Im Inneren des Klaviers - Mario Wurmitzer - E-Book

Im Inneren des Klaviers E-Book

Mario Wurmitzer

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Beschreibung

Eine junge Frau ist auf der Flucht. Die Lebensumstände im Königreich sind für sie nicht mehr länger erträglich, es gibt Zensur, Willkür, Repression. Der junge Mann, den sie in den Wäldern trifft, hat sein Heimatdorf schon vor längerem verlassen und hält sich seitdem versteckt. Allen Gefahren zum Trotz ziehen sie gemeinsam los, um die Grenze zu erreichen. Vorsichtig versucht der junge Mann, seiner Begleiterin dabei näherzukommen, sie bleibt verschlossen, wild und ungestüm. Die Flucht jedoch gelingt, sie überqueren die Grenze und gelangen in die Stadt Port Robinson. Doch der Einfluss des Königs reicht auch bis dorthin und als die junge Frau als Königstochter erkannt wird, wird sie verhaftet und gefoltert. Aber es gibt auch revolutionäre Kräfte in der Stadt, der Aufstand gegen den König ist nicht mehr aufzuhalten … In einer ungewöhnlichen Mischung aus märchenhaften und surrealen Elementen und einer immer wieder von Alltagseinsprengseln durchsetzten Sprache erschafft Mario Wurmitzer in seinem Debütroman "Im Inneren des Klaviers" eine aktuelle und formal mutige Parabel über politische Wirren und Macht, aber auch über Widerstand, Privatheit und Intimität.

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Eine junge Frau ist auf der Flucht. Die Lebensumstände im Königreich sind für sie nicht mehr länger erträglich, es gibt Zensur, Willkür, Repression. Der junge Mann, den sie in den Wäldern trifft, hat sein Heimatdorf schon vor längerem verlassen und hält sich seitdem versteckt. Allen Gefahren zum Trotz ziehen sie gemeinsam los, um die Grenze zu erreichen. Vorsichtig versucht der junge Mann, seiner Begleiterin dabei näherzukommen, sie bleibt verschlossen, wild und ungestüm. Die Flucht jedoch gelingt, sie überqueren die Grenze und gelangen in die Stadt Port Robinson. Doch der Einfluss des Königs reicht auch bis dorthin und als die junge Frau als Königstochter erkannt wird, wird sie verhaftet und gefoltert. Aber es gibt auch revolutionäre Kräfte in der Stadt, der Aufstand gegen den König ist nicht mehr aufzuhalten …

In einer ungewöhnlichen Mischung aus märchenhaften und surrealen Elementen und einer immer wieder von Alltagseinsprengseln durchsetzten Sprache erschafft Mario Wurmitzer in seinem Debütroman Im Inneren des Klaviers eine aktuelle und formal mutige Parabel über politische Wirren und Macht, aber auch über Widerstand, Privatheit und Intimität.

MARIO WURMITZER, *1992 in Mistelbach, lebt in Wien, wo er Germanistik und Geschichte studierte. Er schreibt Prosa- und Theatertexte. 2010 erschien sein Jugendbuch Sechzehn. Danach wandte er sich noch stärker dem literarischen Schreiben zu und veröffentlichte Beiträge in Sammelbänden und Literaturzeitschriften. Er erhielt mehrere Auszeichnungen und Stipendien, u.a. das Hans-Weigel-Stipendium 2012/13, den Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin 2015 und den Osnabrücker Dramatikerpreis 2017.

Mario Wurmitzer

Im Inneren des Klaviers

Roman

Copyright © 2018 Mario Wurmitzer

© Luftschacht Verlag – Wien

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

1. Auflage 2018

luftschacht.com

Umschlaggestaltung: Matthias Kronfuss studio – matthiaskronfuss.at

Satz: Luftschacht

ISBN: 978-3-903081-21-5

ISBN E-Book: 978-3-903081-59-8

INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

1

Die Wölfe werden dich fressen, sagte Paul und lachte, du hast ja keine Ahnung, was in diesem Wald umherstreunt, keine Ahnung hast du! Du tratst ihm in den Bauch und zwischen die Beine.

