Improvisieren - Bertram J. Schirr - E-Book

Improvisieren E-Book

Bertram J. Schirr

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Beschreibung

Ob Zoom-Abendmahl oder Pop-up-Hochzeiten – Aufmerksamkeits- und Interaktionsmuster sind heute auf Feedback, "Liveness", einzigartige Events und verdichtete Momenterfahrungen ausgerichtet. Dies spiegelt sich auch in einer dichteren Spiritualität wider, die Haupt- und Ehrenamtliche in der kirchlichen Arbeit gerade in unvorhergesehenen Situationen erleben. Bertram J. Schirr entwickelt daher erstmals anschauliche Ansätze für eine kirchliche Improvisation für die Handlungsfelder Gottesdienst und Predigt, Gemeinde- und Religionspädagogik, Musik, Leitung und Seelsorge mit konkreten Szenarios, Übungen und Modellen. Wo schon etablierte Improvisationspraktiken in der gemeindlichen und kirchlichen Arbeit bestehen, gibt er Anregungen zum "Weiter-Experimentieren". Dafür verankert der Autor die Weisheit des Improvisierens in der Tradition sowie mit biblischen Grundlagen und arbeitet diese für die kirchliche Gegenwartspraxis heraus. Neue Ansätze aus der internationalen Praktischen Theologie in Verbindung mit theatralen, tänzerischen und musikalischen Elementen der Improvisation ermutigen zu einem Wechsel: vom "Zeigen, was nur ich kann" zum partizipatorischen Arbeiten am und im Moment.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Bertram J. Schirr

Improvisieren

Kirchliche Arbeit kreativ mitgestalten

VANDENHOECK & RUPRECHT

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2024 Vandenhoeck & Ruprecht, Robert-Bosch-Breite 10, D-37079 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe

(Koninklijke Brill BV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill BV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Brill Wageningen Academic, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau und V&R unipress.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: © Improvisieren__Shutterstock_171929330_Inside a car

Satz: SchwabScantechnik, Göttingen

EPUB-Erstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISSN 2700-1059

ISBN 978-3-647-99297-6

Für Charlotte

Inhalt

Vorwort der Herausgeber

Einleitung

1Situation

1.1Historische Skizze

1.2Beobachtungen in der Gegenwart

1.3Gesellschaftliche Entwicklungen

1.4Entwicklungen (in) der Kirche

2Praktisch-theologisches Update – neue Ansätze und Aufbrüche

2.1Theatrales Improvisieren

2.2Musikalisches Improvisieren

2.3Tanz-Improvisation

2.4Improvisieren in Praktischer Theologie und Religionspädagogik

2.5Interkulturelles Improvisieren

2.6Improvisieren und Ritualisieren

3Essentials

3.1Die Bibel als Improvisation – Improvisation mit und in der Bibel

3.2Schreiben

3.3Orgelimprovisation

3.4Freies Beten und freie Fürbitten

3.5Die Zeremonienmeister:innen – improvisieren bei Bestattungen

4Praktisch-konkrete Anregungen und Ansätze

4.1Impro-Predigt

4.2Impro-Gottesdienst

4.3Impro-Religionspädagogik

4.4Impro-Seelsorge

4.5Impro-Leiten

5Goldene Regeln

6Besondere Fälle

6.1Impro-Ritualisieren live

6.2Pop-up-Kirche und Ritualagenturen

6.3Impro-Abendmahl während der Coronapandemie

7Literatur

8Glossar

Vorwort der Herausgeber

Die Reihe »Praktische Theologie konkret« will Pfarrer:innen sowie Mitarbeitende in Kirche und Gemeinde mit interessanten und innovativen Ansätzen in kirchlich-gemeindlichen Handlungsfeldern bekannt machen und konkrete Anregungen zu guter Alltagspraxis geben.

Die Bedingungen kirchlicher Arbeit haben sich in den letzten Jahren zum Teil erheblich verändert. Auf viele heutige Herausforderungen ist man in Studium und Vikariat nicht vorbereitet worden und in einer oft belastenden Arbeitssituation fehlt meist die Zeit zum Studium neuerer Veröffentlichungen. So sind interessante neuere Ansätze und Diskussionen in der Praktischen Theologie in der kirchlichen Praxis oft kaum bekannt.

Der Schwerpunkt der Reihe liegt nicht auf der Reflexion und Diskussion von Grundlagen und Konzepten, sondern auf konkreten Impulsen zur Gestaltung pastoraler Praxis:

–praktisch-theologisch auf dem neuesten Stand,

–mit Informationen zu wichtigen neueren Fragestellungen,

–Vergewisserung über bewährte »Basics«

–und einem deutlichen Akzent auf der Praxisorientierung.

Die einzelnen Bände sind von Fachleuten geschrieben, die praktisch-theologische Expertise mit gegenwärtiger Erfahrung von konkreter kirchlicher Praxis verbinden. Wir erhoffen uns von der Reihe einen hilfreichen Beitrag zu einem wirksamen Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis kirchlicher Arbeit.

