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»Kannst du mit der Wahrheit leben? Oder wird sie dich in den Wahnsinn treiben?« Mia Seilers Fotografien sind radikal, roh, verstörend und berührend zugleich. Ihre erste Ausstellung bringt ihr Aufmerksamkeit, die sie nie gesucht hat. Doch was als künstlerischer Aufbruch beginnt, endet in einem Albtraum. Ein totes Mädchen wird gefunden. Drapiert wie auf einem ihrer Bilder. Daneben: ein Schild mit Mias Namen. Kessler und Wagner übernehmen die Ermittlungen. Während das Netz und die Öffentlichkeit auf Mia starren, tritt jemand aus dem Schatten. Jemand, der sie bewundert. Jemand, der sich ihr nähert. Und je näher die Wahrheit rückt, desto mehr beginnt Mia, an sich selbst zu zweifeln. Ein psychologischer Thriller über Täuschung, Täterverehrung und eine Frau, deren Erinnerungen nicht ausreichen, um sich selbst zu entlasten. Der erste Fall für Kessler und Wagner.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
In Vollendung
Vom Leben gezeichnet
Sabrina Pesch
© 2025 Sabrina Pesch
Alle Rechte vorbehalten.
Verantwortlich für Inhalt und Veröffentlichung:
Sabrina Pesch
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
Deutschland
E-Mail: [email protected]
Es handelt sich bei diesem Buch um eine komplett überarbeitete Neuauflage mit neuem Cover.
Dieses Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung – auch auszugsweise – ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung der Autorin unzulässig.
Korrektorat/Lektorat: Mirca Brening, Thorsten Hamann
Coverdesign: Sabrina Pesch
Für Bastie.
Deine Liebe und dein Rückhalt sind das Herz hinter jeder Zeile.
Reihe Kessler und Wagner:
Band 1: In Vollendung: Vom Leben gezeichnet
Band 2: Fahr wohl, kleine Alice
Band 3: Tödliche Zeilen: Meinen Worten sollst du folgen
Band 4: Wenn das deine Mutter wüsste …
Reihe Kramer und Karess:
Splitterkind: Kalte Erinnerung
Einzelband
Samt und Schande: Ein viktorianischer Kriminalroman über Macht, Moral und Mord
Der Entschluss stand fest. Ich würde sie töten, so gleichgültig wie andere den Müll rausbringen.
Ich stand in der Dunkelheit und ließ den Blick über das Haus gleiten.
Die Straßenlaternen tauchten die Fassade in fahles Licht, das einzelne Partien streifte, während der Rest im Schatten verschwand.
Die Fensterläden der Nachbarn waren längst geschlossen. Alles wirkte still. Friedlich. Keiner von ihnen ahnte, was hinter diesen Mauern wirklich passiert war. Ich dagegen wusste es. Ich hatte es gesehen. Ich hatte es gespürt.
Seit meiner Rückkehr war ich ein paar Mal hier gewesen, doch nur flüchtig und unauffällig, ohne lange zu bleiben. Doch diese Nacht würde es anders sein. Ich war nicht gekommen, um zu beobachten. Ich war gekommen, um zu beenden, was vor Jahren hätte enden sollen. Diesmal würde ich das Haus nicht verlassen, ohne sie vorher zum Schweigen gebracht zu haben. Endgültig.
Ich wusste, wie man sich unsichtbar macht. Das hatte ich lange genug geübt. Die Hintertür klemmte wie immer – ein paar geübte Handgriffe reichten, und sie gab nach.
Mir schlug der abgestandene Zigarettenrauch entgegen. Beißend, kalt, wie die Wände, die ihn seit vielen Jahren aufsogen.
Die Alte rauchte also noch immer wie ein Schornstein. Manche Laster ließen sich offenbar nie ganz ablegen.
Im Türrahmen zum Wohnzimmer blieb ich stehen und beobachtete sie. Sie saß in ihrem ranzigen Sessel, mit dem Rücken zu mir, und starrte auf den Bildschirm, auf dem eine dieser seelenlosen Kochsendungen lief.
