Im Schatten des Goldes - Andrea Walberg - E-Book
Beschreibung

Ellen ist überglücklich - das alteingesessene Schmuckunternehmen Lauritz vertraut ihr die Betreuung der geplanten Firmenfusion an. Gäbe es da nur nicht Mark Lauritz, den Juniorchef. Allein schon der Gedanke an ihn jagt Ellen eine Gänsehaut über den Rücken. Aber ist die Stimmung zwischen ihnen wirklich nur so explosiv, weil er Ellen für inkompetent hält?

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Seitenzahl:327

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Sammlungen



Für Viktoria

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

KAPITEL 1

Dreimaliges Klopfen, dann öffnete sich die mit hellem Leder gepolsterte Bürotür und Frau Diekmanns grauhaariger Kopf erschien im Türspalt.

»Entschuldigung, Herr Lauritz.« Sie wandte ihren Kopf dem Seniorchef zu. »Ich habe einen dringenden Anruf auf Leitung eins für Sie.« Der Blick, den sie ihm zuwarf, war bedeutungsschwer.

Herr Lauritz blickte seine Sekretärin einige Sekunden prüfend an, nickte kurz. »Gut, legen Sie mir das Gespräch in den Konferenzraum nebenan. Ich komme sofort.« Dabei erhob er sich aus seinem Sessel, wandte sich lächelnd an Ellen. »Entschuldigen Sie mich bitte, Frau Sander. Ich lasse Sie für einen Augenblick mit meinem Sohn allein.«

»Natürlich, kein Problem.« Ellen nickte zustimmend. Dabei spürte sie Mark Lauritz’ kritischen Blick. Im Gegensatz zu seinem Vater trug er keinen dunklen, sondern einen grauen, maßgeschneiderten Anzug mit einem hellblauen Hemd, dessen Manschettenknöpfe an den Ärmeln zu sehen waren. Seine mit dunkelblauen und roten Streifen durchwebte Krawatte passte farblich perfekt dazu. Sein volles, braunes Haar war als langer Stufenschnitt geschnitten, wobei jedes einzelne Haar genau seinen Platz zu kennen schien. Sein Gesicht besaß klare, markante Linien, die lange, schmale Nase war vielleicht etwas zu dominant, verlieh seinem Gesicht aber den Ausdruck von Entschlusskraft. Alles in allem besaß Mark Lauritz äußerlich alles, was das Herz jeder Frau höher schlagen ließ. Jedoch nur auf den ersten Blick, korrigierte sich Ellen schnell, als sie in seine eisgrauen Augen blickte, die sie abschätzig betrachteten. Sie spürte deutlich seine Abneigung, als er sich langsam in seinem Sessel zu ihr vorbeugte, ohne jedoch seinen Blick auch nur für den Bruchteil einer Sekunde abzuwenden.

»Damit wir uns nicht falsch verstehen, Frau Sander, ich teile nicht die Meinung meines Vaters, dass wir eine Branding Agentur benötigen, um diese Fusion erfolgreich durchzuführen, geschweige denn, Sie bereits zu diesem Zeitpunkt in den Prozess einzubinden.«

Damit hatte sie nicht gerechnet, ein Schlag in die Magengrube hätte die gleiche Wirkung gehabt.

Mark Lauritz sprach unbeirrt weiter: »Ich kenne die Vertreter Ihrer Branche sehr genau. Damit es klar ist, ich bin nicht an einer schönen Präsentation mit blumigen Worten interessiert. Wir brauchen konkrete Ergebnisse. Daher frage ich mich, welchen Mehrwert Sie uns bringen«, provokant glitt sein Blick über Ellen, »abgesehen von einem angenehmen Zeitvertreib.« Seine Mundwinkel hoben sich zu einem kurzen Lächeln, das jedoch seine Augen nicht erreichte.

Unbeschreibliche Wut stieg in Ellen auf. Nur mit Mühe widerstand sie dem Impuls aufzustehen, Mark Lauritz eine schallende Ohrfeige zu verpassen und wortlos das Büro zu verlassen. Stattdessen hielt sie trotz heißer Wut seinem Blick eisern stand. Fest krallte sie den Nagel ihres Zeigerfingers in die Handinnenfläche. Der Schmerz half ihr, sich zu zähmen und nach außen hin eine trügerische Gelassenheit zu zeigen. Abwartend fixierte Mark sie, lauernd wie ein Jäger seine Beute. Ellen verzog ihren Mund zu einem unschuldigen Lächeln.

»Ich schätze Ihre Offenheit und versichere Ihnen, dass ich ebenso wie Sie ergebnisorientiert arbeite und meine Energien nicht auf bunte Folien oder Ablenkungsmanöver von der Arbeit verschwende.« Um ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen, zog sie dabei eine Augenbraue vielsagend in die Höhe.

Marks Augen blitzten für den Bruchteil einer Sekunde auf, bevor sie wieder ihr undurchdringliches Grau annahmen, sein Gesicht blieb ausdruckslos.

Ellen fuhr fort: »Zudem gibt es messbare Erfolgskriterien für meine Arbeit.« Sie lehnte sich leicht zurück, schlug ihre Beine übereinander, wartete auf Marks Reaktion.

»Wir werden sehen«, erwiderte er unbeeindruckt. »Ich hoffe, wir verstehen uns. Sie können meinen alten Herrn gerne um den Finger wickeln, aber vergessen Sie nie, ich beobachte Sie, werde ganz nah hinter Ihnen stehen und nicht zulassen, dass Sie ihn an der Nase herumführen mit irgendeinem oberflächlichen Geschwätz, für das er das Geld zum Fenster hinaus wirft.«

»Drohen Sie mir?« Ellen schaute ihn mit äußerster Selbstdisziplin an.

Marks Mund verzog sich zu einem förmlichen Lächeln. »Aber nein, ich spiele nur mit offenen Karten, damit Sie sich hinterher nicht beschweren. Schließlich wissen wir beide, dass dieses Projekt genug Geld in Ihre Kasse spült, um Ihre Agentur auf Jahre hinaus zu finanzieren.«

»Wenn Sie so eine geringe Meinung von mir haben, warum haben Sie mir das Projekt überhaupt angeboten? Schließlich habe nicht ICH mich darum beworben.« Trotzig streckte Ellen ihr Kinn vor. Mark Lauritz war mit Abstand der verabscheuungswürdigste Mensch, der ihr in ihrem ganzen Leben begegnet war.

