In bester Absicht … - Patricia Vandenberg - E-Book

In bester Absicht … E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Limonen-Baiser-Torte, Mango-Joghurt-Torte, Frankfurter Kranz. Oder wie wär's mit einem leckeren Marmorkuchen? Der ist ganz frisch aus dem Ofen.« Die Konditorin Anne Imst pries ihre Waren mit einem Lächeln an. Doch ihre Augen sprachen eine andere Sprache. Felicitas Norden, Arztehefrau, Mutter von fünf Kindern und nebenbei in allen möglichen Ehrenämtern engagiert, war sensibel genug und dazu gute Kundin der Konditorei, dass ihr die seltsame Stimmung im Geschäft nicht verborgen blieb. Wie häufig an Freitagnachmittagen machte sie auch an diesem einen Abstecher in die beste Konditorei der Stadt, um ihrer Familie eine Freude zu machen und ihrer Haushälterin Lenni das Kuchenbacken zumindest hin und wieder zu ersparen. »Ich will die da mit den Himbeeren drauf!«, verlangte Janni, zusammen mit seiner Zwillingsschwester Desirée, jüngster Spross der Familie Norden. »Himbeeren, igitt. Die mag ich nicht. Da bleiben die Kerne immer in den Zähnen hängen«, ließ der obligatorische Widerspruch seiner Schwester nicht lange auf sich warten. »Himbeeren sind lecker.« »Sind sie nicht.« Schon wollte Fee dem geschwisterlichen Gezanke mit einem energischen Wort ein Ende machen, als Anne kurzerhand ein paar Makronen über die Theke schob. Schneeweiß waren sie und sahen aus wie Sahnetupfer. »Hier, probiert das mal. Die hab ich heute Nacht gebacken, weil ich nicht schlafen konnte.« Der Plan ging auf.

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Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dr. Norden – 146 –In bester Absicht …

Was führt Nico wirklich im Schilde?

Patricia Vandenberg

»Limonen-Baiser-Torte, Mango-Joghurt-Torte, Frankfurter Kranz. Oder wie wär’s mit einem leckeren Marmorkuchen? Der ist ganz frisch aus dem Ofen.« Die Konditorin Anne Imst pries ihre Waren mit einem Lächeln an. Doch ihre Augen sprachen eine andere Sprache.

Felicitas Norden, Arztehefrau, Mutter von fünf Kindern und nebenbei in allen möglichen Ehrenämtern engagiert, war sensibel genug und dazu gute Kundin der Konditorei, dass ihr die seltsame Stimmung im Geschäft nicht verborgen blieb. Wie häufig an Freitagnachmittagen machte sie auch an diesem einen Abstecher in die beste Konditorei der Stadt, um ihrer Familie eine Freude zu machen und ihrer Haushälterin Lenni das Kuchenbacken zumindest hin und wieder zu ersparen.

»Ich will die da mit den Himbeeren drauf!«, verlangte Janni, zusammen mit seiner Zwillingsschwester Desirée, jüngster Spross der Familie Norden.

»Himbeeren, igitt. Die mag ich nicht. Da bleiben die Kerne immer in den Zähnen hängen«, ließ der obligatorische Widerspruch seiner Schwester nicht lange auf sich warten.

»Himbeeren sind lecker.«

»Sind sie nicht.«

Schon wollte Fee dem geschwisterlichen Gezanke mit einem energischen Wort ein Ende machen, als Anne kurzerhand ein paar Makronen über die Theke schob. Schneeweiß waren sie und sahen aus wie Sahnetupfer.

»Hier, probiert das mal. Die hab ich heute Nacht gebacken, weil ich nicht schlafen konnte.«

Der Plan ging auf. Augenblicklich vergaßen die Kinder den Himbeer-Streit und bissen in die Kekse, außen knusprig, innen herrlich weich. Verzückt verdrehten sie die Augen. Plötzlich herrschte schönstes Einverständnis zwischen den Zwillingen.

