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In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie ist Denise überall im Einsatz. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Doch auf Denise ist Verlass. In der Reihe Sophienlust Extra werden die schönsten Romane dieser wundervollen Erfolgsserie veröffentlicht. Warmherzig, zu Tränen rührend erzählt von der großen Schriftstellerin Patricia Vandenberg. Die Skifahrer an der Station des Sessellifts in St. Anton vergaßen ihren Ärger über das lange Warten. Die meisten sahen einem Paar entgegen, das jetzt durch den Schnee gestapft kam. Es war ein mittelgroßer, etwas untersetzter Mann mit einem rotblonden Vollbart und ein kleines schwarzes Mädchen. Diesem Mädchen vor allem galt das Interesse der Skifahrer. Die Kleine sah allerliebst aus. Sie hatte einen knallroten Skidress an und eine weiße Zipfelmütze auf dem krausen Haar. Die großen Augen waren um vieles dunkler als die Haut. Und sie blitzten sehr unternehmungslustig. Der Mann beugte sich jetzt zu dem Kind hinab. »Soll ich dir lieber deine Skier tragen, Peggy?« »Nein.« Das Mädchen sah ihn entrüstet an und schob die kurzen Bretteln auf den Schultern wieder zurecht. »Ich bin sechs Jahre alt, Onkel Luchs. Da kann ich meine Skier selbst tragen. Und heute werde ich nicht mehr so oft hinfallen. Das wirst du sehen.« Das Kind sprach gut Deutsch. Nur ein leichter Akzent war zu hören. Der Mann lachte glücklich.
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Die Skifahrer an der Station des Sessellifts in St. Anton vergaßen ihren Ärger über das lange Warten. Die meisten sahen einem Paar entgegen, das jetzt durch den Schnee gestapft kam. Es war ein mittelgroßer, etwas untersetzter Mann mit einem rotblonden Vollbart und ein kleines schwarzes Mädchen.
Diesem Mädchen vor allem galt das Interesse der Skifahrer. Die Kleine sah allerliebst aus. Sie hatte einen knallroten Skidress an und eine weiße Zipfelmütze auf dem krausen Haar. Die großen Augen waren um vieles dunkler als die Haut. Und sie blitzten sehr unternehmungslustig.
Der Mann beugte sich jetzt zu dem Kind hinab. »Soll ich dir lieber deine Skier tragen, Peggy?«
»Nein.« Das Mädchen sah ihn entrüstet an und schob die kurzen Bretteln auf den Schultern wieder zurecht. »Ich bin sechs Jahre alt, Onkel Luchs. Da kann ich meine Skier selbst tragen. Und heute werde ich nicht mehr so oft hinfallen. Das wirst du sehen.« Das Kind sprach gut Deutsch. Nur ein leichter Akzent war zu hören.
Der Mann lachte glücklich. Am liebsten hätte er vor Vergnügen einen Luftsprung gemacht. Aber das wäre vielleicht doch nicht ganz passend gewesen für den fast fünfzigjährigen Tierschriftsteller Eugen Luchs. Er hatte auch im Urlaub ein bisschen auf Würde zu achten. Allein schon wegen seines Pflegekindes, der kleinen schwarzen Peggy. Sobald sie merkte, dass er übermütig wurde, schlug sie selbst erst recht über die Stränge. Dabei war sie ohnehin kaum zu bändigen. Das Kind aus Swasiland in Afrika war unter anderen Temperaturen geboren worden, aber jetzt durfte es im Schnee toben. Das genoss die kleine Peggy.
Jetzt war sie einige Schritte voraus, stolperte und wäre gestürzt, wenn nicht eine junge Dame sie aufgefangen hätte.