Er zuckte gelangweilt mit den Schultern. »Ich habe mit der Entscheidung nichts zu tun, sonst säßen Sie sicherlich nicht hier. Sie sind meinem Vater empfohlen worden, von einem Geschäftsfreund, der Sie sehr schätzt.«

Der anzügliche Ton, mit dem er die letzten Worte aussprach, rechtfertigte eine schallende Ohrfeige, entschied Ellen. Doch stattdessen erwiderte sie geschäftsmäßig: »Ich denke, ich habe Sie verstanden. Dann werde ich nun abwarten, wie sich Ihr Vater entscheidet.« Oh, wie sie Mark Lauritz und seine Überheblichkeit verabscheute.

Nach endlos erscheinenden, in eisigem Schweigen verharrten Minuten, öffnete sich endlich die Bürotür. Ellens Erleichterung wog tonnenschwer.

»Entschuldigen Sie bitte, Frau Sander, dass ich Sie habe warten lassen. Ein wichtiger Kunde benötigte meinen Rat. Ich hoffe, Sie haben sich in der Zwischenzeit gut mit meinem Sohn unterhalten.«

Ellen lächelte den Seniorchef an, schwieg jedoch. Mit bestimmtem Schritt durchquerte er das Büro, trat an seinen Schreibtisch aus hellem Eichenholz, zog die oberste Schublade auf und entnahm ihr einen großen, braunen Briefumschlag, mit dem er zurück zur Sitzecke kehrte, in der Ellen und sein Sohn auf ihn warteten. Lächelnd setzte er sich, blickte Ellen offen an. »Wenn ich mich richtig erinnere, dann haben Sie mir in unserem letzten Gespräch zugesagt, dieses Projekt persönlich bis zu seinem Abschluss zu begleiten. Entspricht diese Aussage noch der derzeitigen Situation?«

»Ja, das stimmt. Falls Sie sich dazu entschließen sollten, mir die Branding Verantwortung für Ihre Unternehmensfusion zu übertragen, werde ich das Projekt bis zum erfolgreichen Abschluss begleiten.«

Herr Lauritz nickte zustimmend, schaute Ellen durch seine randlose Brille wohlwollend an. Wie anders er doch war als sein Sohn.

»Gut, dann wäre das ja geklärt.«

»Ich denke nicht, dass Frau Sander Erfahrungen mit Due Diligence Prozessen hat. Vielleicht wäre es besser, Sie erst nach der Sondierungsphase zu involvieren«, unterbrach Mark.

Herr Lauritz lächelte seinen Sohn nachsichtig an. »Ich denke, alle Aspekte sollten vorab genau geprüft werden. Und ich bin sicher, dass du Frau Sander dabei zur Seite stehen wirst.«

Marks Augen verdunkelten sich. »Das könnte schwierig werden, da ich die Finanzierungsgespräche führe.«

»Ich bin sicher, dass du beides bravourös meistern wirst. Du hast schon schwierigere Aufgaben erfolgreich bewältigt. Außerdem ist Frau Sander keine Anfängerin, sie kennt ihr Aufgabengebiet.«

Mark schwieg. Seine Augen fixierten Ellen kalt, während sein Vater unbeirrt weitersprach: »In diesem Umschlag befindet sich der Vertrag. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie ihn durchlesen und mir Ihre Antwort bis morgen früh mitteilen, denn wir haben keine Zeit zu verlieren. Die Entscheidung liegt natürlich bei Ihnen, aber seien Sie versichert, dass mein Sohn und ich uns sehr freuen, wenn Sie den Projektauftrag annehmen. Nicht wahr, Mark?«

»Es wird mir ein Vergnügen sein, Ihnen über die Schulter zu schauen«, antwortete Mark vielsagend.

»Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr Lauritz. Sie werden morgen früh meine Antwort erhalten.« Ellen erhob sich, streckte dem Seniorchef ihre Hand zum Abschied entgegen, die er herzlich schüttelte. Widerstrebend drehte sie sich zu Mark um, lächelte ihn kurz an, damit sein Vater nicht merkte, wie abscheulich sie seinen Sohn fand. Mark schüttelte Ellens Hand, dann ließ er sie ebenso schnell wieder los, wie er sie ergriffen hatte. So ein Ekel, dachte Ellen, bevor sie sich umdrehte und den Raum verließ. Mit jedem Schritt, mit dem sie sich entfernte, fühlte sie sich unsicherer, ob sie dieses Projekt wirklich annehmen sollte. Sie schritt den elegant eingerichteten Flur entlang, stieg die große, geschwungene Eichentreppe hinunter, deren dicker Teppich den Klang ihrer Schritte verschluckte, und durchquerte die kleine Eingangshalle, die von einem großen Kronleuchter in ihrer Mitte dominiert wurde, vorbei an den mannshohen Gemälden, auf denen die letzten Kreationen des Hauses stilvoll in Szene gesetzt waren. Erleichtert atmete sie auf, als sich die Eingangstür der Juwelierkette mit einem leisen Klicken hinter ihr schloss.

KAPITEL 2

Missmutig starrte Mark aus dem Bürofenster, verfolgte mit seinen Augen, wie der rote Sportwagen den Parkplatz verließ. Ellen Sander mit ihrer Branding Agentur hatte ihm gerade noch gefehlt. Nach den Erzählungen seines Vaters hatte er sich eine vollbusige Blondine vorgestellt, die das Blut der alten Herren in Wallungen brachte und sich dies gut bezahlen ließ. Als dann jedoch Ellen Sander durch die Tür getreten war mit ihrem schulterlangen, dunklen Haar und diesen ozeanblauen Augen, hatte er sich völlig überrumpelt gefühlt. Glücklicherweise wusste er genau, wie Frauen tickten, ganz besonders Frauen vom Kaliber einer Ellen Sander. Mark atmete tief ein. Schon einmal war er auf eine solche Frau hereingefallen, er wusste, wie sie vorgingen, kannte sie in- und auswendig. Noch einmal machte er sich nicht zum Narren. Und seinen Vater ließ er schon gar nicht in diese Falle tappen. Da dieser sich selbst wohl nicht zu schützen wusste, musste er, Mark, dies eben für ihn tun. Entschlossen wandte er seinen Blick von dem mittlerweile verwaisten Parkplatz ab, trat zurück an seinen Schreibtisch, auf dem sich die Mappen für seine Unterschrift stapelten.

