Im bedrohlichen Fadenkreuz - Gerhard Spitz - E-Book

Im bedrohlichen Fadenkreuz E-Book

Gerhard Spitz

0,0

Beschreibung

Kommissar Friedemann Bach, frisch nach Ulm versetzt, muss schon an seinem ersten Tag in einem Mordfall ermitteln: An einem beliebten Spazierweg wird eine Joggerin erschossen aufgefunden. Bald stellt sich heraus, dass die Tote brisantes Material über Nazi-Kriegsverbrechen besaß. Außerdem hatte sie einen verheirateten Liebhaber, der sich rasch verdächtig macht. Auch ihre Familiengeschichte gibt Anlass zu Nachforschungen. Kerstin Gödel, Friedemanns neue Chefin, steht vor der schier unlösbaren Aufgabe, den komplizierten Fall mit einem Team lösen, dessen Mitglieder sich kaum kennen. Dass sich sofort Zeitungen und soziale Medien auf den Fall stürzen, macht ihre Arbeit nicht leichter …

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Der Autor

Gerhard Spitz

wurde 1955 in Ulm geboren und ist in Vöhringen/Iller, einer Kleinstadt nahe Ulm, aufgewachsen. Er ist promovierter Physiker und hat in den Achtzigerjahren an einem damals sehr erfolgreichen Buch über Computeranwendungen in der Theoretischen Physik mitgearbeitet, das auch ins Englische und ins Japanische übersetzt wurde. Schon in seiner Schulzeit hat der Autor sich für fiktionales Schreiben interessiert, dies jedoch zugunsten seines Studiums und einer anschließenden Karriere in der IT-Industrie zurückgestellt. Nach Stationen in Tübingen und München lebt er jetzt wieder in seiner Geburtsstadt Ulm. Seit er im Ruhestand ist, widmet er sich verstärkt dem Schreiben.Von Gerhard Spitz liegt im Verlag Oertel+Spörer der Tübingen-Krimi vor: »Mode, Mord und Schneegestöber« (2022).

Titel

Gerhard Spitz

IM BEDROHLICHEN FADENKREUZ

Krimi

Oertel+Spörer

Impressum

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2025Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehaltenTitelbild: © ChatGPTGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Bernd StorzKorrektorat: Sabine TochtermannSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-96555-221-0

Besuchen Sie unsere Homepage und informierenSie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm:www.oertel-spoerer.de

DONNERSTAG

Friedemann Bachs erster Arbeitstag bei der Kriminalpolizeidirektion Ulm begann mit einer Überraschung. Sein zukünftiger Teamleiter hatte versprochen, ihn durch die Räume zu führen und ihn mit den Kollegen und anderen wichtigen Ansprechpartnern bekanntzumachen.

Doch als er am Donnerstagmorgen um halb neun an seiner Arbeitsstelle in der Ulmer Weststadt ankam, wartete vor dem Gebäude eine kleine Frau mit dunklen Augen und schwarzen Locken auf ihn, die lässig an einem knallroten Motorroller lehnte. Bach schätzte ihr Alter auf knapp dreißig.

Sie sprach ihn an: »Sie müssen Oberkommissar Friedemann Bach sein.«

Bach war so verdutzt, dass er nur nickte.

Die junge Frau sprach weiter: »Wir haben eine Leiche. Die meisten Kollegen sind schon am Tatort. Ingo meint, wir sollen auch hinkommen.«

Wer zur Hölle war Ingo? Sein Teamleiter hieß Peter. Peter Lengwald.

Da war er sich sicher.

»Dienstwagen sind gerade knapp«, sagte die junge Kollegin. Sie hielt ihm einen Helm hin. »Sie sind sicher schon mal Sozius gefahren.«

»Auf einem Motorrad«, sagte Friedemann Bach vorsichtig. In Freiburg hatte er sich gelegentlich von einem uniformierten Kollegen auf dem Motorrad kutschieren lassen, wenn er schnell zu einem Tatort musste.

»Mit dem Motorroller ist’s auch nicht schwieriger«, sagte seine neue Kollegin. »Sie wissen ja, wo Sie sich festhalten müssen.«

Sie stieg auf ihr Gefährt und wartete darauf, dass Bach sich hinter sie setzte. Ehe sie losfuhr, sagte sie noch: »Ich heiße übrigens Raffaela. Raffaela Riva.«

Der Roller startete ohne den üblichen Zweitakt-Lärm. Offensichtlich hatte er Elektroantrieb.

Friedemann Bach hatte sich so überstürzt entschlossen, nach Ulm zu gehen, dass er sich kaum über die Stadt informiert hatte. Er hatte sich vorgestellt, dass das Stadtgebiet ziemlich flach war. Ulm lag zwar am Rand der Schwäbischen Alb, doch was war die Schwäbische Alb im Vergleich zum Schwarzwald? Als Gebirge nicht ernst zu nehmen, da war er sich sicher.

Er musste seine Meinung rasch revidieren. Nach ein paar Minuten auf ebenen Stadtstraßen lenkte seine Kollegin ihren Roller auf eine Umgehungsstraße, die lang und steil anstieg.

»Der Eselsberg!«, rief Raffaela Riva, während sie hochfuhren.

Der Name sagte ihm nichts.

Sie bogen in eine Seitenstraße ein, fuhren durch ein Gebiet voller Bürohäuser und kamen schließlich in eine Sackgasse, wo rund ein Dutzend Fahrzeuge in einem wilden Durcheinander abgestellt waren.

Ein uniformierter Beamter, der zwischen den Fahrzeugen stand, grinste, als er Raffaela Riva sah. »Dienstwagen waren wohl wieder einmal knapp«, sagte er. »Aber wer ist dein Sozius?«

»Friedemann Bach, unser neuer Kollege. Er kommt von der Kripodirektion Freiburg.« Sie sah den Uniformierten an: »Deinen Namen habe ich leider vergessen.«

»Ist nicht so schlimm«, wehrte der ab. »Hauptsache, dich kennt hier jeder.« Er wies auf einen Fußweg, der von der Straße abging. »Da hinten, ein paar Hundert Meter weiter, ist es passiert.«

»Eine Schande, dass du den Weg auf diese Weise kennenlernen musst«, sagte Raffaela Riva. »Und das auch noch an einem so schönen Frühsommertag.«

»Wieso, was ist an dem Weg so Besonderes?«, fragte Friedemann. Raffaelas plötzlicher Wechsel zum Du irritierte ihn.

»Es ist einer der schönsten Höhenwanderwege von Ulm«, erklärte sie. »Da vorne, wo die vielen Leute stehen, ist der Aussichtspunkt Oberberghof. Bei gutem Wetter sieht man locker bis zur Zugspitze und noch ein bisschen weiter. Ich gehe gern mit meinem Freund hier spazieren.«

Plötzlich bemerkte sie Friedemanns Verwirrung.

