Im Schatten meiner Wahrheit - Lina Nagel - E-Book

Im Schatten meiner Wahrheit E-Book

Lina Nagel

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Beschreibung

Zwei Welten. Ein Geheimnis. Eine Anziehung, die alles verändert. Lauren Jackson führt ein Leben, das auf perfekter Selbstbeherrschung beruht. Als brillante Unternehmensberaterin kennt sie jede Strategie, außer die, die ihr eigenes Herz schützt. Doch hinter ihrer makellosen Fassade verbirgt sich ein Geheimnis, das niemals aus dem Schatten treten darf. Eine Begegnung mit CEO Cameron Walker stellt ihre Welt auf den Kopf. Was als professionelle Nähe beginnt, entwickelt sich zu etwas, das sie nicht mehr kontrollieren kann. Und je näher Cameron ihr kommt: desto größer wird das Risiko, dass die Wahrheit ans Licht gelangt. Als das Schicksal sie zum Handeln zwingt, steht plötzlich alles auf dem Spiel. Ein Liebesroman voller Spannung und emotionaler Tiefe - für alle, die starke Frauen und unerwartete Wendungen lieben.

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Seitenzahl: 671

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Vorwort

Dieses Buch ist Anfang und Ende zugleich. Ein Herzensprojekt, das mich lange begleitet hat.

Danke, dass du es mit deinen Augen zum Leben erweckst.

- Lina Nagel -

Triggerwarnung

Liebe Leserinnen und Leser,

dieses Buch behandelt Themen, die emotional belastend sein können. Es enthält Darstellungen von

Diskriminierung

Gewalt

Suizid

Tod

Wenn du spürst, dass dich diese Inhalte beeinträchtigen können, nimm dir bitte die Freiheit, achtsam mit dir umzugehen. Ob das bedeutet, Pausen einzulegen, bestimmte Kapitel zu überspringen oder dich gegen die Lektüre zu entscheiden.

Deine mentale Gesundheit und dein Wohlbefinden stehen an erster Stelle. Dennoch darf dich dieses Buch bewegen, inspirieren und herausfordern. Du bestimmst jederzeit, wie nah du es an dich heranlässt.

Du bist nicht allein, es ist in Ordnung, auf sich selbst zu achten.

1. Kapitel

Der Wecker begann sanft zu summen, kaum mehr als ein leises Vibrieren in der Stille des frühen Morgens. Doch mein Körper war ihm, wie so oft, einen Schritt voraus, geweckt von einer inneren Uhr, die mit fast beunruhigender Präzision wusste, wann der Tag begann.

Angesichts der Tatsache, dass ich alles andere als ein Morgenmensch war, blieb dieses Phänomen ein Rätsel. Mit einem schnellen Griff auf mein klingelndes Handy verstummte das Geräusch. Ich widerstand dem vertrauten Drang, mich weiterhin mit der warmen und weichen Bettwäsche zu umhüllen und schwang stattdessen widerwillig die Beine aus dem Bett.

Ich zog die Vorhänge beiseite, hinter denen sich die glitzernden Lichter New Yorks verbargen und sah hinaus auf den heller werdenden Himmel. Wolkenlos und verheißungsvoll, als kündigte er einen selten perfekten Tag an. Als ich das Fenster öffnete, strömten mir die vertrauten Geräusche einer Stadt, die niemals schlief, entgegen.

Ich war zwar nicht in New York aufgewachsen, sondern in einem Vorort von Boston, konnte mich aber schnell einleben. Diese Stadt hatte mich sofort in ihren Bann gezogen. Seit über fünf Jahren nannte ich sie mein Zuhause und ging durch die Straßen, als kannte ich sie bereits mein Leben lang.

Auf dem Weg in mein Badezimmer beherrschten mich die typischen Gedanken vor einem anstehenden Arbeitstag. Da ich mich gerne vorbereitete, hatte ich meinen Kalender bereits am Tag zuvor studiert. Heute würde ich eine kurze Abstimmung mit meinem Chef haben, anschließend ein Teammeeting und schließlich einen Außentermin, bei dem ich hoffentlich einen neuen Kunden gewinnen würde.

Mein Job bestand darin Strategien zu entwickeln, um die Leistungsfähigkeit und Marktposition von Unternehmen zu stärken. Und manchmal auch um deren vorherige Fehler zu kaschieren.

Meine Kleidung lag schon bereit. Eine schwarze figurbetonte Anzugshose und eine schlichte weiße Bluse mit schwarzen Akzenten, sorgfältig über den Rand der Badewanne gelegt. Wie gesagt, ich war kein Morgenmensch, also nutzte ich lieber jede Minute Schlaf, anstatt mich früh morgens mit Kleiderfragen aufzuhalten.

Ich streifte die Sachen über und legte damit meine vertraute Uniform für den Tag an. Mein Gesicht wusch ich mit kaltem Wasser, anschließend folgte ein dezentes, natürliches Make-up. Meine dunkelbraunen Haare ließ ich offen, sodass die langen, weichen Wellen über meine Schultern fallen konnten. Als ich meinem Spiegelbild begegnete, blickte ich in whiskyfarbene Augen, die mich prüfend ansahen. Ich nickte mir zu. Bereit für den Tag.

Wenig später erfüllte der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee meine Wohnung. Ich goss die dunkle Flüssigkeit in einen To-go-Becher und gab noch Milch und Süßstoff hinzu. An der Wohnungstür schlüpfte ich wie jeden Morgen in meine weißen Sneakers. Mit meinen eins zweiundsiebzig Metern Körpergröße fühlte ich mich in High Heels weder größer noch sicherer. Lediglich wackeliger. Daher vermied ich sie, sofern mein Job es zuließ.

Als sich die gläsernen Türen zur Lobby von Quantum Strategy lautlos öffneten, schlug mir die vertraute Mischung aus frisch poliertem Steinboden, dem sanften Summen der Klimaanlage und dem verführerischen Duft von teurem Kaffee entgegen.

Petra winkte mir schon mit einem breiten Lächeln von ihrem Platz am Empfang zu. Sie war einer der Konstanten in dieser Firma. Ein Ruhepol in einem Umfeld, das sich manchmal schneller veränderte, als dass man Schritt halten konnte.

»Guten Morgen, Lauren«, rief sie mir entgegen, kaum dass ich in Hörweite war.

»Morgen, Petra«, erwiderte ich und schenkte ihr ein ebenso strahlendes Lächeln. »Wie war dein Wochenende?«

Sie begann noch mehr zu strahlen, was ich kaum für möglich gehalten hätte und erzählte mir begeistert von dem Besuch ihrer beiden Enkelkinder. Anstelle einer Schneeballschlacht hatten sie eine Sandschlacht auf dem Spielplatz veranstaltet. Ich lachte, als ich mir die Szene bildlich vorstellte.

»Also wenn ich heute ein leichtes Knirschen höre, dann weiß ich, dass es noch die Reste deines Wochenendes sind«, sagte ich augenzwinkernd. Sie stimmte in mein Lachen ein und ihr Blick fiel auf den Kaffeebecher in meiner Hand.

»Liegt es daran, dass wir Montag haben oder hast du sofort einen wichtigen Termin?« Sie kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich nur mit einem Kaffee erschien, wenn der Tag früh und fordernd begann. Bei dem Gedanken an den Grund, seufzte ich innerlich und verzog leicht das Gesicht.

»Letzteres. Ich habe um acht Uhr direkt ein Meeting mit Bill. Was gibt es für einen besseren Start in die neue Woche?« Meine Stimme triefte bei dem letzten Satz vor Ironie.

Bill Menningham war unser aktueller CEO, seit Benedikt Bloom uns frühzeitig aufgrund familiärer Probleme verlassen hatte. Benedikt hatte mir viele Chancen eröffnet, mich als Beraterin zu beweisen. Schließlich war er derjenige gewesen, der mich zur Teamleiterin befördert hatte. Ich hatte ihm viel zu verdanken, umso härter traf mich seine Entscheidung, das Unternehmen zu verlassen.

»Na ja, wenn du heute noch einen Zahnarzttermin hättest, würde es den Tag vielleicht noch toppen.« Mit diesem trockenen Konter verabschiedete ich mich mit einem amüsierten Nicken Richtung Flur.

Während ich durch die offene Bürofläche ging, überkam mich wie jedes Mal ein leiser Anflug von Stolz. Ich erinnerte mich gut an meine Anfangszeit. An die unzähligen Nachtschichten, in denen ich versuchte, durch Leistung aufzufallen, schneller und gründlicher zu arbeiten als alle anderen. All die Mühen hatten sich irgendwann ausgezahlt. Benedikt hatte mein Potenzial erkannt, noch bevor ich selbst die Chance dazu hatte. Jetzt leitete ich ein Team aus sechs jungen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mich bei meinen Projekten unterstützten.

»Guten Morgen, Lauren.« Zack, ein Teammitglied, kam mit schnellen Schritten auf mich zu und hielt mir eine Mappe in der ausgestreckten Hand entgegen. Ich erwiderte die Begrüßung und nahm ihm die Dokumente ab.

»Ich habe dir ein paar Informationen zu deinem Beratungsgespräch mit dem potenziellen Neukunden heute Nachmittag zusammengestellt.«

»Danke, Zack. Ich werde mir die Unterlagen später anschauen.« Er verschwand so zügig, wie er aufgetaucht war. Ich setzte meinen Weg fort, bis ich mein Büro erreichte. Dort stellte ich meinen Becher ab, den ich bereits halb leer getrunken hatte und startete meinen Laptop, um mich auf den Termin mit Bill vorzubereiten. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass mir noch über dreißig Minuten Zeit blieben.