Dortmund/Göttingen

Hans-Martin Lübking und Bernd Schröder

Einleitung

Im März 2022 fand in Kusel ein Gedenkgottesdienst für eine ermordete Polizeianwärterin und einen Polizeikommissar statt. Fünf Geistliche in Talar, Messgewand und Notfallseelsorgejacke fixieren mit gesenkten Blicken, vor dem Altar stehend, ihre schwarzen Kladden, schauen kaum hoch (Bild Online 2022). Bei Trauer- und Gedenkfeiern ist das verständlich. Die Situation und der Schrecken sind so herausfordernd, dass Liturg:innen gelesenem Text Vorrang einräumen. So mit der Kladde und ausgefeilten Formulierungen zu arbeiten, ist ein sinnvoller Modus von Liturgie. Mehr und anderes hätte sich vielleicht aber ereignen können, wenn sich Blicke begegnet wären, wenn die Äußerungen zu dem Riss in der Zeit, den ein Doppelmord darstellt, nicht getrennt worden wären in Gottesdienst – mit der Verlesung von Vorformuliertem einerseits – und Stegreif-Statements von Menschen auf dem Kirchenvorplatz (die in der Berichterstattung dominieren) andererseits. Was wäre, wenn sich die nach unten gewandten Gesichter der Situation ausgesetzt hätten, ihr Handeln durchlässig gemacht hätten für das, was gerade geschieht, und für die, die da sind? Das wäre gefährlicher und anstrengender, als einen fertigen Plan gut umzusetzen. Und es bräuchte eine andere Vorbereitung, eine andere Haltung, andere Ressourcen. Es beginnt mit der Bereitschaft, auch im Gottesdienst bewusst zu improvisieren. So könnten ungeplante Phasen mehr Wirkung und Bedeutung hervorbringen, mental, emotional und körperlich tiefer gehen.

Improvisieren ist schon ein Modus des Denkens und Handelns von jedem und jeder in der kirchen- und gemeindeleitenden, diakonischen, seelsorgerlichen, gemeinde- und religionspädagogischen, kirchenmusikalischen und pastoralen Arbeit Engagierten. Das liegt nicht nur an Kulturwandel und schwindenden Ressourcen. Praktiker:innen nutzen längst die theologischen Ressourcen und Theorien, die zur Hand sind, um konkret vor Ort Probleme zu lösen. Nur bleibt dieses Praxiswissen des Improvisierens implizit, das heißt unausgesprochen, unaufgeschrieben, unreflektiert. Improvisieren wird stattdessen als Schwäche, Fehler oder Gefahr gerahmt, beziehungsweise als passive Reaktion auf widrige Umstände verstanden. Demgegenüber wird hier die Kraft aktiven und kreativen Improvisierens für die unterschiedlichen kirchlichen Handlungsfelder von der Predigt über Religions- und Gemeindepädagogik bis zu Seelsorge und Leitungshandlung reflektiert und entwickelt.

Konkrete Übungen und Modelle laden Praktiker:innen ein, das eigene Improvisieren als Stärke zu entdecken und weiterzuentwickeln. So können sie kollektive Kreativität, mehr Beteiligung, mehr Bedeutung und mehr Wirkung erzielen. Mit einer Veränderung des Arbeitshabitus und der Wahrnehmung, mit Training und Kooperation können Praktiker:innen Improvisationszeiten und -räume zulassen und nutzen. Denn Improvisation hat schon eine Tradition im kirchlichen Handeln, ist verwurzelt im biblischen Zeugnis.

Was heißt (kirchlich) improvisieren?

Improvisius ist das Unvorhergesehene, Überraschende, das, was nicht (im) vorher (pro) gesehen (videre) werden konnte. Im 18. Jahrhundert wird das Wort aus dem Italienischen ins Deutsche mit dem Verständnis »Gestaltung aus dem Stegreif« übernommen. Der Stegreif ist der Steigbügel, dessen Erfindung es den Steppenvölkern einst erlaubte, die ersten mobilen Weltreiche zu gründen. Also bedeutet improvisieren, in vollem Lauf, ohne vom Pferd steigen zu müssen, spontan, ohne Planung und Nachdenken handeln zu können.

Theologisch betrachtet, bedeutet improvisieren, mit der Gegenwart Gottes durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes zu rechnen, mit Gottes Investition in die Welt und seiner Kooperation, offen und unabgeschlossen, wie es der Lehre der creatio continua entspricht.