Es war wie verhext. Genervt fuhr Mark sich mit der Hand über die Stirn. Vor seinem Auge tauchte ständig Ellen Sanders Bild auf. Fast gleichgültig hatte sie seine Provokation ertragen, dabei hätte er gewettet, dass sie fluchtartig den Raum verlassen würde. Er spürte ein erregendes Kribbeln, das er ärgerlich mit einem großen Schluck Wasser zu löschen versuchte. Zugegeben, sie war sehr attraktiv, aber sie war auch schlau und somit brandgefährlich. Wie sie ihn mit ihren Augen, die so blau waren wie Saphire, fixiert hatte, war ein klares Zeichen gewesen. Diese Frau war mit allen Wassern gewaschen. Aber ihn, Mark Lauritz, würde sie nicht um ihre Finger wickeln, mochte sein alter Herr noch so blind sein. Sie würde für ihr Geld arbeiten, dafür würde er sorgen. Und je schneller sie die Integration erledigen konnten, umso besser für das Geschäft, für ihn und auch für seinen Vater, denn desto früher würde Ellen Sander wieder aus seinem Leben verschwinden. Aber bis dahin würde er sie nicht aus den Augen lassen, jeden ihrer Schritte beobachten. Energisch setzte Mark seine Unterschrift unter das Memo, als das Telefon zu seiner Linken klingelte. Die Kurzwahl seines Vaters blinkte im Display. Sofort griff Mark zum Hörer: »Ja, Paps?«

»Störe ich dich, mein Junge?«

»Nein, ich arbeite mich gerade durch die Unterschriftenmappen. Was gibt es?«

»Ich möchte dich gerne kurz sprechen. Kannst du bitte in mein Büro kommen?«

»Gib mir zwei Minuten und ich bin da.«

»Gut«, sein Vater legte auf.

Mark atmete tief ein. Nun folgte bestimmt die kurze Nachbesprechung, auf die er heute gerne verzichtet hätte. Er wollte sich nicht noch länger mit Ellen Sander beschäftigen. Dass sie den Vertrag unterzeichnen würde, stand leider außer Frage, dafür war dieses Projekt viel zu lukrativ, der Unternehmensname viel zu bekannt, um ihn nicht auf der eigenen Liste der Unternehmensreferenzen stehen zu haben. Diese Frau bedeutete nichts als Probleme, das fühlte er instinktiv. Mit gerunzelter Stirn erhob Mark sich, griff nach seiner Jacketjacke, die über der Stuhllehne hing, und ging in das Büro seines Vaters.

Der Seniorchef blickte von seinem Schreibtisch auf, als sein Sohn die Bürotür öffnete, machte eine einladende Handbewegung. »Komm herein, mein Junge.«

Mark betrat das elegante Büro, in dem er noch vor knapp zwei Stunden Ellen gegenüber gesessen hatte. Gelassen nahm er wieder im gleichen Sessel Platz, wartete, bis sein Vater sich ebenfalls setzte.

»Wie ist dein Eindruck von Frau Sander?« eröffnete Herr Lauritz das Gespräch. Dabei nahm er seine Brille ab, zog ein großes, weißes Stofftaschentuch aus der Hosentasche und begann behutsam die randlosen Gläser zu putzen.

»Du kennst meine Meinung doch. Außerdem ist die Entscheidung ohnehin bereits gefallen, oder?«

Sein Vater nickte bedächtig, ohne jedoch aufzublicken. »Das stimmt. Trotzdem würde ich gerne wissen, was du von ihr hältst. Schließlich wirst du mit ihr in den kommenden Monaten eng zusammenarbeiten.«

Überrascht starrte Mark seinen Vater an. »Wieso ich? Ich dachte, du leitest das Integrationsprojekt.«

Herr Lauritz hielt prüfend die Brillengläser gegen das Licht, kniff konzentriert die Augen zusammen. Nachdem er das Ergebnis als zufriedenstellend befand, setzte er sich die Brille erneut auf die Nase, steckte sein Taschentuch zurück in die Hosentasche und blickte seinen Sohn ernst an. »Mark, wir hatten doch bereits besprochen, dass du die Unternehmensfusion leitest. Da ist es nur allzu logisch, dass auch Frau Sander mit dir zusammenarbeitet.«

»Und was genau erwartest du von mir?« Marks Laune sank auf den Tiefpunkt.

Sein Vater schüttelte unmerklich den Kopf. »Ich erwarte, dass du zusammen mit Frau Sander eine erfolgreiche Unternehmensfusion realisierst. Sie wird an allen wesentlichen Besprechungen teilnehmen, um ein umfassendes Verständnis zu bekommen.« Nach einer kleinen Pause fügte er bestimmt hinzu: »Und ich erwarte auch, dass du ihr hilfst, sich schnell einzuarbeiten. Das wirst du doch tun, nicht wahr?«

Mark kniff seinen Mund zu einer dünnen Linie zusammen. Das fing ja gut an. Noch bevor Ellen Sander den Vertrag unterschrieben hatte, bekam er die Anordnung, sich um sie zu kümmern. Wenn sein Vater das unbedingt wollte, gut. Er würde sich um sie kümmern, sie kontrollieren, damit sie sich jeden Cent aufrichtig verdiente. »Gut, ich werde sie involvieren und dafür sorgen, dass unser Geld nicht aus dem Fenster geworfen ist. Für den Erfolg ihrer Arbeit garantiere ich allerdings nicht. Schließlich bist du es, der von ihren Fähigkeiten überzeugt ist, nicht ich.«

Väterlich legte Herr Lauritz seine Hand auf Marks Knie. »Ich bin sicher, du wirst mir diesbezüglich bald zustimmen. Kümmerst du dich bitte auch um ihre Unterbringung?« Und in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete, fügte er hinzu: »Ich erwarte einen ordentlichen und der Aufgabe angemessenen Arbeitsplatz.«

Mark nickte ergeben. »Sie kann das Büro am Ende des Flures haben. Das ist derzeit ohnehin nicht besetzt.«

»Fein, dann ist ja alles geklärt.« Sein Vater lächelte Mark erleichtert an. »Kommst du heute zum Abendessen herüber? Deine Mutter würde sich freuen.«

»Lieber ein anderes Mal. Ich habe noch einiges zu tun. Aber am Wochenende komme ich gerne.«

»Das wäre schön, mein Junge.«

KAPITEL 3

Sie fuhr nun schon zum vierten Mal an Vivians Wohnung vorbei. Hoffentlich fand sie bald einen Parkplatz. Es war aber auch verflixt. Jedes Mal, wenn sie Vivian dringend sehen wollte, musste sie ihre ganze Geduld aufwenden, um einen Parkplatz zu finden. Stirnrunzelnd starrte Ellen aus dem Fenster, denn gerade heute brauchte sie den Rat ihrer besten Freundin. Plötzlich hellte sich Ellens Miene auf, der Himmel hatte ein Einsehen. Unweit vor ihr schälte sich langsam ein grüner Kombi aus der Parklücke und diesmal stand kein anderes Auto vor ihr, das ihr den Parkplatz streitig machte.

