Im Auftrag der Krone - Jeffrey Archer - E-Book

Im Auftrag der Krone E-Book

Jeffrey Archer

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Beschreibung

William Warwick, der aus bestem Hause kommt, ist von einem Wunsch erfüllt: In seinem Streben nach Gerechtigkeit möchte er die Karriereleiter des britischen Polizeiapparats durchlaufen – vom einfachen Streifenbeamten bis zum Commissioner.

Im sechsten Teil der großen Saga von Bestsellerautor Jeffrey Archer sind William und sein Team erneut für das Royal Protection Command tätig, das die Sicherheit der Königin und ihrer Familie gewährleisten soll. Dabei kommen sie einem finsteren Plan zum Raub der Kronjuwelen auf die Spur.

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Seitenzahl: 480

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DASBUCH

Der Tower of London ist gut geschützt. Sicher. Uneinnehmbar. Er beherbergt die wertvollsten Juwelen der Welt. Doch einmal im Jahr geht es für die Londoner Polizei um alles: Die schwierigste und geheimste Mission des Jahres steht an – die Kronjuwelen müssen quer durch London transportiert werden. Seit vier Jahren ist Detective Chief Inspector William Warwick und sein Team für die Operation verantwortlich. Und seit vier Jahren läuft sie wie am Schnürchen. Doch diesmal ändert sich alles. Denn der Meisterdieb Miles Faulkner hat sich in den Kopf gesetzt, den ungeheuerlichsten Diebstahl der Geschichte zu begehen. Und mit einem Trumpf in der Hinterhand stehen seine Chancen gut. Kann Warwick ihn aufhalten?

DERAUTOR

JEFFREYARCHER zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Welt. Seine Bücher sind in 97 Ländern erschienen und erreichen eine Gesamtauflage von 275 Millionen Exemplaren. Archer ist ein akribischer Arbeiter, der von einem einzigen Roman bis zu vierzehn Fassungen zu Papier bringt. Dabei schöpft er aus einem ungeheuren Erfahrungsschatz – seine bewegte Karriere in der Politik kommt ihm ebenso zugute wie seine Begeisterung für die Künste und sein langjähriges Netzwerk an Freunden mit außergewöhnlichen Biografien. Seit über fünfzig Jahren ist er mit Dame Mary Archer verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne und fünf Enkelkinder. Archer lebt abwechselnd in London, Grantchester in Cambridge und auf Mallorca, wo die erste Fassung jedes seiner Romane entsteht.

Mehr Informationen zum Autor auf heyne.de/archer

JEFFREY ARCHER

Im Auftrag der Krone

Teil 6 der Warwick-Saga

Aus dem Englischen übersetzt

von Martin Ruf

WILHELMHEYNEVERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe Traitors Game erschien 2023 bei HarperCollins, London.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Dataminings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Vollständige deutsche Erstausgabe 08/2023

Copyright © 2022 by Jeffrey Archer

Copyright © 2023 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Thomas Brill

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design

unter Verwendung von Motiven von © Arcangel

(Collaboration JS, Roy Bishop)

Satz: KCFG-Medienagentur, Neuss

ISBN 978-3-641-29412-0V001

www.heyne.de

Für Alan Gard,

Meisterjuwelier

BUCH I

Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt.

William Shakespeare,

Heinrich IV., Zweiter Teil

1

Dienstag, 22. Oktober 1996

Commander Hawksby öffnete die unterste Schublade seines Schreibtischs und nahm zwei Würfel heraus, obwohl er kein Spieler war.

Superintendent William Warwick und Inspector Ross Hogan blieben stehen, als Hawksby, genannt »the Hawk«, die Würfel in seiner rechten Hand heftig schüttelte, auf den Schreibtisch warf und ausrollen ließ.

»Eine Fünf und eine Zwei«, sagte William. Hawksby hob eine Augenbraue, während er darauf wartete, dass William und Ross die Bedeutung der beiden Zahlen bestätigten. »Fünf, Sir«, sagte William, »bedeutet, dass wir beim Verlassen des Palasts die längere Embankment-Route nehmen.«

»Und die Zwei, Inspector?«, fragte Commander Hawksby, indem er sich Ross zuwandte.

»Das Passwort ist ›Verrätertor‹.«

Hawksby nickte und warf einen Blick auf seine Uhr. »Dann sollten wir jetzt wohl besser aufbrechen«, sagte er. »Wir können es uns nicht leisten, den Lord Chamberlain warten zu lassen.« Er beugte sich vor und legte die Würfel für ein weiteres Jahr in die unterste Schublade seines Schreibtischs zurück.

Rasch verließen William und Ross das Büro, während der Commander nach dem Telefonhörer griff und eine Nummer wählte, die in keinem Telefonbuch verzeichnet war. Schon nach einem einzigen Klingeln wurde abgehoben. »Fünf und zwei«, sagte er.

»Fünf und zwei«, wiederholte die Stimme am anderen Ende, und gleich darauf war die Leitung tot.

William und Ross gingen durch den Flur am Lift vorbei und joggten die beiden Treppen ins Erdgeschoss von Scotland Yard hinab. Sie machten erst halt, als sie den Eingang erreicht hatten, wo sie Constable Danny Ives am Steuer eines dunkelgrauen Landrover sahen; das Auto war nicht ihr übliches Fortbewegungsmittel, doch für ihren heutigen Auftrag angemessen.

»Guten Morgen, Sir«, sagte Danny, während William in den Fond des Wagens stieg.

»Morgen, Danny«, erwiderte William, als Ross sich neben ihn setzte.

Superintendent Warwick und Constable Ives waren zehn Jahre zuvor in derselben Gruppe von Neulingen zur Polizei gekommen, und der ewige Constable hatte einige Zeit gebraucht, bis es ihm gelang, seinen Vorgesetzten nicht mehr bei dessen altem Spitznamen »Chorknabe« zu nennen, sondern ihn mit »Sir« anzusprechen. Noch länger hatte er gebraucht, bis er die Anrede tatsächlich ernst nahm.

Danny startete, legte bei dem für ihn ungewohnten Fahrzeug den ersten Gang ein und fuhr los. Man musste ihm nicht sagen, wohin es ging. Immerhin suchten sie nicht jeden Tag den Buckingham Palace auf.

Nie überschritt er das Tempolimit, denn sie wollten niemandem auffallen, wohingegen sie bei der Rückfahrt zum Palast mit sechzig und manchmal sogar siebzig Meilen pro Stunde durch eine der am dichtesten bevölkerten Hauptstädte der Welt rasen würden.

Danny stoppte am oberen Ende von Whitehall und sah zu Großbritanniens legendärem Seehelden hinauf, der auf seiner Säule thronte. Als die Ampel auf Grün umsprang, bog er nach links ab, fuhr unter dem Admiralty Arch hindurch und rollte langsam die Mall entlang, von wo aus er sein Ziel bereits sehen konnte.

Als sie die imposante Marmorstatue Königin Victorias erreichten, bogen alle anderen Fahrzeuge in die Straßen rechts und links des Palasts, während sie selbst auf den Eingang zuhielten, wo Danny erneut anhielt. Ein Irish Guard trat nach vorn, während sich das hintere Seitenfenster des Landrover surrend senkte. Er warf einen prüfenden Blick auf Superintendent Warwicks Marke, hakte dessen Namen auf einer Liste ab und trat beiseite, damit der Leiter der Royalty Protection das Grundstück betreten konnte. Danny entdeckte einen grauen gepanzerten Jaguar, der am gegenüberliegenden Ende des Palasthofs geparkt war, und stellte den Landrover dahinter ab. Manche Dinge ändern sich nie, dachte er, als er Phil Harris sah, den Fahrer des Lord Chamberlain, der an der hinteren Tür stand und Haltung angenommen hatte, während er auf seinen Chef wartete.

Danny stieg aus dem Auto und ging hinüber zu seinem alten Kumpel. »Morgen, Phil.«

»Guten Morgen, Danny«, erwiderte Harris. Obwohl die beiden einander nur zwei Mal im Jahr trafen, hatten sie sich angefreundet. Es kam vor, dass ein Lord Chamberlain gelegentlich ersetzt wurde, doch Phil Harris hatte während der vergangenen elf Jahre bereits drei Inhabern dieses hohen Amts gedient, und Danny war schon fast ebenso lange im Dienst.

»Ich vermute, du weißt, welche Route wir heute nehmen?«, fragte Danny.

»Nummer fünf«, sagte Phil.

»Und das Passwort?«

»Nummer zwei. Dein Commander hatte meinen Chef bereits informiert, noch bevor ihr den Yard verlassen hattet.«

»Ich habe Seine Lordschaft gerade gesehen«, flüsterte Danny, als der Leiter des königlichen Haushalts über den Hof marschierte wie ein ehemaliger Soldat, der er tatsächlich gewesen war. Harris öffnete die hintere Tür des Jaguar, während Danny rasch zum Landrover zurückkehrte. Der Lord Chamberlain, ein höflicher Mann, der nie seinen Rang zur Schau stellte, winkte William kurz zu, bevor er auf der Rückbank seines Wagens Platz nahm.

