Im Sog der Zersetzung - H. Dieter Neumann - E-Book

Im Sog der Zersetzung E-Book

H. Dieter Neumann

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Beschreibung

Ein außergewöhnliches Buch – aufwühlender Roman und packender Politthriller zugleich. Zermürbt von gefährlichen Einsätzen als Kriegsreporter in aller Welt, kündigt Carlo Reinardy den Job. Kurz darauf erkrankt seine junge Frau schwer und stirbt wenig später. Völlig am Boden zerstört, zieht Carlo einen radikalen Schlussstrich unter seine bisherige Existenz und flüchtet auf seinem Segelboot in die Einsamkeit einer schwedischen Felseninsel hoch im Norden. Eines Tages erreicht ihn dort jedoch ein beunruhigender Anruf, der ihn mit Wucht zurück ins Leben und zwischen die Fronten des hybriden Krieges zwingt, den der Kreml gegen den Westen führt. Dabei deckt er eine gigantische mediale Zersetzungskampagne auf, in die auch hochrangige westliche Politiker verstrickt sind, und gerät so in tödliche Gefahr. Vom Altmeister der ambitionierten Spannungsliteratur aus dem Norden: topaktuell, brisant und ungeschminkt. „Es ist Neumanns Verdienst, dem politischen Thriller neue Perspektiven zu verleihen.“ Ekkehard P. Langner, literaturkritik.de

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Angaben nach GPSR:

www.engelsdorfer-verlag.de

Engelsdorfer Verlag Inh. Tino Hemmann

Schongauerstraße 25

04328 Leipzig

E-Mail: [email protected]

ISBN 978-3-69095-972-8

Copyright (2026) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Lektorat: Dr. Jens-Uwe von Rohden

Titelbild © Ariestia [Adobe Stock]

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

H. Dieter Neumann

ImSog derZersetzung

Thriller

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2026

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Süd-Idlib, Syrien, 29. Januar 2020

Kapitel 1

April 2024

Kapitel 2

Kapitel 3

März 2020

Kapitel 4

April 2024

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Juni 2020

Kapitel 9

April 2024

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

September 2020

Kapitel 13

April 2024

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

August 2021

Kapitel 17

April 2024

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Februar 2022

Kapitel 21

April 2024

Kapitel 22

Kapitel 23

Mai 2022

Kapitel 24

April 2024

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Epilog

Samstag, 11. Mai 2024

Randnotizen und Dank

© privat

H. Dieter Neumann war Offizier in der Luftwaffe der Bundeswehr. Nach seinem Ausscheiden als Oberstleutnant d.R. arbeitete der Dipl. Finanzökonom in der Versicherungswirtschaft und wurde später Geschäftsführer in einem mittelständischen Unternehmen. Mit sechzig erfüllte er sich seinen Lebenstraum, studierte einige Semester Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und verlegte sich ganz aufs Schreiben.

Außer bisher dreizehn Kriminalromanen und Thrillern hat Neumann einen Band mit Erzählungen und fünf Sachbücher veröffentlicht. 2018 wurde er mit dem Jurypreis (1. Platz) des NordMordAward ausgezeichnet.

Der passionierte Segler ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und lebt in der Nähe von Flensburg auf dem Land.

In memoriam

Anna Stepanowna Politkowskaja

(Russisch-amerikanische Journalistin und kremlkritische Menschenrechtsaktivistin, geb. 30.8.1958, ermordet durch mehrere Schüsse am 7.10.2006 in ihrem Wohnhaus in der Moskauer Lesnaja-Straße.)

Wahrheit ist wehrhaft!

„Dieses ständige Lügen zielt nicht darauf ab, dass die Menschen eine Lüge glauben, sondern darauf, dass niemand mehr etwas glaubt. Ein Volk, das nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden kann, kann nicht mehr zwischen Recht und Unrecht unterscheiden. Und ein solches Volk, der Fähigkeit zu denken und zu urteilen beraubt, ist, ohne es zu wissen und zu wollen, völlig der Herrschaft der Lüge unterworfen. Mit solch einem Volk kann man machen, was man will.“

Hannah Arendt (aus: Adelbert Reif (Hrsg.): Gespräche mit Hannah Arendt, Piper, [Serie Piper], München 1976)

„Zersetzung ist ein zentraler Bestandteil der hybriden Kriegsführung, die darauf abzielt, die innere Stabilität und die Handlungsfähigkeit eines Zielstaates zu beeinträchtigen, ohne dass offene militärische Aktionen erforderlich sind.“

(Wikipedia)

Prolog

Süd-Idlib, Syrien, 29. Januar 2020

Ein gewaltiger Schlag lässt das Gebäude bis ins Fundament erzittern. Nicht einmal eine Sekunde später folgt das markerschütternde Kreischen des Sprengkörpers, der sich über ihnen von oben nach unten durch die Stockwerke frisst. Das tödliche Singen der Rakete kommt näher und näher, begleitet von schrillen Angstschreien aus ungezählten Kehlen, scheint nur noch eine Etage über ihnen zu sein, hört urplötzlich auf.

Nur für einen Atemzug. Dann folgt die Detonation.

Teile der Kellerdecke stürzen herab, Trümmer fliegen herum.

Infernalisches Gebrüll, Männer-, Frauen- und Kinderstimmen. Der Raum füllt sich mit stinkenden dunklen Rauchschwaden. Für einen kurzen Moment noch dringt etwas Licht durch die Schwärze, dann flackern die Neonröhren an der Decke ein letztes Mal auf und erlöschen.

Totale Finsternis. Schwerer, brandiger Geruch, der sich ätzend auf die Lunge legt.

„Oh Gott, wir sind verloren!“, bricht es in gellendem Falsett auf Arabisch aus der verkrümmten Gestalt heraus, die neben ihm auf dem Steinfußboden liegt. Die Worte dringen nur schwach zu ihm durch, wie von weit herkommend. Die Explosion hat ihn fast taub gemacht.

Jemand stößt ihn an, der schwache Schein einer Taschenlampe huscht über sein Gesicht. Der Mann mit der Leuchte sagt etwas auf Englisch, das er nicht versteht. Er schüttelt den Kopf.

