Immer gegenwärtiger Frieden - Arnaud Desjardins - E-Book

Immer gegenwärtiger Frieden E-Book

Arnaud Desjardins

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Beschreibung

Dieses Buch wurde aus Antworten zusammengestellt, die der französische Weisheitslehrer Arnaud Desjardins Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens gab und lädt uns zu dem radikalen Abenteuer der inneren Transformation ein. Seine praktische und leicht nachvollziehbare Anleitung zeigt uns, dass die radikale innere Transformation nicht einigen wenigen Yogis, Mönchen oder Nonnen vorbehalten ist, die sich von der Welt zurückgezogen haben, sondern auch für uns, die wir in der Welt leben, möglich ist. Der berühmteste Vers der Upanishaden betrifft uns alle: „Aus dem Unwirklichen führe mich in die Wirklichkeit, aus der Dunkelheit ins Licht, aus dem Tod in die Unsterblichkeit.“ Alle Wege, die eine persönliche Transformation des Men- schen anstreben, seien sie religiös oder nicht, haben trotz widersprüchlicher Philosophien und Theologien den einen gemeinsamen Nenner, der die Einheit aller Weisheitslehren ausmacht: Es geht darum, in immer gegenwärtigem Frieden, in Gelassenheit und Liebe, die keinen Gegensatz kennen, verankert zu bleiben und die Welt der Gegensätze hinter sich zu lassen. Und diese Überwindung der Welt der Gegensätze (Erfolg/ Misserfolg, Glück/Unglück, Schöpfung/Zerstörung...), die im Sinne der Weisheitslehre unwirklich ist, die ins Leiden und in den Tod führt, erfordert mehr als eine Veränderung: Sie erfordert eine Metamorphose, die radikale innere Transformation des Menschen. Die christliche Tradition nennt das „den Tod des alten Menschen“ und „die Geburt des neuen Menschen“.

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Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2021

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IMMER GEGENWÄRTIGER FRIEDEN

Arnaud Desjardins

Arnaud Desjardins

Titel der französischen Originalausgabe:

LA PAIX TOUJOURS PRÉSENTE

Santé psychique et santé spirituelle

Deutsche Erstausgabe:

IMMER GEGENWÄRTIGER FRIEDEN

Seelische Gesundheit und spirituelles Heilsein

1. Auflage

©2021 advaitaMedia GmbH

advaitaMedia – Weisheit aus der Stille

Am Gutspark 1, D-23996 Saunstorf

[email protected]

www.advaitamedia.com

Die Herausgabe dieses Buches wurde durch die finanzielle Unterstützung von Sabine Seur ermöglicht.

Übersetzung: Sabine Seur und Anama Frühling

Lektorat: Dr. Rüdiger Porep

Cover & Satz: Katja Dorow-Schwart, [email protected]

Titelfotos: © iStock (utah778 und wabeno)

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-936718-69-0

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige, auch elektronische Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Arnaud Desjardins

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1 Heilung vom Leiden

Kapitel 2 Versklavung und Freiheit

Kapitel 3 Das Unzerstörbare

Kapitel 4 Immer gegenwärtiger Frieden

Kapitel 5 In der Liebe bleiben

Kapitel 6 Kama, Eros und Libido

Kapitel 7 Müssen wir uns vor dem Meister fürchten?

Kapitel 8 Eine wirklichkeitsnahe Praxis

Der Autor

Vorwort

Dieses Werk erhebt ebenso wenig wie die vorausgegangenen Bücher, die unter meinem Namen erschienen sind, philosophische oder literarische Ansprüche. Die Kapitel, aus denen es besteht, sind mündlich aufgenommen und dann transkribiert worden. Es fasst ausführliche Antworten auf Fragen von Menschen zusammen, die mehr oder weniger lange den Weg der persönlichen Transformation gegangen sind, den ich seit 1974 anbiete. Die Teilnehmer waren Menschen aus Québec und Mexiko, darunter Männer und Frauen mit großen Unterschieden, was soziale Herkunft, Bildungsniveau und Alter angeht.

Die Lehre, die auf diesem Weg vermittelt wird, ist vor allem die Frucht von neun Jahren meines persönlichen Übungsweges, der von dem Hindumeister Swami Prajnanpad während mehr oder weniger langer Aufenthalte und etwa 300 Begegnungen unter vier Augen im vertrauten Kreis seines kleinen Ashrams begleitet wurde. Ein anderer seiner französischen Schüler, Daniel Roumanoff (ein diplomierter Sanskritexperte und Indologe) hat dazu beigetragen, ihn bekannt zu machen und ihm dank der Überzeugungskraft seiner Ausführungen Anerkennung von einer beträchtlichen Anzahl französischer Intellektueller zu verschaffen, während ich auf Anregung und mit den Anweisungen von Swamiji Anwärter und Anwärterinnen des Weisheitsweges empfing, die den Wunsch hatten, auch dem Weg, den ich selbst gegangen war, zu folgen.