In diesem Buch wird Improvisieren primär als Ritualisierung entwickelt, als auffälliges (zeremonielles), aufgeführtes Verhalten oder offenes soziales Drama, mit dem sich situativ und kooperativ Probleme lösen, Kontingenzerfahrungen bearbeiten und mit Transzendenz verbinden lassen, sodass sich ein neuer Sinn verkörpert (Belliger/Krieger 2003, 9). Wie Rituale führen Improvisationen in Schwellenzustände, in denen sich Regeln auflösen und verhandelbar werden, in denen eine andere soziale Wirklichkeit entsteht. Mit den Methoden und Ressourcen traditioneller und gegenwärtiger kirchlicher Improvisationskultur lassen sich Räume und Zeiten des Unvorhersehbaren, Riskanten als Quellen der Beteiligung und des Bedeutungsgewinns erschließen. Kirchlich improvisieren ist (vgl. Hoffelner 2023):

1.Ungeplant: Ein Problem steht fest, aber nicht der eine Weg zu seiner Lösung. Planen und Handeln fallen zusammen, und dabei kann mit intensiver spiritueller Erfahrung im gemeinsamen Experimentieren gerechnet werden.

2.Responsiv/kollaborativ: Nicht Originalität, Autorschaft und Verantwortung stehen im Mittelpunkt, sondern Mitwirken.

3.Unmittelbar: »Un-mittel-bar« bedeutet a) ohne Hierarchisierung, b) unter Zeitdruck und c) nur unter Zuhilfenahme der hier und jetzt verfügbaren Mittel kirchlichen Handelns.

4.Spielerisch: Wieder »wie Kinder« und damit Erben des Gottesreiches (Mt 18,3) werden kirchliche Praktiker:innen durch Spielen als Übung von Weisheit, im Spiel als gemeinsamer Bearbeitung von Krise und Gefahr.

5.Prozesshaft: Improvisierende rechnen mit dem Auftauchen unerwarteter Phänomene, mit Unabgeschlossenheit und Bewegung und befragen sie situativ auf »Reichgottestauglichkeit«.

6.Liminal: Improvisation wird hier vorrangig ritualtheoretisch beleuchtet, denn sie führt in Räume und Zeiten, in denen Normen und Machtverhältnisse verflüssigt werden, Risiko und Gefahr zu bearbeiten sind.

1Situation

Kirchliche Praxis »klebt« allzu häufig an Texten. Wenn kirchlich Agierende den Text in der Hand nicht mehr als Grundlage für Interaktion benutzen, verliert diese ihren Primat und dann kann es so sein, als würden sie freiwillig Scheuklappen aufsetzen. Die Komplexität und die Anforderungen der Situation, die Bedürfnisse von denen, die sich gerade versammeln, die gerade da sind, könnten sie übersehen, oder als Störung für die Umsetzung des (vermeintlich primären) Textes fehlinterpretieren.

1.1Historische Skizze

Als vertretbare Methode hat Improvisation in der Geschichte des Denkens einen schweren Stand. Folgt man jedoch den Spuren der Weisheit des Improvisierens, wird eine alternative Tradition erkennbar, die sich im kirchlichen Handeln der Gegenwart zu neuem Leben erwecken lässt.

Odysseus und mêtis – vergessene Vorbilder

Das erste Vorbild für das Improvisieren in kirchlicher Arbeit ist Odysseus (vgl. Jullien 1999), »viel sich wendender Mann, oft abgebracht vom Weg […], der die Städte vieler Menschen gesehen und ihre Denkweisen kennt« (Odyssee 1. Gesang, Verse 1–2). Odysseus agiert in Situationen, die kirchliche Praktiker:innen kennen: Auf einer unplanbaren Irrfahrt zurück zum »Wie es war«, welches – das wissen Odysseus und die Praktiker:innen – so nicht mehr erreicht werden kann, entfernt von selbstverständlichem Status und bekanntem Gebiet – in der Identitätskrise, in der Diaspora, mit klapprigem Schiff. Odysseus wird dann aber als Erfinder des Trojanischen Pferdes bekannt. Er konstruiert aus dem, was da ist, ein Schiff, um Kalypso zu entkommen. Auf der Insel des Zyklopen geht er alleine los, erkundet fremdes Terrain (IX, 172–174) und improvisiert eine Fluchtmöglichkeit für seine Männer, indem er sie unter die Bäuche von Schafen bindet. Er verwickelt den Zyklopen in ein komödienhaftes Rollenspiel, durch das er sich dessen Rache mit einem Namenstrick entzieht: Er stellt sich als oútis vor (9. Gesang, Vers 365), als Niemand; als der Zyklop den anderen Riesen von seiner Verletzung berichtet (Vers 410), nennt er ihn Niemand (mé tís) und bezeichnet ihn damit zugleich als einen cleveren, gerissenen Improvisator (mêtis). Odysseus hat viele Rollen und eine fluide Identität. Im 10. Gesang, erneut als Niemand, als Bettler bei Eumaios, dann als Freier verkleidet, unterhält er die gefährliche Menge wie ein Stand-up-Comedian und gewinnt sein Leben zurück.