»Tante Andrea«, prustete Peggy, »du bist schon hier? Onkel Luchs und ich wollten doch vor dir und Onkel Hans-Joachim am Lift sein. Wir haben uns so sehr beeilt.«
»Aber eben doch nicht genug, Peggy.« Die junge braunhaarige Frau lachte amüsiert. Ihre blauen Augen blitzten ihren Partner an. »Ja, Hans-Joachim, wir sind Frühaufsteher geworden, was? Auch wenn’s schwerfällt.«
Der große Mann gähnte. »Musst du mich auch noch daran erinnern, Andrea?« Er sah Eugen Luchs entgegen. »Ich hätte es gern Ihnen und Peggy überlassen, früher am Lift zu sein, Herr Luchs. Für mich ist das ein zweifelhafter Sieg. Um diese Zeit verarzte ich zu Hause schon Tiere und sehe nicht ein, warum ich im Urlaub ebenso früh auf den Skihang getrieben werden muss. Das nächste Mal fahre ich allein. Dann kann ich wenigstens so lange im Bett liegen bleiben, wie es mir passt.«
»Armer Dr. von Lehn.« Eugen Luchs lachte. »Sie genießen mein vollstes Verständnis. Peggy behauptete heute auch schon zu nachtschlafender Zeit, die Sonne scheine bereits.«
»Die schien auch, Onkel Luchs«, protestierte Peggy.
Andrea von Lehn legte den Arm um die Schultern der Kleinen. »So etwas merken nur wir beide, Peggy, aber nicht diese Schlafmützen.« Nun stieß sie ihren Mann an. »Von wegen allein Urlaub machen, Hans-Joachim. Das schlage dir nur gleich aus dem Sinn. Nie …«
Andrea von Lehn konnte das, was sicher eine Drohung geworden wäre, nicht mehr aussprechen. Peggy nahm ihre Hand und schüttelte sie. »Schau doch, Tante Andrea, dort ist Dolly. Darf ich heute wieder mit ihr Ski fahren?«
»Ja, Peggy, aber lass uns jetzt erst mit dem Lift hinauffahren. Ihr trefft euch ja oben. Dollys Onkel spricht gerade mit jemandem.« Andrea von Lehn sah zu dem hageren, etwas blasiert wirkenden Mann, neben dem die kleine Dolly stand. Komtess Dolly, verbesserte sich Andrea in Gedanken. Und ihr Onkel war Adrian Graf Solling. Ja, Peggy suchte sich noble Freunde aus.
Andrea lächelte in sich hinein. Ein Glück, dass Kinder keine Standes- und Rassenunterschiede kannten. Komtess Dolly und die kleine schwarze Peggy waren sehr glücklich über die in St. Anton geschlossene Freundschaft. Diesem Graf Adrian schien diese Freundschaft jedoch weniger angenehm zu sein. Jedenfalls hatte er sich bis jetzt sehr herablassend benommen. Besonders Peggy gegenüber.
Auch jetzt hielt er seine Nichte fest in der Hand, als diese Peggy entdeckt hatte und zu ihr laufen wollte.
»Geck!«, murmelte Andrea in sich hinein.
»Sagtest du etwas, Andrea?«, fragte ihr Mann.
»Nicht zu dir, mein Schatz.« Andrea lehnte sich an Hans-Joachim. »Wenn du so wärst wie dieser versnobte Graf Solling, dann würde ich dich schon allein in den Urlaub fahren lassen.«
»Wie schade, dass ich nicht der bin«, sagte Hans-Joachim lachend. »Ich weiß übrigens gar nicht, was du gegen diesen Herrn vorzubringen hast. Er ist doch äußerst korrekt und höflich. Übrigens hat er mich gestern Abend gefragt, ob er sich heute zu uns an den Tisch setzen darf, sobald die Kinder zu Bett gegangen sind.«
»Was?«
Andrea sah ihren Mann fassungslos an. Dann zuckte sie die Schultern. »Es wird sich noch herausstellen, ob das für uns eine besondere Ehre ist. Vergnügen verspreche ich mir jedenfalls keines davon.«
Gleich darauf verschwendete Andrea von Lehn keinen Gedanken mehr an den Grafen Solling. Sie genoss den Ausblick vom Sessellift und freute sich schon auf das muntere Treiben am Skihang.
Peggy wartete nach dem Aussteigen aus dem Lift auf Dolly. Vom Sessel aus winkte die kleine Komtess ihr zu. Sie hatte ein lustiges Gesicht mit großen grauen Augen und kurzes blondes Haar. Als sie aus dem Sessel hüpfte, rief sie: »Du kannst dich sonnen gehen, Onkel Adrian. Ich bleibe bei Peggy.«
Aha, dachte Andrea, er geht sich sonnen. Natürlich ist er zu faul zum Skifahren.
