Im Netz der Spinne (Maria Martinez 1) - Nikki Owen - E-Book

Im Netz der Spinne (Maria Martinez 1) E-Book

Nikki Owen

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Beschreibung

Die Chirurgin Dr. Maria Martinez leidet unter dem Asperger-Syndrom. Einerseits ist sie ein Zahlengenie, andererseits versetzen Menschenmengen und enge Räume sie in Panik. Nun droht sie schier verrückt zu werden, denn Maria sitzt im Gefängnis. Nachdem eine DNA-Probe sie des Mordes an einem Priester überführt hat, wurde sie zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Allerdings hat sie keine Erinnerung an die Tat, sie hält sich für unschuldig. Bis sie plötzlich Bilder vor sich sieht, wirre Szenen, die sie zutiefst verunsichern. Existiert das alles nur in ihrem Kopf? Oder beginnt sie sich zu erinnern? Je näher Maria der Wahrheit kommt, desto mehr gerät sie in Gefahr – in tödliche Gefahr, der sie im Gefängnis nicht entkommen kann ...

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Seitenzahl: 487

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Buch

Dr. María Martínez, eine erfolgreiche plastische Chirurgin, leidet unter dem Asperger-Syndrom. Sie ist ein Zahlengenie, doch sobald ihr Leben nicht nach genauen Regeln abläuft, wird sie panisch. Nun befindet sich María im Frauengefängnis von Goldmouth und droht, den Verstand zu verlieren. Eine DNA-Probe hat sie des Mordes an einem katholischen Priester überführt. Aber María kann sich an nichts erinnern und hält sich für unschuldig. Das Leben im Knast ist die Hölle. Die Wärter verhöhnen ihre autistische Veranlagung, und die Mitgefangenen quälen sie bis aufs Blut. Nur der Psychotherapeut Kurt und die Ärztin Dr. Lauren Andersson kümmern sich um María und gehen auf ihre Bedürfnisse ein. Während ihrer Therapie leidet María unter Halluzinationen. Doch als sie lernt, zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden, beginnt sie sich langsam zu erinnern. Und schon bald ahnt sie, dass sie das Opfer einer Verschwörung wurde. Aber wer sind ihre Gegner? Wieso hat man ihr einen Mord angehängt? Und ist Kurt und Dr. Andersson zu trauen? Endlich findet María einen Rechtsanwalt, der eine Wiederaufnahme ihres Verfahrens anstrebt. Doch damit gerät María endgültig in tödliche Gefahr ...

Autorin

Nikki Owen ist Schriftstellerin und Kolumnistin. Für ihr Examen studierte sie auch an der berühmten Universität Salamanca – in derselben Stadt, aus der Dr. María Martínez, ihre Protagonistin in »Im Netz der Spinne«, stammt. Nikki Owen wurde in Dublin geboren und lebt heute mit ihrer Familie in Gloucestershire. »Im Netz der Spinne« ist der Beginn einer Trilogie.

NIKKI OWEN

Im Netz

der Spinne

Thriller

Aus dem Englischen

von Antonia Noris

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel

»The Spider in the Corner of the Room« bei Harlequin MIRA,

an imprint of Harlequin (UK) Ltd., Richmond.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2016

Copyright © der Originalausgabe 2015 by Nikki Owen

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

Redaktion: Ilse Wagner

mb ∙ Herstellung: Str.

Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-16654-0V001

www.goldmann-verlag.de

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Für Dave, Abi und Hattie –

meine wunderbare kleine Familie.

1

Der Mann sitzt mir reglos gegenüber, den Kopf hocherhoben, und unterdrückt ein Husten. Die Sonne heizt den Raum auf, und ich zupfe an meiner Bluse, doch die Hitze klebt hartnäckig an mir. Ich beobachte ihn. Nichts gefällt mir: er, ich, das hier, dieser Raum, dieser … dieser Käfig. Am liebsten würde ich mir die Haare ausreißen und ihn anbrüllen, sie alle anbrüllen, die ganze Welt anbrüllen. Trotzdem bleibe ich ruhig sitzen. Die Wanduhr tickt.

Er legt sein Diktiergerät auf den Tisch und schenkt mir unvermittelt ein breites Lächeln.

»Denken Sie immer daran«, sagt er, »dass ich Ihnen helfen will.«

Schon öffne ich den Mund, um etwas zu erwidern, doch auf einmal blitzt ein Funke in mir auf, eine Stimme in meinem Kopf, die flüstert: Los! Ich versuche, sie zu ignorieren und mich stattdessen auf etwas zu konzentrieren, irgendetwas, um die aufwallende Woge in mir zu dämpfen. Seine Größe. Er ist zu groß für den Stuhl. Sein Rücken ist krumm, der Bauch eingesunken, und er hat die Beine übereinandergeschlagen. Bei einer Größe von 187,9 Zentimetern und einem Gewicht von 74,3 Kilogramm könnte er einen Kilometer weit sprinten, ohne dass ihm die Luft ausgeht.

Der Mann räuspert sich und sieht mich unverwandt an. »María«, setzt er an, »darf ich …« Er unterbricht sich und beugt sich ein wenig vor. »Darf ich Sie María nennen?«

Ich antworte instinktiv auf Spanisch.

»Auf Englisch, bitte.«

Ich huste. »Ja. Ich heiße María.« Meine Stimme zittert. Hat er es gehört? Ich muss mich beruhigen. Denke an Tatsachen. Seine Fingernägel. Sie sind sauber, geschrubbt. Sein Hemd ist weiß und steht am Kragen offen, der Anzug ist schwarz. Teurer Stoff. Wolle? Außerdem trägt er seidene Socken und Lederslipper. Ohne Schrammen. Als käme er frisch aus einem Männermodemagazin.

Er greift nach einem Stift, während ich vorsichtig das Glas anhebe und einen Schluck Wasser trinke. Ich umfasse das Glas ganz fest, aber winzige Tröpfchen, die über den Rand schwappen, verraten mich. Ich halte inne. Meine Hände zittern

»Alles in Ordnung?«, fragt der Mann. Ich antworte ihm nicht. Irgendetwas stimmt nicht.

Ich blinzele. Mein Blickfeld – es ist irgendwie milchig geworden, ein weißer Film liegt über meinen Augen, ein Schleier, eine Maske. Meine Lider beginnen zu flattern, mein Herz pocht, und Adrenalin rauscht durch meinen Körper. Vielleicht liegt es daran, dass ich mit ihm hier sitze, vielleicht ist es der Gedanke, mit einem Fremden über meine Gefühle zu sprechen, doch es entfacht irgendetwas tief in meinem Inneren, etwas Beängstigendes.

Etwas, was mir schon oft passiert ist. Eine Erinnerung.

Zuerst schwankt es, lässt sich Zeit. Dann, binnen Sekunden, beschleunigt es, nimmt Fahrt auf, bis es ganz ausgeformt ist: das Bild. Es steht vor mir wie ein Bühnenstück. Die Vorhänge heben sich, und ich bin in einem Krankenzimmer. Weiße Wände, Stahl, gestärkte Bettwäsche. Leuchtröhren hängen an der Decke, scheinen grell herab, entblößen mich. Und dann, weiter vorn, wie ein Zauberer durch wallenden Nebel, kommt der Arzt mit den schwarzen Augen durch die Tür gegenüber herein. Er trägt eine Maske und hat eine Spritze in der Hand.

»Hallo, María.«

Panik wallt in mir auf, vulkanisch wie Lava, so schnell, dass ich das Gefühl habe zu explodieren. Black Eyes. Er tritt näher, und ich beginne zu zittern, versuche zurückzuweichen, zu entkommen, doch meine Gliedmaßen sind mit ledernen Gurten gefesselt. Black Eyes’ Lippen sind geschürzt; er ist jetzt hier im Zimmer, beugt sich über mich, sein Atem – Tabak, Knoblauch, Pfefferminz – ist in meinem Gesicht, meiner Nase, und ich höre mich bereits schreien, als da plötzlich etwas anderes ist. Ein Flüstern: »Er ist nicht real. Er ist nicht real.« Das Flüstern treibt durch mein Gehirn, flattert, schwebt wie eine Brise und hinterlässt nichts als eine leichte Gänsehaut auf meiner Haut. War das echt? Ich sehe mich um: Arzneifläschchen, Spritzen, Diagramme. Ich blicke auf meine Hände: jung, keine Falten. Ich berühre mein Gesicht: Teenagerpickel. Das bin nicht ich, nicht ich jetzt. Was heißt, dass nichts davon existiert.

Wie eine erlöschende Kerze weht das Bild davon, die Vorhänge fallen. Mein Blick wandert nach unten; meine Knöchel sind weiß, so fest halte ich das Glas umklammert. Als ich wieder aufsehe, starrt mich der Mann gegenüber an.

»Was ist passiert?«, fragt er.

Ich atme ein und mustere meine Umgebung. Der Geruch von Black Eyes hängt mir nach wie vor in Nase und Mund, als wäre er wirklich dagewesen. Ich versuche, die Angst beiseitezudrängen, stelle langsam das Glas ab und ringe die Hände, einmal, zweimal. »Ich musste an etwas denken«, sage ich nach einer Weile.

»Etwas Reales?«

»Das weiß ich nicht.«

»Kommt das öfter vor?«

Ich zögere. Weiß er schon Bescheid? Ich beschließe, ihm die Wahrheit zu sagen. »Ja.«

Der Mann betrachtet meine Hände, ehe er sich abwendet und einen Ordner voller fotokopierter Unterlagen aufschlägt.

