Im dunklen, dunklen Wald - Ruth Ware - E-Book + Hörbuch

Im dunklen, dunklen Wald E-Book

Ruth Ware

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Beschreibung

Der Weltbestseller jetzt im Taschenbuch Als Nora eine Einladung zum Junggesellinnenabschied ihrer einst besten Freundin erhält, ist sie mehr als überrascht: Zehn Jahre hat sie Clare nicht mehr gesehen - seit jenem Vorfall, den Nora nie ganz verwunden hat ... Ein idyllisches Wochenende tief in den Wäldern Nordenglands ist geplant. Nora gibt sich einen Ruck und fährt hin. Doch etwas geht schief. Grauenvoll schief. Die Party entwickelt sich zum mörderischen Albtraum.

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Ruth Ware

Im dunklen, dunklen Wald

Thriller

Deutsch von Stefanie Ochel

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

 

 

Für Kate; und für die anderen drei Fünftel

 

 

In einem dunklen, dunklen Wald steht ein dunkles, dunkles Haus

Und in dem dunklen, dunklen Haus ist eine dunkle, dunkle Tür,

Und die dunkle, dunkle Tür führt in den dunklen, dunklen Keller

Und in dem dunklen, dunklen Keller, da liegt … eine Leiche.

Ich laufe.

Ich laufe durch den mondhellen Wald, Zweige zerren an meinen Kleidern, meine Füße verfangen sich im Dickicht der schneebedeckten Farne.

Die Dornen der Brombeersträucher zerkratzen mir die Hände. Die Atemluft brennt in meinem Hals. Es tut weh. Alles tut weh.

Aber das ist es, was ich am besten kann. Ich laufe. Ich kann es schaffen.

Wenn ich laufe, habe ich stets ein Mantra im Kopf, sei es die Zeit, die ich anpeile, oder der Frust, den ich auf dem Asphalt abschütteln will.

Doch dieses Mal ist da nur ein einziges Wort, ein einziger Gedanke, der in mir pulsiert.

James. James. James.

Ich muss dorthin. Ich muss die Straße erreichen, bevor …

Und dann ist sie da, eine schwarze Schlange aus Asphalt im Mondschein, ich kann das Dröhnen eines nahenden Motors hören, und die weißen Linien leuchten so hell, dass meine Augen schmerzen, die schwarzen Baumstämme wirken wie dunkle Schlitze im Schein des Lichts.

Komme ich zu spät?

Ich schleppe mich über die letzten dreißig Meter, stolpere über umgestürzte Bäume, in meinem Brustkorb schlägt mein Herz wie eine Trommel.

James.

Ich bin zu spät, der Wagen ist zu nah, ich kann ihn nicht aufhalten.

Ich werfe mich auf die Fahrbahn, mit ausgestreckten Armen.

»Anhalten!«

1

Es tut weh. Alles tut weh. Das Licht in meinen Augen, das Dröhnen in meinem Kopf. Der Geruch von Blut dringt in meine Nase, es klebt an meinen Händen.

»Leonora?«

Die Stimme dringt nur schwach durch einen Nebel aus Schmerz zu mir. Ich versuche den Kopf zu schütteln, mein Mund kann das Wort nicht formen.

»Leonora, Sie sind jetzt in Sicherheit, Sie befinden sich im Krankenhaus. Wir bringen Sie erst mal zum CT.«

Es ist die Stimme einer Frau, sie spricht deutlich und laut. Ihre Stimme tut mir weh.

»Sollen wir jemanden anrufen?«

Ich versuche wieder, den Kopf zu schütteln.

»Nicht den Kopf bewegen«, sagt sie. »Sie haben eine Kopfverletzung.«

»Nora«, flüstere ich.

»Möchten Sie, dass wir Nora anrufen? Wer ist Nora?«

»Ich … mein Name.«

»Alles klar, Nora. Versuchen Sie, sich zu entspannen. Es wird nicht wehtun.«

Aber es tut weh. Alles tut weh.

Was ist bloß passiert?

Was habe ich getan?

2

Schon beim Aufwachen war mir klar, dass es ein Tag für eine Runde durch den Park war, die längste meiner regelmäßigen Laufstrecken, insgesamt fast fünfzehn Kilometer. Durch das Rattanrollo strahlte die Herbstsonne, was der Bettwäsche einen goldenen Schimmer verlieh, und der Duft des in der Nacht gefallenen Regens drang mir in die Nase. Die Blätter der Platane vor dem Fenster hatten an den Rändern bereits eine goldbraune Färbung angenommen. Ich schloss die Augen und begann, mich zu dehnen, während ich dem Klicken und Ächzen des Heizkörpers und dem gedämpften Rauschen des Verkehrs lauschte; bewusst spürte ich jeden Muskel in meinem Körper, schwelgte in der Erwartung des bevorstehenden Tages.

Ich beginne jeden Morgen auf die gleiche Weise. Vielleicht hängt das mit dem Alleinleben zusammen – man kann sich in seinen Gewohnheiten einrichten, es gibt keine Störung von außen, keine Mitbewohner, die die Milch leer trinken, keine Katze, die ein Haarknäuel auf den Teppich erbricht. Man weiß, dass das, was man am Abend im Schrank gelassen hat, beim Aufwachen noch im Schrank sein wird. Man hat die Kontrolle.

Oder vielleicht liegt es daran, dass ich von zu Hause arbeite. Wenn man keine geregelten Arbeitszeiten hat, können die Tage schnell formlos werden, ineinander verschwimmen. Manchmal ist man um fünf Uhr nachmittags noch im Morgenmantel und hat außer dem Milchmann keinen Menschen gesehen. Es gibt Tage, an denen ich keine einzige menschliche Stimme höre, wenn man mal vom Radio absieht, und ganz ehrlich? Mir gefällt das so. Für eine Schriftstellerin wie mich ist es in vielerlei Hinsicht ideal – allein zu sein mit den Stimmen im Kopf, mit den Figuren, die man selbst geschaffen hat. In der Stille können sie sich zu sehr realen Wesen entfalten. Besonders gesund ist diese Daseinsform allerdings nicht. Darum ist es wichtig, dass man eine Routine entwickelt, an der man sich entlanghangeln kann und die einem hilft, die Werktage von den Wochenenden zu unterscheiden.

Mein Tag beginnt so: Um Punkt halb sieben springt die Heizung an, und das Dröhnen des Boilers weckt mich auf. Ich werfe einen Blick auf mein Handy, um sicherzustellen, dass die Welt nicht über Nacht untergegangen ist – und dann liege ich da und höre dem Knacken und Knarzen des Heizkörpers zu.

Um sieben Uhr mache ich das Radio an, das schon auf BBC Radio 4 eingestellt ist, wo das Today Programme läuft, und strecke den Arm aus, um die Kaffeemaschine einzuschalten, die ich am Abend zuvor mit Kaffee und Wasser gefüllt habe, Carte Noire Filterkaffee, und auch den Filter habe ich bereits passgenau eingesetzt. Die Größe meines Apartments hat doch einige Vorteile. Einer davon ist, dass ich sowohl den Kühlschrank als auch die Kaffeemaschine erreichen kann, ohne das Bett zu verlassen.

Normalerweise ist der Kaffee fertig, sobald sie die Schlagzeilen vorgelesen haben, und dann hieve ich mich aus dem warmen Bett, trinke den Kaffee mit einem kleinen Schuss Milch und genehmige mir dazu eine Scheibe Toast mit Bonne-Maman-Himbeermarmelade (ohne Butter – nicht, weil ich auf Diät bin, sondern weil ich zur Marmelade einfach keine Butter mag).

Was danach geschieht, hängt vom Wetter ab. Wenn es regnet, oder ich keine Lust zum Laufen habe, dusche ich, checke meine Mails und beginne mit der Arbeit.

Doch heute war ein wunderschöner Morgen, und ich konnte es kaum abwarten, rauszukommen, die nassen Blätter unter meinen Füßen und den Wind in meinem Gesicht zu spüren. Duschen würde ich danach.

Ich zog ein T-Shirt, Sportleggings und Socken an und schob die Füße in meine Laufschuhe, die neben der Tür standen. Dann joggte ich die drei Stockwerke hinunter zur Straße und raus in die Welt.