Der kleine Konvoi fuhr durch einen unmarkierten Seitenausgang auf die Mall in Richtung Trafalgar Square. Keine Kradbegleiter, keine Sirenen, kein Blaulicht. Sie hatten nicht vor, das Interesse neugieriger Gaffer auf sich zu ziehen, obwohl sich das auf der Rückfahrt vom Tower nicht vermeiden lassen würde.

Danny folgte dem Jaguar, und obwohl er auf eine gewisse Distanz achtete, ließ er nie zu, dass sich ein anderes Fahrzeug zwischen ihn und den Lord Chamberlain schob.

William hob den Hörer des Telefons, das in seiner Armlehne untergebracht war, und wählte eine Nummer, die er nur zwei Mal im Jahr anrief.

»Chief Yeoman Warder«, meldete sich die Stimme des Leiters der Tower-Wache.

»Wir sollten in ungefähr fünfzehn Minuten bei Ihnen sein«, sagte William.

»Es wurde alles für Sie vorbereitet und steht Ihnen zur Verfügung«, erwiderte der Leiter der Tower-Wache.

»Soweit ich sehe, dürfte es zu keinen Verzögerungen kommen«, erklärte William und legte den Hörer zurück auf das Telefon in der Armlehne. Er würde nur im Notfall wieder anrufen, und in den letzten fünf Jahren war es kein einziges Mal dazu gekommen.

»Wie geht es den Kindern?«, fragte Ross und riss ihn aus seinen Gedanken.

»Werden viel zu schnell groß«, antwortete William, während sie weiter zum Embankment fuhren. »Artemisia ist zumeist die Beste in ihrer Klasse, aber immer, wenn sie nur die Zweitbeste ist, bricht sie in Tränen aus.«

»Genau wie ihre Mutter«, sagte Ross. »Und Peter?«

»Man hat ihn gerade zum Klassensprecher gewählt, und er hofft, nächstes Jahr Schülersprecher zu werden.«

»Es ist offensichtlich, dass er nicht deinen Ehrgeiz hat«, sagte Ross grinsend. »Was ist mit meiner geliebten Jojo?«

»Deine Tochter ist in Prinz Harry verliebt und hat bereits an den Buckingham Palace geschrieben, um ihn zum Tee einzuladen.«

»Ich weiß«, seufzte Ross. »Sie hat mich gebeten, den Brief zu überbringen.« Für einen kurzen Augenblick empfand Ross Schuldgefühle, weil seine Tochter noch immer bei Beth und William wohnte. Aber nach dem Tod seiner Frau waren sie beide übereingekommen, dass es für ihn nicht möglich wäre, seine Arbeit ordentlich zu machen und sich gleichzeitig als alleinerziehender Vater um seine Tochter zu kümmern. Beth und William hatten sich als wunderbare Pflegeeltern erwiesen. Aber Ross gestand niemandem, wie sehr er seine Jojo vermisste.

»Es wird Zeit, darüber nachzudenken, was wir überbringen sollen«, sagte William.

Ross wischte seine Tagträumerei beiseite und begann sich auf die vor ihnen liegende Aufgabe zu konzentrieren. Danny musste bei Rot über die Ampel fahren, als sie an Somerset House vorbeikamen, damit er nicht den Kontakt zum Jaguar des Lord Chamberlain verlor. Nichts hätte Phil Harris mehr gefallen, als zu zeigen, dass er gewitzter war als Danny.

Sie nahmen keine der Abzweigungen nach links ins Herz der Stadt – jene Quadratmeile, für die ein anderer Teil der Polizei zuständig war, dessen Beamte nichts von ihrer Gegenwart wussten –, sondern fuhren weiter durch die Unterführung und hinauf zur Upper Thames Street, wo sie zum ersten Mal wieder an der nächsten Ampel hielten. Von hier aus konnten sie bereits den Tower sehen.

Als der Jaguar über die Kreuzung fuhr, folgte ihm Danny entlang des St. Katharine’s Way, wobei sie vor sich nur noch die Themse hatten. Schließlich bogen sie scharf nach rechts ab und hielten vor dem Osttor des Tower. Eine Schranke öffnete sich automatisch.

Der diensthabende Wachsoldat trat aus seinem Häuschen und ging zum Auto des Lord Chamberlain.

»Guten Morgen, Phil«, sagte der Soldat. »Passwort?«

»Verrätertor«, erwiderte Harris.

Der Wachsoldat drehte sich um und nickte, und die beiden gewaltigen Holztore, die ihnen den Weg versperrten, öffneten sich langsam.

Unbehindert von irgendwelchem Publikum, brachten beide Fahrzeuge den letzten Teil ihres Weges hinter sich, während der Tower für diesen Tag geschlossen wurde, sodass ihnen nur ein paar Dutzend Tower-Wachen und die acht ansässigen Raben Gesellschaft leisten würden. Danny fuhr weitere einhundert Meter weit an der Themse entlang, bog dann nach rechts ab und rollte über die östliche Zugbrücke, die ursprünglich für Pferde, nicht für Autos gebaut worden war. Der Jaguar und der Landrover fuhren durch den Queen Elizabeth Archway und dann den steilen Hügel hinauf zum Jewel House, wo sie sahen, dass der Leiter der Tower-Wache in Habachtstellung neben General Sir David Stanley KCVO stand, dem Resident Governor, der für die Aufbewahrung der Kronjuwelen verantwortlich war.

Phil Harris hielt den Wagen an, sprang nach draußen und öffnete seinem Chef die Hintertür. Die beiden Männer, die einander auch nur zwei Mal im Jahr sahen, gaben sich die Hand. Nach einer flüchtigen Begrüßung und einem Minimum an unverbindlicher Plauderei bat der Governor seinen Gast, ihn auf dem kurzen Weg zum Jewel House zu begleiten.

»Morgen, Walter«, sagte Harris und schenkte dem Leiter der Tower-Wache ein warmes Lächeln, worauf er eine nicht ganz so ermutigende Bemerkung machte. »Schon wieder ein schlechtes Jahr für die Gunners.«

»Erinnere mich bloß nicht dran«, erwiderte der Leiter der Tower-Wache, folgte seinem Chef ins Jewel House und zog die Tür fest hinter sich zu.

William stieg aus dem Fond des Landrover und wartete. Er fragte sich oft, was hinter den geschlossenen Türen vor sich ging, die von jenem einen Dutzend Tower-Wachen bewacht wurden, die als »die Partisanen« bekannt waren und sich auf Notfälle vorbereiteten, wie sie seit 1671 nicht mehr vorgekommen waren.

Nachdem die Tür des Jewel House verriegelt worden war, wendete Harris den Jaguar und setzte seine jährliche Routine fort. Er zog einen kleinen Halbkreis, wobei Danny dicht hinter ihm her fuhr, damit sie sich unverzüglich in Bewegung setzen konnten, wenn die Zeit zum Aufbruch kam.

Fünf Kradbegleiter der Special Escort Group stießen zu ihnen, die üblicherweise nur Mitgliedern der königlichen Familie, dem Premierminister und ausländischen Staatsgästen zur Verfügung standen, doch die Imperiale Staatskrone und das Staatsschwert waren Symbole der Autorität Ihrer Majestät und besaßen das Recht auf denselben Schutz. Harris stieg aus dem führenden Fahrzeug aus, öffnete den Kofferraum und wartete. William wandte keine Sekunde lang den Blick vom Jewel House ab, denn auch er wartete darauf, dass die Tür sich öffnen und General Stanley zusammen mit den wertvollsten Schätzen des Königreichs erscheinen würde.

Drei Männer hatten das Jewel House betreten, aber fünf waren es, die kurz darauf herauskamen. Die beiden Jewel House Warders gingen voraus. Jeder von ihnen trug eine schwarze Lederkiste, deren Deckel mit den goldenen Insignien »EIIR« bedruckt war. Eine der Kisten ähnelte einem Bratschenkasten und enthielt das Staatsschwert, während sich im anderen die Imperiale Staatskrone befand, welche der Erzbischof von Canterbury während der Krönungszeremonie im Jahr 1953 Elizabeth II. aufs Haupt gesetzt hatte und die Ihre Majestät am folgenden Tag noch einmal tragen würde, wenn sie am Vormittag um halb zwölf im Oberhaus die königliche Rede halten würde, wie es die offiziellen Abläufe verlangten.

Als Letzter verließ der Lord Chamberlain höchstselbst das Jewel House. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass die beiden schwarzen Behälter sicher im Kofferraum des gepanzerten Jaguar untergebracht waren und dieser verriegelt worden war, nahm er wieder auf der Rückbank des Fahrzeugs Platz. Er nickte zum Zeichen, dass die zweite Hälfte der Operation beginnen konnte.

Erneut nahm der Leiter der Tower-Wache Haltung an und salutierte, als die beiden Autos samt ihrer Eskorte davonfuhren, und weder er noch der Resident Governor verließen ihre Posten, bevor der kleine Konvoi ohne irgendwelche Zwischenfälle außer Sichtweite war.

Ein Taxi näherte sich auf der falschen Straßenseite dem Hotel Savoy. Miles Faulkner hatte vergessen, dass dies die einzige Straße in London war, wo man rechts fahren konnte, ohne fürchten zu müssen, von der Polizei beiseitegewunken zu werden.