Der Mann beugt sich zu ihm herunter. „Los, los! Komm, Carlo, wir müssen sofort raus hier!“

Sammys Stimme. Sammy ist sein Kameramann, ein Australier und ein wahrer Meister seines Fachs, mehrmals mit internationalen Preisen für seine Arbeit ausgezeichnet. Mit ihm hat er schon damals in Srebrenica zusammengearbeitet.

Vor ein paar Minuten erst haben sie beide in diesem Keller des Ma’arat Al Numanam-Hospitals Schutz gesucht, als die russischen Jagdbomber ihren Luftangriff flogen.

Sammy zerrt ihn hoch. „Bist du verletzt?“

Carlo schüttelt den Kopf. „Glaub nicht. Bloß fast taub.“

„Dann komm. Wird höchste Zeit, dass wir uns aus dem Staub machen. Da hinten ist ein Treppenaufgang. Hoffentlich ist er nicht voller Trümmer.“

Der Raum ist erfüllt von den Schmerzensschreien der Menschen. Darunter auch wieder die hohe Stimme des Syrers, laut zwar, doch mit unverständlichen Worten. Ein einziges hilfloses Jammern, in dem immer wieder Allah vorkommt. Ein verzweifeltes Gebet wohl.

Vielleicht hilft es ihm, denkt Carlo und bemüht sich, die aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken.

Er kann es immer noch nicht fassen:

Sie haben wahrhaftig ein Krankenhaus zerstört!

Letzte Zuflucht für die geschundenen Menschen, auf allen Dachflächen über und über mit roten Halbmonden bemalt, zur Sicherheit sogar noch ein paar große Rotkreuz-Flaggen an der Hauswand – und dennoch haben sie es gezielt angegriffen, haben ihre Luft-Boden-Raketen auf das einzige noch halbwegs intakte Hospital in der gesamten Provinz Idlib abgeschossen.

Eiskalte Wut packt ihn. „Ist deine Kamera okay, Sammy?“

„Ja, klar. Bisschen staubig, aber sonst ist ihr nichts passiert.“

„Bevor wir hier runter in den Keller …“ Ein plötzlicher Hustenanfall packt, schüttelt ihn. „Ich meine …“, keucht er, „hast du die russische Su-24 im Kasten, die die Raketen abgeschossen hat?“

„Hab ich – den kompletten Luftangriff“, brüllt Sammy ihm ins Ohr und lacht gequält auf. „Wenn das deine größte Sorge ist, scheint es dir ja noch ganz gut zu gehen.“

„Mir geht’s beschissen“, gibt Carlo unwirsch zurück und tastet mit den Fingern nach einer Stelle in seinem Nacken, wo sich ein brennender Schmerz bemerkbar macht, wundert sich, dass seine Hand zittert. Der Kragen seines Hemdes fühlt sich nass an. „Leuchte mal hierher“, fordert er Sammy auf.

Erstaunt erkennt er im Licht der Taschenlampe das Blut, das an seinen bebenden Fingern klebt, hält die andere Hand ins Licht. Auch die zittert heftig.

„Holy shit“, stößt der Australier aus, als er die Wunde unterhalb des Haaransatzes entdeckt. „Lass mich mal gucken. Da hat dich irgendwas getroffen. Blutet ziemlich stark, scheint aber nicht sehr tief zu sein. Hast du Schmerzen? Du zitterst ja am ganzen Körper.“

Unwirsch schüttelt Carlo den Kopf. „Das ist nichts – geht gleich vorbei. Die Wunde können wir später verbinden. Der Sanitätskasten ist im Auto.“

„Falls die Karre nicht auch in die Luft geflogen ist.“

„Das werden wir ja sehen“, sagt Carlo, steht auf und wischt sich die Hand an seiner Cargohose ab. „Erst einmal müssen wir hier raus und unsere Arbeit machen.“

„Was soll das heißen?“, fragt der Kameramann entgeistert. „Arbeit? Was für eine Arbeit? Wir müssen jetzt vor allem unseren Arsch retten. Wer weiß, wann die Scheißrussen den nächsten Angriff fliegen. Auf keinen Fall will ich …“ Er leuchtet seinem Kollegen kurz ins Gesicht, in die Augen. Erschrickt, fährt zusammen und verstummt.

„Völlig egal, was du willst oder nicht, Sammy. Wir sind hier erst fertig, wenn wir das Material für die Reportage über dieses zerstörte Hospital im Kasten haben.“

Carlos Stimme erstickt jeglichen Widerspruch auf der Stelle.

Am späten Abend sitzen sie in der schwarz-weiß gefliesten Lobby des Hotels Baron in rissigen, speckigen Ledersesseln und trinken Gin. Der altehrwürdige, heruntergekommene Kasten liegt mitten in der verwüsteten Altstadt von Aleppo und ist ein Hotspot für Journalisten aus aller Welt. An der langen Theke mit den fleckigen Messingbeschlägen hat einst schon Lawrence von Arabien seinen Gin getrunken.

Die Bar ist voll belegt, aber das Foyer füllt sich immer noch mit Fernseh- und Zeitungsleuten, mit Informationshändlern und Geschäftemachern aller Art in hellen, durchgeschwitzten Sommeranzügen. Und natürlich mit Huren jeder Alters- und Preisklasse. Der Lärm, das Gegröle sind unbeschreiblich, die müde quietschenden Ventilatoren an der Decke rühren tapfer den dicken Zigarettenqualm durch, und alle saufen, als gäbe es kein Morgen. Hin und wieder verschwindet eine der Damen mit einem Begleiter über die mächtige Marmortreppe mit den ausgetretenen Stufen hinauf in die oberen Stockwerke. Der Aufzug ist natürlich außer Betrieb. Die antike Mechanik hat vor den dauernden Erschütterungen durch allzu viele Explosionen längst kapituliert.

„Immer wieder schön, nach Hause zu kommen“, sagt der Australier, grinst und stürzt seinen Drink hinunter. „Willst du auch noch einen?“

Carlo schüttelt den Kopf, vorsichtig.