Das Sofa gegenüber war nur noch ein Haufen durchgesessenen Sperrmülls, mit verblassten Rosenblüten, speckigen Armlehnen, braunen Schlieren. Ein nikotingelber Schleier lag über allen Möbeln, Gardinen und Wänden, wie eine zweite Haut aus Dreck. Ein leiser Ekel regte sich in mir, doch ich schob dieses Gefühl beiseite.
Sie bemerkte nichts, als ich mich näherte.
Ich trat hinter ihren Sessel, beugte mich langsam zu ihr hinunter, so dicht, dass ich ihren Atem spüren konnte, und flüsterte ihr ins Ohr: »In Vollendung.«
Sie fuhr erschrocken herum, ihre Augen weiteten sich. Für den Bruchteil einer Sekunde starrte sie mich an.
Es sollte das Letzte sein, was sie jemals sehen würde.
»Reiß dich zusammen, Mia. Es ist nur eine Ausstellung«, flüsterte sie, während ihr Blick im Spiegel zwischen ihrem Gesicht und den Fotografien an der Wand hinter ihr wechselte, als müsse sie aushandeln, wer dieser Umgebung mehr gewachsen war.
Dann richtete sie den Blick wieder auf sich. Sie zog ihre Bluse glatt, rückte unruhig an ihren Schultern. Ihre Finger krallten sich an den Saum, als könne sie sich daran festhalten und der Unsicherheit entkommen.
Sie prüfte sich selbst bis ins kleinste Detail.
Würde man ihr etwas ansehen?
Die Hände zitterten. Das Herz schlug zu schnell.
Es war ihre erste Ausstellung. Egal, wie oft sie diesen Moment in ihrem Kopf durchgespielt hatte, sie wusste nicht, ob sie wirklich bereit dafür war.
Jahrelang hatte sie nur hinter der Kamera gestanden und sich im Schatten aufgehalten. Sie hatte bewusst vermieden, selbst ins Licht zu treten. Doch Ayleen hatte ihr immer wieder Motivation zugesprochen, hatte ihr gesagt, dass die Welt sehen müsse, was sie schuf.
Die Galerie war bereits stark besucht. Stimmen, klirrende Gläser, Lachen, ein Hauch von Parfüm. Mia spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie hatte das Gefühl, als würde jeder Blick nur ihr gelten.
Trotzdem ging sie weiter. Schritt für Schritt durch die Menschenmenge und verharrte schließlich vor ihren Bildern.
Sie zwang sich zur Ruhe.
Da hingen sie nun – groß, gerahmt und für alle sichtbar.
Als sie mit der Bildserie begonnen hatte, hatten sich andere gebrochene Seelen bei ihr gemeldet. Menschen, die sich in ihren Werken wiedererkannten, die ihr Geschichten anvertrauten, die sie visualisierte, ohne Retusche. Roh, ehrlich und respektvoll.
Es war keine Arbeit über sie, sondern mit ihnen. Ein gemeinsamer Prozess, kein einseitiger Blick.
Und diese Schicksale waren nun Teil dieser Galerie. Nicht auf einem Bildschirm. Nicht mit einem Finger wegwischbar. Sondern da. In echt. Mit Raum und Tiefe.
Ein lautes Knacken und ein kurzes Piepen unterbrachen das Gemurmel im Raum, dann ertönte die Stimme des Galeristen über die Lautsprecher.
Marc Berghoff stand auf halber Höhe der Wendeltreppe, die elegant in den oberen Bereich führte. Er sprach klar, ruhig, mit dieser kultivierten Wärme, die Mia beim ersten Treffen schon aufgefallen war.