Wie üblich hatte Bill mir keinerlei Hinweise auf den Inhalt unseres Termins zur Verfügung gestellt. Unser CEO hielt offenbar wenig davon, seinen Angestellten mit Respekt zu begegnen. Ein Konzept, das Benedikt weitaus besser verstanden hatte. Bills Führungsstil glich einer Dampfwalze. Lautlos im Anrollen, aber gnadenlos in der Wirkung. Indem er keine Informationen vorab weitergab, sicherte er sich im Gespräch stets die Oberhand. Ich war der festen Überzeugung, dass dieses Verhalten keine Nachlässigkeit, sondern Kalkül war.

Also blieb mir nur eines. Ich überflog gedanklich meine aktuellen Kunden und suchte nach möglichen Problemen oder Schwachstellen, die er aufgreifen könnte. Doch bis auf den heutigen Termin mit dem potenziellen Neukunden, der aus seinem Bekanntenkreis entstanden zu sein schien, fiel mir kein Grund ein. Es würde also wieder eine dieser Überraschungen werden, die nur Bill zu liefern wusste.

Der Konferenzraum war makellos. Still, aufgeräumt und kühl temperiert. Zwölf lederbezogene Stühle reihten sich um einen schweren, dunklen Holztisch. Ich nahm auf der Längsseite Platz. Noch zwei Minuten bis zu unserem offiziellen Terminstart.

Ich ahnte bereits, dass Bill auch dieses Mal seinen großen Auftritt zelebrieren würde. Ein CEO erschien schließlich niemals zu früh.

Tatsächlich, die Uhr zeigte Punkt acht Uhr an, als sich die Tür mit einer betont schwungvollen Bewegung öffnete. Bill rauschte in den Raum, ganz der Mann mit der Last der Welt auf seinen Schultern. Das Jackett saß makellos, sein Blick war scharf und kalkuliert. Ohne ein Wort zu verlieren, steuerte er den Stuhl am Kopfende des Tisches an, demonstrativ wie immer. Ich schüttelte innerlich den Kopf, zeigte aber nach außen keinerlei Regung. Die Maske der Professionalität war längst ein Teil von mir geworden.

»Dann lassen Sie uns über Ihren neuen potenziellen Kunden sprechen, Ms. Jackson«, begann er, ohne jede Begrüßung oder unnötiges Geplänkel. Ich wandte den Kopf leicht zu ihm.

»Worüber genau möchten Sie sprechen? Ich werde wie gewohnt meinen Prozess durchlaufen, die aktuellen Herausforderungen analysieren und einen entsprechenden Lösungsansatz vorschlagen, mit dem der Kunde sich identifizieren kann oder eben nicht.«

Bill blieb weiterhin ernst, sein Blick scharf wie Glas. Schließlich legte er den Trumpf offen, den er so offensichtlich vorbereitet hatte.

»Sie scheinen nicht zu wissen, wem das Unternehmen gehört«, sagte er, die Stimme von selbstgefälliger Ruhe getragen. »Cameron Walker hat es vor Kurzem übernommen. Er restrukturiert es vollständig, mit dem Ziel es an die Spitze seiner Branche zu führen.« Der Name sagte mir nichts. Ich runzelte leicht die Stirn und legte den Kopf schief.

»Walker? Klingt nicht nach jemandem, der in unseren Kreisen besonders bekannt wäre.« Ich schenkte ihm ein dünnes Lächeln, doch Bill reagierte nicht. Stattdessen lehnte er sich zurück, verschränkte die Hände und wechselte in seinen belehrenden Tonfall, den er so meisterhaft beherrschte.

»Venture & Partners, Trivien Advisors, FinScope Analytics und Nova Consulting.« Ich erstarrte kurz.

Diese Namen wiederum sagten mir durchaus etwas. Jedes dieser Unternehmen hatte in den letzten Jahren eine steile Aufwärtskurve hingelegt. War plötzlich relevant geworden, hatte Aufträge in Millionenhöhe abgeschlossen, von denen andere nur träumen konnten. Ich hatte mich allerdings nie gefragt, wer hinter diesen Transformationen stand.

»Alle von ihm übernommen, aufgebaut oder mitfinanziert. Cameron Walker operiert im Hintergrund. Er meidet das Rampenlicht, aber unterschätzen Sie ihn nicht.« Für einen Moment war ich tatsächlich sprachlos. Doch ich besann mich schnell wieder.

»Das heißt also«, begann ich langsam, während mein analytischer Instinkt erwachte, »wir sprechen nicht über einen gewöhnlichen Kunden, sondern über ein Prestigeprojekt?« Bill nickte zufrieden.

»Ganz genau. Und deshalb darf hier absolut nichts schiefgehen.« Er lehnte sich vor, faltete die Hände und fixierte mich mit einem eindringlichen Blick, den er vermutlich täglich vor dem Spiegel übte. »All diese Unternehmen sind durch ihren erneuten Erfolg in den Fokus geraten. Walker hat die bemerkenswerte Fähigkeit, sich einem angeschlagenen Unternehmen anzunehmen und daraus innerhalb kürzester Zeit einen ernstzunehmenden Konkurrenten zu formen. Einen, der alle anderen nervös werden lässt. Wenn wirbei seinem nächsten Projekt mit unserer Beratung dazu beitragen, diesen Trend fortzusetzen, ist das für uns Gold wert. Das wäre Werbung, wie man sie nicht bezahlen könnte.«

»Verstanden. Ich werde mein Bestes geben.« Doch Bill war noch nicht fertig. Er hob eine Augenbraue, ließ den Moment absichtlich in der Luft hängen. Lang genug, dass ich bereits ahnte, was folgen würde.

»Geben Sie dieses Mal etwas mehr, Ms. Jackson.« Ein kurzer Atemzug und unter meiner Haut machte sich ein nagendes, warmes Gefühl breit.

Etwas mehr? Was dachte er sich dabei?

»Walker hält sich zwar im Hintergrund, aber glauben Sie mir, nichts, was in seinem Unternehmen passiert, entgeht ihm. Jeder Schritt wird registriert. Und bewertet.« Ich zwang mich zu einem höflichen Lächeln, während ich innerlich die Augen verdrehte. War er jetzt fertig? In all den Jahren bei Quantum hatte ich keinen einzigen Kunden verloren, keinen Auftrag schleifen lassen. Ich war nicht ohne Grund eine der erfolgreichsten Beraterinnen des Hauses und ganz bestimmt nicht durch sein etwas mehr. Dennoch blieb ich weiterhin souverän, obwohl sich die Wut langsam durch meinen Körper schlängelte.

»Sie können sich auf mich verlassen«, sagte ich kurz, aber mit Nachdruck. Bill nickte knapp, offenbar zufrieden und beendete das Gespräch ebenso wortlos, wie er es begonnen hatte.

Zurück in meinem Büro hallten seine Worte in mir nach. Unangenehm und vertraut zugleich. Um mich abzulenken, zog ich die Unterlagen hervor, die Zack für mich vorbereitet hatte. Das Dossier war sauber gegliedert, mit gelben Haftnotizen versehen und enthielt Analysen zu Struktur, Motivation und Fluktuation. Offenbar lag der größte Handlungsbedarf im Personalbereich. Daher würde der Beratungstermin mit dem aktuellen Personalleiter, Keith Bennett, stattfinden. Zumindest laut Terminplan. Ob er ebenfalls die Entscheidung einer Zusammenarbeit treffen würde, war fraglich. Wahrscheinlich würde er sich im Nachhinein ohnehin mit Walker austauschen müssen, wenn dieser tatsächlich ein Auge auf alles behielt.

Ich blätterte weiter durch die Seiten, während mein Blick zwischen dem leeren Bildschirm meines Laptops und der Mappe vor mir pendelte. Ein Gedanke blitzte auf. Vielleicht sollte ich mehr über Cameron Walker herausfinden. Doch ich verwarf ihn schnell wieder. Der Termin sollte schließlich nicht mit ihm stattfinden.

2.Kapitel

Um Punkt vierzehn Uhr verließ ich das Gebäude und steuerte auf den dunklen Wagen zu, der bereits am Straßenrand wartete. Jerry, unser Chauffeur, begrüßte mich mit einem charmanten Augenzwinkern und hielt mir galant die hintere Tür auf. Er war Mitte fünfzig und, ebenso wie Petra, von Beginn an Teil des Unternehmens. Wenn auch damals in einer anderen Funktion.

Dass wir überhaupt einen eigenen Fahrer hatten, war Bills Idee gewesen. Seiner Meinung nach stärkte es das Ansehen von Quantum Strategy, wenn wir bei Kundenterminen in dieser Form vorfuhren. Heute war ich ihm dafür dankbar. Um diese Uhrzeit quer durch New York zu fahren, war die reinste Tortur und ich konnte mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen.

Ich ließ mich auf den Rücksitz fallen und atmete durch, während der Wagen leise anrollte. Nur wenige Sekunden später glitten die ersten Gebäude der Stadt an mir vorbei. Mein Blick blieb an der Nachmittagssonne hängen, die die Wolkenkratzer in ein warmes, goldenes Licht tauchte. Als das Auto plötzlich zum Stehen kam, brauchte ich einen Moment, um wieder ganz im Hier und Jetzt anzukommen. Offenbar war ich so tief in Gedanken versunken gewesen, dass ich nicht viel von der Fahrt mitbekommen hatte.

Vor mir ragte ein weiterer Glasturm in den Himmel. Doch vom Firmennamen Goldberg Financial Systems fehlte jede Spur. Ich runzelte leicht die Stirn und sah mich um, um sicherzugehen, dass wir an der richtigen Adresse waren. In diesem Moment öffnete sich die Tür des Autos und ich stieg in einer fließenden Bewegung aus. Jerry bestätigte mir mit einem freundlichen Lächeln das Ziel.

»Da sind wir, Lauren. 70th Pine Street.« Ich nickte ihm dankend zu.