Endlich stand sie vor dem roten Backsteinhaus, in dessen Dachgeschoss sich Vivians Wohnung befand. Abgesehen von der elendigen Parkplatzsituation war es eine wirklich schöne Straße, an deren Ende sich ein kleiner Park befand und Laubbäume beidseitig den Bürgersteig säumten. Ellen drückte Vivians Klingel und wartete auf das Surren des Türsummers. Ihr Blick wanderte das hohe Treppenhaus hinauf, dass vom Reichtum der alten Hansestadt zeugte. Die hölzernen Stufen verliefen an den Wänden entlang, umringten mit ihrem Eisengeländer, dessen Holzlauf erst kürzlich erneuert worden war, den pompösen Fahrstuhl im Zentrum der Halle. Leider war dieser jedoch nur den Anwohnern zugänglich, sodass Ellen die Stufen zu Fuß erklimmen musste.

Als sie endlich den letzten Treppenabsatz erreichte, sah sie Vivian barfuß in der Wohnungstür lehnen. Zur Jeans trug sie eine luftige Chiffonbluse, die mit grünen Blumenranken übersäht war. Ihre blonden, kinnlangen Haare wirkten leicht zerzaust. Wahrscheinlich hatte sie über der Illustration eines neuen Kinderbuches gebrütet. Vielleicht brauchte sie ja genauso dringend eine Pause wie sie selbst.

»Wie schön dich zu sehen. Ich habe mich schon gefragt, wann ich etwas von dir höre. Wie ist es gelaufen? Ach, komm doch erst einmal herein, ich mache uns eine schöne Tasse Kaffee und du erzählst mir alles in Ruhe.« Vivian umarmte Ellen herzlich. »Hallo, Vivian. Au Mann, diese Treppe schlaucht mich wirklich jedes Mal.«

Ihre Freundin lachte hell auf. »Ist ein gutes Fitnessprogramm, nicht wahr? Na, komm rein, du hast dir deinen Kaffee redlich verdient.«

Vivian eilte in die Küche, während Ellen die Tür schloss und sich umblickte. Die schlauchartig geschnittene Wohnung wirkte wie immer mit ihren im warmen Pastellgelb gestrichenen Wände und den weißen Holzmöbeln hell und einladend. Knallrote Tischdecken, sonnengelbe Vasen, grasgrüne Sofakissen sowie zahlreiche blühende Pflanzen verliehen dem Ganzen besondere Fröhlichkeit. Ellens Blick viel auf ein wildes Durcheinander an Papieren, die sich kreuz und quer im Arbeitszimmer verteilten. Der Papierkorb quoll über von zerknüllten Entwürfen.

»Wie ich sehe, störe ich dich bei der Arbeit. Tut mir leid.«

Vivian stöhnte resigniert. »Wenn es bloß so wäre. Ich bekomme den Charakter des kleinen Jungen einfach nicht richtig aufs Papier. Schrecklich.«

Ellen lächelte verständnisvoll. Vivian und sie waren schon seit dem Kindergarten befreundet, doch während Vivian alles im Leben mit Gefühl anging und auf diese Weise beruflich als Illustratorin erfolgreich war, hatte sie selbst stets auf Logik und Rationalität gesetzt. Sie wusste, dass Vivian erst dann ihre Bilder zeichnen konnte, wenn sie sich hundertprozentig in die Charaktere einer Geschichte einfühlte. Das war für sie immer die schwierigste Phase.

Während Vivian die Kaffeemaschine mit Wasser und Kaffeepulver füllte, fragte sie über die Schulter gewandt: »Und wie ist es gelaufen? Ich habe dir so die Daumen gedrückt.«

Ellens Antwort bestand aus einem verächtlichen Schnauben, worauf Vivian sich überrascht umdrehte.

»Ich habe den Vertrag zur Unterzeichnung in der Tasche.«

»Aber das ist ja fantastisch! Herzlichen Glückwunsch!« Begeistert klatschte Vivian in die Hände. »Ich habe es ja gewusst, dass du diesen Auftrag bekommst.« Als sie jedoch Ellens zweifelnden Blick sah, hielt sie inne. »Habe ich etwas falsch verstanden? Warum freust du dich nicht? Du hast doch erreicht, was du dir so sehr gewünscht hast und nun stehst du da wie sieben Tage Regenwetter. Was ist los?«

Gedankenvoll fuhr Ellen mit ihrem Finger den Rand des Türrahmens nach. »Ach, ich weiß nicht mehr, ob ich diesen Auftrag annehmen soll. Es war so ein grauenvoller Morgen.«

Bestürzt zog sich Vivian einen Stuhl heran. »Was ist passiert?

Komm setz dich und erzähl mir alles der Reihe nach.«

Ellen nickte zustimmend, setzte sich ebenfalls. »Heute Morgen, als ich zu Lauritz gefahren bin, da war die Welt noch in Ordnung. Ich war so optimistisch, dass ich das Projektangebot bekommen würde, denn meine letzten Gespräche mit Herrn Lauritz, dem Seniorchef, wohlgemerkt«, fügte Ellen mit sarkastischem Unterton hinzu, »verliefen wirklich gut. Sein Geschäftsfreund Eberhard Dillenhorst hat mich ihm empfohlen. Das war das Projekt, für das ich die Vitaminpräparate als Marke neu positioniert habe. Erinnerst du dich?«

Vivian lachte in Erinnerung an das Projekt hell auf. »Klar, dafür haben wir ganze Drogerien leer gekauft.«

»Genau das.« Ellen atmete tief ein. Allein bei dem bloßen Gedanken an ihr Gespräch mit Mark Lauritz kehrte ihre unbeschreibliche Wut zurück. »Tja, und heute hatte ich die Ehre, den Juniorchef kennenzulernen.«

»Es gibt einen Juniorchef? Cool. Wie sieht er denn aus?« Vivian rutsche neugierig näher.

Gegen ihren Willen musste Ellen lachen. »Er sieht echt gut aus, nein, er sieht sogar unverschämt gut aus. So, wie du dir den Erben einer Juwelierkette im Kino vorstellst.«

»Wow. Das hört sich ja wie ein Sechser im Lotto an.«

Ellen schüttelte energisch den Kopf. »Oh nein, so gut, wie er aussieht, so widerlich ist sein Charakter. Er hat mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er dagegen ist, dass ich das Projekt betreue. Er glaubt, ich wäre Herrn Dillenhorsts netter Zeitvertreib gewesen, hätte auf diese Weise mein Projekt bekommen. Und seiner Meinung nach habe ich dasselbe mit seinem Vater vor.«

Vivian öffnete entsetzt den Mund, starrte Ellen fassungslos an, die bitter lachte.