»Einen wunderschönen guten Abend, meine Damen und Herren. Ich freue mich sehr, Sie zu meiner ersten Vernissage in diesem Jahr begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Marc Berghoff und es ist mir eine Ehre, Ihnen heute einige außergewöhnliche Künstlerinnen und Künstler vorstellen zu können. Neben den poetischen Landschaftsaufnahmen von Irene Becker, den kontrastreichen Architekturen von Peter Schmidt und den eindrucksvollen Gemälden von Jakob Falk – um nur einige zu nennen – bitte ich Sie, auch einen Moment bei der Arbeit von Mia Seiler zu verweilen.«
Er hob die Hand in ihre Richtung. Mia spürte, wie sich Blicke auf sie legten. Schwer, unausweichlich, forschend. Sie zwang sich zu einem Lächeln, spürte die Nägel in ihren Handflächen, ein flackerndes Brennen unter der Haut.
Natürlich hatte sie gewusst, dass dieser Moment kommen würde. Marc hatte sie darauf vorbereitet. Er kündigte bei jeder Ausstellung einige Künstler gesondert an – und sie hatte gewusst, dass er sie auswählen würde.
Aber das Wissen nahm ihr nicht den Druck. Ayleen fehlte. Eigentlich hätten sie zusammen hier sein sollen, doch ein Notfall in der Rechtsmedizin hatte sie abgehalten. Ein paar Stunden später wären die Toten auch noch tot gewesen, dachte Mia bitter. Jetzt stand sie allein zwischen Fremden, eingehüllt in Designerkleider, teures Parfum und hohle Komplimente. Sie spürte, wie sich ihre Kehle zusammenzog.
»Frau Seiler«, fuhr Marc fort, »hat sich mit ihrer Serie Vom Leben gezeichnet, jenen gewidmet, die oft übersehen werden. Menschen mit chronischen Erkrankungen, mit psychischen Diagnosen, mit Wunden, die nicht sichtbar sind. Ihre Fotografien machen sichtbar, was im Alltag verborgen bleibt. Ein Beispiel dafür ist die Krankheit Fibromyalgie – eine Schmerzerkrankung, die sich durch den ganzen Körper zieht und dennoch kaum anerkannt wird. Wenn Sie sich Mia Seilers Bilder ansehen, werden Sie spüren, was man normalerweise nicht sehen kann.«
Er lächelte. »Ich wünsche Ihnen einen eindrucksvollen Abend – und den Künstlern, dass das eine oder andere Werk ein neues Zuhause findet.«
Applaus, Bewegung, ein tiefer Atemzug. Der erste Schub war überstanden. Ein Kellner reichte ihr ein Glas Sekt, sie bedankte sich knapp, nippte daran, ohne den Geschmack wahrzunehmen. Ihr Blick wanderte durch den Raum, über Gesichter, die kurz verweilten, dann weiterzogen.
Eine Frau mittleren Alters mit teurer Handtasche und perfekt geföhnten Haaren warf einen angewiderten Blick auf das Bild mit den Narben, schüttelte stumm den Kopf und wandte sich dann einem harmlosen Landschaftsmotiv zu.
Solche Reaktionen kannte Mia – doch sie trafen sie nicht mehr. Denn sie wusste: Es gab auch andere.
Ein junger Mann stand lange vor dem Porträt einer Patientin mit Borderline.
Ein älteres Ehepaar sprach leise, beinahe ehrfürchtig, vor Mias Selbstporträt. Eingeschnürt in ein Korsett. Ihre Narben sichtbar für jeden.
Und in diesem Moment, bei diesen Blicken, spürte Mia, dass es sich gelohnt hatte. Sie atmete zum ersten Mal an diesem Abend wirklich aus.
Sie musste aufhören, ihre Kunst und damit auch sich selbst hinter dem Glas von Bildschirmen zu verstecken. Diese Bilder gehörten in Räume. In Gespräche. In echte Begegnungen.
»Sie schlagen sich ganz hervorragend.« Marc war plötzlich neben ihr aufgetaucht. Seine Stimme war leise, seine Präsenz dennoch spürbar.
»Ich gebe mein Bestes«, sagte sie. »Danke, dass Sie mir das ermöglicht haben. Oder besser: uns. Denn meine Bilder stehen auch für all die anderen – für die, die keine Worte finden.«
»Es ist mir eine Ehre, sie hier zeigen zu dürfen, Frau Seiler. Wirklich.«
»Sagen Sie bitte Mia.«
»Dann bitte auch Marc.«
»Gerne.« Sie betrachtete ihn eine Weile.
