entspannter und mit einem Dauergrinsen im Gesicht.
***
Als sie nach einer weiteren halben Stunde auf einer schlecht geteerten Straße in die Einfahrt ihres neuen Zuhauses einbogen, meldete sich Ilvies Magengrube wieder.
Hinter einer unförmigen Steinmauer führte ein schmaler Weg direkt zu dem Haus oder besser: zu der Ruine mit den grünen Fensterläden.
Das sollte das Idyll sein? Das Einzige, was hier idyllisch war, waren die Disteln, die meterhoch auf dem verwilderten Grundstück wuchsen. Das Haus war ziemlich heruntergekommen, daneben stand eine Scheune, aus der die Balken in den Himmel ragten wie aus einem verrosteten alten Cabriolet.
Die Fassade des grün gestrichenen Haupthauses war abgeblättert, feuchte Flecken wucherten direkt neben der hölzernen Eingangstür, und auf dem bemoosten schrägen Dach waren ein paar Mauersteine verrutscht. An den unzähligen Obstbäumen hingen morsche Äste herab, Äpfel und Birnen verfaulten im hohen Gras und hinterließen einen intensiven Gärgeruch.
Es schien, als hätte jemand das Haus einfach vergessen.
»Ich brauche jetzt dringend einen Prosecco«, sagte Ilvies Mutter, während sie den Autoschlüssel schwungvoll aus dem Zündschloss zog. Erwartungsvoll schaute sie Ilvie an, die auf ihrem Sitz tief nach unten gerutscht war.
Und ich Karla, dachte Ilvie, die sich zu einem Lächeln durchrang und mit gequälter Stimme murmelte: »Na, super. Welcome home!«
Der Blick auf ihr Handy gab ihr den Rest. Kein Balken.
Schnee im April. Ohne Vorankündigung. Meine Hände zitterten an dem Tag. Der Kälteeinbruch, die Schüsse. Kimme, Korn, Kimme, Korn, Kimme, Korn, ratterte es ununterbrochen in meinem Kopf. Das musste das Adrenalin sein, das Blutrauschen.
Still stand ich mitten im Wald, wie festgefroren. Ich wollte weitergehen, aber mein Körper gehorchte mir nicht. Irgendwas hielt mich zurück. Ein Gefühl, eine Intuition, ich weiß es nicht mehr.
Ich schlug den Kragen meines Lodenmantels hoch, um mich vor dem eisigen Wind zu schützen. Wildes Schneegestöber verdeckte die Sicht. Es knarzte im Unterholz. Ich drehte mich nicht um, stattdessen legte ich mein Gewehr ab und bewegte mich zurück zu der Stelle zwischen den drei Buchen, dahin, wo sie begraben waren.
Das Blut an meinen Fingern war längst getrocknet, es sah aus wie rotbraune Erde. Die Zweige, die den aufgelockerten Boden bedeckt hatten, wehten in alle Himmelsrichtungen davon.
Hätte ich es nicht gewusst, hätte ich es nicht gesehen, das Grab. Kimme, Korn, Kimme, Korn, Kimme, Korn.
Der Sturm pfiff durch die Wipfel, es war, als würde der Wald singen. Inmitten dieses Pfeifens vernahm ich ein anderes Geräusch. Keine Stimme, nur ein unmerkliches Winseln. Nicht weit entfernt.
Ich folgte dem weinerlichen Laut durch das Gebüsch, erreichte die Lichtung mit den fünf Birken und der umgefallenen Buche, die morsch und hohl war vom langen Liegen. In ihre Krone ist vor Jahren der Blitz eingeschlagen.
Hinter den Farnen, die über den toten Stamm ragten, entdeckte ich ein Loch, eine Grube, eine Höhle. Ich kniete mich auf den Waldboden, schirmte mein Gesicht vor dem umherwirbelnden Schnee ab, um besser sehen zu können.
Doch da war nichts, nur dieses Gewimmer.
Die Höhle reichte weit hinein in die Erde, meine Hände tasteten blind, es war wesentlich wärmer dort drin. Ich sah immer noch nichts, fühlte nur etwas Weiches. Ich schob die Erde zu den Seiten hoch, leuchtete mit meiner Taschenlampe hinein.
Ein weißes Bündel schaute mich verängstigt an, die kleinen Ohren angelegt, am ganzen Körper fröstelnd.
Es zerriss mich, dieses Wesen. So hilflos und allein.
Ohne zu zögern, schnappte ich mir das zitternde Knäuel, verstaute es unter meinem Mantel. Kurz muckte es auf, dann gab es Ruhe. Es gab nach.
Ich spürte den Herzschlag in meiner blutigen Hand.
Ilvie konnte es immer noch nicht fassen. Seit einer Woche wohnte sie jetzt in Einhaus. Also am Arsch der Welt.
Wobei Arsch gar nicht so richtig stimmte. Der lag ja mehr oder weniger in der Mitte vom Körper. Sie dagegen wohnte am kleinen amputierten Zeh der Welt. Ja, das klang mehr nach dem, wo sie gelandet war.
