Im Schein des Abendrots - Patricia Vandenberg - E-Book

Im Schein des Abendrots E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Dieser Husten mag mir inzwischen gar nicht mehr gefallen, Herr Kaiser«, erklärte Dr. Daniel Norden sehr ernsthaft und hielt das Stethoskop erneut an den mageren, entblößten Rücken des Patienten, der schwer atmend vor ihm saß. »Ach was, das wird schon wieder.« »Bitte? Was haben Sie gesagt?« Mit dem Stethoskop in den Ohren konnte der Arzt die Worte nicht verstehen. Doch er hatte seine Untersuchung ohnehin beendet und warf Ralf Kaiser einen fragenden Blick zu. »Ich sagte, das wird schon wieder. Jetzt bin ich schon so alt geworden. Da bringt mich das bisschen Husten auch nicht mehr um«, versuchte der alte Herr zu scherzen, als er das Hemd zuknöpfte und sich auf den Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches setzte, an dem der Arzt inzwischen mit besorgter Miene Platz genommen hatte. »Haben Sie mit dem Rauchen aufgehört, wie ich es Ihnen schon so oft ans Herz gelegt habe?« »Das spielt doch in meinem Alter keine Rolle mehr. Ich rauche schon mein ganzes Leben lang, und es hat mir nichts geschadet.« »Ihr Wort in Gottes Ohr«, seufzte Dr. Norden bekümmert und machte sich ein paar Notizen, ehe sein forschender Blick wieder auf den Patienten fiel. »Haben Sie Auswurf, wenn Sie husten müssen?« »Manchmal schon.«

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Seitenzahl: 120

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dr. Norden Extra – 83 –Im Schein des Abendrots

Die Nacht gehört nur uns, Carina

Patricia Vandenberg

»Dieser Husten mag mir inzwischen gar nicht mehr gefallen, Herr Kaiser«, erklärte Dr. Daniel Norden sehr ernsthaft und hielt das Stethoskop erneut an den mageren, entblößten Rücken des Patienten, der schwer atmend vor ihm saß. »Ach was, das wird schon wieder.«

»Bitte? Was haben Sie gesagt?« Mit dem Stethoskop in den Ohren konnte der Arzt die Worte nicht verstehen. Doch er hatte seine Untersuchung ohnehin beendet und warf Ralf Kaiser einen fragenden Blick zu. »Ich sagte, das wird schon wieder. Jetzt bin ich schon so alt geworden. Da bringt mich das bisschen Husten auch nicht mehr um«, versuchte der alte Herr zu scherzen, als er das Hemd zuknöpfte und sich auf den Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches setzte, an dem der Arzt inzwischen mit besorgter Miene Platz genommen hatte.

»Haben Sie mit dem Rauchen aufgehört, wie ich es Ihnen schon so oft ans Herz gelegt habe?«

»Das spielt doch in meinem Alter keine Rolle mehr. Ich rauche schon mein ganzes Leben lang, und es hat mir nichts geschadet.«

»Ihr Wort in Gottes Ohr«, seufzte Dr. Norden bekümmert und machte sich ein paar Notizen, ehe sein forschender Blick wieder auf den Patienten fiel. »Haben Sie Auswurf, wenn Sie husten müssen?«

»Manchmal schon.«

»Ist dieser Auswurf blutig?«

»Na, was Sie alles wissen wollen«, gab sich Ralf Kaiser von seiner schnodderigsten Seite. Ihm war das Verhör des Arztes lästig, und es drängte ihn zum Stammtisch, wo seine Kartenbrüder schon auf ihn warteten. »So genau schau ich mir das doch nicht an.«

Daniel Norden seufzte. Er nahm seinen Patienten nicht gerne die Sorglosigkeit, aber Kaiser ging für seinen Geschmack entschieden zu unbekümmert mit seiner Gesundheit um. »Ich muss Sie bitten, sich zu einer näheren Untersuchung in der Behnisch-Klinik einzufinden.«