 

Als ich zurückkam, erhitzt und verschwitzt, meine Glieder puddingweich vor Erschöpfung, nahm ich eine lange Dusche und ging meine To-do-Liste für den Tag durch. Ich musste noch eine Supermarktbestellung im Internet aufgeben, ich hatte fast nichts mehr zu essen da. Dann musste ich die Korrekturfahnen meines Buches durchsehen – ich hatte sie der Lektorin für diese Woche zugesagt und noch nicht einmal damit begonnen. Und es war höchste Zeit, dass ich endlich die E-Mails bearbeitete, die über das Kontaktformular meiner Website bei mir eingegangen waren, das schob ich schon seit Ewigkeiten vor mir her. Die meisten waren vermutlich ohnehin Spam-Nachrichten – egal, welche Verifizierungsmaßnahmen man trifft, sie scheinen die Bots nicht abzuhalten. Manchmal sind aber auch sinnvolle Sachen darunter, Bitten um Buchempfehlungen oder Rezensionsexemplare. Und manchmal … manchmal sind es auch Leseranfragen. Im Allgemeinen schreiben einem die Leute, weil ihnen das Buch gefallen hat, wobei durchaus schon der eine oder andere dabei war, der mir unbedingt mitteilen musste, was für ein schrecklicher Mensch ich sei. Doch selbst wenn sie nett sind, ist es oft komisch und unangenehm, wenn dir jemand seine Reaktion auf deine privaten Gedanken mitteilt, als ob er sein Urteil über dein Tagebuch fällt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich jemals an dieses Gefühl gewöhnen kann, egal, wie lange ich schreibe. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich mich jedes Mal mühsam dazu aufraffen muss.

Nachdem ich mich angezogen hatte, fuhr ich den Laptop hoch und klickte mich Stück für Stück durch die E-Mails, nur um eine nach der anderen zu löschen. Viagra. Tipps, wie ich »meine Liebste garantiert befriedigen« könne. Süße Russinnen.

Und dann …

An: Melanie Cho; [email protected]; T Deauxma; Kimayo, Liz; [email protected]; Maria Tatibouet; Iris P. Westaway; Kate Owens; [email protected]; Nina da Souza; French, Chris

Von: Florence Clay

Betreff: CLARESJUNGGESELLINNENABSCHIED!!!

Clare? Ich kannte keine Clare. Außer … Mein Herz begann schneller zu klopfen. Aber die konnte es nicht sein. Ich hatte sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen.

Eine Weile schwebte mein Finger unentschlossen über der Löschen-Taste. Doch dann klickte ich die Nachricht an und begann zu lesen.

HALLOIHRALLE!!!

 

Für diejenigen, die mich nicht kennen, mein Name ist Flo, und ich bin Clares beste Freundin von der Uni. Außerdem bin ich – Trommelwirbel – ihre Trauzeugin!! Also werde ich gemäß dem altehrwürdigen Brauch ihren Junggesellinnenabschied organisieren.

 

Ich habe mit Clare gesprochen, und – ihr könnt es euch sicher schon denken – sie möchte bitte keine aufblasbaren Penisse oder rosa Federboas. Also wird das Ganze etwas anspruchsvoller werden – ein Wochenende in Northumberland, ganz in der Nähe ihres Reviers zu Uni-Tagen – wobei sich bestimmt auch ein paar unanständige Spielchen hineinschmuggeln lassen!!

 

Clare hat sich dafür das Wochenende vom 14.–16. November ausgesucht. Ich weiß, es ist SEHR kurzfristig, aber wegen Arbeit, Weihnachten etc. blieb leider nicht viel Auswahl. U.A.w.g. bitte umgehend!

 

Ganz liebe Grüße – ich freu mich drauf, schon bald viele alte und neue FreundInnen zu treffen!!!

Flo xxx

Ich saß da, starrte mit gerunzelter Stirn auf den Bildschirm, kaute auf einem Fingernagel herum und versuchte, mir einen Reim darauf zu machen.

Dann las ich mir erneut die Empfängerliste durch. Da war ein Name, den ich kannte: Nina da Souza.

Damit war es also klar. Es musste sich um Clare Cavendish handeln. Es konnte niemand anders sein. Und ich wusste – oder glaubte mich zu erinnern –, dass sie in Durham studiert hatte, oder war es Newcastle? Das passte schon mal zum Veranstaltungsort Northumberland.

Aber warum? Warum hatte Clare Cavendish mich zu ihrem Junggesellinnenabschied eingeladen?

Konnte es sich um ein Versehen handeln? Hatte diese Flo einfach Clares altes Adressbuch durchforstet und an jeden, den sie darin fand, eine E-Mail geschickt?

Aber es waren nur zwölf Leute … das musste doch bedeuten, dass ich nicht aus Versehen eingeladen worden war. Oder?

Ich saß da und fixierte den Bildschirm, als ob die Pixel mir Antworten auf die Fragen liefern könnten, die mir Bauchschmerzen bereiteten. Ein Teil von mir wünschte sich, ich hätte die Nachricht einfach ungelesen gelöscht.

Plötzlich konnte ich nicht mehr still sitzen. Ich stand auf und eilte zur Tür, dann zurück zum Schreibtisch, wo ich stehenblieb und beklommen auf den Bildschirm starrte.

Clare Cavendish. Warum ich? Warum jetzt?

Diese Flo konnte ich schwerlich fragen.

Es gab nur eine Person, die Bescheid wissen konnte.

Ich setzte mich wieder. Dann begann ich schnell, bevor ich es mir anders überlegen konnte, eine Mail zu verfassen.

An: Nina da Souza

Von: Nora Shaw

Betreff: Junggesellinnenabschied???

 

Liebste N, hoffe, es geht dir gut. Ich muss zugeben, ich war ein bisschen überrascht, uns beide auf der Liste für Clares Junggesellinnenabschied zu sehen. Gehst du hin? xx

Und dann wartete ich auf eine Antwort.

 

In den nächsten Tagen versuchte ich, nicht daran zu denken. Ich versuchte, mich auf die Arbeit zu konzentrieren, vergrub mich in den verzwickten Details der Rückfragen meiner Lektorin, aber die E-Mail von Florence schwirrte mir ständig im Hinterkopf herum und lenkte mich ab, wie ein Bläschen auf der Zungenspitze, das immer dann ziept, wenn man es am wenigsten erwartet, oder ein kaputter Fingernagel, den man nicht in Ruhe lassen kann. Die E-Mail rutschte in meinem Posteingang jeden Tag ein Stückchen weiter nach unten, aber ich konnte sie spüren; ihre rote »Unbeantwortet«-Markierung schien wie ein stummer Vorwurf, und die offenen Fragen, die sich darin verbargen, brachten meinen eingespielten Alltag zusehends aus dem Gleichgewicht.

Antworte endlich, flehte ich Nina in Gedanken an, während ich durch den Park joggte, das Abendessen zubereitete oder einfach ins Leere starrte. Ich überlegte, ob ich sie anrufen sollte. Aber ich wusste nicht, was ich von ihr hören wollte.

Doch dann, ein paar Tage später, als ich beim Frühstück gerade gelangweilt auf meinem Handy die neuesten Twitter-Nachrichten durchging, blinkte plötzlich das »Neue E-Mail«-Symbol auf. Es war eine Mail von Nina. Ich nahm einen Schluck Kaffee, holte tief Luft und öffnete die Nachricht.

Von: Nina da Souza

An: Nora Shaw

Betreff: Re: Junggesellinnenabschied???

 

Hey, lang nix von dir gehört! Hab grad erst deine Mail gelesen – hatte diese Woche Spätschicht im Krankenhaus. Gott, ehrlich gesagt hab ich da so überhaupt keinen Bock drauf. Die Hochzeitseinladung hab ich schon vor ner Weile bekommen. Hab ja gehofft, dass mir wenigstens der Junggesellinnenabend erspart bleibt. Gehst du? Sollen wir nen Pakt schließen? Ich geh wenn du gehst? Nx

Ich trank meinen Kaffee und betrachtete den Bildschirm. Mein Finger schwebte über dem »Antworten«-Button, aber ich konnte mich nicht überwinden, darauf zu klicken. Ich hatte gehofft, dass Nina wenigstens einige der Fragen würde beantworten können, die mir im Laufe der letzten Tage durch den Kopf geschwirrt waren und sich dort langsam angestaut hatten. Wann sollte die Hochzeit stattfinden? Warum wurde ich zum Junggesellinnenabschied eingeladen, aber nicht zur Hochzeit? Wen würde Clare heiraten?

Hey, weißt du …, begann ich, löschte es jedoch gleich wieder. Nein. So direkt konnte ich sie nicht danach fragen. Das wäre ein eindeutiges Eingeständnis, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, was hier los war. Und ich war schon immer zu stolz gewesen, um zuzugeben, dass ich etwas nicht wusste. Ich kann es nicht ertragen, gegenüber anderen im Rückstand zu sein.

Ich versuchte, die Frage zu verdrängen, während ich mich anzog und duschte. Aber als ich wieder zu meinem Computer kam, waren da zwei weitere ungelesene E-Mails in meinem Posteingang. Die erste stammte von einer von Clares Freundinnen, die leider aufgrund eines Familiengeburtstags nicht teilnehmen konnte. Die zweite war eine weitere E-Mail von Flo. Diesmal wollte sie eine Empfangsbestätigung haben.

An: [email protected]

Von: Florence Clay

Betreff: JUNGGESELLINNENABSCHIEDFÜRCLARE!!!