»Danke, Jerry. Sie können gerne wieder zurück zur Firma fahren, das hier wird vermutlich etwas länger dauern.« Er grinste.

»Lauren, Sie wissen doch, ich würde auch den ganzen Tag auf Sie warten.« Ich lachte leise. Über die Jahre und die vielen Fahrten, die wir miteinander geteilt hatten, war zwischen uns eine angenehme Vertrautheit entstanden. Als ich neu in der Stadt gewesen war, hatte Jerry oftmals Umwege auf sich genommen, um mir die schönsten Ecken New Yorks zu zeigen. Dank ihm hatte ich diese Stadt auf eine Weise kennengelernt, wie es kein Reiseführer je hätte vermitteln können.

Natürlich wusste ich, dass er diesmal nur gescherzt hatte. Entgegen seiner Aussage lief er bereits um den Wagen herum, winkte mir ein letztes Mal zu und fädelte sich geübt in den dichten Verkehr ein.

Ich wandte mich dem Gebäude zu und entdeckte, halb verdeckt von den dekorativen Bäumen, endlich die Hausnummer. Jerry hatte sich nicht geirrt, immerhin kannte er New York besser als jeder Stadtplan.

Gedanklich richtete ich mich auf den bevorstehenden Termin aus. Ich atmete tief durch, straffte die Schultern und betrat durch die Drehtür das Foyer des Gebäudes. Das helle Marmordesign wirkte edel, aber leicht kühl und verstärkte die sterile Eleganz des Raums. Am anderen Ende des Eingangsbereichs saß eine Empfangsdame, die ihren Blick hob, als sie meine Schritte hörte. Sie schenkte mir ein professionelles Lächeln.

»Sie müssen Ms. Jackson sein, Mr. Bennett erwartet Sie bereits.«

»Richtig, ich bin Lauren Jackson«, bestätigte ich. Sie deutete mit der Hand zu ihrer linken Seite und fügte noch weitere Informationen hinzu.

»Sie können den Aufzug nehmen, Ebene Nummer sechs. Sie landen direkt auf dem richtigen Stockwerk. Meine Kollegin dort, wird Sie zu den entsprechenden Räumlichkeiten begleiten.« Ich bedankte mich höflich und trat in den nächsten Aufzug. Sobald sich die Türen geschlossen hatten, vertiefte ich mich in meiner Konzentration und legte eine professionelle Miene auf.

Ein leises Klingeln kündigte die zuvor ausgewählte Etage an. Was mich empfing, war anders als erwartet. Ich hatte mit geschäftigem Treiben und herumwuselnden Menschen gerechnet. Stattdessen empfing mich Stille. Der Flur wirkte leer, beinahe verwaist, als läge eine unsichtbare Pause über diesem Ort. Ich runzelte leicht die Stirn, denn aufstrebend sah in meinen Augen anders aus.

Doch als ich ein paar Schritte den Gang entlanglief und um die Ecke bog, änderte sich das Bild schlagartig. Dort erwachte das Leben. Mitarbeiter eilten von Büro zu Büro, während sie hastig in ihre Headsets sprachen und Aktenordner unter den Armen trugen. Ein Unternehmen im Wandel.

Ich verweilte kurzzeitig, ließ meinen Blick umherwandern und nahm die Atmosphäre auf. Nur wenige Meter vor mir entdeckte ich schließlich den Empfangstresen der oberen Etage. Besetzt von einer jungen Frau, die ihr Headset um ihren Hals geschlungen trug und bei den drei klingelnden Leitungen nicht zu wissen schien, welchen Anrufer sie den Vorrang geben sollte.

Ich wollte gerade auf sie zugehen, um ihr die Situation zu erleichtern, als ein hochgewachsener Mann schnellen Schrittes auf sie zuging und mich damit aufhielt. Er stützte seine Arme auf den Tresen, um sich weiter vorbeugen zu können. Seine Haltung war fordernd, seine Präsenz unübersehbar. Der dunkle Maßanzug wies ein paar Knitter auf und schien auf eine lange Nacht hinzudeuten. Dennoch betonte er die kraftvolle Linie seiner Schultern. Seine Stimme hallte im nächsten Moment klar und bestimmt durch den Raum.

»Ich habe die Kopien vor zwei Stunden angefordert und sie sind immer noch nicht in meinem Büro. War ich nicht deutlich genug, als ich sagte, die Unterlagen seien dringend?« Er sprach laut, aber beherrscht. Die Art von Autorität, die man nicht überhören konnte.

Die junge Empfangsdame stammelte eine Entschuldigung, während sie versuchte, nicht die Haltung zu verlieren. Ich blieb einen weiteren Augenblick stehen, beobachtete die Szene und spürte, wie sich in mir ein vertrauter Widerwille regte.

Ich hasste es, wenn Menschen, insbesondere Männer, der Meinung waren, Macht durch Lautstärke und Körpergröße demonstrieren zu müssen. Der Mann vor mir schien zweifellos zu dieser Sorte zu gehören.

Als der Blick der Angestellten an mir hängen blieb, wusste ich, dass es an der Zeit war, einzuschreiten. Ich trat einen Schritt vor und stellte zufrieden fest, dass der Mann neben ihr verstummte. Langsam wandte er sich zu mir herum, sein Blick folgte dem ihren, bis er mich fand. Für den Bruchteil einer Sekunde erwartete ich eine schneidende Bemerkung. Doch sie kam nicht. Stattdessen glitt sein Blick über mich. Ruhig, abwägend und fast schon forschend. Kein billiges Abtasten, eher wie jemand der versucht ein Rätsel zu lösen.

Ich schenkte ihm keinerlei meiner Aufmerksamkeit. So gutaussehend er auch war, mit diesen markanten Gesichtszügen, den grauen Augen und der mühelosen Selbstsicherheit, ich war nicht hier, um mich von ihm mustern zu lassen. Also wandte ich mich bewusst an die Dame hinter ihm und kündigte mich an.

»Guten Tag, mein Name ist Lauren Jackson. Ich habe um fünfzehn Uhr einen Termin mit Mr. Bennett.« Sie atmete hörbar auf, dankbar, dass sich die Situation verlagert hatte. Weg von ihm, hin zu mir.

Ich spürte seinen Blick von der Seite, konzentrierte mich jedoch auf das Gespräch, das ich gerade begonnen hatte. Fast schon überschwänglich erhob sie sich aus ihrem Stuhl, doch leider zu überhastet. Der Stuhl krachte mit einem dumpfen Schlag gegen die Wand hinter ihr. Ihr erschrockener Blick huschte sofort zu dem Mann neben mir, als fürchtete sie, mit diesem Geräusch die nächste Welle seiner schneidenden Bemerkungen losgetreten zu haben.

Sie versuchte es zu überspielen, indem sie sich wieder auf mein Anliegen konzentrierte. »Herzlich Willkommen bei Goldberg Financial Systems. Wenn Sie mir bitte folgen würden, ich bringe Sie zu…« Sie konnte ihren Satz nicht einmal zu Ende sprechen.

»Nein«, unterbrach sie der Mann neben mir ruhig. »Das übernehme ich.«

Ich drehte mich leicht zu ihm herum und wünschte mir für einen flüchtigen Moment, ich hätte doch meine High Heels getragen. Er überragte mich mühelos. Über eins neunzig, schätzte ich, und die damit verbundene Ausstrahlung war kaum zu übersehen. Regelrecht spürbar.

Als ich ihm direkt in die Augen sah, erkannte ich, dass sie nicht grau waren, wie anfangs angenommen. Nicht wirklich jedenfalls. Ein feiner bläulicher Schimmer durchzog sie, kühl und faszinierend zugleich. Über seiner rechten Augenbraue verlief eine kleine Narbe, kaum sichtbar, aber charakteristisch. Sie schmälerte seine Attraktivität nicht, ganz im Gegenteil. Ich rügte mich innerlich für die Gedanken und bereitete mich auf meinen Angriff vor. Mit Sicherheit würde ich mich nicht von seinem Aussehen einschüchtern lassen.

Also lächelte ich charmant und konterte trocken. »Ich glaube, Sie haben da noch ein Thema mit ein paar fehlenden Kopien. Klingt so, als wären Sie anderweitig beschäftigt.« Sein Mundwinkel zuckte, kaum wahrnehmbar. Aber genug, um mir zu zeigen, dass der Treffer gelandet war. Hinter dem Tresen hörte ich ein zischendes Einatmen, als verstand sie nicht, wie ich es wagen konnte eine derartige Antwort zu geben.

»Ich denke, wenn der CEO Sie höchstpersönlich zu Ihrem Termin begleiten möchte, sollten Sie das Angebot annehmen.« Ich erstarrte. Hatte sie gerade CEO gesagt?

Im gleichen Moment streckte er mir bereits mit einem siegessicheren, fast amüsierten Lächeln die Hand entgegen.

»Cameron Walker. CEO von Goldberg Financial Systems.«

Mein Magen rutschte mir in die Kniekehle.

Mist, Mist, Mist.

Ich hatte gerade dem Unternehmensflüsterer persönlich geraten, sich um seine bescheuerten Kopien zu kümmern. Nicht eine Millisekunde war mir in den Sinn gekommen, dass es sich bei diesem Mann um Cameron Walker hätte handeln können.

Ich richtete mich innerlich auf, ignorierte das nervöse Kribbeln in meinem Magen und legte meine Hand in seine. Sie verschwand fast vollständig. Sein Händedruck war fest, warm und kontrolliert. Ich erwiderte den Druck, nicht devot oder zögerlich. Dieser Händedruck war ein stilles Statement. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich würde mich nicht für meine Aussage entschuldigen und den Schwanz einziehen. Das war nicht meine Art. Er hob eine Augenbraue, als würde er genau diese Reaktion erwarten.