Ich mustere die Blätter auf seinem Schoß. Daten. Informationen. Fakten, reale Fakten, alles schwarz auf weiß, klar, kein Grau, nichts zwischen den Zeilen, keine versteckten Bedeutungen. Der Gedanke daran muss mich absorbieren, denn ehe ich mich versehe, dringt die Information aus meinem Kopf und durch meinen Mund heraus.

»Kopiergeräte haben ihren Ursprung im Jahr 1440«, stoße ich hervor, den Blick auf die Blätter in seiner Hand gerichtet.

Er sieht auf. »Wie bitte?«

»Kopiergeräte entwickelten sich«, fahre ich fort, »nachdem Johannes Gutenberg 1440 die Druckerpresse erfunden hatte.« Ich atme aus. Mein Gehirn enthält einfach zu viele Informationen. Manchmal läuft es über.

»Die Gutenberg-Bibel war das erste Buch, das in mehreren Exemplaren erschien.« Ich halte inne, warte, doch der Mann reagiert nicht. Er starrt mich wieder nur an, die Augen zu zwei blauen Schlitzen verengt. Meine Beine beginnen zu zucken, während sich eine altbekannte Enge in meiner Brust ausbreitet. Um sie aufzuhalten, zähle ich. Eins, zwei, drei, vier … Bei fünf sehe ich zum Fenster. Die Musselinvorhänge bauschen sich. Eisenstäbe vergittern die Scheiben. Unten fahren drei Busse vorüber, keuchend husten sie Lärm und Auspuffgase aus. Ich fasse mir in den Nacken, an den Haaransatz unten am Schädel. Schweiß läuft mir in den Kragen.

»Es ist warm hier«, sage ich. »Könnte man vielleicht einen Ventilator einschalten?«

Der Mann lässt das Blatt sinken. »Ihre Fähigkeit, Informationen zu speichern, soll unübertroffen sein.« Seine Augen werden schmal. »Ihr IQ ist hoch.« Er liest ein paar Zeilen weiter und schaut dann wieder mich an. »Hunderteinundachtzig.«

Ich rühre mich nicht. Keine dieser Informationen ist zugänglich.

»Es ist meine Aufgabe, Recherchen über Patienten anzustellen«, fährt er fort, als läse er meine Gedanken. Er beugt sich vor. »Ich weiß vieles über Sie.« Er hält inne. »Zum Beispiel, dass Sie Daten gern akribisch auf Ihrem Notizblock festhalten.«

Mein Blick schießt zu einer Stofftasche, die über meinem Stuhl hängt.

»Woher wissen Sie von meinem Notizblock?«

Er verharrt reglos, blinzelt und lehnt sich erst zurück, als ich mich anders hinsetze. Mein Puls beschleunigt sich.

»Das steht natürlich in Ihren Akten«, sagt er schließlich. Er wirft mir ein Lächeln zu und blickt wieder in seine Papiere.

Ich sitze ganz still da, die Uhr tickt, die Vorhänge blähen sich. Sagt er mir die Wahrheit? Sein Geruch, der Schweiß auf seiner Haut, er riecht nach Minze, nach Zahnpasta. Ein harter Knoten bildet sich in meinem Magen, als ich begreife, dass er mich an Black Eyes erinnert. Der Gedanke lässt den stillen Funken in mir erneut aufblitzen, er blinkt mich an, als wollte er mich auffordern, weit weg von hier zu flüchten, aber wenn ich jetzt ginge, wenn ich mich weigerte zu reden, zu kooperieren, wem wäre damit geholfen? Mir? Ihm? Ich weiß nichts über diesen Mann. Gar nichts. Keine Einzelheiten, keine Fakten. Ich beginne mich zu fragen, ob ich einen Fehler gemacht habe.

Der Mann legt seinen Stift zur Seite, und als er seine Notizen unter einen Ordner zu seiner Linken schiebt, rutscht ein Foto heraus. Ich spähe hinüber und sehe es zu Boden fallen. Mir stockt beinahe der Atem.

Es ist ein Porträt des Priesters.

Ehe er ermordet wurde.

Der Mann bückt sich und hebt das Foto auf. Das Porträt baumelt zwischen seinen Fingern. Wir betrachten es alle beide, zwei Unbeteiligte. Ein Windhauch weht herein, sodass der Kopf auf dem Foto hin und her schaukelt. Wir schweigen. Draußen rauscht der Verkehr, und die Busse schieben sich durch den Smog. Das Foto schaukelt immer noch. Der Schädel, die Knochen, das Fleisch. Der Priester, lebendig. Nicht tot. Nicht voller Blut und klaffender Wunden. Nicht mit erstarrten, kalten Augen. Sondern lebend, atmend, warm. Ich erschauere. Der Mann zeigt keine Regung.

Nach einer Weile schiebt er das Bild wieder in den Ordner. Ich verfolge die Bewegungen seiner Finger. Lange, gebräunte Finger. Ich überlege: Woher kommt er? Warum ist er hier, in diesem Land? Als dieser Termin vereinbart wurde, wusste ich nicht, was geschehen würde. Ich weiß es immer noch nicht genau.

»Wie fühlen Sie sich, wenn Sie sein Gesicht sehen?«

Der Klang seiner Stimme lässt mich zusammenzucken. »Was meinen Sie damit?«

»Ich meine, wenn Sie Pater O’Donnell sehen.«

Ich rutsche zurück und presse die Hände im Schoß zusammen. »Das ist der Priester.«

Der Mann legt den Kopf schief. »Haben Sie etwas anderes vermutet?«

»Nein.« Ich schiebe mir ein loses Haar hinters Ohr. Er sieht mich immer noch an. Hör auf, mich anzusehen.

Ich fasse mir in den Nacken. Feucht, klebrig.

»Jetzt würde ich gern mit dem offiziellen Gespräch beginnen«, sagt er und greift nach seinem Diktiergerät. Mir bleibt keine Zeit, um zu protestieren. »Zuerst müssen Sie mir bitte laut – und auf Englisch – Ihren vollständigen Namen, Ihren Beruf, Ihr Alter und Ihren Geburtsort nennen. Und bitte nennen Sie auch den ursprünglichen Grund für Ihre Festnahme.«

Das rote Aufnahmelämpchen leuchtet. Die Farbe lässt mich unwillkürlich blinzeln. Am liebsten würde ich die Augen zukneifen und sie nie wieder aufschlagen. Ich sehe mich im Zimmer um. Vier edwardianische Backsteinwände, zwei Schiebefenster, eine Balkontür, eine Tür. Ich halte inne. Ein Ausgang. Nur einer. Die Fenster und die Balkontür zählen nicht – wir befinden uns im dritten Stock. Mitten in London. Wenn ich springe, breche ich mir angesichts von Fallgeschwindigkeit und Flugbahn wahrscheinlich ein Bein, beide Schulterblätter und einen Knöchel. Ich sehe wieder den Mann an. Ich bin groß und sportlich. Ich kann laufen. Doch wer auch immer er ist, wer auch immer dieser Mann zu sein behauptet, er hat vielleicht Antworten. Und ich brauche Antworten. Weil mir so vieles zugestoßen ist. Und das muss alles ein Ende haben.

Ich erhasche einen Blick auf mein Spiegelbild im Fenster: kurze, dunkle Haare, langer Hals, braune Augen. Eine andere Person blickt mir entgegen: auf einmal älter, faltiger, gezeichnet von ihrer Vergangenheit. Der Vorhang fällt wieder vor die Scheibe, und das Bild verschwindet wie eine Fata Morgana in der Wüste. Erneut schließe ich einen Moment die Augen und öffne sie wieder. Ein einzelner Sonnenstrahl vom Fenster her verleiht mir ein seltsam klares und bereitwilliges Gefühl. Es ist an der Zeit zu reden.

»Mein vollständiger Name ist Dr. María Martínez Villanueva, und ich bin – war – Fachärztin für plastische Chirurgie. Ich bin dreiunddreißig Jahre alt. Geburtsort: Salamanca, Spanien.« Ich halte inne. »Und ich wurde wegen Mordes an einem katholischen Priester verurteilt.«

Die Frau neben mir zupft mich am Ärmel.

»Ey. Hast du mich gehört?«

Ich kann ihr nicht antworten. Mir schwirrt der Kopf von Schreien und Gerüchen, von grellen blauen Lichtern und endlosen Reihen von Gitterstäben. Und ganz egal, wie sehr ich mich auch anstrenge, ganz egal, wie sehr ich mir auch einschärfe zu atmen, zu zählen, mich zu konzentrieren, ich kann mich nicht beruhigen, kann den wirren, durchdringenden Albtraum nicht abschütteln.

Ich bin in einem Polizeitransporter hierhergekommen. Zehn Plätze, zwei Wachleute, drei Passagiere. Die gesamte Fahrt über habe ich mich weder bewegt noch gesprochen und kaum geatmet. Jetzt bin ich hier und versuche, mich zu beruhigen. Ich mustere meine Umgebung, sehe die Fliesen, schwarz wie die Türen, die Wände schmutziggrau. Es stinkt nach Urin und Toilettenreiniger. Eine Aufseherin steht einen Meter von mir entfernt. Hinter ihr liegt das Hauptgebäude des Goldmouth-Gefängnisses. Mein neues Zuhause.