Fast fünf Jahre waren vergangen, seit Miles zum letzten Mal in London gewesen war. Die Meinungen über ihn waren geteilt: Er selbst betrachtete sich als einen international agierenden Geschäftsmann, während die Polizei ihn für einen Gauner hielt, der schließlich im Namen Ihrer Majestät einige Jahre im Gefängnis verbrachte. Nach vier Jahren Haft wegen Betrugs hatte er England verlassen und in New York eine Luxuswohnung erworben. Dort fühlte er sich sicher vor dem wachsamen Blick des damaligen Chief Inspector Warwick, weshalb er wieder seinem zwielichtigen Import-Export-Geschäft nachging – einer Aktivität, für die er keinerlei Steuern bezahlte und die gewaltige Profite abwarf, ohne im Companies House registriert zu sein, wo alle legalen Unternehmen üblicherweise angemeldet waren. Es dauerte nicht lange, bis er Heimweh bekam und nach England zurückkehren wollte – unbemerkt, wie er hoffte. Aber daraus sollte nichts werden. Ein Agent namens James Buchanan vom FBI hatte Miles überwacht für den Fall, dass es notwendig würde, dessen Aktivitäten an Superintendent Warwick zu melden. Denn er bewunderte Warwick nicht nur, sondern wollte ihm auch für all die guten Ratschläge seinen Dank erweisen, welche dieser ihm während eines Urlaubs gegeben hatte, als James noch zur Schule ging. Inzwischen arbeitete James für das Büro des FBI-Direktors in Washington, doch er hatte aus der Ferne fasziniert den Aufstieg seines Mentors verfolgt. Er fragte sich, ob sich der Superintendent an ihn erinnern würde.

Miles stieg aus dem Taxi und blieb einen Augenblick lang auf dem Bürgersteig stehen, bevor er das Hotel betrat. Während seines selbst auferlegten Exils war kein Tag vergangen, ohne dass er an den Lunch im Savoy gedacht hätte. Er konnte sich immer noch an den kalten, klumpigen Porridge, den verbrannten Toast und das hart gekochte Ei aus seiner Haftzeit erinnern. Der Gefängniskoch war weder mit dem besonders schmackhaft zubereiteten Kohl im Savoy noch mit Pfirsich Melba vertraut gewesen, die Miles beide besonders schätzte.

Ein Türsteher in einer Livree begrüßte ihn und öffnete ihm die Hoteltür. Miles ging auf direktem Weg zum Restaurant durch.

»Guten Morgen, Mr Faulkner«, sagte der Oberkellner, als sei er nie fort gewesen. »Ihr üblicher Tisch?«

Miles nickte, und Mario führte ihn durch den gut besuchten Speisesaal an einen Tisch in einen Alkoven, wo ihn niemand belauschen konnte, sollte er ein Gespräch führen. Er setzte sich auf seinen üblichen Platz und verbrachte einige Augenblicke damit, sich umzusehen; der Saal hatte sich nicht verändert, seit er zum letzten Mal hier gespeist hatte. An verschiedenen Tischen erkannte er mehrere wohlbekannte Persönlichkeiten. Der Herausgeber der Daily Mail hatte sich zum Mittagessen mit einem Kabinettsminister getroffen, dessen Namen er sich nie merken konnte, und im benachbarten Alkoven saß ein Schauspieler, den er nie vergessen würde. Im Gefängnis hatte er sich jede Folge von Poirot angesehen, manche sogar mehrfach, denn das half ihm, die nur zäh dahinfließende Zeit auszublenden.

Er begann, über seinen Gast nachzudenken. Es war ein Mann, der nie zu spät kam, denn schließlich wurde er nach Stunden bezahlt. Ein Mann, der stets das Lendenfilet und eine Flasche Wein eines besonderen Jahrgangs wählte, der weit unten auf der Getränkekarte stand.

Während der Jahre seiner Emigration war Mr Booth Watson Miles’ einzige Verbindung zur Heimat gewesen – eine wöchentliche Konsultation mit seinem Anwalt, bei der er sich auf den neuesten Stand seiner zahllosen geschäftlichen Unternehmen bringen ließ oder ein Gebot für ein Gemälde oder eine Skulptur benannte, die er seiner Sammlung hinzufügen wollte. Ein Richter und die Geschworenen hatten dafür gesorgt, dass er tief fiel, doch der Wert seiner verschiedenen Besitztümer und Aktien war immer weiter gestiegen.

Nach einer erfolgreichen Berufung am obersten Gericht war es Booth Watson gelungen, bei der ursprünglichen Haftdauer von fünf Jahren einen Strafnachlass von einem Jahr zu erwirken. Ein paar Wochen später wurde Miles in das Ford Open Prison überstellt, das sich verglichen mit Wormwood Scrubs wie ein Ferienlager anfühlte.

Nach ein paar Tagen in Ford konnte er in ein Einzelzimmer umziehen – in einem sogenannten »offenen« Gefängnis mit niedrigen Sicherheitsvorkehrungen gibt es keine Zellen. Einen Monat später wurden ihm die Reinigungspflichten erlassen, und er wurde zum Gefängnisbibliothekar ernannt – eine Stelle, die ihn dreihundert Pfund gekostet hatte. Einhundert für den alten Bibliothekar, damit dieser eine andere Aufgabe übernahm, und weitere zweihundert für den für die Postenvergabe zuständigen Gefängnisbeamten. Er hätte auch dreitausend Pfund bezahlt, doch der Beamte äußerte seine Forderung zuerst. Beide Summen wurden in bar bezahlt, was zwar ein strafwürdiges Vergehen darstellt, jedoch bis heute die einzig akzeptierte Währung im Gefängnis ist.

Nicht viele Häftlinge kamen in die Bibliothek, und fast alle, die dort erschienen, gingen ohne weitere Umwege zum Regal mit den Kriminalromanen, wo sie eines der abgegriffenen Taschenbücher auswählten. Krieg und Frieden hingegen hatte während der letzten zwanzig Jahre auf seinem Regal Staub angesammelt und saß seine eigene lebenslange Haftstrafe ab.

Miles verstand es, während jener endlosen sechzigminütigen Stunden sein Alleinsein zu nutzen. Er begann den Tag damit, dass er die Financial Times las, die ihm zusammen mit seinem Morgenkaffee von einem jungen Beamten gebracht wurde. Nach dem Mittagessen in der Kantine kehrte er in die Bibliothek zurück, wo er sich dem Roman widmete, den er jeweils gerade las. In den Jahren seiner Haft hatte er alles gelesen, von Daphne du Maurier bis Thomas Hardy, und als er entlassen wurde, hätte er seinen Englisch-Abschluss in Oxford machen können, wo man ihn dreißig Jahre zuvor abgelehnt hatte.

Gelegentlich suchte ihn der Gefängnisdirektor zu einer Unterhaltung auf, wobei sie vertrauliche Bemerkungen bei Kaffee und einem Teller Buttergebäck austauschten – seinem Kaffee und dem Buttergebäck des Direktors. Es wurde schnell deutlich, dass Miles mehr über die Vorgänge im Gefängnis wusste als sein Gegenüber. Mit den entsprechenden Informationen sorgte er dafür, dass der Strom an Buttergebäck während seiner Kaffeepausen nicht abriss.

Doch während all der Zeit seines New Yorker Exils hatte er nur einen Gedanken im Kopf: Wann wird es sicher für mich sein, nach London zurückzukehren und mich zuerst an Warwick, dann an Hogan und schließlich an Commander Hawksby zu rächen?

2

William und Ross saßen auf der Kante der Sitzbank im Fond des Landrover. Sie spähten aus den Seitenfenstern, während vertraute Wahrzeichen der Stadt an ihnen vorbeizogen, und obwohl die Fahrt zurück zum Palast nicht mehr als fünfzehn Minuten dauern würde, waren sie sich beide bewusst, dass genau dies der Zeitraum war, in dem etwas schiefgehen konnte. Und falls es dazu käme, wären fünfzehn Minuten der Schande das Einzige, woran man sich bei ihnen jemals erinnern würde.

Fünf Kradbegleiter der Special Escort Group geleiteten sie bei mäßigem Tempo über die mittlere Zugbrücke, doch nachdem das Osttor hinter ihnen lag und sie den St. Katharine’s Way erreicht hatten, wurden alle Geschwindigkeitsbegrenzungen ignoriert. Bei jeder roten Ampel wurde der übrige Verkehr von zweien der Kradbegleiter aufgehalten, während zwei weitere zur nächsten Ampel weiterrasten und dieselbe Prozedur in die Wege leiteten, wodurch sichergestellt wurde, dass es für den Konvoi zu keiner Verzögerung kam.