 

Liebe Lee,

sorry, dass ich dich noch mal belagere, ich wollte nur wissen, ob du meine E-Mail neulich bekommen hast! Ich weiß, es ist eine Weile her, seit du Clare das letzte Mal gesehen hast, aber sie hatte SO gehofft, dass du kommen kannst. Sie spricht oft über dich, und ich weiß, dass sie es bedauert, dass ihr nach der Schule den Kontakt verloren habt. Ich weiß ja nicht, was da vorgefallen ist, aber sie würde sich WIRKLICH freuen, wenn du kommen würdest – bitte sag doch ja! Es würde ihr Wochenende perfekt machen.

Flo xxx

Ich hätte mich geschmeichelt fühlen sollen – dass Clare mich so gern dabeihaben wollte, dass Flo sich die Mühe gemacht hatte, mich aufzuspüren. Aber so war es nicht. Vielmehr ärgerte ich mich über ihre Aufdringlichkeit, und die verlangte Empfangsbestätigung empfand ich als Eingriff in meine Privatsphäre. Ich fühlte mich kontrolliert, ausspioniert.

Ich schloss die E-Mail und öffnete das Dokument, an dem ich gerade arbeitete, doch obwohl ich alle Gedanken an die Einladung entschlossen aus meinem Kopf drängte, hingen Flos Worte wie ein Echo in der Luft und nagten an mir. Ich weiß ja nicht, was da vorgefallen ist. Es klang wie ein weinerliches Kind. Nein, dachte ich verbittert. Das weißt du nicht. Also hör auf, in meiner Vergangenheit herumzustöbern.

Ich hatte mir geschworen, nie dorthin zurückzukehren.

Mit Nina war es anders – Nina wohnte inzwischen in London, und wir liefen einander manchmal in der Gegend um Hackney über den Weg. Sie war heute genauso Teil meines Londoner Lebens, wie sie es damals in Reading gewesen war.

Aber Clare – Clare gehörte zweifellos in die Vergangenheit, und ich wollte, dass sie dort blieb.

Und doch gab es einen Teil von mir – einen kleinen, hartnäckigen Teil, der an meinem Gewissen nagte –, der das nicht wollte.

Clare war meine Freundin gewesen. Meine beste Freundin, für eine lange Zeit. Trotzdem war ich davongelaufen, ohne mich umzudrehen, ja, sogar ohne eine Nummer zu hinterlassen. Was für eine Freundin war ich nur?

Unruhig stand ich auf und kochte mir, weil mir nichts Besseres einfiel, noch einen Kaffee. Ich sah der Maschine zu, wie sie zischend und gurgelnd ihre Arbeit verrichtete, während ich angespannt an meinem Fingernagel herumkaute und an die zehn Jahre zurückdachte, in denen ich keinen Kontakt zu ihr gehabt hatte. Als die Maschine endlich fertig war, schenkte ich mir eine Tasse ein und trug sie zurück zum Schreibtisch, machte mich aber nicht wieder an die Arbeit. Stattdessen öffnete ich die Google-Startseite und tippte »Clare Cavendish Facebook« in die Suchmaske.

Wie sich herausstellte, gab es jede Menge Clare Cavendishs. Mein Kaffee war längst kalt geworden, als ich endlich eine fand, von der ich glaubte, dass es die richtige sein könnte. Das Profilbild war ein Schnappschuss von einem verkleideten Pärchen auf einer Doctor-Who-Mottoparty. Unter der ausladenden roten Perücke war es schwer zu erkennen, doch etwas an der Art, wie die Frau den Kopf zurückwarf, ließ mich innehalten, als ich mich durch die nicht enden wollende Liste scrollte. Der Mann war als Matt Smith verkleidet, mit mittellangem, zur Seite gekämmtem Haar, Hornbrille und Fliege. Ich klickte das Bild an, um es zu vergrößern, und betrachtete die beiden lange in dem Versuch, unter dem roten Haar ihre Gesichtszüge auszumachen. Je länger ich schaute, umso mehr war ich überzeugt, dass es Clare war. Den Mann erkannte ich definitiv nicht, da war ich mir sicher.

Ich klickte auf das »Info«-Feld. Unter »Gemeinsame Freunde« war »Nina da Souza« zu lesen. Also war es definitiv Clare. Unter »Beziehungsstatus« hieß es: »In einer Beziehung mit William Pilgrim«. Bei dem Namen stutzte ich. Er kam mir irgendwie bekannt vor. Jemand aus der Schule? Aber der einzige William in unserem Jahrgang war Will Miles gewesen. Pilgrim. Ich konnte mich an niemanden mit diesem Namen erinnern. Ich klickte auf sein Profilbild, aber es zeigte bloß ein Foto eines halbvollen Bierglases.

Ich ging zurück zu Clares Profilbild. Während ich es mir ansah und überlegte, was ich tun sollte, spukte Flos E-Mail durch meinen Kopf: Sie hatte SO gehofft, dass du kommen kannst. Sie spricht oft über dich.

Ich fühlte einen Stich im Herzen. Schuldgefühle?

Ich war gegangen, ohne zurückzublicken; verstört, aus der Bahn geworfen. Lange hatte es mich alle Konzentration gekostet, einen Fuß vor den anderen zu setzen, nach vorn zu blicken, die Vergangenheit sicher in Schach zu halten.

Selbsterhaltung: Mehr brachte ich nicht zustande. Ich hatte mir nicht gestattet, an all das zu denken, was ich zurückgelassen hatte.

Aber jetzt sah ich Clare in die Augen, die kokett unter ihrer roten Perücke hervorlugten, und ich glaubte, in ihrem Blick etwas Flehendes zu sehen, einen Vorwurf.

Und da erinnerte ich mich. An das Glücksgefühl, das sie auslösen konnte, wenn sie in einem Raum voller Menschen ausgerechnet auf dich zukam. An ihr leises, glucksendes Lachen, die Zettelchen, die sie mir im Unterricht geschrieben hatte, ihren hintergründigen Humor.

Ich erinnerte mich daran, wie ich, vielleicht sechs Jahre alt, bei ihr übernachtet hatte, zum ersten Mal weg von zu Hause, und wachlag, während ich dem sanften Schnurren ihres Atems lauschte. Ich hatte einen Albtraum gehabt, ins Bett gemacht, und Clare – Clare umarmte mich und gab mir ihren Stoffteddy zum Knuddeln, während sie in die Wäschekammer schlich, um ein neues Laken zu holen und das andere im Wäschekorb zu verstecken.

Ich hörte die leise, müde Stimme ihrer Mutter im Flur, die fragte, was denn los sei, und Clare, wie sie ohne zu zögern antwortete: »Ich hab meine Milch verschüttet und Lees Bett ganz nass gemacht.«

Einen Moment lang war ich wieder dort, vor zwanzig Jahren, ein kleines, verschrecktes Mädchen. Ich konnte ihr Zimmer geradezu riechen – unseren säuerlichen Atem, den süßen Duft der Badekugeln in dem Glasgefäß auf dem Fensterbrett, das frisch gewaschene Bettlaken.

»Bitte sag es niemandem«, flüsterte ich, als wir das Bett bezogen und ich die nasse Schlafanzughose in meinem Koffer versteckte. Sie schüttelte den Kopf.

»Natürlich nicht.«

Und das tat sie auch nie.

Ich saß immer noch so da, als mein Computer plötzlich ein leises »Ping« von sich gab und eine weitere E-Mail anzeigte. Sie war von Nina. Also was ist der Plan? Flo will’s jetzt wissen. Ja zu unserem Pakt? Nx Ich stand auf und eilte zur Tür, meine Finger kribbelten in Erwartung der Dummheit, die ich nun begehen würde. Ich rannte zurück, und bevor ich es mir anders überlegen konnte, tippte ich Ok. Abgemacht. xx

Ninas Antwort kam eine Stunde später. Wow! Jetzt bin ich echt überrascht. Positiv überrascht natürlich. Abgemacht also. Wag es ja nicht mich hängen zu lassen! Ich bin Ärztin, vergiss das nicht. Ich kenn mindestens drei Arten einen Menschen zu töten, ohne Spuren zu hinterlassen. Nx

Ich atmete tief durch, öffnete Flos erste E-Mail und begann zu schreiben.

Liebe Florence (Flo?),

 

ich komme sehr gerne. Bitte sag Clare danke, dass sie an mich gedacht hat. Ich freue mich, euch alle zu treffen und Clare wiederzusehen.

 

Alles Liebe, Nora (Clare wird mich als Lee kennen)

 

P.S. Wenn es was Neues gibt, schick es mir am besten an diese Adresse. Die andere kontrolliere ich nicht so oft.

Danach überschlugen sich die E-Mails. Es gab eine Flut von Absage-Rundmails, die alle die kurzfristige Planung als Grund angaben. Bin an dem Wochenende verreist … Tut mir so leid, ich muss arbeiten … Trauerfall in der Familie … (Nina: Die nächste Person, die den »Allen antworten«-Button missbraucht, mache ich höchstpersönlich zum Trauerfall.) Ich kann leider nicht, weil ich da in Cornwall Schnorcheln gehe! (Nina: Schnorcheln? Im November? Konnte sie sich keine bessere Ausrede einfallen lassen? Mann, wenn ich gewusst hätte, dass die Latte so niedrig hängt, hätte ich gesagt, dass ich irgendwo in Chile in ner Mine verschüttet bin.)