Aber eigentlich war ihr das recht. Sie freute sich, Dolly bei Peggy zu wissen.
Die beiden hatten schon ihre Skier angeschnallt und wagten die erste Abfahrt. Natürlich lagen sie beide gleich darauf im Schnee. Peggy rief: »Onkel Luchs, das ist aber das allereinzige Mal, dass ich heute hinfalle.«
»Selbstverständlich, Peggy«, rief Eugen Luchs zurück. Zu Dr. von Lehn sagte er: »Bei den anderen Malen mache ich die Augen zu.«
Dolly und Peggy tobten die ganze Zeit miteinander herum. Dann schnallten sie ihre kleinen Skier ab und setzten sich darauf. Plötzlich wurde Dollys Gesicht traurig. »Wir fahren morgen schon weg, Peggy.«
»Wieso denn das auf einmal?«, fragte Peggy erschrocken. »Du hast doch gesagt, dass ihr noch eine Woche bleibt.«
»Ja, das hatte Onkel Adrian auch gesagt. Aber er ist gestern angerufen worden. Aus unserer Wasserburg.«
Peggy blieb der kleine Mund offen stehen. Ihre Augen kullerten. »Was ist denn das?«, fragte sie.
»Eine Burg, die mitten im Wasser steht, Peggy.«
Peggy schüttelte den Kopf. »Das gibt es gar nicht. Da muss ich gleich meinen Onkel Luchs fragen. Der weiß alles. Er ist schon in der ganzen Welt gewesen und hat mich aus Afrika mitgebracht. Aber dort gibt es keine Burg, die mitten im Wasser steht.«
»Bleib hier, Peggy.« Dolly hielt ihre kleine Freundin fest. »Das kann ich dir doch erklären. Unsere Burg Solling ist ganz groß. Sie hat einen Turm, und man muss nicht von der Haustür gleich ins Wasser. Da ist noch ein Stück Land um die Burg, wie ein kleiner Park. Aber dann kommt eine Brücke, über die man auf das große Land gehen kann. Eine Zugbrücke. Weißt du, diese Brücke kann man hochziehen, und dann kommt niemand mehr in die Burg.«
»Aber fort kommt man dann auch nicht von der Burg«, sinnierte Peggy laut. »Das würde mir nicht gefallen. Gefällt dir das vielleicht, Dolly?«
Die kleine Komtess hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. »Ich weiß nicht, ob es mir gefallen wird. Ich war ja noch nicht dort. Mutti hat mir nur alles erklärt und mir Bilder von unserer Wasserburg gezeigt.«
»Dann geh lieber gar nicht hin. Es wird dir bestimmt nicht gefallen. Ich habe es schön. Ich wohne mit meinem Onkel Luchs in einem ganz tollen Wohnwagen. Mit dem können wir weiterfahren, wenn wir Lust dazu haben. Aber jetzt stehen wir schon lange auf einem Platz, weil es uns dort so gut gefällt. Er liegt zwischen dem Kinderheim und einem Tierheim. Du, Dolly, das ist vielleicht lustig. Ich kann immer spielen, wenn ich nicht in der Schule sein muss. Davon muss ich dir noch viel erzählen. Mit wem wirst du denn spielen auf dieser komischen Wasserburg?«
Dollys sonst so lustiges Gesicht wurde traurig. »Ich weiß nicht, ob es dort Kinder gibt. Ich wollte ja auch nicht auf die Burg und wäre viel lieber in Rio geblieben. Das ist weit fort von hier. Dort habe ich viele Freundinnen. Mein Vati war Botschafter in Rio. Aber er war so lange krank, und jetzt ist er gestorben.«
»Ich habe auch keinen Vati, Dolly. Aber einen Onkel Luchs, und der ist genau wie mein Vati.«
Jetzt strahlten Dollys Augen wieder. »Ich habe aber eine Mutti. Sie ist nur noch in Rio geblieben. Onkel Adrian war bei Vatis Beerdigung und hat mich schon mit nach Deutschland genommen. Mutti kommt aber bald nach.« Dolly stand auf. »Ich muss gehen, Peggy. Onkel Adrian kommt. Er hat mir schon zugewinkt.«
Auch Peggy stand auf. Sie machte ein trauriges Gesicht. »Kommst du wirklich morgen nicht mehr an den Sessellift, Dolly?«
»Nein. Wir fahren schon ganz früh. Onkel Adrian sagte, es ist eine weite Reise. Bis an die Ostsee. Weißt du, wo das ist?«
»Nicht genau«, tat Peggy etwas überlegen. Dann gestand sie jedoch: »Nein, ich weiß gar nicht, wo das ist. Aber Onkel Luchs wird es mir erklären.« Sie reichte Dolly etwas verlegen die Hand. »Auf Wiedersehen, Dolly.«
»Vielleicht darf ich im Hotel noch einmal zu dir kommen, Peggy.« Dolly rutschte auf den Skiern seitwärts den Hang entlang, bis sie bei dem Grafen Adrian war.