Odysseus steht gegen das Ur-Epos der Antike, die »Ilias«, deren heroisches Ethos sich bis in die kirchliche Arbeit der Gegenwart als Vorbild gehalten hat. Es ist von der Vorstellung beherrscht, heroische Einzelkämpfer:innen müssten die Ideen und Pläne aus der Sphäre des Göttlichen auf die Welt und ihre Dinge als Widerspenstiges legen, um sie umzuformen. Improvisation ist für solche Held:innen ein Fehler, steht der göttlichen Weltordnung entgegen – seit Aristoteles’ Nikomachischer Ethik gilt der Zufall nicht mehr als Gabe des Himmels, eu-tychía (gutes Geschick), sondern als Zeichen der Widerständigkeit und Unbestimmtheit der materiellen Welt aufgrund ihrer Entfernung von der göttlichen Ordnung.

Mit dem Beinamen »polymêtis« ist Odysseus das Gegenmodell zum antiken »Plan-Helden«. Übersetzbar auch als »kluger Rat«, bezeichnet mêtis ein praktisches, komplexes, implizites Wissen – Improvisationsweisheit. Odysseus’ mêtis umfasst geistige Geschmeidigkeit im Umgang mit Vielfalt. Sie ist beweglich, kann mit Widersprüchen umgehen. Das ist ihr Metier: Selbst, wenn es keinen Plan gibt, keine Erfahrung, kein Modell, verschlägt es Odysseus nicht die Sprache. Er kann mit göttlichem Beistand rechnen.

Wenn kirchliche Praktiker:innen wie Odysseus »Gemeinde-Schiffe« durch unsichere Gewässer steuern und zwischen Skylla und Charybdis lenken, können sie auf ihre mêtis, ihre praktische Wirksamkeit vertrauen und positiv »odysseeisch« arbeiten – mit einem Ziel vor Augen, aber beweglich in der Wahl der Methoden. Auf ein Buch der mêtis können sie dabei jedoch nicht zurückgreifen. Denn diese bewegliche Praxisweisheit des Improvisierens wurde nicht Teil des verschrifteten Denkens.

Biblische Weisheit

Kirchliche Praktiker:innen haben allerdings die Bücher der biblischen Weisheiten. Die Weisheit der Proverbia zum Beispiel leitet an zum Improvisieren (vgl. Vanhoozer 2005, 332). Sowohl Tugenden als auch Irrgänge, konkretes Reden und Handeln bleiben für Proverbia-Geschulte unabgeschlossen. Die Regeln bieten Orientierung, um an das Unerwartbare heranzugehen. Biblische Weisheit hilft, »für eine augenblickliche prekäre Situation Analogien in der Erfahrungswelt zu finden«, sie hält das »Rüstzeug für eventuell eintretende, schwierige Fälle« bereit (Ebner 2001, 103).

Jesus als praktischer Weisheitslehrer (Westermann 1990) improvisiert mit folkloristischer Weisheit und der Schrifttradition als Material. Er lehrt Praktiker:innen, »die wichtigen Aspekte einer bestimmten Situation« zu erkennen, »das ist die Fähigkeit im Herzen von praktischer Weisheit« (Nussbaum 1992, 37). Dabei verwirklicht sich die – neben dem Verständnis der Schöpfung als creatio ex nihilo – zweite Grundformel des christlichen Schöpfungsglaubens, nämlich das Konzept der creatio continua, also »der fortwährenden schöpferischen Zugewandtheit Gottes, die das Fortdauern der Schöpfung sicherstellt« (Breul 2023, 41).

Von Spontaneität und Freiheit und Innovation angetrieben, ist Improvisation nie so unstrukturiert […], dass sie als creatio ex nihilo verstanden werden könnte. […] Sie ist vielmehr creatio continua, eine kontinuierliche Schöpfung, die auf bestehende Materialien zurückgreift […]. Improvisation ist der kreative Einsatz von Traditionen und Formen, die zur Hand sind. (Heltzel 2012, 18)

Praktiker:innen improvisieren in der Weisheitstradition, wenn sie der »Gottesfurcht« gerecht werden, also mit Gott rechnen und das Gegebene als von Gott gegeben akzeptieren. Sie verstehen die Gesetze Gottes und der Welt als Struktur, die ihnen hilft, aus der Situation heraus Entscheidungen zu treffen.

Theologisch macht Improvisation demütig. Als Improvisierende (Niemande und nicht Held:innen) werden Praktiker:innen entlastet. Sie müssen nicht als Einzelkämpfer:innen die Kirche retten und vor allen Widrigkeiten bewahren, ständig bereit, das Ruder mit aller Kraft herumzureißen. Sie sind nicht allein verantwortlich, denn die Umstände und die Alltagsdinge – gut geschaffene Kräfte – sind schon auf ihrer Seite: Sie wirken göttlich inspiriert und inspirierend mit.

Spuren der Vielfalt praktischer Improvisationsweisheit lassen sich gerade in der Phase der Kodifizierung des Christentums verfolgen. Zum ersten Mal einigen sich christliche Praktiker:innen auf ein – nach dem Schock der Auferstehung – erneuertes, aber abgeschlossenes Skript.