Noch mehr Arbeit, mehr anderweitige Verpflichtungen. Und dazwischen ein paar Zusagen.

Schließlich stand die Liste fest. Clare, Flo, Melanie, Tom (Nina an mich: ???), Nina und ich.

Nur sechs Leute. Das erschien mir nicht gerade viel für jemanden, der so beliebt war wie Clare. Oder so beliebt, wie sie in der Schule gewesen war. Aber es war auch wirklich kurzfristig.

Hatte sie mich deshalb eingeladen? Ging es lediglich darum, mehr Zusagen für etwas zu bekommen, was sonst eine ziemlich mickrige Veranstaltung werden würde? Nein, das klang nicht nach Clare, jedenfalls nicht nach der, die ich kannte. Die Clare, die ich kannte, hätte genau die Personen eingeladen, die sie wollte, und es als so exklusiv verkauft, dass nur eine Handvoll Menschen willkommen waren.

Ich schob die Erinnerungen beiseite, begrub sie unter einer Decke aus Alltagsroutine. Aber sie kamen immer wieder an die Oberfläche – beim Laufen, mitten in der Nacht, immer dann, wenn ich am wenigsten darauf gefasst war.

Warum, Clare? Warum jetzt?

3

Der November kam erschreckend schnell. Ich gab mir alle Mühe, das Ganze zu verdrängen und mich auf die Arbeit zu konzentrieren, aber je näher das bewusste Wochenende rückte, umso schwerer fiel es mir. Ich lief längere Strecken, um mich vor dem Schlafengehen so richtig auszupowern, doch sobald mein Kopf auf das Kissen sank, fingen die Stimmen an zu flüstern. Zehn Jahre. Nach allem, was passiert ist.

War ich dabei, einen riesengroßen Fehler zu begehen?

Wenn Nina nicht gewesen wäre, hätte ich wohl doch versucht, mich aus der ganzen Nummer herauszulavieren. So aber kam der Vierzehnte, und es geschah: An einem kalten, ungemütlichen Morgen stieg ich mit der Tasche in der Hand in Newcastle aus dem Zug, Nina an meiner Seite, die eine selbstgedrehte Zigarette rauchte und nach allen Regeln der Kunst vor sich hin maulte, während ich mir an dem Kiosk am Gleis einen Kaffee besorgte. Wie ich ihrem Gemecker entnahm, war es für sie bereits der dritte Junggesellinnenabschied in diesem Jahr (an dieser Stelle nahm sie einen kräftigen Zug von ihrer Zigarette), der letzte hatte sie fast fünfhundert Pfund gekostet (noch ein Zug) und dieser lief alles in allem sogar auf rund tausend Pfund hinaus, wenn man die Hochzeit miteinrechnete (sie blies den Qualm aus). Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie ihnen einfach einen Scheck über tausend Pfund ausgestellt und sich ihren Jahresurlaub für eine bessere Gelegenheit aufgespart. Und außerdem, schimpfte sie, während sie den Zigarettenstummel mit ihrem schmalen Absatz ausdrückte, warum genau durfte sie Jess eigentlich nicht mitbringen?

»Weil es ein Junggesellinnenabschied ist«, sagte ich. Ich schnappte mir meinen Kaffee und folgte Nina in Richtung des Parkhausschildes. »Der Witz daran ist ja gerade, dass die Partner zu Hause bleiben. Sonst könnte man auch gleich auf den ganzen verdammten Rest scheißen und den Bräutigam mitnehmen.«

Normalerweise fluche ich eigentlich nie, außer wenn Nina dabei ist. Irgendwie bringt sie diese dunkle Seite in mir zum Vorschein, als gäbe es tief in mir drin ein pöbelndes kleines Miststück, das nur darauf wartet, rausgelassen zu werden.

»Du kannst immer noch nicht Auto fahren?«, fragte Nina, als wir die Reisetaschen in den Kofferraum des gemieteten Ford warfen. Ich zuckte mit den Schultern.

»Eine der vielen Alltagskompetenzen, die ich mir nie angeeignet habe. Tut mir leid.«

»Bei mir brauchst du dich dafür nicht zu entschuldigen.« Sie schob sich mit ihren langen Beinen auf den Fahrersitz, knallte die Tür zu und steckte den Schlüssel ins Zündschloss. »Ich hasse es, Beifahrer zu sein. Autofahren ist wie Karaoke – man selbst ist der Hammer, aber bei allen anderen ist es entweder peinlich oder beängstigend.«

»Na ja, es ist eben … wenn man in London wohnt, scheint ein Auto eher wie ein Luxusobjekt, nicht wie eine Notwendigkeit. Findest du nicht?«

»Ich nutze Car-Sharing, um meine Eltern zu besuchen.«

»Hmmm.« Ich blickte aus dem Fenster, während Nina versuchte, den Gang einzulegen. Wir hoppelten kurz über den Parkplatz, dann hatte sie ihn gefunden. »Australien wäre eine ziemliche Strecke in einem Volvo.«

»Oh, stimmt, ich hatte ganz vergessen, dass deine Mutter ausgewandert ist. Mit … wie heißt er noch? Dein Stiefvater?«

»Philip«, antwortete ich. Warum komme ich mir immer vor wie ein schmollender Teenager, wenn ich seinen Namen sage? Es ist doch ein ganz gewöhnlicher Name.

Nina warf mir einen scharfen Blick zu, dann deutete sie mit dem Kopf auf das Navi.

»Kannst du das mal einschalten und die Postleitzahl eintippen, die Flo uns geschickt hat? Das ist unsere einzige Hoffnung, lebend aus dem Stadtzentrum rauszukommen.«

 

Westerhope, Throckley, Stanegate, Haltwhistle, Wark … die Schilder rauschten an uns vorbei wie eine Form konkreter Poesie, die Straße wand sich wie ein eisengraues Band, das man achtlos über die von Schafen abgegrasten Moore und niedrigen Hügel geworfen hatte. Der Himmel über uns war wolkenverhangen und gewaltig, und die kleinen Steinhäuser, die wir in regelmäßigen Abständen passierten, schienen sich in die Kuhlen der Landschaft zu kauern, als hätten sie Angst, entdeckt zu werden.

Da ich nicht navigieren musste und im Auto nicht lesen kann, schloss ich die Augen, blendete Nina und das Radio aus und war allein mit den Fragen, die an mir nagten.

Warum jetzt, Clare? Warum ich?

Lag es schlicht und ergreifend daran, dass sie bald heiraten würde und zu diesem Anlass eine alte Freundschaft wieder aufleben lassen wollte? Aber wenn es so war, warum hatte sie mich dann nicht zur Hochzeit eingeladen? Nina hatte sie eingeladen, also konnte es sich schon mal nicht um eine Feier im engsten Familienkreis handeln.

Ich stellte mir vor, wie sie den Kopf schüttelte und mich ermahnte, geduldig zu sein, abzuwarten. Clare hatte schon immer ein Faible für Geheimnisse gehabt. Ihre Lieblingsbeschäftigung war es, etwas über dich herauszufinden und dann Anspielungen zu machen. Es ging nicht darum, es weiterzuerzählen – sondern um versteckte Andeutungen in Gesprächen, die nur man selbst verstehen konnte. Andeutungen, die einem verrieten, dass sie Bescheid wusste.

 

In Hexham hielten wir an, um eine Kleinigkeit zu essen und damit Nina eine rauchen konnte, und fuhren dann weiter in Richtung des Kielder Forest, auf Landstraßen, über denen der Himmel endlos schien. Doch als die Wege schmaler wurden, schienen die Bäume auf dem abgeweideten Torfboden immer näher zu rücken, bis sie schließlich wie Wachposten am Wegesrand standen, die nur noch von einer schmalen Steinmauer zurückgehalten wurden.

Als wir in den Wald hineinfuhren, verlor das Navi das GPS-Signal und schaltete sich schließlich ganz aus.