»Warum das denn? Machen Sie doch kein solches Theater wegen dem Husten«, erwiderte Ralf Kaiser in wachsender Ungeduld. »Nun nehmen Sie doch Vernunft an! Der Verdacht liegt nahe, dass Sie an einem Bronchialkarzinom leiden. Alle Anzeichen sprechen dafür. Deshalb rate ich Ihnen, sich in der Klinik gründlich untersuchen zu lassen.«

»Was soll das für ein Ding sein?«

»Ein Bronchialkarzinom, im Volksmund auch Lungenkrebs genannt«, erklärte Daniel ernst. Wenn er aber damit gerechnet hatte, bei Ralf Kaiser so etwas wie Betroffenheit und damit ein Umdenken hervorzurufen, so hatte er sich gründlich geirrt.

Ein heiseres Lachen war zunächst alles, was er für seine Befürchtung erntete.

»Mein lieber Herr Doktor, Ihr Wissen in allen Ehren«, erklärte Kaiser schließlich leichthin. »Aber Sie scheinen hin und wieder ein Opfer Ihrer schlechten Erfahrungen zu werden. Lungenkrebs? Nein, ganz ausgeschlossen. Meine Familie hat eine unverwüstliche Gesundheit. Ich werde es Ihnen beweisen. Machen Sie für mich einen Termin in dieser Klinik aus. Dann werden Sie sehen, dass ich recht habe.« Kaisers Kampfgeist war geweckt, und herausfordernd blitzte er Daniel Norden an. Der dachte nicht daran zu widersprechen. Er war froh, sein Ziel erreicht zu haben, mit welchen Mitteln auch immer.

»Niemand ist froher als ich, wenn er den Beweis in Händen hält, dass Sie gesund sind. Ich rufe Sie spätestens morgen früh wegen des Termins an«, erklärte er mit einem unfrohen Lächeln. Er war sich seiner Diagnose sehr sicher und fürchtete schon jetzt den Tag, an dem auch Ralf Kaiser den unabänderlichen Tatsachen ins Auge sehen musste.

Mit blicklosen Augen und emotionsloser Miene saß Madeleine Hochmuth im Klinikbett und starrte vor sich hin. Die Welt schien sich ihr verschlossen zu haben, nichts vermochte es offenbar, zu ihr vorzudringen. Selbst als sich die Tür zu ihrem Krankenzimmer öffnete und leise wieder schloss, drehte sie nicht den Kopf. Erst als ihr Mann Lukas einen wunderschönen Strauß dunkelroter Rosen vor ihr auf das Bett legte und ihr einen sanften Kuss auf die Stirn gab, erwachte Madeleine zum Leben.

»Lukas, da bist du ja. Ich habe schon auf dich gewartet.«

»Ich bin gekommen, so schnell es ging. Es ist wie verhext. Du in der Klinik. Dazu ist momentan in der Firma die Hölle los. In der neuen Zweigstelle in Berlin geht es drunter und drüber, und wir hier in München müssen die Aufträge von oben neben unserer normalen Arbeit ebenfalls koordinieren.«

Madeleine lauschte ungerührt.

»Wie geht es dir?« fragte sie abwesend, statt auf seine Schilderung zu reagieren. »Mir geht es gut, aber das spielt jetzt ohnehin keine Rolle. Die Frage ist, wie du dich fühlst. Glaubst du, du kannst die Klinik morgen verlassen? Oder möchtest du lieber noch ein paar Tage hierbleiben?«

»Um all den glücklichen Müttern zuzusehen, die ihre Neugeborenen in ihren Bettchen den Flur auf und ab schieben? Genau dieser Anblick ist es, der mich krank macht. Ich will nicht immer an unser Unglück erinnert werden. Sonst werde ich mich niemals mit meinem Schicksal abfinden.«