Fast drei Stunden haben sie auf den völlig verstopften Landstraßen für die fünfzig Kilometer nach Aleppo gebraucht, mussten immer wieder Umwege fahren, wenn Bombenkrater vor ihnen auftauchten. In einem südlichen Vorort der Stadt haben sie eine Sanitätsstation gefunden, in der seine Wunde gereinigt, desinfiziert und mit einigermaßen sauber ausgewaschenen alten Mullbinden verbunden wurde – selbstverständlich erst, nachdem er einem finster dreinblickenden Bärtigen ein paar Scheine in die Brusttasche seines blutverschmierten Kittels gesteckt hatte.

Der Kopfschmerz, der auf der Fahrt immer heftiger geworden ist, hat nachgelassen, ist nun, nach den drei großen Gin Tonic, sogar erträglich. Auch das Zittern kommt nur noch gedämpft.

Ein schwaches, wenngleich stetiges Beben im gesamten Körper.

Die letzten Stunden hat er mit Sammy oben in seinem Zimmer zusammengehockt, die Reportage geschnitten. Genau sechseinhalb Minuten lang ist sie geworden. Vorhin hat er sie als E-Mail an die Redaktion abgeschickt. Mit einem einzigen Satz als Begleitnotiz: Keine Musik unterlegen!

Sechseinhalb Minuten Grauen – das gänzlich Unzumutbare, das Unzeigbare schon herausgeschnitten. Der Rest schlimm genug, eigentlich unerträglich, von Carlo stets nüchtern, aber schonungslos kommentiert:

Die oberen Stockwerke des Hospitals in Trümmern, aufgerissene Wände, durch die man auf verbogene, einst weiße Bettgestelle mit wirren Knäueln aus verschmorten Matratzenfedern und rauchendem Bettzeug blickt, darauf und daneben verbrannte, grotesk verkrümmte, manchmal noch qualmende Leiber. Hilflose Menschen, viele blutend, irren planlos umher. Ein junger Arzt in blutverschmiertem Kittel taucht unvermittelt mitten in dem Chaos auf, taumelt auf die Kamera zu. Leere Augen. Kein Wort scheint der Mann zu verstehen von dem, was Carlo ihn fragt, winkt ab, stammelt etwas Unverständliches, verschwindet hastig hinter einem Mauerrest. Überall Leichenteile, dazwischen Überlebende, die irre Laute ausstoßen. Eine rasende Kakophonie weht durch die flimmernd heiße Luft, markerschütterndes Wehklagen überall, dazwischen immer wieder die verzweifelten Schreie von Kindern, schließlich das Sirenengeheul der herannahenden Rettungsfahrzeuge.

Mit ihrem Eintreffen endet die Reportage.

Mehr Filmmaterial gibt es nicht, weil Carlo vor Ort an dieser Stelle abgebrochen hat. „Ende – aus! Wir machen hier Schluss“, hat er gesagt und starr auf die rauchenden Trümmer geblickt.

„Aber wieso, zum Teufel?“, hat sich sein Kameramann beschwert. „Wir sollten nun auch noch filmen, wie sie mit der Lage umgehen.“

„Mach, was du willst.“ Seine zitternden Hände zu Fäusten geballt, wandte Carlo sich um und ging los. „Mir reicht’s. Ich fahre zurück ins Hotel.“

Sammy ist hinter ihm hergetrottet, hat sich nicht getraut, das Schweigen zu brechen. Die gesamte Rückfahrt nicht.

Jetzt sitzt er Carlo gegenüber und starrt ihn an. Schließlich wagt er sich vor: „Also, nun sag mir doch mal, was da draußen los war. Ich meine, warum hast du auf einmal abgebrochen? Wir hätten doch eigentlich noch …“

Der stechende Kopfschmerz ist plötzlich wieder zurück, und Carlos Hand zittert stark, als er sie hebt und den Kameramann damit zum Schweigen bringt. „Ich musste einfach Schluss machen.“

„Mitten im Dreh?“

„Genug ist genug.“ Er zuckt müde mit den Schultern. „Lass gut sein, Sammy. Für mich geht’s nach Hause, sobald ich einen Flug kriege.“

„Und dann?“

„Ist Schluss.“

„Wie – Schluss?“

„Schluss eben.“ Carlo atmet hörbar durch, erschrickt, dass es beinahe wie ein Schluchzen klingt, räuspert sich und sagt: „Sieh’ mich doch bloß an!“ Mit beiden Händen packt er die Tischplatte so fest, dass die Knöchel weiß werden. „Kosovo, Afghanistan, Libyen, Mali … und jetzt das hier. Sorry, alter Freund, es geht nicht mehr.“

Er steht auf.

„Das war’s“, sagt er und geht.

1

April 2024

Der einzigartige Geruch an dieser Küste – unter Tausenden hätte er ihn erkannt und sofort zu bestimmen gewusst. Frische, salzige Meeresluft mit einem würzigen Hauch von Baumharz. So roch nur der Schärengarten von Bohuslän hoch oben im Skagerrak mit seinen unzähligen Felseninseln überall im glasklaren Wasser. Über achttausend waren es bis hinauf zur norwegischen Grenze – große und winzig kleine, schartige und glattgeschliffene, bemooste und sogar bewaldete, auf denen sich knorrige Krüppelkiefern festkrallten und windzerzaust jedes Jahr aufs Neue in langen eisigen Monaten allen Stürmen trotzten.

Besonders würzig war der unverkennbare Duft jetzt zu dieser Jahreszeit, wenn die tief über dem Meer stehende Sonne anzeigte, dass der Winter noch nicht lange vorüber war.

Ganz still stand Carlo, blickte zwischen den Felseninseln in der Bucht hindurch aufs offene Meer und weiter bis zum Horizont. Schmiegte sich in das Bild, den Geruch, die Stille des Augenblicks, spürte eine Ahnung von Hochstimmung. Ein Vorbeihuschen von etwas Kostbarem, Unwiederbringlichem, als wäre er dem Glück nahe, könnte es tatsächlich empfinden, für einen winzigen Moment nur.