Kodifizierung und Improvisation in der Patristik

Die Kodifizierung im Christentum diente dazu, neue doktrinäre, liturgische und ekklesiologische Strukturen festzuschreiben, und förderte zugleich die Praxis auf Kosten praktischer Vielfalt. Um bei der Verstetigung des Christentums eine Übereinstimmung in der Lehre, eine gemeinsame Ethik und einen liturgischen Gleichklang zu erreichen, fehlte es vielen Praktiker:innen an Ausbildung und Erfahrung. Kodifizierung sorgte für eine Verbesserung der rhetorischen, theologischen und musikalischen Qualität im Gottesdienst und Gebet. Diskursiv verbesserte sich damit die Praxis. Performativ und körperlich gesehen verlor sie an Interaktion, Vielfalt und Egalität. Kodifizierung lässt sich jedoch neu lesen, wenn sie in Spannung und Auseinandersetzung mit improvisatorischer Praxis gesehen wird.

Die Kirchenväter nutzten Improvisation als Motor der Kodifizierung. Christ-Werdung beginnt mit dem Erlernen des Betens, so legen es die ersten fassbaren Quellen (etwa die Definition von Justin dem Märtyrer in der ersten Apologie) fest (Bouley 1981, 21). Und richtig beten ist »im Christentum zunächst einmal immer das freie Sprechen« (Budde 2018, 22). Clemens von Alexandria zufolge ist für das Gebet zu Gott wesentlich, dass die Gläubigen nicht »schweigend zu ihm sprechen«, sondern »laut im Herzen rufen; denn Gott hört ununterbrochen auf die innere Stimme unseres Herzens« (zit. nach Budde 2013, 37). Tertullian (1952) schildert, wie zu seiner Zeit frei-improvisiertes Beten praktiziert wurde: »Jeder, der kann, wird in die Mitte gerufen, um Gott zu singen – ob aus der Heiligen Schrift oder aus seinem eigenen Herzen/seiner Eingebung heraus« (272).

Direkter Kontakt mit Gott ergibt sich für die Kirchenväter im Modus der freien Rede. So kodifiziert Tertullian das Vaterunser als ein Gerüst von Themen, dem die Gläubigen frei eigene Themen hinzufügen: sine monitore, quia de pectore oramus, »ohne Vorbeter, aus dem Herzen beten wir« (zit. nach Budde 2013, 117). Auch Cyprian, der als erster für die schriftliche Fixierung des Vaterunsers eintrat, warnt in seiner Abhandlung De dominica oratione zugleich vor der Gefahr, dass es nicht mehr innerlich mitgebetet wird (Budde 2018, 36).

Modell: Ethopoeia und die freie Rhetorik der Unmittelbarkeit

Von einer byzantinischen Predigtpraxis können Praktiker:innen noch heute improvisieren lernen. Mit der ethopoeia, dem Sprechen in der Rolle einer (biblischen) Figur, stellten Prediger im frühen Byzantinischen Zeitalter eine Unmittelbarkeit zwischen biblischen Figuren und Texten und der Gegenwart her (Bourbouhakis 2010, 182). Dabei verschränkte sich die Situation der Gemeinde dergestalt mit den Bibelnarrativen, dass es zu einer Identifikation der Prediger und Gemeindemitglieder mit den biblischen Figuren kam: Die biblische Geschichte ereignet sich nicht nur vor den Augen der Hörenden – sie sind mittendrin, an ihr beteiligt.

Predigten begannen mit einer Lesung der Texte, von denen aus die Priester frei variierten. Sie brauchten besondere Fertigkeiten, um dabei die Stimmen und Rollen zu wechseln; die rhetorische Technik der ethopoeia war in ihrer Ausbildung fest etabliert. Predigende sollten lernen, in einer möglichst dramatischen Situation frei zu sprechen.

Die 6. Predigt des Proklos von Konstantinopel aus der Mitte des 5. Jahrhundert (Leroy 1967, 298–327) zum Beispiel beginnt mit einem freien Anspiel, in dem Joseph Maria Ehebruch vorwirft. Es folgt eine Art moralisches Gedicht in der 1. Person Plural, dann wird wiederum Joseph angesprochen und angeklagt. Proklos ist dabei abwechselnd Prediger, Maria, Joseph und das Publikum.