»Aber damit ist es noch nicht genug. Er hat mir sogar gedroht, dass er jeden meiner Schritte genau beobachten wird. Und schlimmer noch, wenn ich meine Unterschrift unter den Vertrag setze, dann werde ich mit ihm und nicht mit seinem Vater eng zusammenarbeiten müssen. Oh Vivian, was soll ich nur tun?« Ellen legte verzweifelt den Kopf in die Hände. Mitfühlend tätschelte Vivian ihr den Arm.

»Ich muss dir zustimmen. Ich bin ehrlich schockiert. Hast du schon mit Lukas gesprochen?«

Ellen schüttelte den Kopf. »Nein, Lukas hat bald eine Vernissage und für solche Probleme sicherlich keine Zeit.« Ein schiefes Lächeln umspielte ihren Mund. »Und wahrscheinlich lacht er mich wegen meiner Angst vor Mark Lauritz lediglich aus.«

Vivian nickte verständnisvoll. Lukas würde Ellens Bedenken höchstwahrscheinlich mit seinem entwaffnenden Lächeln hinwegfegen. Im Gegensatz zu ihrer Freundin war deren Zwillingsbruder viel unbekümmerter. Vivian blinzelte schnell, um Lukas aus ihren Gedanken zu verdrängen.

»Verstehe«, sagte sie langsam. Dann legte sie ihre Stirn in Falten, dachte angestrengt nach. »Wenn du mal von dem Juniorchef absiehst, würdest du das Projekt übernehmen wollen?«

»Natürlich. Es ist einfach erstklassig. Herausfordernd, spannend und natürlich auch sehr lukrativ.«

Vivian nickte. »Ok, magst du meine Meinung hören?«

»Ja klar, schieß los.«

»Also, wenn der Juniorchef - wie heißt der nochmal?«

»Mark Lauritz«, antwortete Ellen mit Grabesstimme.

»Schöner Name. Aber ok. Also, wenn Mark Lauritz nicht wäre, dann würdest du jubelnd das Projekt annehmen. Somit ist seine Person ausschlaggebend für deine Entscheidung. Außerdem ist Mark Lauritz ein super gut aussehendes Ekel, mit dem du zusammenarbeiten musst. Richtig?«

»Richtig.«

»Darüber hinaus denkt er, du wärst nicht kompetent, richtig?«

»Richtig.« Ellen nickte resigniert.

»Also, meiner Meinung nach würdest du mit einer Absage seine Vermutungen bestätigen.«

Ellen riss erschrocken die Augen auf, aber Vivian fuhr bereits fort: »Schlimmstenfalls könnte er das weitererzählen, was natürlich echt rufschädigend für dich wäre, vor allem, da seine Behauptungen völlig frei erfunden sind. Außerdem würde sein Vater deine Beweggründe gar nicht verstehen und dich als unzuverlässig einstufen, was ebenso rufschädigend für dich sein könnte.«

Ellen war fassunglos. Das war ja entsetzlich, doch Vivian schien Spaß an ihrer Analyse gefunden zu haben, gedankenverloren stand sie auf und schenkte beiden Kaffee ein. »So, und wenn du nun das Projekt annimmst und diesem Ekel zeigst, dass er sich irrt und du erstklassig in deinem Beruf bist, dann verbuchst du nicht nur beruflich einen großen Erfolg, sondern erteilst dem Juniorchef auch eine gute Lektion. Davon mal abgesehen, dass du bisher schon einige Quertreiber getroffen und sie alle gut in Schach gehalten hast. Also«, resümierte Vivian, »stellt sich nur die Frage, ob du Mark Lauritz während der Projektdauer beherrscht gegenüber treten kannst. Das wird wohl mit Abstand die größte Herausforderung sein. Ich denke, du kannst das. Was meinst du?«

Stirnrunzelnd starrte Ellen auf Vivians Kühlschranktür, die mit bunten Urlaubsfotos übersät war, ohne sie jedoch wirklich wahrzunehmen. »So habe ich die ganze Angelegenheit noch gar nicht betrachtet. Ich war wirklich kurz davor, das Projekt abzulehnen, aber vielleicht hast du Recht.« Sie atmete kampfeslustig ein. »Also gut, ich nehme das Projekt an und werde Mark Lauritz eine Lektion erteilen.«

KAPITEL 4

Noch eine Viertelstunde bis die erste Besprechung begann. Nervös näherte sich Ellen dem schlichten Bürogebäude, in dem sich die Zentrale der Juwelierkette Lauritz befand. Sie schob die schwere Glastür auf und betrat wieder die Empfangshalle, die sie vor zwei Tagen so wütend verlassen hatte. Zu ihrer Linken erblickte sie einen breiten Empfangstresen aus dunklem Holz, hinter dem sich eine blonde Endzwanzigerin gerade in ihrem Schminkspiegel begutachtete. Als sie Ellen erblickte, schob sie diesen schnell unter einen Papierstapel und lächelte. »Guten Morgen. Frau Sander, richtig?«

»Richtig. Guten Morgen.« Ellen erwiderte ihr Lächeln.

»Willkommen bei Lauritz! Ich habe hier einen Umschlag für Sie, in dem sich Ihre Zugangskarte befindet.« Geschäftig kramte sie einen braunen Umschlag hervor, streckte ihn Ellen entgegen und fügte wohlwollend hinzu: »Falls Sie Fragen haben, wenden Sie sich jederzeit an mich.«

»Danke, das ist sehr nett von Ihnen.« Ellen ergriff den Umschlag.

»Susanne Erdmann.« Sie streckte Ellen die Hand entgegen, die diese herzlich schüttelte.

»Ellen Sander. Es freut mich, Sie kennenzulernen.«

Susanne nickte ihr lächelnd zu, dann setzte sie sich adrett in Pose, auf ihrem Gesicht erschien ein bezauberndes Lächeln. Noch während Ellen sich fragte, was diese plötzliche Verhaltensänderung ausgelöst hatte, flötete Susanne bereits »Guten Morgen, Herr Lauritz«. Erschrocken drehte Ellen sich um. Niemand anders als Mark Lauritz durchquerte mit großen Schritten die Eingangshalle. Perfekt gestylt in einem dunkelblauen Anzug, weißem Hemd und leuchtend gelber Krawatte. Sein Haar, das durch den Wind ein wenig durcheinander geraten war, brachte er mit einer lässigen Handbewegung in Ordnung.