Doch er konnte es nicht festhalten. Wieder nicht.

Ernüchtert kletterte er in das voll beladene Schlauchboot und setzte sich auf den hinteren Wulst. Es gelang ihm kaum, seine langen Beine so zu sortieren, dass sie zwischen all den Kartons Platz fanden. Mit einem heftigen Stoß drückte er das Boot vom Steg ab und drehte mit der anderen Hand den Gasgriff am Außenborder auf. Schwankend setzte sich das winzige Gefährt in Bewegung, und Carlo warf über die Schulter einen Blick zum Kai, wo der Junge aus dem Supermarkt feixend neben dem Lieferwagen stand, mit dem sie die Lebensmittel hierhergebracht hatten.

„Pass auf, dass du nicht absäufst!“, rief er ihm auf Englisch hinterher. „Vielleicht wärst du besser zweimal gefahren.“

Carlo zuckte betont lässig mit den Schultern und drehte den Gashahn noch ein Stück weiter auf, merkte jedoch sofort, dass das keine gute Idee war. Der Junge hatte ganz recht: Das überladene Dinghi hob seinen Bug keinen Zentimeter höher aus dem Wasser, stattdessen stieg ein Schwall Wasser über die vordere Wulst ein, überspülte sofort den gesamten Gummiboden und lief über seine Sneakers. Im Nu waren Schuhe und Socken durchnässt.

Leise fluchend nahm er Gas zurück und warf einen Blick auf die vor ihm aufgestapelte Fracht. Schuhe und Socken konnte er wechseln, aber hoffentlich wurden die Kartons nicht zu nass. Den Wasserflasehen, den Bier- und Konservendosen machte das zwar ebenso wenig aus wie den laminierten Saftkartons. Aber er hatte auch frische Kartoffeln, Obst und Gemüse gekauft. Wenn all das jetzt in Seewasser schwamm …

Selbst schuld! Er stieß ein unwilliges Schnaufen aus. Hoffentlich kam er noch hinüber auf die Schäre, bevor die Nässe die ganze Ladung durchweicht hatte.

Der Lärm des kleinen Außenborders zerschnitt die Stille rundum mit dem aufdringlichen Klang einer Kreissäge, während Carlo das Gummiboot in gemessenem Abstand um eine Gruppe schroffer Granitfelsen herumlenkte, die voraus aus dem Wasser ragte. Erschreckt flogen ein paar mächtige Mantelmöwen auf, erfüllten den Himmel mit ihrem aggressiven Kreischen und begleiteten die schwankende Fuhre mit abenteuerlichen Kunstflugmanövern.

Eine knappe halbe Stunde später kam der Steg in Sicht, und, an ihm vertäut, die Jonna. Vor zwei Wochen hatte er sie aus Fjällbacka geholt, wo sie in der Halle einer kleinen Bootswerft warm und trocken im Winterlager gestanden hatte.

Gleich, nachdem er im vergangenen Herbst eine winterfeste Hütte im schwedischen Schärengarten gefunden hatte, die er bis zum Frühling mieten konnte, hatte er sich im Internet nach einem Hallenplatz für die Jonna umgesehen. In dem Küstenstädtchen, das etwas südlich drüben auf dem Festland lag, war er fündig geworden. Direkt neben dem Sportboothafen von Fjällbacka konnte er die Yacht über den Winter in eine geheizte Halle stellen.

Als endlich der Frühling nahte, hatte er mit der Werft abgesprochen, wann er sein Boot wieder abholen konnte, und als er schließlich dort eintraf, war es schon an einen Steg in den Hafen gelegt worden. Der Mast war gestellt, Wanten und Stagen montiert und die Segel angeschlagen. Auch eine Inspektion des Motors hatte er in Auftrag gegeben, konnte somit gleich an Bord gehen und ablegen.

Zurück zu ‚seiner’ Schäre waren es nur vierzig Seemeilen, bei Wind aus Südwest mit vier bis fünf Beaufort gerade mal ein halber Segeltag mit der Jonna, einer nicht mehr ganz neuen, aber schnellen dreizehn Meter langen X-Yacht. Schon am Nachmittag hatte Carlo das Schiff wieder an dem stabilen Holzsteg festmachen können.

Dort lag sie nun und gab in der Abendsonne ein prächtiges Bild ab. Carlo nahm Fahrt aus dem Dinghi und betrachtete versonnen den dunkelblauen Rumpf mit den drei typischen weißen Streifen knapp oberhalb der Wasserlinie, dem flachen Kajütaufbau und dem hohen, schlanken Mast.

Sein Zuhause. Nun schon fast zwei Jahre lang.

Ein paar hundert Meter landeinwärts – von hier nicht zu sehen – stand die Hütte, die er über den Winter gemietet hatte. Dort hatte er die dunklen Monate verdämmert. Gelesen, Holz gehackt, gekocht, geschlafen, am Kaminfeuer gesessen, nachgedacht, geweint.

Halbherzig bemüht, irgendwie weiterzuleben.

Die Vorräte waren in Kombüsenschapps und Backskisten verstaut, das Dinghi an Deck festgelascht, und der kleine Außenborder klemmte wieder fest an seinem Brett am Heckkorb.

Natürlich hatte Carlo im Supermarkt nur das Nötigste erstanden, zum Beispiel außer zwei Paletten Bier keinen Alkohol. Hochprozentiges trank er sowieso selten, aber selbst Wein, den er viel lieber mochte als Bier, kostete in Schweden ein Vermögen. So hatte sein Einkauf sich auf das beschränkt, was er vermutlich in den nächsten ein, zwei Wochen wirklich brauchen würde. Sobald er aber auf seinem Weg in den Süden in Kiel angekommen wäre, um in den Nord-Ostsee-Kanal einzulaufen, würde er die lange Liste abarbeiten, die auf dem Kartentisch lag, und alles bunkern, was darauf notiert war. Die Reise ins Mittelmeer war lang, selbst mit einem so sportlichen Segelschiff.

Mehr als zweitausend Seemeilen allein bis Gibraltar.