Erneut werde ich am Ärmel gezupft. Ich blicke hinab. Die Frau hält sich an mir fest und krallt dabei ihre Finger wie eine Krebsschere in meine Jacke. Ihre Nägel sind abgekaut, ihre Haut ist rissig wie Baumrinde, und an ihren dünnen Adern ziehen sich Schmutzspuren entlang.

»Ey. Du. Ich hab dich gefragt, wie du heißt.« Sie beäugt mich. »Bist du Ausländerin oder was?«

»Ich bin Spanierin. Ich heiße Dr. María Martínez.« Sie hält weiter meinen Arm umklammert. Ich bin ratlos. Soll ich ihr etwa meine Jacke geben? Verzweifelt halte ich Ausschau nach einer Aufseherin.

Die Frau lacht kurz auf. »Eine Frau Doktor? Ha!« Sie lässt meinen Ärmel los und wirft mir eine Kusshand zu. Ihr Atem riecht nach Exkrementen. Ich ziehe meinen Arm zurück und streiche die Falten glatt, wische sie von mir ab, weg von mir. Gerade als ich glaube, dass sie aufgegeben hat, plappert sie erneut los.

»Was, zum Teufel, hat eine Frau Doktor angestellt, dass sie hier landet?«

Ich öffne den Mund, um sie zu fragen, wer sie ist, weil ich mir von anderen abgeschaut habe, dass man das so macht, doch eine Aufseherin sagt, wir sollen weitergehen, also tun wir es. In meinem Kopf schwirren so viele Fragen umher, doch die neuen Geräusche, die Formen, Farben, Menschen – es ist alles zu viel. Für mich ist es alles zu viel.

»Ich heiße Michaela«, sagt die Frau, während wir weitergehen, und versucht, mir in die Augen zu sehen. Ich wende mich ab. »Michaela Croft«, fährt sie fort. »Mickie für meine Freunde.« Sie krempelt ihr T-Shirt hoch.

»Michaela ist die weibliche Version von Michael«, sage ich, außerstande, mich zu bremsen. »Der Name Michael bedeutet im Hebräischen Wer wie Gott ist. Michael ist ein Erzengel aus der jüdischen und der christlichen Heiligen Schrift.« Die Worte sprudeln einfach so aus mir heraus.

Ich erwarte, dass sie mich auslacht wie die meisten, doch als sie es nicht tut, werfe ich verstohlen einen Blick auf sie. Sie lächelt auf ihren Bauch hinab, wo sich eine tätowierte Schlange um den Nabel herumringelt. Sie fängt meinen Blick auf, lässt das Shirt fallen und öffnet mit herausgestreckter Zunge den Mund. Als sie die Zunge mit den drei silbernen Piercings noch weiter herausschiebt, sehe ich weg.

Nachdem wir im nächsten Bereich angelangt sind, werden wir angewiesen stehen zu bleiben. Nach wie vor gibt es nirgends Fenster, nirgends ist ein Ausgang zu sehen. Keine Fluchtmöglichkeit. An der Decke erhellen Leuchtröhren den Korridor, deren Anzahl ich berechne, bis ich mich in sinnlosen Kalkulationen verliere.

»Gehen Sie mal weiter.«

Ich zucke zusammen. Ein Mann mittleren Alters steht zwei Meter weit weg. Er hat den Kopf schief gelegt und den Mund leicht geöffnet. Wer ist er? Einen Moment lang erwidert er meinen Blick, ehe er sich mit der Hand durchs Haar fährt und davonschlendert. Ich will mich gerade umdrehen, als er stehen bleibt und mich erneut mustert. Doch diesmal rühre ich mich nicht vom Fleck. Seine Augen. Sie sind braun und so intensiv, dass ich nicht wegsehen kann.

»Martínez«, sagt die Aufseherin, »es geht weiter. Bewegen Sie sich.«

Ich recke den Hals, um zu sehen, ob der Mann noch da ist, doch er ist verschwunden. Als hätte er nie existiert.

Im Inneren des Gefängnisgebäudes ist es laut. Ich verschränke fest die Arme und halte den Kopf gesenkt, in der Hoffnung, so meine Verwirrung abzublocken. Schweigend folgen wir der Aufseherin. Ich versuche, ruhig zu bleiben, mir selbst gut zuzureden, mich selbst davon zu überzeugen, dass ich damit klarkomme, dass ich diese neue Umgebung genauso verkrafte wie alle anderen hier, doch es ist alles so fremd. Dieses Gefängnis – der penetrante Gestank nach ungewaschenen Körpern, das Gebrüll, die sporadischen Schreie. Ich brauche Zeit, um das alles zu verarbeiten, um mich darauf einzustellen. Nichts von alledem ist Routine.

Michaela tippt mir auf die Schulter. Unwillkürlich zucke ich zusammen.

»Dann hast du ihn also gesehen?«, fragt sie.

»Wen?«

»Den Direktor von Goldmouth. Den Typen gerade eben mit den hübschen Augen und der kostspieligen Bräune.« Sie grinst. »Sei vorsichtig, ja?« Sie legt mir eine Hand auf die rechte Pobacke. »Ich hab schon mal hier eingesessen, Süße. Unser Direktor hat, na ja … er hat so einen gewissen Ruf.«

Sie hat immer noch die Hand auf mir liegen, und ich will, dass sie weggeht, mich in Ruhe lässt. Gerade will ich ihren Arm wegschlagen, als die Aufseherin ihr zuruft, dass sie die Finger von mir nehmen soll.

Michaela leckt sich über die Zähne und lässt ihre Hand fallen. Mein Körper entspannt sich. Ohne ein weiteres Wort schnaubt sie, wischt sich mit dem Handrücken die Nase ab und geht davon.

Ich senke erneut den Kopf und achte darauf, ein Stück hinter ihr zu bleiben.

2

Wir werden in einen Bereich gebracht, der sich Aufnahmeabteilung nennt.

Die Wände sind weiß. Die Ritzen zwischen den Mauersteinen sind mit braunen Flecken verschmiert, und im Schein der Deckenleuchten glänzen Schutzwände aus Plastik. Michaela hält sich weiter neben mir. Ich will nicht, dass sie mich noch einmal berührt.

Die Aufseherinnen bleiben stehen, drehen sich um und drücken jeder von uns etwas in die Hand. Es ist ein vierzigseitiges Heftchen, in dem die Regeln von Goldmouth Prison dargelegt sind. In nicht einmal einer Minute habe ich das ganze Ding durchgelesen – die Fernsehzeiten, die Duschmöglichkeiten, die Leibesvisitationen, die Richtlinien für die Benutzung der Leihbücherei. Stundenpläne, Vorschriften, endlose Regeln – ein endloses Band von Anweisungen. Ich erinnere mich an jedes Wort, jedes Komma, jede Abbildung auf den Seiten. Als ich fertig bin, schließe ich das Heft und blicke nach rechts. Michaela streicht über die Stecker in ihrer Zunge und zieht an jedem einmal, wobei sie erst zusammenzuckt und dann lächelt. Schweiß brennt mir im Nacken. Ich will nach Hause.

»Du liest aber schnell, Süße«, sagt sie und beugt sich zu mir her. »Du kannst dir das alles merken? Mann, ich kann mir manchmal nicht mal meinen Scheißnamen merken.«

Erneut zupft sie an ihren Steckern. Sie könnten ihr Probleme bereiten, sich entzünden. Das sollte ich ihr sagen. Das tut man doch, oder? Sich gegenseitig helfen?

»Piercings können Nervenschäden in der Zunge verursachen und zu Schwäche, Lähmungen und Gefühlsverlust führen«, sage ich.

»Was zum …?« Der Buchstabe »T« beginnt sich in ihrem Mund zu bilden, doch ehe sie ihn aussprechen kann, reißt mir eine Aufseherin das Heft aus der Hand.

»Hey!«

»Ausziehen«, sagt die Aufseherin.

»Was ausziehen?«

Sie verdreht die Augen. »Ach, Sie sind ja eine ganz Witzige, Martínez. Sie müssen sich ausziehen. Es ist ganz einfach. Wir durchsuchen alle Gefangenen bei ihrer Ankunft.«

Michaela schnaubt. Die Aufseherin dreht sich um. »Das reicht, Croft, Sie sind die Nächste.«

Ich tippe der Aufseherin auf die Schulter. Vielleicht habe ich sie missverstanden. »Sie meinen, meine Kleider ablegen?«

Die Aufseherin starrt mich an. »Nein, ich meine, sie alle anlassen.«

»Oh.« Ich entspanne mich ein wenig. »Okay.«

Sie schüttelt den Kopf. »Natürlich meine ich, dass Sie Ihre Kleider ablegen sollen.«

»Aber Sie haben doch gesagt …« Ich halte inne, reibe mir die Stirn und sehe sie erneut an. »Aber das bin ich nicht gewohnt. Ausziehen, also – das gehört nicht zu meinen Gewohnheiten.« Mir wird übel.

Die Aufseherin seufzt. »Okay, Martínez. Machen Sie mal voran. Sie brauchen mir hier nicht mit Haarspaltereien zu kommen.« Sie packt mich am Arm, und ich erstarre. »Himmel Herrgott noch mal«, faucht sie.

»Bitte lassen Sie mich los«, sage ich.