Es fällt mir schwer, heute genau zu sagen, was von meinem Verständnis und meiner Erfahrung ausschließlich auf Swami Prajnanpad zurückgeht und was ich anderen Einflüssen, die meinen Weg mitgeprägt haben, verdanke. Im Alter von 20 Jahren (1949) trat ich in eine der „Gruppen“ ein, die von direkten Schülern G.I. Gurdjieffs, seiner anerkannten Nachfolgerin Madame de Salzmann und Henri Tracol, geleitet wurden. Zu dieser Zeit lag Spiritualität längst nicht so im Trend, wie wir das heute kennen und ich lief nicht Gefahr, in den „Sciences Po“ (den politischen Wissenschaften, in denen ich 1946 meinen Abschluss gemacht hatte), etwas darüber zu hören. Alles, was ich zum Thema „sich seiner Selbst bewusst zu sein“ oder „sich nicht mit Gedanken und Gefühlen zu identifizieren“ erfuhr, erschien mir völlig neu – obwohl es sich um ganz alte Kenntnisse handelte, die seit Jahrhunderten auf mehr oder weniger reine und lebendige Weise weitergegeben wurden. Ich habe also – wie viele andere in Europa oder Amerika – dank „Herrn Gurdjieff“ viel gelernt und viele experimentelle Erfahrungen gemacht, obwohl ich ihm selbst nicht körperlich begegnet bin, und ich kann nicht ohne ein Gefühl tiefer Dankbarkeit an ihn denken oder eine seiner eindrucksvollen Fotografien betrachten.

Von 1949 an habe ich meine spirituelle Nahrung aus französisch- und englischsprachigen Werken bezogen, die sich mit Esoterik, Mystik und den traditionellen Lehren befassten, ob sie nun von Hinduismus, Buddhismus, Christentum, Sufismus oder alten griechischen Lehren inspiriert waren. 60 Jahre Lektüre ergibt eine Bibliothek, die am Ende sehr voluminös ist!

Auch wenn lesen, wieder lesen, studieren, einen Weisheitstext aufnehmen eine Rolle spielen, ersetzt doch nichts die Begegnung mit lebendigen Zeugen. 1958 eröffneten mir ein einmonatiger Rückzug in das Trappistenkloster Notre-Dame de Bellefontaine und die Gespräche, die ich mit dem Abt, dem Prior und Magister der Novizen führte, ein ganz anderes Verständnis des Christentums und eine Welt von alten Werken, von denen ich aufgrund meiner protestantischen Erziehung nichts wusste. Eine ungewöhnliche, aber tiefe und dauerhafte Freundschaft entstand zwischen Hochwürden Abt Dom Emmanuel und mir, die sich bis zu seinem kürzlichen Tod fortsetzte. Manchmal habe ich gelesen, Arnaud Desjardins sei Hindu oder Buddhist. Aber ich verdanke es Bellefontaine, dass ich es vorzog, mein Verständnis der Botschaft des Evangeliums zu vertiefen, statt zu einer anderen Religion zu konvertieren.

Dennoch war 1959 die Entdeckung Indiens mit den Ashrams von Swami Shivananda, Ma Anandamayi, Ramdas und der vedischen Literatur für mich, wie für meine erste Frau Denise, eine überwältigende Offenbarung. Zwischen 1959 und 1965 teilten wir unsere Zeit zwischen Frankreich (und den Gruppen Gurdjieffs) und Indien, folgten „Ma“ auf ihren Reisen und nahmen aus Liebe zu ihr alle möglichen unbequemen Situationen und Unannehmlichkeiten in Kauf. Wir finanzierten diese Reisen mit meinen Filmen, die ich in Indien selbst und in Afghanistan für das französische Fernsehen, für die Öffentlichkeitsarbeit der ORTF (Office de Radiodiffusion Télévision Française) drehte, die dem großen Kreis von Fernsehzuschauern ermöglichte, eine wenig bekannte Welt kennenzulernen, die ich gerade selbst entdeckte. Was mich heute bewegt und inspiriert ist – weiß ich oder weiß ich nicht – das, was ich Ma Anandamayi, Swami Ramdas und anderen verdanke.

1964-65 und dann 1967 fanden Begegnungen mit seiner Heiligkeit dem Dalai Lama statt (der damals viel leichter zugänglich war als heutzutage) und mit den großen tibetischen Rinpoches der ersten Auswanderergeneration, von denen noch keiner außerhalb Indiens gereist war. Die Produktion der vom Dalai Lama geförderten Filme brachte es mir ein, dass mich sein eigener Chefdolmetscher, Sonam Topgey Kazi aus Sikkim, während der ganzen Monate über begleitete und mir als Übersetzer diente. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich diesen Meistern präzise Fragen über die Meditationspraxis stellen und mein Verständnis überprüfen konnte. In demselben Zeitraum engagierte ich mich bei Swami Prajnanpad, mit dem ich mich direkt auf Englisch unterhalten konnte. Aber ich weiß auch, was die Erinnerung an Kangyur Rinpoche und Dudjom Rinpoche oder Dilgo Khyentse Rinpoche und an den 16. Karmapa, die ich später in unserem ersten Ashram in Bost en Auvergne empfing, mir bedeutete und vor allem noch immer bedeutet – und die Liste wäre lang, wenn ich alle Namen hier aufzählen würde. Ihre noch immer lebendige Präsenz bleibt eine tägliche Inspiration, ihr Einfluss und ihr Segen haben einen besonderen Platz im Hintergrund dessen, was ich heute vermitteln und anregen kann.

