Immer wieder Jane - Jenn Bennett - E-Book

Immer wieder Jane E-Book

Jenn Bennett

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Beschreibung

Ein Mädchen ohne Plan, zwei Brüder mit Geheimnis, ein Musikfestival am See - und ein Sommer voller Liebe! Eigentlich läuft es gut bei Musikfan Jane: Weil ihr Vater für einen Rockmogul arbeitet, verbringt sie fast jeden Sommer am Lake Condor, genießt das Indie-Festival dort und schwärmt für den süßen Eddie, dessen Familie das Event organisiert. Jetzt sind die beiden tatsächlich ein Paar und Jane hat einen Ferienjob am See ergattert – nur leider verreist Eddie unerwartet. Dann trifft Jane auf Eddies jüngeren Bruder und ihr angeknackstes Herz gerät ins Trudeln. Denn zwischen Fen und ihr flammt sofort etwas auf, etwas seltsam Vertrautes. Aber Fen hat ein Geheimnis – und Jane ein ernstes Problem ... Der Soundtrack eines Sommers: lässig, romantisch, tief.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Jenn Bennett

Immer wieder Jane

Aus dem Englischen von Claudia Max

 

Ein Mädchen ohne Plan, zwei Brüder mit Geheimnis, ein Musikfestival am See – und ein Sommer voller Liebe!

Eigentlich läuft es gut bei Musikfan Jane: Weil ihr Vater für einen Rockmogul arbeitet, verbringt sie fast jeden Sommer am Lake Condor, genießt das Indie-Festival dort und schwärmt für den süßen Eddie, dessen Familie das Event organisiert. Jetzt sind die beiden tatsächlich ein Paar und Jane hat einen Ferienjob am See ergattert – nur leider verreist Eddie unerwartet. Dann trifft Jane auf Eddies jüngeren Bruder und ihr angeknackstes Herz gerät ins Trudeln. Denn zwischen Fen und ihr flammt sofort etwas auf, etwas seltsam Vertrautes. Aber Fen hat ein Geheimnis – und Jane ein ernstes Problem …

Der Soundtrack eines Sommers: lässig, romantisch, tief.

WOHIN SOLL ES GEHEN?

  Buch lesen

  Viten

 

Für alle, die ihre Wörter verloren haben

Track [1] »Stella Was a Diver and She Was Always Down« | Interpol

Fen

Sommer vor zwei Jahren

Ich war total durch den Wind. Wie wäre ich sonst auf die Idee gekommen, Eddie und ich könnten uns in die Villa schleichen, ohne dass es jemand mitkriegte? Es war fast ein Uhr morgens – ich hätte längst zu Hause sein sollen. Und logisch wartete Mama im Nachthemd auf der Bank an der Treppe. Ich hatte bloß nicht damit gerechnet, dass sie im Dunkeln sitzen würde.

Als sie sich zu uns umdrehte, sah sie aus wie eine Gruselpuppe aus einem Horrorfilm – das Display ihres Handys warf ein unheimliches Licht auf ihr Gesicht. Es war nicht zu erkennen, ob sie wütend oder besorgt war. Kein gutes Zeichen.

»Sag Dad bloß nicht, dass ich dich mit seinem Auto habe fahren lassen«, flüsterte Eddie, als er das schmiedeeiserne Sicherheitsgitter vor der Tür zuzog. »Ich habe den Code vergessen. Stell ihn wieder scharf. Verschärf ihn. Ha! Schaaafmachen.« Er gab ein schnaubendes Lachen von sich, dann schaute er endlich auf die andere Seite der Eingangshalle. »Oh, Shiiit … Mama. Du hast mir vielleicht einen Schreck eingejagt. Wie heißt noch mal der Film mit der Horrorpuppe? Du weißt, welchen ich meine, Fen.«

Ich gab keine Antwort, weil er ganz offensichtlich immer noch betrunken war, der Hauptgrund, warum dieser Abend so katastrophal gelaufen war. Der andere bestand darin, dass sich mein Bruder für einen Gott hielt.

»Warum hast du nicht auf meine Nachrichten reagiert?«, fragte Mama mich. Nicht etwa Eddie. Obwohl der achtzehn war und im Herbst aufs College gehen würde. Er war der Älteste von uns Geschwistern. »Ich habe angerufen, als stünde der Weltuntergang bevor. Meinst du, es macht mir Spaß, Sprachnachrichten zu hinterlassen? Macht es nämlich nicht.«

»Mein Handy funktioniert nicht. Es ist nass geworden. Ich muss es in Reis oder so legen. So viel zum Thema wasserfest.«

»Das Telefon ist nur bis zu einer bestimmten Tiefheit wasserfest, weiß doch jeder«, belehrte mich Eddie und schleuderte seine Schuhe beiseite.

»Tiefe«, verbesserte ich müde. Aber von was hatte er schon Ahnung? Von nichts, das war ja das Problem.

Mama eilte mit raschelndem Nachthemd durch die dunkle Eingangshalle auf uns zu. Sie strich sich die dunklen Locken aus dem Gesicht und ließ den Blick über uns wandern, von Eddie (angewidert – sie wusste, dass er betrunken war) zu mir (wütend, weil ich mitgemacht hatte), und dann zu den nassen Abdrücken meiner Turnschuhe auf den Terrakottafliesen. »Was hat das zu bedeuten? Du bist klatschnass! Was ist passiert? Alles in Ordnung mit dir? Fennec? Warum antwortest du nicht?«

Wenn Jasmine Sarafian zu viele Fragen stellt, hast du keine Chance. Sie schießt sie wie Pfeile ab, wohl wissend, dass einer aus dem Hagel treffen und dich umbringen wird.

»Er ist ins Stauwehr gesprungen. Klatsch!«, erklärte Eddie. »Als wir uns bei Betty’s eine Band angehört haben, hat er ein Mädchen vor dem Ertrinken gerettet.«

Du verdammter Schwachkopf. Ehrlich … Wie sollte ich ihm helfen, wenn er alles daransetzte, dass es herauskam? Denn genau so fühlte es sich an.

Mama erstarrte. »Ihr wart draußen am Stauwehr?«

»Tut mir leid«, murmelte Eddie achselzuckend. »Ein paar Freunde haben uns überredet. Du weißt ja, wie es läuft.«

»Uns? Du hast Fen mitgenommen? Ich weiß, was da draußen abgeht, Eddie. Junge Leute trinken Alkohol und nehmen Drogen. Dein Bruder ist gerade erst sechzehn geworden!«

»Man ist nie zu jung, um ein Held zu sein«, erwiderte Eddie, als er sie betrunken anstrahlte mit seinem goldenen Grübchenlächeln. »Sei stolz, Mama.«

Oh, wie sehr ich gehofft hatte, diese Unterhaltung zu vermeiden. Wäre Eddie klüger gewesen – aber das war er nun mal nicht –, hätte er gelogen. Denn das Wehr war haargenau der Ort, wo wir uns nicht aufhalten sollten. Und auch nicht im Betty’s, der Bar mit der überdachten Bühne am Ende des Piers. War man alt genug, um den Eintritt zu bezahlen, konnte man sich das Konzert im Open-Air-Pavillon anschauen. Und wenn nicht? Tja … dann zog man sich die Konzerte von Booten aus rein – oder von ein bisschen weiter weg auf dem Condor Dam, dort wo der Blue Snake River in den See mündet. Getränke sind in dem Fall selbst mitzubringen und außerdem ein jüngerer Bruder, damit er das Bier vom Auto anschleppt, während du mit deinen Kumpels abfeierst.

Ist es gefährlich, nachts auf dem Wehr Party zu machen? Ja. Ist es bescheuert? Total. Aber seit Jahren gehen alle dorthin, um sich die Konzerte bei Betty’s anzuhören. Es ist quasi eine Tradition in Condor Lake, und die Cops mischen sich nur ein, wenn sie am Monatsende ihre Quote erfüllen müssen.

»Fennec«, sagte Mama. »Ich denke, du solltest erklären, was es mit dem Mädchen auf sich hat. Stimmt die Sache?«

Ich bemühe mich, möglichst ruhig zu klingen. »Nachts ist das Wehr unbeleuchtet. Sie ist über das Geländer gestürzt und ins Wasser gefallen. Vermutlich ist sie mit dem Kopf auf den Steinen aufgeschlagen – sie trieb Richtung See und niemand hat ihr geholfen.«

»Die Band war laut«, erklärte Eddie wenig hilfreich. »Wir haben sie nicht gehört.«

Haben uns nicht darum gekümmert, wäre zutreffender. Mein Bruder kümmerte sich prinzipiell nur um sich selbst. »Ist ja auch egal, ich bin reingesprungen und hingeschwommen. Ich habe sie gefunden.«

»Sie hat nicht mehr geatmet«, fügte Eddie hinzu.