»Ich habe ganz vergessen, es dir zu sagen. Hier in der Inspektion 1 sind wir alle auf Du. Nur Ingo wird gesiezt, und das auch nur bei offiziellen Anlässen. Wenn wir unter uns sind, sind wir auch mit ihm auf Du.«

Dank dieser Erläuterung war wenigstens geklärt, wer Ingo war. Es musste sich um Kriminalrat Grosselt handeln, den Leiter der Inspektion. Den Vornamen hatte er anscheinend nie gehört oder sofort vergessen.

Als sie sich dem Tatort näherten, sah Friedemann das übliche Aufgebot an Polizei: Spurensicherer in ihren weißen Kunststoffhüllen, Uniformierte, die den Tatort sicherten, sowie eine kleine Gruppe von normal gekleideten Menschen, wohl Mitarbeiter der Ulmer Kripo, also seine neuen Kollegen. Dass weder Sanitätsfahrzeuge noch ein Wagen vom Bestattungsdienst vor Ort waren, bedeutete wohl, dass die Leiche bereits abtransportiert worden war.

Die Gruppe der Kripoleute bestand aus zwei Frauen und zwei Männern. Einer der Männer war ausgesprochen klein und hatte eine auffallend große Nase. Er redete auf die beiden Frauen ein, gestikulierte dabei heftig mit den Händen – unverkennbar Kriminalrat Ingo Grosselt. Friedemann hatte bei seinem Vorstellungsgespräch kurz mit ihm gesprochen. Schon damals hatte er sich gewundert, dass ein körperlich so wenig eindrucksvoller Mann, der auf den ersten Blick sogar etwas lächerlich wirkte, Karriere bei der Polizei gemacht hatte. Und das in der Inspektion 1, die in Ulm wie überall in Deutschland für Mord und Totschlag zuständig war. Der andere Mann war groß und kräftig, hielt den Rücken kerzengerade, wirkte wie jemand, der sich nicht so leicht etwas sagen lässt.

Sein Teamleiter, Hauptkommissar Peter Lengwald, war nicht dabei. Friedemann suchte mit den Augen die Umgebung nach ihm ab, doch er fand ihn nicht. Inzwischen hatte Grosselt Friedemann erspäht und winkte ihn mit hektischen Handbewegungen zu sich heran.

Als er sich näherte, ging der Kriminalrat mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Sein Händedruck war überraschend kräftig.

»Ich freue mich, dass Sie in dieser schwierigen Situation zu uns gekommen sind!«, rief er. Er drehte sich um und sagte mit lauter Stimme: »Vermutlich habt ihr schon erraten, dass Friedemann Bach vor euch steht, unser neuer Kollege, der aus Freiburg zu uns gekommen ist. Er ist ein sehr erfahrener Ermittler. Er war in Freiburg ebenfalls in der Inspektion 1 tätig, kennt sich also bestens mit unserer Arbeit aus. Ich bin sehr glücklich, dass wir jetzt, da wir auf Peter verzichten müssen, eine so kompetente Verstärkung erhalten.«

Auf Peter Lengwald, seinen Teamchef, verzichten? Wovon redete der Kriminalrat da?

»Was ist passiert?«, rief er überrascht.

Grosselt seufzte. Er wandte sich Friedemann zu und erklärte: »Peter Lengwald, der Ihr Teamleiter geworden wäre, wurde vorletzte Woche überraschend ins Krankenhaus eingeliefert. Er hat mich gestern kontaktiert. Er hat mir mitgeteilt, dass er erfolgreich operiert wurde und dass er auf dem Weg der Besserung ist. Aber er muss sich einer umfangreichen Reha-Maßnahme unterziehen und rechnet mit einer sehr langen Rekonvaleszenzzeit. Peter wird monatelang nicht verfügbar sein. Er geht davon aus, dass er auch danach eine Zeit lang nicht voll einsatzfähig sein wird. Er hat mich gebeten, ihn bis auf Weiteres von seinen Aufgaben zu entbinden.«

»Was ist mit ihm?«, fragte Friedemann.

Grosselt zögerte.

Raffaela antwortete an seiner Stelle: »Magenkrebs. Ein großer Teil seines Magens musste entfernt werden. Peter muss seine Ernährung völlig umstellen. Außerdem gibt es Verdacht auf Metastasen. Er bekommt eine lange und sehr anstrengende Chemo.« Sie sprach stockend. Man merkte, dass es ihr schwerfiel, über die Krankheit zu sprechen, die ihren Teamleiter so unerwartet getroffen hatte.

Grosselt seufzte noch einmal. Er wandte sich Friedemann zu: »Aus diesem Grund muss ich Peters Team umorganisieren. Kriminalhauptkommissarin Kerstin Gödel, seine engste und erfahrenste Mitarbeiterin, wird die Leitung übernehmen. Raffaela Riva, die Sie ja schon kennengelernt haben, bleibt im Team. Das Team wird komplettiert durch eine weitere neue Mitarbeiterin, Kriminalkommissarin Jessica Höfling, die im Rahmen ihrer Einarbeitung zuletzt im Bereich Cybercrime tätig war.« Er machte eine kurze Pause, sagte dann: »Peter hat bei Ihrem Vorstellungsgespräch leider darauf verzichtet, Sie mit Ihren zukünftigen Kollegen bekanntzumachen. Er war sich sehr unsicher, ob Sie überhaupt kommen würden. Also sollten Sie das Kennenlernen jetzt wohl nachholen.«

Er wandte sich ab, sodass Friedemann alleine den Frauen gegenüberstand, die seine neuen Teamkolleginnen sein würden. Eine von ihnen war sehr jung, höchstens Mitte zwanzig. Es handelte sich also wohl um die Kommissarin, die noch in der Einarbeitung war. Die Ältere war somit seine neue Teamleiterin, Kerstin Gödel.

Sie sprach ihn sofort an: »Ich sehe, Sie sind schockiert und völlig überrascht. Glauben Sie mir, wir sind alle schockiert. Es kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich hatte nie vor, Peters Team zu übernehmen.«

Friedemann Bach konnte nicht anders, als sie anzustarren.

Kerstin Gödel war eine attraktive Frau. Sie hatte ein ebenmäßiges ovales Gesicht, lange glatte dunkelblonde Haare und leuchtend grüne Augen. Ihre knappe Lederjacke unterstrich unauffällig ihre Weiblichkeit. Ihre Jeans saßen perfekt, aber nicht zu eng. Er schätzte ihr Alter auf Anfang vierzig. Kerstin Gödel war leicht überdurchschnittlich groß, etwas über einen Meter siebzig. Hier, am Tatort, trug sie robust wirkende flache Schuhe, doch er zweifelte nicht daran, dass sie in ihrem Büro ein Paar hochhackige Pumps stehen hatte, mit denen sie in der Stadt unterwegs war.