Er war groß, etwa 1,85 m, von schlanker, sportlicher Statur. Die frisch rasierte Glatze betonte die klaren Linien seines Gesichts, und an den dunklen Brauen und dem Bart konnte sie erkennen, dass sein Haar fast schwarz gewesen sein musste, so wie ihres.
Bei ihrem ersten persönlichen Treffen hatte sie vor Nervosität nicht genau hingesehen.
Aber erst jetzt, in diesem Moment, sah sie ihn zum ersten Mal richtig.
»Ihre Bilder«, sagte er offen und aufrichtig, »sie haben Kraft. Ich kannte sie ja schon von Instagram, aber sie hier im Original zu sehen, das ist etwas anderes. Etwas Echtes.«
Er stockte kurz, dann fuhr er fort: »Verzeihen Sie. Ich klinge wahrscheinlich wie ein liebeskranker Schüler, der seiner sexy Lehrerin Avancen macht.«
Mia lachte leise, beinahe überrascht von sich selbst. Wie lange war es her, dass jemand sie sexy genannt hatte?
»Es freut mich«, sagte sie schlicht. »Es ist schön, wenn jemand mehr sieht als bloß Elend in Schwarz-Weiß.«
»Ich verstehe, was Sie meinen.«
Sein Blick war weich. Und warm. Sie dachte, dass man sich in solchen Augen verlieren könnte.
In diesem Moment wanderte Marcs Blick über ihre Schulter hinweg. Für einen Sekundenbruchteil veränderte sich sein Ausdruck, kaum merklich, aber spürbar. Er nickte jemandem zu, der sich am Rand der Menschenmenge aufhielt, einem Mann mittleren Alters im dunklen Anzug, dem er kurz und fast beiläufig zuwinkte.
»Verzeihen Sie, ich muss mich kurz entschuldigen. Ein Kollege aus Köln. Es ist scheinbar dringend.« Er nickte ihr noch einmal zu und verschwand. Ein Hauch Patschuli blieb zurück.
Mia blieb zurück, allein zwischen Stimmengewirr und fremden Gesichtern. Das Gespräch mit Marc hatte etwas in ihr ausgelöst – nur für einen Moment, kaum greifbar, aber es war da gewesen.
Der Abend verlief in Wellen. Hier und da ein flüchtiges Nicken, ein hingeworfenes »Interessante Serie« ohne echten Blickkontakt. Sie lächelte, so wie man lächelt, wenn man weiß, dass man beobachtet wird.
Doch sie spürte die Blicke auf ihr. Das Wispern, das hinter hochgezogenen Schultern stattfand, kaum hörbar, aber gegenwärtig.
Sie atmete tief durch. Sie hatte so lange für diesen Moment gearbeitet – und jetzt, da er gekommen war, schien alles in ihr zu beben.
Der Druck, die Angst und das überwältigende Bedürfnis, zu verschwinden.
Weg. Raus. Einfach nur fort von hier.
Sie warf einen Blick in den Spiegel neben der Garderobe – prüfend, ob noch alles an seinem Platz war.
Marc durfte nichts merken. Niemand durfte es.
Doch der Sturm in ihr wurde stärker. Der Sekt reichte nicht, und die Luft schien mit jeder Minute knapper zu werden.
Sie wusste, dass sie später einen Weg finden musste, um all das loszuwerden. Aber nicht jetzt. Nicht hier. Nicht vor all diesen Menschen. Und doch war es nur eine Frage der Zeit, bis die Dunkelheit zurückkam. Sie kam immer.
Geduld ist eine Tugend. Also hielt ich mich zurück, hockte hinter einem Baum, abseits des Weges. Nur ein Raubtier hätte mich in dieser Dunkelheit bemerkt. Es war bitterkalt. Selbst die Lederhandschuhe hielten die Kälte kaum ab. Ich rieb mir die Finger. Bewegte sie langsam, um das Gefühl nicht zu verlieren. Mein Blick ruhte auf den drei Mädchen, die vor der kleinen Mauer standen und sich betranken.