Übung: Ethopoeia

Bei der Predigtvorbereitung, alleine oder gemeinsam, können Praktiker:innen Rollen und Perspektiven auf einen biblischen Text entwickeln, wenn sie antiken Übungsfragen folgen: »Was hätte David gesagt, während er von Saul verurteilt auf seine Hinrichtung wartet?«, oder: »Was hätte der Tod gesagt als Reaktion auf die Auferweckung des Lazarus?« (Bourbouhakis 2010, 184). Welche Rollen können die Predigenden einnehmen? Welche, auch nicht biblisch ausgeformte, Rolle kann der Gemeinde zukommen? Welche Geschichten lassen sich dazu schreiben? (→ Kapitel 3.3)

Freiräume und Experimente – Improvisation in der Reformationszeit

Die Reformator:innen improvisierten in einer radikalen Übergangsphase, auch unter der Freiheit des Notrechts. Bekenntnisse wurden für eine Zeit flüssiger und es kam erneut zu praktischem Wildwuchs. Die Gottesdienste wurden interaktiver und egalitärer. Teilweise nahmen freie Formen so viel Raum ein, dass sich selbst Martin Luther auf der Seite einer neuen Ordnung gezwungen sah, unter anderem für die Invokavit-Predigten 1522 nach Wittenberg zurückzukehren, um die Grenzen der neuen Freiräume zu definieren. Allein dass Andreas Karlstadt Weihnachten 1521 Messe ohne entsprechende liturgische Textilien, mit Abendmahl in beiderlei Gestalt feierte, bedurfte einer Reaktion.

Die erste Invokavit-Predigt kann als eine Anleitung zum Improvisieren gelesen werden: Luther wünscht sich keine Nachplapperer, sondern Ausübende, also auch improvisierte theologische Äußerungen und Inhalte. Unter dem Motto von 1 Thess 5,21 (»Probiert alles, das Gute behaltet!«) charakterisiert er wie Paulus eine Interimszeit des Experiments. Das geht bis zur dritten Invokavit-Predigt, in der er ungeregelte Freiräume – Improvisationsräume – bespricht.

Modell: Lectio divina, offen lesen

Praktiker:innen können den Kleinen Katechismus als Praxisbuch und Skript wiederentdecken. Der illustrierte Kleine Katechismus vereinte zum ersten Mal die Praktiken des Heiligen Sehens (visio divina) und des Heiligen Lesens (lectio divina) – und diese lassen sich mit Improvisationselementen verbinden (analog zum Improvisieren mit der Bibel → Kapitel 3.1). Improvisatorisch kann die lectio divina zu einem komplexen Gespräch werden: mit den Glaubensquellen (den Zehn Geboten, dem Vaterunser oder dem Glaubensbekenntnis), mit Martin Luthers Ausführungen, mit den eigenen Gedanken und mit Gott. Im Lesen (lectio), Reflektieren und dem mentalen Sich-Einstellen von Worten oder Sätzen (mediatio), betendem Antworten (oratio), auch schriftlichem Festhalten von Formulierungen und Nachwirken-Lassen (contemplatio) können eigene freie und spontane Ergänzungen, Ideen, Resonanzen und Wirkungen verwoben werden. Die Bilder des Katechismus ermöglichen Praktiker:innen weitere Gedankenspiele, Identifikationen, Gefühlsregungen oder Bezüge auf Symbole (beispielsweise Gottes große Hand bei der Schöpfung), Gesten, Hierarchien etc. Mit der Verbreitung solcher Printmedien und Texten der Bibel ging eine Ausweitung individualisierter, nicht von Expert:innen vermittelter spiritueller Praxis einher.

Luther agierte selbst aus der Erfahrung heraus, dass seine Theologie sich durch die spirituelle Praxis – das Improvisationspotential – der lectio divina veränderte. Diese Form der Lektüre als individuelle Aneignung eröffnet die Möglichkeit einer unmittelbaren Begegnung mit Unbekanntem, in dem sich die Wirksamkeit Christi und des Glaubens im Leben von jeder und jedem erweist.

Auch Reaktionen auf die Reformation verwenden Elemente der Improvisation. Ignatius von Loyolas geistige Übungen, die »Exercitia Spiritualia« von 1548, lassen sich als Improvisationsmodell verstehen. Bei den ignatianischen Übungen spielen Menschen im Geist Rollenspiele auf der Basis von Bibelgeschichten, in denen sie in einer biblischen Szene ihre eigenen Gefühle und Reaktionen in verschiedenen Rollen erforschen und Resonanzen mit ihrer Lebenssituation herstellen. Sie treten in einen inneren Dialog mit Gott. Mit der Konfessionalisierung schlossen sich die Freiräume wieder; die improvisatorischen Impulse der Reformation verfestigten sich zu neuen Strukturen.

»Herzliches Verlangen« – vom Pietismus bis zur Black Theology

Spätestens mit Philipp Speners 1675 erschienener »Pia Desideria« erhalten freie Formen – geistbewegtes Zeugnisgeben, Zungenrede und Auslegung, Lai:innenbeteiligung und Kleingruppen – erneut eine zentrale Bedeutung. Bereits Johann Arndt hatte einer kontemplativen, freien und geistbewegten Gebets- und Predigtpraxis mehr Bedeutung eingeräumt. Das geistbewegte Herz drängte zur freien Äußerung. Spener (2015) begriff freie Eingebungen aus dem Moment in Gebet und Predigt als Akte des Heiligen Geistes (44).