Er freute sich auf den Törn, auf all die Segeltage. Wenn es eine Fortbewegungsart gab, auf die der Spruch ‚Der Weg ist das Ziel’ zutraf, dann war das zweifellos das Segeln. Wobei er sich durchaus auch etwas vom Ende dieser Reise versprach. Immerhin wusste er nach einem halben Jahr Winter im Skagerrak: Er wollte in die Sonne! Nicht in die sengende, brennende. Die würde er meiden, wo immer es möglich war. Seine Sehnsucht galt jener mediterranen Wärme, die sanft durch und durch ging, mit etwas Glück nicht nur körperlich wohlig.

Den Versuch ist es jedenfalls wert, dachte er, als er nun in der Abenddämmerung an Deck stand, dem leisen Plätschern des Wassers an der Bordwand unter sich lauschte und den Blick vom Steg hinüber auf die Schäre gehen ließ, die seit dem letzten Oktober seine Zuflucht gewesen war.

Im Winter waren die Tage hier oben kurz, doch jetzt, Ende April, war es schon länger als dreizehn Stunden hell. Die warme Jahreszeit im Norden war kurz, aber voller Kraft. Kaum war der Frühling da, hatte sich das Braun des Teppichs aus Moosen, Kräutern und anderen Bodendeckern, die an vielen Stellen der Schären dicht an dicht auf dem felsigen Grund wuchsen, rasch zu sattem Grün gewandelt. Dazwischen wuchsen die Gänseblümchen um die Wette miteinander, und die ersten Schlüsselblumen leuchteten in zartem Gelb.

Weit hinter der letzten Schäre, nahe am Horizont, herrschte reger Verkehr im Skagerrak. Carlo erkannte drei Containerriesen, dazwischen ein Kriegsschiff, nach Größe und Aufbauten vermutlich ein Zerstörer, und ein Passagierschiff, das vor der untergehenden Sonne nach Norden fuhr – vielleicht die Fähre von Kiel nach Oslo?

Über allem spannte sich der nordische Abendhimmel in seinen magischen Farbtönen, die auf Fotos immer irgendwie kitschig, wie nachträglich bearbeitet wirkten. Unermüdlich flogen einige Seeschwalben hin und her, offenbar mit dem Nestbau beschäftigt, und stießen dabei ihre kräftigen krächzenden Schreie aus.

Ein leichtes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als er das ganze Bild in sich aufnahm.

Wieder ein Winter vorbei.

Und er hatte ihn überlebt.

Langsam hob er seine linke Hand und blickte versonnen auf den breiten weißgoldenen Doppelring. Sie hatten ihre Eheringe immer auf dem linken Ringfinger getragen. Nach Jonnas Tod hatte er ihren weiten und mit dem seinen zusammenlöten lassen.

Scheu, als werde er beobachtet, führte er den Ring kurz an seine Lippen und sprang dann hinunter auf den Steg. Er wollte noch kurz die Festmacherleinen überprüfen, bevor er sich auf den Weg zur Hütte machte.

Plötzlich meldete sich sein Handy. Das Display zeigte eine Mobilfunknummer mit dänischer Vorwahl.

Was ihn, der schon auf der halben Welt Erfahrungen mit Mobilfunk gesammelt hatte, immer wieder faszinierte, war die Netzabdeckung in Skandinavien. Selbst hier draußen in der Abgeschiedenheit des nordwestlichen Schärengartens vor der Küste Schwedisch Lapplands hatte man einen ausgezeichneten Handyempfang.

Kurz überlegte er, ob er das Gespräch annehmen sollte. Über den Winter hatte er kaum jemals telefoniert, fast ausschließlich per E-Mail kommuniziert. Überhaupt hatte er in den letzten Jahren wenige persönliche Gespräche geführt. Aber die unbekannte dänische Nummer machte ihn neugierig.

„Fine spricht hier, hallo“, sprudelte eine aufgeregte Stimme heraus, nachdem er sich mit einem kühlen „Hello?“ gemeldet hatte. „Fine Jeppesen, die Partnerin von Jesper Nilsson …, äh, ich spreche doch mit Carlo Reinardy, oder?“, fragte sie auf Deutsch mit starkem dänischen Akzent.

„Fine?“ Carlo war überrascht. Rasch überlegte er, wann er zuletzt mit der Lebensgefährtin seines ehemaligen Kollegen Kontakt gehabt hatte. Es hatte nämlich eine Zeit gegeben, da waren Jesper und Fine gute Bekannte, fast Freunde gewesen. Für ihn, aber auch für Jonna. Sogar einen oder zwei Besuche bei ihnen in Aarhus hatten sie gemacht.

In jenem früheren Leben.

Und dann fiel es ihm wieder ein: Natürlich: Fine und Jesper waren damals sogar zu Jonnas Urnenbestattung nach Hamburg gekommen.

„Ich bin ja so froh, dass du noch immer deine alte Mobilnummer hast“, sagte Fine. „Wo bist du eigentlich? Und was machst du? Äh, sorry, geht mich eigentlich ja gar nichts an …“

„Kein Problem“, erwiderte Carlo und erzählte es ihr. „Ich muss nur noch ein paar Sachen aus der Hütte an Bord bringen und das Boot startklar machen, aber spätestens in drei Tagen will ich die Leinen loswerfen“, schloss er. „Auf in den Süden, ins Mittelmeer.“

Sie schwieg. Außer einem leisen Rauschen im Hintergrund hörte er nichts.

„Hör mal, Fine, du rufst mich doch nicht einfach mal an, weil es dir gerade in den Kopf kommt – nach so langer Zeit. Was ist denn los? Warum sagst du auf einmal nichts mehr?“

„Jesper ist tot, Carlo“, brach es aus ihr heraus und sie begann, haltlos zu schluchzen. Was sie noch sagte, war nahezu unverständlich.

Carlo spürte eine tiefe Traurigkeit in sich aufsteigen, als ihm bewusst wurde, was er da gerade gehört hatte.

Jesper, alter Kumpel!