Tamara war vierzehn. So stand es jedenfalls in ihrem Instagram-Profil. Doch durch die Tonnen von Make-up und ihrer großen Oberweite sah sie älter aus. Alina war blass, unauffällig, ein graues Mäuschen. Eine, die immer lacht, wenn andere lachen, und trinkt, wenn andere trinken, obwohl sie den Geschmack hasst. Jedes Mal, wenn sie einen Schluck nahm, zuckte sie zusammen.
Auch Marta konnte ihre Unsicherheit nicht verbergen – jedenfalls so weit ich das erkennen konnte. Dennoch trank sie. Hastig, gierig. Als würde sie nur dazugehören, wenn sie mehr vertragen konnte als die anderen beiden. Es ist faszinierend, was Menschen bereit sind zu tun, wenn sie nicht ausgeschlossen werden wollen. Mir sollte es recht sein. Es würde mein Vorhaben etwas leichter machen.
Ich hatte alles bei mir, was ich brauchen würde. Ich musste nur warten. Nur noch ein wenig Geduld.
Als sich plötzlich eine weitere Gruppe Jugendlicher näherte, befürchtete ich schon, mein Plan würde scheitern. Doch ich hatte Glück. Tamara und Alina zogen mit den Neuankömmlingen weiter, ohne sich umzudrehen. Keine festen Bande, keine Loyalität. Nur leeres Lallen und billiger Alkohol. Marta blieb allein zurück, lehnte sich schwankend an die hüfthohe, halbrunde Mauer der Ringwallanlage im Park vom Holterhöfchen.
So viel zum Thema Freundschaft. Niemand war mehr da. Keine Zeugen. Kein Risiko.
Ich löste mich lautlos aus dem Schatten, ging langsam auf sie zu, Schritt für Schritt, bis ich direkt hinter ihr stand. Und endlich war es so weit.
Die Kälte war verschwunden. Nicht einfach abgestumpft oder überlagert, sondern ausgelöscht. Mein Körper vibrierte vor Spannung, als hätte mich etwas von innen heraus aufgeladen. Die Dunkelheit um mich herum verdichtete sich zu einem schützenden Kokon, der den Moment in etwas Heiliges verwandelte.
In mir stieg ein Rausch auf, klar und heiß, geboren aus Vorfreude. Die Gewissheit, dass gleich etwas Großes geschehen würde, etwas Reines, das nur mir gehörte. Keine Skizze. Kein Probelauf.
Ich musste mich zügeln. Nichts überstürzen. Nicht verschwenden, was so kostbar war. Ich wollte es kosten. Jede Sekunde. Jeden Atemzug. Jeden Blick.
Ihr Tod war erst der Anfang. Bald schon würde sie ein wahres Meisterwerk sein.
»Guck dir diese abartigen, schaulustigen Blagen an. Sollten die nicht eigentlich alle in der Schule sein?«
Um zum Tatort zu gelangen, mussten Hauptkommissar Frank Kessler und sein jüngerer Kollege Erik Wagner sich durch eine Horde Jugendlicher zwängen. Die Polizei hatte den Bereich großflächig abgesperrt, doch die Gaffer sammelten sich trotzdem wie Motten ums Licht. Noch ein paar Meter, dann würde die Leiche in Sicht kommen.
»Ach du Scheiße! Was für ein krankes Schwein macht denn so was? Was meinst du, Erik? Wie alt ist die Kleine?« Kessler warf seinem Kollegen einen fragenden Blick zu.
Wagner kniff die Augen zusammen, musterte das Opfer. »Zwölf, vielleicht dreizehn? Wissen wir schon, wer sie ist?«
Er richtete sich an Polizeikommissar Ismael Yilmaz von der Wache in Hilden.