Außerhalb dieser Traditionslinien verliert sich die Spur des methodischen Improvisierens im kirchlichen Mainstream. Die Herrnhuter, die Erweckungs- oder Jugendbewegungen führen die Unmittelbarkeit freier Elemente fort. An den historischen Pietismus schließen freikirchliche (→ Kapitel 1.2), charismatische und pfingstlerische Praktiken an (vgl. Schweyer 2020). Heute werden freie und improvisatorische Glaubenspraktiken mehrheitlich von People of Colour im Globalen Süden gepflegt. Gegenwärtig ist ihre Glaubenspraxis der Schwerpunkt des globalen Protestantismus.

L. Franklin, der Großvater von Aretha Franklin, wirkte als Baptistenprediger und Bürgerrechtler. Seine berühmteste Predigt »The Prodigal Son« ist charakterisiert durch Wiederholung, frei-improvisierte Elemente und den wiederkehrenden Einsatz von call-and-response (Franklin 1989, 190–198, vgl. zum Mithören: Franklin, »Prodigal Son«). Für mehr Emotionalisierung und Interaktion setzt er die Technik des Whoopings ein: Er fängt in ruhiger, nüchterner Diktion an, spricht dann immer drängender, rhythmischer, beginnt zu singen, und schließlich erreicht seine Rede einen emotionalen Höhepunkt, bei dem sie mit dem Singen, Klatschen und Rufen der Gemeinde verschmilzt.

Moderne freie Formen – sowohl in der Musik, wie Spirituals oder Jazz, als auch in der religiösen Praxis – haben ihre Wurzeln im Pietismus und in der improvisatorischen Praxis afroamerikanischer Gemeinden. Beispielsweise beziehen call-and-response-Praktiken die Gemeinde aktiv ein: Wiederholtes spontanes Durchbrechen der Abläufe durch Sprechen oder Singen wie »God is good« – »All the time« – »Praise the Lord« rhythmisieren und strukturieren Gebet und Gottesdienst.

Black Theology-Predigende greifen auf unterschiedliche Predigttraditionen zurück, sie stehen vor multikulturellen Gemeinden, wechseln zwischen diversen Stilen, Techniken, Sprachen, Gesten etc., die sie je nach Kontext nutzen (→ Kapitel 2.5).

1.2Beobachtungen in der Gegenwart

Seit einigen Jahren erfährt Improvisation in der deutschsprachigen Gottesdienstlandschaft eine Aufwertung: Dabei ist das Kollektiv »Blue Church« um den Jazz-Musiker und Impro-Theoretiker Uwe Steinmetz zu nennen. Eigenständige Jazzliturgien wie sein Luther-Jazz-Oratorium (2020 in Berlin und 2023 in Leverkusen aufgeführt) verbinden improvisierte Musik mit dogmatischen und liturgischen Texten. Zu den Aktivitäten des »Blue Church«-Netzwerks zählen Tagungen in der Ev. Akademie Loccum 2015 und 2019, am liturgischen Institut Leipzig 2017, am Bonner PTI der Evangelischen Kirche im Rheinland 2022 sowie mehrere Festivals im Kloster Kappel. Daraus entstanden die Monografien »Jazz und Kirche« (Steinmetz/Koll 2016) und »Blue Church« (Deeg/ Steinmetz 2018) sowie das Choralheft »Pilgrim« (Janne 2017).

Auch an theatraler Improvisation orientierte Impro-Gottesdienste werden häufiger. Am 18. Juni 2017 fand in der Pauluskirche in Bremerhaven der Impro-Gottesdienst »Ich glaube, das geht auch anders!« mit einer Impro-Theatergruppe und Pfarrer:innen statt. Impro-Predigten kennzeichneten 2018 die Jugendgottesdienstreihe »You Come – JuGo« in Lübeck. In der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) gibt es seit Jahren mehrere regelmäßige Improvisationsformate, etwa die Theatergruppe »Die Impro-Verheißung« in Neuenhagen-Dahlwitz oder, mittlerweile ökumenisch aufgestellt, die Gottesdienste der »Impros von Nazareth« (→ S. 117), bei denen ich seit 2018 mitwirken darf.

Involviertheit und Partizipation in der Kommunikation

Improvisieren eröffnet die Möglichkeit, kulturelle Veränderungen der Kommunikations- und Interaktionsgewohnheiten in der kirchlichen Arbeit zu berücksichtigen – und für die Kommunikation des Evangeliums nutzbar zu machen. Kommunikation braucht heute mehr an Interaktion, Selektions- und Feedbackoptionen (Möller u. a. 2020). Die Erfahrung der Selbstwirksamkeit ist aus sozialer Kommunikation und Interaktion nicht wegzudenken. Was medial oder kommunikativ geschieht, aufgeführt oder gezeigt wird, verstärkt Rückkoppelungen, kleine und große Interaktionen, Rollenwechsel zwischen Zuschauenden und Agierenden. Dieser neue, schnellere Interaktionsrhythmus korrespondiert mit der generellen Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne – 2015 machte das Ergebnis einer Studie Schlagzeilen, der zufolge Menschen (mit 8,25 Sekunden) über eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne verfügen als Goldfische (mit 9 Sekunden) – und aktiviert immer wieder, fordert Feedback.