Du trägst eine Schachtel Zigaretten mit dir, hin und wieder zündest du dir eine Filterlose an, du stößt den Rauch ruckartig aus, manchmal musst du husten, aber das macht nichts, du kommst dir wild vor. Wenn deine Schwester dich so sehen könnte, wie du gar keine Angst hast in diesem Wald, wie sie staunen würde!

Du suchst jemanden, der sagt, lass uns alle Drachen dieser Welt Dumbo nennen und verlachen, bis du keine Angst mehr hast.

Das Dorf war dir fremd, sie soffen aus großen Krügen, die zu schwer für dich waren, und rülpsten zu laut und ihr Lachen ließ dich erschaudern, ihre Musik, zu der sie auf den Tischen tanzten, war nicht die deine und dein Klavier zerschlug Vater, bevor er ging, was du ihm verzeihen konntest, das Zerschlagen des Klaviers, nicht die Flucht (wobei er wiederkam, du jedoch wirst nicht wiederkommen, davon bist du überzeugt), wenngleich du sie verstandest, die Flucht, flüchtest du doch ebenfalls, bist doch auch du Dissidentin. Du glichst ihnen nicht und das machte dir Angst, du ahmtest sie nach, lachtest über ihre Witze und schämtest dich, weil dein Lachen nicht wie ihres klang, nein, du glichst ihnen nicht. Selbst Paul, dem du vertrautest, weil er harmlos schien, klein und von zarter Gestalt, glich dir keineswegs, er verstand die Witze im Dorf und nicht dich. Anfangs dachtest du, es sei umgekehrt, du hattest dich getäuscht und ihm aus Unachtsamkeit oder Übermut in allzu jungen Jahren deine Unschuld geschenkt, die du nun nicht mehr zurückerhältst, hast ihm Dinge erzählt, die du für dich behalten wolltest, von den Linien, die deine Handflächen durchzogen, und dass du manchmal meintest, die rissen auf.

Sag Paul, hast du gehört von der großen Freiheit? Kann man die finden, wenn man dieses Tal verlässt? Nein, warte, sag es mir nicht, ich möchte mir die Überraschung nicht verderben.

Paul hätte ohnehin von nichts gewusst. Paul spuckte auf den Boden und schnäuzte sich, er zeigte dir den Rotz, er war eben noch ein Kind, eines ohne Manieren, dich ekelte, er lachte kurz. Wenngleich er die Latzhosen seines Vaters trug, war er mehr Kind als du.

Also bist du fortgezogen, die Partisanen zu suchen, Mutter sagte einst, die existierten nicht, Vater sagte, längst seien sie tot, du glaubtest ihnen nicht, weshalb auch, logen sie nicht, wenn sie ihre Münder öffneten, sagten sie nicht, die Suppe würde dir schmecken, damit sie dir einen Löffel in den Mund stecken konnten, und schmeckte dir die Suppe dann etwa? Nein, die Suppe schmeckte dir nicht und du verlorst Respekt und Vertrauen, denn wer einmal lügt, dem haust du aufs Maul.

Du versinkst im Schnee, knietief steckst du drin, dir ist kalt, deine Fingerkuppen spürst du kaum noch, doch du wirst jemanden finden, der dir hilft, oder du wirst liegen bleiben, der Schnee wird dich bedecken, vielleicht wirst du schmelzen, fast zur Gänze, ein kleiner Rest wird bleiben, und wenn die Sonne kommen wird und dann noch Schmetterlinge und irgendwann ein Wanderer und wenn dieser den Rest deines Körpers sehen wird, so wird er sagen, huch.