Doch sie reagiert nicht, sondern stößt mich weiter nach vorn, und ich will etwas einwenden, schreien, brüllen, doch irgendetwas sagt mir, dass ich es lieber lassen sollte, dass ich, wenn ich diese Aufseherin jetzt fest ins Gesicht schlage, Ärger bekommen könnte.

Wir gehen durch zwei aufeinanderfolgende Doppeltüren. Diesmal sind sie aus Metall. Schwer. Mein Puls beschleunigt, und in meinem Magen dreht sich alles. Die Aufseherin weicht mir nicht von der Seite. Ein Stück weiter vorn sind zwei Putzkräfte mit Eimern und Mopps beschäftigt, und als sie uns sehen, halten sie inne. Aus ihren Mopps tropft es auf die Fliesen, Wasser und Schaum rinnt die Spalten entlang, wobei die Blasen zuerst wackeln und dann platzen, eine nach der anderen, ehe das Wasser mit den Fugen verschmilzt und schließlich ganz versickert.

Eine Ecke und zwei Türen weiter gelangen wir in einen neuen Raum. Er ist vier mal vier Meter groß und sehr warm. Die Jacke klebt mir an der Haut, und meine Beine zittern. Ich schließe die Augen. Ich muss. Ich muss nachdenken, um mich zu beruhigen. Ich stelle mir meine Heimat vor, Spanien. Orangenhaine, Sonnenschein, Berge. Alles, was mir einfällt, alles, was meine Gedanken davon ablenkt, wo ich bin. Was ich bin.

Als jemand hustet, schlage ich die Augen auf. Vor mir sitzt eine zweite Aufseherin an einem Tisch. Sie hustet erneut, späht unter ihrer Brille durch und runzelt die Stirn. Mein Bein juckt vom Schweiß und von der Hitze. Ich bücke mich, ziehe die Hose hoch und kratze.

»Gerade hinstellen.«

Sie faucht mich an wie meine Mutter ihre Putzfrau. Ich richte mich auf.

»Sie sind die Priestermörderin«, sagt sie. »Ich kenne Ihr Gesicht aus der Zeitung. Sie brauchen sicher die Kapelle, was?« Sie kichert. Die hinter mir stehende Aufseherin stimmt mit ein.

»Ich gehe nicht zur Kirche«, sage ich verwirrt.

Sie hört auf zu lachen. »Nein, natürlich nicht.« Sie legt den Kopf schief. »Sie könnten ein paar Pfund mehr auf den Rippen vertragen. Ein dünnes, hübsches Ding wie Sie hier drinnen?« Sie pfeift und schüttelt den Kopf. »Na, jedenfalls gut gebräunt.«

Sie macht mich nervös – ihr Lachen, ihr Spott. Ich weiß, wie diese Leute sein können. Ich ziehe unten an meiner Jacke. Meine Finger sind feucht, und ich beiße die Zähne fest genug zusammen, um den Mund zu halten, sodass meine Gedanken in meinem Kopf bleiben. Ich will so sehr mit den Händen wedeln, aber irgendetwas an diesem Ort – dieser Aufseherin – sagt mir, dass ich das lieber nicht tun sollte.

Die sitzende Aufseherin schlägt einen Aktenordner auf. »Hier steht, Sie sind Spanierin.«

Ich antworte auf Spanisch.

»Englisch bitte. Wir sprechen hier Englisch.«

»Ja«, sage ich, »ich bin Spanierin. Aus Kastilien. Hören Sie meinen Akzent denn nicht?«

»Die hält sich für eine ganz Schlaue.« Ich wende mich um. Die andere Aufseherin.

»Tja, das hat uns gerade noch gefehlt«, sagt die sitzende Aufseherin. »Eine verfluchte Klugscheißerin.« Sie löffelt Zucker in eine Henkeltasse. Auf einmal wird mir bewusst, dass ich seit Stunden nichts getrunken habe.

»Ich möchte bitte ein Glas Wasser.«

Sie ignoriert mich. »Martínez, Sie müssen tun, was wir sagen«, erklärt sie und rührt in ihrer Tasse.

Sie hat vier gehäufte Löffel Zucker hineingeschaufelt. Ich betrachte ihren Bauch. Rund. Das ist nicht gesund. Ehe ich es aufhalten kann, stürzt mir eine Diagnose aus dem Mund und sprudelt dahin wie ein wilder Gießbach.

»Sie haben zu viel Bauchumfang«, sage ich, und die Worte quellen unaufhaltsam hervor. »Dadurch haben sie ein überdurchschnittlich hohes Risiko für eine Herzkrankheit. Wenn Sie weiterhin Zucker in Ihren …« Ich zögere. »Ich nehme an, das ist Tee? Dann erhöhen Sie Ihr Risiko für Herzkrankheiten ebenso wie das für Typ-II-Diabetes.« Ich verstumme und hole Luft.

Die Hand der Aufseherin verharrt in der Luft.

»Hab’s dir doch gesagt«, sagt die stehende Aufseherin.

»Ausziehen«, sagt die sitzende Aufseherin nach einer Weile. »Ziehen Sie sich gefälligst aus, Klugscheißerin.«

Aber ich kann nicht. Ich kann mich nicht ausziehen. Nicht hier. Nicht jetzt. Mein Herzschlag beschleunigt sich, und mein Blick jagt gehetzt durch den Raum, während eine primitive Stimme in mir anschwillt und mich drängt, mich zu einer Kugel zusammenzurollen und mich zu schützen.

»Sie müssen Ihre Kleider ausziehen«, erklärt die sitzende Aufseherin gelassen und bläst auf ihren Tee. »Das müssen alle Neuankömmlinge in Goldmouth.« Sie trinkt einen Schluck. »Wir müssen Sie durchsuchen. Jetzt gleich.«

Panik wallt in mir auf. Mein Herzschlag. Mein Puls. Rasch suche ich nach einem Fixpunkt und konzentriere mich auf das Gesicht der sitzenden Aufseherin. Aknenarben zeichnen ihr Kinn, sie hat dunkle Schatten unter den Augen, und auf ihren Wangen mäandern acht dünne Linien über einen geröteten Teint. »Trinken Sie Alkohol?«, platze ich heraus.

»Was?«

Vielleicht hat sie mich nicht gehört. Viele Leute wirken taub, obwohl sie es gar nicht sind. »Trinken Sie Alkohol?«, wiederhole ich.

Sie grinst die stehende Aufseherin an. »Ist die noch ganz echt?«

»Natürlich bin ich echt. Sehen Sie?« Ich zeige auf mich selbst. »Ich stehe doch hier.«

Die sitzende Aufseherin schüttelt den Kopf. »Meine Fresse.« Sie atmet aus. »Ausziehen.« Dann trinkt sie wieder aus ihrer Tasse.

Mir schnürt es den Brustkorb zusammen, und in meinen Handflächen sammelt sich der Schweiß. »Ich kann mich nicht ausziehen«, sage ich nach einem Augenblick in ruhigem Tonfall, wobei meine Stimme wie am Rande des Wahnsinns klingt. »Es ist weder Schlafengehenszeit noch Zeit zum Duschen noch Zeit für Sex.«

Die sitzende Aufseherin spuckt einen Mundvoll Tee aus. »Verdammt.« Sie zieht ein Taschentuch heraus und wischt sich das Gesicht ab. »Guter Gott. Schauen Sie bloß«, sagt sie und zerknüllt das Taschentuch. »Ich sage es Ihnen noch einmal, Martínez. Sie müssen sich jetzt ausziehen, damit wir Sie durchsuchen können.« Sie macht eine Pause. »Sonst bleibt mir keine andere Wahl, als Sie eigenhändig auszuziehen. Und dann kommen Sie zur Strafe in den Isolationstrakt.«

Sie verschränkt die Arme und wartet.

Ich wische mir über die Wange. »Aber … aber jetzt ist nicht die Zeit zum Ausziehen.« Rasch drehe ich mich zu der anderen Aufseherin um. »Bitte sagen Sie es ihr«, flehe ich. »Jetzt ist nicht die Zeit.«

Doch die Aufseherin verdreht nur die Augen, drückt auf einen blauen Knopf an einer Sprechanlage und wartet. Niemand spricht, niemand bewegt sich. Noch ein paar Tränen dringen heraus, schlittern über mein Gesicht, bis übers Kinn, brennen auf meiner Haut, sind mir fremd, unbekannt. Ich weine nicht, jedenfalls nicht oft. Nicht ich, nicht mit meinem so speziell konstruierten Gehirn. Ich bin stark, abgehärtet, gestählt. Also warum jetzt, warum hier? Ist es dieser Ort, dieses Gefängnis? Erst eine Stunde hier drinnen, und schon verändert es mich. Ich berühre meine Kopfhaut, befühle mein Haar, wobei meine Fingerspitzen die Wärme aus meinem Kopf aufsaugen. Ich bin echt, ich existiere, aber ich fühle es nicht. Fühle gar nichts von mir selbst.

Schreie von irgendwoher wehen herein und wieder hinaus, und ihr Geräusch vibriert wie ein Summer in meinen Ohren. Ich versuche, mich zu fassen, an zu Hause zu denken, an meinen Vater, an seine offenen Arme. Daran, wie er mich hochhob, wenn ich mir wehgetan hatte. Ich atme ein und versuche, mich an seinen Duft zu erinnern: Zigarren, Eau de Cologne, Füllfederhaltertinte. Seine Brust, seine breite Brust, an die ich immer den Kopf gelegt habe, während mich seine Arme umfingen, die Wärme seines Körpers, die mich beschützt hat, sicher vor allem da draußen, vor der Welt, vor dem Karussell der Verwirrungen, vor den gesellschaftlichen Spielchen, den Interaktionen und den vielen Geboten und Verboten. Und dann war er weg. Mein Papa, mein Hafen, war auf einmal weg …

Peng. Die Tür fliegt knallend auf. Wir sehen alle hoch. Eine weitere Aufseherin tritt ein und nickt den anderen beiden zu. Zu dritt kommen sie auf mich zu.