»Hmm, Mami, die musst du unbedingt kaufen.«

»Am besten gleich eine ganze Tüte voll.«

Fee sah von einem zum anderen. Doch noch ehe sie eine Entscheidung treffen konnte, sagte Anne leise: »Die sind nicht verkäuflich. Ich hab ja nur ein paar.« Ihre Stimme war so bedrückt, dass selbst den unbedarften Kindern die Kekse im Hals stecken blieben.

Betroffen sah Fee die Konditor-Meisterin an.

»Stimmt was nicht?«

Anne Imst wischte sich mit dem Ärmel über die traurigen blauen Augen.

»Dann wissen Sie es noch gar nicht?«, fragte sie tonlos. Um den fragenden Blicken zu entgehen, begann sie, wahllos Tortenstücke abzuschneiden und auf ein Papptablett zu packen.

Fee schüttelte den Kopf.

»Nein. Was sollte ich denn wissen?«

»Frau Frey ist vor zwei Woche gestorben.«

Die missmutige, magere Lotte Frey also. Fee hatte noch ihr Schimpfen im Ohr. Wenn sie die Augen schloss, meinte sie, die resolute, hagere Inhaberin in der Backstube nörgeln zu hören. Mehr als einmal hatte sich Fee gefragt, wie diese Frau an ihren Beruf geraten war. Gerne war sie nur wegen Anne Imst in die Konditorei gegangen. Und der Kuchen war nun mal der beste in der ganzen Stadt.

»Wie ist das passiert?« Felicitas bemerkte, dass sie länger geschwiegen hatte als beabsichtigt.

Anne lächelte schwach.

»Ganz so, wie sie’s immer gewollt hat. Sie ist einfach nicht mehr aufgewacht. Eigentlich keine Schande mit 84.«

»Sind Sie deshalb so traurig?« Desi betrachtete Anne mit großen Augen.

Auch Jan stand betreten in der Konditorei herum und wusste nicht, was er sagen sollte.

Anne warf Fee einen hilflosen Blick zu. Sollte sie lügen?

»Eigentlich nicht so sehr. Frau Frey und ich haben uns nie besonders gut verstanden.«

»Irgendwie hat sie mich immer an die Hexe im Lebkuchenhaus erinnert. Die von ›Hänsel und Gretel‹.« Jan krümmte die Finger, streckte den Kopf nach vorne und schnitt eine Grimasse.

»Janni, was soll das?« Obwohl er recht hatte, tadelte Felicitas ihren Sohn erschrocken.

Doch Anne hatte er mit dieser Einlage zum Lachen gebracht.

»Genauso hat Frau Frey manchmal ausgesehen. Du solltest Schauspieler werden.«

»Aber warum sind Sie traurig, wenn Sie sich nicht gut verstanden haben?«, wollte Dési der Angelegenheit unbedingt auf den Grund gehen.

»Weil ich nicht weiß, wie es weitergehen soll. Ich bin schon Ende 50. Zu alt, um eine neue Arbeit zu finden. Dabei brauch ich das Geld doch so dringend.«

»Gibt es niemanden, der das Geschäft übernehmen kann?«, fragte Fee mitfühlend.

Anne strich sich eine dünne graue Strähne aus dem durch Sorgen allzu schnell gealterten Gesicht und riss ein Stück Kuchenpapier ab. Darin wickelte sie die ansehnliche Kuchenplatte ein und schob sie über die Theke.

»Frau Frey hat eine Großnichte und einen Enkel. Sie hat immer davon gesprochen, den beiden die Konditorei zu vermachen. Ob sie das allerdings wirklich wahr gemacht hat, wird erst die Testamentseröffnung zeigen.« Anne stieß einen tiefen Seufzer aus. »Dabei sind sich Großnichte und Enkel spinnefeind. Schon zu Lebzeiten hat sich Frau Frey darüber lustig gemacht. Nein!« Wieder seufzte Anne. »Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll.«

Fee wiegte nachdenklich den Kopf. Dieser Anspruch mancher Menschen, auch posthum noch Macht über ihre Mitmenschen auszuüben, missfiel ihr zutiefst. Ändern konnte sie nichts daran. Nur den Vorsatz fassen, es selbst einmal anders, besser zu machen.