Sie ist gestorben. Ich glaube, sie ist gestorben. Eine Minute lang. Ein paar Sekunden. Ich bin mir sicher, sie war tot.

Es war kein Atem mehr zu spüren.

Kein Leben.

»Was?«, fragte Mama mit weit aufgerissenen Augen.

Hätte Eddie das doch bloß für sich behalten. Schließlich war er derjenige, der am Strand fast einen Nervenzusammenbruch gekriegt und mich angefleht hat, es nicht unserer Mutter zu erzählen. Und jetzt quatschte er einfach los? Lag es daran, dass er betrunken war? Oder war er einfach nicht der Hellste?

Jedenfalls fiel es mir jetzt zu, Mama den Rest zu erklären. »Es war nicht so dramatisch«, sagte ich mit meiner allerbeiläufigsten Stimme. »Ich hab sie im Wasser gefunden und an Land gezogen. Da sie sich nicht gerührt hat, habe ich sie reanimiert. Es war nicht weiter schwer. Nach ein paarmal Zudrücken hat sie Wasser gespuckt.«

Fest drücken, schnell drücken. Aber sie war keine Erste-Hilfe-Puppe. Sie war ein sterbender Mensch und so klein, dass ich nicht wusste, wie fest ich zudrücken konnte. Was, wenn ich ihr etwas brach? Was, wenn ich es vermasselte?

Es war das Furchterregendste, was ich in meinem ganzen Leben getan hatte.

»Heilige Mutter Gottes«, flüsterte Mama und presste die Hand aufs Herz. »Ich habe eurem Vater gesagt, wie wichtig diese Erste-Hilfe-Kurse sind. Danke, heiliger Georg!«

Jetzt kommen die Heiligen dran. Ich muss das zu Ende bringen, und zwar schnell. »Aber sie blutete am Kopf –« So viel Blut. Ich hielt sie für tot. »– und sie war bewusstlos. Irgendjemand hat einen Krankenwagen gerufen.«

»Da hat die Band dann auch aufgehört, weil Leute den Vorfall mitbekommen hatten«, fügte Eddie hinzu.

»Der Krankenwagen hat sie mitgenommen, aber nur, um sie durchzuchecken, auf Gehirnerschütterung oder so was. Sie meinten, sie würde es gut überstehen«, versicherte ich Mama. Sie sagten auch, sie würde eventuell einen Gedächtnisverlust erleiden.

Und sich vielleicht nicht daran erinnern, dass ich sie aus dem Wehr gezogen hatte.

»Held!« Eddie schlug mir ungefähr zum tausendsten Mal an diesem Abend zu hart auf den Rücken. Ich boxte gegen seinen Arm, dass er schwankte. »Autsch, Mann. Das tat weh, du Idiot.«

»Krieg dich ein«, sagte ich. »Du weckst noch die Zwillinge auf.« Wenn die beiden aufwachten, wäre Dad der Nächste. Und ihn konnte ich gerade echt nicht brauchen.

Mama schüttelte bedächtig den Kopf und presste fassungslos die Hand vor den Mund. »Wer, Fen? Wer war das Mädchen?«

Ich warf Eddie einen schnellen, finsteren Blick zu. Verkack es nicht. »Keine Ahnung«, erklärte ich Mama. »Irgendein Sommermädchen, das fürs Festival hier ist.« Sommerleute: so nannten wir die Touristen, die angeflogen und angefahren kamen, um bis Ende Juli aus uns zweitausend Einwohnern zweihunderttausend zu machen.

»Ihr wisst ihren Namen nicht?« Mamas dunkle Haare kräuselten sich wild an den Schläfen.

Und ab da ging es richtig mit den Lügen los. Denn ich wusste ganz genau, wer sie war. Und ich wusste, warum sie am Wehr abhing: Sie gehörte zu Eddies Verehrerinnen.

Ich kapierte es nicht. Er pupste im Schlaf, erzählte abgedroschene Witze und hatte einen unterirdischen Musikgeschmack. Und trotzdem konnte er nichts falsch machen. Und das galt nicht nur bei den Mädchen. Auch seine Lehrer und Lehrerinnen waren ganz vernarrt in ihn. Den Highschool-Abschluss hat er nur geschafft, weil er sich mit Charme durch die Nachprüfungen gemogelt hat. Ich wette den gesamten Inhalt meines Portemonnaies, dass er nicht weiß, wie der aktuelle US-Präsident heißt. Er hält die Schweiz und Schweden für ein und dasselbe Land.

Aber ein Lächeln genügte und schon hatte er die Note, die er zum Bestehen brauchte, in der Tasche. Mein Vater ist einer der einflussreichsten Leute der Stadt, aber das merkt man nicht, denn der wahre Star ist Eddie Sarafian.

»Wer ist dieses Mädchen, Eduard?«, bohrte Mama. »War sie mit dir dort?«

Ausnahmsweise bewies Eddie genug Grips, nicht noch mehr zu erzählen und sich selbst zu belasten. Er schüttelte bloß den Kopf. Ein bisschen zu heftig vielleicht, aber wenigstens hielt er die Klappe. Wie wir es im Auto geübt hatten. Und worum er mich angebettelt hatte. Ich habe sie gefragt, ob sie zum Wehr mitkommt. Man wird mir die Schuld geben, so läuft es nun mal. Verrat mich nicht, Bro, hatte er gesagt und dabei rumgeheult. Die letzten Tränen hatte ich bei ihm gesehen, als wir noch Kinder waren. Keine Ahnung, ob es am Bier lag oder ob er Schiss hatte, dass man ihn drankriegen würde, oder ob er sich Sorgen wegen des Mädchens machte, weil er sie wirklich mochte. Vielleicht alles drei, aber es war trotzdem seltsam.

Die braunen Augen meiner Mutter schimmerten im Mondlicht, als sie erst ihn, dann mich musterte. Mein Puls beschleunigte. Ich hatte das Gefühl, dass sie uns die Story nicht abkaufte. Warum auch? Alle kannten Eddie und Eddie kannte alle. Auch das Mädchen, das fast ertrunken wäre. Was echt daneben war, denn sie war so alt wie ich – zu jung für Eddie. Aber ich hatte mitbekommen, wie sie früher am Abend miteinander redeten. Später sah ich das Mädchen weinen.

Wenige Minuten bevor sie ins Wasser gefallen ist.

Nur um das klarzustellen. Ich will nicht sagen, dass er schuld ist. Ich hatte ja auch keine Ahnung, was zwischen den beiden gelaufen war. Eddie wollte es mir absolut nicht verraten. Aber mir war klar, dass Mama stinksauer wäre, wenn sie mitkriegte, dass er eine Zehntklässlerin angebaggert hatte. Und wenn sie wüsste, wer das Mädchen war, würde sie einen Tobsuchtsanfall bekommen.

Jane Marlow, die Tochter des Chauffeurs – Mad Dog Larsens Chauffeur.

Und ja, genau dieser Mad Dog. Der berühmte Rockproduzent. Eigentümer von Rabid Records.

Vergiss seine Grammys. Vergiss, dass er ein paar der größten Alben der letzten Jahrzehnte produziert hat. Entscheidend war, dass Mad Dog die Sommer nur deshalb hier in Condor Lake verbrachte, weil mein Vater ihm die Traumvorstellung von dieser Stadt verkauft hat, die er jedem verkaufte. Ein Märchen in der Sierra Nevada.

Mein Vater ist der letzte große Musikpromoter. Serj Sarafian. Und er hat eines der größten Indie-Musikfestivals in Kalifornien ins Leben gerufen.

Doch ohne eine Finanzspritze von einem der großen Player hätte er das Amphitheater und das Gelände, auf dem das Festival stattfand, verloren. Und sein großer Albtraum war, das ganze Ding für die Hälfte seines Wertes an einen nationalen Eventpromoter verkaufen zu müssen.

Deshalb brauchte er jemanden mit einem Haufen Geld, der gewillt war zu investieren. Jemanden wie Mad Dog.