*
Das Ehepaar von Lehn, Eugen Luchs und Graf Solling saßen im Aufenthaltsraum des Hotels. Andrea war überrascht, was für freundliche Worte der Graf jetzt fand. Bisher hatte er sie gern übersehen.
Nach wenigen Minuten wusste Andrea, welchem Umstand dieses neue Verhalten des Grafen zuzuschreiben war. Er fragte: »Gnädige Frau, erzählten Sie vor einigen Tagen nicht von einem Kinderheim Sophienlust? Ich interessiere mich sehr dafür.«
Wieder konnte Andrea zunächst nur überrascht sein. So etwas überspielte sie aber gern. Deshalb sagte sie in einem etwas angeberischen Ton: »Ja, ich habe einen sechzehnjährigen Bruder, der ein großes Erbe angetreten hat. Das Gut Sophienlust mit einem Herrenhaus. Nach dem Willen der Erblasserin wurde der Besitz in ein Kinderheim umgewandelt.«
»Für wohlhabende Familien sicher«, sagte Graf Adrian sehr überzeugt. »Ja, auch sie brauchen manchmal für einige Wochen einen Platz, an dem ihre Kinder bleiben können. Oder für Waisenkinder, für die zwar genügend Geld da ist, aber niemand, der sich ihrer annimmt.«
Andrea lehnte sich zurück. Sie begann mit ihrem Stuhl zu wippen und hörte damit erst auf, als Hans-Joachim sanft auf den Sitz ihres Stuhles drückte. »Ja, es ist schon gut, Hans-Joachim«, sagte Andrea etwas gereizt. »Ich bin eben nervös. Deshalb brauchst du mich nicht gleich zu schulmeistern. Soll ich vielleicht nicht kribbelig werden, wenn jemand annimmt, unser Sophienlust sei nur für die Reichen dieser Welt da?« Nun sah sie den Grafen Adrian an. »Nein, Graf Solling, so ist es nicht, wie Sie denken, obwohl die Erblasserin eine Adelige war. Sie hat trotzdem an die armen Kinder gedacht. An jene, für die niemand etwas bezahlen kann. In Sophienlust wird jedes Kind aufgenommen, das verlassen ist und ohne Liebe leben müsste. Aber weshalb interessieren Sie sich für das Kinderheim?«
Graf Adrian wischte mit der Hand durch die Luft. »Nun, meine Frage ist wohl schon überholt. Ich suche einen Platz für meine Nichte Dolly. Aber natürlich soll sie nicht in einem Kinderheim leben, in dem sie mit Kindern aus asozialen Verhältnissen zusammenkommt. Und solche Verhältnisse sind ja meistens dort, wo es an Geld fehlt.«
Dr. Hans-Joachim von Lehn steckte sich eine Zigarette an. Er meinte, auf einem Pulverfass zu sitzen, wenn er seine Frau ansah. Er kannte ihr Temperament. Jetzt war es durch den Grafen Solling herausgefordert worden.
Weniger peinlich schien diese Situation Eugen Luchs zu sein. Er rieb sich im Stillen die Hände, als er an Andreas Antwort dachte.