»Warte mal.« Ich wühlte in meiner Handtasche. »Ich hab mir die Wegbeschreibung ausgedruckt.«

»Na, wenn du nicht noch Pfadfinderin des Jahres wirst«, spottete Nina, doch ich konnte ihr die Erleichterung anhören. »Warum nehmen wir nicht einfach das Handy?«

»Darum.« Ich hielt mein Smartphone hoch, das verzweifelt nach Empfang suchte und es nicht schaffte, Google Maps zu laden. »Auf die Dinger ist kein Verlass.« Ich sah mir den Ausdruck an. The Glass House, Stanbridge Road stand in der Überschrift. »Okay, gleich müsste rechts ein Weg abgehen. Eine Kurve und dann rechts ab, muss jeden Moment kommen …« Die Gabelung rauschte an uns vorbei, und ich sagte – sanft, wie ich fand: »Das war gerade die Abzweigung, wir sind dran vorbeigefahren.«

»Toll navigiert, danke.«

»Wie bitte?«

»Du könntest die Abfahrt vielleicht erwähnen, bevor wir dort sind, was meinst du?« Sie imitierte die Roboterstimme des Navi-Geräts. »In – fünfzig – Metern rechts abbiegen. In – dreißig – Metern rechts abbiegen. Sie haben Ihre Abfahrt verpasst. Bitte wenden Sie, sobald es gefahrlos möglich ist.«

»Also gut, Sie haben Ihre Abfahrt verpasst. Bitte wenden Sie, sobald es gefahrlos möglich ist.«

»Scheiß auf gefahrlos.« Nina stieg auf die Bremse und wendete das Auto in einer Kurve. Ihre schlechte Laune gab dem Manöver zusätzlichen Schwung. Ich machte die Augen zu.

»Was hattest du noch mal über Karaoke gesagt?«

»Ach, jetzt stell dich nicht so an. Das hier ist eine Sackgasse, da kommt schon keiner.«

»Bis auf das halbe Dutzend anderer Leute, die zu dem Junggesellinnenabschied eingeladen sind.«

Vorsichtig öffnete ich die Augen und stellte fest, dass wir nun mit ziemlichem Tempo in die entgegengesetzte Richtung fuhren. »Okay, hier ist es. Auf der Karte sieht es wie ein Fußweg aus, aber Flo hat ihn eindeutig markiert.«

»Es ist ein Fußweg.«

Sie schlug das Lenkrad ein, und wir holperten um die Kurve. Dann ruckelte und rumpelte das kleine Auto den matschigen, mit tiefen Kratern übersäten Weg entlang.

»Ich glaube, der Fachbegriff lautet ›unbefestigte Straße‹«, bemerkte ich mit angehaltenem Atem, während Nina einem riesigen schlammgefüllten Graben auswich, der eher wie eine Trinkstelle für Nilpferde aussah, und um eine weitere Kurve bog. »Ist das die Auffahrt zum Haus? Der Weg muss fast einen Kilometer lang sein.«

Wir waren beim letzten Kartenausdruck, dessen Maßstab so groß war, dass es sich fast schon um eine Luftaufnahme zu handeln schien. Darauf waren keine anderen Häuser zu erkennen.

»Wenn das wirklich ihre Auffahrt ist …«, sie brachte die Worte nur stoßweise hervor, weil wir gerade über eine weitere tiefe Furche hüpften, »… dann sollten sie sich gefälligst darum kümmern. Wenn bei dem Mietwagen das Fahrgestell kaputtgeht, wird jemand verklagt. Mir ist egal, wer, aber ich werde einen Teufel tun und das bezahlen.«

Wenig später bogen wir um die nächste Kurve und waren plötzlich da. Nina lenkte den Wagen durch ein schmales Tor, parkte und stellte den Motor ab. Wir stiegen aus und betrachteten das Haus, das sich vor uns erhob.

Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, aber jedenfalls nicht das. Ein reetgedecktes Landhäuschen vielleicht, mit Holzbalken und niedrigen Decken. Was tatsächlich hier im Wald stand, war eine seltsame Anhäufung von Glas und Stahl, wie achtlos hingeworfen von einem Kind, das genug hatte von seinen allzu minimalistischen Bauklötzen. Das Ganze wirkte so unglaublich fehl am Platz, dass Nina und ich einfach nur dastanden und es mit offenem Mund anstarrten.

 

Als die Tür aufging, sah ich einen Schopf hellblonder Haare aufblitzen und wurde für einen Moment von Panik erfasst. Das hier war ein Fehler. Ich hätte niemals herkommen dürfen. Aber nun war es zu spät für einen Rückzieher.

Im Eingang stand Clare.

Nur war sie irgendwie … anders.

Es war immerhin zehn Jahre her, rief ich mir ins Gedächtnis. Menschen verändern sich, sie nehmen zu. Mit sechzehn sind wir anders als mit sechsundzwanzig – gerade ich sollte das wissen.

Aber Clare – es war, als ob in ihr etwas zerbrochen, ein Licht in ihrem Innern erloschen wäre.

Doch dann begann sie zu sprechen, und die Illusion war dahin. Ihre Stimme war das Einzige, was keinerlei Ähnlichkeit mit Clare hatte. Die Stimme war tief, ganz anders als Clares hohe und mädchenhafte, und sie klang sehr, sehr nach Oberschicht.

»Hi!!!«, sagte sie. Irgendwie gab der Klang ihrer Stimme dem Wort drei Ausrufezeichen, sodass ich bereits wusste, wer sie war, bevor sie weitersprach. »Ich bin Flo!«

Wenn man den Bruder oder die Schwester eines Prominenten sieht, fühlt es sich manchmal so an, als sehe man die Person selbst, aber verzerrt wie in einem Jahrmarktspiegel. Nur ist die Verzerrung so subtil, dass es schwerfällt, genau auszumachen, was anders ist; man weiß nur, dass etwas anders ist. Etwas Wesentliches fehlt, wie ein schiefer Ton im Lied.

Das war die Frau an der Tür.

»Oh mein Gott!«, rief sie. »Ich freu mich ja so, euch zu sehen! Ihr seid bestimmt …« Sie sah erst mich an, dann Nina und entschied sich, auf Nummer sicher zu gehen. Nina ist eins fünfundachtzig groß und Brasilianerin. Na ja, zumindest ihr Vater stammt aus Brasilien. Sie wurde in Reading geboren, und ihre Mutter ist aus Dalston. Sie hat das Profil eines Falken und das Haar einer Eva Longoria.

»Nina, oder?«

»Ja.« Nina streckte die Hand aus. »Und du bist Flo, nehme ich an?«

»Ganz recht.«

Nina warf mir einen Blick zu, bei dem ich mir ein Lachen nur mühsam verkneifen konnte. Ich hätte nie gedacht, dass es wirklich Leute gab, die »ganz recht« sagten, oder wenn doch, dass man es ihnen in der Schulzeit oder spätestens im Studium mit einer ordentlichen Ladung Hohn und Spott ausgetrieben hätte.

Aber vielleicht war Flo aus härterem Holz geschnitzt.

Flo schüttelte Nina begeistert die Hand und wandte sich dann mit einem strahlenden Lächeln an mich. »Dann musst du wohl Lee sein, hab ich recht?«

»Nora«, erwiderte ich automatisch.

»Nora?« Verwirrt runzelte sie die Stirn.

»Mein Name ist Leonora«, erklärte ich. »In der Schule war ich Lee, aber mittlerweile ist mir Nora lieber. Das hatte ich in meiner E-Mail ja schon erwähnt.«

Ich hatte Lee immer gehasst. Das war ein Jungenname, ein Name, wie geschaffen für Hänseleien und Reime. Lee Lee muss mal Pipi.

Lee war ein für alle Mal gestorben. Jedenfalls, wenn es nach mir ging.

»Oh, alles klar. Ich habe eine Cousine, die Leonora heißt! Wir sagen Leo zu ihr.«

Ich zuckte leicht zusammen. Nicht Leo, auf keinen Fall Leo. So hat mich nur eine einzige Person jemals genannt.

Zwischen uns breitete sich betretenes Schweigen aus, bis Flo es mit einem leicht angespannten Lachen brach. »Ha! Okay. Also dann, wir werden ja sooo viel Spaß haben! Clare ist noch nicht hier, aber ich dachte, als Trauzeugin sollte ich meine Pflicht tun und als Erste kommen!«

»Welche furchtbaren Foltermethoden hast du dir denn für uns ausgedacht?«, fragte Nina, als sie ihren Koffer über die Schwelle zerrte. »Federboas? Schokoladenpenisse? Ich muss dich vorwarnen, gegen die Dinger bin ich allergisch – ich erleide einen anaphylaktischen Schock. Ich hoffe, ich kann meinen Autoinjektor in der Tasche lassen.«

Flo lachte nervös. Ihre Augen huschten zwischen mir und Nina hin und her, während sie offensichtlich versuchte herauszufinden, ob Nina nur Spaß machte. Ninas Art ist nicht leicht einzuschätzen, wenn man sie nicht kennt. Nina erwiderte ihren Blick mit größter Ernsthaftigkeit, und ich konnte ihr ansehen, dass sie mit dem Gedanken spielte, es noch weiter auf die Spitze zu treiben.

»Schönes, äh … Haus«, warf ich schnell ein, um sie abzulenken, obwohl »schön« nicht unbedingt das erste Wort war, das mir in den Sinn kam. Trotz all der Bäume, die es umgaben, wirkte das Gebäude auf schmerzliche Weise ungeschützt, seine gewaltige Glasfront machte es für das gesamte Tal einsehbar.