Und der kam. Er brachte seine Familie mit und seinen guten Namen und zog in ein mehrere Millionen Dollar teures Sommerhaus auf der anderen Seite des Sees. Und nach und nach begann er, mit uns zusammenzuarbeiten. Leider musste der Vertrag für das Amphitheater alle zwei Jahre erneuert werden.

Mad Dog hielt sich sehr bedeckt, was seine Familie anbelangte: vier Töchter von drei verschiedenen Frauen. Doch am See kursierte ein Gerücht, dass das Mädchen, das ich heute Abend aus dem Wasser gezogen hatte, seine Tochter mit einer vor Jahren verstorbenen Haushälterin sein könnte – und dass der Chauffeur womöglich nur so tat, als sei sie sein leibliches Kind. Keine Ahnung, ob das stimmte, aber was, wenn es wirklich so war? Aber falls meine Mutter herauskriegte, dass Eddie was mit Mad Dogs jüngster Tochter laufen hatte, als sie vom Stauwehr stürzte und um Haaresbreite gestorben wäre – bitte, bitte, bitte, lass sie auch heute Nacht nicht sterben –, und falls Mad Dog herausfand, dass Eddie sie dorthin gebracht hatte?

Dann konnte meine Familie alles verlieren.

Ich log also für sie – für meine Mutter und die Zwillinge. Löschte Jane Marlow für sie. Nicht für Eddie, den ich heute Abend mit einer drückenden Schwärze verabscheute, die mir wie ein Stein im Magen lag.

Was mich allerdings nicht davon abhielt, an Janes Gesicht zu denken, sobald ich die Augen schloss.

Im Türbogen hinter der Treppe ging ein Licht an. Ms Makruhi, unsere neugierige Haushälterin. Und war das Geräusch über uns das Patschen von Zwillingsfüßen? Bitte nicht! Ich stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch und wollte bloß noch hoch in mein Zimmer, ohne meinen Vater aufzuwecken.

War das zu viel verlangt?

»Mein Baby? Mein Augenstern?«, sagte meine Mutter und umfasste mein Gesicht. »Fen-jan?«

»Ich bin okay, Mama.«

Sie nickte. »Du bist ein guter Junge. So ehrenhaft. Immer denkst du an die anderen.«

Das gab mir den Rest. Es machte mich krank. Ich hasste es, sie anzulügen. Mein Vater konnte von mir aus ins Wehr fallen, aber sie anzulügen war schrecklich. Ich wollte ihr einfach erzählen können, dass es der schlimmste Abend meines Lebens war und dass nichts je wieder okay sein würde. Aber natürlich sagte ich nichts.

»Auf dich kann sich die Familie immer verlassen«, sagte Eddie hinter ihrem Rücken zu mir. Seine Stimme hatte einen Unterton, den ich nicht recht deuten konnte.

Einen Moment lang fragte ich mich, ob mein Bruder doch nicht so blöd war, wie ich annahm.

Condor-Festival-Freaks private Nachrichten

Eddie Sarafian:

Was geht? Noch ne Ahnung, wer ich bin?

Jane Marlow:

Eddie?

Eddie Sarafian:

Jo haha, genau, Haken drunter und so

Hab deinen Namen in dem Thread über Bühnenbeleuchtung gesehen.

Dachte ich meld mich mal. Wie läufts in LA? Ist ja n paar Wochen her

Jane Marlow:

Wow. Ganz schön überraschend, von dir zu hören. Aber gut!

LA ist wie immer. Wie ist Condor Lake? Voll doof, dass ich das Festival verpasst habe

Eddie Sarafian:

Alles gut hier.

Bist du wieder fit?

Hab gehört du hast Sprachtherapie gemacht??

Jane Marlow:

Ein paar kleine Probleme mit dem Gehirn, weil ich so lange unter Wasser war. Noch nicht wieder in der Schule

Eddie Sarafian:

Ups. Aber keine Schule? Klingt super hahaha genieß es!

Jane Marlow:

Eigentlich nicht. Es ist beschissen

Aber meine Ärzte sagen, dass ich in ein paar Monaten wieder okay sein sollte

Eddie Sarafian:

Scheiße! Ich fühl mich mies. Tut mir echt voll leid

Jane Marlow:

Nicht deine Schuld, dass ich ungeschickt bin

Eddie Sarafian:

Bin froh, dass du das sagst …

Aber wär cool, wenn du nicht rumerzählen würdest, dass wir zusammen gechillt haben

Will nicht dass mich Big Dog hasst

Oder haste ihm schon erzählt?

Jane Marlow:

Warum sollte ich!?

???

Eddie Sarafian:

Cool du bist echt Zucker die Beste Beste Beste

Hey vielleicht komm ich im Herbst nach LA

Musikbiz und so

Wollen wir uns sehen? Nur du und ich …

Track [2] »Dreaming« | Blondie

Jane

Jetzt

Ich wollte bloß, dass sie sich mögen. Leo Marlow und Eddie Sarafian alias Dad und Boyfriend. Die beiden wichtigsten Männer in meinem Leben. Sie einander vorzustellen ging allerdings voll in die Hose und nun stand mein Vater auf dem Privatflughafen am Rand des Rollfelds neben dem 1965er Heckflossen-Mercedes unseres Arbeitgebers und kniff die Augen zusammen wie der Hulk. Dad war definitiv nicht beeindruckt von meinem Freund. »Mögen« hatte sich in Luft aufgelöst. Hier konnte man nicht mal von Ambivalenz sprechen. Oh nein: Das hier war Verachtung mit einem Schuss Ich-träume-von-deinem-Tod.

Dad hielt Fridas Leine für mich, sie fiepte und wollte sich losreißen.

Mein Vater. Der Hund. Ich. Eddie. Niemand auf der Startbahn war glücklich.

Ich gab meinem Vater ein Zeichen: Nur noch einen Moment. Eddie würde gleich mit ein paar Anwälten aus der Unterhaltungsbranche ins Ausland fliegen, und unser katastrophales Treffen wirkte sich nicht nur auf mein Herz aus, sondern auch auf mein Hirn. Im wahrsten Sinne des Wortes.

»Hey, ich muss da mal eben rangehen. Hallo-ho«, sagte Eddie zu mir und stieß einen Pfiff aus. »Ground Control an Space Cadet. Baby?« Er warf mir einen mitleidigen Blick zu.

»Kein Problem«, versicherte ich ihm, als er das Telefon hochhielt. Ehrlich gesagt war es eine Erleichterung, dass er für einen Moment zur Seite trat. Ich brauchte die Pause, um alles zu verarbeiten, denn die Wörter am Ende seiner Sätze dröselten sich auf und ich konnte mich nur mit Schwierigkeiten darauf konzentrieren. Der Teil meines Gehirns, der beim Unfall verletzt worden war, kam mit dem Stress nicht klar.

Die Ärzte bezeichneten meinen Zustand als »Aphasie«. Kurz gesagt, eine Kommunikationsstörung, ausgelöst von meinem Sturz vom Wehr. Ich war nicht blöd oder dauerhaft geschädigt oder begriffsstutzig. Ich hatte nur ab und zu Probleme mit einigen Wörtern. Wenn Leute laberten (lange Reden, gähn), blendete mein Hirn Teile davon aus – deshalb war es zum Beispiel besser, mir Wegbeschreibungen aufs Handy zu schicken, statt mir zu erklären, wie ich irgendwo hinkam. Wenn ich unter großem Druck stand, suchte ich manchmal nach bestimmten Wörtern, doch sie verschwanden, bevor sie es aus meinem Mund herausschafften. Pfft! Weg waren sie.

Und das war das Schlimmste. Alles andere konnte ich irgendwie überspielen. Doch wenn man simple Wörter vergaß, fiel es den Leuten auf.

Manchmal fühlte es sich an, als würde ein wörterfressendes Ungeheuer in meinem Gehirn leben.

Ich hasste diese scheiß Wörterfresserin.

Ich hatte wochenlang keine Probleme gehabt, deswegen war es einfach unglaublich frustrierend, dass die Wörterfresserin nun ausgerechnet zum Beginn meiner Sommerferien ihr hässliches Gesicht zeigen musste. Genau in dem Moment, in dem ich bereit war, aus meinem Kokon herauszukriechen.