1967 und 1973 konnte ich schließlich mehrere Monate dem Studium bei bemerkenswerten Sufi Pirs widmen – in einem Land, in dem ich mich häufig aufhielt, wo ich Filme gedreht habe und das ich zutiefst liebte, das damals noch heitere und friedliche Afghanistan. Ich wurde von einem sehr lieben afghanischen Freund, Mohammed Ali Raonaq begleitet und übersetzt. Mehr noch als um die Techniken (wazifa, die Lataïfs, die Reinigung der Naf), die sich von meinen eigenen Praktiken unterschieden, drehten sich meine Fragen an die Weisen um die dualistische oder nicht dualistische Metaphysik (wahdat-al-shuhud und wahdat-al-wudjud). Die Worte eines von ihnen waren für meine Orientierung maßgebend.

Ich muss zugeben, dass weder bei den hinduistischen Weisen noch bei den tibetischen Meistern oder bei den Pirs mein Vorgehen von universitärer Disziplin bestimmt war. Ich notierte sehr sorgfältig eine Aussage und den Kommentar dazu, aber ich schrieb weder auf, aus welcher Upanishade sie stammte, noch ob es sich um den Koran selbst handelte oder um ein Hadith des Propheten. Was die tibetische, arabische oder persische Terminologie betrifft, transkribierte ich sie in Lautschrift, damit ich sie bei weiteren Gesprächen benutzen und den Sinn vertiefen konnte. Außerdem ist diese Genauigkeit, deren Wert ich kenne, da ich als Leser von Übersetzungen und Kommentaren davon profitiert habe, nicht das, was die „Suchenden“, denen ich seit 35 Jahren begegne, erwarten. Damit will ich sagen, dass die folgenden Seiten als das gelesen werden müssen, was sie sind: Antworten für Menschen, die ahnen, dass ihr Leben nicht nur daraus bestehen kann, Erfolg zu haben, zu scheitern, zu gewinnen, zu verlieren und schließlich glücklich und erneut unglücklich zu sein, zu altern und zu sterben.

Die Suche überschreitet Epochen, Kulturen, Rassen und Religionen. Aber welchen Verrat die Religionen auch begangen haben, welche Verbrechen in ihrem Namen verübt wurden, welcher Hass unter dem Banner des Wortes Liebe auch geschürt wurde, sind es doch meistens Minderheiten in ihrem Umfeld, die die wertvollsten esoterischen Kenntnisse gelebt und weitergegeben haben. Religionen spalten, Spiritualität vereint. Denn es ist mir niemals gelungen, einen unüberwindbaren Unterschied zu erkennen zwischen dem Frieden, der Gelassenheit und der Liebe, die ein Mahatma, ein Rinpoche, ein Scheich oder ein christlicher Mönch, der in Gott lebt, ausstrahlen.

Es ist diese gemeinsame universelle Grundlage, von der die Antworten inspiriert sind, die in diesem Buch gegeben werden. Sucht darin nicht etwas, was nicht darin zu finden ist: Einen gewissenhaft verfassten Text mit Belegen und genauen Zitaten. Wenn ihr ein sorgfältig konzipiertes und geschriebenes Werk lesen wollt, dann verweise ich euch auf die drei Bände von Les Chemins de la sagesse (Die Wege der Weisheit), die jetzt in einem Band zusammengefasst sind, und wenn ihr ein orthodoxes Sanskrit Fachvokabular wollt, wendet euch den vier Bänden des Adhyatma yoga, A la recherche du Soi (Auf der Suche nach dem Selbst) zu.

Als 1968-1970 Les Chemins de la sagesse veröffentlicht wurden, übersetzte ich darin unter anderem gewisse englische Begriffe, die Swami Prajnanpad in einem bestimmten Sinn verwendete. Es handelte sich dabei um Gedanken, die mich umso mehr beeindruckten, als ich sie bis dahin nirgendwo anders gelesen oder gehört hatte. Swamiji empfahl uns eine radikale Unterscheidung zwischen Emotion und Gefühl, Reaktion und Aktion, denken und sehen. Es ging also darum, „Emotion“ und „Gefühl“, „Reaktion“ und „Aktion“, „denken“ und „sehen“ nicht mehr zu verwechseln. Diese Begriffe drücken zutiefst verschiedene Wirklichkeiten aus, die allen Benennungen in irgendeiner Sprache vorausgehen. Meine Wahl des französischen Vokabulars brachte mir damals extrem kritische Briefe ein, denen zufolge diese Gegensätze nicht nur willkürlich, sondern falsch waren. Ich gehe nicht auf Details ein, denn diese Briefe waren lang und genau dokumentiert. Heute, 40 Jahre später, fand ich dieselbe Terminologie, die damals als so falsch angesehen wurde, in angesehenen Werken wieder.