»Wir gehen davon aus, dass es sich um die zwölfjährige Marta López handelt. Die Eltern haben sie gestern Abend als vermisst gemeldet. Ein paar Jugendliche haben sie vor etwas mehr als einer Stunde gefunden. Die Kids gehen alle auf dieselbe Schule, direkt hier am Holterhöfchen.« Yilmaz deutete auf ein Mädchen mit kurzen blonden Haaren, das von zwei Beamtinnen betreut wurde. »Ihre Freundin Lea Sommer. Sie ist ziemlich durch den Wind.«
Das Mädchen wirkte leer, nicht schockiert, nicht panisch, einfach nur hohl, als hätte jemand den Stecker gezogen.
»Darum kümmern wir uns später«, murmelte Kessler. »Was kannst du uns zum Tathergang sagen?«
Yilmaz warf einen Blick in seine Notizen. »Dr. Stern von der Rechtsmedizin geht von Strangulation aus. Die Schnitte an Armen und Beinen wurden ihr vermutlich post mortem zugefügt. Ihre Kleidung fehlt. Der Täter hat sie in dieses Korsett gesteckt und …« Er stockte.
»Na los, Yilmaz. Wir haben nicht ewig Zeit.«
Der Kommissar nickte knapp, senkte den Blick zurück aufs Papier. »Der Täter hat sie mit einer Eisenstange durch den Anus im Boden fixiert. Die Hände wurden – wie auch immer – an ihrem Gesicht befestigt. Wahrscheinlich mit Sekundenkleber. Dadurch ist das Gesicht kaum zu erkennen. Aber ihre Freundin hat sie eindeutig identifiziert. Direkt vor ihren Knien lag dieser Zettel.« Er hielt eine Beweismitteltasche hoch. »Scheinbar haben wir es hier mit einem selbst ernannten Künstler zu tun. Ich hab so was in meiner gesamten Laufbahn noch nicht erlebt.«
Kessler nahm den Beutel. Darin befand sich ein einzelnes Galerieschild – akkurat beschriftet wie die Titeltafeln, die man unter Kunstwerken findet.
Mia Seiler – In the dark – In Vollendung.
»Wer zur Hölle ist Mia Seiler?«, knurrte Kessler. Seine Geduld war bereits am Ende. Er hasste es, wenn eine Ermittlung schon mit einer Schnitzeljagd begann.
Wagners Blick glitt zu dem toten Mädchen, blieb dort kurz hängen. »Fotografin. Hatte Freitagabend eine Ausstellung bei einem gewissen Marc Berghoff. Königsallee in Düsseldorf. Ihre Kunst polarisiert ziemlich. Entweder man feiert sie oder man will sie verbrennen. Jedenfalls zieht sie Aufmerksamkeit. Und anscheinend nicht nur positive.«
»Und du weißt das wieder mal einfach so, hm?«, grummelte Kessler.
Sein Kollege grinste schief. »Tja. Ich bin halt der allwissende Wagner. Nein, im Ernst – ich hänge zu viel im Internet rum. Die Ausstellung war Thema Nummer eins am Wochenende. War sogar auf der Startseite von zwei großen Kulturblogs.«
Er zückte sein Handy, wischte über das Display. »Hier, die Schlagzeile von gestern: ›Vom Leben gezeichnet: Mia Seiler (38) widmet ihre aktuelle Serie den gebrochenen Seelen und macht mit ihren Bildern auf psychische Erkrankungen aufmerksam.‹«
Kessler nahm das Handy, scrollte stumm. Dann hielt er inne. »Das hier?«
»Jupp. In the dark.«
Das Foto zeigte eine Frau auf den Knien, das Gesicht in den Händen verborgen. Die Arme und Beine übersät mit alten Schnittnarben. Schwarzes Korsett, fast identisch mit dem des Opfers. Kessler sah von dem Bild zur Leiche, dann wieder zurück. Wagner konnte fast hören, wie sein Kollege innerlich das Puzzle zusammensetzte.
Kessler zog Block und Stift aus der Jacke und machte sich Notizen. »Spinner ziehen Spinner an. Dieser Fall schlägt mir jetzt schon auf den Magen«, murmelte er anschließend.