»Nein!«, schreie ich, schockiert über meine Stimme: wild und unkontrolliert.

Sie bleiben stehen. Mein Brustkorb hebt und senkt sich, und ich schnappe hektisch nach Luft. Die sitzende Aufseherin macht die Augen schmal und klopft mit dem Fuß auf den Boden.

Sie wendet sich an ihre Kollegin. »Die da werden wir fixieren müssen.«

Zeit ist verstrichen, doch ich weiß nicht genau, wie viel.

Der Raum ist dunkel, nur irgendwo blinkt ein Licht. Ich blicke nach unten: Ich sitze auf einem Plastikstuhl. Ich hole tief Luft und berühre meine Brust. Der Stoff, meine Kleider: Sie sind anders. Jemand hat mich in einen grauen Polyesteroverall gesteckt. Hektisch sehe ich mich um. Wo sind meine Sachen? Meine Bluse? Meine Armani-Hose? Ich ziehe scharf die Luft ein, und auf einmal weiß ich es wieder. Die Leibesvisitation. Mein Magen macht einen Satz, hebt sich, und sein Inhalt kommt so rasch nach oben, dass ich mir eine Hand vor den Mund schlagen muss, um mich nicht zu übergeben. Ihre Hände. Ihre Hände waren überall auf meinem Körper. Kalt, gummiartig, feucht. Sie haben mich angefasst, diese Aufseherinnen, sich in mich hineingebohrt, mich besetzt. Ich habe gesagt, dass sie das nicht dürfen, dass es nicht erlaubt ist, mir die Sachen einfach so vom Leib zu schneiden, aber sie haben es trotzdem getan. Als hätte ich nichts zu sagen, als spielte ich keine Rolle. Sie haben mich angewiesen, in die Hocke zu gehen, nackt, und zu husten. Dann sind sie unter mich gekrochen und haben geschaut, ob irgendetwas herausfällt. Sie …

Ein Schrei dringt aus meinem Mund. Ich stehe auf, stolpere nach hinten gegen die Wand, wo sich die Mauersteine unter meinen Fingern feucht und klamm anfühlen. Das muss die Arrestzelle sein. Aber das können sie nicht machen! Nicht mit mir! Wissen sie das nicht? Begreifen sie das nicht? Ich drehe mich zur Wand und schlage die Stirn dagegen, einmal, zweimal, bis mich die Wucht des Schmerzes in die Realität zurückreißt und mich beruhigt. Langsam beginne ich, mich zu fassen, als ich etwas spüre, etwas, was in das Mauerwerk geritzt ist. Ich spähe nach unten, blinzele in das blinkende Licht und betaste die Wand. Da, tief in die Mauersteine eingeritzt, ist ein Kreuz.

Von draußen gellt ein Schrei. Dann ein zweiter Schrei, gefolgt von Hämmern, durchdringend von rechts, laut wie ein endloses Dröhnen. Vielleicht kommt jemand. Ich laufe zur Tür und versuche, etwas zu sehen, irgendetwas. Das Dröhnen erreicht einen Höhepunkt und erstirbt.

Ich presse die Lippen an den Schlitz. »Hallo?« Ich warte. Nichts. »Hallo?«

»Geh weg!«, kreischt jemand. »Geh weg! Geh weg!«

Das Geschrei knallt gegen meinen Kopf wie ein Hammer – dong, dong, dong. Ich will, dass es aufhört, doch es hört nicht auf, es geht einfach immer weiter und weiter, bis ich es nicht mehr ertrage. Ich raufe mir die Haare, zerre an ihnen, kralle mich fest. Ich halte das nicht aus, halte es hier nicht aus. Ich brauche meine Routine. Ich will nach Hause, will meine nackten Füße durch das Gras auf den Hügeln zu meinem Haus zurücklaufen sehen, die Sonne groß und tief. Ich will das letzte Stück zum Garten hinter dem Haus spurten, wo der Ofen für die Paella angeheizt wird. Knoblauch, Safran, Venus- und Miesmuscheln, das heiße Fleisch, das mir auf der Zunge zergeht, brodelnd und dampfend. Das ist es, was ich will. Nicht das hier. Nicht hier drinnen. Denk nach. Was würde Papa mir raten?

Zahlen. Das ist es. An Zahlen denken. Ich schließe die Augen und versuche, mir Ziffern, Rechnungen, Daten und mathematische Theorien – was auch immer – durch den Kopf gehen zu lassen. Nach einer Weile funktioniert es. Meine Atmung verlangsamt sich, meine Muskeln werden schlaff, mein Gehirn findet ein wenig Ruhe, genug dafür, dass mir etwas in den Sinn kommt: ein Algorithmus. Zuerst zögere ich und halte die Augen geschlossen. Die Formel kommt mir bekannt vor, zugleich aber auch fremd. Ich überprüfe den Algorithmus, vollziehe ihn nach, versuche zu begreifen, warum ich überhaupt an ihn denke … doch nichts. Kein Hinweis. Kein Zeichen. Was bedeutet, dass es schon wieder passiert ist. Unbekannte Daten. Daten sind mir eingefallen, Daten, die ich meines Wissens nie gelernt habe, und doch erscheinen sie wie ein vertrautes Gesicht im Fenster, ein Fußabdruck im Schnee. Ich habe die Rechnungen immer niedergeschrieben, wenn sie mir in den Sinn kamen, diese Zahlen, diese Codes und diese ungewöhnlichen Muster, habe sie stets penibel notiert, zwanghaft. Aber jetzt? Ich habe keinen Notizblock, keinen Stift, und ohne sie niederzuschreiben, ohne die Daten schwarz auf weiß zu sehen, gibt es sie dann überhaupt? Sind sie dann real?

Erneutes Gebrüll hebt an, und ich reiße die Augen auf. Es sind so viele Stimmen. So laut. Zu laut für mich, für jemanden wie mich. Ich presse mir die Hände auf die Ohren. Mein Schädel hämmert. Bilder wirbeln mir durch den Kopf. Meine Mutter, mein Vater, Priester, Kirchen, Fremde. Sie verschmelzen alle zu einem. Und dann, auf einmal, kommt mir ein Bild, nur ein einziges, ganz von selbst in den Sinn: mein Vater auf dem Dachboden. Und dann sehe ich Papa in seinen Jaguar steigen und mir zuwinken, während er beschleunigt und davonfährt, mein Bruder Ramón an meiner Seite, einen Schraubenschlüssel in der Hand. Es gibt keinen Ton, nur Bilder, Szenen. Meine Atmung wird schnell, flach. Erinnere ich mich an etwas, oder ist das nur ein flüchtiger Traum? Ich schließe die Augen, versuche, das Bild mit Willenskraft zurück in meinen Kopf zu zwingen, doch es will nicht kommen, starrsinnig und gefühllos.

Das Gehämmer geht weiter – diesmal fester und lauter. Ich klopfe mir unablässig mit dem Finger auf den Schenkel. Papa, wo bist du? Was ist aus dir geworden? Wenn ich doch nur in Spanien geblieben wäre, dann wäre nichts von alledem passiert. Keine Morde. Kein Blut.

Ich umfasse meinen Kopf. Der Lärm überflutet mich, frisst mich auf. Das Gehämmer. Lass das Gehämmer aufhören. Bitte, irgendjemand muss es abstellen. Papa? Es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid.

Ich atme jetzt derart gehetzt, dass ich nicht mehr genug Sauerstoff bekomme. Also halte ich die Hände wie ein Gefäß vor den Mund, um den Atemfluss zu regulieren, doch das Gebrüll draußen steigert sich zu einem schrillen Maximum und lässt mich noch panischer werden. Ich zwinge mich dazu, mich hinzustellen, ruhig zu sein, doch es funktioniert nicht. Ich höre Wachleute. Ganz in der Nähe. Schritte. Sie fordern brüllend Ruhe ein, doch vergebens. Die Schreie reißen nicht ab. Ich zittere nach wie vor am ganzen Körper.

Und dann höre ich jemanden sagen: »Hilf mir«, und stelle schockiert fest, dass ich selbst es bin. Ich stolpere nach hinten und drücke mich gegen die Wand, doch es hilft nichts.

Es wird schwarz in der Zelle.

3

Als ich ausgeredet habe, sehe ich auf die Uhr an der Tür.

9:31 Uhr.

Wie konnte die Zeit so schnell vergehen? Ich tupfe mir die Stirn ab und wechsele die Sitzposition. Ich fühle mich desorientiert, fehl am Platz wie eine Katze, die sich auf einmal mitten im Ozean wiederfindet. Irgendetwas scheint erneut mit mir vorzugehen, irgendeine Veränderung oder eine Art Umwälzung. Aber was für eine?