Feedback und Selbstwirksamkeit machen Interaktionen interessant und erzeugen live Präsenz: Wer mit wem, wann, wo, mit welchen Unterbrechungen, welchen persönlichen Fehlern, Beziehungen, mit welchen unterschwelligen und niedrigschwelligen Reaktionen, Widersprüchen und Ergänzungen beispielsweise einen Text vor Hörenden liest, prägt die Kommunikation und macht sie »teilnehmenswert«. Selbst eine Lesung ist dem Unvorhersehbaren ausgelieferte, kontingente Kommunikation. Nur sind Menschen heute eben explizite Feedback-Möglichkeiten gewohnt, etwa über Kommentaroptionen, und schalten ab, wenn sie diese nicht haben.

Digitale Kultur, Neurowissenschaft und Cyber-Psychologie

Interaktion und Kommunikation werden durch Digitalisierung und soziale Medien entgrenzt. Agierende sind durch digitale Technologien ununterbrochen ansprechbar. Auch Verzögerungen in der Kommunikation werden als soziale Signale bewertet. Interaktion und Kommunikation sind schneller und dichter rhythmisiert.

Wie die Kognitionswissenschaft zeigt, gehen damit körperliche Veränderungen einher: Das Gehirn passt sich an (Parsons 2017). Für schnellere Kognition und Kommunikation werden andere neuronale Netzwerke aktiviert, die zugleich mit Emotionsregulation, Belohnung und der Verarbeitung sozialer Informationen verbunden sind (Christopoulos/Tobler 2022, 89 f.). Belohnungsnetzwerke schütten Dopamin aus, um Reize mit motivierender Bedeutung zu versehen.

Medial und digital mit anderen zu interagieren, wird für soziale Akzeptanz und Impulsbefriedigung notwendig. Das führt zu stärkerem Sich-Mitteilen, Selbstenthüllung und sozialem Risiko (Parsons 2017, 294). Damit einher gehen oberflächliche Informationsverarbeitung, schnelle Aufmerksamkeitswechsel und eine Reduktion von Erwägungsprozessen, um der quantitativen Steigerung sozialer Interaktionsmöglichkeiten neuronal gerecht zu werden. Beteiligung, Beschleunigung und Affirmation – als affektiv, emotional, neuronal-stimulierend, sozial-absichernd, biochemisch-belohnend – sind für das Improvisieren zentral. Auch deswegen ist Improvisation gegenwärtig ein angemessenes und gefragtes Kommunikations- und Interaktionsformat.

1.3Gesellschaftliche Entwicklungen

Improvisation nimmt die Herausforderungen der Interaktions- und Kommunikationsmittel im digitalen Zeitalter produktiv auf, bringt die Kooperation zwischen Menschen in Gang und erzeugt Aufmerksamkeit. Durch die Isolationserfahrungen der Coronapandemie, Technologisierung und Beschleunigung von Interaktion und Kommunikation (vgl. Grethlein 2018, 96 f.), wächst der Wunsch nach Resonanz – nach Harmonieerfahrung und sozialer Wechselwirkung (vgl. Rosa 2016). Gesellschaftliche Trends, die dem entsprechen, wie Comedysierung, Do-It-Yourself-Kultur, Kasualisierung, Eventisierung und Liveness, bestimmen auch die Kirche an den Schnittstellen zur Gesellschaft.

Für den katholischen Liturgiker Clemens Leonhard sind »Lachen und Liturgie ziemlich unkompatibel« (2019):

Manche Prediger erzählen zur Osterpredigt einen Witz. Manche verweisen auf die Tradition des risus paschalis, des Osterlachens. […] Theologische Traditionen treiben einen großen Aufwand, um den Vollzug von Liturgien bis in kleine Details zu regeln. […] Wenn schon Liturgien so viel Kraft kosten, um einen Anschein von Verständlichkeit anzudeuten, schließt die Unkontrollierbarkeit und Unerklärlichkeit des Lachens eine Kombination mit Liturgie aus. […] Spontaneität [ist] wichtiger für Lachen als für Liturgie. Letztere kann auch Elemente der Improvisation enthalten. Liturgien erfordern von bestimmten Rollenträgern […] die Lösung von unvorhersehbaren, kleinen Problemen im Ablauf. Möglicherweise ist standardisiertes Lachen weniger zu genießen als spontanes. (o. S.)

Aus dieser Perspektive betrachtet passen Liturgie und Lachen nicht zusammen. Die Improvisation mit Humor aber kann gerade die unplanbare Dynamik von Liturgie positiv wirksam machen. Die Predigtschule der New Homiletic etwa setzt Witze als Strategie ein, um die Hörenden zu entspannen, Vergemeinschaftung und eine Verbindung mit dem Predigenden zu erreichen (Buttrick 1987, 95).

Comedysierung