Dad und ich waren auf dem Weg nach Condor Lake in der Sierra Nevada, um den Sommer dort zu verbringen. Vor drei Stunden waren wir von Mad Dogs Haus in Bel Air, Los Angeles, losgefahren. Das übrige Hauspersonal von Mad Dog war bereits gestern in der Lodge eingetroffen, um alles vorzubereiten. Er und »die Familie«, wie wir sie nannten, waren morgens mit dem Privatjet angereist. Der nun hier auf dem Asphalt stand.

Ich hatte heute Morgen noch an der Abschlussveranstaltung meiner Highschool teilgenommen (nicht weiter aufregend), deshalb kamen Dad und ich als Letzte am See an. Außerdem war ich für Frida Kahlo zuständig – die aufgeregte, spitzohrige mexikanische Mini-Nackthündin, die sich von meinem Vater loszureißen versuchte. Die Kleine gehörte Mad Dogs Tochter Velvet und da sie nicht gerne flog, hatten wir sie im Auto mitgenommen.

Der Condor-Lake-Privatflughafen liegt ein paar Meilen vom eigentlichen See entfernt, daher hatte unser Zwischenstopp den militärisch genauen Zeitplan meines Vaters durcheinandergebracht. Und zu allem Übel brannte auch noch die heiße Nachmittagssonne auf meinen Nacken, weil ich bei einer spontanen Aktion gestern Abend meine dunklen Haare habe abschneiden lassen. Schnippschnapp, fertig war der Pixie Cut. Meine Haare waren nun ebenso kurz wie meine Aufmerksamkeitsspanne. Der Hairstylist nannte es einen Rosemaries Baby-Haarschnitt, was mir nichts ausmachte, bis wir vor ein paar Minuten hier angekommen waren und Eddie mir erklärte, ich würde »viel jünger« damit aussehen.

Jetzt war ich paranoid.

Dads stechender unzufriedener Blick folgte Eddie über den Asphalt des Privatflugplatzes. Der Wind zerrte an Eddies weißem T-Shirt und den langen Shorts, er presste eine Hand aufs Ohr, um zu telefonieren. Gleich würde er in einen Flieger Richtung Philippinen steigen und ein paar Wochen weg sein. Ich hatte ihn seit den Frühjahrsferien nicht mehr gesehen. Unsere wenigen kostbaren Minuten zusammen verrannen einfach, aber Eddie schien das nicht zu kümmern. An ihm perlte alles ab.

Frida kläffte leidend, sie verstand nicht, dass Eddie allergisch gegen Hunde war.

Ich versuchte, einfach die Ruhe zu bewahren.

»Wie nennt man das noch mal, wenn ein alter Löwe einen jungen Löwen sieht und grundlos Panik kriegt, dass sein Rudel in Gefahr ist?«, fragte ich den hochgewachsenen Schwarzen im teuren Anzug, der uns auf dem Asphalt entgegenkam.

»Das Gesetz des Dschungels?«, tippte er und hievte seine Umhängetasche von einer Schulter auf die andere. Gordon Goodman war Mad Dogs Top-Anwalt für Medienrecht. Er wohnte in L.A. und ging im Haus in Bel Air ein und aus. Er war heute Morgen mit Mad Dog hergeflogen.

»Das alte Männchen hat nur ein Junges, aber die Kleine ist nicht in Gefahr«, fügte ich wenig hilfreich hinzu. Das Wort lag mir auf der Zunge …

»Er verhält sich wie ein guter König«, sagte Gordon.

»Nein, das ist es auch nicht. Es ist überfürsorgliches Pinkeln auf … etwas.«

»Revier?«

Ich klatschte in die Hände. »Das wars! Revier markieren.«

»Leo ist Ihr Vater, Jane. Das Revier zu markieren ist seine Pflicht. Er tut es den ganzen Tag für Mad Dog – schaltet sämtliche Bedrohungen aus. Es ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen.«

»Eddie ist keine Bedrohung«, antwortete ich bockig.

»Hey. Ich kenn den Jungen nicht«, erwiderte Gordon sachlich und ging seinen Hut festhaltend auf die offene Flugzeugtür zu. »Aber ich werde einige Zeit mit ihm verbringen. Allein der Flug nach Manila dauert vierzehn Stunden und dann müssen wir noch mit Auto, Fähre und Helikopter weiter, um zu dieser entlegenen Insel zu kommen. Da werde ich mir dann eine Meinung bilden können.« Er klang nicht besonders angetan. »Wir sehen uns Ende des Monats, Miss Marlow.«

Gordon flog mit Eddie und dem Anwalt der Sarafians zu irgendeiner idyllischen philippinischen Privatinsel, um den Mietvertrag zu unterschreiben, der Auswirkungen auf die Zukunft des Condor Musikfestivals haben konnte. Die Details verstand ich nicht so genau, nur dass der Vertrag bis Ende Juni unterschrieben sein musste, damit das Festival nächsten Monat nicht gefährdet war. Sprich, nicht abgesagt werden musste. Viele Millionen Dollar standen auf dem Spiel. Die Tickets waren bereits verkauft, die Visen für die Bands beschafft, die Werbung geschaltet, die Hotelzimmer gebucht.

Aber Eddie würde sich darum kümmern, dass alles glattlief. Er war der Erbe des Sarafian-Imperiums und sein Vater, Serj, ein legendärer Musikpromoter, brachte ihm die Spielregeln bei. In den wenigen Monaten, die Eddie und ich zusammen waren – vor allem online –, hatte ich eine völlig andere Seite des Musikgeschäfts kennengelernt als die, die ich durch mein Leben im Haus von Mad Dog Larsen mitbekommen hatte. Vielleicht sogar mehr.

Eddie wollte mir das Geschäft beibringen und mich Musikern vorstellen.

Mad Dog wollte, dass ich auf seine Haustiere aufpasste und ihm Limo brachte.

Eddie kniff die braunen Augen gegen die Nachmittagssonne zusammen, schob sein Handy in die Hosentasche und lächelte mich an. Wow. Er sah echt verdammt gut aus. Alle sagten, er könne als Model arbeiten. Er hatte seine Haare kürzer schneiden und aufhellen lassen, und jetzt sah er wirklich von Kopf bis Fuß golden aus. »Muss los, Babe.« Er rieb sich die Nase. »Wir müssen am LAX einen Linienflug kriegen. Bis zu den Philippinen schafft es dieser Hüpfer hier nicht.«

Hüpfer? Hallo? Ich hatte keine Vorstellung, wie viel es kostete, im Privatjet nach L.A. zu fliegen. Dieser Flieger war Mad Dogs normales Beförderungsmittel nach Hause. Ich hatte noch nie einen Fuß hineingesetzt. Mad Dogs persönlicher Bodyguard war der einzige Angestellte des Haushalts, der mitfliegen durfte.

»Du musst schon los?«, beschwerte ich mich. »Aber ich hab dich kaum gesehen.«

»Na ja … als du vorgeschlagen hast, uns hier zu treffen, hast du nicht erwähnt, dass du Daddy mitbringen würdest.« Er warf einen Seitenblick auf meinen Vater und lachte affektiert. Als ich protestierte, milderte er ein wenig ab: »Er wird mich schon noch ins Herz schließen. Tut jeder irgendwann.«

Wohl wahr. Eddie hatte den Dreh raus, wie er Leute einwickeln musste, damit sie nach seiner Pfeife tanzten. Die eine Minute versuchte man, aus seinen konfusen Nachrichten schlau zu werden, und in der nächsten ließ man bereits auf dem Rücksitz eines italienischen Sportwagens seinen besten BH fallen.

»Du bist wieder zurück hier am …« Ich konnte das Wort nicht finden – großes blaues Dings mit Wasser drin …? Ich bekam ein bisschen Panik und versuchte, mich zu fangen, bevor er was merkte. »In ein paar Wochen?«

Das traurige Gesicht, mit dem er mich ansah, verriet mir, dass ich und meine Gehirnprobleme ihm leidtaten. »Vermutlich. Das Haus von diesem Mogul ist am Ende der Welt, der Empfang ist schlecht dort. Ich versuche anzurufen, aber falls du die nächsten paar Tage nichts von mir hörst, schicke ich dir Schildkrötenpost aus China.«

»Äh, ja?« Ich sah ihn fragend an.