»Lauren Jackson«, stellte ich mich ruhig vor, »Beraterin bei Quantum Strategy.« Für einen Moment sagte er nichts. Die Stille dehnte sich und ich wusste, er wartete auf eine Entschuldigung, die nicht kommen würde. Als sie ausblieb, glitt ein feines Lächeln über seine Lippen.

Seltsam, wie sehr mich dieses Lächeln aus dem Gleichgewicht brachte. Es traf mich mehr als die vorherige Erkenntnis, wer vor mir stand. Ich hatte mit einer scharfen Bemerkung gerechnet, vielleicht mit einem überheblichen Kommentar. Stattdessen kam nichts. Gar nichts.

Keine Zurechtweisung, kein Machtspiel.

Vielleicht hatte ich Cameron Walker voreilig verurteilt. Vielleicht war er nicht der Mann, der seine Autorität demonstrieren musste.

Er nickte in Richtung Flur und ich setzte mich neben ihm in Bewegung. Seine Schritte waren ruhig, selbstbewusst und ohne, dass er es aussprach, übernahm er die Führung.

»Ich habe bereits von Ihnen gehört«, begann er schließlich, »Bill kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus.« Ich blinzelte. Bill und Schwärmen? Beinahe wäre mir ein Lachen herausgerutscht. Bill Menningham war die letzte Person auf diesem Planeten, die zu ehrlicher Begeisterung gegenüber einem anderen Menschen fähig war. Schnell traf ich bereits die zweite voreilige Aussage an diesem Tag, bevor ich mir darüber Gedanken machen konnte.

»Ich glaube kaum, dass wir von demselben Bill Menningham sprechen.«

Reiß Dich zusammen, Lauren.

Du hast einen verdammten Job und wenn du diesen nicht erledigst, kannst du gleich wieder ein paar Etagen zu deinen Assistenten nach unten ziehen.

Doch wieder überraschte Walker mich. Er wirkte ehrlich belustigt und lachte leise. Ein tiefer, angenehmer Klang, der kurz in der Luft hängen blieb. Ich hätte nicht gedacht, dass mir dieses Geräusch gefallen würde. Aber vielleicht lag es daran, dass er im besten Fall bedeutete, ich würde meinen Job nicht bereits verloren haben.

»Da haben Sie mich wohl erwischt«, gab er zu, »Schwärmen war wohl der falsche Begriff. Aber Ihr Name fiel in einem positiven Zusammenhang mit einer geplanten Zusammenarbeit.«

Ich überging den Teil, den ich längst wusste und schob den Gedanken in den Hintergrund, warum er mir überhaupt eine offensichtliche Lüge auftischen wollte. Immerhin war ich hier, um ihn als Kunde zu gewinnen und nicht umgekehrt. Statt mich daran festzubeißen, lenkte ich das Gespräch zurück auf eine geschäftliche Ebene.

»Sie sprechen also schon von einer Zusammenarbeit? Das ging schnell. In der Regel gibt es vorher einen Austausch mit meinen Kunden.« Er blieb stehen. Dann wandte er sich mir zu, die Hände locker in den Taschen seines Anzuges.

»Die Entscheidung ist natürlich noch nicht gefallen,«, erwiderte er gelassen, »aber ich schätze Ihre Ehrlichkeit und Ihre Art, Ms. Jackson. Wenn Sie Ihre Strategien so gezielt und schnell umsetzen, wie sie sprechen, dann können wir gerne schon von einer Zusammenarbeit reden.« Ein Seitenhieb, gewiss, aber auch ein verstecktes Kompliment. Und noch dazu eines, dass aufrichtig klang.

Ich hatte ihn tatsächlich falsch eingeschätzt. Offenbar war er nicht nur ein Mann, der Dominanz ausstrahlte, sondern auch jemand, der eine scharfe Zunge und eine klare Haltung zu würdigen wusste. Da hatte ich mit meiner großen Klappe versehentlich wohl etwas richtig gemacht.

Walker wirkte für einen Moment nachdenklich, als schwinge in seinen Worten mehr mit als er preisgab. Doch ehe ich etwas erwidern konnte, tauchte eine Gestalt am Ende des Flurs auf. Ein Mann in meinem Alter, schlank, mit einer leicht zerzausten Frisur und einem Stapel Unterlagen unter dem Arm. Diese fielen ihm beinahe herunter als er mir eine Hand entgegenstreckte und sich vorstellte.

»Sie müssen Ms. Jackson sein. Schön, dass Sie so schnell Zeit für uns gefunden haben. Mein Name ist Keith Bennett, ich bin Personalleiter bei Goldberg.« Ich spürte weiterhin Walkers Anwesenheit hinter mir, als ich mich Keith Bennett zuwandte. Wie ein Schatten, der mich von nun an begleiten würde.

Bennett war sichtlich nervös. Entweder lag es an Walker, den er mit Sicherheit längst bemerkt hatte oder an der Situation selbst. Als er sich an meine Begleitung wandte, bestätigte sich meine Vermutung.

»Benötigen Sie noch etwas von mir, Mr. Walker? Ich dachte, Sie wären die nächsten zwei Tage in Chicago?« Da wäre er vermutlich besser aufgehoben gewesen, schoss es mir durch den Kopf.

»Nein, ich benötige nichts und wie Sie sehen können, bin ich wieder zurück. Aber ich dachte, ich sollte überprüfen, ob Ms. Jackson Sie genauso überzeugen kann, wie sie es bereits bei mir getan hat.«

Ich hob eine Braue. Jetzt übertrieb er völlig. Von Überzeugung konnte keine Rede sein, immer hatten wir noch nicht einmal ein richtiges Gespräch geführt. Aber der Tonfall, in dem er es sagte, war selbstsicher, mit diesem kaum merklichen Unterton von Belustigung.

Seine Worte blieben im Raum hängen. Bennett blinzelte irritiert, sichtlich überfordert. Er zeigte offen, was ich innerlich fühlte. Doch ich ließ mir nichts anmerken. Der Ausdruck auf meinem Gesicht blieb, trotz meinem inneren Aufruhr, professionell und kontrolliert. Statt die Stille wirken zu lassen, nutzte ich sie.

»Dann sollte ich wohl damit beginnen, Mr. Bennett zu überzeugen.« Ohne eine weitere Aufforderung, ging ich in den angrenzenden Besprechungsraum. Offenbar das eigentliche Ziel unseres Treffens und nahm wie gewohnt an der Längsseite des Tisches Platz. Bennett folgte mir und setzte sich schräg gegenüber.

Und Walker? Er kam ebenfalls mit hinein. Natürlich.

Musste er nicht in irgendeinem anderen Meeting sitzen? Seine Anwesenheit war weder angekündigt noch eingeplant. Weder von unserer Seite noch, wie Bennetts Körpersprache verriet, von seiner.

Ich beobachtete ihn unauffällig, gespannt, welchen Platz er wählen würde. Er zögerte keine Sekunde. Nicht das Kopfende. Nicht die Position des Machthabers. Er setzte sich direkt gegenüber. Mir gegenüber.

Na super.

Das war keine Unterordnung. Das war Strategie. Er wollte mich im Blick behalten. Nah genug, um meine Reaktionen zu lesen und jedes Zucken meiner Gesichtszüge wahrzunehmen. Trotz seiner lässigen Haltung war mir klar, dass er kein Mann war, mit dem man sich unbedacht anlegte. Er wusste genau, welche Wirkung er hatte. Und nutzte sie. Leider ging das nicht spurlos an mir vorbei.

Vielleicht hätte ich heute Morgen doch diese verdammte Online-Recherche betreiben sollen. Dann hätte mich seine Ausstrahlung nicht so unvorbereitet getroffen. Oder ich hätte mich gar nicht erst in diese Lage hineinmanövriert.

Ich unterdrückte ein leichtes, selbstironisches Kopfschütteln. Seit wann ließ ich mich so leicht aus der Ruhe bringen? Also beschloss ich den Gedankenkreisel zu beenden und mich auf meinen Job zu konzentrieren. Ich eröffnete den Termin mit meiner gewohnten Einleitung und erklärte mit souveräner, freundlicher Stimme, wie ich vorgehen wollte.

»Ich würde gern mit einer kurzen Vorstellungsrunde beginnen. Und keine Sorge, ich frage weder nach Ihrem Alter noch nach Ihren Hobbys. Obwohl ich gegen spannende Freizeitaktivitäten nichts einzuwenden hätte.« Ich warf beiden einen kurzen Blick zu. Vor allem bei Bennett hoffte ich, mit meiner Lockerheit, seine verkrampfte Haltung zu lösen. »Mich interessiert vielmehr, was genau Ihre Rolle ist. Und falls Sie es schon benennen können, wo Sie aktuell die größten Schwachstellen oder vielleicht auch die Potenziale innerhalb des Unternehmens sehen.«

Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich zu sehen, wie sich Walkers Miene leicht veränderte. Ein kaum wahrnehmbares, anzügliches Zucken in seinem Blick, ausgelöst durch meine beiläufige Bemerkung. Doch möglicherweise hatte ich mich getäuscht, denn im nächsten Moment war es verschwunden. Stattdessen wirkte er wieder vollkommen beherrscht.

Im Gegensatz dazu, sammelte sich Bennett, rückte seine Unterlagen zurecht und öffnete seinen Mund, um ihn kurzerhand wieder zu schließen. Walker schien direkt eine Antwort parat zu haben, ließ seinem Angestellten jedoch den Vorrang. Also blickte er mich unverwandt an.