William sah durch die Windschutzscheibe und bewunderte, wie reibungslos seine Kollegen die Abläufe beherrschten. Während ein Motorrad zur nächsten Kreuzung vorausfuhr, wo der Beamte mit einem durchdringenden Pfiff aus seiner Pfeife den Verkehr aufhielt, fuhr der zweite an ihm vorbei und immer weiter, bis er die darauffolgende Kreuzung erreicht hatte, wo er genauso vorgehen würde wie sein Kollege zuvor. Unterdessen nahmen die beiden Motorräder, die dem Konvoi bisher gefolgt waren, ihre neue Position vor dem Jaguar des Lord Chamberlain ein, und sobald das führende Motorradpaar ihrem VIP eine problemlose Weiterfahrt gesichert hatte, raste das erste Motorrad weiter nach vorn und wiederholte den ganzen Ablauf, während das Paar, das den Verkehr aufgehalten hatte, sich hinter den Landrover zurückfallen ließ. Der Wechsel vollzog sich so nahtlos, dass der Konvoi eine Geschwindigkeit von vierzig Meilen beibehalten konnte, während der übrige Verkehr etwa fünf Mal so langsam vorankam. Oder vielleicht, mit etwas Glück, minimal schneller.

Wie schon zuvor hielten William und Ross nach allen Richtungen hin Ausschau, während sie durch Blackfriars zum Embankment fuhren, wo sie auf etwa siebzig Meilen beschleunigen konnten. Sie rasten an der Rückseite des Savoy vorbei und waren sich auf glückliche Weise nicht bewusst, dass Miles Faulkner und Mr Booth Watson QC im Begriff waren, im Hotelrestaurant ihren Lunch zu bestellen, wobei auf ihrer Speisekarte gewiss nirgendwo Bescheidenheit und Nachgiebigkeit aufgeführt waren.

Miles legte die Speisekarte beiseite, als er seinen Anwalt auf sich zuwatscheln sah. Die Falten auf der Stirn dieses Mannes wirkten noch tiefer, und er ging deutlich langsamer. Booth Watson trug einen gut geschnittenen Zweireiher, mit dem er seine Körperfülle zu verbergen versuchte, dazu ein hellblaues Hemd und eine zerknitterte Middle-Temple-Krawatte. Seine Finger umschlossen den Griff einer Gladstone-Tasche, die aussah, als sei sie mit seiner Hand verwachsen.

»Willkommen zurück, Miles«, sagte er zu seinem einträglichsten Mandanten, als er sich vorbeugte und sie einander die Hand gaben. Er ließ sich in den Stuhl gegenüber fallen und stellte die Gladstone-Tasche neben sich auf den Boden.

Die beiden tauschten ein paar Plattitüden aus, an die keiner von ihnen glaubte, bis der Kellner erschien. Miles ließ sich Zeit beim Studieren der Angebote auf der großen ledergebundenen Speisekarte; er wusste gar nicht, wo er anfangen sollte. Booth Watson andererseits hatte seine beiden Gerichte und einen seiner Ansicht nach dazu passenden Wein bereits ausgesucht, bevor Miles sich der zweiten Seite der Speisekarte zuwandte.

»Ich nehme das Lendenfilet, blutig«, sagte Booth Watson und reichte dem Kellner die Karte.

»Und für Sie, Sir?«, fragte der Kellner, indem er sich Miles zuwandte.

»Den Räucherlachs.« Eine weitere Mahlzeit, die niemals ihren Weg bis nach Scrubs gefunden hatte. »Bringen Sie mich auf den neuesten Stand, was die Aktivitäten von Hawksby, Warwick und Hogan während meiner Abwesenheit angeht«, sagte er, nachdem sich der Kellner zurückgezogen hatte.

»Commander Hawksby ist immer noch der Leiter der Royalty Protection, und Superintendent Warwick ist sein direkter Untergebener.«

»Und Hogan?«, fragte Miles, der sich keine Mühe gab, die Verachtung in seiner Stimme zu verbergen.

»Inspector Hogan arbeitet nicht mehr als Prinzessin Dianas Personenschützer, seit die Verantwortlichen den Eindruck hatten, die beiden kämen sich ein wenig zu nahe, und wurde zurück in den Yard versetzt.«

»Und womit beschäftigen sie sich alle zurzeit?«

»Heute zum Beispiel«, sagte Booth Watson, »wird der Lord Chamberlain vom Buckingham Palace zum Tower of London gefahren, um für die Vorbereitungen der morgigen Parlamentseröffnung die Kronjuwelen entgegenzunehmen. Warwick und Hogan gehören zum Sicherheitsteam, und morgen werden sie die Kronjuwelen zurück in den Tower begleiten, eine Aufgabe, die sie ein Mal im Jahr übernehmen.«

»Da Sie offensichtlich so gut informiert sind«, sagte Miles, »nehme ich an, dass Lamont noch immer auf Ihrer Gehaltsliste steht.«

»Der pensionierte Superintendent gehört noch immer zu meinem Team, und ich kann Ihnen versichern, dass er gegenüber Warwick und Hogan dasselbe empfindet wie Sie, weshalb er mich stets darüber auf dem Laufenden hält, was die beiden so vorhaben.«

»Jetzt, da ich wieder zurück bin, können Sie ihm ausrichten, dass er seine Anstrengungen verdoppeln soll. Es hat für mich nach wie vor Priorität, die beiden gedemütigt zu sehen, und es wäre mir ein zusätzliches Vergnügen, wenn Hawksby dasselbe Schicksal erleidet.«

»Glauben Sie nicht, Miles, dass es jetzt, da Sie wieder in London sind, klüger wäre, all das hinter sich zu lassen und möglichst keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen?«

»Kommt nicht infrage. Eigentlich habe ich seit Warwicks Auftritt vor Gericht an kaum etwas anderes gedacht. Haben Sie vergessen, dass er dafür verantwortlich war, dass ich hinter Gittern gelandet bin? Ich werde mich erst zufriedengeben, wenn ich dieses Kompliment zurückgegeben habe und er erleben muss, wie es ist, wenn einem die Freiheit genommen wird. Der Preis ist mir vollkommen gleichgültig. Er und alle anderen, die dafür verantwortlich sind, müssen gedemütigt werden.«

»Aber ich hätte gedacht …«

»Dann sollten Sie besser noch einmal nachdenken, BW. Denn ich freue mich schon auf den Tag, an dem der Lord Chamberlain die beiden in den Tower begleitet und dort zurücklässt.«

Booth Watson dachte an sein Honorar und erwog erneut, seinen Mandanten umzustimmen. Dann jedoch erinnerte er sich an dessen Miene, als dieser auf der Anklagebank gesessen hatte, und er begriff, dass Miles nicht ruhen würde, bis er sich an Warwick, Hogan und Hawksby gerächt hatte. Nichts, das Booth Watson hätte sagen können, würde etwas daran ändern. Also gönnte er sich einen Schluck von seinem seltenen Bordeaux, den er schon länger nicht mehr getrunken hatte.

»Gibt es irgendwelche anderen Probleme, mit denen ich mich beschäftigen sollte?«, fragte Miles, als ein Kellner mit den Hauptgerichten für die beiden erschien.

Der stets zuverlässige Komplize beugte sich zur Seite, zog ein Exemplar der New York Times vom Vortag aus seiner Gladstone-Tasche, reichte es seinem Gegenüber und wartete darauf, dass der Vulkan ausbrechen würde.

»Hören Sie auf, irgendwelche Spielchen mit mir zu spielen, BW, und sagen Sie mir, wonach ich suchen soll.«

»Seite dreiundvierzig«, antwortete Booth Watson und widmete sich seinem Filet.

Miles blätterte die Zeitung durch und hielt erst inne, als er Seite dreiundvierzig erreicht hatte. Er musterte sie eine ganze Weile lang und sagte schließlich: »Ich bin genauso klug wie zuvor.«

»Im Immobilienteil finden Sie das Angebot einer Luxuswohnung in der East 61st Street.«

»Ich bin mir durchaus bewusst, dass meine Wohnung in Manhattan zum Verkauf steht«, sagte Miles, »aber was Sie nicht wissen, ist, dass ich kürzlich das Penthouse im selben Gebäude gekauft habe, weshalb ich die Wohnung im neunten Stock nicht mehr benötige. Falls Sie also nicht die Absicht haben, sie zu kaufen, sollten Sie nicht weiter meine Zeit verschwenden.« Er warf die Zeitung beiseite und drückte eine halbe Limone über seinem Räucherlachs aus.

»Ich würde vorschlagen, dass Sie sich die Anzeige genauer anschauen«, sagte Booth Watson, dem vollkommen klar war, dass er keineswegs die Zeit seines Mandanten verschwendete.

Widerwillig nahm Miles die Zeitung noch einmal zur Hand und las die Einzelheiten, die bei der Beschreibung der fünf Schlafzimmer umfassenden Luxuswohnung in Manhattan angegeben waren, von der aus man einen direkten Blick über den Central Park hatte. Geforderter Preis: sieben Millionen Dollar. Nach einem zweiten Blick auf das beigegebene Foto brach der Vulkan schließlich doch noch aus. »Wer zum Teufel hat das zugelassen?«, sagte er so laut, dass sich einer der Gäste am Nebentisch umdrehte.

»Ich bin nicht Ihr Immobilienmakler«, sagte Booth Watson ruhig, »sondern nur ein bescheidener Kronanwalt, der alles tut, um Ihren Arsch zu retten.«

»Sorgen Sie sofort dafür, dass dieses Foto entfernt wird«, sagte Miles fast ebenso laut wie zuvor.