Diese ließ auch nicht lange auf sich warten. »Dann hätten wir beinahe auf der ganzen Welt asoziale Verhältnisse, Herr Graf. Ich bin der Meinung, es gibt mehr arme Menschen als solche, die mit dem Geld um sich werfen können. Wenn Sie zu den Glücklichen gehören, beneide ich Sie trotzdem nicht darum. Ihre Einstellung hat mir eben gezeigt, wie sehr Sie zu bedauern sind. Sie wissen wahrscheinlich gar nicht, wie das Leben wirklich ist. Im Übrigen sieht die kleine Komtess Dolly gar nicht so aus, als suche sie Freunde, die vergoldet sind. Unsere Peggy mochte sie sehr gern.«
Graf Adrian zog die Mundwinkel herab. Er sah Eugen Luchs an. » Ich möchte Ihrer Peggy nicht zu nahetreten, aber man merkt ihr doch sehr an, dass sie ein ungezügeltes Kind ist.«
»Gott sei Dank ist sie das«, sagte Eugen Luchs lachend. »Sie soll auch so natürlich bleiben, wie sie jetzt ist. Was ihr an Umgangsformen noch fehlt, wird sie allmählich lernen. Vielleicht viel zu früh. Sobald der Mensch in die Konvention gepresst wird, ist er auf dem besten Weg, sich Züge von Falschheit anzulegen. Ich muss Frau von Lehn recht geben. Die kleine Komtess ist ein reizendes Mädchen, das sich gewiss bei den Kindern von Sophienlust wohlfühlen würde. Aber hat sie es überhaupt nötig, einen Platz in einem Kinderheim zu strapazieren? Sagten Sie nicht, dass sie noch eine Mutter hat?«
Jetzt machte der Graf ein wehleidiges Gesicht. »Ja, sie hat noch eine Mutter, aber durch den Tod ihres Mannes verzweifelt die Mutter. Meine Schwägerin hat mich gebeten, das Kind mit nach Deutschland zu nehmen, weil sie sich ihm nicht sehr gewachsen fühlt. Ihr Wunsch ist es auch, dass Dolly wenigstens für einige Wochen in ein Kinderheim kommt. Sie müssen wissen, dass Dollys Mutter, Gräfin Iska, es sehr schwer haben wird, sich umzustellen. Sie kennt ihren Besitz noch nicht einmal. Die Wasserburg Solling ist der Stammsitz meiner Familie. Sie gehörte meinem Bruder. Er war älter als ich. Bisher habe ich den Besitz verwaltet, aber nun hat meine Schwägerin Iska ihn geerbt.«
»Ist Ihre Schwägerin Brasilianerin?«, fragte Andrea neugierig.
»Aber nein. Iska ist Deutsche. Eine geborene Stetten. Ganz einfach Stetten.«
»Wie schrecklich«, sagte Andrea betont.
Graf Adrian überhörte diese Anzüglichkeit.
»Ja, und Iska lebte mit ihren Eltern in Rio. Dort hat mein Bruder sie kennengelernt. Durch seine Krankheit war es ihm in den letzten Jahren nicht möglich, nach Solling zu Besuch zu kommen. So hat meine Schwägerin den Besitz, der sie jetzt als Herrin erwartet, noch gar nicht kennengelernt. Iska ist erst achtundzwanzig Jahre alt, sehr behütet und unerfahren. Ich möchte ihr wenigstens die Sorge um das Kind für die ersten Wochen abnehmen. Deshalb habe ich mich vorhin etwas unglücklich ausgedrückt.« Graf Adrian sah Andrea jetzt wie um Entschuldigung bittend an. »Ich denke nicht so krass über Standesunterschiede, wie es sich vorhin angehört haben mag. Leider bleibt mir nicht viel Zeit, einen Platz für Dolly zu suchen. Ich verstehe auch, dass ich es quasi als Schicksalsfügung ansah, mit Ihnen hier bekannt geworden zu sein. Gäbe es die Möglichkeit, dass Dolly in Sophienlust aufgenommen wird?«
Andrea seufzte. Es war ihr deutlich anzumerken, dass sie sich nicht so schnell auf den Umschwung im Benehmen des Grafen einstellen konnte. »Ich müsste mit meiner Mutter sprechen. Sie entscheidet, ob ein Kind aufgenommen wird oder nicht. Ich weiß nicht einmal, ob jetzt ein Platz in Sophienlust frei ist.«
Graf Adrian strich sich über die Stirn. »Ich hätte Sie früher auf dieses Problem ansprechen müssen, gnädige Frau. Aber ich konnte nicht wissen, dass es so drängt. Ich muss morgen sehr früh abreisen. Und zwar auf die Burg. Ich werde dort erwartet. Ich bekam gestern einen Anruf von meiner Schwägerin aus Rio. Der Testamentsvollstrecker erwartet, dass ich ihm sofort alles übergebe, da meine Schwägerin erst in drei bis vier Wochen kommen kann. Sie sagte, sie sei in den letzten Tagen bettlägerig gewesen und traue sich die weite Reise noch nicht zu. Was soll ich mit dem Kind auf der Burg? Ich habe nur einige alte Angestellte, die sich gewiss keinen Rat mit Dolly wissen.«
Dolly und Peggy, dachte Andrea schon geraume Zeit. Die beiden Kinder haben einander hier so sehr ins Herz geschlossen und würden glücklich sein, wenn sie noch beisammenbleiben könnten. Außerdem – vielleicht hat es diese Dolly nötiger als ein armes Kind, Geborgenheit zu finden.