»Ja, nicht wahr?« Flo strahlte. Sie wirkte erleichtert, als wähnte sie sich wieder auf sicherem Terrain. »Eigentlich ist es das Ferienhaus meiner Tante, aber im Winter kommt sie nicht oft hierher – es ist ihr zu einsam. Zum Wohnzimmer geht’s hier entlang …« Sie führte uns durch einen hallenden Flur, dessen Wände so hoch wie das gesamte Haus waren, und in einen langen, niedrigen Raum, dessen Außenwand vollständig aus Glas bestand, mit Blick auf den Wald. Ich fühlte mich seltsam entblößt in diesem Raum, so, als ob wir uns auf einer Theaterbühne befanden und unsere Rollen vor einem im Wald versteckten Publikum zum Besten gaben. Ich erschauderte, drehte mich mit dem Rücken zum Glas und sah mich um. Trotz der langen, weichen Sofas wirkte der Raum merkwürdig leer – und gleich darauf wurde mir klar, warum. Es war nicht einfach die Abwesenheit jeglicher Unordnung oder die minimalistische Ausstattung – drei Töpfe auf dem Kaminsims, ein einsames Rothko-Gemälde an der Wand –, sondern die Tatsache, dass in dem gesamten Raum kein einziges Buch zu sehen war. Es fühlte sich kein bisschen wie ein Ferienhaus an – überall, wo ich bisher übernachtet hatte, hatte es wenigstens ein Regal mit zerfledderten Dan Browns oder Agatha Christies gegeben. Das hier dagegen kam mir eher wie ein Ausstellungsraum vor.

»Festnetz gibt es hier.« Flo zeigte auf ein altmodisches Telefon mit Wählscheibe, das in dieser modernen Umgebung seltsam verloren wirkte. »Der Handyempfang ist sehr schlecht, aber das hier könnt ihr gerne benutzen.«

Es war jedoch nicht das Telefon, das mich in seinen Bann zog. Über dem schmucklosen modernen Kamin befand sich etwas, das noch deplatzierter wirkte: eine polierte Schrotflinte auf hölzernen, in die Wand gebohrten Pflöcken. Das ganze Arrangement wirkte, als sei es aus einem Landgasthaus entwendet und hierher verpflanzt worden. War die Flinte echt?

Ich versuchte, meinen Blick loszureißen, und merkte, dass Flo immer noch sprach.

»… und die Schlafzimmer sind oben«, schloss sie. »Braucht ihr Hilfe mit euren Taschen?«

»Nein, geht schon«, antwortete ich, während Nina im gleichen Moment erwiderte: »Na ja, wenn du so fragst …«

Flo wirkte etwas verdutzt, griff aber tapfer nach Ninas riesigem Rollkoffer und begann, ihn über die mattgläsernen Treppenstufen nach oben zu schleppen.

»Wie gesagt«, keuchte sie, als wir um den Treppenpfosten bogen. »Es gibt vier Schlafzimmer. Ich dachte mir, Clare und ich teilen uns eins, ihr nehmt das zweite, und Tom bekommt sein eigenes, logo.«

»Logo«, sagte Nina, ohne eine Miene zu verziehen.

Ich war zu sehr damit beschäftigt, die Mitteilung zu verdauen, dass ich mir ein Zimmer würde teilen müssen. Ich hatte gehofft, ich würde einen Rückzugsraum haben.

»Und dann bleibt noch Mel – also Melanie. Sie hat ein sechs Monate altes Baby, also dachte ich, sie hat von uns allen wohl am ehesten ein eigenes Zimmer verdient.«

»Was? Sie bringt das Baby aber nicht mit, oder?« Nina klang aufrichtig erschrocken.

Flo gab ein kreischendes Lachen von sich und schlug sich gleich darauf verlegen die Hand vor den Mund, um die Lautstärke zu dämpfen. »Nein! Ich meinte bloß, dass sie mehr als wir anderen ihre Nachtruhe nötig hat.«

»Ach so, alles klar.« Nina spähte in eines der Schlafzimmer. »Welches ist denn unseres?«

»Die beiden Zimmer hinten sind die größten. Du und Lee, ihr könnt das rechte haben, da stehen zwei Einzelbetten drin. In dem anderen steht ein Himmelbett für zwei Personen, aber mir macht es nichts aus, mit Clare zusammenzurücken.«

Oben angekommen blieb sie schwer atmend stehen und deutete auf eine helle Holztür auf der rechten Seite. »Bitte schön.«

Im Zimmer standen zwei ordentliche weiße Betten und ein niedriger Schminktisch, alles so anonym wie in einem Hotelzimmer, und auf der gegenüberliegenden Seite gab die obligatorische Glaswand nach Norden hin den Blick auf den Kiefernwald frei. Hier ergab sie weniger Sinn. Hinter dem Haus ging es den Hang hinauf, also hatte man von hier keine so spektakuläre Aussicht wie auf der Vorderseite. Stattdessen hatte es eine eher klaustrophobische Wirkung – eine Mauer aus Dunkelgrün, die schon in der Abenddämmerung wie ein riesiger Schatten wirkte. In beiden Ecken hingen schwere cremefarbene Vorhänge, und ich musste gegen den Drang ankämpfen, sie hastig über die riesige Glasfläche zu zerren.

Hinter mir ließ Flo mit einem dumpfen Knall Ninas Koffer zu Boden fallen. Ich drehte mich um, und sie lächelte, ein breites Strahlen, durch das sie plötzlich fast so hübsch wie Clare wirkte.

»Irgendwelche Fragen?«

»Ja«, antwortete Nina. »Kann ich hier drin rauchen?«

Flos Lächeln verschwand. »Ich fürchte, da hat meine Tante was dagegen. Aber ihr habt einen Balkon.« Sie kämpfte kurz mit der Falttür in der Glaswand, dann schob sie sie mit Schwung auf. »Hier kannst du rauchen, wenn du magst.«

»Super«, sagte Nina. »Danke.«

Flo ruckelte erneut an der Tür und zog sie wieder zu. Sie richtete sich auf, ihre Wangen ganz rosig vor Anstrengung, und wischte sich die Hände am Rock ab. »Gut, ich lasse euch mal in Ruhe auspacken. Wir sehen uns gleich unten, ja?«

»Ganz recht!«, antwortete Nina überschwänglich, und ich versuchte, es zu überspielen, indem ich mit übertrieben lauter Stimme »Danke!« rief, was mich merkwürdig aggressiv klingen ließ.

»Äh, ja … okay!«, sagte Flo verunsichert, bevor sie sich aus dem Türrahmen zurückzog und verschwand.

»Nina …«, sagte ich warnend, als sie auf die Glaswand zuging, um auf den Wald zu blicken.

»Was?«, erwiderte sie über ihre Schulter hinweg und bemerkte dann: »Also, dieser Tom gehört definitiv dem männlichen Geschlecht an. Warum sonst sollte Flo derart entschlossen sein, sein böses, böses Y-Chromosom von unserer holden Weiblichkeit fernzuhalten?«

Mir entfuhr ein Prusten. Das war typisch Nina – man sieht ihr Dinge nach, die andere Leute sich niemals erlauben dürften. »Ich gehe davon aus, dass er schwul ist – glaubst du nicht? Ich meine, warum wäre er sonst auf einem Junggesellinnenabschied?«

»Äh, auch wenn dir das anscheinend nicht ganz klar ist: Nur weil jemand vom anderen Ufer ist, heißt das nicht, dass er automatisch das Geschlecht wechselt. Glaube ich. Obwohl, warte mal …« Sie sah an sich herab. »Nee, da ist alles klar. Beide Doppel-Ds anwesend und bestens in Form.«

»Das meinte ich nicht, das weißt du genau.« Schwungvoll knallte ich meinen Koffer aufs Bett, doch dann fiel mir mein Kulturbeutel ein, und ich ging beim Öffnen des Reißverschlusses behutsamer vor. Ganz oben lagen meine Laufschuhe, und ich stellte sie ordentlich neben die Tür, als beruhigendes kleines »Notausgang«-Symbol. »Bei solchen Veranstaltungen geht es doch zum Teil um eine Würdigung des männlichen Körpers. Das haben Frauen mit schwulen Männern gemeinsam.«

»Na toll, das sagst du mir jetzt? Die perfekte Ausrede, und du behältst sie einfach für dich. Könntest du bitte, wenn ich das nächste Mal zu einem Junggesellinnenabschied eingeladen werde, an die ganze Runde eine Absage schicken, in der steht: Sorry, Nina kann leider nicht kommen, denn sie weiß den männlichen Körper nicht zu würdigen?«

»Ach, um Himmels willen. Ich sagte zum Teil.«

»Schon gut.« Sie drehte sich wieder zum Fenster und blickte hinaus in den Wald, dessen Baumstämme inzwischen kaum mehr als dunkle Striche im grünen Zwielicht der Dämmerung waren. Ihre Stimme klang brüchig, mit einem Anflug von Tragik. »Ich bin es gewohnt, von der heteronormativen Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.«

»Ach, leck mich«, knurrte ich. Lachend drehte sie sich um.