Hier also „noch ein Buch von Arnaud Desjardins, der immer wieder dasselbe sagt“. Nicht ganz dasselbe, nicht ganz auf dieselbe Weise. Und da niemand, um ein Buch zu lesen, die vorhergehenden Bücher desselben Autors auswendig gelernt haben muss, ist es nicht unnötig, Wahrheiten wieder und wieder zu hören, deren Wahrheitsgehalt wir selbst überprüfen können und mit denen wir uns so durchtränken können, dass sie uns von innen her verwandeln. Dieses Werk ähnelt also einer Folge langer Rundbriefe, die sich an einige von denen wenden, die Hilfe suchen, um sich innerlich zu wandeln, um sich von ihrer Angst zu befreien, um sich in dem inneren Frieden und der Liebe, zu denen es kein Gegenteil gibt, zu verankern. Es gab eine Zeit, in der diese Art Bücher eine gewisse Originalität besaßen. Heute erscheinen sie inmitten von vielen anderen Büchern, die mehr oder weniger von ähnlichen Quellen inspiriert sind. Aber wenn diese Literatur in Frankreich auch keinerlei Einschränkung erfährt, ist der Gedanke einer Meister-Schüler-Beziehung noch immer umstritten. Mögen diese Seiten, neben anderen, gewisse Bedenken in dieser Hinsicht ausräumen.

Eine Lehre, welcher Art auch immer, von der Medizin über die Kunst des Photographierens bis hin zu Eiskunstlauffiguren zu vermitteln, erfordert den Gebrauch eines präzisen Vokabulars und von Fachausdrücken, unter denen jeder genau dasselbe versteht. So müsste es auch in einer Weisheitsschule sein, aber wir sind davon weit entfernt. Meistens handelt es sich um Lehrsätze und Übungen, die ursprünglich sehr klar und deutlich in anderen als den heute gebräuchlichen Sprachen ausgedrückt wurden: in Sanskrit oder Pali, Hebräisch oder Arabisch, Altgriechisch oder Latein, Chinesisch usw. Die Übersetzungen unterschieden sich je nach Übersetzer: Derselbe Ausdruck wurde beispielsweise in unserer Sprache als Seele, Geist oder Bewusstsein wiedergegeben. Jede Tradition drückte sich im Laufe der Geschichte in ihrer Sprache aus und jeder Schüler, Mönch oder Asket benutzte sie. Heute jedoch haben zum Beispiel jene, die an die Tür unseres „Ashrams“ in Hauteville klopfen, Vorträge gehört, Bücher gelesen, Seminare zu einem Spektrum von Inhalten verschiedener Herkunft besucht und sind positiv sensibilisiert für bestimmte Wörter, die bei anderen eine unangenehme, wenn nicht schmerzliche oder sogar unerträgliche emotionale Resonanz erzeugen, beginnend mit dem bekanntesten (und am unterschiedlichsten interpretierten) von allen, dem Wort Gott.

Um die „letztendliche Realität“ zu beschreiben, die die Grundlage unseres individuellen Seinsbewusstseins ist, hat jeder Begriffe, die er bevorzugt oder die er ablehnt: Gott, das Absolute, das Unendliche, das Ewige, das Göttliche, der Atman (mit dem willkürlichen Großbuchstaben) oder das Selbst (eventuell das Höchste Selbst), das Himmelreich, das in uns ist, das Nicht-Geborene, die Buddhanatur, die wahre Natur des Geistes, der Geist (streng von der Seele zu unterscheiden), das Wesentliche und noch viele andere. Um diese Unterschiede zu berücksichtigen sah ich mich, sogar im Dienste einer präzisen Lehre unter vielen anderen auch gültigen, veranlasst, von diesen verschiedenen Ausdrücken Gebrauch zu machen, als wären sie synonym. Aber ich weiß natürlich, wie sehr sie es für einen Theologen nicht sind. Wichtig ist, wenn man sich Männern und Frauen mit ihren schwierigen Lebensumständen, ihren Leiden und ihrem Durst nach einer anderen Lebensqualität gegenüber sieht, die Möglichkeit einer potenziellen Befreiung für jeden Menschen aufzuzeigen und nicht auf akademisch korrekte Weise eine Lehre zu vermitteln.

Nun ist es so, dass es unter den Männern und Frauen, die unseren Ashram besuchen, solche gibt, die keinerlei philosophische oder theologische Vorbildung haben, während einige andere dagegen bereits auf feste Überzeugungen in diesem Bereich festgelegt sind. Der gemeinsame Nenner aller ist die Unzufriedenheit – häufig ein anhaltendes Leiden, die Hoffnung auf eine mögliche Veränderung und eine Sehnsucht nach etwas, das mehr als Psychotherapie ist. Die metaphysische, nicht-dualistische höchste Lehre, wie sie sowohl von Meistern des Hinduismus als auch des Buddhismus formuliert wurde, ist, dass es angesichts der Vergänglichkeit von allem, „weder Schöpfung noch Auflösung gibt, weder Versklavung noch jemand, der eine spirituelle Praxis ausübt, weder jemand, der Befreiung sucht, noch jemand, der befreit werden kann“. Der Weg, die Übungen, die „heldenhaften“ Bemühungen, die Fortschritte sind nur Aspekte des Traums, aus dem wir aufwachen müssen. Nach dieser radikalen Sichtweise betreffen die folgenden Seiten nur die Illusion eines Egos, das das, was es schon ist, erreichen will. Aber dieser lächerliche Vorgang träfe auch auf den von Buddha gelehrten berühmten „achtfachen Pfad“ (asthanga marga) zu. Diese Sammlung von beständig zu praktizierenden Übungen wirkt aus dieser Sicht genauso seltsam wie ein Lehrbuch, das einer Welle helfen soll, den Ozean zu erreichen, obwohl sie bereits der Ozean ist, sie immer in ihm und er in ihr in der Vollkommenheit des Nicht-Getrenntseins weilt. In Wahrheit muss, damit ein Ego (selbst wenn es „illusorisch“ oder „irreal“ ist) seine ganze Aufmerksamkeit, seine ganze psychische Energie auf seine Quelle, sein Selbst (adhyatma) richten kann, diese Energie kraftvoll und einheitlich sein, frei von den üblichen Gedanken, Emotionen, Wünschen und Ängsten (vasana und sankalpa).