Sein Blick wanderte zu Lea Sommer, die reglos das Nichts anstarrte. Für einen Moment war sie nicht einfach nur die Freundin eines Opfers. Sie war ein Kind – wie seine Tochter. Und das traf ihn tiefer, als es sollte.
Er streifte die vorgeschriebene Schutzkleidung über, ging in die Hocke, etwa einen Meter entfernt vom Opfer. Er ließ den Blick langsam über das Mädchen gleiten – die starre Haltung, die fixierten Hände vor dem Gesicht, die schreckliche Pose, die mehr Installation als Leiche war. Jemand hatte sich Mühe gegeben. Zu viel Mühe. Und genau das war das Verstörendste.
»Na los, Wagner. Wir haben ’nen Arsch voll Arbeit. Die Kollegen kümmern sich um den Rest, wir nehmen uns diese Fototante und den Galeristen vor. Wie hieß der noch mal?«
»Berghoff. Marc Berghoff. Wohnt direkt über seiner Galerie«, antwortete Wagner, während er die Adresse aufschrieb.
Sie fuhren auf der A59 in Richtung Düsseldorf. Wagner beobachtete, wie Kessler versuchte, Ruhe zu bewahren. Als das Diensthandy klingelte, schaltete Kessler die Freisprechanlage ein. »Kessler.«
Yilmaz’ Stimme hallte durchs Auto. »Ich dachte, ihr solltet es sofort wissen. Bilder vom Tatort geistern bereits durch die sozialen Medien. Irgendwer hat das Opfer fotografiert – vor Eintreffen der Einsatzkräfte. Die Fotos verbreiten sich rasend schnell. TikTok, Instagram, Facebook – überall.«
Stille.
Dann schlug Kessler mit der flachen Hand auf das Armaturenbrett. »Gottverdammte Scheiße! Was zu Hölle ist bei der Jugend von heute eigentlich schiefgelaufen? Wie sensationsgeil kann ein Mensch eigentlich sein?«
Wagner sagte kein Wort. Er wusste: Wenn Frank ausrastete, ließ man ihn ausrasten.
Kessler drückte sich mit Daumen und Zeigefinger gegen den Nasenrücken. »Weißt du, was das heißt? Irgendeiner von diesen Gaffern hat ein Bild von dem Mädchen gemacht und ins Netz gestellt, bevor wir überhaupt da waren. Willkommen im digitalen Abschaum-Zeitalter.«
Er schüttelte den Kopf, atmete schwer. Gedankenverloren starrte er auf die Straße.
»Manchmal frag ich mich echt, ob meine Tochter auch schon so abgestumpft ist … und ich’s einfach nur nicht mitkriege.« Der Gedanke nagte. Vielleicht, weil er zu selten da war, um es zu merken. Vielleicht, weil ihm der Job zu oft wichtiger gewesen war als das Abendessen zu Hause.
Es entstand eine längere Pause zwischen ihnen. Als Wagner auf die A46 wechselte, wurde Kessler unruhig und rutschte in seinem Sitz hin und her. »Willst du zu der Scheiße gar nichts sagen?«
Wagner beobachtete seinen Kollegen mit einem Anflug von Belustigung. Der Kerl war breit gebaut, hielt sich fit und hatte sich, trotz fünfundfünfzig Lenzen, erstaunlich gut gehalten. Frisch rasiert, die Haut sonnengebräunt, das graue Haar wie gewohnt in alle Richtungen zerzaust – kein Wunder, wenn man sich im Minutentakt die Hand hindurchschob.
Er wusste, wie schnell Kessler hochgehen konnte, aber genau das reizte ihn manchmal. Ihn ein bisschen zappeln zu lassen, war fast ein Sport. Trotzdem hatte er großen Respekt vor seiner Erfahrung und dem Instinkt, den man sich nicht antrainieren konnte.
Wagner zuckte mit den Schultern, die Mundwinkel leicht nach oben. »Ich denk nach, bevor ich rede. Du solltest das auch mal ausprobieren.«
Kessler murrte leise.