Der Mann schaut auf sein Diktiergerät. Schweigend fasst er sich mit einem Finger ans Ohrläppchen. Mir ist aufgefallen, dass er manchmal, während ich rede, an seinem Ohr zieht. Gerade erst hat er es getan, als ich ihm von der Leibesvisitation erzählt habe. Es ist nur ein kleines Zupfen, ein rasches Streifen, aber es ist doch da. Ich habe versucht, ein Muster in seinen Handlungen zu entdecken, vielleicht einen festen Rhythmus von Wiederholungen, aber nein, nichts. Ich schüttele den Kopf. Vielleicht beeinträchtigt der Aufenthalt in diesem Raum meine Sinne. Oder vielleicht suche ich nur nach etwas, was nicht da ist. Ich klopfe mit dem Fuß auf den Boden, kontrolliere, ob meine Tasche da ist, mein Notizblock, mein Stift. Ich kann meinen Gedanken nicht mehr trauen, meinen Schlussfolgerungen, und trotzdem weiß ich nicht, warum, nicht hundertprozentig. Und das macht mir Angst.

»María, vor Ihrer Verurteilung sind Sie aufgrund einer Abordnung nach Großbritannien gekommen, ist das korrekt?«

Ich räuspere mich und setze mich gerade hin. »Ja. Ich wurde zu einem einjährigen Aufenthalt als Fachärztin für plastische Chirurgie ins St. James’s Hospital in West-London abgeordnet.«

»Und wo haben Sie in Spanien gearbeitet?«

»Im Hospital Universitario San Agustín in Salamanca. Ich habe mich mit rekonstruktiver Chirurgie beschäftigt und vor allem daran gearbeitet …« Ich halte inne. Warum bleibt er so ruhig, wenn ich spreche, beinahe geisterhaft wie eine Erscheinung? Mir schnürt es die Kehle zu, und mein Kiefer verkrampft.

»Und warum sind Sie hierhergekommen, nach London?«

»Wie ich schon sagte«, antworte ich mit einem stählernen Unterton, den ich nicht beabsichtigt hatte. »Ich wurde abgeordnet.«

Er lächelt, nur ein wenig, wie ein einzelner, von einem Pinsel hinterlassener Farbtupfer. »Das weiß ich, María. Was ich meine, ist, warum ausgerechnet London? Jemand mit Ihrer Begabung? Sie hätten überallhin gehen können. Ich habe gehört, dass Ihre Talente gefragt sind. Aber Sie haben sich für hier entschieden. Deshalb frage ich noch einmal: Warum? Oder soll ich fragen: Wegen wem?«

Ich wippe schneller mit dem Fuß. Weiß er über ihn Bescheid? Darüber, wie er mich hintergangen hat? Ich spähe zur Tür; sie ist abgesperrt.

»María?«

»Ich …« Meine Stimme bebt, verrät mich. Der Mann, der mir hier gegenübersitzt, hat gesagt, er wolle mir helfen. Kann er das? Soll ich riskieren, ihn einzuweihen?

»Ich habe jemanden gesucht«, sage ich nach einer kleinen Weile.

Augenblicklich richtet er sich auf. »Wen? Wen haben Sie gesucht?«

»Einen Priester.«

»Den, für dessen Ermordung man Sie verurteilt hat?«

Die Vorhänge bauschen sich, die morgendliche Brise weht den Hauch einer Erinnerung herein. Düfte. Weihrauch. Hostien und Messwein. Der tröstliche Geruch eines Holzofens, die dämmrige Beleuchtung einer Sakristei, ein aus Stein gemauerter Gang, Beichtstühle. Das Allerheiligste des Katholizismus.

»María«, sagt der Mann, »könnten Sie bitte meine Fragen …«

»Es war nicht der tote Priester, nach dem ich auf der Suche war.«

Der Mann sieht mir fest in die Augen. Der Blickkontakt ist mir unerträglich, und ich muss mich mit beiden Händen an die Sitzfläche krallen, während meine Kehle trocken wird, doch er fixiert mich unverwandt weiter wie ein auf sein Ziel programmierter Marschflugkörper.

»Nach wem dann?«, hakt er nach, ehe er seinen Blick endlich so weit lockert, dass ich mich abwenden kann.

»Pater Reznik«, antworte ich kaum hörbar. »Ich habe die Stelle in London angenommen, weil ich nach Pater Reznik gesucht habe. Meine Mutter meinte, er könnte hierhergezogen sein, sie war sich aber nicht sicher. Ich habe Antworten gebraucht.« Ich halte inne. »Ich musste ihn finden.«

Eine Seite wird umgeblättert. »Und Pater Reznik war der Priester Ihrer Familie, ein Slowake, korrekt?«

Ich blicke auf. Woher weiß er das alles? »Ja.«

»Und Ihre Mutter kannte ihn?«

Ich bejahe erneut. »Sie ist katholisch, geht zweimal die Woche in die Kirche und zur Beichte. Sie meinte, Pater Reznik könnte Verwandte in London gehabt haben.«

Er nickt und notiert sich etwas und sieht zwischendurch zu mir auf.

»Er war ein Freund von mir. Pater Reznik war ein Freund. Und dann … haben sich die Ereignisse überstürzt. Ich fand heraus, dass er …« Ich halte inne und betaste meinen Hals. Seine blutunterlaufenen Augäpfel, die schlaffe, bleiche Haut an seinem Kinn, sein leises Keuchen beim Gehen. Selbst jetzt noch, wenn ich an ihn denke, daran, was er getan hat, tut es mir noch weh. Und obwohl mir bewusst ist, dass der Mann mit mir redet, höre ich ihn kaum, nehme gar nicht richtig wahr, was er sagt, weil ich nicht begreife, was meines Erachtens immer noch vor sich geht, was sich direkt vor meinen Augen, im Angesicht der ganzen Welt zusammenbraut. Und sie wissen es nicht einmal, begreifen nicht, was direkt vor ihnen abläuft, als schritten sie alle mit verbundenen Augen durch die Straßen.

»María?« Der Mann lässt seinen Stift sinken. »Dieser Pater Reznik. Sind Sie sich in Bezug auf ihn sicher?«

Ich balle die Faust fester und konzentriere mich. »Was meinen Sie damit?«

Er zögert. »Sind Sie sicher, dass er Ihnen ein Freund war?«

Eine schwache Erinnerungsspur hängt in der Luft wie ein Hauch von Schläfrigkeit. Ich sehe mich mit sechzehn Jahren. Pater Rezniks hageres, faltiges Gesicht steht schwankend vor mir, während ich versuche, mich auf ein Blatt mit Codes zu konzentrieren. Viele Codes. Ich lächele ihm zu, doch als ich blinzele, bemerke ich, dass es gar nicht Pater Reznik ist. Es ist der tote Priester aus dem Kloster. Ich schnappe nach Luft.

»María?« Irgendwo schwebt die Stimme des Mannes. »Driften Sie nicht davon. Hören Sie mir zu.«

Ich versuche, die Verwirrung abzuschütteln. Die Gesichter, die undeutlichen, miteinander vermischten Formen verschwimmen mir erneut vor den Augen, ehe sie ganz versinken. Ich beuge mich vor und huste. Meine Lider zucken.

»Was hat ihn zu Ihrem Freund gemacht, María?«

»Er war nett zu mir. Er … hat sich um mich gekümmert … in meiner Kindheit und in meiner Jugend.« Eine Hitzewallung versengt mir die Haut. Ich schlucke und lockere meinen Kragen, versuche, den Zweifel beiseitezuschieben, der wie Efeu in mir hinaufkriecht.

»Was noch?«

»Er hat … mir zugehört, nachdem Papa gestorben war, mir Aufgaben gegeben, mich beschäftigt. Ich bin quasi mit Pater Reznik aufgewachsen. Mama kannte ihn. Er hat mir Rechenaufgaben gestellt, wenn ich mich in der Schule gelangweilt habe. ›Zu leicht für dich, María‹, hat er immer gesagt. ›Zu leicht.‹ Ich habe ihn jeden Tag besucht, sogar als ich schon an der Universität war, bin ich noch nach Hause gefahren, um ihn zu treffen. Er hat mir komplexe mathematische Probleme vorgelegt, die ich lösen sollte. Und dann, eines Tages, ist er einfach verschwunden. Aber manchmal … manchmal erinnere ich mich …«

»Woran?«

»An Ausfallerscheinungen«, sage ich nach einem Augenblick, und noch während ich das Wort ausspreche, weiß ich, dass es ungewöhnlich wirken wird, denn genau wie Pater Reznik verschwand, verschwand auch meine Erinnerung.

»Was für Ausfallerscheinungen?«

»Gedächtnislücken in Bezug auf die Dinge, die ich getan und gesagt habe.«

»Und wann sind die vorgekommen?«, fragt der Mann und schreibt alles mit.

Ich zögere. Jetzt weiß ich, was Pater Reznik wirklich war und was er mit mir gemacht hat. Aber was sage ich diesem Mann? »Ich bin oft in Pater Rezniks Arbeitszimmer aufgewacht.«

»Sie waren eingeschlafen?«

»Nein, nein, ich …« Ich halte inne. Was wird wohl passieren, wenn ich ihm jetzt die Wahrheit sage? Ich entscheide mich dafür, mich an die simplen Fakten zu halten. »Ja, ich könnte eingeschlafen sein.«

Der Mann starrt mich an. Mir hämmert das Herz im Brustkorb, meine Stirn ist feucht. Hat er mir geglaubt?