»Das habe ich bereits«, sagte Booth Watson, und ein zufriedenes Lächeln erhellte sein Gesicht. »Ebenso habe ich die Anweisung gegeben, dass dieses besondere Foto in irgendwelchen zukünftigen Verkaufsunterlagen nicht wieder erscheinen darf.«

Noch immer starrte Miles auf Rubens’ Kreuzabnahme, die an der Wand im Salon seiner Wohnung in Manhattan hing und die jetzt von Millionen Lesern bewundert werden konnte.

»Ich muss Sie gewiss nicht daran erinnern, dass die Kunstwelt noch immer der Illusion anhängt, dass dieses besondere Meisterwerk gegenwärtig die Wände des Fitzmolean Museum ziert und nicht Ihre New Yorker Wohnung.«

»Sollte irgendjemand nachfragen«, murmelte Miles, indem er sich über den Tisch beugte, »dann machen Sie dem Betreffenden klar, dass es sich um eine Kopie handelt.«

»Aber wenn ein Interessent zufällig auf die Anzeige stößt und beschließt, sich die Wohnung anzusehen …«, begann Booth Watson, als der Sommelier neben ihm erschien, um ihm Wein nachzuschenken. Booth Watson wartete, bis der Mann einen Tisch weiter gegangen war, bevor er fortfuhr. »Ich muss Sie nicht daran erinnern, Miles, dass Sie das Original dem Museum als Gegenleistung für einen Strafnachlass geschenkt haben, und sollte der Strafverfolgungsdienst der Krone jemals herausfinden, dass …«

»Das dürfen wir niemals zulassen«, blaffte Miles, ohne seinen Wein anzurühren.

»Darüber hinaus ist es nicht gerade eine Hilfe«, fügte Booth Watson hinzu, »dass der Direktor kürzlich erklärt hat, er habe die Absicht, in Pension zu gehen, und wie ich aus sicherer Quelle erfahren konnte, wird Mrs Beth Warwick höchstwahrscheinlich seine Nachfolgerin werden.«

»Noch etwas, das wir niemals zulassen dürfen. Denn sollte sie jemals den Verdacht haben, dass ihr Christus nicht der echte Erlöser ist, wird ihr Mann der Erste sein, den sie informiert.« Er hielt kurz inne und sagte dann mit gesenkter Stimme: »Gibt es irgendetwas, das wir tun können, um diese Entwicklung zu verhindern?«

»Ihre Ex-Frau gehört immer noch dem Museumsvorstand an und sollte deshalb in der Lage sein, Einfluss auf das Ergebnis zu nehmen. Es wäre vielleicht möglich, sie davon zu überzeugen …«

»Ich traue dieser Frau nicht einmal so weit, wie ich sie werfen kann«, sagte Miles. »Vergessen Sie nicht, dass sie eine gute Freundin von Mrs Warwick ist und bei der geringsten Gelegenheit nur allzu gerne ein falsches Spiel mit mir treiben würde.«

»Gewiss«, sagte Booth Watson. »Doch wie Sie sehr wohl wissen, ist Christina im Augenblick etwas knapp bei Kasse, weshalb es vielleicht …«

»Aber der Grund dafür war ich«, sagte Miles, »nur für den Fall, dass Sie das vergessen haben.«

»Was ein umso besserer Grund sein könnte, sie finanziell ein wenig zu unterstützen«, gab Booth Watson zu bedenken und hob eine Augenbraue.

»Möglicherweise«, sagte Miles und aß einen Streifen von seinem Räucherlachs, während Booth Watson sein zweites Glas Wein leerte. »Zunächst müssen Sie herausfinden, ob Christina die Immobilienanzeige in der New York Times gesehen hat, was eher unwahrscheinlich sein dürfte. Sollte sie sie doch gesehen haben, so können Sie sich darauf verlassen, dass sie Mrs Warwick ein Exemplar schicken wird – aufgeschlagen auf der richtigen Seite.«

»Wenn ich keinen Verdacht erregen soll, brauche ich einen Grund, um sie zu treffen.«

»Sobald Sie davon überzeugt sind, dass sie nichts von der Anzeige weiß, erklären Sie ihr, dass ich nicht will, dass die Frau von Superintendent Warwick Direktorin des Fitzmolean wird. Weshalb ich gedenke, eine ordentliche Summe dafür zu bezahlen, dass es nie dazu kommt. Es wird Christina nicht schwerfallen, das zu glauben.«

Booth Watson widmete sich weiter seinem Filet und lächelte, als das Blut zu fließen begann.

Danny raste am Savoy vorbei und wurde erst langsamer, als die Special Escort Group nach rechts in die Northumberland Avenue einbog und nirgendwo ein anderes Fahrzeug zu sehen war. Weitere scharfe Pfiffe ermöglichten es ihnen, Trafalgar Square hinter sich zu lassen und ihrer Route auf die Mall zu folgen, bevor sie ungehindert in Richtung Buckingham Palace weiterfuhren.

Überraschte Touristen versuchten, Fotos zu machen, als sie an ihnen vorbeischossen, und fragten sich, ob ein Mitglied der königlichen Familie im Fond des Autos mit den dunkel getönten Scheiben saß.

Als sie schließlich die gewaltigen Tore der Palastzufahrt erreichten, trat ihnen niemand entgegen und erkundigte sich, um wen es sich handelte. Ein Wachposten präsentierte das Gewehr, als der Jaguar auf den Hof fuhr, durch einen Torbogen rollte und in einem abgetrennten Bereich verschwand, wo zwei junge Angehörige der Irish Guards bereits darauf warteten, »die Beute«, wie die Herrschaftsinsignien genannt wurden, in die Offiziersmesse zu bringen.

Phil Harris war der Erste, der aus dem Fahrzeug sprang, als der Jaguar zum Stehen kam. Nachdem er dem Lord Chamberlain die hintere Tür geöffnet hatte, schloss er rasch den Kofferraum auf und trat beiseite, damit die beiden Wachsoldaten die kostbare Fracht übernehmen konnten. Einer griff nach der Kiste, die das Staatsschwert enthielt, während der andere die Imperiale Staatskrone so behutsam aus dem Kofferraum hob, als handle es sich um seinen Erstgeborenen.

William sah zu, wie die drei Männer ihm den Rücken zuwandten und davonmarschierten. Der Lord Chamberlain würde am folgenden Tag um ein Uhr mittags zurückkehren, und dann würden sie ihn und die Kronjuwelen nach ihrem Ausflug über Nacht wieder zurückbegleiten.

»Wir sollten losfahren«, sagte William, sobald die beiden Wachsoldaten im Palast verschwunden waren.

Langsam rollte Danny aus dem Innenhof zum Buckingham Gate und fuhr dann zurück zu Scotland Yard, ohne auch nur ein einziges Mal die Geschwindigkeitsbegrenzung zu überschreiten.

»Ich habe mich immer gefragt«, sagte Ross, als sie in die Petty France einbogen, »warum sie sich die Mühe machen, die Krone zum Buckingham Palace zu transportieren, wo wir sie doch direkt ins Oberhaus bringen könnten.«

»Ich könnte mir zwei Gründe vorstellen«, sagte William. »Erstens würde ich den Lordschaften die Kronjuwelen nicht über Nacht anvertrauen, denn immerhin könnte ein Colonel Blood unter ihnen sein. Und zweitens sollten wir nicht vergessen, dass das Staatsschwert und die Imperiale Staatskrone ihre eigene Kutsche haben, die stets derjenigen Ihrer Majestät vorausfährt, wenn sie sich vom Buckingham Palace zum Oberhaus begibt, um die königliche Rede zu halten.«

Ross nickte und gestand dann: »Ich konnte letzte Nacht nicht schlafen.«

»Warum nicht?«, fragte William und wandte sich seinem Freund zu.

»Ich gehe immer davon aus, dass bei diesem Transfer irgendetwas schiefgeht. Und machen wir uns nichts vor, es muss nur ein einziges Mal etwas schiefgehen!«

»Das ist unwahrscheinlich, denn die Insignien werden so gut bewacht, und nur wir kennen die Einzelheiten des Transfers. Und die Öffentlichkeit macht sich ohnehin nicht bewusst, dass die Kronjuwelen eine Zeit lang nicht im Tower sind. Und warum sollten sich die Leute auch damit beschäftigen?«

Ross schwieg, während er über die Möglichkeit nachdachte, dass …

Als Danny vor Scotland Yard hielt, war William der Erste, der aus dem Wagen stieg. Rasch ging er zum Gebäude und eilte die Treppe ins zweite Obergeschoss hinauf, wobei er jeweils zwei Stufen auf einmal nahm. Dann klopfte er an die Tür zu Hawksbys Büro.

»Herein!«, erwiderte eine bellende Stimme.

William informierte den Commander unverzüglich darüber, dass die jährliche Prozedur wieder einmal ohne Zwischenfälle vonstattengegangen war.

»Ich werde mich erst entspannen können«, sagte Hawksby, »wenn mich der Resident Governor anruft und mir gegenüber bestätigt, dass die Imperiale Staatskrone und das Staatsschwert ins Jewel House zurückgekehrt und für ein weiteres Jahr sicher verwahrt sind.«

Also war Ross nicht der Einzige, der so dachte, war Williams spontane Reaktion. Manchmal vergaß er, dass nicht nur er es war, der von seinem Posten würde zurücktreten müssen, wenn während der kritischen fünfzehn Minuten etwas schiefging.