Gewissermaßen ist alles, was in den verschiedenen Kapiteln, die folgen, angesprochen oder beschrieben wird, als Vorbereitung auf das direkte und unwiderrufliche Eintauchen in die Tiefe des Bewusstseins gedacht. Es bleibt jedem einzelnen selbst überlassen zu entdecken, ob seine eigene Erfahrung mit den klassischen Bildern übereinstimmt, wie dem Wassertropfen, der sich wieder mit dem Ozean vereint hat, dem vollen, im Meer versunkenen Wasserkrug, dessen Wand zerbricht und so die Trennung auflöst oder dem Fluss, der, obwohl er den Ozean längst erreicht hat und mit ihm verschmolzen ist, weiter zu ihm hin fließt.

1Heilung vom Leiden

Jesus hat gesagt: „Ich bin nicht für die Gesunden gekommen, sondern für die Kranken“, und Buddha wurde unter anderem auch ‚Der große Arzt‘ genannt. Wir können also zumindest für diesen Moment die anspruchsvollen Begriffe Erwachen, Befreiung, Erleuchtung beiseite lassen und das Wort Heilung benutzen.

Heilung und körperliche Gesundheit gehören in das Arbeitsgebiet der Ärzte und Chirurgen: diagnostisch wie auch therapeutisch. Auch als Laien wissen wir alle, worum es geht: hartnäckiger Husten, Herzrhythmusstörungen, schmerzhafter Rheumatismus sind die Symptome, die wir loswerden wollen. Wenn alle Krankheitssymptome beseitigt sind, zeigt sich die unbeeinträchtigte Gesundheit.

Für die geistige Gesundheit sind Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten zuständig. Präzise Fachbegriffe definieren und beschreiben die verschiedenen Krankheitsbilder. Die Heilung wird entweder durch Chemie (Beruhigungsmittel, Antidepressiva) oder durch ein Eingreifen auf der Ebene des Geistes selbst angestrebt: Psychotherapie bedeutet nicht Heilung des Geistes, sondern Heilung durch den Geist; das beste und repräsentativste Beispiel ist die Freudsche Psychoanalyse.

Aber was ist mit der spirituellen Heilung und der vollkommenen spirituellen Gesundheit? Zwei Antworten erscheinen zunächst plausibel: „Psychotherapie heilt das Ego, Askese heilt vom Ego“ oder „Psychotherapie heilt den Geist, Askese heilt vom Geist“. Was spirituelle Gesundheit angeht, ist tatsächlich alles pathologisch, was nicht unerschütterlichem innerem Frieden, bedingungsloser Freude und einer Liebe entspricht, die kein Gegenteil kennt. Seit vier Jahrtausenden stimmen die Beschreibungen von Heiligen oder Weisen aller Traditionen in dieser Hinsicht überein. Das Christentum verspricht „unbeschreiblichen Frieden“ und „vollkommene Freude“. Die Sanskritliteratur ist voll von den Begriffen shanti (Frieden) und ananda (Freude). Jeder Mensch muss sich wirklich ehrlich fragen, wo er in dieser Hinsicht steht – welche spirituellen Erfahrungen er auch gemacht und welche über-bewussten Geistesblitze er auch gehabt hat.

Die vollkommene spirituelle Gesundheit ist keineswegs eine Garantie für körperliche Gesundheit. Wenn auch gewisse Yogis bis ins hohe Alter – wie wir sagen würden – fantastisch in Form geblieben sind, sind doch fast alle großen Weisen im Alter mit Krankheit konfrontiert. Der Unterschied liegt in der Art und Weise, wie sie mit ihren Leiden umgehen und wie tiefgehend sie ihr Erwachen und ihre Freiheit angesichts des Verfalls ihres physischen Körpers bezeugen. Man darf aber auch nicht geistige mit spiritueller Gesundheit verwechseln. Wenn sich auch Generationen von Weisen und Heiligen über das, was spirituelle Gesundheit ist, einig gewesen sind, gibt es hinsichtlich geistiger Gesundheit jedoch selbst unter Experten Meinungsverschiedenheiten: Welcher innere Aufruhr und welches äußere Verhalten wird noch als normal oder als nicht mehr normal angesehen? Gewisse Psychiater und Psychoanalytiker halten sogar die spirituelle Suche für pathologisch. Ich kannte früher einmal zwei Analytiker, die öffentlich die Meinung vertraten: „Wir halten die Behandlung für abgeschlossen, wenn der Patient von jedem Interesse für das spirituelle Leben geheilt ist.“ Spiritualität wird nur als Flucht vor der harten Wirklichkeit betrachtet (was sie manchmal auch ist), und die vollkommene Gelassenheit in Prüfungen wird als Gipfel der Realitätsverleugnung angesehen und zu einer Art kompensatorischem Wahn verdreht (ich denke dabei zumindest an ein ganz bestimmtes Beispiel).