Du holst die letzte Karotte aus deiner Tasche, beißt ab, du kaust geräuschvoll, dein Zahnfleisch blutet, weshalb, verstehst du nicht, aber du kannst jetzt Blut spucken, du bist also nun noch wilder, du bist die große Blutspuckerin. Wenn du jemanden triffst, der von Interesse ist, jemanden, der nicht aus dem Dorf stammt, so wird er deine Ungezähmtheit sehen und dich mit sich nehmen, vielleicht wird diese Person auch eine Art Verlorenheit in dir erkennen, die dir zwar fremd, doch nicht zu leugnen ist, und dich umarmen, jedoch nicht ohne deine Stärke zu würdigen und dich still zu bewundern beim Wegwischen des Blutes unter deinen Lippen.

2

In der Ferne winkt ein Junge. Du gehst auf ihn zu, dein Herz schlägt schnell.

Der Junge erregt deine Aufmerksamkeit, da er nicht aus dem Dorf stammt, wie du sogleich erkennst, er wirkt auch nicht wie die Kaufleute, die von Zeit zu Zeit in den Dörfern auftauchen und die du nicht magst, weil ihre Blicke gierig sind.

Der Junge ist groß und er lächelt, was sonderbar ist, hier - zulande ist es nicht üblich, Fremde anzulächeln, was will er bezwecken, will er den letzten Rest deiner Karotte oder deine Unschuld rauben, von der er nicht wissen kann, dass du sie trotz deines zarten Alters bereits verloren hast? Zweifellos hat er etwas Schlechtes im Sinn, weshalb hätte er sonst Grund zu lächeln? Deine Unterlippe zuckt.

Der Junge bin ich.

Wohin führt dein Weg?

Ich suche die Partisanen, sagst du.

Aber die gibt es doch nicht.

Du lügst.

Partisanen gibt es vielleicht noch in Geschichten und Gedanken, aber hier wirst du weit und breit keine finden.

Dir fällt meine Augenklappe auf und du fragst, wo ich es gelassen hätte, mein zweites Auge, ich sage, zu Hause.

Du holst schon aus, um mich zu treten, so sehr misstraust du mir, Gewalt steht dir nahe, das sagst du dann auch, als du zu mir so etwas wie Vertrauen hast. Du fragst, wer ich sei, wen ich suche, ob ich sehen könne, wie viel Blut du spuckst. Tatsächlich beeindruckt mich, wie dein Blut auf den Schnee tropft, der dem Rot deines Körpers nichts entgegenzusetzen hat. Du fragst, wo ich wohne, ich sage hier und dort. In meinem Heimatdorf habe man meinen Pinsel versteckt, meinen Stift zerbrochen, meine Staffelei gestohlen, meine Büsten demoliert, meine Töpferscheibe mit Bildern von Genitalien bemalt, meine Geige beschmiert und mein Saxophon verstopft. Also bin ich von dort fortgelaufen und seitdem streife ich durch den Wald. Du nimmst mich in den Arm, nicht ohne mir deutlich zu machen, dass ich Schutz bei dir finde und nicht du bei mir. Du bist stark, ich bin auch irgendwas, wir passen gut zusammen, wie ich finde, das sage ich dir, und du antwortest, mhm, und dann wird uns bewusst, dass wir von nun an zu zweit weiterstreifen können, was dich lächeln macht, kurz, verschreckt, erstaunt über dich selbst, na schau, was du alles kannst.

3

Wir stapfen durch den Schnee zu meiner Hütte, ich biete dir Decken an, du betrachtest sie und mich kritisch, du erhebst den Zeigefinger drohend, während du mich musterst, und sagst, da drinnen, also in der Hütte, da drinnen darfst du mich nicht anfassen, wenn du mich anfasst, schlag ich dich zu Brei. Ich nicke.