»Dann sollte ich mich wohl besser an die aktuell vorliegende Arbeit machen«, sagte William.

»Bevor Sie gehen, gibt es noch etwas, das wir besprechen müssen, Chief Superintendent.« Es dauerte einige Augenblicke, bis William begriff, was er da gerade gehört hatte. »Der Commissioner hat heute Morgen angerufen und Ihre Beförderung bestätigt. Herzlichen Glückwunsch, William. Das haben Sie weiß Gott redlich verdient.«

Sprachlos wie selten brachte William schließlich mühsam die Worte heraus: »Danke, Sir.«

»Ich würde vorschlagen, Sie vergessen ausnahmsweise Ihre aktuellen Aufgaben, Chief Superintendent. Gehen Sie nach Hause, und verbringen Sie ein wenig Zeit mit Beth und den Kindern. Sorgen Sie nur dafür, dass Sie wieder pünktlich im Palast sind, um die Staatskrone und das Staatsschwert entgegenzunehmen und wieder zurück in den Tower zu bringen. Denn wenn die Insignien morgen um diese Zeit nicht wieder an ihrem angestammten Ort in Sicherheit sind, könnte es sein, dass Sie dort auf Dauer eine neue Unterkunft finden.«

»Warum bist du so früh zu Hause, Höhlenmensch?«, fragte Beth, als William in die Küche geschlendert kam. »Haben sie dich gefeuert?«

»Nein, befördert«, sagte William. Er lächelte, als sich Beths Gesichtsausdruck änderte, während er ihr die Neuigkeit berichtete, doch ihre Reaktion überraschte ihn.

»Ich auch!«

»Wie … ich auch?«, fragte William.

»Der Direktor des Fitzmolean ist von seinem Posten zurückgetreten, und der Vorsitzende des Verwaltungsrats hat mich gerade angerufen und mir mitgeteilt, er hoffe, dass ich mich um den Posten bewerbe.«

»Das sind ja wundervolle Neuigkeiten«, sagte William und umarmte seine Frau. Obwohl er das Thema nie wieder erwähnt hatte, seit sie als stellvertretende Direktorin zurückgetreten war, hatte er immer gehofft, Beth würde als Direktorin des Museums in das Fitzmolean zurückkehren.

»Ich habe die Stelle noch nicht, Chief Superintendent.«

»Der Vorstand wird denselben Fehler kein zweites Mal machen«, sagte William zuversichtlich.

»Um ehrlich zu sein: Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich den Posten wirklich will«, sagte Beth.

»Du machst Witze!«

»Vergiss nicht, dass ich als Kunsthändlerin fast das Doppelte dessen verdiene, was ich als Direktorin des Fitz bekommen würde.«

»Dann ist es ja besonders gut, dass ich zum Chief Superintendent befördert wurde.«

»Und da wäre noch das Problem mit Christina«, fuhr Beth fort. »Jetzt, da sie und Faulkner geschieden sind, verlässt sie sich auf ihren fünfzigprozentigen Anteil vom Gewinn unseres Unternehmens, damit sie ihren gegenwärtigen Lebensstandard weiter halten kann.«

»Du solltest wegen dieser Frau nicht einen Augenblick lang weniger ruhig schlafen«, sagte William in verändertem Ton. »Wenn die Situation umgekehrt wäre, würde sie nur tun, was in ihrem eigenen Interesse liegt.«

»Du scheinst zu vergessen, Chief Superintendent«, widersprach Beth, »dass Christina als Einzige bereit war, mein aufstrebendes Unternehmen zu unterstützen, nachdem ich vom Fitzmolean gefeuert worden war.«

»Und dabei hat sie wunderbar verdient!«, erinnerte William sie.

»Nicht mehr, als ihr zustand«, blaffte Beth. »Was auch der Grund dafür ist, warum ich sie nicht nur als Geschäftspartnerin, sondern auch als gute Freundin betrachte.«

»Wenn es ihr gerade passt. Und falls sie wirklich so eine gute Freundin ist«, sagte William, »wird sie sich freuen, wenn sie hört, dass du vielleicht bald Direktorin des Fitzmolean sein wirst. Vergiss nicht, dass sie dem Vorstand angehört und stimmberechtigt ist. Aber sei’s drum. Sie weiß nur allzu gut, dass du diese Stelle schon immer haben wolltest, weshalb es sie kaum überraschen dürfte. Und ich wiederhole: Wenn es hart auf hart kommt, wird sie dich ohne zu zögern beiseiteschieben, sofern es ihren Zielen dient.«

»Aber …«, begann Beth, als die Küchentür aufflog und drei hungrige Kinder hereinstürmten. Sie setzten sich auf ihre Plätze am Küchentisch, und ihre Münder standen offen wie diejenigen von kleinen Vögeln im Nest, die darauf warten, gefüttert zu werden.

»Ihr werdet nie erraten, was Peter und mich beschlossen haben«, sagte Artemisia, womit sie ihre Eltern wieder auf die Erde zurückholte.

»Peter und ich«, sagte Beth.

»Unsere Rektorin hat uns ausgewählt, die Schule bei einem nationalen Aufsatzwettbewerb zu vertreten und …«

»Der Gewinner«, fuhr Peter fort, »darf Disneyland Paris besuchen und in einer Hotel übernachten.«

»Einem Hotel«, sagte Beth.

»Und Tee mit Donald Duck und Mickey Mouse trinken«, verkündete Artemisia.

»Über welches Thema wollt ihr schreiben?«, fragte William.

»Das haben wir noch nicht entschieden«, gestand Artemisia.

»Eigentlich hatten wir gehofft, Dad«, fuhr Peter fort, »dass du ein paar Ideen hättest. Bei all deiner Erfahrung, wenn es darum geht, Kriminelle zu fangen …«

»Auf keinen Fall«, sagte William. »Nicht ich bin es, der ausgewählt wurde, die Schule zu vertreten. Das muss eure Arbeit bleiben und eure allein, denn sonst könnte genauso gut ich den Preis einstreichen.«

»Dann werde ich Onkel Ross fragen müssen«, flüsterte Artemisia ihrem Bruder zu. »Ich habe gehört, wie Dad einmal zu Mum gesagt hat, dass es keine Regeln gibt, die er nicht brechen würde.«

Nachdem die Kinder am folgenden Morgen zur Schule aufgebrochen waren, machte sich Beth daran, die Post zu öffnen. Rechnungen, Werbesendungen und dazu ein Brief, den sie ein zweites Mal lesen musste.

»Was machen wir dieses Wochenende?«, fragte sie.

William senkte seine Zeitung und dachte einen Augenblick nach. »Ich habe Dienst. Es ist mein üblicher Termin alle vier Wochen. Ross fährt mit den Kindern ins Legoland, was zurzeit schwer in Mode ist«, fügte er hinzu und strich etwas Butter auf seine zweite Scheibe Toast. »Und du?«

»Ich hatte vor, das Fitz zu besuchen, um zu sehen, wie sehr es sich verändert hat, seit ich gegangen bin. Aber jetzt denke ich, dass ich wohl nach Buckingham fahren und eine alte Dame besuchen werde, die ich nie zuvor getroffen habe.«

»Klingt faszinierend«, sagte William. »Bisher besteht der einzige Hinweis in dem Umschlag, den du immer noch in der Hand hast.«

»Er kommt von Mrs Eileen Lomax, der Witwe von Gordon Lomax, einem Kunsthändler aus dem West End, der letzten Monat gestorben ist«, sagte Beth. »Ich habe ihr einen Kondolenzbrief geschickt, und sie bedankt sich und fragt, ob ich sie aufsuchen könnte, denn sie benötigt meinen Rat in einer privaten Angelegenheit.«

»Ich brauche mehr Hinweise«, sagte William, als Beth die beiden Eier aus dem Topf mit kochendem Wasser nahm und sie in die Eierbecher tat, die vor ihm standen.

»Lomax war der Besitzer einer der erfolgreichsten Galerien im West End, aber nach dem Zusammenbruch des Marktes für holländische Landschaftsmalerei kam er gerade so über die Runden, heißt es.«

»Tod, Schulden und Scheidung«, sagte William. »Sie sind, wie du nie müde wirst, mich zu erinnern, die besten Freunde des Kunsthändlers. Oder in diesem Fall der Kunsthändlerin.«

»Und zwei dieser Freunde könnten in Gordon Lomax’ Fall von Bedeutung sein. Also werde ich wohl meinen Besuch im Fitz aufschieben und stattdessen eine Reise nach Buckingham machen. Gordon war sehr freundlich zu mir, als ich gerade anfing, in der Kunstwelt Fuß zu fassen, weshalb es das Mindeste ist, was ich tun kann.«

»Und wenn man bedenkt, dass du mit Ross und den Kindern ins Legoland hättest fahren können«, neckte William sie, griff nach einem Teelöffel und schlug sein Ei auf.