Endlich hatte Bennett sich seine Antwort zurechtgelegt und begann zu berichten. »Ich bin seit fast sieben Jahren Personalleiter hier bei Goldberg Financial Systems. Anfangs war unser Team klein, spezialisiert und familiär. Aber durch die letzten Umstrukturierungen und den Eigentümerwechsel ist einiges aus dem Gleichgewicht geraten.« Seine Stimme klang zögerlich. Ich sah ihm an, dass er jedes Wort abwog. Vermutlich aus Angst, der Mann neben ihm könnte jede Bemerkung als Kritik am Unternehmen werten. Trotzdem sprach er weiter.

»Wir haben derzeit eine hohe Fluktuation, vor allem im mittleren Management. Die Prozesse wurden nicht an die neuen Wachstumsziele angepasst. Manche Rollen sind überflüssig geworden, aber sie bestehen weiterhin. Andere hätten längst neu definiert werden müssen. Und natürlich wirkt sich das alles auf unsere Unternehmenskultur aus.« Er hielt inne. Ich ließ ihm bewusst diese Pause. Manchmal brauchten Menschen die Stille, um zu spüren, dass sie noch weitere Dinge zur Sprache bringen wollten. Walker schwieg weiterhin. Mein Blick wanderte zu ihm. Er hatte sich zurückgelehnt, als wollte er mir wortlos etwas mitteilen. Es war kein Rückzug, es war eine Einladung ihm die Aufmerksamkeit zu schenken.

»Mr. Bennett spart sich offenbar die interessanten Details für später auf.« Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Doch daran war nichts Süffisantes, sondern eine Andeutung, dass er mehr wusste, als bisher preisgegeben wurde. Ich hob nur die Augenbraue, eine stumme Aufforderung, weiterzureden. Er tat mir den Gefallen.

»Was bisher nicht erwähnt wurde, ist, dass uns in den letzten vier Wochen fünf Kündigungen aus den Führungsebenen erreicht haben. Alles erfahrene Mitarbeiter, die eine Menge Wissen mitgenommen haben. Darunter befanden sich zwei Schlüsselpositionen, die für unsere Neupositionierung entscheidend sind.« Bennett wirkte ertappt und murmelte leise vor sich hin.

»Sie sind alle freiwillig gegangen.« Ich ließ die Konversation zwischen den beiden laufen. Erfahrungsgemäß würde meine Zurückhaltung ohne direktes Nachhaken dafür sorgen, dass noch mehr Informationen zutage kamen, die hilfreich für mich sein könnten.

»Offiziell ja, aber wenn dies alles innerhalb eines Monats geschieht und mehr als eine Person betrifft, dann ist das für mich ein ziemlich großer Zufall.« Walker klang deutlich ernster als zuvor. Ich zählte eins und eins zusammen und verstand sofort, worauf er hinauswollte.

»Sie vermuten, dass die Mitarbeiter aktiv abgeworben wurden.» Walker nickte zustimmend, vielleicht sogar ein wenig beeindruckt, dass ich die Situation und seinen Gedankengang korrekt interpretiert hatte. Jetzt befand ich mich auf vertrautem Terrain. Das war meine Stärke. Muster erkennen, Zusammenhänge begreifen und Verbindungen herstellen.

Ich hatte im Laufe der Jahre durch meine Arbeit ein Netzwerk aufgebaut, das tiefer reichte, als die meisten ahnten und mich selbst manchmal überraschte. Auf Veranstaltungen, Konferenzen und Branchenabenden ein beiläufiges Wort hier und eine nützliche Bemerkung dort. Und irgendwann waren es nicht mehr nur flüchtige Kontakte gewesen, sondern Menschen, die mir etwas schuldeten. Das war mein Spiel und ich wusste, dass ich es gut spielte.

»Was ich jetzt sage, haben Sie nie gehört. Verstanden?« Ich beugte mich leicht nach vorn, um meinen Worten Nachdruck zu verleihen. Beide nickten gleichzeitig. Walker mit einem kaum merklichen, kontrollierten Nicken, Bennett eher eilig und unsicher.

»Lassen Sie mir eine Liste der Namen zukommen. Ich werde prüfen, ob tatsächlich etwas hinter Ihrer Vermutung steckt.« Bennett sah beeindruckt aus, zögerte dann jedoch.

»Aber wir haben den Deal mit Ihnen doch noch gar nicht unterzeichnet.« Ich musste mir ein Lächeln verkneifen. Er hatte offenkundig noch nie an solchen Gesprächen teilgenommen. Mitarbeitergespräche kannte er mit Sicherheit, aber Verhandlungen auf dieser Ebene ganz bestimmt nicht. Walker hingegen hob kaum merklich das Kinn, sein Blick aufmerksam, als hätte ich eben etwas gesagt, dass sein Interesse weckte. Ich ging auf Bennetts Bemerkung ein.

»Nein, wir haben noch keinen Deal unterschrieben. Aber so wäscht eine Hand die andere.« Es war keine Vereinbarung auf Papier und dennoch hatten wir soeben eine bindende Übereinkunft getroffen.

Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass wir längst über der Zeit waren. Wir hatten uns mehr in den Themen vertieft, als ich erwartet hatte. Daher fasste ich mich kurz, um einen sauberen Abschluss zu finden.

»Mit Blick auf die Zeit, fasse ich gerne nochmal zusammen. Ich erarbeite im Laufe der Woche eine Strategie, die eine tiefgreifende Analyse der Führungsebenen, den Entwurf eines belastbaren Hierarchiemodells und eine gezielte Recruiting-Strategie umfasst, um vakante Schlüsselpositionen sinnvoll zu besetzen. Wenn es zu einer Zusammenarbeit kommt, gehen wir diese Punkte gemeinsam durch und bauen die Strukturen Schritt für Schritt neu auf.« Bennett bestätigte mir, dass ich zeitnah eine Rückmeldung erhalten würde, sobald sie die Strategie gesichtet hätten.

Mit einem »Vielen Dank für Ihre Zeit« verabschiedete er sich bereits und verließ den Raum. Mir wäre es lieber gewesen, er wäre nicht so schnell verschwunden und würde mich nicht seinem CEO überlassen. Ich folgte Walker Richtung Tür.

»Ich begleite Sie noch bis zu den Fahrstühlen«, erklärte er und ich konnte mir ein stilles Lächeln nicht verkneifen.

Das würde wohl zur Gewohnheit werden, dass er mich auf Schritt und Tritt durch sein Unternehmen führte. Wir gingen schweigend den Flur entlang, jeder gedanklich bereits bei den nächsten Schritten. Es hing eine seltsame Ruhe zwischen uns, die fast schon vertraut wirkte, beinahe angenehm. Walker drückte den Knopf, um einen Fahrstuhl auf diese Etage zu rufen, doch die Türen öffneten sich sofort. Ich trat ein und drehte mich zu ihm herum.

»Ich habe das Gefühl, wir werden uns wiedersehen, Ms. Jackson.« Ich wusste nicht, ob das in meinem Inneren Freude auslöste, weil es bedeutete, dass ich den Auftrag bekommen würde oder mich der Gedanke beunruhigte, dass er ohnehin einen Weg finden würde, mich wiederzusehen. Letzteren Gedanken schob ich rasch beiseite.

Die Türen begannen sich zu schließen, also brachte ich nur noch ein knappes »Das hoffe ich doch« hervor. Ich wusste selbst nicht, ob ich mich dabei auf den beruflichen Kontext oder etwas anderes bezog.

Als sich der Fahrstuhl in Bewegung setzte, starrte ich auf die leuchtenden Etagenzahlen. Ich fühlte mich, als hätte ich soeben einen Countdown ausgelöst. Dabei hatte ich keine Ahnung, was mich bei der Null erwarten würde.

3. Kapitel

Die Stadtlichter spiegelten sich auf der glänzenden Motorhaube, als ich den Wagen langsam in die Tiefgarage lenkte. Der sonore Klang des Motors verklang, als ich den Zündschlüssel drehte und ausstieg. Mein weißer Sportwagen wirkte in der grauen und kühlen Umgebung wie ein Fremdkörper.

Ich fuhr mir mit einer Hand durch die Haare, strich eine Strähne hinters Ohr, die mir ins Gesicht gefallen war und griff nach meiner Tasche auf dem Beifahrersitz. Dann machte ich mich auf den Weg zu meiner Wohnung. Gerade als ich die Tür einen Spalt öffnete, fiel mir das Licht auf. Es brannte bereits in der Wohnung. Ich war absolut sicher, es ausgeschaltet zu haben. Solche Kleinigkeiten vergaß ich nie.

Nur eine Person aus meinem Freundeskreis besaß einen Zweitschlüssel und den benutzte er niemals unangekündigt. Mein Puls beschleunigte sich. Ich sah keine Einbruchsspuren, aber meine Gedanken überschlugen sich.

War es wieder so weit? Wurde es wieder Zeit, meinem anderen Job nachzugehen? Ich hatte seit Wochen nichts mehr gehört. Eine fast schon unheimliche Ruhe. Vielleicht war sie jetzt vorbei.

Ich griff nach dem Regenschirm, der immer an meiner Garderobe lehnte. Keine besonders gute Waffe, aber besser als nichts. Leise zog ich meine Schuhe aus und schlich lautlos Richtung Küche, von wo das Licht kam. Als ich behutsam um die Ecke spähte, sah ich Ethan, meinen besten Freund, wie er am Herd stand, eine Pfanne schwenkte und dabei leise zu einem Popsong summte.

Erleichterung und Ärger mischten sich in mir. Der Anblick war köstlich, aber warum zum Teufel hatte er mir nicht Bescheid gegeben. Das Handy hatte ich vor dem Heimweg überprüft, keine Nachricht und kein Anruf.

Ich lehnte mich gegen den Türrahmen und gab ein lautes, genervtes Schnauben von mir. Ethan zuckte zusammen, ließ fast den Kochlöffel fallen und stieß einen spitzen Schrei aus.