Alles an ihr wirkte perfekt, und es erinnerte ihn ungut an seine frühere Vorgesetzte. Er wandte den Blick ab, doch er merkte sofort, dass das noch seltsamer wirkte als sein vorheriges Starren.

Grosselt bemerkte sofort, dass etwas schiefgelaufen war. Er versuchte, die Situation zu entspannen, indem er die Lage erklärte. Er sah Friedemann und Raffaela an. »Da ihr vorher nicht dabei sein konntet, berichte ich zunächst, was wir schon wissen. Heute Morgen um viertel nach fünf hat ein Hundebesitzer aus dem Mähringer Weg hier am Aussichtspunkt eine weibliche Leiche gefunden. Die Tote trug Joggingkleidung. Die Todesursache war ein Schuss in den Kopf. Der Gerichtsmediziner schätzt, dass die Tat kurz vor dem Auffinden der Leiche geschah. Die Tote lag sicher weniger als eine Stunde dort. Sie ist noch nicht identifiziert. Sie hatte weder Papiere bei sich noch ein Handy. An ihrem Arm ist eine leere Handytasche, die anscheinend gewaltsam geöffnet wurde. Der Schuss kam aus dem Wäldchen links. Die Tatwaffe war ein großkalibriges Gewehr, wahrscheinlich ein Jagdgewehr mit Zielfernrohr. Etwa siebzig Meter vom Fundort der Leiche haben die Spurensicherer eine Astgabel gefunden, die vermutlich zum Aufstützen der Waffe verwendet wurde, sowie Abdrücke eines Körpers.«

»Er hat sie aus der Ferne erschossen und ist dann zur Leiche gerannt, um ihr Handy zu stehlen«, schloss Friedemann. »Ziemlich tollkühn.«

»Keine voreiligen Schlüsse!«, gab Kerstin zurück. »Vielleicht war der Mörder gar nicht der Dieb. Vielleicht wurde das Handy nach ihrem Tod von jemand anderem geraubt. Solche Dinge kommen vor. Leider.«

Raffaela bemerkte die Spannung, die in der Luft lag, und versuchte, das Thema zu wechseln: »Gibt es ein Bild der Toten? Ich wüsste gern, wie sie ausgesehen hat.«

Kerstin Gödel zückte ihr Handy. »Die Kriminaltechniker haben in Rekordzeit gearbeitet, um ein Bild zu erstellen, das dem nahekommt, wie sie zu Lebzeiten ausgesehen haben muss.«

Die Tote hatte ein rundliches Gesicht und kurze weizenblonde Haare, in denen sich erste graue Strähnen zeigten. Ihre Gesichtszüge wirkten auf Friedemann etwas langweilig, abgesehen von der kurzen, kecken Stupsnase, die ihr einen fröhlichen Ausdruck schenkte. Vermutlich war sie um die fünfzig Jahre alt.

»Sie war etwa durchschnittlich groß und schlank, körperlich gut in Form«, berichtete Kerstin Gödel. »Sie trug bunte Joggingkleidung, eine lila Hose und ein oranges Top.«

Sie zeigte ein weiteres Bild, auf dem die Tote zu sehen war, nachdem man sie in den weißen Plastiksarg gelegt hatte, mit dem sie in die Gerichtsmedizin transportiert werden sollte.

»Meine Gruppe ist ziemlich klein für einen so komplexen Fall«, sagte Friedemanns Chefin dann. Sie wandte sich an Grosselt: »Kann ich Verstärkung bekommen?« Dabei sah sie den großen, kräftigen Mann an, der neben Grosselt stand.

Der wehrte sofort ab: »Heute kann ich dir auf keinen Fall helfen. Der Fall in Laupheim lastet mich völlig aus. Vielleicht klappt es ja morgen.« Er sprach hektisch, schien keinen Wert auf die Zusammenarbeit zu legen.

Von dem Morddrama in Laupheim, einer Kleinstadt nahe Biberach, hatte Friedemann schon gehört. In einem Einfamilienhaus waren drei Tote gefunden worden. Alle waren an Schussverletzungen gestorben. Zunächst hatte es nach einem Familiendrama ausgesehen. Die Nachbarn hatten übereinstimmend berichtet, dass es in der Familie oft zu lauten Auseinandersetzungen gekommen war, und der Ehemann war als gewalttätig bekannt. Doch die Tatwaffe war verschwunden. Die Boulevardpresse und die sozialen Medien hatten sich sofort auf den Fall gestürzt. Im Netz kursierten die wildesten Spekulationen, vom Raubüberfall durch einen libanesischen Clan bis hin zu der Vermutung, die Polizei sei selbst in den Fall verstrickt.

Kerstin sah den Inspektionschef an.

»Ich muss Andreas leider recht geben«, sagte Ingo Grosselt. »Der Fall in Laupheim hat höchste Priorität. Wir müssen den Shitstorm beenden.«

Der bullige Mann, der offensichtlich Andreas hieß, nickte zufrieden, ging zu einem der geparkten Fahrzeuge und verließ den Tatort.

Plötzlich kam ein uniformierter Beamter auf Grosselt zu, zog ihn beiseite und redete erregt auf ihn ein.

Der Kriminalrat bedankte sich und kam zur Gruppe zurück. »Wir haben eine teilweise Identifikation«, berichtete er. »Die Beamten an der Absperrung haben das Foto der Toten einigen Passanten gezeigt, die behauptet haben, sie seien oft hier und würden viele Leute kennen. Ein paar von ihnen können sich erinnern, dass sie ihr begegnet sind. Manche haben auch mit ihr gesprochen. Ihr Vorname ist Birgit. Sie hat in einem Pflegeheim gearbeitet, entweder auf dem Michelsberg oder in Blaustein, die Zeugen widersprechen sich da. Aber das sollte wohl ausreichen, um ihre Identität herauszufinden.«

»Ich hatte sowieso vor, Sie ein bisschen in der Gegend herumzuschicken, damit Sie möglichst rasch Ulm kennenlernen«, sagte Kerstin Gödel und sah Friedemann an. »Fahren Sie mit Raffaela zu den Pflegeheimen und hören sich dort um. Anschließend kommen Sie zu mir und erstatten Bericht. Dann können wir uns besser miteinander bekannt machen.«

Sie wandte den Blick, lächelte Raffaela kurz zu, dann drehte sie sich rasch um und ging zu einem der Dienstwagen, die in der Nähe geparkt waren. Die junge Kollegin, die bisher kein Wort gesprochen hatte, folgte ihr. Auch Kriminalrat Grosselt stieg mit ein.

Friedemann Bach hätte sich am liebsten geohrfeigt.