»Warum sind wir eigentlich hier?«, fragte sie, während sie sich rückwärts auf ihr Bett warf und die Schuhe abstreifte. »Ich weiß nicht, wie es mit dir ist, aber ich habe Clare seit ungefähr drei Jahren nicht gesehen.«

Ich antwortete nicht. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Warum war ich gekommen? Warum hatte Clare mich eingeladen?

»Nina«, begann ich. Ich hatte einen Kloß im Hals und fühlte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. »Nina, wer …?«

Aber bevor ich die Frage zu Ende bringen konnte, wurde der Raum von einem lauten Klopfen erfüllt, das durch den offenen Flur nach oben hallte.

Es war jemand an der Tür.

Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob ich schon bereit war, die Antworten auf meine Fragen zu erhalten.

4

Nina und ich sahen einander an. Mein Herz pochte wie ein entferntes Echo des Türklopfens, doch ich versuchte, ein ruhiges Gesicht zu bewahren.

Zehn Jahre. Hatte sie sich verändert? Hatte ich mich verändert?

Ich schluckte.

Man konnte den Schall von Flos Schritten in der hohen Eingangshalle hören, dann das schrille Kreischen von Metall auf Metall, als sie die schwere Tür öffnete, gefolgt von Stimmengemurmel, als der Neuankömmling das Haus betrat.

Ich lauschte angespannt. Es klang nicht wie Clare. Vielmehr klang das, was da neben Flos Lachen zu hören war, eindeutig männlich.

Nina rollte sich auf die Seite und stützte sich auf den Ellenbogen. »Na, sieh mal einer an … scheint, als sei der Träger des Y-Chromosoms eingetroffen. Sollen wir runtergehen und den wilden Stier in unserem Hühnerstall kennenlernen?

Was? Wieso guckst du mich so an?«

»Ninaaa. Lass es.«

»Was soll ich lassen?« Sie schwang ihre Füße auf den Boden und stand auf.

»Uns zu blamieren. Beziehungsweise ihn.«

»Wieso blamieren? Es ist nun mal eine Mädelsveranstaltung, und er ist der einzige Mann, da beißt die Maus keinen Faden ab.«

Und schon war sie unterwegs, rannte in Strümpfen die Glasstufen hinab, und im nächsten Moment hörte ich ihre Stimme, die durch das Treppenhaus nach oben schallte.

»Hallo, ich glaube, wir kennen uns noch nicht …«

Ich glaube, wir kennen uns noch nicht. Also war es definitiv nicht Clare.

Ich holte tief Luft und folgte ihr nach unten in den Flur.

Ich sah die kleine Gruppe zunächst von oben. An der Eingangstür stand eine junge Frau mit glänzendem schwarzem Haar, das sie am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengebunden hatte – vermutlich war das Melanie. Sie reagierte lächelnd und nickend auf etwas, das Flo sagte, aber sie schien abgelenkt, denn selbst während Flo sprach, tippte sie auf dem Bildschirm ihres Handys herum. Ihr gegenüber stand ein Typ mit einem Burberry-Koffer in der Hand. Er hatte glattes, kastanienbraunes Haar und war fast schon penibel ordentlich gekleidet. Sein weißes Hemd hatte er zweifellos frisch aus der Reinigung – kein normaler Mensch wäre in der Lage, solch makellose Bügelfalten zu produzieren –, und dazu trug er eine graue Wollhose, eindeutig von Paul Smith. Als er meine Schritte auf der Treppe hörte, blickte er auf und lächelte.

»Hi, ich bin Tom.«

»Hi, ich bin Nora.« Ich nahm die letzten paar Stufen und streckte die Hand aus. Irgendwas an seinem Gesicht kam mir unglaublich bekannt vor, und ich versuchte herauszufinden, was genau es war, während wir einander die Hand gaben, doch ich kam nicht drauf. Dann wandte ich mich an die dunkelhaarige Frau: »Und du bist bestimmt … Melanie?«

»Äh, ja. Hi.« Sie riss sich von ihrem Handy los und setzte ein verlegenes Lächeln auf. »Sorry, dass ich … es ist nur … ich hab mein Baby bei meinem Mann gelassen. Zum ersten Mal. Ich wollte nur mal kurz zu Hause anrufen und sagen, dass ich angekommen bin. Gibt es hier gar keinen Empfang?«

»Praktisch gar nicht«, antwortete Flo bedauernd. Ihr Gesicht war gerötet; schwer zu sagen, ob vor Nervosität oder Freude. »Tut mir leid. Manchmal gibt es am oberen Ende des Gartens oder von den Balkonen aus ein schwaches Signal, je nachdem, bei welchem Anbieter du bist. Aber wir haben einen Festnetzanschluss im Wohnzimmer. Ich zeig’s dir.«

Sie führte Melanie ins Wohnzimmer, und ich wandte mich wieder Tom zu. Ich wurde einfach das merkwürdige Gefühl nicht los, dass ich ihn schon mal gesehen hatte.

»Und, woher kennst du Clare?«, fragte ich unbeholfen.

»Ach, du weißt schon. Theaterleute. Jeder kennt jeden! Eigentlich haben wir uns durch meinen Mann kennengelernt – er ist Regisseur.«

Nina zwinkerte mir hinter Toms Rücken übertrieben zu. Ich warf ihr einen bösen Blick zu, setzte jedoch schnell wieder eine freundliche Miene auf, als ich sah, dass Tom etwas ratlos dreinschaute.

»Sorry, sprich ruhig weiter«, sagte Nina etwas ernsthafter.

»Also, Clare habe ich jedenfalls bei einer Fundraising-Veranstaltung für die Royal Theatre Company kennengelernt. Bruce hat dort zu der Zeit gerade Regie geführt, und Clare und ich sind darüber ins Gespräch gekommen.«

»Bist du Schauspieler?«, erkundigte sich Nina.

»Nein, ich schreibe Theaterstücke.«

Ich finde es immer komisch, andere Schriftsteller zu treffen. Dadurch entsteht automatisch ein gewisses Kameradschaftsgefühl, eine Verbundenheit, als wären wir beide Mitglieder einer exklusiven Geheimloge. Ich frage mich, ob es Klempnern auch so geht, wenn sie anderen Klempnern begegnen, oder ob Finanzbuchhalter sich heimlich zunicken. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns relativ selten über den Weg laufen; Schriftsteller verbringen für gewöhnlich den Großteil ihres Arbeitslebens allein.

»Nora ist Schriftstellerin«, sagte Nina. Sie ließ den Blick zwischen uns beiden hin- und herschweifen, als hätte sie gerade zwei Bantamgewichte aufeinander losgelassen.

»Ach, echt?« Tom musterte mich, als ob er mich jetzt erst richtig wahrnahm. »Was schreibst du so?«

Die verhasste Frage. Ich finde es nach wie vor nicht angenehm, über mein Schreiben zu sprechen – ich kann mich einfach nicht an das Gefühl gewöhnen, dass andere in meiner Gedankenwelt herumwühlen.

»Äh … Romane«, gab ich vage zur Antwort. Kriminalromane wäre präziser gewesen, aber wenn man damit herausrückt, kommen die Leute immer gleich mit Vorschlägen für Handlungsstränge und Mordmotive.

»Echt? Unter welchem Namen schreibst du?«

Das war die höfliche Version der Frage: »Habe ich schon mal von dir gehört?« Die meisten Menschen formulieren es weniger elegant.

»L.N. Shaw«, sagte ich. »Das N steht für nichts, ich habe gar keinen Zweitnamen. Ich habe es nur eingefügt, weil L. Shaw irgendwie komisch klang. L.N. kann man leichter aussprechen, finde ich. Und du schreibst also Stücke?«

»Ja. Irgendwie beneide ich Romanautoren immer – ihr könnt über alles die Kontrolle behalten. Ihr müsst euch nicht mit Schauspielern herumschlagen, die eure besten Zeilen massakrieren.« Er warf mir ein Lächeln zu, bei dem unnatürlich weiße und regelmäßige Zähne zum Vorschein kamen. Ich fragte mich, ob er sich Veneerschalen hatte einsetzen lassen.

»Aber es ist doch bestimmt nett, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten?«, fragte ich vorsichtig. »Ich meine, die Verantwortung zu teilen. Ein Theaterstück ist schließlich ein ziemlich großes Projekt.«

»Ja, das stimmt schon. Man muss zwar auch den Ruhm teilen, aber wenn es komplett in die Hose geht, ist es wenigstens nicht nur die eigene Schuld.«

Ich wollte noch etwas sagen, doch in dem Moment war aus dem Wohnzimmer ein »Pling« zu hören, als Melanie den Hörer auflegte. Tom drehte den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und vielleicht lag es an seiner Kopfhaltung oder seinem Ausdruck, jedenfalls wurde mir plötzlich klar, wo ich ihn schon mal gesehen hatte.