Er lächelte. »Sollte ein Witz sein. Verstehst du? Eine Anspielung auf den Song Slow Boat to China? Aber ich bin ja auf den Philippinen und da haben sie vermutlich eher Schildkröten als Boote. Egal, wollte damit nur sagen, dass es vielleicht ein bisschen dauert.«

Wer hätte das gedacht … Sinnlos, ihm zu erklären, dass ich nicht blöd war. Anfangs hatte ich vermutet, dass die Wörterfresserin mich davon abhielt, Eddies Potenzial als Komiker zu erkennen, aber nein: Er war einfach nicht der Hellste. Dafür sehr hübsch. Und lieb. Ich war schon als Kind in ihn verknallt gewesen. An dem Abend, an dem er mich zum Wehr einlud, hatte er mich zum allerersten Mal zur Kenntnis genommen. Das zweite Mal war, als wir nach dem Unfall online Kontakt aufnahmen. Da habe ich dann auch herausgefunden, dass er derjenige gewesen ist, der mich aus dem Wasser gezogen und mir das Leben gerettet hat.

Vermutlich war das heute in den Augen meines Vaters sein einziger Pluspunkt. Aus meinem Dad wird man nur schwer schlau.

Aber egal, einfach schräg, dass etwas so Schreckliches Menschen zusammenbringen konnte, die sonst nichts gemeinsam hatten. Glück im Unglück, nahm ich an.

Mein Handy vibrierte. Norma. Die Haushälterin von Mad Dog fragte, wo wir blieben. Ihre nächste Nachricht war die Bitte, Eis mitzubringen, weil der Gefrierschrank in der Anrichteküche der Lodge nicht schnell genug funktionierte. Oh Mann.

»Da läuft aber bei jemandem das Telefon heiß«, bemerkte Eddie.

»Arbeit«, nuschelte ich.

»Der große Hund? Du hast Urlaub, Babe. Er soll sich mal einkriegen und dich in Ruhe lassen. Du bist mein Mädchen, nicht seines.«

Nein, ich hatte keinen Urlaub. Ich machte einen bezahlten Job und solange ich bei freier Kost und Logis unter Mad Dogs Dach wohnte, lebte ich nicht nur nach der Stechuhr, die Uhr und ich waren sozusagen eins. Abgesehen davon konnte ich schwer einschätzen, wie viel Mad Dog über mein Leben wusste. Wir sahen uns zwar jeden Tag im Vorbeigehen und wechselten ab und zu ein paar Worte, doch als ich Dad fragte, ob Mad Dog weiß, dass Eddie und ich zusammen sind, brummte er bloß: »Er merkt, dass irgendwas im Gange ist.«

Was immer das bedeutete.

»Hey, schauen Sie noch mal nach, ob meine blaue Tasche eingeladen wurde«, rief Eddie dem Anwalt der Sarafians hinterher, der gerade ins Flugzeug stieg. »Ich komme sofort!«

Mist. Das wars dann. Er schaute wieder auf sein Handy. Zeit zu gehen.

»Wenn du zurückkommst, verbringen wir dann Zeit hier am See?« Ich wusste, dass ich wie eine Klette klang. Ich fühlte mich wie eine Klette. Was ich hasste. Aber das passierte, weil Eddie nie da war und sich auch nie auf irgendetwas festlegen ließ. Würde er auf meine Nachrichten antworten? Würde er wie versprochen anrufen? Würde er dieses Wochenende nach L.A. kommen? Ich wusste es nie. Alles war »unser kleines Geheimnis«. Es war aufregend, aber auch ermüdend. Klar, er hatte viel um die Ohren, weil er seinem Vater half. Aber trotzdem.

Sein Versprechen lautete immer: morgen.

Morgen, morgen, morgen.

Ich wollte nicht heulen, aber ich spürte die Tränen unter den Augenlidern kribbeln. Wie bescheuert war das denn? Der ganze Tag war einfach zu viel. Schulabschluss. Rückkehr an den See. Eddie und mein Vater.

»Hey! Hey.« Er sah mir in die Augen. »Nicht das jetzt.«

»Schon vorbei.« Ich nahm mich zusammen. »Es wäre einfach schön, wenn wir mehr Zeit hätten.«

»Weißt du, was? Wenn ich zurückkomme, sehen wir uns nach einer Wohnung am See um. So wie wir es besprochen haben. Du und ich. Und wenn wir eine finden, gehst du am Ende des Sommers vielleicht gar nicht nach L.A. zurück …? Du musst ja nicht mehr zur Schule. Du könntest das College hier besuchen oder eventuell für meinen Dad arbeiten. Oder einfach chillen. Jede Menge Möglichkeiten. Was meinst du? Bist du dabei?«

»Eddie«, sagte ich so leise wie möglich über dem entfernten Motorenlärm des Jets. Ich traute mich nicht, zu meinem Vater zu schauen. »Meinst du das ernst?«

Er legte mir die Hände um den Hals. »Klar. Überleg dir einfach, wo am See du wohnen möchtest. Ich werde mit meinem alten Herrn reden. Ihn muss ich als Erstes rumkriegen, denn ohne seine Zustimmung läuft nichts. Also keine Versprechungen. Aber es sollte schon klargehen. Lass es uns trotzdem erst mal für uns behalten. Wir reden weiter, wenn ich zurück bin, okay?«

Er sprach so schnell, dass ich nicht zum Antworten kam. Mein Herz war voller Freude. Er hatte es gesagt, oder? Ich hatte es nicht missverstanden? Das hier war kein Hirnchaos der Wörterfresserin?

»Zusammenleben? Eine eigene Wohnung?«, fragte ich.

»Hey, denk dran, Velvet auszurichten, sie soll bei der Battle of the Bands für Tell & Show stimmen«, kam statt einer Antwort. »Das ist megawichtig. Du bist jetzt ihre Assistentin, sorg dafür, dass sie das auf die Reihe kriegt. Das ist entscheidend für meinen Dad. Der Wettbewerb findet dieses Wochenende statt – nicht vergessen, okay? Versprochen?«

Die Battle of the Bands war mir so was von egal. Ich dachte nur daran, mit ihm zusammenzuziehen. »Warte! Die Wohnung –«

»Drück mir die Daumen!« Er löste sich von mir und legte den Finger an die Lippen. Unser kleines Geheimnis. »Bis in ein paar Wochen! Dann reden wir länger!«

Er trat zurück, schenkte mir ein prinzliches Lächeln und rannte zum Flugzeug. Und weg war er. Ich wäre gern zum Abschied geküsst worden, aber vielleicht machte er sich Sorgen, weil mein Vater uns beobachtete. Und vielleicht war es ja auch nicht wichtig. Was brauchte ich einen Kuss, wenn ich das Versprechen hatte, dass wir zusammenziehen würden?

Track [3] »Summer Girl« | HAIM

Jane

Nachdem Eddies Flieger abgehoben hatte, verließen Dad und ich den Flughafen. Zwischen uns herrschte eine angespannte Stille. Es fiel mir schwer, glücklich zu sein, wenn er so griesgrämig war, aber als uns die Sonne hinter einem Straßenschild zuzwinkerte, gab ich mein Bestes, um seine schlechte Laune auszublenden. Ich hielt die Hand vor die Augen und lächelte, als ich las:

CONDOR LAKE, 2 MEILEN

GAS – FOOD – LODGING

Endlich! Alles war genau so, wie ich es vor zwei Sommern verlassen hatte. Die Berge. Die Riesenmammutbäume. Die felsige Landschaft vor der Stadt. Nichts hatte sich geändert. Außer mir. Tschüs, ungeschickte Jane, Tochter des Chauffeurs, die in den Stausee gestürzt war. Hallo, Jane, zukünftige Verlobte des Erben eines kalifornischen Konzertimperiums. Okay. Vielleicht nicht gleich Verlobte. Aber mit Eddie zusammenzuziehen – in unsere eigene Wohnung? Der Gedanke brachte mich total durcheinander.

Sollte mein Vater doch auf dem Fahrersitz herumschmollen, mir würde er die Laune nicht vermiesen.

»So … Das war also der berühmte Eddie Sarafian«, bemerkte er, eine Hand auf dem Lenker, als wir uns auf dem Freeway unserer Abfahrt näherten.

Ich seufzte tief. »Spuck es aus, Dad. Ich weiß, dass du etwas sagen willst.«

Er schmollte stumm weiter, eine Kiefer lang, zwei Kiefern lang, drei … Dann konnte er nicht mehr an sich halten. »Er ist so was von eingebildet, Küken. Und zu alt für dich«, brummte er und legte den Kopf mit der wirren goldenen Lockenmähne schief, um mich über den Rand seiner dunklen Brille zu mustern.