»Guten Morgen, Susanne.« Er schenkte der Rezeptionistin ein charmantes Lächeln, worauf sich deren Wangen augenblicklich verfärbten. Dann wandte er seinen Kopf kurz zu Ellen um. »Guten Morgen. Wie ich sehe, haben Sie bereits mit Susanne Bekanntschaft geschlossen.« Dabei schenkte er der jungen Frau einen wohlwollenden Blick, der ihre Gesichtsfarbe in ein dunkles Rot verwandelte.

Große Güte, schoss es Ellen durch den Kopf. Dieses Ekel wickelte die arme Frau mit einer Leichtigkeit um den Finger, dass einem schwindelig wurde. Garantiert wusste er um seine Wirkung. Mark schaute auf seine Uhr.

»Wir haben in zehn Minuten die erste Projektbesprechung. Am besten Sie kommen direkt mit mir.« Ohne ein weiteres Wort stieg er mit ausholenden Schritten die Treppe hinauf. Ellen folgte ihm, dabei achtete sie darauf, nicht zu hastig hinter ihm herzulaufen. Das war mit ihren Absätzen schlicht unmöglich, ohne albern auszusehen. Mark durchschritt den Flur, blieb vor der Tür des Konferenzraumes stehen und runzelte missbilligend die Stirn, als er sah, dass Ellen noch nicht direkt hinter ihm stand.

»Die Tür am Flurende führt zu Ihrem Büro. Das Büro davor gehört meiner Sekretärin, die Ihnen alles weitere zeigen wird.« Bei diesen Worten betrat er den Konferenzraum.

Ja, ja, sei bloß nicht zu höflich zu mir. Ich könnte ja sonst noch denken, ich sei hier willkommen, schoss es Ellen durch den Kopf. Schweigend folgte sie ihm in den Raum, der von einem großen, dunklen Eichentisch mit acht schwarzen Lederstühlen beherrscht wurde. Die bodenlangen Fenster zeigten auf den Vorplatz mit dem sich daran anschließenden Parkplatz. Mark schaltete das Licht an. »So, nehmen Sie bitte Platz.«

Ellen sah sich um. »Hatten Sie diesbezüglich an einen bestimmten Platz gedacht?«

Mark blickte sie überrascht an. »Nein, habe ich nicht. Aber da ich klarstellen muss, dass alle Kollegen mit Ihnen einwandfrei kooperieren, setzen Sie sich am besten neben mich.«

Ellen nickte schweigend, bevor sie sich seitlich an das Ende des Tisches setzte, an dessen Kopfende Marks Unterlagen lagen. Vielleicht hatte sein Vater ihm ja klare Instruktionen erteilt, sie zu unterstützen? Vielleicht gab es doch noch Hoffnung auf eine gute Zusammenarbeit? Nein, sie wollte sich keinen Tagträumen hingeben. Mark Lauritz war eine Schlange, die jeden Moment zubeißen konnte. Während er langsam seine Unterlagen auf dem Tisch sortierte, wandte Ellen ihm den Rücken zu und schaute aus dem Fenster. Plötzlich näherten sich eilige Schritte auf dem Flur. Ein mittelgroßer, schlanker Mann in einem grauen Anzug hastete durch die Tür. Seine graumelierten zu einem kurzen Borstenschnitt geschnittenen Haare standen an den Seiten widerspenstig ab. Eine dunkle Hornbrille dominierte sein blasses Gesicht. Entschuldigend wandte er sich an Mark. »Guten Morgen, Mark.«

Mark nickte ihm freundlich zu. »Guten Morgen, Walter. Darf ich Ihnen Frau Sander vorstellen? Sie wird zusammen mit uns an unserem neuen Projekt arbeiten.« Er blickte Ellen an: »Walter Kaufmann, unser Personalchef.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Frau Sander. Auf gute Zusammenarbeit.«

Ellen lächelte ihn dankbar an. »Es freut mich auch, Sie kennenzulernen. Auf gute Zusammenarbeit.«

Im selben Moment tauchte ein groß gewachsener, blonder Mann im Türrahmen auf. Ellen schätzte ihn auf Ende Dreißig, so alt wie Mark Lauritz. Sein blondes, gewelltes Haar war gestuft, seine wasserblauen Augen stachen aus dem sonnengebräunten Gesicht hervor. Er hatte seinen Mund zu einem charmanten Lächeln verzogen, das auch unwillkürlich Ellen zu einem Lächeln bewegte.

»Guten Morgen, Mark«, grüßte er gut gelaunt. »Wie ich sehe, haben wir heute einen Gast in unserer edlen Runde.« Dabei war er bereits zu Ellen getreten, streckte ihr die Hand entgegen. »Darf ich mich vorstellen? Alexander Vanstetten.«

»Alexander ist unser Einkaufschef. Frau Sander wird mit uns an dem heute zu besprechenden Projekt arbeiten«, antwortete Mark.

»Angenehm, angenehm«, erwiderte Alexander lächelnd. »Ich hoffe, der Platz neben Ihnen ist noch frei?«

»Ich denke schon.«

»Sehr gut«, antwortete Alexander leichthin, legte sofort seine Unterlagen auf den Tisch und zog sich den Stuhl heran. Genau in dem Augenblick tauchte eine schlanke Rothaarige in einem engen, beigen Kostüm im Konferenzraum auf. Die langen Haare waren zu einem lockeren Knoten hochgesteckt, aus dem sich vereinzelte Locken gelöst hatten. In ihren Ohren hingen große, silberne Ohrringe, deren Smaragde fröhlich bei jedem ihrer Schritte baumelten, perfekt zu ihren grünen Augen passten. Die zugeknöpfte Kostümjacke spannte gefährlich über ihrer üppigen Oberweite, die sie durch eine tief ausgeschnittene Bluse zusätzlich betonte. Bei ihrem Anblick fühlte Ellen sich plötzlich in ihrem dunklen Hosenanzug, der weißen, schlichten Bluse und ihrer Kette mit dem Saphiranhänger wie eine graue Maus. Umso besser. Sie wollte auf keinen Fall Mark Lauritz’ Aufmerksamkeit.

Nach einem theatralischen Blick in die Runde, bei dem sie Ellen einen kurzen, durchdringenden Blick zuwarf, stakste die Rothaarige zielstrebig auf Mark zu, setzte sich wie selbstverständlich neben ihn und somit Ellen gegenüber. »Guten Morgen. Mark, entschuldige bitte, aber ich hatte noch ein wichtiges Telefonat.« Sie lächelte ihn entschuldigend an. Ellen horchte auf. So, so. Sie und Mark Lauritz waren also per du, während er den Personalchef siezte.