»Mein Gott, LJ! Was fällt dir ein, mich so zu erschrecken? Ich habe dich nicht gehört. Bist du absichtlich so reingeschlichen?« Ich verschränkte die Arme und behielt den Regenschirm in der Hand.

»Ich erschrecke dich? Wer steht denn unangekündigt in meiner Wohnung?« Er legte den Kopf schief, sah erst mich, dann den Schirm in meiner Hand an.

»Was hattest du denn damit vor?« Ich schüttelte grinsend den Kopf und nahm unsere gewohnt neckende Stimmung auf.

»Das verrate ich dir lieber nicht. Aber als kleine Info, ich hatte ihn als Waffe mitgenommen.« Ethan prustete los und ich konnte mir ein Lachen ebenfalls nicht verkneifen. Er wandte sich hastig dem Essen zu, nachdem ich ihn mit einem Nicken auf den Dampf, der hinter ihm aufstieg, aufmerksam machte.

»Also, was machst du hier? Ich habe soweit ich weiß keine Nachricht von dir verpasst. Ist etwas passiert? Dumme Frage, du kochst. Was ist passiert?« Während ich sprach, warf ich den Schirm mit einem gezielten Schwung in den Flur und öffnete den Kühlschrank, um mir etwas zu trinken herauszunehmen. Ethan seufzte theatralisch.

»Als ich heute von der Arbeit nach Hause kam, hatte ich zwar keinen Einbrecher in der Wohnung«, ein eindeutiger Seitenhieb, den ich mit einem gehobenen Mittelfinger quittierte. »Dafür aber einen fünf Zentimeter hohen Wasserstand in meinem Bad und Schlafzimmer. Es gab wohl einen Rohrbruch in der Wohnung über mir und ich habe die ganze Bescherung abbekommen. Damit kein Schimmel entstehen kann, muss alles trocknen und renoviert werden. Mein Vermieter geht aktuell von drei Wochen aus.« Ich verzog das Gesicht, was Ethan als Antwort genügte.

»So habe ich wohl auch geschaut. Ich bin natürlich erst zu meiner Schwester gefahren. Ich dachte, dass wäre die einfachste Lösung. Aber nach zwei Stunden zwischen drei Kindern, zwei Hunden und einem Mann, der Homosexualität wahrscheinlich nicht mal buchstabieren kann, hat es mir gereicht. Also warst du meine letzte Hoffnung.« Ich lachte leise. Typisch Ethan. Wahrscheinlich hätte ich bei einer Wette darauf getippt, er hätte sich noch schneller aus dem Haus seiner Schwester geschlichen.

Ich liebte mein Alleinsein und die Zeit in einer WG lag glücklicherweise hinter mir. Aber Ethan war für mich wie Familie. Daher wäre mir nie eingefallen ihn in dieser Situation in ein Hotel zu schicken. Außerdem hatte ich das Glück eine große Wohnung inklusive Gästezimmer zu besitzen. Wir konnten uns also wunderbar aus dem Weg gehen, was bei Ethan vermutlich gelegentlich nötig sein würde. Ich liebte ihn, aber jeden Tag eine volle Dosis? Mutig. Sehr mutig.

»Natürlich kannst du hier wohnen. Ich richte dir gleich das Gästezimmer her. Hast du deshalb angefangen zu kochen? Damit du mich gnädig stimmst?«

»Nein, ich hatte einfach Hunger. Denk bloß nicht, das wird hier zur Regel.« Ich lachte fast ein wenig wehmütig. Kochen gehörte definitiv nicht zu meinen Talenten. Normalerweise aß ich mit meinen Kollegen, schnappte mir etwas unterwegs oder schob eine Fertiglasagne in den Ofen. So wie die, die gerade im Kühlschrank auf ihren Einsatz wartete.

»Wie lange brauchst du noch?« Ethan verlangte nach zehn Minuten, also nutzte ich die Gelegenheit, verschwand im Schlafzimmer, um die Bettwäsche für ihn zu holen. Ich warf sie und ein zusätzliches Kissen auf das Bett im Gästezimmer, ging den Flur entlang in mein Schlafzimmer, um endlich meine Arbeitskleidung loszuwerden. Ein paar Minuten später trug ich Shorts und ein lockeres Top, zeitgleich als Ethans Ruf aus der Küche, dass das Essen fertig war, zu mir herüber hallte. Mit knurrendem Magen folgte ich dem Duft, der überraschend appetitlich war. Als ich den ersten Bissen der Paella nahm, musste ich zugeben, dass sie zudem hervorragend schmeckte.

»Du siehst aus, als hättest du nicht damit gerechnet, dass es genießbar sein würde.«

»Habe ich auch nicht«, gab ich ehrlich zu, bevor ich mit einem Augenzwinkern hinzufügte, »Ich bin ehrlich gesagt davon ausgegangen, dass wir den Abend mit einer Lebensmittelvergiftung in der Notaufnahme beenden.« Ethan schüttelte amüsiert den Kopf und wechselte das Thema.

»Nun meine liebe Mitbewohnerin auf Zeit. Vielleicht sollten wir ein paar Regeln aufstellen.«

»Regeln?« Ich schaute ihn skeptisch an. »Das ist meine Wohnung. Wieso willst du hier Regeln aufstellen?«

»Weil ich weiß, wie meine beste Freundin lebt und ich von bestimmten Teilen in ihrem Leben nichts mitbekommen möchte.« Ich blinzelte, verstand nicht ganz, worauf er hinauswollte.

»Rede Klartext mit mir, Ethan. Von welchen Teilen genau willst du nichts mitkriegen? Normalerweise willst du über alles informiert werden. Und wenn ich sage alles, dann meine ich alles.«

»Na, dein Sexleben zum Beispiel.«

Ich brach in schallendes Gelächter aus. Er war der Romantiker, der nur mit jemandem schlief, wenn es um Gefühle ging. Ich dagegen war einfach realistischer.

»Ich finde, du übertreibst ein wenig, aber von mir aus. Die Regel gilt für uns beide.«

»Entschuldige mal, wer hat denn ständig irgendwelche Arrangements, wo es darum geht alles bewusst locker zu halten? Dein aktueller Kandidat heißt übrigens Theo, falls du ihn vergessen hast.« Es war amüsant, wie er mir immer wieder leichte Hinweise darauf gab, dass ich mein Leben mit solcher Art von Abmachungen verschwendete. Er war der Typ, der alle Klischees erfüllte. Er wollte das volle Programm. Heirat, Kinder und ein Haus mit Garten.

Ich dagegen? Nicht mal ansatzweise. Mit meinen zweiunddreißig Jahren fühlte ich zwar keinen Druck, aber auch keinen Wunsch nach all dem. Und ehrlicherweise war es mit anderen Dingen in meinem Leben nicht vereinbar, von denen selbst Ethan nichts wusste.

Eine feste Beziehung hätte in meinem Leben ohnehin keinen Platz. Aber auf Sex wollte ich deshalb nicht verzichten. Und wieso auch? Ich mochte Sex und dafür musste ich mich nicht schämen. Meine Abmachungen, wie Ethan sie nannte, hatten klare Grenzen. Es gab kein Drama, keine Emotionen und keine falschen Versprechen.

»Theo war schon länger nicht mehr hier. Aber falls es nochmal zu einem Treffen kommt, verspreche ich, dass wir uns bei ihm vergnügen.« Mit der Antwort gab Ethan sich zufrieden, hakte aber trotzdem nach.

»Gab es Stress bei euch? Willst du es beenden?« Ich schüttelte den Kopf.

»Nein. Im Moment ist auf der Arbeit so viel los, dass ich froh bin, wenn ich abends überhaupt noch Zeit für mich habe.« Er grinste.

»Und jetzt bin ich ja da.« Ich verdrehte die Augen. Ob mir das gefiel, würde sich noch zeigen. Doch durch mein aktuelles Arbeitspensum hatten auch unsere Verabredungen gelitten. Es war reizvoll, dass Ethan jetzt wenigstens für wenige Wochen in der Nähe war und wir die Abende gemeinsam ausklingen lassen konnten.

»Apropos Arbeit, wie lief dein Tag?« Weshalb musste er ausgerechnet heute fragen? Ich entschied mich dennoch ihm von dem möglichen Deal mit Goldberg zu erzählen und erwähnte dabei meine erste Begegnung mit Cameron Walker. Ethan hörte gebannt zu und als ich fertig war, bekam ich die Quittung für meine Offenheit.

»Und du wunderst dich über die Regeln. Der Kerl hat doch heute schon den ersten Schritt gemacht.« Ich wollte es nicht glauben. Es mochte sein, dass die Chemie zwischen Walker und mir ein wenig stimmte. Das bedeutete aber noch lange nicht, dass ich mit ihm ins Bett gehen würde.

»Er ist mein Kunde, Ethan. Du weißt genau, dass ich Privates und Geschäftliches strikt trenne.«

»Das ist deine Regel. Die ließe sich ja ändern.« Ich begann das dreckige Geschirr wegzuräumen, um dem Gespräch zu entkommen. Denn davon abgesehen, dass ich nicht der Meinung war, dass Walker bereits einen ersten Schritt gemacht hatte, war ich der festen Überzeugung, dass es nicht funktionieren würde. Daher nahm ich mir vor keinen weiteren Gedanken an diese Richtung zu verschwenden und das Thema nicht mehr auf den Tisch zu bringen.

»Naja, Themenwechsel. Klingt auf jeden Fall nach einem fetten Deal. Wenn du die Zusage bekommst, sollten wir das feiern.« Es erstaunte mich immer wieder, wie dieser Kerl so dermaßen zuversichtlich sein konnte. Aber er hatte recht, wenn ich diesen Deal bekam, war das wirklich eine gute Sache und ein Grund zum Feiern.