»Er ist zwanzig. Ich bin achtzehn.«

»Aber es hat ihn überrascht, dass Mad Dog mich mit dem Mercedes quer durch den Bundesstaat fahren lässt?«

Ich stöhnte auf, als sich meine schwelende Verlegenheit erhob wie ein Zombie in einem Horrorfilm. »Das war ein Witz. Sein Sinn für Humor ist nicht besonders ausgeprägt.«

»Das kannst du laut sagen. Ich habe diese Karre eigenhändig aufgemöbelt, verdammt noch mal, und ich arbeite seit einundzwanzig Jahren für Mad Dog – da war wie-hieß-er-gleich noch nicht mal auf der Welt.«

»Eddie.«

Er machte eine ausladende Handbewegung, ohne die Augen von der Straße zu nehmen. »Außerdem ist er unhöflich. Warum hat er mich als ›der Chauffeur‹ bezeichnet? Er sollte mich mit Mr Marlow ansprechen. Was stimmt nicht mit diesen Typen von heute? Reiche Scheißkerle ohne Manieren …«

Er würde das nicht auf sich beruhen lassen. Mein Vater war ein alter Surf-Punk – dass im Auto gerade die angejahrte Punkband Agent Orange lief, war seine Wahl – und Golfkrieg-Veteran, er stemmte Gewichte, war sehr fürsorglich und mochte es, wenn Leute pünktlich waren. Er hatte ein verblasstes Pin-up-Tattoo meiner Mutter mit Engelsflügeln auf dem Unterarm, und auf der Innenseite seines Handgelenks wand sich eine dünne Schriftrolle mit meinem Namen.

»Eddie ist zu allen so locker, nicht nur zu dir. Ich glaube, er war nervös, weil wir ihn überrumpelt haben. Was er auf den Philippinen macht, ist eine große Nummer. Es ist das erste Mal, dass ihm sein Vater einen so wichtigen Deal anvertraut. Und er war noch nie so weit weg von … von …« Argh.

Mein Vater warf mir einen Blick zu. »Von zu Hause.«

»Von zu Hause«, wiederholte ich frustriert und streichelte Frida.

Er drehte die Musik leiser und ich sang den Refrain mit, bis ich ruhiger war. Musik schaffte es, die Wörterfresserin zu hypnotisieren. Es hatte mit dem Rhythmus zu tun. Mein Hirn sehnte sich danach.

»Küken?«, sagte mein Vater sanft. »Ich muss ihn nicht mögen. Du hast gerade deinen Schulabschluss gemacht, du bist achtzehn – damit bist du erwachsen. Es ist dein Leben. Deine Entscheidung. Wenn du willst, dass ich mich einmische, oder wenn du meinen Rat haben oder nach Hause gefahren werden möchtest – sag Bescheid. Okay?«

Ich nickte. »Okay.« Man konnte immer darauf zählen, nach Hause gebracht zu werden. Das war Leo Marlows Grundsatz. Egal, was man veranstaltet hatte, in welchem Schlamassel man steckte, man rief ihn an. Er würde einen abholen und nach Hause fahren, ohne Fragen zu stellen. »Danke.«

»Ich werde mich bemühen, meine Meinung für mich zu behalten. Aber ich werde nicht zulassen, dass irgendjemand meinem Kind wehtut. Das ist die rote Linie. Abgemacht?«

»Hier tut niemand irgendjemandem weh. Er hat sich nicht mal getraut, mich vor deinen Augen zu küssen. Sei zufrieden.«

Mein Vater wirkte nicht zufrieden. Vermutlich besser, dass ich das mit dem Zusammenziehen nicht angesprochen hatte. Sollte er Eddie erst mal kennenlernen, wenn er wieder zurück war. In der Zwischenzeit hatte ich am See genug zu tun. Dazu gehörte das schmale braune Bündel auf meinem Schoß. Als Frida die kleinen Vorderbeine streckte, um aus dem Fenster die vorbeiziehende Landschaft zu beobachten, drückte ich ihr einen Doppelkuss hinter eins ihrer spitzen Ohren.

»Endspurt«, sagte Dad, als er an der großen Tankstelle vom Freeway abbog. »Bereit?«

War ich bereit? Ich atmete tief durch und betrachtete mit Frida im Arm die vertrauten Wahrzeichen. Mit einer Mischung aus Aufregung und Angst sah ich zu, wie die Nachmittagssonne Flecken auf das Wandbild der Tankstelle warf: Es zeigte eine Sammlung der Superstars, die seit den 1990ern auf dem Condor Musikfestival gespielt haben: alle von Prince, der sein eigenes Plattenlabel besaß, bis Nirvana, die auf dem Festival gespielt hatten, als sie noch bei Sub Pop unter Vertrag standen, und später dann als Headliner, kurz vor Kurts tragischem Ende.

Das Festival war bekannt dafür, die neuesten Trends zu präsentieren. Nicht nur während des Festivals, sondern das ganze Jahr über, überall in der Stadt. Am See konnte man immer auf Live-Musik zählen. Leute aus dem Musikbusiness besaßen Häuser hier oder machten Urlaub in der Gegend, damit sie sich die Nachwuchsbands anschauen konnten, die in den Clubs und Bars entlang der historischen Hauptstraße spielten, die als »Strip« bekannt ist. Die Stadt hatte sich den Ruf erworben, ein Paradies für Musikliebhaber in der Sierra Nevada zu sein.

Aber Condor Lake war nicht immer eine Musikoase gewesen. Im neunzehnten Jahrhundert war dieser kleine Weiler im kalifornischen Nirgendwo eine Goldgräberstadt. Es ließ sich noch immer an den Gebäude- und Straßennamen der Außenbezirke erkennen, zum Beispiel Mother Lode Antiques, nach der Goldader, die sich quer durch die Sierra Nevada zog, oder Eureka Lane, die an den »Heureka – ich habs!«-Moment erinnerte.

Doch es war nicht nur Goldrauschland, sondern auch wildes Land. Sprich, Berge und Wälder. Ein Teil des Sees grenzte an einen State Park mit einigen der größten Bäume der Welt, den Riesenmammutbäumen.

Dad und ich waren gerade an einem vorbeigefahren, einem der letzten kitschigen ›Tunnelbäume‹ Kaliforniens. In den 1920ern war ein Blitz in diesen Mammutbaum eingeschlagen. Doch statt ihn zu fällen, hatten die Ortsansässigen ihn zu einer Touristenattraktion gemacht, indem sie einen Tunnel in den Baum schlugen, durch den ein ganzes Auto passte. Heutzutage durften man allerdings nicht mehr durchfahren, aber man konnte halten und zu Fuß hindurchlaufen.

»Wir müssen unser alljährliches Foto machen«, stellte Dad fest. Wir lassen uns immer zusammen unter dem Tunnelbaum fotografieren. Dad druckt es dann aus und steckt es in den Rahmen zu den anderen Fotos, die wir gemacht haben, seit ich sechs war. Es ist unser Ding. Nur letztes Jahr mussten wir aussetzen.

Mir blieb keine Zeit, mir darüber allzu viele Gedanken zu machen, denn nach dem Tunnelbaum bog Dad auf den Strip ein. Zwischen hohen Kiefern öffnete die Stadt ihre Arme.

Condor Lake.

Grünblaues Wasser umgeben von schneebedeckten Bergen. Backsteingebäude aus der Pionierzeit säumten die trubelige Innenstadt – eine Mischung aus Bars und skurrilen Clubs (immer mit Live-Musik) und familienfreundlichem See-Tourismus (Kanuverleih, Tausende von Eisständen, ein Fahrgeschäft, das nach dem kalifornischen Condor benannt war). Die Straßen waren zu eng und einen Parkplatz zu finden stellte eine Herausforderung dar. Die Touristen fuhren mit der Bonanza, einer Straßenbahn, die den Strip hoch- und runterbimmelte. Doch das war mir gerade alles egal. Meine Augen suchten nach dem pfeilförmigen Schild, das mein Herz höherschlagen ließ:

CONDOR PARK UND AMPHITHEATER

HIER FINDET DAS WELTBERÜHMTECONDOR MUSIKFESTIVAL STATT

EINE PRODUKTION VON SARAFIAN EVENTS

Yep, da war es. Dad und ich waren totale Musiknerds. Wenn man in einem Umfeld wie meinem aufgewachsen war, konnte man Musik nicht hassen. Außerdem liebte ich Festivals. Coachella war unten in der Nähe von Los Angeles, und über uns in Nevada gab es Burning Man, aber das war etwas völlig anderes. Condor fand ein Wochenende lang in einem Wald am See statt, mit Zelten und Lichterketten. In den kleinen Veranstaltungsorten auf dem Strip spielten überall Bands, die noch keinen Vertrag hatten, die größeren gaben tagsüber Open-Air-Konzerte.