Sofort erschienen Bilder aus gemeinsam verbrachten Tagen in seinem Kopf, und er warf einen verstohlenen Blick auf seine Hand. Das Zittern – da war es wieder. Ganz leicht nur, aber nicht zu ignorieren.

Rasch kletterte er über die Reling zurück an Deck, setzte sich auf die Bank im Cockpit und hörte Fine erst einmal weiter zu. Nach und nach ebbte ihr Weinkrampf ab, und ihre Worte wurden verständlicher. Einige Minuten und ein paar Nachfragen später konnte sich Carlo schließlich ein grobes Bild von dem machen, was passiert war.

Jesper Nilsson hatte an einem Journalistenkongress in Hamburg teilgenommen und war vorgestern in den frühen Morgenstunden tot hinter seinem Hotel aufgefunden worden. Es sah danach aus, dass er vom Balkon seines Zimmers im vierten Stockwerk in die Tiefe gestürzt war. Die ersten Ermittlungen hatten ergeben, dass er eine schwere Schädelverletzung und einen Halswirbelbruch erlitten hatte. Die Polizei gehe von einem Unfall aus, berichtete Fine, da man in Jespers Blut eine hohe Alkoholkonzentration gefunden hatte.

Carlo drehte sich der Magen um. Welch ein schreckliches Ende, wenngleich es ihm nicht gänzlich unglaubwürdig erschien. Solange er Jesper kannte, hatte dieser gegen seine Alkoholsucht ankämpfen müssen. Und diesen Kampf leider allzu oft verloren, was schließlich sogar zu seiner Kündigung bei Associated Press geführt hatte. Darauf folgten immer neue Entziehungskuren, dazwischen auch längere trockene Phasen, in denen Jesper als der brillante investigative Journalist, der er ohne Zweifel war, freiberuflich für viele Agenturen und Magazine gearbeitet hatte. Bis er erneut einen Rückfall erlitt.

„Aber das kann alles nicht stimmen, was sie behaupten!“, hörte er Fine jetzt sagen. „Er war trocken, Carlo, seit eineinhalb Jahren schon war er trocken!“ Fast schrie sie es heraus. „Diesmal hatte er es geschafft. Wir haben sogar …, wir waren so …“ Ein neuer Weinkrampf schüttelte sie, und der Rest ihres Satzes war nicht mehr zu verstehen.

Fast hätte Carlo bitter aufgelacht, wäre es nicht so traurig gewesen. Wie sehr hatten er und Jonna damals Fine für ihre unverbrüchliche Liebe zu Jesper bewundert, für ihre schier übermenschliche Kraft, ein Leben an der Seite dieses ebenso begabten wie kranken Mannes zu führen. Vielleicht gehörte ja dazu, dass sie sich an Strohhalme klammerte, selbst gegen ihre eigenen jahrelangen Erfahrungen mit einem Alkoholiker.

Vorsichtig sagte er: „Wieso sollte die Hamburger Kripo dich belügen, Fine? Dafür gibt es doch keinen vernünftigen Grund. Könne es nicht sein, dass Jesper … „Er räusperte sich. Sicher tat es ihr weh, das jetzt zu sagen. „Ich meine …“

„Ich weiß schon, was du meinst“, erwiderte sie, auf einmal erstaunlich ruhig. „Und die Vermutung, dass er einen Rückfall hatte, liegt ja auch nahe, aber er hatte sich wirklich verändert, Carlo. Du kannst das nicht wissen, hast ihn ja nicht mehr getroffen, seit … na ja, du weißt schon … Seit Jonna gestorben ist eben. Seit du dich …“

„Ja, ja, schon gut“, würgte er sie ab. „Aber du musst den Tatsachen ins Auge sehen: Tut mir leid, dass es für dich grausam klingt, aber wenn die Kripo viel Alkohol in seinem Blut gefunden hat, dann war er auch betrunken – und das Ganze tatsächlich ein schrecklicher Unfall. Was denn auch sonst, Fine?“

Schweigen. Allmählich senkte sich Dunkelheit auf das Schiff. Es wurde empfindlich kühl. Carlo fröstelte. Auch zitterte er jetzt stärker, stellte er ärgerlich fest. Klar, dass das nicht allein an der Abendkälte lag. „Sag mir bitte, was ich für dich tun kann, Fine“, brachte er heraus.

„Ich fand, du musstest von seinem Tod erfahren, und außerdem … Nun ja, ich wollte dich eigentlich um etwas bitten. Aber jetzt …“

„Was soll das heißen?“

„Entschuldige bitte, aber ich wusste schließlich nicht, dass du auf dem Weg ins Mittelmeer bist.“ Sie schluckte. „Also gut: Ich wollte dich fragen …, äh, ob du herkommen kannst“, stieß sie hervor.

Jespers Leiche werde demnächst von der Hamburger Staatsanwaltschaft freigegeben und sofort nach Aarhus überführt, fuhr sie hastig fort, als wollte sie keine Pause entstehen lassen, die er für eine Ablehnung hätte nutzen können. Jesper habe sich immer eine Seebestattung gewünscht, sagte sie, und der Termin dafür sei in einer Woche. „Ich dachte, du würdest vielleicht dabei sein wollen“, setzte sie vorsichtig hinzu. „Ich meine, wenn es dir passt … und falls du das überhaupt …“

Noch während sie die letzten Worte sagte, hatte Carlo einen Entschluss gefasst. Sein Kurs führte ihn sowieso nach Süden, und Aarhus lag nur um die 180 Seemeilen entfernt an der Ostküste Jütlands fast auf seinem Weg: Selbst mit zwei Zwischenstopps nach jeweils etwa sechzig Meilen war das ein bequemer Drei-Tages-Törn. Er brauchte seine Abfahrt also nicht zu überstürzen und würde dennoch pünktlich ankommen.

Dem alten Freund auf diese Weise die letzte Ehre zu erweisen, schien ihm auf einmal ganz selbstverständlich. Dennoch stieg schon jetzt Panik in ihm auf, wenn er an die Zeremonie dachte. Er ahnte, welche Überwindung es ihn kosten würde, die Nähe vieler Menschen zu ertragen.