»Was haben Sie jetzt vor?«

Anne Imst zuckte mit den Schultern. Ihre wasserblauen Augen betrachteten das Kuchenpaket, sahen es jedoch nicht.

»Ich hab keine Ahnung. Zuerst mal arbeite ich weiter, bis die Formalitäten geklärt sind. Das ist meine einzige Möglichkeit. Und auf ein Wunder zu hoffen.«

»Wenn es Ihnen hilft, dann komme ich in Zukunft noch öfter, um Kuchen zu kaufen«, machte Felicitas einen hilflosen Vorschlag. »Und ich kann mich nach einer neuen Stelle umhören. Als Arzt hat mein Mann zahlreiche Kontakte. Da hat sich schon manchmal was ergeben, womit niemand gerechnet hat.«

Schon wieder schimmerten Annes Augen verdächtig.

»Sie sind so eine richtige Arztfrau. Wie man sie sich immer vorstellt, in Büchern und Filmen und so.« Sie streckte Fee den Kuchen hin.

»Was bin ich schuldig?«

Anne schüttelte den Kopf. »Ich habe zu danken.«

»Aber das kann ich nicht annehmen. Nicht in dieser Situation«, lehnte Felicitas entschieden ab.

Aber Anne blieb dabei. Keine Macht der Welt konnte sie dazu zwingen, das Geld, das Felicitas auf den Tresen gelegt hatte, in die Kasse zu legen. Das steckte sie lieber unbemerkt einem der Kinder in die Tasche, als sie die Drei zur Tür begleitete, während Fee im Geiste schon damit beschäftigt war, wie der Konditorin aus ihrem Dilemma zu helfen war.

*

Die Nacht war kurz gewesen, und Tatjana hatte kaum geschlafen. Während der harten Verhandlungen mit ihren Kunden hatte sie zu viel Cola und schwarzen Kaffee getrunken, zu viel und zu heftig diskutiert. Sie hatte zu viel gegessen, war abends zu lange aufgeblieben, war zu wenig an die frische Luft gekommen und hatte sich viel zu wenig bewegt. Die Speckrollen in den Hüften waren spürbar mehr geworden, der enge Rock saß knapp. Trotzdem fühlte sich die Werbefachfrau gut, als sie im Zug auf dem Heimweg war.

»Der Abschluss ist unter Dach und Fach«, verkündete Tatjana ihrem Kollegen Julius Baer mittels ihres Mobiltelefones. Seit sie sich zum ersten Mal in der Werbeagentur gesehen hatten, prickelte die Luft zwischen ihnen. Und das, obwohl Tatjana nicht mehr rank und schlank war wie früher. Eine Zeit lang hatte sie ihre üppigen Formen verdammt. Inzwischen hatte sie aber begonnen, ihre Rundungen als Qualität zu betrachten. Die Männer in ihrem Umfeld sahen es offenbar genauso. Trotzdem ließ sie keinen näher als einen Meter an sich heran. Auch den gut aussehenden Julius Baer nicht, was ihn jedoch nicht davon abhielt, ihr hartnäckig Komplimente zu machen.

»Ich hatte mit nichts anderem gerechnet«, antwortete er nun mit erhobener Stimme, um das Rauschen des Zuges zu übertönen. »Wann bist du wieder in der Agentur?«

»Morgen früh. Warum? Vermisst du mich schon?« Tatjana lachte aufreizend und lehnte sich entspannt zurück. Es war schön, mit einem vertrauten Menschen wie Julius zu telefonieren. Sie fühlte sich wohl in seiner Nähe und fragte sich oft, wann sie endlich ihren Widerstand aufgeben würde. Doch jedes Mal, wenn sie kurz davor stand, entschied sie sich dagegen. Nur Tatjana selbst wusste, warum.