Raffaela hatte sofort gemerkt, dass die erste Begegnung zwischen Friedemann und der Teamleiterin sehr unglücklich verlaufen war. »Keine Angst, sie beißt nicht«, sagte sie keck, nachdem Kerstin Gödel weggefahren war. »Sie wohnt zwar auf dem Galgenberg, aber sie ist weder ein Galgenvogel noch eine Henkerin.«

Eselsberg, Michelsberg, Galgenberg – bestand dieses vermaledeite Ulm nur aus Bergen?

Die Fahrt zum Pflegeheim auf dem Michelsberg war nicht weit und führte hauptsächlich bergab. Das Heim lag in einem dichtbebauten Gebiet und war ein typischer Vertreter seiner Art: ein sechsstöckiges modernes Betongebäude mit viel Glas und ohne architektonischen Schnickschnack, sehr nüchtern. Friedemann hatte sich immer gefragt, ob sich ältere Menschen in so einem Bau wohlfühlen konnten.

Die Pflegedienstleiterin reagierte zunächst erschreckt, als sie vom Tod einer Mitarbeiterin hörte, aber sie entspannte sich sofort, als sie erfuhr, dass der Vorname der Toten Birgit war.

»Eine Birgit haben wir nicht«, sagte sie. »Auch keine mit einem Namen, der ähnlich klingt. Keine Biggi, keine Birte und keine Gitte.«

Als Raffaela ihr das Bild der Toten zeigte, bekräftigte sie noch einmal: »Diese Frau kenne ich nicht.«

Somit musste Friedemann eine weitere Fahrt auf Raffaelas kleinem Gefährt erdulden.

Das Seniorenzentrum in Blaustein glich seinem Pendant auf dem Michelsberg, hatte aber nur vier Stockwerke. Friedemann gefiel die Umgebung viel besser. Die Landschaft war einigermaßen eben, das Heim lag direkt an einem Flüsschen, und zwischen den Häusern gab es viel Grün.

Die Leiterin des Pflegepersonals empfing sie in ihrem Büro. Sie hatte ein freundliches, offenes Gesicht und trug eine große eckige Brille, die ihr eine Aura von Kompetenz verlieh, ohne sie streng wirken zu lassen. Friedemann schätzte ihr Alter auf Mitte vierzig.

Als sie den Namen der Toten hörte, reagierte sie erschreckt: »Birgit. Du meine Güte! Wir haben uns schon gewundert, als sie heute früh nicht zum Dienst erschienen ist. Sie ist sehr zuverlässig. Wir haben versucht, sie anzurufen, aber es ging nur der Anrufbeantworter an.«

Als Raffaela ihr das Bild der Toten zeigte, war jede Ungewissheit vorbei. »Das ist sie!«, schrie die Pflegedienstleiterin.

»Können Sie uns den vollen Namen sagen?«, bat Friedemann.

»Natürlich. Birgit Mauder. Entschuldigen Sie, ich bin total durcheinander.« Erst jetzt ging ihr auf, was die Anwesenheit der Kriminalbeamten bedeutete: »Wurde … wurde sie umgebracht?«

»Sie wurde unter Umständen aufgefunden, die ein Fremdverschulden nahelegen«, bestätigte Friedemann.

Er ließ ihr etwas Zeit, die Nachricht zu verarbeiten, dann fragte er: »Wir haben bisher keine Hinweise auf den Täter und sein Motiv. Hatte Frau Mauder Feinde? Kennen Sie jemanden, mit dem sie Streit hatte?«

»Birgit war allgemein beliebt. Sie war immer freundlich, selbst wenn sie total im Stress war. Und sie war immer bereit zu helfen. Wenn eine Kollegin einen Termin hatte, hat sie ohne Murren die Schichten mit ihr getauscht. Wenn es in einem anderen Heim unseres Betreibers ein Problem gab, hat sie auch dort ausgeholfen.« Die Pflegedienstleiterin schluckte, ruckte nervös mit ihrem Bürodrehstuhl nach links und rechts, sagte dann mit stockender Stimme: »Ich … ich werde nie wieder eine Mitarbeiterin bekommen, die so eifrig, flexibel und freundlich ist.«

Einen Augenblick dachte Friedemann, sie würde anfangen zu weinen. Er gab ihr Zeit, sich zu fassen, fragte dann: »Sie sagen, sie war sehr flexibel. Heißt das, dass sie alleinstehend war?«

»Ja. Bis vor drei Jahren hat sie mit ihrer Mutter zusammengelebt. Seit die Mutter gestorben ist, lebt sie allein.«

»Das klingt, als hätte sie nicht viel Privatleben gehabt.«

»Das stimmt. Birgit war sehr zurückhaltend. Sie hat sich gelegentlich mit ihren Kolleginnen getroffen, aber immer nur zu besonderen Anlässen. Sie liebt Orgelmusik, geht auch gern ins Theater. Ansonsten ist …, war ihr einziges Hobby das Joggen, und das hat sie allein gemacht. Je nach ihrem Dienstplan ist sie morgens oder abends gejoggt. Manchmal sogar zwei Mal am Tag.«

Sie brauchte offensichtlich noch Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihre Mitarbeiterin tot war.

Friedemann machte eine Pause, stellte dann eine etwas heiklere Frage: »Es gab keinen Mann in ihrem Leben?«

»Ich bin mir nicht ganz sicher. Es gab ein Tabu in Birgits Dienstplan. Alle zwei Wochen brauchte sie ein freies Wochenende – das war ein Muss. Ein paar Kolleginnen haben behauptet, sie hätte ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann. Ich weiß nicht, ob das eine Spekulation war oder ob sie Genaueres wussten. Auffällig ist jedenfalls, dass sie mir vor ein paar Monaten mitgeteilt hat, ich könnte sie jetzt freier einteilen. Das Zwei-Wochen-Raster sei nicht mehr aktuell.«

»Wie viele Pflegekräfte arbeiten hier?«

»Wir haben ein ziemliches Kommen und Gehen von Praktikanten, Azubis und Aushilfskräften. Aber es sind immer mehrere Dutzend.«

Das konnte sich zu einer langwierigen Befragungsaktion auswachsen.

Friedemann wechselte das Thema: »Wie lange war Birgit Mauder bei Ihnen?«

»Seit unserem Start im Jahr 2006.«

»Gab es einen konkreten Grund, warum sie so zurückgezogen gelebt hat?«

»Sie muss wohl einmal eine ernsthafte Beziehung mit einem sehr viel älteren Mann gehabt haben, der bald gestorben ist. Sie hat lange um ihn getrauert. Das hat mir jedenfalls meine Vorgängerin erzählt. Sie kannte Birgit schon sehr lange. Die beiden haben früher gemeinsam in einem Pflegeheim in Neu-Ulm gearbeitet. Als meine Vorgängerin die Leitung hier übernommen hat, ist Birgit mit ihr hergekommen.«

»Wie können wir sie erreichen?«

»Leider gar nicht. Sie ist vor fünf Jahren in Rente gegangen, und letztes Jahr ist sie gestorben. Birgit hat auf der Beerdigung schrecklich geweint.«

Ihre Stimme klang jetzt zögernd, gepresst, als hätte sie große Mühe, die Worte herauszubringen.