»Vielleicht werde ich einen Rembrandt oder einen Vermeer finden, der dort auf dem Dachspeicher Staub ansammelt«, sagte Beth, als William die Spitze seines Eies mit dem Löffel hob und sah, dass es hart gekocht war.

3

Die irische Staatskutsche, die von einem Gespann aus vier grauen Pferden gezogen und von einer Ehrengarde eskortiert wurde, rollte unter Hufgeklapper aus den Palasttoren und auf die Mall, als Big Ben elf Uhr schlug.

Ihre Majestät die Königin, die ein fliederfarbenes Seidenkleid und ein Diadem trug, saß auf der einen Seite der Kutsche, während der Duke of Edinburgh, bekleidet mit der Uniform eines Admirals der Flotte, ihr in aufrechter Haltung gegenübersaß, wobei eine seiner Hände auf seinem Schwert ruhte. Vor ihnen rollte die Staatskutsche von Königin Alexandra mit den königlichen Insignien – der Imperialen Staatskrone, dem Staatsschwert und der Cap of Maintenance – langsam dahin, begleitet von einem Dutzend Offizieren der Household Cavalry, wobei die Blues and Royals als zeremonielle Leibwächter der Königin fungierten.

Zahlreiche Menschen hatten sich entlang der Mall versammelt, um sich das Spektakel anzusehen. Einige warteten schon seit Stunden, um sich einen Platz in der ersten Reihe zu sichern, damit sie der Monarchin zujubeln konnten, wenn diese vorüberfuhr. Ihr allseits bekanntes Zuwinken wurde von einem Lächeln begleitet, während sie sich zunächst der einen und dann der anderen Straßenseite zuwandte. Als sie die Mall Galleries passierten, bogen die beiden Staatskutschen nach rechts ab und fuhren weiter über den Platz vor dem Horse-Guards-Gebäude und durch den Hauptbogen nach Whitehall – ein Privileg, das nur dem regierenden Monarchen zustand.

Eine sogar noch größere Menge erwartete sie auf dem Parliament Square und brach bereits in lauten Jubel aus, noch bevor das königliche Gefolge den Sovereign’s Entrance im Oberhaus erreicht hatte, wo nur wenige Augenblicke zuvor die Flagge des Vereinigten Königreichs eingeholt und durch die Königliche Standarte ersetzt worden war.

Als die Königin aus der Kutsche stieg, wurde sie vom Earl Marshal of England, dem Lord Great Chamberlain und Black Rod, dem Pförtner des schwarzen Stabes, empfangen.

Die Herren verbeugten sich, bevor sie die Königin langsam die breite, mit einem blau und weiß gemusterten Teppich bespannte Treppe hinaufbegleiteten. Ihnen voraus gingen zwei Herolde, von denen jeder als Zeichen der königlichen Autorität einen Amtsstab trug. Das königliche Gefolge begleitete die Monarchin bis zur Tür des Ankleidezimmers im ersten Obergeschoss, aber nicht weiter.

Nur sehr wenigen Menschen war es gestattet, sich der Königin im Ankleidezimmer anzuschließen, wo sie hinter zwei großen roten Paravents in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes verschwand. Die Königin legte das Diadem, das sie während ihrer Fahrt nach Westminster in der Kutsche getragen hatte, auf einem Tisch neben sich ab. Mrs Kelly, ihre Ankleideassistentin, war Ihrer Majestät zur Hand, als diese die lange rote Robe umlegte, und befestigte die breiten Satinträger über ihren Schultern, wobei sie darauf achtete, dass die Haken fest in den Ösen einrasteten, damit das schwere Kleidungsstück nicht verrutschen konnte.

Sobald die Königin zufrieden war, öffnete Mrs Kelly die beiden roten Paravents so weit, dass der Lord Chamberlain der Souveränin die Imperiale Staatskrone überreichen konnte. Sie hob die Krone von einem karminroten Plüschkissen und setzte sie sich aufs Haupt. Dann betrachtete sie sich in einem Spiegel, wobei sie die Krone hin und her rückte, bis sie bequem saß. Wieder einmal wurde der Königin bewusst, wie schwer die Krone war.

Wenige Augenblicke später traten zwei Pagen rechts und links neben sie. Die beiden hoben die Robe an den seitlich angebrachten Satinschlaufen ein wenig an, sodass die Königin sich auf den Weg zu den Lordschaften im Oberhaus machen konnte.

Genau um 11:26 Uhr verließ die Königin am Arm ihres Gatten das Ankleidezimmer. Sie betraten die Royal Gallery, in der zwei gewaltige Gemälde hingen; auf der einen Seite befand sich eine Darstellung von Wellington bei Waterloo und auf der anderen Nelson in der Schlacht von Trafalgar. Als Präsident de Gaulle eingeladen worden war, vor beiden Häusern eine Rede zu halten, wurde ein Umweg eingeschlagen, sodass er die beiden siegreichen Helden niemals zu Gesicht bekam. Während die Königin langsam über den roten Teppich schritt, saßen rechts und links auf vorübergehend aufgestellten Bänken Botschafter, Hochkommissare und ausländische Würdenträger sowie die Ehemänner und Ehefrauen der Peers.

Die Königin verließ die Royal Gallery und durchquerte die Prince’s Chamber, wobei sie die einmal eingeschlagene Geschwindigkeit auch dann nicht änderte, als sie an der imponierenden Gestalt der jungen Queen Victoria vorbeikam, bevor sie das Oberhaus betrat. Fünfhundert Männer und siebzig Frauen, die lange rote, hermelinverbrämte Roben trugen, erhoben sich, um ihre Herrscherin zu begrüßen, bevor diese Schlag elf Uhr dreißig auf dem Thron Platz nahm. Der Duke of Edinburgh ließ sich zu ihrer Rechten nieder, während der Platz zu ihrer Linken leer blieb.

Sie blickte auf zum anderen Ende der Kammer, wo sie den Premierminister, den Oppositionsführer, die Kabinettsminister und die Minister des Schattenkabinetts sah, die an der Schranke des Oberhauses standen. Ihnen oblag die Aufgabe, die Gesetze in eine konkrete Form zu gießen, deren allgemeine Prinzipien die Monarchin in Kürze vortragen würde. John Major wartete darauf, die Rede zu hören, obwohl er jedes Wort kannte, das sie enthielt.

Der Lordkanzler trat vor, erklomm die drei Stufen zum Thron und reichte der Monarchin die Rede der Königin, obwohl diese in Wahrheit für kein einziges Wort darin verantwortlich war. Vielmehr hatte man diese Aufgabe einem Teil der vielen »Mandarine« anvertraut, die überall in Whitehall zu finden waren und welche der Premierminister und Mitglieder seines kürzlich zusammengestellten Kabinetts zuvor entsprechend instruiert hatten.

Ihre Majestät schlug den Deckel der Hülle aus rotem Leder auf, der ihr Wappen trug, und warf einen Blick auf die erste Zeile. »Meine Lords und Mitglieder des Unterhauses. Meine Regierung wird es sich zur vornehmsten Aufgabe machen, mehr Häuser zu bauen, um einer wachsenden Bevölkerung ein Obdach zu geben. Meine Regierung wird darüber hinaus Statuten entwickeln, die sicherstellen werden …«

Während der nächsten zwanzig Minuten verkündete die Königin sieben neue Gesetzesvorhaben, welche ihre Regierung zwar auf den Weg bringen, deren Inkrafttreten aber einzig sie selbst veranlassen würde. Ihre Majestät endete mit den Worten: »Weitere Anweisungen und Statuten werden den Lordschaften zu gegebener Zeit vorgelegt werden.« Die Königin sah vom letzten Absatz auf und sagte: »Gott schütze das Commonwealth.«

Wieder erhoben sich alle Anwesenden, als Ihre Majestät, begleitet vom Duke of Edinburgh, das Oberhaus verließ. Der Earl Marshal führte das königliche Paar gemessenen Schrittes zurück in das Ankleidezimmer, wo die Königin die Krone abnahm, ihre Robe ablegte und nach einer kurzen Unterhaltung mit den Pagen die Stufen zum Sovereign’s Entrance hinabging, wo die irische Staatskutsche sie erwartete.

Prinz Philip stieg in die Kutsche und wartete, bis sich die Königin ihm anschloss, und dann setzten sich die Pferde erneut in Bewegung, um die Monarchin zum Buckingham Palace zu bringen. Die Imperiale Staatskrone und das Staatsschwert waren bereits zuvor in ihrer eigenen Kutsche dorthin transportiert worden, während die Ankleideassistentin später in einem Rolls-Royce folgen würde, in welchem all die zusätzlichen Herrschaftsinsignien in einer großen roten Tasche transportiert würden, um für ein weiteres Jahr – und vielleicht einen neuen Premierminister? – eingelagert zu werden.

Danny nahm Haltung an, als die irische Staatskutsche durch den Torbogen und über den Innenhof rollte. Obwohl die beiden Lakaien im Heck der Kutsche regungslos verharrten, schienen sie ihre Blicke gleichzeitig in alle Richtungen zu lenken. In einem der beiden erkannte er einen Beamten des königlichen Personenschutzes, der dem Anlass entsprechend gekleidet war.