»Ich vermisse dich wie das Biest seine Schöne«, antwortete er in ihre versonnenen Gedanken hinein.

»Hm, ist das jetzt ein Kompliment?« Tatjana wusste es nicht. Der Zug fuhr über eine Weiche und rüttelte und schüttelte sie durch.

»Natürlich. Die beiden sind doch ein Traumpaar! Erinnerst du dich nicht? Das Biest findet sich selbst so abstoßend, dass es jähzornig und grausam wird. Noch kaltherziger, als es selbst als eitler, schöner Prinz gewesen war. Bis seine Liebe zu Belle, der Schönen, alles verändert. Genau das hast du mit mir gemacht. Seit ich dich kenne, bin ich ein anderer geworden.« Julius’ Stimme war dunkel, warm und samtig.

Tatjana schwamm in einem Meer aus Wohlgefühl.

»Du bist so lieb.«

»Schon möglich.« Plötzlich klang er wieder geschäftsmäßig. Offenbar war jemand in sein Büro gekommen. »Der Hauptgrund, warum du morgen kommen sollst, ist aber eine wichtige Anfrage eines Kunden. Es geht um eine umfangreiche Werbekampagne.«

»Hat sich schon jemand darum gekümmert?« Nur widerwillig kehrte Tatjana in die Wirklichkeit zurück und öffnete die Augen. Nachdenklich betrachtete sie ihre lackierten Fingernägel. Am rechten Zeigefinger war eine Ecke Lack abgesprungen. Hässlich sah das aus und musste unbedingt bei nächster Gelegenheit repariert werden.

»Der Kunde besteht darauf, dass du das machst. Obwohl es sich um Autos handelt.« Nur mit Mühe konnte Julius seine Enttäuschung verbergen.

»Autos? Klingt ja spannend.« Tatjana konnte es nicht lassen und kratzte am Lack des Zeigefingernagels, bis weitere Stückchen abplatzten. »Glaub mir, diese Aufgabe hätte ich liebend gerne dir überlassen.«

»Und ich hätte sie sehr gerne angenommen.«

»Ich sehe es schon vor mir: unendlich viele langweilige, technische Details. Motoren. Tuning-Teile. Felgen. Und was weiß ich nicht noch alles.«

Julius wollte keine schlechte Laune verbreiten und lachte.

»Mit Sicherheit wäre eine Kampagne für Törtchen und Pralinés mehr dein Ding«, entfuhr es ihm.

Schuldbewusst blickte Tatjana zuerst auf ihren Bauch, der sich unter der roten Bluse deutlich hervorwölbte. Und dann auf die Packung Schokokekse, die einladend vor ihr lagen und gegessen werden wollten.

»Findest du mich zu dick?« Ihr zweifelnder Blick ruhte auf der Kekspackung.

»Ganz im Gegenteil«, beeilte sich, Julius zu versichern.

Tatjana lächelte.

»Dann ist es ja gut.« Sie riss die Packung auf und fischte ein quadratisches, appetitlich verziertes Plätzchen heraus. »Wir sehen uns dann morgen«, verabschiedete sie sich rasch von Julius. Die Sehnsucht nach dem Keks war größer als die Lust, noch länger mit ihrem Kollegen zu telefonieren. In weniger als vierundzwanzig Stunden würde sie Julius ohnehin wiedersehen. Dann konnten sie in Ruhe alles Weitere besprechen.

*

»Es tut mir wirklich leid. Ich hätte gerne bessere Neuigkeiten für Sie gehabt.« Obwohl er es nicht gerne tat, gehörte es zu den Aufgaben des Brokers Udo Will, seine Kunden über Misserfolge beim Aktienhandel zu informieren.

Quentin Frey starrte den Mann fassungslos an.

»Wollen Sie mir damit sagen, dass ich pleite bin?«

Abwehrend hob Udo Will die Hände.