»Sagen Sie, María«, fährt er fort, den Stift im Mund, »haben Sie Angst davor, Menschen zu verlieren?«

»Ja«, höre ich mich selbst sagen. Ich berühre erstaunt eine Träne auf meiner Wange. Das Gesicht meines Vaters erscheint vor meinem geistigen Auge. Sein dunkles, volles Haar, sein warmes Lächeln. Ich hatte nicht gewusst, dass mich all das so stark berührt hat.

Der Mann lässt den Blick nach unten wandern, ehe er auf meinem Gesicht innehält. »Hilft es Ihnen vielleicht, wenn ich Ihnen sage, dass ich einen Bruder verloren habe?«

Ich runzele die Stirn. »Wie? Wohin ist er gegangen? Wie ist …?« Ich gerate ins Stocken, und mich trifft der vertraute Nackenschlag der Erkenntnis. Er hat seinen Bruder nicht aus den Augen verloren. Sein Bruder ist gestorben.

Er reicht mir ein Taschentuch. »Hier.«

Ich nehme es und wische mir damit die Augen ab.

»Er kam bei den Anschlägen vom elften September ums Leben«, fährt er fort. »Er war Investmentbanker und hat im hundertsten Stock des ersten Turms gearbeitet.« Er verstummt, während sich sein Körper auf sonderbare Weise versteift, was gar nicht zu seiner bisher so entspannten Haltung passt. »An diesem Tag wurde alles anders.« Er atmet lange und scharf ein. »Ich suche heute noch in Menschenmengen nach seinem Gesicht.« Er macht eine Pause und senkt den Blick.

»Manchmal ist unsere Sehnsucht danach, jemanden wiederzusehen, so stark, dass wir uns selbst einreden, dass der andere noch lebt.« Er sieht mich erneut eindringlich an und nimmt eine lauernde Position ein. »Oder wir projizieren seine Persönlichkeit auf einen anderen Menschen.« Er legt den Kopf schief. »Wie bei Ihrem Priester.«

Seine Worte hängen in der Luft wie Morgennebel über einem Fluss. Wir sitzen zu zweit in einer Suppe aus Stille, aus Gesichtern, aus verzerrten, undeutlichen Erinnerungen. Ich denke an den ermordeten Priester, an Pater Reznik. Manchmal erkenne ich nicht mehr, wo der eine beginnt und der andere aufhört.

Wie Wolken, die sich am blauen Himmel teilen, entspannt sich der Körper des Mannes. Er ist wieder normal, was auch immer normal ist. Er räuspert sich und konsultiert seine Notizen. »María, bitte sagen Sie mir: Wann wurde das Asperger-Syndrom bei Ihnen diagnostiziert?«

Er lächelt, aber diesmal ist es anders, und ich kann es nicht enträtseln. Möchte er nett wirken? Oder mag er mich? Hat er mir deshalb von seinem Bruder erzählt? Ich atme tief aus; ich habe keine Ahnung. »Die Diagnose wurde gestellt, als ich acht war«, antworte ich schließlich.

Sein Lächeln verschwindet. »Danke.« Unverzüglich macht er sich wieder Notizen. Der Luftzug ist kalt, und ich komme mir seltsam instabil vor. Warum fühle ich mich in Gegenwart dieses Mannes unwohl? In der einen Minute ist es, als könnte er mir ein Freund sein, und in der nächsten ein gefährlicher Feind. Und dann dämmert es mir.

»Ihr Name!«, sage ich, mit mir selbst zufrieden. »Ich weiß Ihren Namen nicht. Wie heißen Sie?«

Sein Stift verharrt in der Luft, während sich ein unerwarteter missmutiger Zug auf seinen Lippen breitmacht. »Ich glaube, das wissen Sie, María.«

Ich schüttele den Kopf. »Nein. Der Dienst konnte mir nicht sagen, wer heute hier sein würde, da es ein kurzfristig anberaumter Termin war.«

»Ich glaube, Sie irren sich, María, aber ich werde es Ihnen sagen. Noch einmal. Ich heiße Kurt. Mein Name ist Kurt.«

Kurt. Das hatte man mir nicht gesagt. Da bin ich mir sicher. Ganz sicher. Ich wusste natürlich, dass der Termin mit jemandem von ihren Mitarbeitern stattfinden würde. Der Dienst hat einen Tag, eine Uhrzeit und einen Ort ausgewählt. Aber da es eine kurzfristige Verabredung war, wurden die Namen der Gesprächspartner nicht genannt. So haben sie es gesagt. Wirklich. Meine Erinnerung trügt mich nicht. Ich wollte zuerst nicht, wollte nicht hierherkommen, aber er sagte, es würde mir guttun. Ich wollte ihm glauben. Doch nach allem, was passiert ist, ist es schwer, überhaupt noch jemandem zu vertrauen.

Es klopft an der Tür, und eine Frau tritt ein. Lederjacke, kurz geschnittene braune Haare. Sie wirft Kurt einen Blick zu und stellt ein Kaffeetablett ab.

»Wer sind Sie?«, herrsche ich sie an. Als sie nicht antwortet, sage ich: »Ich habe keinen Kaffee bestellt.«

Die Frau ignoriert mich weiter, nickt Kurt zu und geht. Er greift nach einer Tasse. »Riecht super.«

»Wer war das?« Doch Kurt antwortet nicht. »Sagen Sie es mir!«

Er atmet den Dampf ein, während sich der Duft der gemahlenen Kaffeebohnen im Raum verbreitet. Dann trinkt er einen Schluck und seufzt. »Verdammt guter Kaffee.«

Mein Körper fühlt sich auf einmal ausgelaugt an, meine Beine matt, mein Kopf wirr, mein Gehirn erstarrt wie ein dicker, kalter Eintopf. Zögerlich greife ich nach einer Tasse Kaffee. Die Wärme des Kaffeedampfes steigt mir augenblicklich ins Gesicht und streichelt meine Haut. Ich trinke einen kleinen Schluck.

»Gut?«

Die heiße Flüssigkeit beginnt, mich langsam aufzuwärmen, mich zu energetisieren. Ich trinke ein bisschen mehr, ehe ich die Tasse wieder abstelle. »Ihr Name. Sie heißen Kurt.«

Er nickt, den Henkel der Tasse wie einen Ring um den Finger gelegt.

»Kurt ist ein deutscher Name, nicht wahr?«

»Ja«, sagt er. »Ich glaube, er ist deutsch.«

»Auf Deutsch heißt Kurt ›mutiger Berater‹.«

»Ich habe gelesen, dass Sie Namen mögen. Genau wie die Gewohnheit, dass Sie alles in Ihren Notizblock schreiben, sind Namen eine Ihrer Obsessionen. Es ist eine verbreitete Eigenheit innerhalb des Spektrums. Ihr Gedächtnis, Ihre Fähigkeit, Informationen zu behalten«, sagt er und lehnt sich zurück. »Kommt das vom Asperger-Syndrom oder von etwas anderem?«

Ich erstarre. Warum fragt er mich das? Weiß er es? »Was sollte es sonst sein?«, entgegne ich nach kurzem Zögern.

»Sagen Sie es mir.«

»Warum fragen Sie, woher es sonst kommen könnte?« Ich spüre die Panik in mir aufwallen. Rasch trinke ich noch einen Schluck Kaffee, was ein bisschen hilft, aber nicht viel.

»Sie wissen, dass es normal ist, wenn ich Sie nach Ihrem Asperger frage, danach, woher Sie das können, was Sie können. Ich bin Therapeut. Das ist mein Beruf.«

Ich sehe ihn an und lasse die Schultern sinken. Ich bin müde. Vielleicht erfinde ich hier eine nicht existierende Verbindung, beschwöre Gedanken und Schlussfolgerungen herauf wie ein Magier, indem ich sie aus der Luft greife. Woher sollte er wissen, was wir entdeckt haben? Die Antwort lautet, dass er das nicht wissen kann, also muss ich ruhig bleiben. Ich trinke meinen Kaffee aus und versuche, mich auf die Fakten zu konzentrieren, auf solide Informationen, um meinen Nebel zu verscheuchen.

»Wie lautet Ihr Familienname?«, frage ich.

»Sie meinen den Nachnamen?« Kurt schüttelt den Kopf. »Tut mir leid, María, den kann ich Ihnen nicht sagen. Firmenpolitik.«

»Sie lügen.« Ich stelle die Tasse ab.

Er seufzt. »Ich lüge nicht.«

»Jeder lügt.«

»Außer Ihnen, stimmt’s? Würden Sie das so sagen, María? Ich habe Ihre Akte gesehen und alle Einzelheiten über Sie gelesen.« Er lächelt. »Ich weiß alles über Sie.«

Wir schweigen beide. Kurt kneift die Augen halb zusammen, doch ich kann nicht entschlüsseln, was das heißt. Ich weiß nur, dass ich einen zähen Kloß im Magen habe, der einfach nicht weggehen will, und eine Stimme im Kopf, die mir erneut empfiehlt davonzurennen.

»In meinen Notizen steht«, sagt er nach einer Weile, »dass Sie nach Ihrem Blackout in der Arrestzelle Hilfe erhalten haben.«

»Ja«, sage ich ruhig. Die Erinnerung an diesen Tag ist schmerzhaft für mich. Unvermittelt wird mir warm. Ich mache zwei Knöpfe an meiner Bluse auf, dann noch einen dritten. Der Stoff flattert mir in der morgendlichen Brise gegen die Haut. Ich atme aus und versuche, mich zu entspannen.

Kurt hustet.