Friedemann ließ ihr wieder etwas Zeit, ehe er weiterfragte: »Können Sie uns etwas über Ihre Mitarbeiterin sagen, das uns vielleicht weiterhilft?«

»Neulich habe ich ihre Personalakte studiert, und da ist mir aufgefallen, dass sie eine Lücke im Lebenslauf hat. Sie hat kein Zeugnis für die beiden letzten Jahre, ehe sie in Neu-Ulm angefangen hat, und auch sonst keine Unterlagen. Das war Mitte der neunziger Jahre.«

»Haben Sie eine Erklärung dafür?«

»Das letzte Zeugnis aus der Zeit zuvor stammt von einer Familie, bei der Birgit als Pflegerin für den todkranken Großvater gearbeitet hat. Vielleicht hat sie anschließend wieder als Pflegerin für eine Privatperson gearbeitet, ihr Patient ist verstorben und er hatte keine Angehörigen, die ihr ein Zeugnis hätten ausstellen können.«

Friedemann war überrascht. »Eine private Pflegerin? Ist das nicht ungewöhnlich?«

»Heute gibt es das kaum noch. Man beauftragt einen ambulanten Pflegedienst. Und da die meisten Pflegerinnen aus Osteuropa stammen, kann sich eine Privatperson gar nicht selbst um die Anwerbung und den notwendigen Papierkram kümmern. Aber früher haben sich wohlhabende Menschen oft eine Pflegerin geleistet, die im Haus lebte und auch bei ihnen angestellt war.«

»Auch noch in den neunziger Jahren?«

»Wenn es sich um eine sehr wohlhabende Familie handelt, die gewöhnt ist, Hauspersonal zu haben, warum nicht?«

»Eine Sache noch«, sagte die Pflegedienstleiterin, als Raffaela und Friedemann sich verabschieden wollten. »Ich hätte es beinahe vergessen. Birgit hätte ab Montag Urlaub gehabt. Zwei Wochen. Sie hat gesagt, sie bekommt Besuch von einer Freundin. Ob es vielleicht doch mit diesem Liebhaber zusammenhängt …« Sie zuckte die Achseln.

Während sie zur Raffaelas Roller zurückgingen, sagte Friedemann: »Das soll jetzt keine Kritik sein, aber ich finde, du hast dich mit Fragen sehr zurückgehalten.«

»Ich wollte sehen, wie du es machst«, verteidigte sich Raffaela. »Ich habe bisher mit Günter zusammengearbeitet, der vor ein paar Monaten in Rente gegangen ist. Der war zwar ein erfahrener Ermittler, aber ein bisschen vom alten Schlag. Sehr forsch. Manchmal hat ein Zeuge, der mit seiner Art nicht zurechtkam, einfach zugemacht. Deine Art zu fragen, finde ich besser.«

Kerstin Gödel hatte ihre Laufschuhe ausgezogen. Auch das Paar ihrer stadttauglichen Pumps stand in einer Ecke. Sie streckte ihre nackten Füße von sich, versuchte sich zu entspannen.

Sie war irritiert. Warum hatte ihr neuer Kollege, dieser Friedemann Bach, sie so angestarrt? Hatte er Schwierigkeiten mit weiblichen Vorgesetzten?

Ingo Grosselt hatte ihr seine Personalakte zukommen lassen – nicht ganz legal, schließlich war sie in ihrer Position als Teamleiterin keine disziplinarrechtliche Vorgesetzte. Dort hatte sie keinen Hinweis gefunden. Seine Beurteilung war hervorragend. In Freiburg hatte Bach ebenfalls unter einer Teamleiterin gearbeitet.

Nun saß er vor ihr. Sie musterte ihn genau. Friedemann Bach war Anfang dreißig, etwas schmächtig, zarte Hände, ein schmales, hohes Gesicht mit Lockenhaaren und beginnenden Geheimratsecken. Seine Bewegungen wirkten eckig und etwas unbeholfen. Wohl eher ein Schreibtischtäter. So wie ihre Teamplanung aussah, würde er sich gehörig umgewöhnen müssen.

Kerstin beschloss, das Problem gleich anzugehen. In beiläufigem Plauderton fragte sie: »Ich kenne Freiburg ein bisschen. Ulm hat eine schöne Altstadt, aber die von Freiburg finde ich schöner. Das Klima in Freiburg ist ausgesprochen warm und sonnig. Was hat Sie bewogen, ins neblige und regnerische Ulm zu wechseln?« Sie sah ihren neuen Mitarbeiter unverwandt an.

Der rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her und stieß schließlich hervor: »Private Gründe.«

Sie musste wohl direkter werden. »Das habe ich vermutet«, sagte sie. »Vorher haben Sie mich in einer sehr auffallenden Weise angestarrt, als ich mich Ihnen vorgestellt habe. Haben Sie Schwierigkeiten mit einer Frau als Chefin?«

»Nein! Meine Teamleiterin in Freiburg war ebenfalls eine Frau.«

»Und mit der sind sie gut zurechtgekommen?«

»Ja. Sie können meine Dienstbeurteilungen ansehen. Ich hatte nie Schwierigkeiten mit ihr.«

»Nie?« Kerstin sah ihn unverwandt an. Die Rollenverteilung hatte sich umgekehrt. Nun war sie es, die Friedemann Bach anstarrte. Einen Moment lang musste Kerstin grinsen.

Ihr Grinsen verunsicherte Bach noch mehr. Er rutschte weiter auf seinem Stuhl hin und her, wartete darauf, dass sie etwas sagte, doch sie blieb stumm und sah ihn weiter an. Sie musste wissen, warum Friedemann Bach sich so seltsam benommen hatte. Wenn er ein grundsätzliches Problem mit weiblichen Vorgesetzten hatte, musste sie mit Ingo darüber reden, ob er überhaupt als Mitarbeiter für sie taugte. Als junge Kriminalbeamtin hatte sie allzu oft Kollegen ertragen müssen, die sich noch immer nicht daran gewöhnen konnten, dass es bei der Polizei auch Frauen gab.