„Hallo? Carlo? Bist du noch dran?“

„Ja, klar, entschuldige bitte. Hab nur nachgedacht.“ Er räusperte sich ausgiebig. „Also abgemacht, Fine – ich komme.“

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Gestern – drei Tage nach dem Telefonat mit Fine – war Carlo gestartet, hatte am frühen Morgen, noch bei Dunkelheit, die Leinen losgeworfen. Da es auf ‚seiner’ Schäre keinerlei Beleuchtung gab, war schon nichts mehr von ihr zu sehen gewesen, kaum dass er das Vorsegel ausgerollt und die Jonna Fahrt aufgenommen hatte.

Mit durchschnittlich sieben Knoten segelte er bei Nord-Ost-Wind von etwa fünf Beaufort auf die Nordspitze von Jütland zu, wo Skagerrak und Kattegat zusammenfließen, und machte abends nach 72 Seemeilen in Skagen fest.

Im größten Fischereihafen Dänemarks, der mehrere Hafenbecken und sogar einen Überseekai für Kreuzfahrtschiffe hatte, herrschte fast rund um die Uhr geschäftiges Treiben, aber Carlo fand an einem der hintersten Kais einen recht ruhigen Liegeplatz. Nach dem Festmachen aß er ein paar belegte Brote, trank zwei Bier dazu und legte sich danach sofort in die Koje. Im Nu war er eingeschlafen.

Nach einer ruhigen Nacht hatte er sich heute früh bloß einen Kaffee zubereitet und war nicht mehr an Land gegangen, sondern hatte seine Morgentoilette im geräumigen Bad an Bord verrichtet, um schnell ablegen zu können.

Nun war er schon wieder über zwei Stunden unterwegs. Skagen war längst hinter ihm unter dem Horizont versunken, und direkt voraus kam gerade der weiße Leuchtturm Læsø Rende in Sicht, der zwischen der Nordspitze Jütlands und der Insel Læsø mitten im Wasser stand, als es unvermittelt unter dem Schiff laut krachte.

Die Jonna bremste für einen kurzen Augenblick, kaum länger als ein Wimpernschlag, aus voller Fahrt abrupt ab und machte eine heftige Nickbewegung. Die Segel killten, flatterten kurz mit lautem Knallen, und ein dumpfes Rumpeln ertönte im Unterwasserschiff, während Carlo mit Wucht gegen das große Ruderrad geschleudert wurde. Unmittelbar darauf aber füllten sich die großen weißen Tücher wieder mit Wind, das Boot nahm Fahrt auf und rauschte schon Sekunden später durchs Wasser, als wäre nichts geschehen.

Carlo stöhnte auf, weil sein Brustbein einen schmerzhaften Stoß abbekommen hatte, drehte sich aber trotzdem schnell um und schaute nach hinten. Sofort entdeckte er zwei Hälften eines Holzpfahles, die im weißen Schaum des Kielwassers schwammen. Die hellen, zersplitterten Bruchstellen waren an beiden Teilen klar zu erkennen.

Die Jonna hatte offenbar gerade ein gut dreißig Zentimeter dickes Rundholz von beachtlicher Länge überlaufen und mit ihrem Kiel in zwei etwa gleich lange Stücke geteilt. Wahrscheinlich war der Stamm Teil einer Ladung, die irgendwann und irgendwo, vielleicht in einem Sturm, vom Deck eines Holzfrachters gefallen war.

Carlo hatte immer wieder gehört, dass Holz, selbst massive Stämme, an solide gebauten Yachten selten ernsthafte Schäden hinterließen. Nun hoffte er inständig, dass das auch stimmte. Die Kollision mit einem knapp unter der Wasseroberfläche schwimmenden Container – was auf allen Meeren immer häufiger passierte – wäre auf jeden Fall wesentlich dramatischer gewesen. Solche Unfälle hatten meistens katastrophale Folgen. Sportboote sanken danach fast immer, und manchmal gelang es der Crew nicht einmal mehr, die Rettungsinsel rechtzeitig klarzumachen und ins Wasser zu bekommen.

Mit einem Blick hoch in den Mast vergewisserte Carlo sich, dass der massive Stoß weder an den Segeln noch an Wanten und Stagen sichtbaren Schaden angerichtet hatte. Auch das Ruderblatt schien unbeschädigt zu sein, jedenfalls war in der Steuerung keinerlei Unwucht zu spüren, nichts klapperte oder war schwergängig.

Er schaltete den Autopiloten ein, und auch jetzt lief das Boot sauber seinen Kurs. Erleichtert atmete er ein paarmal tief durch, während er sich die schmerzende Stelle am Brustbein rieb. Das gab dort bestimmt einen prächtigen Bluterguss.

Doch auch wenn nichts darauf hindeutete, dass die Kollision ernsthaften Schaden angerichtet hatte, musste er natürlich noch einen Blick in die Bilge werfen, die tiefste Stelle im Schiff. Falls irgendwo Wasser eindrang, würde es sich dort zuerst sammeln.

Ein rascher Rundumblick zeigte ihm überall freien Seeraum. Er stieg den Niedergang hinunter in den Salon, kniete sich neben den Kajüttisch, nahm die beiden dafür vorgesehenen Bodenluken heraus und warf einen Blick in die Bilge.

Bis auf die übliche Pfütze aus Schwitzwasser, die mit den Bewegungen des Bootes hin und her schwappte, war alles trocken, stellte Carlo erleichtert fest. Wieder einmal erwies sich, dass man am Haderslev Fjord in Dänemark erstklassige hochseetaugliche Boote baute.

Erleichtert stieg er zurück an Deck und startete den Motor. Eine Überprüfung stand nämlich noch aus: die des Propellers. Carlo kuppelte ein und gab Gas. Falls der Baumstamm die Schraube beschädigt hatte, würde sich das nun sofort zeigen.

Es zeigte sich eindrucksvoll.

Unvermittelt ertönte ein unangenehmes Dröhnen, das sich anhörte, als schlüge jemand in wildem Takt mit einem Hammer auf Blech, und das Achterschiff begann heftig zu vibrieren.