»Ja, falls ich den Deal bekomme, können wir gerne die Tanzfläche im Underground unsicher machen.« Ethan sprang auf, streckte die Arme in die Luft und jubelte sichtbar.

Bei seiner überschwänglichen Reaktion kam mir der Gedanke, dass die nächsten drei Wochen spannend werden würden.

4. Kapitel

Die nächsten zwei Tage verliefen im Autopiloten. Arbeit, mein gewohntes Krafttraining am späten Nachmittag und anschließend ein Serienabend mit Ethan. Eine Routine, die sich erstaunlich schnell eingeschlichen hatte. Fast schon beunruhigend, wie reibungslos das Zusammenleben funktionierte. Selbst morgens, wenn Ethan doppelt so lange im Bad brauchte wie ich, hatten wir stillschweigend eine Regelung gefunden. Ich machte mich zuerst fertig, damit er danach alle Zeit der Welt hatte.

Ich musste unwillkürlich an den heutigen Morgen denken. Ethan hatte bereits Kaffee gekocht, bevor ich überhaupt aufgestanden war. Leider stand der volle Becher mit der inzwischen kalten Flüssigkeit, noch immer auf der Ecke meines Schreibtisches. Bill hatte mich, wie schon an den beiden Tagen zuvor, direkt vor dem Büro abgefangen.

»Haben Sie schon eine Rückmeldung von dem Goldberg Deal erhalten?« Jeden Tag dieselbe Frage und jeden Tag dieselbe Antwort.

»Nein, bisher nicht. Ich melde mich selbstverständlich sofort, wenn es Neuigkeiten gibt. Der Strategieplan wurde erst gestern verschickt. Eine Entscheidung wäre zu diesem Zeitpunkt also ungewöhnlich schnell.«

Ich versuchte, meine Geduld zu wahren. Etwas, das Bill offensichtlich schwerer fiel als mir. Es war nicht unüblich, dass sich Kunden ein paar Tage Zeit ließen. Unsere Beratung war kostspielig und Walker hatte es in der Vergangenheit auch ohne externe Unterstützung geschafft. Trotzdem fieberte auch ich einer Rückmeldung entgegen.

Nachdem Bill schließlich verschwunden war, vertiefte ich mich wieder in meine Aufgaben. Ich führte mehrere Telefonate, um den vielen Kündigungen bei Goldberg auf den Grund zu gehen. Keith Bennett hatte mir direkt nach unserem Termin eine Liste der ehemaligen Mitarbeiter geschickt. Alle waren zu einem der beiden größten Konkurrenten gewechselt. Die entscheidende Frage war nun, ob sie aktiv abgeworben worden waren oder selbst den Wechsel initiiert hatten. Eine der Vertrieblerinnen kannte ich persönlich von unserem jährlichen Unternehmertreffen. Wir hatten uns auf Anhieb gut verstanden und sie schuldete mir noch einen Gefallen. Ich hatte ihr damals mit einem wertvollen Hinweis zu einem ihrer Kunden geholfen.

Sie zeigte sich nicht überrascht über meinen Anruf und versprach mir indiskret nachzuforschen, ob sie etwas herausfinden könne.

Kaum hatte ich den Anruf beendet, signalisierte das rote Leuchten meines Telefons bereits den nächsten Eingang. Ich nahm den Hörer ab und als ich die Stimme erkannte, stieg unwillkürlich Hoffnung in mir auf.

»Hallo Ms. Jackson, Keith Bennett hier.« Es gab einen kurzen Moment der Enttäuschung. Ein Teil von mir hatte wohl gehofft, Walkers Stimme am anderen Ende der Leitung zu hören. Ich mahnte mich zur Ruhe und nahm einen professionellen Ton auf.

»Hallo Mr. Bennett, ich hatte ehrlich gesagt noch nicht in dieser Woche mit einer Rückmeldung gerechnet.«

»Nun ja, nach Ihrem Gespräch mit Mr. Walker hatten Sie bereits einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Daher fiel es nicht schwer eine endgültige Entscheidung zu treffen. Ich will Sie auch gar nicht lange auf die Folter spannen. Wir stimmen der Zusammenarbeit zu.«

Für einen Augenblick lehnte ich mich zurück und spürte, wie sich in mir ein stilles Triumphgefühl ausbreitete. Während ich mich langsam auf dem Stuhl drehte, glitt mein Blick durch die große Fensterfront. Die New Yorker Skyline erstreckte sich vor mir. Die Hochhäuser wirkten wie stumme Zeugen meines kleinen Erfolgs. Ein weiteres Unternehmen hatte sich für meine Expertise entschieden, nicht trotz, sondern wegen meiner direkten Art. Ich erlaubte mir diesen Moment zu genießen und mir einen Hauch an Stolz zu gönnen.

»Vielen Dank für das Vertrauen, Mr. Bennett. Ich freue mich sehr auf die zukünftige Zusammenarbeit mit Ihnen.«

Und hoffentlich mit Cameron Walker.

Schon wieder drifteten meine Gedanken ab. Was war nur los mit mir? Walker war nicht der erste attraktive Kunde, den ich je betreut hatte und doch war irgendwas an ihm anders. Ich schob den Gedanken entschlossen beiseite. Er hatte in meinem Kopf nichts verloren.

Wir vereinbarten einen Termin für Anfang der kommenden Woche, um die nächsten Schritte und Details zu besprechen. Noch während wir sprachen, sah ich in meinem Posteingang den digital signierten Vertrag eintreffen. Die offizielle Bestätigung unserer Zusammenarbeit. Mit einem zufriedenen Lächeln stand ich auf und machte mich auf den Weg zu Bills Büro.

Auf mein Klopfen ertönte ein gewohnt mürrisches »Ja?« und ich trat ein. Bill hob nicht einmal den Blick von seinem Bildschirm, also begann ich einfach zu reden.

»Es wird Sie freuen zu hören, dass ich soeben einen Anruf von Goldberg erhalten habe. Sie haben dem Deal zugestimmt. Wir starten bereits nächste Woche mit den ersten Terminen.« Das rief endlich seine Aufmerksamkeit hervor.

»Gute Arbeit, Ms. Jackson. Ich hatte gehofft, dass Sie das Ding holen.« Ich blinzelte irritiert. Hatte er mich gerade wirklich gelobt? Mein Blick schweifte kurz durch sein Büro, über den chaotischen Schreibtisch, die zerlesenen Aktenordner und die Tasse mit der Aufschrift World’s Best Boss. Nein, ich befand mich definitiv im richtigen Büro und ja, Bill Menningham hatte mir tatsächlich ein Kompliment gemacht.

Gerade als ich mich umdrehen und das Gespräch beenden wollte, hielt er mich mit einer beiläufig klingenden Frage auf.

»Sind Sie heute wieder zur Lehrstunde bei der örtlichen Polizei?« Ich erstarrte. Nicht sichtbar, aber innerlich läutete ein Alarm. Nur ein winziger Moment, doch mein Körper reagierte sofort.

Diese Information war eigentlich nie für Bills Ohren bestimmt gewesen. Nur Benedikt, unser ehemaliger CEO, kannte die wahre Natur meiner Kooperation mit der Polizei. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin und nicht ohne meinen deutlichen Protest, hatte ich zugestimmt, dass Bill oberflächlich eingeweiht wurde. Es gab keine Hinweise auf den tatsächlichen Inhalt dieser Schulungen. Meines Wissens nach glaubten beide nach wie vor, dass ich mit den aktuellen Officers strategische Gesprächsführungen und den Aufbau von Strategien durchging. Ein harmloses Mentoring, das meinem Beratungsprofil entsprach.

»Ja, richtig. Ich werde ab der Mittagspause unterwegs sein.« Als ich ein Nicken als Antwort bekam und er keine weiteren Anstalten machte, etwas hinzuzufügen, nutzte ich die Gelegenheit und floh mit raschen Schritten aus seinem Büro. Draußen im Flur schaute ich mich kurz nach links und rechts um, ob einer meiner Kollegen den Austausch hätte mitbekommen können, da ich die Tür nicht geschlossen hatte. Aber es war niemand zu sehen.

Nervosität war sonst kein Teil meines Vokabulars, aber in dieser Angelegenheit lag die Sache anders. Es war ein Teil meines Lebens, der nichts mit Quantum Strategy zu tun hatte. Ein Kapitel, das ich längst hinter mir lassen wollte. Und doch ließ es sich nicht vollständig abstreifen.

Ein Blick auf die Uhr ließ mich ernüchtert aufseufzen. Nur noch eine Stunde, um mich umzuziehen, den Verkehr zu überstehen und rechtzeitig in Brooklyn am Revier zu sein. Wo war die Zeit geblieben? Ich hatte das Gefühl, gerade erst meinen ersten Kaffee angesetzt zu haben, der vermutlich noch immer halbvoll auf meinem Schreibtisch stand. Vielleicht hatte ich mich doch zu lange mit Missy unterhalten, meiner Kollegin, die sich auf Fusionen spezialisiert hatte und nie um ein Gespräch verlegen war.

Als ich das Polizeirevier betrat, schlug mir sofort der vertraute Geruch aus Kaffee, Gummi und einer Spur Schweiß entgegen. Eine seltsame, aber vertraute Mischung. Ich war wieder hier, in meinem Element. Und auch wenn es nicht mein Arbeitsplatz im klassischen Sinne war, fühlte es sich dennoch irgendwie wie nach Hause kommen an.

Noch bevor sich die Tür zur Empfangshalle hinter mir geschlossen hatte, kam mir Sandra mit ihrem gewohnt breiten, strahlenden Lächeln entgegen. Sie war eine dieser Frauen, die sich von nichts unterkriegen ließen. Nicht von irgendwelchen Sprüchen und schon gar nicht von der testosterongetränkten Luft, die an einem Ort wie diesem allgegenwärtig war. Sie war hier die einzige Frau in Uniform, zumindest offiziell und ich wusste, wie gut es ihr tat, wenn ich auftauchte.