Ich koche einen Eintopf, bestehend aus Gemüse und Rindfleisch, ich schneide mich mit dem Fleischmesser und schreie auf, du lachst und sagst, du Memme, nimmst mir das Messer aus der Hand und hältst es mir an den Hals, sagst, wenn ich wollte, könnte ich. Einfach hier durch.

Wie heißt du eigentlich, frage ich dich, du sagst, mal so, mal so. Du liegst neben der Feuerstelle und ich versuche, dir zu erklären, woran ich denke, wenngleich du nicht danach fragst und kein besonderes Interesse zeigst, ich spreche von Malern, die sich Ohren abschnitten, und von Farbkombinationen, die mich faszinieren, und von Männern und Frauen, die mal etwas gesagt haben, das ich wichtig finde. Du klopfst mir auf den Kopf und sagst, wischi waschi, was mich stutzig macht, so will ich es dir nicht erlauben, über meine Leidenschaften zu reden, sie so leichtfertig abzutun, doch dann sagst du, entschuldige, erzähl mir später mehr davon, lass uns jetzt schlafen, und ich bin verwundert, dass jemand wie du, so eine große Blutspuckerin, sich entschuldigen kann, mich macht das ganz aufgeregt, dass so eine Ungezähmte wie du um Verzeihung bittet, ich kann lange nicht einschlafen.

Als wir erwachen und du ins Freie trittst, liegt ein abgetrennter Schafskopf vor der Tür der Hütte, ein Auge des Schafes ist von einem Pfeil durchstoßen, ein Brief ist dem Schaf auf die Stirn getackert, es handelt sich um eine Drohung. Ihr habt Schafe zu hüten!

Die Dorfbewohner wollen unsere Flucht nicht dulden, man darf den provinziellen Gemeinschaften nicht entfliehen, das wird als Verantwortungslosigkeit ausgelegt, denn man hat Dienste für die Gemeinschaft zu erfüllen, die du allerdings nicht mehr gewillt bist zu erledigen, wie du in den Himmel schreist, scheiß auf die Schafe, rufst du, schreibst auf ein Schild Hier wohnen keine guten Hirten! und stellst es vor der Hütte auf. Du bist erst vor wenigen Tagen aus dem Dorf geflohen, ich streife bereits monatelang durch die Wälder. In dir ist also wohl noch mehr Energie als in mir.

Dir ist bewusst, dass man uns nicht dulden wird. Von allen Orten ringsum werden Menschen kommen. Du weißt so gut wie ich Bescheid über die Lehren, an denen die hiesigen Menschen hängen. Die Statuten an den Toren der Kirchen in den Dörfern besagen, dass eine Gemeinschaft nur Erlösung finden kann, wenn alle Mitglieder der Gemeinschaft ein sittliches Leben führen. Was unter einem sittlichen Leben zu verstehen ist, gilt als ungewiss. Keinesfalls darf man es jedoch vernachlässigen, die Schafe zu hüten und die Felder zu bestellen.

Du trittst aus der Hütte und schlägst mit einem Stock gegen Baumstämme, ich frage erschrocken, was in dich gefahren sei, du sagst, Training müsse sein. Wenn sie kämen, würdest du diese Hütte nicht aufgeben, deine Augen sehen verändert aus, ehemals waren sie blau, ich schaue sie lange an, bis ich erkenne, wie sie mir nun erscheinen: leer.

Ich streiche dir über die Wange, um dich fühlen zu lassen, dass du ein Mensch bist, doch womöglich tue ich es ungeschickt, du drehst mir die Hand auf den Rücken, was schmerzhaft ist, du sagst, Zuneigung sei ein Gefühl und Gefühle könne man unterdrücken. Ich frage dich, ob du beim Militär gewesen seist. Als die Jungen Krieg spielten, habest du so einiges mitbekommen, du lerntest, dass Liebe und Hass Gefühle seien und dass man diese demnach unterdrücken könne, was vieles in deinem Leben einfacher gemacht habe, wie du behauptest. Ich weiß nicht, ob ich dir glauben soll, also entscheide ich mich dafür, ein Kinderlied zu summen.