Buddha hat gesagt: „Ich lehre nur zwei Dinge, oh ihr Schüler, das Leiden und das Beenden des Leidens.“ Man hat dem Buddhismus häufig genug Pessimismus vorgeworfen. Ich habe früher seitenweise christliche Autoren gelesen, die diesen buddhistischen Pessimismus der von Christus versprochenen Freude gegenüberstellten. Tatsächlich habe ich jedoch bei tibetischen Buddhisten, selbst bei Flüchtlingen, die unter erbärmlichen Umständen in Indien lebten, mehr Freude gespürt als bei vielen französischen Christen.

Das Erwachen Buddhas ist für einen Großteil Asiens genauso bedeutsam wie die Auferstehung Jesu am Ostermorgen für die Christen. Es ist also ein Ereignis, das das gesamte Universum betrifft, und wenn man der buddhistischen Legende glaubt, sind selbst die Götter aller feinstofflichen Reiche davon zutiefst beeindruckt. Aber der ‚Vollkommene‘ – so lautet einer von Buddhas Titeln – spürt: „Das, was ich erkannt habe, ist so weit von den üblichen Sorgen der Menschen entfernt, so anders als alle ihre Überzeugungen, dass dies niemanden interessieren wird. Niemand wird verstehen, was ich sage.“ Der Überlieferung nach soll ein Gott aus dem hinduistischen Götterhimmel ihm daraufhin erklärt haben: „Viele Menschen werden nicht zuhören, wenn du sprichst; andere werden zuhören, aber deine Worte kritisieren und verhöhnen; wieder andere werden deine Worte sehr interessant finden und sie gleich darauf wieder vergessen. Aber einige wenige werden zuhören, werden sich überzeugen lassen, werden deine Worte in die Tat umsetzen und gleichfalls erwachen (was ungefähr dem Gleichnis vom Sämann im Evangelium entspricht).“ Da verkündete Buddha: „Also gut, für Letztere werde ich das Rad des Dharma in Gang setzen und werde sie das zu lehren versuchen, was ich erkannt habe, und ihnen den Weg weisen.“ Er beschließt, zunächst seine alten Gefährten aus den Jahren der Entbehrung aufzusuchen, die sich von ihm abwandten, als er aufhörte, sich zu kasteien und von einem Mädchen eine Schale Milchreis annahm. Buddha macht sich also zum Park von Sarnath, dem Park der Hirschkühe auf, der neben der heutigen Stadt Benares (oder Varanasi) liegt, die es schon vor 3000 Jahren gab. Seine ehemaligen Weggefährten, die ihn von Weitem kommen sehen, beschließen, ihn höflich durch ein einfaches Kopfnicken zu grüßen, aber als Buddha näherkommt, geht ein solches Leuchten von ihm aus, dass die vier Sadhus sich vor ihm auf den Boden werfen. Da öffnet Buddha zum ersten Mal seit seiner Erleuchtung den Mund. Die Welt wartet gespannt: Buddha wird die Wahrheit lehren. Und dieser spricht als erstes die berühmten Worte: sarvam duhkham „Alles ist Leiden“. Die Existenz besteht im Wesentlichen aus Leiden: Die Umstände verursachen oft grausame Schmerzen und die glücklichen Umstände enttäuschen, weil sie nie lange dauern. Ein Moment des Glücks kann nicht vollkommen sein, denn wir wissen tief in unserem Innern sehr wohl, dass er vergänglich ist. Die Freude über eine Geburt birgt in sich den Schmerz des Todes.

Buddha hat die Wahrheit gesagt. In unendlich vielfältigen Formen herrscht das Leiden über die Welt: Da ist das Leid derer, die mit Kathetern, Infusionen, mit mehr oder weniger schlimmen Symptomen in einem Krankenhausbett liegen; da ist der Schmerz, Kinder leiden zu sehen; da sind die beruflichen Sorgen, die Schwierigkeiten zwischen Eltern und heranwachsenden Kindern, die Gewalt und die Kriege und so weiter – von den großen persönlichen Tragödien ganz zu schweigen. Es reicht nicht aus, mit der Vorstellung zu leben: „Das wird später schon besser werden, morgen werde ich Erfolg haben, morgen werde ich meiner großen Liebe begegnen, morgen werde ich wirklich glücklich sein.“, um die dauerhafte Erfahrung von Gelassenheit und Freude zu machen. Auf dem Planeten herrscht das Leiden.