Condor war magisch.

Jedenfalls sprach man in den Festivalforen dieses Jahr ausschließlich über etwas, das so neu war, dass es noch keinen Namen hatte. Es wurde nur der Sound genannt. West Coast Indie, Post-Post-Punk. Er brach einfach über die Szene herein und plötzlich gab es ungefähr zehn Bands, dann ein Dutzend. Danach, wer weiß. Es war voll meine Musik und ich schaute mir online Clips an und träumte davon, wieder am See zu sein.

Ja, ich hatte eine Liste von Bands im Kopf, die ich diesen Sommer sehen wollte. Vielleicht würde ich sogar ein paar Bandmitglieder kennenlernen. Durch Eddie natürlich. Manchmal begegnete ich Bands in Mad Dogs Studio in Bel Air, aber es war garantiert anders, wenn ich sie als Eddies Freundin traf und nicht als Hausangestellte. Bestimmt, oder?

Von der Straße aus erkannte man im Vorbeifahren nicht viel vom Festivalgelände, dafür sahen wir etwas, das ich lieber nicht gesehen hätte. Den Blue Snake River. Betty’s on the Pier.

Und den Condor-Stausee. Meinen Erzfeind.

Dad deutete darauf, als wir über die Autobrücke hinter dem Wehr fuhren, und meinte nüchtern: »Da ist er.«

UFFF. Ich verdrehte mir den Hals, um hinter den Sitz zu schauen, als der Mercedes über die Brücke rumpelte. »Da gibt es jetzt ein Tor?« Mein Vater war letzten Sommer hier gewesen, als ich zu Hause in L.A. geblieben bin.

Dad räusperte sich. »Nach Einbruch der Dunkelheit wird es abgeschlossen. Das ist eine gute Sache, Baby. Jetzt kann niemand mehr ins Wasser fallen. Positive Veränderung. Dieses Geländer ist gefährlich bei Nacht.«

Meine Kehle schnürte sich zusammen. Jetzt war ich also das Mädchen, das die Stadt veranlasst hatte, nachts das Wehr abzuschließen? Die Jugendlichen hier hassten mich bestimmt. Jane, das Sommermädchen, das die Party versaut hatte – für immer. Argh.

Mein Vater wollte nie Einzelheiten über diesen Abend wissen. Er hat nicht gefragt. Ich habe nichts erzählt. Ich versteckte mich hinter der Ausrede, dass ich mich nach meinem Sturz an kaum etwas erinnern konnte, und Dad versteckte sich hinter seiner Angst. Warum war ich auf einer Party am Stauwehr gewesen? Wer hatte mich dorthin mitgenommen? Mit wem war ich zusammen gewesen? Wie war ich reingefallen? Wer hatte mich rausgezogen? Diese Fragen waren für ihn nicht so wichtig wie die Frage: Wird meine Tochter wieder sprechen können? Das war am Anfang seine Priorität gewesen. Sobald ich zu reden begann, konzentrierte er sich auf meine Sprachtherapie. Als Eddie und ich anfingen zu chatten – und uns ab und zu in L.A. trafen –, redeten wir auch nicht weiter darüber. Bis heute.

Eddie wollte unsere Beziehung geheim halten. Kein Drama, nur wir beide. In L.A. war das in Ordnung, aber den Sommer über konnte ich das hier am See nicht durchziehen. Hoffentlich war er nicht sauer auf mich, dass ich mit meinem Vater aufgekreuzt war und unsere kleine Zweisamkeits-Bubble hatte platzen lassen.

Es würde so schon hart genug für mich werden, zum ersten Mal nach meinem Sturz an den See zurückzukehren. Ich brauchte Eddie als Teil meiner Gegenwart. Ich hatte mich verändert und war erwachsen geworden. Er durfte kein Geheimnis sein. Keine verschwommene Erinnerung an eine schreckliche Nacht, die mich in meinen Albträumen verfolgte.

Ich wollte diese Nacht loslassen. Zumindest versuchte ich es.

»Hey«, warnte mich mein Vater vorsichtig, als wir vom Damm wegfuhren. »Lass dich vom Anblick dieses verdammten Stauwehrs nicht runterziehen. Wir sind Marlows. Und was tun wir?«

»Wir stellen uns wieder aufs Board«, zitierte ich, obwohl ich in Wahrheit nicht mal auf ein Surfboard raufkäme, wenn man mir Geld dafür gäbe. Mein Vater hatte versucht, es mir beizubringen. Aber Sport und ich waren nicht kompatibel.

»Genau«, erklärte er mir. »Als du im Krankenhaus Probleme mit dem Sprechen hattest, sagten die Ärzte, dass es vielleicht irreversibel sei. Ich sagte, Von wegen. Sie braucht bloß Zeit. Das wird wieder. Und schau dich jetzt an? Schulabschluss. Zurück am See. Und Velvets persönliche Assistentin.«

Er hatte recht. Letzteres war allerdings nicht besonders beeindruckend. Ja, ich würde diesen Sommer die persönliche Assistentin einer reichen Musikproduzententochter sein. Doch im Haus der Larsens bedeutete »PA« Einkäufe zu erledigen, Anrufe zu beantworten, Termine zu buchen und Rezepte abzuholen. Mein Dad war auch eine Art PA von Mad Dog. Allerdings hatte Mad Dog zusätzlich eine professionelle Assistentin, die sich zu Hause im Bel-Air-Studio um Musikbusiness-Angelegenheiten kümmerte: Denise. Sie war um die fünfzig, ehemalige Chefin einer Plattenfirma und weigerte sich, nach Nordkalifornien zu fahren. Aber sie verdiente gutes Geld. Mein Vater hingegen bekam nicht viel mehr als ich, die Mindestlohnsklavin. Mad Dog war geizig.

»Hey, PA macht sich auf deinem Lebenslauf jedenfalls besser als Hundesitterin … Shit«, brummte Dad bei einem Blick auf sein Handy. »Das ist jetzt Mad Dog, er fragt, wo wir bleiben.«

Dad gab Gas. So viel zu einer entspannten Tour durch die Stadt. Bis zur Lodge waren es noch ungefähr zehn Minuten. Und mit Lodge meine ich kein Ferienhaus, sondern ein weitläufiges luxuriöses Anwesen aus den 1920ern auf der Nordseite des Sees, weit weg vom Strip und dem Festivalgelände. Weit weg von allem, meilenweit keine Nachbarn. Das Anwesen war von irgendeinem reichen Eisenbahnmagnaten aus San Francisco erbaut worden, der Tiger und Prostituierte in separaten Bungalows hielt. Es besaß einen privaten Bootssteg, einen Pool sowie eine Mehrfachgarage in einem separaten Gebäude, das Kutschenhaus genannt wurde – dort wohnten wir Hausangestellten. Als wir die hufeisenförmige Auffahrt hochfuhren und vor dem Eingang hielten, ragte die Lodge überlebensgroß vor uns auf. Einen Moment lang vergaß ich das Stauwehr – und Eddie.

»Warum parken wir nicht im Kutschenhaus und gehen durch die Küche?«, fragte ich. Wir nahmen immer die Hintertür. Niemals den Eingang des Haupthauses. Nie.

»Mad Dog kommt runter. Er möchte, dass ich ihn in die Stadt fahre.«

»Jetzt?«, beschwerte ich mich. »Auf dem Rücksitz liegen noch Gepäck und Eis.«

»Beeil dich, Küken. Bring Frida zu Velvet und erkundige dich, ob sie deine Hilfe braucht. Ich werde alles ausladen. Sag Kamal und Norma, sie sollen beim Reintragen helfen. Vergiss aber nicht, ihnen Bescheid zu sagen, dass hier draußen zwanzig Kilo tauendes Eis warten, okay?«

Puh. Dreißig Sekunden in der Lodge und schon waren wir wieder am Arbeiten. Ich befestigte die Leine an Fridas Halsband und nahm Handtasche und Crossbody-Bag. Dann zerrte mich Frida über die Auffahrt zu den Leuten, die vor der offenen Haustür zwischen zwei Säulen mit riesigen Condor-Skulpturen standen und diskutierten.