»Es ist auch mein Schicksal.«

»Ach, was weißt du schon, wie es ist, das dritte Kind zu verlieren?« stieß Madeleine erbost durch die Zähne. Sie beneidete Lukas zutiefst. Strahlend und in ihren Augen ungerührt saß er an ihrem Bett, ein smarter Geschäftsmann im Anzug, der gleich in sein Leben zurückkehren würde, an dem sie nicht teilhatte. »Du gehst zur Arbeit und vergisst alles um dich herum. Aber mein Leben ist hier, ich muss mich mit der Tatsache abfinden, niemals Mutter zu sein. Ich bin es, die sich eine andere Aufgabe suchen muss.«

»Aber du hast doch deinen Job als Dekorateurin.«

»Soll das eine Lebensaufgabe sein?«

»Das wird sich zeigen. Wenn nicht, dann suchst du dir eben etwas anderes, arbeitest als Philologin. Irgendetwas wird sich schon finden.«

»Du redest dich leicht. Immerhin hast du alles, wovon du immer geträumt hast. Ein schönes Haus, eine tolle Arbeitsstelle, Erfolg und Bestätigung, eine steile Karriere.«

»Nicht zu vergessen die wunderbare Frau, die ich über alles liebe«, machte Lukas einen letzten Versuch, seine frustrierte Frau zu beruhigen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wie oft sie diese Diskussion in der Vergangenheit schon geführt hatten. Und nach jeder Fehlgeburt, die Madeleine erlitten hatte, war die Verbitterung größer geworden. »Ich weiß, wie traurig und enttäuscht du bist. Aber ich denke, es ist an der Zeit, dass du dein Leben neu ordnest. Du bist jetzt fünfunddreißig, das Thema Baby sollten wir endgültig zu den Akten legen«, erklärte er, um es ihr nicht noch schwerer zu machen. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, waren das genau die falschen Worte.

»Dir kommt das vermutlich auch noch ganz gelegen, was? Ich ahnte doch, dass dir ein Kind nur im Weg sein würde. Es passt nicht in das Leben, das du gerne führen möchtest. Zu den weiten Reisen, die du so liebst, zu deiner Arbeit, die du auf keinen Fall vernachlässigen willst«, redete sich Madeleine immer mehr in Rage. Lukas betrachtete seine Frau erschüttert. Schon oft hatte sie ihn in ihrem Schmerz beschimpft. Aber so schlimm wie diesmal war es noch nie gewesen.

»Ist das dein Ernst? Meinst du das alles so, wie du es sagst?« fragte er tonlos und zutiefst getroffen.

»Tu doch nicht so, als wäre ich nicht mehr Herrin meiner Sinne! Ich habe nur ein Kind verloren und nicht meinen Verstand. Weißt du was? Das größte Unglück, das mir passieren konnte, war, dich getroffen zu haben. Gäbe es dich nicht, hätte mein Leben eine andere Wende genommen. Ich hätte mir keine Kinder gewünscht, sondern nach dem Studium einen interessanten Beruf ergriffen.«

»Hör auf, bevor du alles kaputtmachst«, rief Lukas und hielt sich die Ohren zu.

»Ja, das willst du nicht hören, nicht wahr? So ist es aber nun mal, mein Lieber. So und nicht anders. Deshalb werde ich deine Anregung annehmen und etwas in meinem Leben ändern. Ich werde dich verlassen, damit ich endlich wieder glücklich sein kann. Hast du das gehört?« rief Madeleine und griff in ihrer Wut nach dem herrlichen Rosenstrauß, um ihn Lukas vor die Füße zu werfen. Mit einem lauten Klatschen landeten die Blumen auf dem Boden. Lukas starrte wortlos auf den Strauß zu seinen Füßen. Madeleine wartete atemlos darauf, dass er ebenso wütend und verzweifelt reagieren würde wie sie. Er sollte ihr zeigen, dass er ebenso ratlos und erschüttert war wie sie, ebenso über den Verlust des Kindes trauerte. Er sollte schreien, weinen und schimpfen wie sie. Doch Lukas tat es nicht. Ernst aber äußerlich vollkommen ruhig bückte er sich nach den Blumen, hob sie auf und ordnete sie beinahe zärtlich. Dann warf er seiner Frau einen Blick zu, den sie nicht deuten konnte.