Und Buddha fährt fort: „Von dem getrennt zu sein, was man liebt, ist Leiden; an das gebunden zu sein, was man nicht liebt, ist Leiden.“ Es ist so offensichtlich! Auf die Welt zu kommen, ist Leiden. 2500 Jahre nach Buddha hat man das Trauma der Geburt erkannt. Es ist ein unglaublicher Schock für das Baby, den Frieden des Mutterleibs zu verlassen. Krankheit ist Leiden, Altwerden ist Leiden, und wir bemühen uns heute verbissen, Anti-Age-Cremes zu entwickeln. Der Tod bedeutet Leiden – für jene, die Angst vor dem Tod haben und für jene, die einen geliebten Menschen verloren haben. Natürlich gibt es glückliche Momente, aber sie machen uns etwas vor. In Tausenden von Zusammenkünften, an denen ich seit 35 Jahren teilnehme, melden die Leute sich niemals zu Wort, um einfach nur zu sagen: „Ich bin sehr glücklich“. Alle sprechen von irgendeinem Missempfinden, wenn nicht sogar von Verzweiflung. Sicherlich gibt es Momente, in denen man ein Glücksgefühl erlebt, weil es eine gute Nachricht gibt, aber dieses Glücksgefühl, das ganz und gar von den Umständen abhängt, ist zeitlich begrenzt.

Ja, manchmal waren wir voller Freude, ja, wir haben die Hoffnung, dass wir vielleicht morgen das Glück finden werden. „Wenn die Dinge auf diese Weise geschehen würden, wäre ich überglücklich!“ oder „Sobald mir dieses oder jenes gelungen ist, wird alles wunderbar sein“. „Wenn“ und „sobald“. Nur ist es leider so: Dieselbe Person, die mit 30 Jahren an einer Veranstaltung mit einem tibetischen Rinpoche teilnimmt, spricht von ihrem Leiden; wenn sie zwanzig Jahre später eine Veranstaltung mit einem hinduistischen Weisen besucht, wird sie noch immer von ihrem Leiden sprechen. Es liegt nicht an meiner negativen Einstellung, wenn ich das so sage, es ist mein tägliches Brot. Es gibt tatsächlich Momente des Glücks – und ihr könnt diese Momente umso mehr genießen, je mehr ihr euch innerlich verändert habt – aber die Angst vor Schreckensszenarien in der Zukunft ist nicht verschwunden. Es gilt also Folgendes festzuhalten: Weder die medizinischen Fortschritte noch die allgemeine, allen zugängliche Schul- und Berufsausbildung, weder die Demokratie noch der Sozialismus, weder der Liberalismus noch der Fortschritt in der Wissenschaft – nichts von alledem hat je die Tragik unserer Existenz verringert. Ich sage das nicht als Ausdruck von Niedergeschlagenheit oder Hoffnungslosigkeit, aber ich sage es dennoch und fühle dabei zutiefst all dieses Leiden, das ich seit so vielen Jahren anhöre und aufnehme und denke an all jene, die überall auf der Welt leiden, in Städten und Dörfern, in denen ich noch nie war.

Glücklicherweise endet das, wovon Buddha Zeugnis ablegt, nicht an dieser Stelle. Er verspricht etwas, das jenseits des Leidens ist. Ich bin nicht der Überzeugung, dass man zum Buddhismus übertreten sollte, sondern ich denke, dass man sich ansehen muss, was dieser Ansatz an universeller Wahrheit enthält. Es gibt eine Entdeckung zu machen, die einer anderen Ordnung angehört als unsere gewohnte Erfahrung und die viel mehr darstellt als eine Verbesserung innerhalb unserer gewohnten Sichtweise.

Nachdem Buddha in dieser berühmten ersten Rede von Sarnath seine Erkenntnis „sarvam duhkham“, alles enttäuscht uns letzten Endes, dargelegt hat, fügt er hinzu: „Es gibt eine Ursache für das Leiden“. Wie jetzt? Eine Ursache für das Leiden? Es gibt Tausende von Gründen zu leiden, so viele verschiedene Möglichkeiten, von dem getrennt zu sein, was man liebt oder an das gebunden zu sein, was man nicht liebt. In unserer alltäglichen Erfahrung gibt es unendlich vielfältige Leidensfaktoren: Krankheit, Trauer, Geldmangel, Angriffe, Verlassenwerden, Verrat, Ehestreit, Verleumdungen oder Böswilligkeiten. Unser Geist ist felsenfest davon überzeugt: wenn ich unglücklich, voller Sorge und Angst bin, dann wegen diesem oder jenem. Davon zeugen alle die Mitteilungen, die ich und andere seit so langer Zeit zu hören bekommen.