4

Die Hütte, die bisher von den Soldaten nicht gefunden wurde, ist ihnen nun bekannt, du hast sie hierhergeführt, doch das werfe ich dir nicht vor, ich bin es gewohnt, weiterzuziehen, ständig in Bewegung zu bleiben.

Du verhältst dich unvernünftig, möchtest die Hütte nicht aufgeben, willst eine Konfrontation mit den Soldaten, was Irrsinn ist.

Ich erzähle dir von Lucy und Simon, die in einem abgelegenen Bauernhaus leben. Dort können wir uns verstecken. Bei ihnen fand ich schon einige Male Unterschlupf. Du sträubst dich, lässt dich aber schließlich überzeugen. Stimmt, jetzt ist es zu früh, sagst du. Wenn schon sterben, dann mit Stil. Ich würde dich gerne packen, schütteln und dir ins Gesicht schreien, dass das hier kein Spiel sei, du hier nicht über Stil reden solltest, ob dir nicht bewusst sei, dass wir in Lebensgefahr sind, doch ich tue es nicht, nehme dich an die Hand und wir gehen los.

Lucys und Simons Haus ist nur fünfundvierzig Gehminuten entfernt. Lucy und Simon haben psychische Probleme, aber nur manchmal, meistens sind sie ganz okay, da sieht man ihnen gar nichts an, sie weinen nicht einmal oft, jedenfalls nicht, wenn ich in ihrer Nähe bin.

Lucy und Simon sind ein Paar, seit sie so klein (Lucy zeigt immer wie klein, Simon nickt bekräftigend) waren.

Simon kann nur eine Erektion bekommen, wenn Lucy sich hinter ihn stellt, sich an ihn drückt und die Melodie der Europahymne summt. So schlimm wäre das gar nicht, denn Lucy tut das gerne für ihn und Simon ist auch ein guter Liebhaber, fordernd, einfühlsam und ausdauernd. Das Problem ist nur, dass Lucy, sobald Lucy und Simon jemanden kennenlernen, diese Information über Simon sofort preisgibt. Zumeist nachdem sich alle vorgestellt und einander die Hände geschüttelt haben.

Ich bin Martin.

Ich bin Lucy.

Das ist Kathrin.

Ich bin Kathrin. Das ist Martin.

Ich bin Simon.

Simon kann nur eine Erektion bekommen, wenn ich hinter ihm stehe, mich ganz fest an ihn drücke und die Melodie der Europahymne summe.

Wenn so etwas nach der Vorstellungsrunde gesagt wird, verschreckt das viele Leute.

Simon ist das furchtbar peinlich, doch er weiß, dass Lucy das nicht sagt, um ihn zu demütigen. Lucys Verhalten ist zwanghaft. Sie erzählt zum Beispiel auch bei jedem Friseurbesuch, dass sie mit vierzehn Jahren noch Bettnässerin war, und sie fängt immer wieder in den unpassendsten Momenten an, über das Sexleben von Simon und ihr zu sprechen, obwohl sie das gar nicht möchte – so habe ich schon einiges erfahren.

Tut mir leid, ich weiß auch nicht, also ich muss mich echt entschuldigen, ähm. So etwas sagt Lucy, wenn wieder etwas Peinliches rausmusste, und dabei starrt sie auf ihre Füße. Manchmal weint sie dann und Simon tröstet sie nur verhalten, weil Lucy die netten Bekanntschaften vergrault und ihn gedemütigt hat. Aber sie streiten sich deshalb nicht lange, haben mir die beiden erzählt.

Lucy öffnet die Tür. Sie empfängt mich herzlich, drückt mich fest, möchte auch dich umarmen, doch du stößt sie weg.

Im Haus riecht es nach Lavendel und Taubenscheiße. Lucy und Simon halten Tauben im Haus. Mit dem Lavendelduft versuchen sie, den Geruch der Taubenscheiße zu überdecken.