»Ich muss jetzt zur Arbeit und melde mich später. Auf Wiedersehen, Madeleine.« Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ das Zimmer der Leitner-Klinik. Fassungslos blickte Madeleine ihm nach.

»Was bist du doch für ein eiskalter Klotz«, murmelte sie ungläubig und zutiefst verletzt. Dann begann sie zu weinen.

Wie jeden Abend versammelten sich die Mitglieder der Familie Norden um den großen Esstisch, um die Ereignisse des Tages zu besprechen. Obwohl längst nicht mehr alle fünf Kinder regelmäßig an diesem lieb gewordenen Ritual teilnehmen konnten, hielt der Rest beharrlich an der Gewohnheit fest. »Wo ist denn Danny heute?« erkundigte sich Daniel, der in seinem angespannten Alltag nicht immer auf dem laufenden war. »Der ist bestimmt wieder mit diesem Teenie unterwegs«, lästerte Felix mit einem spöttischen Grinsen über seinen älteren Bruder. Wie in den meisten Familien liebten sich die Geschwister Norden heiß und innig und hielten zusammen wie Pech und Schwefel, wenn Not am Mann war. In der übrigen Zeit konnte es sich allerdings keiner der fünf verkneifen, abfällige Kommentare über den anderen loszuwerden, wann immer sich eine passende Gelegenheit ergab.

»Ich fand Jasmina eigentlich ganz nett«, verteidigte die sanfte Anneka Danny zurückhaltend. »Weil du fast so alt bist wie sie. Kleine Mädchen untereinander verstehen sich doch immer gut.«

»Jetzt ist aber Schluss, Felix«, machte Felicitas den Streitereien ihrer Kinder ein Ende. »Warum gehst du so hart mit deinem Bruder ins Gericht?«

»Vielleicht ist er eifersüchtig«, mischte sich der viel jüngere Jan mit altklugem Grinsen in das Gespräch ein. »Ich hab doch gesehen, wie er Jasmina immer angeschaut hat.«

Dieser Kommentar verfehlte seine Wirkung nicht.

»Halt die Klappe, du kleines Kind. Du hast doch gar keine Ahnung«, fauchte Felix wütend und versuchte, Janni einen Knuff zu versetzen. Doch der war auf den Angriff des großen Bruders wohl vorbereitet und wich geschickt aus, sodass Felix’ Schlag ins Leere ging.

»Soweit ich informiert bin, hat sich dieses Problem sowieso erledigt. Danny hat mir neulich erklärt, dass Jasmina und er nur noch gute Freunde sind«, erklärte Fee beschwichtigend.

»Ich dachte mir gleich, dass diese Geschichte nicht von Dauer ist«, nickte Daniel und bediente sich von dem köstlich duftenden Nudelauflauf, den die treu sorgende Lenni gerade aufgetragen hatte. »Sie sind eine wahre Zauberin, Lenni. Woher haben Sie nur immer diese sensationellen Rezepte?« Die Haushälterin lachte geschmeichelt.

»Aber Herr Doktor, diesen Auflauf hab ich doch schon mindestens hundertmal gemacht.«

»Mag sein, deshalb weiß ich ja, dass er mir so gut schmeckt.«

»Sie machen sich über mich lustig.«

»Das würde ich mir niemals erlauben.«

»Außerdem ist der Auflauf diesmal besonders gut, weil ich die Sahne und die Eier gerührt habe. Und den Schinken hab ich auch geschnitten«, erklärte Dési, die Zwillingsschwester von Jan, mit stolzgeschwellter Brust. Sie war froh, endlich auch einen Gesprächsbeitrag liefern zu können. Die Mädchengeschichten ihrer Brüder waren ihr entschieden zu langweilig. »Und ich hab den Salat angemacht«, lächelte Anneka, sichtlich zufrieden mit ihrem Werk.