Und dennoch hat Buddha behauptet: „Es gibt eine Ursache“, und diese ist nicht außerhalb von uns. Es gibt Millionen offensichtliche äußere Gründe für das Leiden und wir werden niemals alle beseitigen können. Man heilt die eine Krankheit und eine andere tritt an ihre Stelle; man verbessert seine finanzielle Situation, aber man macht sich große Sorgen um den ältesten Sohn, der Drogen nimmt, und so weiter; es kann sowohl die individuelle als auch die kollektive Situation betreffen. Wie soll man da Buddhas Lehre verstehen, dass es nur eine Ursache für so viel Leiden gibt; dass diese Ursache in uns selbst liegt, in unserer Art und Weise, die Dinge wahrzunehmen, zu begreifen und zu bewerten. Mit diesen drei Worten „wahrnehmen“, „begreifen“ und „bewerten“ ist alles gesagt. Ich nehme etwas wahr und schließe daraus: „Das ist eine sehr gute Nachricht, das macht mich glücklich.“ Das ist in dem Moment meine Überzeugung. Ich nehme etwas anderes wahr und ich finde das bedrohlich. Ob ich entscheide: „das ist beglückend“ oder „das ist beunruhigend“, ist meine eigene Vorstellung; ich bin es, der das so sieht. Und angesichts all dieses Auf und Ab wagt Buddha zu behaupten: Es gibt nur eine Ursache für das Leiden, sie ist in euch, es liegt an der Art und Weise wie ihr fühlt und jedes Ereignis, jede Situation, jedes Phänomen erlebt. Dieses Thema wird auch ausführlich in der Philosophie der Stoiker behandelt.

Wenn ihr euch die Mühe macht, verschiedene Traditionen zu studieren, seht ihr, dass diese Lehre sich in der Tat überall wiederfindet. Es ist genau die Lehre von Swami Prajnanpad. Und Christus hat nie gesagt: „Dank meiner Worte wird sich die Welt so wandeln, dass es nur noch Glück auf Erden gibt.“ Er hat gesagt: „Die Welt wird euch in Bedrängnis bringen, aber verzagt nicht: Ich habe die Welt überwunden.“ Buddhas Lehre ist äußerst präzise, fast schon wissenschaftlich: Das Leiden hat im Grunde nur einen Ursprung. Dieser Lehrsatz ist der zweite von dem, was man auf Deutsch die „Vier edlen Wahrheiten“ nennt.

Die dritte edle Wahrheit lautet: „Wenn ihr diese Ursache beseitigt, beseitigt ihr auch das Leiden.“ Buddha hat nicht gelehrt: „Ihr beseitigt die Gründe für das Leiden auf der Oberfläche des Planeten“, sondern „ihr beseitigt die Tatsache des Leidens überhaupt“. Das ist einleuchtend, wenn auch erstaunlich. Ihr müsst natürlich nicht alle sofort daran glauben, aber diese Lehre liefert seit 2500 Jahren äußerst überzeugende Ergebnisse und lässt sich mit allen anderen authentischen spirituellen Ansätzen vereinbaren.

Die vierte edle Wahrheit lautet folgendermaßen: „Es gibt einen Weg, eine Methode, die das Leiden verschwinden lässt, indem sie seine Ursache beseitigt.“ Das ist das Herz des Weges. Soweit ihr eure eigenen ungünstigen Umstände verbessern könnt, tut das. Wenn euch eine Bank einen Kredit verweigert, versucht den Kredit von einer anderen Bank zu bekommen. Und wenn ihr Kopfschmerzen habt, nehmt eine Aspirin. In Indien wäre man nie auf die Idee gekommen, einem Jivanmukta wie Ramana Maharshi, dem ein Tumor in der Schulter heftige Schmerzen bereitete, Morphiumspritzen zu geben. Aber einer seiner alten Schüler erzählte mir, dass der Maharshi ihn eines Tages bat: „Ich habe Kopfschmerzen, gib mir eine Aspirintablette.“ Diese scheinbar banale Geschichte hatte bei mir eine tiefe existentielle Wirkung. Welche Einfachheit! Gegen den Schmerz, den mir der Krebs zufügt, kann ich nichts machen, da nützt Aspirin nichts. Aber gegen Kopfschmerzen kann Aspirin vielleicht helfen. Ich habe Bhagavans Bitte wie eine große Lehre empfunden. Sie bedeutet, wenn wir nicht völlig egoistisch sind, uns nicht nur zu fragen, wie wir auf diese oder jene mehr oder weniger wirksame Art und Weise unsere eigenen Schmerzen, sondern auch die der anderen verringern können. Man kann nicht sagen, dass die Einführung des Kommunismus, der einen Teil der Menschheit mit ungeheurer Hoffnung erfüllte, das Leiden des russischen Volkes wirklich vermindert hätte. Ob es sich nun um kollektive Tragödien handelt oder um persönliche Verzweiflung: Der Mensch hat immer wieder versucht, die unzähligen Leidensfaktoren zu ändern, und sei es durch Gewalttaten, die wiederum zu neuen Tragödien führten. Sicher ist es richtig, jenen, die existenzielle Not leiden, zu helfen und das Leben zu erleichtern, aber es ist eine Lösung, die immer ihre Grenzen haben wird.

Buddha sagt uns also: „Die Ursache liegt in euch selbst.“ Es gibt tausende äußere Gründe, aber nur eine einzige innere Ursache. Ihr könnt nicht alle äußeren Leidensquellen beseitigen, aber ihr könnt das Leidensgefühl selbst aufgeben. Insofern gibt es eine