»Ist denn schon wieder der erste Donnerstag im Monat?«, begrüßte sie mich, während sie mich in eine kurze Umarmung zwang. Innerlich zog ich mich zusammen. Körperliche Nähe war nicht mein Terrain, nie gewesen. Aber ich wollte ihr nicht vor den Kopf stoßen, daher ließ ich es geschehen.

»So schnell vergeht die Zeit. Ich freue mich dich zu sehen.« Ich zwang mich zu einem kurzen Lächeln.

»Und ich mich erst. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich über weibliche Unterstützung bin.« Ich lachte leise, während mein Blick über ihre Schulter glitt. Ein paar junge Männer bewegten sich Richtung Trainingshalle. Frischgebackene Anwärter, ehrgeizig und voller Energie. Es war die Jahreszeit, in der die neuen Kandidaten ihre Laufbahn als Detectives starteten, um später auf Wunsch zu Spezialeinheiten zu wechseln.

Ich nickte in ihre Richtung. »Wie machen sie sich bisher?« Sandra verzog das Gesicht, als hätte sie gerade in eine Zitrone gebissen.

»Du kannst ihnen gerne ein paar Manieren beibringen. Die Anwärter werden von Jahr zu Jahr arroganter.«

Sandras Worte schreckten mich in keiner Weise ab. Ganz im Gegenteil. Sie sorgten dafür, dass sich innere Vorfreude in mir breitmachte. Ich liebte es, den Neuen zu zeigen, dass sie noch ganz am Anfang standen, dass sie keine Ahnung hatten, was es wirklich bedeutete, diesem Beruf gerecht zu werden.

»Ich sehe, was ich tun kann«, antwortete ich Sandra mit einem Grinsen und machte mich auf den Weg zur Halle.

Dieser Ort war mehr als vertraut, er war ein Teil von mir. Auch wenn ich nie Polizistin gewesen war, verband mich mit dieser Welt etwas Tieferes. Mein eigentlicher Job, von dem kaum jemand wusste, ging weit über das hinaus, was die meisten Uniformierten jemals erleben würden.

Deshalb hatte man mich hinzugezogen. Weil ich wusste, wie man unter Druck reagierte, wenn nichts mehr nach Plan lief. Ich brauchte keine Vorbereitung. Diese Lehrstunden lagen mir im Blut. Zu sehr, um sie zu verlernen. Nach all den Jahren, die mein Leben daraus bestanden hatten. Neun Jahre, bevor ich zu Quantum gekommen war. Neun Jahre, die mich geformt hatten.

Als ich mich dem Halleneingang näherte, hörte ich bereits Liams Stimme. Liam Forster, groß, grimmig und seit Jahren Ausbilder in diesem Revier. Einer der wenigen, die mich vom ersten Moment an respektiert hatten, ohne mich jemals unterschätzt zu haben.

»…und jetzt übergebe ich an Jackson«, hörte ich ihn seine typische Anrede beenden. Jackson, kein Vorname, kein Titel. Nur mein Rufname. Es war reine Absicht und es funktionierte jedes Mal. Kaum hatte ich die Halle betreten, ging ein leises Raunen durch die Reihen. Etwa zwanzig Anwärter standen in Linie, darunter zwei Frauen. Die Männer in ihrer typischen Pose aus verschränkten Armen, skeptischen Blicken und einem Anflug von Überheblichkeit. Ich war das gewohnt. Fast hatte ich mich darauf gefreut. Denn das hier war der Moment, in dem der eigentliche Spaß begann.

»Eine Frau?«, hörte ich jemanden murmeln. »Wie soll die uns etwas beibringen?«, pflichtete ihm ein anderer bei. Es war nicht schwer die Stimmen auszumachen und ich ordnete sie den zwei Kerlen an Positionen drei und vier von links zu.

Ich trat vor, ließ meinen Blick langsam durch die Gruppe gleiten. Dann sah ich zu Liam und nickte ihm zu. »Danke, Forster.« Er erwiderte das Nicken knapp und trat einen Schritt zur Seite.

Ich verschränkte die Arme und ließ sie noch einen Moment in dem Gefühl der Unsicherheit, bisher hatte ich mich noch mit keinem Wort an sie gewandt. Die meisten hielten den Blick nicht lange. Ein paar räusperten sich. Das war der Moment, in dem Unsicherheit in Respekt umschlug. Oder in Trotz.

»Ich bin Lauren Jackson, ihr könnt mich Jackson nennen. Ich werde euch heute durch verschiedene Lektionen führen. Einen theoretischen Teil und einen Praktischen. Dabei geht es nicht darum, besondere Stärke zu zeigen, sondern Kontrolle, Strategie und letztlich verantwortliches Handeln zu erlernen.« Ich machte eine kurze Pause und ließ meine Worte ihre Wirkung entfalten. »Bevor wir jedoch anfangen, würde es mich interessieren, ob ihr schon wisst, welchen Weg ihr einschlagen wollt. Wohin soll es gehen? Wir starten rechts, dann könnt ihr euch der Reihe nach kurz vorstellen und mir die Infos liefern.«

Die ersten Antworten waren routiniert. Streifendienst. Verkehrssicherheit, Kriminalpolizei. Dann kamen die beiden Anwärter an die Reihe, die ich bereits ins Auge gefasst hatte. Beide wollten zur SWAT-Einheit. Natürlich. Der schwerste Weg, das größte Risiko und für viele die Illusion, dass dieser Job vor allem aus Adrenalin bestand.

Ich ließ die Vorstellung zu Ende laufen, nickte hier und da, ohne zu bewerten. Viele waren noch unsicher, andere zu selbstsicher. Beides war normal.

Als ich zum nächsten Programmpunkt übergehen wollte, wurde ich unterbrochen. Wieder einer der beiden Anwärter, die bereits auffällig geworden waren. Jetzt hatte ich zwei Namen dazu. Nick Peterson und Jacob Lobster. Peterson war hochgewachsen und muskulös, Lobster war hingegen kleiner und schmaler gebaut.

»Was hast du für eine Laufbahn eingeschlagen? Was hast du für Qualifikationen vorzuweisen, um uns etwas zu lehren?«

Peterson. Wie jedes Jahr tauchte diese Frage auf. Ich spürte Liams Blick auf mir, auch er war gespannt auf die Antwort. Nur Ted Preston, der Sheriff des Departments, wusste von meiner tatsächlichen Laufbahn und den Qualifikationen, von denen Peterson sprach. Zwischen uns bestand eine Geheimhaltungsvereinbarung, die weitere Fragen zu dem Thema ausschloss. Aus genau diesem Grund hatte ich der Zusammenarbeit zugestimmt.

Ich reagierte wie gewohnt auf diese Frage. Naja fast,denn ich hatte ohnehin vor, den beiden im Laufe der Stunde eine Lehre zu erteilen. Also antwortete ich ihm in einem strengen Ton.

»Ich verfüge über ausreichend Wissen und Fertigkeiten, um dich in weniger als fünf Sekunden aus dem Verkehr zu ziehen, und zwar ohne, dass du es kommen siehst.«

Ein leises Gelächter löste sich und Peterson schien in diesem Moment begriffen zu haben, dass er es besser nicht mit mir aufnehmen sollte. Mal sehen, wie lange diese Einsicht anhielt.

5. Kapitel

Ich ließ meinen Blick noch einmal durch die Reihe der Anwärter gleiten. Das Gelächter verebbte langsam und gab mir Raum, zum nächsten Programmpunkt überzugehen. Ich schnappte mir einen Marker und wandte mich dem Whiteboard zu.

»Dann fangen wir mit etwas Theorie an. Etwas, das euch im Einsatz den Arsch retten kann.« Ich skizzierte ein mehrstöckiges Gebäude mit drei Zugängen.

»Stellt euch vor, ihr kommt an einen Tatort. Es gibt Geiseln und ihr wisst nicht, auf welchen der vier Stockwerke sie sich befinden. Die Zahl der bewaffneten Täter ist unbekannt. Die Information ist noch frisch. Alles, was ihr habt, ist ein Grundriss. Wie plant ihr den Zugriff?« Sofort setzte ein leises Getuschel ein, in dem sie sich gegenseitig abstimmten. Wir sollten jedoch gemeinsam lernen, auch aus den Fehlern der anderen. Deshalb forderte ich direkte Antworten in großer Runde. Einige meldeten sich zögerlich, wobei ein paar taktisch sinnvolle Antworten dabei waren. Viele Antworten aber entstanden aus Lehrbuchphrasen und hätten in der Praxis wenig genutzt.

Schließlich kam ein lauter und selbstbewusster Einwurf. Diesmal war es Lobster. Er schien das Köpfchen zu haben, während Peterson die Muskeln verkörperte.

»Es sollte ganz klar ein Zugriff über die Hintertür sein. Vier Mann sollten die Stockwerke nach oben sichern. Nach und nach kann so jedes Stockwerk sichergestellt werden.« Ich hielt inne. Er hatte keinen schlechten Ansatzpunkt, handelte aber zu voreilig.

»Hast du bei deinem Vorgehen gecheckt, ob die Hintertür mit einer Falle versehen ist?« Er zuckte mit den Schultern, als wäre das für ihn selbstverständlich gewesen.

»Dann gehen wir eben durch den Haupteingang.« Ich trat langsam an ihn heran. Nicht bedrohlich, nur bestimmt.

»Genau damit wird der Gegner im ersten Moment rechnen. Ihr werdet nur die Oberhand haben, wenn ihr alle Eventualitäten berücksichtigt. Und wenn ihr ohne vollständige Informationen einen Zugriff plant, spielt ihr russisch Roulette. Mit dem Leben anderer.«