»Wenn das so weitergeht, werde ich hier bald nicht mehr gebraucht. Dann muss ich mir eine andere Stelle suchen«, gab Lenni halb im Spaß, halb ernst zurück. »Bei so fleißigen, wohlgeratenen Kindern.«

»Das will ich nicht gehört haben«, widersprach Daniel entschieden. Lenni lächelte und rieb sich verlegen die Hände. Hin und wieder hatte sie sich schon Gedanken darüber gemacht, wie es um ihre Zukunft in dem Arzthaushalt bestellt sein würde, wenn die Kinder einmal groß und selbstständig genug waren und keiner besonderen Aufsicht mehr bedurften. Bisher hatte sie es nicht gewagt, dieses Thema anzusprechen. Doch die Gelegenheit war günstig an diesem Abend, und nun war ihre große Sorge ausgesprochen. Felicitas musterte Lenni betroffen.

»Sie denken nicht ernsthaft darüber nach, uns zu verlassen?« rief sie erschrocken.

»Aber nein. Ich dachte nur, wenn Sie mich nicht mehr brauchen …«.

»Du bist doch unsere Lenni und gehörst zur Familie«, riefen die Zwillinge durcheinander und sprangen auf, um sich fest an ihre Schürze zu schmiegen. Gerührt strich sie mit ihren rauen Händen über die Köpfe der Kinder. Etwas zurückhaltender bekundeten Anneka und Felix ihren Unmut. Schließlich waren sie schon erwachsener und benahmen sich nicht mehr so kindisch wie die beiden Kleinen. »Was sollten wir denn ohne Sie tun, liebste Lenni? Die Kinder werden nicht so schnell aus dem Haus sein. Und wer weiß, vielleicht schneien uns bald die ersten Enkelkinder ins Haus. Das geht manchmal schneller als man denkt«, erwiderte Daniel Norden unbekümmert und gab dem Gespräch damit eine leichte Wendung. In Lennis Augen standen Tränen der Rührung, als sie die Zwillinge leise aber bestimmt wieder an ihren Platz zurückschickte. Schon schämte sie sich, dass sie solche Gedanken hatte hegen können. Es war das Beispiel ihres Bekannten Ralf König gewesen, das sie verstimmt hatte. Sein ganzes Leben lang fleißig und ehrbar, wurde er im Alter von niemandem mehr gebraucht und fristete sein Dasein alleine in einer kleinen Wohnung. Die Stammtischbrüder schienen seine einzige Ablenkung zu sein, während seine Kinder ihr eigenes Leben lebten. Ihr Schicksal schien jedoch ein anderes zu sein, und Lenni lächelte beruhigt.

»Ja, wenn das so ist, dann gehe ich mal wieder in die Küche«, erklärte sie rasch und verließ mit schnellen Schritten das Eßzimmer. Alle Blicke folgten ihr.

»Was hat sie denn?« Es war Felix, der die Frage laut aussprach, die allen Kindern auf der Seele brannte.

»Vielleicht haben wir ihre Leistungen hier im Haus in letzter Zeit nicht mehr so aufmerksam gewürdigt«, erklärte Fee betroffen. »Dabei brauche ich Lenni immer noch so dringend wie früher. Wir sollten sie öfter spüren lassen, wie sehr sie uns am Herzen liegt. Wie wichtig sie ist.«

»Und nicht nur das. Es ist ja auch so, dass Lenni inzwischen zur Familie gehört. Nach allem, was wir miteinander durchgestanden haben«, gab Daniel ernsthaft zu bedenken.

»Gleich morgen in der Schule bastele ich ihr ein schönes Geschenk.«