Ich frage, ob wir hier ein paar Nächte bleiben können.

So lange ihr wollt, sagt Lucy, ein paar Nächte, sage ich, länger ist auch möglich, sagt Lucy, länger wollen wir aber nicht, sagst du. Simon füttert gerade die Tauben. Lucy führt uns in das Zimmer im Keller, in dem wir übernachten werden. Ich bemerke, dass ihr Bauch, seit ich sie das letzte Mal sah, deutlich größer geworden ist. Lucy ist schwanger. Sie entschuldigt sich, sie müsse gleich wieder zurück ans Spinnrad, erzählt aber noch, dass sie ihr zwanghaftes Verhalten überwunden habe. Diesmal für immer, sagt Lucy, ganz bestimmt. Sie nickt freudig. Nun sage sie nichts mehr, was nicht absolut zur Situation passe, dafür könne sie garantieren. Jetzt müsse sie aber wirklich anfangen zu arbeiten.

Jeden Tag verlangt uns der König mehr ab, es ist schrecklich, ich würde mich ja wehren, aber wir bekommen jetzt bald ein Kind und man weiß ja, wie das ist, sagt Lucy.

Wir essen Vollkornbrot und trinken Ananassaft, während die Nacht hereinbricht. Simon, du und ich spielen Karten, Lucy stößt nicht zu uns, sie muss die Nacht durcharbeiten. Wir gehen zu Bett.

Nachts schleichst du umher, denkst, ich würde es nicht bemerken, wenn du in die Schränke und in die Schuhschachteln, die in den Schränken stehen, blickst, du bewegst dich vorsichtig, unter dir knarrt der Holzboden, eine Maus läuft an dir vorbei, du schreist nicht auf, zuckst nicht einmal zusammen, du scheinst Umstände wie diese gewohnt zu sein, zumindest machen sie dir nichts aus. Du gehst unbeirrt weiter durch den Raum, erkundest jeden Zentimeter, legst dich sogar auf den Boden, blickst unter das Bett und kneifst ein Auge zu. Du kriechst in eine Ecke, kauerst dich zusammen, zitterst, ich weiß nicht, wieso du zitterst, ich weiß nur, wenn du wüsstest, dass ich gerade deine Schwäche sehe, würdest du mich attackieren.

Du verharrst eine Weile im düstersten Winkel des Zimmers, ehe du dich erhebst, auf mich zukommst und dich herabbeugst. Du glaubst, dass ich schlafe, ich spüre deinen Atem, ansehen kann ich dich nicht, ich halte die Augen geschlossen und versuche, mich zu entspannen, du würdest wohl erkennen, wenn ich mich verkrampfe, auf eine deiner Bewegungen reagiere oder zwinkere. Du drehst dich ruckartig weg, stöhnst auf, keuchst. Ich tue so, als sei ich soeben erwacht.

Was ist mit dir?

Nichts, schlaf weiter.

Hast du geschrien?

Schlaf weiter!

Du brüllst und ballst die Fäuste. Als ich mich dennoch aufrichte, stürzt du zu mir und drückst meinen Oberkörper nieder. Du bist kräftig, ich sinke zurück, schließe die Augen und drehe mich weg, woraufhin du seufzt.

5

Am Morgen weckt mich ein von dir im Schlaf ausgestoßener Schrei. Du bist schweißnass, Haare kleben an deiner Stirn, du windest dich.

Ich umarme dich, du erwachst und ich rechne damit, dass du mich schlägst, doch du lässt es geschehen, ich drücke mich an dich und sage gar nichts, was so viel heißen soll wie: Alles wird gut.

Nach wenigen Minuten löst du dich von mir.