Friedemann Bach schien unschlüssig, fing an zu schwitzen, begann nun auch, an den Fingern seiner linken Hand zu zupfen, suchte sichtlich nach Ausflüchten. Kerstin sah ihn weiter an. Schließlich erkannte er, dass er sich nicht herausreden konnte, und platzte mit der Wahrheit heraus: »Nie! Solange bis … Wir hatten ein Verhältnis miteinander.«

»Und das ging unsanft zu Ende.«

»Es war schrecklich peinlich. Unsere Beziehung begann, als wir uns zufälligerweise in einer Kneipe getroffen haben. Ihre Ehe war kurz zuvor zerbrochen, und beinahe gleichzeitig hatte mich meine Freundin unsanft rausgeschmissen. Wir haben uns gegenseitig unser Leid geklagt, und plötzlich lagen wir miteinander im Bett. Ungefähr sechs Monate lang waren wir ein Liebespaar. Wir waren sehr diskret. Unsere Kollegen und die Chefs haben nichts geahnt.«

»Aber dann …«, hakte Kerstin Gödel nach.

»Ihr Mann hat sich erneut um sie bemüht. Auf einer Fahrt nach Paris haben sie Versöhnung gefeiert. Anschließend wusste Lisa nicht, wie sie sich mir gegenüber verhalten soll. Manchmal hat sie sich kaum getraut, mich anzusehen, und ich war genauso gehemmt. Die Kollegen sind rasch dahintergekommen, dass zwischen uns etwas nicht stimmt. Sobald wir in einer Besprechung aufgetaucht sind, ging das Getuschel los. Die Situation war nicht mehr auszuhalten. Schließlich haben wir uns mit dem Inspektionsleiter zusammengesetzt und ihm die Lage erklärt. Er hat gemeint, es sei das Beste, wenn einer von uns sich versetzen lässt. Lisa hatte sich mit ihrem Mann versöhnt, und ich war solo. Ich stamme aus Mannheim und war nur wegen meiner Ex-Freundin nach Freiburg gekommen. Die meisten Leute, die ich dort kannte, hatte ich über sie kennengelernt. Viele von ihnen haben mich hinterher geschnitten. Ich hatte keine Lust, ihnen immer wieder zu begegnen. Da hat unser Chef arrangiert, dass ich nach Ulm wechseln kann.«

Kerstin Gödel lachte erleichtert auf. »Das kann Ihnen mit mir jedenfalls nicht passieren«, meinte sie. »Ich lebe seit sechzehn Jahren in einer stabilen lesbischen Partnerschaft. Ganz offen. Sie dürfen ruhig darüber reden. Alle hier haben mich schon mit meiner Partnerin gesehen.« Kerstin hoffte, dass ihre Stimme entspannt klang, dass sie nichts von den hämischen Bemerkungen und den seltsamen Blicken verriet, die sie in den ersten Jahren nach ihrem Outing hatte ertragen müssen.

Ihre Erleichterung verwandelte sich rasch in Frustration und Sorge. Dass auch Jessica Höfling Persönlichkeitsprobleme hatte, war allgemein bekannt. Warum bekam sie als frisch ernannte Teamleiterin gleich zwei schwierige neue Mitarbeiter zugeteilt? Peter hatte nie mit einer solchen Situation zurechtkommen müssen.

Bach bemerkte ihren Stimmungsumschwung. »Ich bin aus Schaden klug geworden«, behauptete er. »So etwas wird mir nie mehr passieren.«

Kerstin Gödel ging nicht darauf ein und wechselte das Thema. »Beginnen wir mit den praktischen Fragen. Peter hat sein Team in zwei Tandems aufgeteilt, die ziemlich unabhängig voneinander gearbeitet haben. Peter und ich waren eines der Tandems, das andere bestand aus Raffaela und Günter. Günter ist in Rente gegangen, und Sie haben seine Stelle bekommen. Ich würde Sie deshalb gern mit Raffaela zusammenspannen. Sie ist in Ulm geboren, sie kennt hier alles und jeden. Ich denke, dass Sie sich gut ergänzen werden. Raffaela ist seit vier Jahren bei uns. Wo es ihr noch an Erfahrung fehlt, können Sie mit Ihren fünfzehn Dienstjahren einspringen. Wo Ortskenntnis nötig ist, kann Raffaela Ihnen aushelfen. Ich vertraue darauf, dass Sie gut zusammenarbeiten werden und nicht viel Führung brauchen.«

»Ich werde alles tun, damit ich Sie nicht enttäusche«, sagte Bach.

Was sollte er auch anderes sagen?

»Noch etwas«, fuhr Kerstin Gödel in einem etwas lockereren Ton fort. »Raffaela liebt ihre rote Elektro-Vespa – auf Italienisch sagt man Vespa Elettrica – heiß und innig. Sie behauptet, es gäbe keine schnellere und umweltfreundlichere Methode, um in der Stadt voranzukommen. Ihre Familie stammt aus Pontedera.«

Bach sah sie fragend an, aber sie war nicht in der Laune, ihm den Zusammenhang zu erklären. Sollte der Mann doch selbst herausfinden, was das eine mit dem anderen zu tun hatte.

»Würde es Ihnen was ausmachen, öfter bei ihr mitzufahren?«, fragte sie. »Günter, ihr früherer Partner, wollte das nicht. Das war das Einzige, was ihr an ihm nicht gepasst hat.«

»Ich fand es ganz witzig, auf so einem kleinen Gerät durch die Stadt zu brausen. Aber wie steht es mit dem Versicherungsschutz?«, fragte Bach. »Diese Vespa Elettrica ist ja wohl kein Dienstfahrzeug.«

»Darum hat sich die Supernase schon gekümmert«, sagte Kerstin Gödel. »Da gibt es keine Probleme.«

Anschließend hätte sie sich am liebsten selbst geohrfeigt. Die Supernase! Es war unvermeidlich, dass Bach irgendwann einmal Ingo Grosselts Spitznamen erfuhr, aber musste es ausgerechnet von ihr sein und ausgerechnet jetzt?

Bach tat, als wäre ihm nichts aufgefallen. »Dann habe ich keine Probleme damit«, gab er zurück.

»Ich habe vor, Sie ordentlich in der Gegend herumzuschicken«, ergänzte Kerstin. »Zeugen vor Ort befragen und so. Ulm ist eine sehr diverse Stadt mit ebenso diversen Ortsteilen, und Sie sollten möglichst rasch alle kennenlernen. Die Gebiete, die zur Polizeidirektion Ulm gehören, sind ebenfalls sehr divers, von der Landschaft her und von den Menschen.«

»Ich freue mich darauf. Seit der Affäre mit Lisa halte ich es im Büro kaum noch aus. Ich habe immer das Gefühl, dass der Raum zu eng ist, dass ich keine Luft bekomme.«

»Das wird sich mit der Zeit geben«, hoffte Kerstin. »Eine letzte Frage: Gibt es irgendein Tabuthema für Sie, etwas, mit dem man Sie auf die Palme bringen kann, auch wenn es ganz harmlos gemeint ist? Ich möchte nicht ungewollt in ein Fettnäpfchen treten.«

»Musik. Mein Vater war ein begeisterter Musiker, spielte mehrere Instrumente, hat sich mit Rock und Jazz genauso gut ausgekannt wie mit klassischer Musik. Da wir nun mal diesen blöden Nachnamen haben, hat er mir den Vornamen Friedemann gegeben. Am liebsten hätte er mich Johann Sebastian genannt, aber meine Mutter war dagegen. Mein Vater hat gehofft, dass ich sein musikalisches Talent erbe. Aber leider bin ich völlig unmusikalisch. Wenn es plötzlich keine Musik mehr gäbe, wäre ich vermutlich der Letzte, dem es auffallen würde.«

»Ich habe auch ein Tabuthema«, antwortete Kerstin Gödel. »Mathematik. Auch wegen meinem Namen.«

Bach sah sie fragend an.