»Ich hatte Sie gewarnt. Die Aktien der Firma Wenger wären eine bessere Anlage gewesen. Langfristig gesehen hätten Sie damit eine gute Dividende erzielen können.«

»Ich habe Ihnen doch erklärt, dass ich das Geld schnell brauche.« Mit einem Mal waren Quentins weiche, gepflegte Hände schweißnass. Unruhig knetete er die Finger. »Und was soll ich jetzt tun?«

»Wenn Sie jetzt verkaufen, fahren Sie hohe Verluste ein.« Eine steile Falte stand zwischen den stechenden Augen des Brokers. Er studierte ein aktuelles Papier mit den neuesten Zahlen. »Es ist also besser, darauf zu warten, dass der Kurs wieder steigt.«

»Ich kann nicht warten. Meine Gläubiger warten darauf, dass ich meine Schulden bezahle.« Feine Schweißperlen glänzten auf Quentins Oberlippe. »Ich glaube nicht, dass sie für meine Lage Verständnis haben.«

Der Fachmann zuckte mit den Schultern und stand auf. Er hatte schon zu viel Zeit mit diesem uneinsichtigen Kunden verbracht. Die Geschäfte riefen.

»Hören Sie wenigstens dieses eine Mal auf meinen Rat und behalten Sie die Aktien. Wer weiß, vielleicht sieht es in ein, zwei Jahren wieder rosiger aus.«

Quentin blieb nichts anderes übrig, als sich ebenfalls aus dem weißen freischwingenden Ledersessel zu erheben. Ein rascher Blick, und er wusste, dass das edle Designerstück gut und gerne mehrere tausend Euro wert war. Geld, das er nicht besaß, aber so dringend benötigte. Doch die Rettung war weiter entfernt denn je.

»Vielleicht ist die Firma aber in ein, zwei Jahren genauso pleite wie ich jetzt. Was mache ich dann?« Er stand an der Tür und sah Udo Will fragend an.

Der warf einen versteckten Blick auf seine Uhr. Höchste Zeit für die nächste Kundin.

»Ich hatte Sie gewarnt«, wiederholte er gedehnt. »Das Risiko sind Sie gerne eingegangen. Wie sagten Sie doch so schön: No risk, no fun! Kein Risiko, kein Spaß!« Er grinste ein breites zahnpastaweißes Lächeln und schob Quentin zur Tür hinaus.

Da stand er nun, in der fahlen Frühjahrssonne, die noch nicht imstande war, den Boden zu wärmen. Obwohl es fast Mittag war. Sehnsüchtig sah Quentin auf die Passanten, die an ihm vorbei in Richtung der Bistros und Restaurants der kleinen Stadt strömten. Sein Magen knurrte laut und vernehmlich. Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche: gähnende Leere, in welches Fach er auch blickte.

»Und das wird auf absehbare Zeit wohl auch so bleiben.« Seufzend steckte er die Börse wieder zurück in die Gesäßtasche. Mit den Händen in den Hosentaschen schlenderte er weiter. Und dachte an die Pechsträhne, die ihn im vergangenen Jahr um Hab und Gut gebracht hatte. »Angefangen hat alles mit dieser dämlichen Pastete.«

Noch heute hätte er sich ohrfeigen können, dass er seinem Heißhunger damals nicht hatte widerstehen können und kurzerhand eine Trüffelpastete vom Büffet der Hotelgäste gemopst hatte. Ein neidischer Kollege hatte ihn dabei beobachtet. Nur wenige Tage später war die fristlose Kündigung auf Quentins Tisch gelandet, und er hatte die Heimreise antreten müssen.

»Und jetzt hat Pappke die Crew unter sich und reibt sich die Hände.« Sehnsucht erfüllte Quentin, als er an seine verlorene Arbeit dachte. Ein Traumjob war das gewesen. Animateur auf Cuba. In einem schicken Klub, umgeben von hübschen, fröhlichen Mädchen, beschienen von warmer Sonne an einem kitschig-blauen Meer.