»Was?« Ich folge seinem Blick. Meine Brust. Ich sehe den Baumwollstoff meines BHs.

»Nichts.« Ein weiteres Husten. »María, können Sie … können Sie mir sagen, was für eine Art von Hilfe Sie nach Ihrem Blackout in der Arrestzelle erhalten haben?«

Ich zögere. Ich weiß inzwischen ganz genau, wer versucht hat, mir zu helfen. Und warum. »Es ist eine Psychiaterin in die Arrestzelle gekommen.«

Er drückt den Aufnahmeknopf. »Bitte erzählen Sie mir davon.«

Dann starrt er mich ein paar Sekunden lang an. Ich knöpfe die Bluse wieder zu.

Der Tag muss mittlerweile zur Nacht geworden sein, denn über meinem Kopf summen die Blinklichter, und ich muss unablässig blinzeln, als würde ich direkt in die Sonne blicken.

Ich lasse mich zurückfallen und versuche nachzudenken, doch mein Körper sticht, Muskeln und Haut sind extrem verspannt. Die Anzeichen. Normalerweise erkenne ich sie, kann sie unterdrücken, sie kontrollieren, doch hier drinnen kriege ich mich und meine Gedanken nicht in den Griff. Ich presse die Augen zu und denke an meinen Vater. Meine Zuflucht, mein Schlupfwinkel. Ich atme ein und versuche, mir die weichen Rundungen seiner Wangen vorzustellen und wie seine Augenwinkel sich zu einem Lächeln kräuselten, wenn er mich sah, wie er mich immer in seine Arme zog, stark und sicher. Ich öffne die Augen. Mein Puls ist langsamer, meine Atmung regelmäßig, doch das genügt nicht. Ich muss nachdenken. Wenn ich in Einzelhaft bleibe, überlebe ich womöglich nicht lange. Ich muss hier raus. Aber wie?

Ich lasse mich auf den Stuhl sinken, wobei mir die Gefängniskluft an der Haut klebt und mich mit einer Ausdünstung von Körpergeruch verhöhnt. Ich bin völlig ramponiert. Ich hasse es, in diesem Zustand zu sein, ungepflegt und schmuddelig. Ich mache mich schlaff und lasse einen Arm nach hinten hängen. Mit den Fingern streiche ich über das in die Wand geritzte Kreuz. Beinahe muss ich schmunzeln, denn wohin ich auch gehe, ist sie schon da: die Religion. All die Priester mit ihren Regeln. Sie alle kontrollieren meine Gedanken, diktieren mir und allen anderen das Leben, einem Volk, einem Land, einer Regierung. Franco mag schon lange tot sein, doch die Kirche wird in Spanien immer gegenwärtig sein.

Ich schüttele den Kopf. Ob ich es nun will oder nicht, er ist jetzt nicht hier drinnen, der Priester – ausgeschlossen. Also denk nach. Ich muss nachdenken, wenn ich hier rauskommen will. Es ist alles reine Logik. Die Leibesvisitation. Die Inhaftierung. Die Isolierung. Einzelhaft. Angst. Panik.

Ich beuge mich vor. Panik. Könnte es das sein?

Ich blicke zur Tür. Dicker Stahl. Verschlossen. Nur ein Weg hinaus. Im Stehen untersuche ich die Zelle. Klein. Drei auf fünf Meter. Ein Plastikstuhl: grün, ohne Armlehne. Ein Bett: eine Matratze, keine Laken. Fußboden: Gummi, nackt. Wände: Backstein, bis auf halbe Höhe stahlgrau verputzt.

Ich beginne mit meinen Atemübungen: Ich hole schnell und tief Luft und zwinge mich dazu zu hyperventilieren. Es dauert nur eine gute Minute, doch schließlich ist es geschafft. Mein Kopf schwillt an, und ich versuche, das Grauen in der Magengrube zu ignorieren, das sich durch meinen ganzen Körper ausbreitet. Ich trete an die Zellentür und schlage fest dagegen, doch meine Bemühungen gehen in dem plötzlichen Ausbruch von Schreien der Gefangenen auf der anderen Seite des Korridors unter. Ich zucke unter dem Lärm zusammen, zähle bis zehn, mache eine Faust und schlage erneut gegen die Tür. Diesmal erfolgreich. Eine Aufseherin brüllt meinen Namen; sie kommt. Ich schätze, sie wird sieben Sekunden brauchen, um zu meiner Zelle zu gelangen. Ich zähle. Eins, zwei, drei, vier. Bei fünf stecke ich mir die Finger in den Hals. Bei sieben geht die Fensterklappe über meinem Kopf auf, und eine Aufseherin späht herein.

»Ach du Scheiße!«

Ich übergebe mich. Mein Mittagessen klatscht auf den Boden.

Ein Riegel wird aufgeschoben. Ich zähle bis drei. Eins – zwei – drei. Ich stolpere und greife mir an die Brust.

Die Aufseherin rauscht herein, bleibt wie angewurzelt stehen und stößt einen kaum hörbaren Fluch aus.

»Martínez? Alles in Ordnung?«

Ich stöhne. Eine zweite Aufseherin kommt herein. »Lass sie! Ihr fehlt rein gar nichts.«

Die Aufseherin neben mir zögert.

»Komm schon!«, schreit die andere.

Meine Chancen schwinden. »Hilfe«, krächze ich würgend.

»Tut mir leid«, sagt die gebückte Aufseherin, »aber ich glaube, Sie sind …«

Ich übergebe mich erneut. Es spritzt über den ganzen Fußboden, über die Aufseherin.

»Ach du Scheiße.«

Ich murmele irgendetwas vor mich hin, doch in meiner Kehle stecken noch Brocken von Erbrochenem, sodass es klingt, als würde ich ersticken.

»Hol einen Arzt!«, schreit die eine Aufseherin ihre Kollegin an. »Schnell!«

4

Die Aufseherin lehnt mich an die Wand. Die Backsteine fühlen sich kalt an.

»Ist das hier Zelle fünf?«

Eine Frau blockiert den Lichteinfall an der Zellentür. Sie trägt weder eine Uniform, noch hat sie einen Schlagstock.

Die Aufseherin sieht sie finster an. »Und wer sind Sie?«

Die Frau tritt vor. Blondes Haar fällt ihr in einem Pferdeschwanz über den Rücken. »Ich bin Dr. Andersson«, sagt sie knapp und mit prägnanter Stimme wie eine Nachrichtensprecherin. »Lauren Andersson, guten Tag.« Sie streckt eine kompakte kleine Hand aus. Die Aufseherin steht ungerührt da und ignoriert die Hand.

Dr. Andersson lässt den Arm sinken und sieht mich an. »Sie muss hier raus. Sofort.«

»Moment mal«, sagt die Aufseherin. »Wer hat Ihnen denn das Kommando übergeben? Ich wollte nur, dass Sie sie sich mal ansehen.«

»Ich bin verantwortlich für das physische und psychische Wohlbefinden der Inhaftierten hier«, erklärt Dr. Andersson und weicht dem Erbrochenen aus. Sie zeigt auf mich. »Das ist María Martínez.« Sie verschränkt die Arme. »Und sie wurde mir zugeteilt.«

»Seit wann?«

»Seit heute.« Sie drängt sich an der Aufseherin vorbei, geht in die Hocke und umfasst mein Handgelenk. Dann sieht sie auf die Uhr, fühlt mir den Puls und lässt meinen Arm wieder los. »Die Inhaftierte hat einen erhöhten Puls. Bringen Sie sie raus. Sofort.« Als die Aufseherin keinerlei Anstalten dazu macht, steht Dr. Andersson auf. Sie reckt sich und spricht mit erhobener Stimme. »Ich habe gesagt, sofort.«

Ich werde von den zwei Aufseherinnen unter den Armen gefasst und hinausgeschleppt. Dr. Andersson ordnet an, dass ich unter keinen Umständen wieder zurück in die Arrestzelle gebracht werden darf.

»Ich habe die volle Unterstützung des Direktors«, sagt sie. »Verstehen Sie?«

Die Aufseherinnen nicken.

»Gut. Bringen Sie sie in mein Büro.«

»Und, wie fühlen Sie sich?«

Ich weiß nicht, wie ich die Frage beantworten soll. Ich bin in Dr. Anderssons Sprechzimmer. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch und schaut mich an. Im Raum ist es kühl und dämmrig. Mein Pulsschlag ist gesunken, aber noch immer sind meine Muskeln verkrampft, und ich balle die Fäuste. All das bringt mich völlig aus dem Konzept.

Dr. Andersson schlägt die Beine übereinander, wobei ihr der Rocksaum übers Knie rutscht. Ihre Wangen sind rosig, und ihre Augen haben die Form übergroßer Mandeln.

»Ich habe Halsschmerzen«, sage ich, während ich meinen Hals berühre und den Blickkontakt vermeide.

»Das war angesichts des Erbrechens zu erwarten.« Sie dreht sich auf ihrem Stuhl nach rechts, greift nach einem Blutdruckmessgerät und löst die Manschette. »Können Sie Ihren Ärmel hochkrempeln?«

»Warum?«

»Blutdruck. Sie wissen schon. Routine.«

Ich zögere, ehe ich langsam den Ärmel meines Overalls hochschiebe und einen apfelgroßen Bluterguss entdecke. Ich schnappe nach Luft.

»Haben Sie sich das in der Zelle zugezogen?«

»Ich glaube schon. Ich weiß es nicht mehr.«