William und Ross verbeugten sich, als die Königin in ihrer Kutsche an ihnen vorbeifuhr. Schließlich warfen die vier Pferde die Köpfe in die Luft und hielten vor dem Eingang. Der königliche Stallmeister und zwei Diener nahmen Ihre Majestät in Empfang, als sie aus der Kutsche stieg und zurück in ihren Stadtpalast ging.

Wenige Augenblicke später erschienen zwei Wachsoldaten, welche die beiden Kisten mit den Kronjuwelen trugen. Der Lord Chamberlain folgte ihnen in wenigen Schritten Abstand. Phil Harris öffnete den Kofferraum des Jaguar und wartete, bis die Schätze sicher darin verwahrt waren. Dann nahm er hinter dem Steuer Platz, was das Zeichen für die Kradbegleiter war, dass sie die Rückfahrt zum Tower of London antreten konnten. Sie starteten sofort, und freie Straßen und grüne Ampeln sorgten dafür, dass der Jaguar schon dreizehn Minuten später die mittlere Zugbrücke überqueren und durch das Osttor in den Tower fahren konnte, wo der Resident Governor und der Leiter der Tower-Wache bereits vor dem Jewel House auf sie warteten.

William sprang hinten aus dem Landrover und beobachtete die traditionelle Zeremonie, die jetzt umgekehrt ablief. Begleitet von zwei Wachen des Jewel House, welche die königlichen Schätze trugen, verschwanden der Lord Chamberlain und der Governor im Gebäude.

William entspannte sich erst, als der Lord Chamberlain mit leeren Händen zurückkehrte, in sein Auto stieg und sich auf den Weg zurück in den Palast machte.

Danny wäre ihm gefolgt, wenn der Governor nicht wieder aus dem Gebäude gekommen und direkt auf den Landrover zugegangen wäre und an die Scheibe geklopft hätte. Wieder sprang William sofort aus dem Fahrzeug, denn er fürchtete, dass irgendetwas schiefgegangen war.

»Chief Superintendent, Sie wissen vielleicht nicht, dass ich Ende des Jahres in Pension gehen werde. Wenn also Sie und die Kinder sich gerne das Schloss und die Kronjuwelen ansehen möchten, dann wäre ich gerne bereit, mich Ihnen als Führer zur Verfügung zu stellen.«

»Wie freundlich von Ihnen, General«, sagte William. »Dürfte ich auch Inspector Hogans Tochter Jojo mitbringen, die bei uns wohnt und die wir alle als Familienmitglied betrachten?«

»Natürlich«, erwiderte der Governor. »Die Einladung gilt jedoch nicht für Inspector Hogan, denn ich habe das Gefühl, dass er versuchen würde, die Kronjuwelen zu stehlen, sollte er auch nur die allergeringste Chance dazu bekommen.«

William sah dem Governor nach, der mit raschem Schritt davoneilte, und war sich nicht ganz sicher, ob dieser seine Bemerkung ernst gemeint hatte. Andererseits war William der Erste, der zugeben würde, dass Ross sich nicht immer streng an den Buchstaben des Gesetzes hielt und bei mehr als einer Gelegenheit eine Grenze überschritten hatte und die Konsequenzen dafür tragen musste. Sein angeborener Charme und sein gutes Aussehen sorgten zwar dafür, dass er bei seinen Kolleginnen meistens problemlos davonkam, und auch Hawksby ließ ihm, um die Wahrheit zu gestehen, viel mehr Spielraum als jedem anderen Beamten. Doch William musste sich unweigerlich fragen, wann Ross den einen Schritt zu weit gehen würde und es nichts mehr gäbe, mit dem er seinem Freund würde helfen können.

»Unsere Aufgabe ist für ein weiteres Jahr erledigt«, sagte William, als er wieder in den Landrover stieg. Er klopfte Danny auf die Schulter und fügte hinzu: »Zurück zum Yard.«

»Was wollte der Governor?«, fragte Ross, als sie über die mittlere Zugbrücke rollten und durch den Hintereingang auf den St. Katharine’s Way fuhren, wo sie an der ersten Ampel anhalten mussten.

»General Stanley hat mir gesagt, dass er Ende des Jahres in Pension gehen wird, und mich gefragt, ob die Kinder einschließlich Jojo den Tower gerne als seine Gäste besuchen würden«, sagte William.

Er verzichtete darauf, ein bestimmtes anderes Gefühl zu erwähnen, über das der Resident Governor ebenfalls gesprochen hatte.

»Und was erwartet uns als Nächstes?«

»Der Commander hat mir versichert, dass es etwas Besonderes gibt, mit dem wir uns intensiv beschäftigen sollen, aber er hat sich geweigert, auf irgendwelche Einzelheiten einzugehen, bevor die Kronjuwelen wieder sicher im Tower sind.«

»Jetzt, da Miles Faulkner wieder in England ist«, sagte Ross, »wollen wir hoffen, dass es bei dem ›Besonderen‹ auch darum gehen wird, diesem Mann auf die Finger zu schauen. Ich habe immer noch einige Rechnungen mit ihm offen.«

»Ich würde nicht damit rechnen«, sagte William. »Immerhin ist Faulkner nicht mehr auf unserem Radar aufgetaucht, seit er vor über vier Jahren aus Ford entlassen wurde. Obwohl ich mir kaum vorstellen kann, dass er sich von seinen Aktivitäten zurückgezogen hat.«

»Nur falls du das vergessen hast«, sagte Ross bewegt, »dieser Mann ist verantwortlich für den Tod meiner Frau.«

4

Sobald William am Samstagmorgen in den Yard gegangen war und Ross die Kinder abgeholt hatte, um mit ihnen den Tag im Legoland zu verbringen, war Beth nach Buckingham aufgebrochen. Zuvor jedoch hatte sie Mark Poltimore von Sotheby’s angerufen, denn sie benötigte einen Rat von ihm, bevor sie sich mit Mrs Lomax treffen würde.

»Die Lomax Gallery existiert seit drei Generationen«, erinnerte Mark sie. »Es ist jedoch allgemein bekannt, dass Gordon Lomax durch die Rezession eine Zeit lang in Schwierigkeiten geraten war. Ebenso könnte für Sie interessant sein, dass er uns vor ein paar Jahren gebeten hat, den Wert seiner Bestände für die entsprechende Angabe in seinem Testament zu schätzen, weshalb er gewusst haben muss, dass er nicht mehr lange zu leben hatte.«

»Können Sie mir die ungefähre Größenordnung nennen?«, fragte Beth hoffnungsvoll.

»Dazu darf ich mich nicht äußern«, sagte Mark. »Aber gewiss wird Mrs Lomax gerne bereit sein, Ihnen gegenüber alle notwendigen Angaben dazu zu machen.«

Ausgerüstet mit diesen Informationen. Bedankte sich Beth bei Mark, legte den Hörer auf und begann, den Straßenatlas ihres Automobilclubs durchzusehen. Nachdem sie die direkteste Route herausgefunden hatte, brach sie nach Buckingham auf. Sie wäre rasch vorangekommen, hätte es zwischen Buckingham und ihrem Zuhause nicht zahllose Kreisverkehre gegeben, die in ihrem Straßenatlas nicht verzeichnet waren.

Als sie vor dem kleinen, von Efeu überwucherten Cottage, das aussah wie von Helen Allingham gemalt, aus dem Auto stieg, öffnete sich die Tür, und eine ältere Dame stand im Eingang, die sie offensichtlich schon erwartete. Ihrer äußeren Erscheinung nach hätte Mrs Lomax ebenfalls in die Zeit von Königin Victoria gepasst, denn sie trug ein langes verblasstes Kleid mit Blütenmuster, das ihr bis über die Knöchel reichte. Ihr dichtes graues Haar war zu einem Knoten geflochten, in dem etwas steckte, das wie eine Stricknadel aussah. Sie trug keinen Schmuck, und obwohl es ein warmer Tag war, hatte sie einen Schal um ihre Schultern drapiert.

»Es ist sehr freundlich von Ihnen, dass Sie einen so langen Weg auf sich genommen haben, Mrs Warwick«, waren ihre ersten Worte, als Beth eintrat. Mrs Lomax schloss die Tür und führte ihren Gast durch eine Lounge, in der sich mehrere alte Eichenmöbel sowie allerlei Nippes befanden. Einige viktorianische Aquarelle schmückten die Wände, doch keines davon hätte auch nur ein Auktionshaus in der Provinz in Aufregung versetzt.

Kaum hatten die beiden Platz genommen, erschien eine Bedienstete, die einem Roman von Daphne du Maurier entsprungen zu sein schien. Auf dem Tablett, das sie in den Händen hielt, standen eine Teekanne, die von einem gehäkelten Teewärmer umhüllt war, sowie ein Teller mit Schokoladenkeksen, wie man sie üblicherweise nach einer Mahlzeit reicht. Beth musste an ihre Besuche zum Nachmittagstee im Kardomah Café in Piccadilly während ihrer Ferien in der Mitte des Trimesters denken, wo sich, wie ihre Mutter meinte, Angehörige der besseren Gesellschaft trafen.

»Milch und Zucker?«, fragte Mrs Lomax, nachdem das Tablett auf den Tisch zwischen ihnen gestellt worden war.