Sofort riss Carlo den Gashebel zurück und schaltete den Motor wieder aus. Ihm war klar, was das zu bedeuten hatte: Die Schiffsschraube hatte einen schweren Schlag abbekommen. Was genau verbogen oder sogar abgebrochen war, würde er erst feststellen können, wenn er sich den Schaden ansah. Und dazu musste er tauchen.

Also ab in den nächsten Hafen!

Er warf einen kurzen Blick auf die elektronische Seekarte auf der Rudersäule. Bis nach Vesterø, dem Fährhafen der Insel Læsø, waren es etwa zwölf Seemeilen.

Nun denn – er musste unbedingt wissen, was da los war mit dem Propeller. Was blieb ihm also übrig, als seine Fahrt nach Aarhus zu unterbrechen?

Er drehte auf den neuen Kurs ein.

Als die Silhouette des Hafens in der Ferne in Sicht kam, rief er über Funk den Hafenmeister an, berichtete von dem, was ihm passiert war, und teilte ihm mit, dass er unter Segeln anlegen musste.

Vor der Hafeneinfahrt barg Carlo das Großsegel und ließ nur das Vorsegel stehen, das er teilweise eingerollt hatte, um die Segelfläche zu verkleinern. Direkt hinter der Mole im Hafenbecken wurde er bereits von einem großen Schlauchboot mit einer jungen Frau am Steuer erwartet. Sie winkte herüber, gab Gas, setzte sich mit Schwung vor die Jonna und geleitete sie in den hinteren Teil des Hafens.

Der Hafenmeister verstand offenbar etwas vom Segeln, erkannte Carlo, denn der ausgewählte Liegeplatz lag genau richtig zur Windrichtung. Carlo steuerte die Einfahrt der Box an und rollte das Segel ganz ein. Gegen den Wind immer langsamer werdend, glitt die Jonna zwischen den Pollern hindurch geradewegs auf den Kai zu, wo bereits ein älterer Mann stand und winkte. Er hatte einen dicken Gummifender in der Hand, den er vor die Kaikante hielt, während die Jonna langsam näher kam, bis ihr Bug schließlich mit letzter Fahrt sachte an die aufgeblasene Gummiwulst stieß. Der Mann nahm von Carlo die Leinen an und belegte sie an Land.

„Fein gemacht“, sagte er mit unverkennbar dänischem Akzent auf Englisch – die ausgeblichene Mütze auf seinem Kopf wies ihn als havnefoged, also als Hafenmeister aus –, nickte anerkennend und fügte hinzu: „Ohne Motor kriegen die meisten Segler sowas heute nicht mehr hin.”

Carlo bedankte sich bei ihm für die professionelle Hilfe und wollte sein Portemonnaie von unten holen, um gleich das Hafengeld zu bezahlen, doch der Hafenmeister winkte ab. „Kannst du später machen. Du willst doch jetzt erst mal tauchen und deinen Propeller inspizieren. Komm einfach später in mein Büro. Vielleicht brauchst du ja noch weitere Hilfe. Falls nötig, kann ich auch einen Taucher für dich rufen.“ Er hob grüßend die Hand und ging davon.

Wenige Minuten später hatte Carlo sich die Badehose angezogen und stieg, ausgerüstet mit Schnorchel und Taucherbrille, ins unangenehm kalte, aber glasklare Wasser.

Es sah ziemlich schlimm aus, das erkannte er sofort.

Wie die meisten modernen Segelyachten, hatte auch seine X-Yacht einen Saildrive, denn so ein Winkelgetriebe war deutlich platzsparender und auch geräuschärmer als ein herkömmlich konstruierter Wellenantrieb.

Der Saildrive der Jonna wies deutliche Anzeichen eines ordentlichen Schlages auf. Der hölzerne Pfahl hatte den eigentlich rechtwinklig nach unten aus dem Rumpf herausragenden Schaft so hart getroffen, dass dieser mitsamt dem daran montierten Propeller um einige Grad nach hinten gedrückt worden war. Auch die Flügel des Propellers waren verbogen, jedoch konnte Carlo zu seiner Erleichterung keine Risse im Laminat am Schiffsboden rund um den Saildrive entdecken. Der Aufprall hatte offensichtlich nicht ausgereicht, strukturellen Schaden am Rumpf zu hinterlassen.

Sehr viel dicker allerdings hätte der Baumstamm wohl nicht sein dürfen …

Er unternahm mehrere Tauchgänge, obwohl er bereits nach dem ersten heftig fror. Noch herrschten hier oben im Kattegat keine angenehmen Wassertemperaturen. Aber was half’s? Er besaß keine Kamera mit Unterwassergehäuse, also musste er sich alles genau einprägen, um es möglichst präzise wiedergeben zu können.

Nach einer halben Stunde stieg er bibbernd die Badeleiter am Boot hoch, rubbelte sich trocken und zog sich warme Klamotten an. Dabei ging ihm immer wieder durch den Kopf, dass so ein Schaden wohl ziemlichen Seltenheitswert hatte, denn der Kiel des Bootes ragte viel tiefer unter Wasser als der Saildrive dahinter. Carlo vermutete, dass eines der beiden Stücke des zerbrochenen Stammes durch die Strömung – die Jonna machte ja gute Fahrt durchs Wasser – am Kiel entlang getrieben und direkt auf den Schaft des Saildrives und die Schraube gedrückt worden war.

Doch wie auch immer das passiert sein mochte, es musste repariert werden, bevor er seine Reise ins Mittelmeer antreten konnte, so viel war sicher. Nach kurzem Überlegen fiel ihm ein, dass er damit am besten eine Firma in Aarhus beauftragte. Schließlich war er sowieso auf dem Weg dorthin. In der zweitgrößten Stadt Dänemarks mit dem größten Containerhafen des Landes und mehreren Sportboothäfen gab es sicher auch eine Vielzahl von Bootswerften.

Er setzte sich an den Kartentisch, klappte seinen Laptop auf und gab ‚Bootswerften Aarhus’ in die Suchmaschine ein.

Kurz darauf begann er zu telefonieren.