»Kurt Gödel war einer der berühmtesten Mathematiker des letzten Jahrhunderts«, erklärte sie. »Manche behaupten, er sei der genialste Mathematiker aller Zeiten gewesen. Er hat anscheinend bewiesen, dass es Dinge in der Mathematik gibt, die wahr sind, obwohl man sie nicht beweisen kann. Oder so ähnlich. Genauer kann ich es Ihnen nicht erklären. Ich war in Mathe eine ziemliche Niete. Aber alle meine Mathelehrer haben mich gefragt, ob ich mit ihm verwandt bin. Es hat mich furchtbar genervt, und meiner Mathenote hat es nicht geholfen. Bitte sprechen Sie mich nie auf meinen Namensvetter an.«

»Das fiele mir nicht ein«, sagte Friedemann. »Ich hatte zwar eine Zwei im Mathe-Abi, aber von Kurt Gödel habe ich noch nie gehört.«

Kerstin wechselte das Thema: »Ich zeige Ihnen jetzt Ihren Arbeitsplatz. Aber vorher sollten wir noch eine Kleinigkeit regeln.«

»Ich weiß. Hier ist jeder mit jedem auf Du.«

»Richtig. Ich heiße Kerstin.« Sie streckte Bach die Hand hin.

Der ergriff sie gerne und erwiderte: »Friedemann.«

Kerstin führte ihn in ein etwas größeres Büro, in dem bereits ihre beiden anderen Mitarbeiterinnen saßen.

»Das ist unser Teamraum«, erklärte sie. »Normalerweise sitzen wir alle hier beisammen. Peter wollte kurze Kommunikationswege, und mir ist es genauso wichtig. Peter hat ein eigenes Büro, aber er hat es nur benutzt, wenn er vertrauliche Gespräche führen musste. Gerade eben, bei dem Gespräch mit dir, habe ich es mir ausnahmsweise ausgeliehen. Ich will ihn nicht von dort verdrängen.«

Sie führte Friedemann an den Schreibtisch gegenüber von Raffaela, wo ihr bisheriger Tandempartner gesessen hatte. Die begrüßte ihn mit dem breiten Grinsen, das typisch für sie war.

Die andere Mitarbeiterin sprang unvermittelt von ihrem Schreibtischstuhl auf, trat zu Bach hin und reichte ihm mit einem schüchternen Lächeln die Hand. »Ich heiße Jessica«, sagte sie. »Jessica Höfling.«

Friedemann Bach schien erfreut, sie kennenzulernen. Er sah, was alle sahen, wenn sie Jessica zum ersten Mal begegneten: eine hübsche junge Frau, die freundlich lächelte und ein bisschen schüchtern wirkte.

Leider wusste Kerstin bereits, dass die Zusammenarbeit mit Jessica schwierig war. Wenn sie mit Zeugen reden musste, schaltete sie manchmal plötzlich ab, brachte kein Wort mehr heraus. Gelegentlich wurde sie auch grundlos aggressiv. Ihre Einarbeitung hatte in der Inspektion 1 begonnen. Norbert, der normalerweise mit schwierigen Mitarbeitern gut zurechtkam, hatte es nicht geschafft, sie in sein Team zu integrieren. Daraufhin hatte man sie zur Inspektion 5 versetzt, die sich mit Cybercrime beschäftigte. Dort hatte man einen guten Eindruck von ihr gehabt. Nun war Jessica zurück in der Inspektion 1, und Kerstin musste herausfinden, warum sie sich so seltsam verhielt.

Als Jessica sich wieder auf den Stuhl setzte, auf dem bisher Peter gesessen hatte, gab es Kerstin einen zusätzlichen Stich ins Herz. Doch wo sollte sie sonst sitzen? Der Raum war klein, es gab keinen Ersatzschreibtisch.

Kerstin wandte sich wieder Friedemann zu. »Du hast mir alles Wichtige vorab per Telefon mitgeteilt«, sagte sie. »Darum lasse ich jetzt Raffaela berichten. Wenn sie irgendetwas falsch sagt oder etwas Wichtiges weglässt, kannst du dich zu Wort melden.«

Raffaela berichtete konzentriert und selbstsicher, was die Pflegedienstleiterin ihnen erzählt hatte. Friedemann hörte aufmerksam zu, machte aber nie Anstalten einzugreifen. Anscheinend hatte die Zusammenarbeit zwischen den beiden auf Anhieb geklappt. Immerhin etwas.

Gerade als Raffaela mit ihrem Bericht zu Ende war, läutete Friedemanns Telefon.

Die Chefin von Birgit Mauder, der Ermordeten, war am Apparat. »Ich habe mich gerade ein bisschen bei Birgits Kolleginnen umgehört«, sagte sie. »Alicja, eine junge Mitarbeiterin aus Polen, hat sie einmal mit ihrem Liebhaber gesehen. Wollen Sie mit ihr sprechen?«

Kerstin beschloss ohne Zögern, Raffaela und Friedemann wieder nach Blaustein zu schicken.

»Jessica und ich fahren inzwischen zur Wohnung der Toten«, sagte sie. »Das Spusi-Team ist schon dort.«

Kerstin schaute auf die Uhr. Es war kurz vor zwölf.

»Anschließend treffen wir uns zu einem kurzen Mittagessen«, entschied sie.

Sie sah Friedemann an: »Normalerweise würden wir uns Zeit lassen, damit wir uns besser miteinander bekanntmachen können. Aber der Fall drängt.«

Friedemann nickte nur. Diese Situation kannte er aus Freiburg.

Als sie zum zweiten Mal an diesem Tag auf das Seniorenzentrum Blaustein zugingen, sagte Friedemann: »Vorher hast du mich sprechen lassen, jetzt stellst du die Fragen. Ich will sehen, wie du es machst.«

Die Pflegedienstleiterin hatte einen kleinen Raum reserviert, wo die beiden Kripobeamten ungestört mit ihrer Mitarbeiterin Alicja reden konnten.

Alicja, die wohl nicht viel älter als zwanzig war, hatte ein rundes Gesicht ohne Ecken und Kanten. Sie war blond, blauäugig und mit einer beachtlichen Oberweite ausgestattet, die sie selbstbewusst in einem engen Shirt zur Schau trug.