»Guten Morgen, Valerie. Kein Problem, wir warten ohnehin noch auf Herrn Lünen.«

»Welch ein Glück«, atmete Valerie betont erleichtert auf.

Als Mark seinen Kopf hob, streifte sein Blick Ellen. Für einen Sekundenbruchteil blitzten seine eisgrauen Augen auf. »Valerie ist unsere Marketingchefin.« Er drehte den Kopf zu seiner Linken. »Valerie, Ellen Sander wird mit uns an unserem neuen Projekt arbeiten.«

Valerie streckte ihr Kinn leicht vor, dann nickte sie Ellen großzügig zu. »Willkommen im Team, Frau Sander.«

»Danke«, entgegnete Ellen schlicht. Die Gute benahm sich ja, als ob sie hier die Eigentümerin war. Ob sie doch mehr als pure Arbeit mit Mark Lauritz verband? Plötzlich beugte sich Alexander zu Ellen herüber, raunte ihr so leise, dass nur sie ihn verstand, zu: »Sie haben die arme Valerie ganz schön durcheinander gebracht. Lassen Sie sich bloß nicht die Butter vom Brot nehmen.« Dabei zwinkerte er ihr verschmitzt zu, was Ellen mit einem dankbaren Lächeln quittierte, bevor sie ihren Blick wieder Mark zuwandte, der sie scharf beobachtete. Doch sein Gesicht zeigte keinerlei Emotion. Ellen stockte der Atem. Das konnte ja noch heiter werden.

Eine Frau mit einem braunen Pagenkopf und einem freundlichen, runden Gesicht tauchte in der Tür auf. Ellen schätzte sie auf Ende Vierzig.

»Entschuldige, Mark, Herr Lünen ist hier.«

»Danke, Karin.« Sofort stand Mark auf, ging auf einen mittelgroßen, untersetzten Mann in einem dunkelgrauen Anzug zu, der im Türrahmen erschienen war. Seine randlose Brille passte gut zu seinem länglichen Gesicht, seine grünen Augen schauten wissend in die Runde. Er wirkte abgeklärt und sehr selbstsicher. Die beiden Männer schüttelten sich die Hände. Ellen schätzte Herrn Lünen auf Anfang Fünfzig. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, setzte er sich auf den freien Platz neben Valerie, während Karin leise die Tür schloss.

Mark räusperte sich. »Da wir nun vollständig sind, können wir anfangen. Wie wir alle wissen, haben wir in den letzten Jahren unser Geschäft auf dem deutschen Markt erweitern können. Ebenso ist den meisten hier bekannt, dass wir nun schon seit einiger Zeit überlegen, in welcher Form das Unternehmen weiter wachsen soll. In diesem Zusammenhang haben mein Vater und ich uns auf dem europäischen Markt umgesehen und ein Unternehmen gefunden, das uns den Einstieg in den mittel- und südeuropäischen Markt ermöglichen könnte.«

Er blickte abwartend in die Runde. Aufmerksames Schweigen umgab ihn. Alle hingen förmlich an seinen Lippen. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

»Hierbei handelt es sich um eine französische Juwelierkette mit Hauptsitz in Paris und Niederlassungen in den Großstädten Frankreichs sowie in Madrid und Rom.« Wieder schwieg er bedeutungsschwer. »Aber es ist noch nichts entschieden. Wir kaufen keine Katze im Sack. Wir stehen erst am Anfang der Due Diligence, in der wir Einsicht in die Unternehmensunterlagen nehmen und alle wichtigen Fakten zusammentragen werden, um ein fundiertes und für das Unternehmen bestgeignetes Ergebnis herauszuarbeiten, auf dessen Basis die letztendliche Entscheidung getroffen wird. Bei der reibungslosen Integration des neuen Unternehmens sowie der neuen Marktpositionierung wird Frau Sander uns unterstützen.« Mark nickte kurz in Ellens Richtung. »Sie hat bereits erfolgreich ihr Können in anderen Unternehmen unter Beweis gestellt.« Er lächelte Valerie charmant an. »Um jegliche Missverständnisse von vornherein auszuräumen: Frau Sander wird sich nicht um die reinen Marketingaspekte kümmern, sondern einen ganzheitlichen, strategischen Ansatz verfolgen, der alle Bereiche umfasst.« Alle Anwesenden bis auf Valerie nickten zustimmend. Sie malte stattdessen wütend blaue Kreise in ihr Notizbuch, doch Mark fuhr unbeirrt fort: »Ebenso wird uns Herr Lünen mit seinem rechtlichen Wissen beratend zur Seite stehen, wofür ich Ihnen bereits jetzt sehr herzlich danke.« Der Anwalt nickte Mark als Antwort schlicht zu. Mark schaute zu Valerie, deren Papier bereits bis zur Hälfte mit blauen Kringeln bedeckt war, dann wandte er sich an alle: »Das bevorstehende Projekt ist viel zu bedeutend, um irgendwelche Alleingänge zu erlauben. Ich erwarte daher volle Teamarbeit und Kooperation. Kann ich darauf vertrauen?« Schweigend sah er einen nach dem anderen an, bis jeder zustimmend nickte. Valerie und Mark schauten sich besonders lange in die Augen, wie es Ellen schien, dann endlich lächelte sie Mark verführerisch zu, nickte zustimmend. Zuletzt schaute Mark Ellen an. Hart und bedingungslos bohrten sich seine Augen in die ihren. Schnell nickte sie, wandte ihren Blick ab.

»Gut, damit hätten wir das Wesentliche geklärt. Als Nächstes wird jeder einen Umschlag mit den bereits vorhandenen Informationen erhalten. Am Montagmorgen werden wir nach Paris fliegen, wo wir uns die kommende Woche durch die Akten des Unternehmens arbeiten werden. Die Flüge sowie die Hotelunterkunft sind bereits organisiert und ebenfalls in besagtem Umschlag zu finden. Wahrscheinlich erscheint mein Vorgehen etwas ungewohnt, aber es handelt sich hier um ein sehr vertrauliches Projekt und ich erwarte, dass jeder hier im Raum Stillschweigen darüber bewahrt, auch seinen engsten Mitarbeitern gegenüber. Falls sich unsere Kollegen wundern, wohin wir plötzlich fahren, so werden wir unsere Reise als Managementseminar begründen, das wir in der Nähe von Paris abhalten. Ich möchte keine Nervösität innerhalb unseres Hauses. Klar?«

Alle nickten zustimmend. Widerstrebend musste Ellen zugeben, dass Mark es verstand, komplexe Zusammenhänge sowie seine Erwartungen klar auszudrücken. Seine tiefe Stimme unterbrach ihre Gedanken.