Das Foto. Clares Profilbild auf Facebook. Das war er. Also war die Person auf dem Foto gar nicht ihr Verlobter.

Ich war noch dabei, diese Erkenntnis zu verarbeiten, als Melanie lächelnd auf uns zukam.

»So, ich habe Bill erreicht. Alles in bester Ordnung an der Heimatfront. Tut mir leid, dass ich ein bisschen abgelenkt war – ich bin noch nie über Nacht weg gewesen, und es kostet mich einiges an Überwindung. Nicht, dass Bill es nicht allein hinbekommt, bestimmt schafft er das … ach egal, ich sollte aufhören zu labern. Du bist Nora, stimmt’s?«

»Geht doch schon mal ins Wohnzimmer!«, rief Flo aus der Küche. »Ich mache uns Tee.«

Gehorsam marschierten wir los und versammelten uns im Wohnzimmer, und ich beobachtete Tom und Melanie, wie sie den riesigen Raum mit seiner langen Glasfront in Augenschein nahmen.

»Die Aussicht auf den Wald ist schon was Besonderes, nicht?«, bemerkte Tom schließlich.

»Ja.« Ich starrte hinaus in den Wald. Es wurde langsam dunkel, und dank der Schatten sah es irgendwie so aus, als hätten alle Bäume kollektiv einen großen Schritt auf das Haus zugetan und sich nach vorne gebeugt, um den Himmel zu verschließen. »Man fühlt sich ein bisschen exponiert, findet ihr nicht? Vor allem, weil es keine Vorhänge gibt.«

»Bisschen so, als ob einem der Rockzipfel hinten in der Strumpfhose hängen bleibt«, sagte Melanie unerwartet und lachte.

»Mir gefällt’s«, befand Tom. »Es ist wie eine Bühne.«

»Und wir sind die Zuschauer?«, fragte Melanie. »Die Aufführung kommt mir allerdings ein bisschen langweilig vor. Und die Schauspieler sind etwas hölzern!« Sie deutete hinaus auf die Bäume, für den Fall, dass wir den Witz nicht verstanden hatten. »Versteht ihr? Die Bäume, hölzern …«

»Ja, ja, schon kapiert«, erwiderte Nina säuerlich. »Aber ich glaube, Tim meinte etwas anderes, oder?«

»Tom«, korrigierte Tom. Es lag eine leichte Schärfe in seiner Stimme. »Aber ja, ich meinte es andersherum. Wir sind die Schauspieler.« Er drehte sich zur Glaswand um. »Die Zuschauer … die Zuschauer sind da draußen.«

Aus irgendeinem Grund lief mir bei seinen Worten ein Schauder über den Rücken. Vielleicht waren es die Baumstämme, die wie stumme Wächter in der zunehmenden Dunkelheit standen. Oder vielleicht war es die Nachwirkung der Kälte, die Tom und Melanie von draußen mit hereingebracht hatten. Was es auch war, wir hatten London im Herbst verlassen, und nun schien es hier, so viel weiter nördlich, als wäre über Nacht der Winter eingekehrt. Das lag nicht nur an den eng zusammenstehenden Kiefern, die mit ihren dichten Nadeln kein Licht durchließen, oder an der kalten, klaren Luft, die baldigen Frost verhieß. Bald würde die Nacht hereinbrechen, und das Haus fühlte sich immer mehr an wie ein gläserner Käfig, der sein Licht blind in die dämmernde Nacht strahlte, wie eine einsame Laterne. Ich stellte mir vor, wie tausende Motten, unaufhaltsam angezogen von seinem Glanz, darauf zuflogen, kreisend und zitternd, nur um an seinem kalten, unwirtlichen Glas zu verenden.

»Mir ist kalt«, sagte ich, um das Thema zu wechseln.

»Mir auch.« Nina rieb sich die Arme. »Meint ihr, wir können dieses Kamin-Dings anwerfen? Ist das ein Gasofen?«

Melanie kniete sich davor. »Es ist ein Holzofen.« Sie hantierte an einem Griff, und eine Tür auf der Vorderseite ging auf. »Ich habe so einen ähnlichen zu Hause. Flo!«, rief sie in Richtung Küche. »Ist es okay, wenn wir den Ofen anmachen?«

»Klar!«, rief Flo zurück. »Auf dem Kaminsims liegen Anzünder. In einem Keramiktopf. Ich bin gleich fertig, falls ihr Hilfe braucht.«

Tom ging zum Sims und begann, in die Handvoll minimalistischer Töpfe zu schielen, doch dann hielt er plötzlich inne, als seine Augen denselben Gegenstand erfassten, der kurz zuvor mich hatte erstarren lassen.

»Ach du liebe Zeit.« Es war die Schrotflinte, die knapp über Augenhöhe auf ihren hölzernen Trägern saß. »Hier hat wohl noch keiner von Tschechows Gewehr gehört?«

»Tschechow?«, kam eine Stimme aus dem Flur. Es war Flo, die sich mit einem Tablett auf der Hüfte durch die Tür schob. »Der Russe? Keine Sorge, da sind bloß Platzpatronen drin. Meine Tante hat das nur, um die Kaninchen zu verjagen. Die fressen die Blumenzwiebeln und graben den Garten um. Sie schießt von der Veranda auf sie.«

»Es wirkt ein bisschen … texasmäßig, oder?«, fragte Tom. Er eilte auf Flo zu, um ihr mit dem Tablett zu helfen. »Ich habe eigentlich kein Problem mit diesem Redneck-Flair, aber es hier so direkt vor der Nase zu haben – ich weiß ja nicht. Es ist ein bisschen befremdlich für diejenigen unter uns, die morbide Gedanken lieber etwas auf Abstand halten.«

»Ich weiß, was du meinst«, erwiderte Flo. »Sie sollte es wohl besser in einem Gewehrschrank aufbewahren oder so. Aber es stammt nun mal von meinem Großvater und ist so eine Art Familienerbstück. Und das Gemüsebeet ist direkt hier vor der Tür – also jedenfalls im Sommer –, da ist es einfach praktischer, es gleich zur Hand zu haben.«

Melanie brachte das Feuer in Gang, Flo schenkte allen Tee ein und tischte die Plätzchen auf, und das Gespräch wechselte zu anderen Themen – Leihwagengebühren, steigende Wohnungsmieten, ob man Milch oder Tee zuerst eingießen sollte. Ich schwieg, in Gedanken versunken.

»Tee?«

Einen Moment lang rührte ich mich nicht, antwortete nicht. Dann tippte mir Flo auf die Schulter, und ich zuckte zusammen.

»Möchtest du Tee, Lee?«

»Nora«, erwiderte ich und rang mir ein Lächeln ab. »Sorry … tut mir leid. Habt ihr auch Kaffee? Das hätte ich wohl etwas früher sagen sollen, aber ich stehe nicht so auf Tee.«

Flo wirkte betroffen. »Tut mir echt leid, ich hätte welchen … Nein, es ist keiner da. Und jetzt ist es wahrscheinlich auch zu spät, um noch welchen zu besorgen – das nächste Dorf ist vierzig Minuten entfernt, und der Laden dürfte inzwischen geschlossen sein. Ich hatte beim Einkaufen Clare im Sinn, und sie liebt Tee über alles – ich hatte nicht gedacht …«

»Kein Problem«, unterbrach ich sie lächelnd. »Wirklich.« Ich nahm die Tasse, die sie mir entgegenhielt, und trank einen Schluck. Der Tee war brühend heiß und schmeckte absolut widerlich – wie Bratensaft mit heißer Milch.

»Sie müsste bald hier sein.« Flo blickte auf ihre Uhr. »Soll ich mal den Ablauf durchgehen, damit alle wissen, was auf dem Programm steht?«

Alle nickten, und Flo holte eine Liste hervor. Ich spürte, wie Nina neben mir stumm seufzte.

»Also, Clare müsste so um sechs hier sein, dann, dachte ich, stoßen wir erst mal an – es ist Schampus im Kühlschrank, und ich hab Zutaten für Mojitos und Margaritas besorgt. Ich fand, ein richtiges Abendessen können wir uns eigentlich sparen« – Nina war ihre Bestürzung anzusehen – »und hab stattdessen einfach Pizza und Dips geholt. Das bauen wir nachher auf dem Wohnzimmertisch auf, und jeder bedient sich, wie er mag. Währenddessen, dachte ich, könnten wir vielleicht ein paar Kennenlernspiele spielen. Clare kennt ihr natürlich alle, aber ich glaube, die meisten von uns kennen einander noch nicht so gut … stimmt das? Am besten machen wir schon mal eine kleine Vorstellungsrunde, bevor Clare kommt, was meint ihr?«

Wir alle sahen einander an, musterten uns gegenseitig und fragten uns, wer in der Runde wohl beherzt genug wäre, den Anfang zu machen. Zum ersten Mal versuchte ich, Tom, Melanie und Flo mit der Clare, die ich kannte, in Beziehung zu setzen. Es fiel mir nicht ganz leicht.