»Ich warte noch auf die erste Küchenlieferung«, hörte ich eine unzufriedene Stimme sagen. Als ich über die Schwelle trat, entdeckte ich eine vertraute Gestalt mit Leinenschürze und einem gelben Tuch um den Kopf. »Wie soll ich da eine Party auf die Beine stellen?«

»Keine Party-Party«, beruhigte sie jemand, der ein paar Jahre älter war als ich. »Bloß Cocktails und ein einfaches Abendessen. Kleine Gerichte. Es sind nur vier Leute zusätzlich. Und Daddy. Und Rosa. Und ich. Und vermutlich Starla und Leo, weil ich die Assistenten auch einladen soll. Und sieh an – da kommt ja auch schon meine höchstpersönliche Assistentin! Whoa. Hast du dir die Haare für die Abschlussfeier abgeschnitten? Gefällt mir.«

Wirklich? Wenn meine Haare Velvet Larsen gefielen, fühlte ich mich schon viel besser damit, sie abgeschnitten zu haben.

»Jane wird auch dabei sein – schlichtes Sommerkleid. Irgendwas Ärmelloses mit Sandalen wird gut zu deiner neuen Frisur passen. Vielleicht hab ich da was Kleines, das ich dir leihen kann«, erklärte mir Velvet lächelnd. Sie stand mit bloßen braunen Füßen und wallendem Maxikleid in der gefliesten Eingangshalle. Als sie die Hand nach Frida ausstreckte, klimperten Dutzende von Goldarmreifen. »Komm, mija!«

Frida tänzelte zu Velvet und stellte sich auf die Hinterbeine, um sie zu begrüßen. »Gib Hunde-Küsschen, schmatz, schmatz, schmatz!« Beide Parteien verloren schnell das Interesse aneinander. Für Frida gab es zu viele andere Gerüche zu schnüffeln, zum Beispiel das kunstvolle Blumenarrangement, das größer war als ich. Frida kläffte es an, um sich zu vergewissern, dass es kein verkleideter Feind war.

Ich stand unter einem schweren rustikalen Kronleuchter, links und rechts von mir führten Treppen nach oben. Durch ein Fenster sah man den Pool auf der Rückseite. »Was hat es mit der Cocktailparty auf sich?«

»Sie wird nicht stattfinden«, erklärte Exie. »Das hat sie auf sich.«

»Tut mir leid, aber ich habe schon alle eingeladen«, sagte Velvet ungerührt. »Keine Shrimps übrigens.«

»Wen denn?«, fragte ich.

»Bloß ein kleines romantisches Kennenlernen.« Sie zwinkerte mir zu. Ich wusste nie, was ihr Zwinkern bedeutete. Es war verwirrend. Vor allem, weil ich keine Ahnung hatte, dass sie mit jemandem zusammen war. Waren schon andere aus L.A. da? In der Nebensaison lebten nur Einheimische in Condor Lake. Das bedeutete nicht, dass es nicht ausreichend interessante Singles in Velvet Larsens Umfeld gab, aber normalerweise datete sie Studienabbrecher von der UCLA-Kunstakademie, Söhne von Hollywood-Schauspielern, den jungen Neffen eines vermögenden lateinamerikanischen narcotraficante – ganz normale Leute also.

»Jetzt sind es also schon zehn Leute?«, hakte Exie genervt nach. »Morgen Abend? Weiß Mad Dog Bescheid?«

»Er weiß … dass ein paar Leute kommen.« Das klang ziemlich vage. Sie führte weiter aus. »Als ich ihn gefragt habe, meinte er ›Mach es so, Nummer eins‹«, sagte Velvet mit verstellter Stimme, die sich irgendwo zwischen dem starken dänischen Akzent ihres Vaters und Patrick Stewart bewegte.

Exie stieß leise einen ordinären Fluch aus. Mad Dog war ein massiger tätowierter Metal-Wikinger, aber er hatte ein Faible für Star Trek und Science-Fiction-Filme alter Schule. Das hörte sich definitiv nach ihm an.

»Es ist doch etwas Nettes«, argumentierte Velvet und holte weit aus. »Du wirst schon sehen. Es ist eine Überraschung, die allen gefallen wird.«

Velvet war die Jüngste von Mad Dogs Brut, seine einzige Tochter mit seiner momentanen Frau, Rosa Garcia, einer ehemaligen preisgekrönten Dichterin. Velvet war diesen Sommer das einzige Larsen-Kind in der Lodge. Sie strotzte vor Energie und im Großen und Ganzen war sie lustig, allerdings auch eine Prinzessin; die Familie ihrer Mutter in Mexiko war ebenfalls reich. Ihre manchmal unrealistischen Erwartungen bereiteten den Hausangestellten Kopfschmerzen.

Wie jetzt gerade. Partys waren einfach zu planen, aber nicht mal eben so mit einem Armreifklimpern umzusetzen.

Aber wir kriegten es hin. Die Hauptverantwortliche bei Partys war Exie. Sie war eine achtunddreißigjährige Schwarze aus Baldwin Hills, die ein paar Jahre vor Dad und mir als Köchin bei Mad Dogs Crew angefangen hatte. Ich würde sie nicht als Mutterfigur bezeichnen, weil sie das hassen würde, aber als ich in die Pubertät kam, hat sie mehr Aufklärungsarbeit geleistet als Dad. Inoffiziell war sie die zweite Chefin für das Hauspersonal – offiziell die dritte, nach dem Security-Chef.

Ich mochte es nicht, wenn es Spannungen zwischen ihnen gab. Und heute brauchte ich es schon gar nicht.

»Was kann … ich tun?«, fragte ich Exie, nach Wörtern suchend, während ich gleichzeitig Frida zu bändigen versuchte. »Helfen? Argh.« Ich hob die Hand, um ihr zu bedeuten, dass ich gerade Wortfindungsschwierigkeiten hatte.

Die Sache bei Gehirnverletzungen ist, dass einen jeder anders behandelt. Dad war überfürsorglich. Eddie wurde ungeduldig – das sah ich ihm an. Exie behandelte mich einfach wie zuvor. Sie half mir nicht, wenn mir Wörter nicht einfielen. Sie ignorierte es und machte weiter.

Ihr Lachen war trocken. »Keine Ahnung, wobei du helfen könntest, Baby. Du stehst nicht mehr unter meiner Befehlsgewalt. Unter Normas auch nicht. Frag deine neue Chefin hier. Schließlich bist du auch bei der Party dabei.«

Velvet lächelte. »Genau! Aber erst mal brauch ich mein Spezialshampoo, das habe ich nämlich vergessen. Du müsstest also irgendwohin fahren und mir vor Donnerstagabend eine Flasche besorgen, Jane. Ich bezweifle, dass es hier zu bekommen ist. Vielleicht in Fresno. Oder irgendwo in der Bay Area?«

»Velvet Larsen«, brummte Exie so laut, dass ihre Stimme durch den Raum hallte. »Hier fährt niemand stundenlang wegen einer Flasche Shampoo spazieren. Deine kaputten Spitzen werden es überleben, wenn sie nicht denselben Scheiß kriegen, der in Bel Air verkauft wird. Jane ist deine PA, nicht deine Babysitterin, die du herumschikanieren kannst. Hast du verstanden?«

Velvet zog eine Schnute. »Meinetwegen. Aber wehe, die kleinen Gerichte sind nicht lecker am Donnerstagabend. Ich möchte Sonnenschein auf einem Teller oder ich gehe.«

»Oh. Dann geh doch, alles klar.« Exie ließ ihr Küchenhandtuch durch die Luft schnalzen und Velvet flüchtete lachend die Treppe hinauf. Von einem Moment auf den anderen war alles wieder gut zwischen ihnen. Meine Schultern sackten nach unten und ich fühlte mich leichter. Krise abgewendet.

»Hierher, Assistentin«, rief Velvet neckend über das Geländer. »Hilf mir beim Auspacken und lass uns diesen wunderschönen Tag genießen. Daddy fährt in die Stadt. Der See gehört uns.«

Von einem Moment auf den anderen kam sie zurück zu mir, die berauschende Freude dieses Ortes. Hier konnte ich eine andere sein. Vielleicht sogar eine Prinzessin wie Velvet …

Nachdem ich zwanzig Kilo tauendes Eis hereingeschleppt hatte.