»So, das wäre es von meiner Seite für heute. Irgendwelche Fragen?«

»Könnte ich dich bitte fünf Minuten sprechen, Mark?« Valeries Stimme klang eindringlich.

»Natürlich, komm gleich in mein Büro«, antwortete er knapp.

Sie warf ihm einen dankbaren Blick zu. Auf ihren Lippen lag ein siegessicheres Lächeln.

»Wenn es keine weiteren Fragen gibt, wünsche ich uns allen einen schönen und produktiven Tag.« Mark nickte ein letztes Mal in die Runde, schüttelte Herrn Lünen die Hand und verließ das Besprechungszimmer, dicht gefolgt von Valerie.

»Clever gemacht von Mark, finden Sie nicht?« Alexander blickte Ellen amüsiert an.

»Was hat er clever gemacht?« Sie verstand nicht, worauf Alexander anspielte.

»Na, dass er uns allen das Versprechen der Kooperation und der Teamarbeit abgenommen hat. Damit hat er Ihnen einen wahren Freundschaftsdienst erwiesen, schließlich hat unsere gute Valerie ihre Krallen bereits ausgefahren.«

»Ist sie immer so?« fragte Ellen spontan.

»Nein, nur in Gegenwart attraktiver Frauen, die Marks Aufmerksamkeit auf sich ziehen.«

Ellen blickte Alexander eindringlich an. »Keine Sorge, ich bin nicht um die Aufmerksamkeit des Juniorchefs bemüht.«

Belustigt zog Alexander eine Augenbraue hoch, lachte herzlich. »Kommen Sie, ich bringe Sie zu Ihrem Büro. Welches hat man Ihnen denn zugedacht?«

»Ich glaube das letzte Büro auf dieser Flurseite.«

»Falls Sie Lust haben, führe ich Sie später gerne herum. Sie sollten das Unternehmen schließlich kennen, bevor Sie Ihre Aufmerksamkeit unserem französischen Projekt zuwenden.«

»Sehr gerne«, antwortete Ellen dankbar. Alexander Vanstetten war wirklich eine positive Überraschung. Vielleicht wurde alles doch nicht so schlimm, wie sie befürchtete.

Als sie Marks Bürotür passierten, hörten Sie Valeries aufgeregte Stimme immer wieder von Marks kurzen, beruhigenden Worten unterbrochen. Alexander nickte zur verschlossenen Tür. »Das ist Marks Büro.«

»Dachte ich mir«, erwiderte Ellen trocken.

»Das Büro daneben gehört Karin Mahler, Marks Sekretärin und in hektischen Zeiten der Fels in der Brandung. Sie wird Ihnen garantiert gerne helfend zur Seite stehen.«

Ellen nickte erleichtert. Ohne jedoch ihre Reaktion abzuwarten, öffnete Alexander bereits die letzte Tür. Sie standen in einem lichtdurchfluteten Büro mit einem großen Schreibtisch aus hellem Holz, passenden Regalen und einer kleinen Sitzecke aus hellem Stoff.

»Dies ist Ihr Reich.«

Erleichtert atmete Ellen auf. Sie hatte bereits damit gerechnet, in einer dunklen Ecke der Abstellkammer arbeiten zu müssen, aber stattdessen hatte man ihr ein wirklich komfortables Büro bereitgestellt. Das war garantiert auf den Seniorchef zurückzuführen. Sie legte ihre Aktentasche auf den Schreibtisch, wo bereits ein großer Umschlag auf sie wartete, dann blickte sie aus dem bodenlangen Fenster hinaus auf den Parkplatz.

»So, ich mache mich mal wieder an die Arbeit«, unterbrach Alexander ihre Gedanken. »Wenn es für Sie ok ist, hole ich Sie am frühen Nachmittag zu unserer Besichtigungstour ab.«

»Das ist wirklich nett von Ihnen. Früher Nachmittag ist perfekt.«

»Ach übrigens, wir nennen uns hier alle beim Vornamen. Wäre es ok, wenn ich Sie Ellen nenne?«

»Gerne.«

»Gut. Ich bin Alexander.« Mit ausholenden Schritten ging er zur Tür, drehte sich auf der Türschwelle noch einmal um. »Bis später dann, Ellen.« Und mit einem charmanten Lächeln, das zwei Grübchen auf seiner Wange zeigte, war er verschwunden. Ellen schaute ihm einen Moment lang nach. Alexander war wirklich ein Lichtblick, und ein äußerst attraktiver dazu. Nachdenklich zog sie ihr Jacket aus und hängte es über ihren Stuhl. Dann setzte sie sich mit dem Rücken zum Fenster an den Schreibtisch, nahm ihren Kugelschreiber aus der Aktentasche, stellte ihren Laptop auf den Tisch und öffnete den großen Umschlag. Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie. Oh nein, nicht Mark Lauritz, schoss es ihr durch den Kopf. Schon öffnete sich die Tür und Karins Kopf drängte sich durch den Türspalt.

»Störe ich?«

»Ganz im Gegenteil«, erwiderte Ellen erleichtert. »Ich freue mich, dass ich Sie nun persönlich begrüßen kann.«

Der Türspalt vergrößerte sich und Karin strahlte Ellen an. »Es freut mich auch, Sie kennenzulernen. Ich stehe Ihnen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite, vor allem, wenn es mal hektisch wird«, dabei kniff sie Ellen verschwörerisch ein Auge zu.

»Das ist wirklich nett von Ihnen, ich komme gerne darauf zurück. Bitte nennen Sie mich Ellen.«

»Ich bin Karin.« Die beiden Frauen schüttelten sich herzlich die Hand. »Ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht einen Kaffee möchten. In meinem Büro steht eine wundervolle Kaffeemaschine. Ich bringe Ihnen gerne eine Tasse herein.«

»Eine Tasse Kaffee wäre wunderbar«, stimmte Ellen begeistert zu. »Aber Sie brauchen sie mir nicht zu bringen, Karin. Wenn es Ihnen Recht ist, hole ich sie mir gerne selbst. Sie haben wirklich genug zu tun, da sollten Sie sich nicht noch um meinen Kaffee kümmern. Vielleicht können Sie mir zeigen, wo ich die Kaffeemaschine sowie Tassen und vielleicht etwas Mineralwasser finde. «

Überrascht blickte Karin Ellen an, dann strahlten ihre Gesichtszüge vor Dankbarkeit. »Wenn Sie es so möchten. Bitte bedienen Sie sich jederzeit. Soll ich Ihnen gleich alles zeigen? Ich finde immer, dass man die wichtigen Dinge sofort wissen sollte, sonst kann man nicht produktiv arbeiten.«