Mir kommt die Möglichkeit deines Todes in den Sinn, als ich dich halte, was mich befremdet, dachte ich doch, nicht mehr zu glauben, dass alles, woran ich hänge, verdirbt. Ein Erdbeben könnte beginnen, die Fassade könnte bröckeln, die zwei Bilder, auf denen bärtige Männer zu sehen sind, könnten zu Boden fallen, Fenster könnten bersten, du würdest still zusehen, alle deine Glieder anspannen, Lucy und Simon würden schreien, du fändest in meinen Armen den Tod. Würde ich dich jetzt noch halten, ich hielte dich fester.

Wir müssen hier weg, sagst du.

Aber warum?

Ich kenne den König.

Und? Ich kenne den König auch, jeder kennt den König.

Ich kenne ihn besser.

Aber hier sind wir doch sicher, sage ich.

Nein! Lucy und Simon arbeiten für den König. Ich weiß, dass die Frauen, die Gold spinnen, ihm direkt unterstellt sind.

Aber er kommt doch niemals hierher!

Seine Soldaten kommen hierher und die kennen mich! Wir müssen hier weg!

Die kennen dich nicht. Und selbst wenn, werden sie dich in diesem Keller nicht finden.

Ich verlange nach Gründen, weshalb der König dich kennen sollte. Du sagst, du lebtest einst an seinem Hof, bevor du ins Dorf gebracht wurdest. Du habest ihn oft gesehen, doch du seist mit den Jahren so geworden, wie er dich nicht haben wollte, so schwierig. Ich frage, was du denn getan habest.

Vieles, was dem König missfiel, sagst du.

Du schriebest beispielsweise immer allzu theatralische Einkaufslisten.

Nimm mir meine Freiheit!

Nimm mir meine Liebe!

Nimm mir Kafka!

Nimm mir Brot!

Nimm mir Kaubonbons mit Himbeergeschmack!

Nimm mir das Meer!

Nimm mir Hoffnung!

mit.

Der König fand, du hättest auch einfach schreiben können:

die roten Kaubonbons, Brot.

Am Königshof warst du sehr einsam. Du schriebst deiner toten Schwester Briefe, die dem König so seltsam erschienen, dass sie ihm schlaflose Nächte bereiteten. Natürlich hast du diese versteckt, doch irgendjemand fand sie und verriet dich, da seist du dir sicher.

Du erklärst, dass du zum Beispiel Folgendes geschrieben hast:

Liebe tote Schwester,

ich habe deinen Schmuck meiner neuen Freundin geschenkt und nun fühle ich mich schuldig. Könntest du mir bitte sagen, dass das kein Problem für dich ist. Danke dir.

Oder:

Stell dir vor, Hemingway besäuft sich und beginnt, dich anzupöbeln. Schwester, ich lese deine Bücher.

Du verfasstest viele solcher Briefe, an die hundert, an manche denkst du heute noch oft und in stillen Momenten erzählst du mir von ihnen. Als man dich fortschickte, hörtest du auf, deiner Schwester zu schreiben. Du warst zu unfolgsam für ein Leben am Königshof. Du spucktest den König an, als er dir befahl, mit dem Sieger eines Turniers eine Nacht zu verbringen. Der Turniersieger war der Sohn eines Herzogs, dessen Macht fast gleich groß wie die des Königs war und der bei den Edelleuten mindestens ebenso gut gestellt war wie der König selbst. Deine Unfolgsamkeit bedeute, so rief der König, Gefahr für alle Menschen im Reich. Doch du verlorst deine Unschuld nicht an diesen Herzogssohn, verlorst sie erst an Paul, dann im Dorf, in das der König dich schickte, das du kennen und daraufhin hassen lerntest, das du verließt in einer nebligen Nacht.

Doch nun sei genug geredet, sagst du, du wüsstest gar nicht, weshalb du mir das erzähltest, du schüttelst den Kopf, als müsstest du dich besinnen, als hättest du in den letzten Minuten Schwäche gezeigt und etwas gesagt, was du womöglich bald bereuen könntest.