Raffaela begann, indem sie sich Name und Adresse der Zeugin geben ließ. »Wir sind vom Alter her nicht sehr verschieden«, sagte sie dann. »Ist es okay, wenn wir uns duzen?«

»Kein Problem«, sagte Alicja. Sie sprach hervorragend Deutsch. Dass sie keine Muttersprachlerin war, erkannte man hauptsächlich an ihrem stark ausgeprägten Zungen-R und daran, dass sie manche Wörter falsch betonte. Mit ihrem Aussehen und ihrer leicht exotischen Sprechweise kam sie bei Männern sicher gut an.

»Dann erzähl mal, wie du Birgit und ihrem Liebhaber begegnet bist«, bat Raffaela.

»Es war vor etwa einem Jahr. Ich war mit meinem Freund unterwegs – meinem damaligen Freund.« Offensichtlich wollte sie keinen Zweifel daran lassen, dass sie ihre Freunde öfter wechselte. »Wir sind mit dem Zug nach Sonthofen gefahren. Wir wollten am Wochenende ein bisschen wandern. Ich verdiene nicht viel, habe kein Auto, und mein damaliger Freund hat auch nicht viel besser verdient. Aber mit dem Regionalexpress kommt man schnell und billig ins Allgäu.«

Sie atmete ein paar Mal kräftig aus und ein, was Friedemann wohl zum Hinsehen verleiten sollte, doch der starrte eigensinnig geradeaus.

»Als wir einen Sitzplatz gesucht haben, habe ich Birgit entdeckt. Wir haben uns ihr gegenüber hingesetzt. Das war ihr anscheinend peinlich. Sie hat kaum mit uns geredet. In Illertissen ist sie ausgestiegen. Ein Mann hat auf dem Bahnsteig auf sie gewartet. Sie haben sich zur Begrüßung leidenschaftlich auf den Mund geküsst.«

»Kannst du den Mann beschreiben?«

»Ich habe ihn nur flüchtig gesehen. Er hatte silbergraue Haare, eine große gerade Nase und sah irgendwie vornehm aus. Er trug Anzug und Krawatte. Er war größer als Birgit, aber ich glaube, richtig groß war er nicht. Wahrscheinlich nicht ganz einen Meter achtzig. Irgendwie hat man ihm angesehen, dass er Geld hat.«

»Wie alt war er?«

»Irgendwas zwischen fünfzig und siebzig, würde ich sagen. In der gleichen Altersgruppe wie Birgit.«

Das war nicht gerade ergiebig, doch Alicja redete nach einer kurzen Pause weiter.

»Ein paar Tage später hat Birgit mich angesprochen. Sie hat mir erklärt, dass ihr Freund verheiratet ist und dass seine Frau Multiple Sklerose hat. Die ganze Woche kümmert er sich um sie und pflegt sie, aber jedes zweite Wochenende übernimmt ihr Bruder die Pflege, und er kann mit Birgit verreisen. Sie fährt mit dem Zug nach Illertissen, und er holt sie dort mit dem Auto ab. Sie fahren dann irgendwo hin, wo es schön ist. Meistens in ein Wellnesshotel. Er braucht diese Wochenenden, sonst geht er vor die Hunde. Seine Frau ist hilflos. Manchmal kommandiert sie ihn schrecklich herum, dann weint sie wieder. Anscheinend wollte Birgit sich dafür rechtfertigen, dass sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hat.«

»Er holt sie am Bahnhof in Illertissen ab. Heißt das, dass er auch dort wohnt?«

»Nein. Sein Heimatort liegt ganz in der Nähe, aber sie treffen sich nicht dort. Sie wollen nicht, dass die Leute sie zusammen sehen.«

»Hat sie gesagt, wo er wohnt?«

Alicja drückte die Wirbelsäule durch, sodass ihre Oberweite noch deutlicher sichtbar wurde, und tat so, als würde sie angestrengt nachdenken. Friedemann starrte weiter stur geradeaus.

»Ich glaube, es war Vöhringen«, sagte sie schließlich. »Aber ganz sicher bin ich nicht.«

»Es geht um Vöhringen an der Iller«, erklärte Raffaela überflüssigerweise. »Nicht um den Ort gleichen Namens im Schwarzwald, den du vielleicht kennst.« Und, wieder an die junge Frau gewandt: »Weißt du noch, wann das war?«

»Irgendwann im letzten Frühsommer. Jedenfalls nicht später als Mitte Juli. Da habe ich mich von meinem damaligen Freund getrennt, und bald darauf habe ich einen anderen Mann kennengelernt.«

»Es gibt Vermutungen, dass Birgit sich vor einigen Monaten von ihrem Liebhaber getrennt hat. Weißt du etwas darüber?«

»Nicht wirklich. Ihr Verhalten hat sich in letzter Zeit mehrmals geändert. Vor ein paar Monaten hat sie bedrückt gewirkt, wenn sie am Wochenende mit mir Dienst hatte. Sonst ist sie immer fröhlich und freundlich. Sie bleibt sogar freundlich, wenn sie einem Patienten, der an Inkontinenz leidet, drei Mal hintereinander den Arsch putzen muss. Damals war sie merklich ungeduldig, hat einige Patienten richtiggehend angeknurrt. Das ist ihr sonst nie passiert.«

»Kannst du genauer sagen, wann das war?«

»Es hat irgendwann im Winter angefangen, kurz nach Weihnachten. Aber es hat nicht lang gedauert. Nach zwei, drei Monaten war sie wieder normal. In letzter Zeit war sie sogar ausgesprochen fröhlich. Sie achtet jetzt mehr auf ihre Kleidung. Neulich trägt sie auch Lippenstift und Wimperntusche. Einmal hat sie mich nach Schminktipps gefragt. Vielleicht versucht sie ja, sich wieder einen Typen anzulachen. Optisch würde es hinhauen. Für ihr Alter ist sie erstaunlich gut in Form.«

»Hat sie jemals eine Andeutung in dieser Richtung gemacht?«, fragte Raffaela.

Alicja überlegte einen Moment. »Ich kann mich nicht erinnern«, sagte sie dann. »Gegönnt hätte ich es ihr. Sie war eine sooo gute Kollegin. Ich habe sehr gern mit ihr zusammengearbeitet.«

Einen Moment lang sah es so aus, als wolle sie wieder ihre Brust zur Geltung bringen, dann erinnerte sie sich plötzlich, dass sie ihre Lieblingskollegin nie wiedersehen würde, und ließ die Schultern hängen.

Nachdem das Gespräch beendet war und sie das Gebäude verlassen hatten, fragte Raffaela: »Du hast die süße Alicja kaum angesehen. Hast du ein Problem mit vollbusigen Frauen?«