Andrea stand auf. »Ich werde versuchen, meine Mutter zu erreichen.« Sie verließ schon den Tisch.
Hans-Joachim sah ihr ein wenig entgeistert nach. Zwar war er schnelle Entschlüsse von seiner Frau gewöhnt, aber das was jetzt in ihrem Köpfchen vorgegangen war, konnte er sich nicht erklären.
Als Andrea zurückkam schien sie den letzten Ärger über Graf Adrian verloren zu haben. »In vier Tagen verlässt ein Kind Sophienlust, und dieser Platz ist noch nicht besetzt. Ich schlage vor, Sie lassen Ihre Nichte hier bei uns in St. Anton, und wir nehmen sie mit zurück nach Sophienlust. Das heißt, wenn Sie sich nicht selbst von der Güte unseres Kinderheims überzeugen wollen, Herr Graf.«
»Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, Sie haben mich doch restlos überzeugt. Wollen Sie sich wirklich während der nächsten Tage um Dolly kümmern?«
Andrea lachte. »Wir alle sind Kinder gewöhnt. Wir können sie sogar im Urlaub ertragen.«
Graf Adrian machte schon wieder ein bedenkliches Gesicht. »Ja, dann habe ich noch ein Problem, das ich nicht lösen kann. Dolly besitzt einen Setter. Sie bestand darauf, ihn unbedingt nach Deutschland mitzunehmen. Ich habe ihn in einem Tierheim in München untergebracht, weil ich ihn hier im Hotel nicht hätte bei mir haben dürfen.«
»Nun, dann müssen wir eben auf der Rückreise den Setter in München abholen. Auch mit Hunden verstehen wir umzugehen.« In Andreas Augen blitzten jetzt Übermutsteufelchen.
So gern ihr Mann das mochte, er sagte doch: »Unter diesen Umständen hätten wir lieber mit Eugen Luch’s Wohnwagen reisen sollen. Besteht die Gefahr, dass wir noch einige wilde Tiere irgendwo abholen müssen?«
»Nein, das natürlich nicht.« Graf Adrian schien über den Ton, der in diesem kleinen Kreis herrschte, etwas frappiert zu sein.
Nur mit Mühe rang er sich ein Lächeln ab. »Ich werde selbstverständlich nicht versäumen, an die Verwaltung des Kinderheims Sophienlust einen angemessenen Betrag für den Aufenthalt meiner Nichte und für die Verpflegung des Setters zu überweisen. Soviel ich verstanden habe, kennen Sie keine festen Sätze.«
»Nein, die kennen wir nicht.« Andrea lachte. »Aber Spenden sind nach obenhin nicht begrenzt. Es kommen genug arme Kinder nach Sophienlust, für die teure Operationen oder andere Aufwendungen nötig wären.« Jetzt war Andreas Gesicht ernst geworden. »Nun will ich Ihnen genau beschreiben, wo Sophienlust liegt, wie Sie es finden und wie die Anschrift lautet.«
Eugen Luchs erhob sich. Jetzt fiel es am wenigsten auf, wenn er dem Gespräch ein Weilchen nicht beiwohnte.
*