»Aber wenn du’s unbedingt wissen willst, diese verdammten Selfie-Kids haben dem Täter genau das gegeben, was er wollte: Aufmerksamkeit. Und wer steht jetzt im Rampenlicht? Mia Seiler. Selbst wenn sie mit dem Mord nichts zu tun hat, ist sie ab jetzt Teil des Spiels. Wer weiß, was wir bei diesem Galeristen Berghoff herausfinden.«
»Ich hoffe, wir kommen hier zügig weiter. Dieser Fall bereitet mir sonst noch ein Magengeschwür.« Kessler presste die Kiefer aufeinander.
Wagner schnaubte leise. »Jetzt schon? Wir stehen doch erst ganz am Anfang.«
»Du findest das ernsthaft witzig? Du bist immer so verdammt ruhig. Wie machst du das? Ich bin kurz davor, zu explodieren.«
Wagner grinste breit. »Yoga, Achtsamkeit … und passive Aggression. Funktioniert super.«
Kessler verdrehte die Augen.
»Ganz ehrlich, Frank? Wenn du dich weiter so reinsteigerst, bekommst du noch einen Herzinfarkt. Immer locker durch die Hose atmen, ja? Wir gehen einen Schritt nach dem anderen und finden mit Sicherheit eine Spur zu diesem Irren. Und bis dahin … genieß doch einfach die wunderschöne, vorbeiziehende Landschaft.«
Natürlich war es naiv zu hoffen, dass sie direkt vor der Galerie von Marc Berghoff einen Parkplatz finden würden. Jeder, der schon mal mit dem Auto über die Königsallee gerollt war, wusste, dass man mit einem Sechser im Lotto bessere Chancen hatte. Doch Kessler weigerte sich standhaft, eines der überteuerten Parkhäuser in der Umgebung zu nutzen, also blieb ihnen nichts anderes übrig, als ein paar hundert Meter extra zu laufen.
»Ich hasse diese Bonzen-Bunker«, brummte er, während sie sich durch die Masse schoben. »Wie kann man sich hier wohlfühlen? Hier geht’s doch nur darum, gesehen zu werden, während man so tut, als würde man niemanden sehen.« Kopfschüttelnd ließ er den Blick über die Schaufenster und Schickimicki-Cafés schweifen, bevor er Wagner in die Galerie folgte.
Schon beim Eintreten fielen ihm Mias Bilder ins Auge. Verstörend. Düster. Überladen mit Schmerz. Er trat näher an das erste heran – ein Porträt einer jungen Frau, deren Arme und Beine übersät waren mit alten, blassen Narben. Genau dieses Bild hatte er bereits in dem Onlineartikel gesehen. Es war das selbe, das dem Täter offenbar als Vorlage gedient hatte.
Sein Blick wanderte weiter. Eine Ballerina, kopflos im Gras. Dann ein Gesicht ohne Augen, ohne Mund – leer, ausgelöscht. Das nächste zeigte eine Frau mit groteskem Make-up, geschminkt wie eine gebrochene Marionette. Ihre Arme baumelten an unsichtbaren Fäden, ihr Blick war tot. Und zuletzt ein verschwommenes Bild, offenbar eine Langzeitbelichtung. Das Gesicht der Frau so verzerrt, dass es kaum noch menschlich wirkte.
Kessler verzog das Gesicht. »Und so was nennt sich Kunst?«, murmelte er und schüttelte ungläubig den Kopf.
»Einen wunderschönen guten Tag, darf ich den Herren behilflich sein?«, erklang eine Stimme.
Marc Berghoff schritt die Wendeltreppe hinab. Er wirkte jung, elegant und geschliffen wie ein zum Leben erwachter Katalogmodel.
»Berghoff, richtig? Hauptkommissar Kessler. Das ist mein Kollege Wagner. Wir ermitteln in einem Mordfall aus Hilden. Ihre Ausstellung vom Freitag könnte damit zu tun haben. Wir brauchen ein paar Antworten. Gibts ’nen Ort, wo wir ungestört reden können?«
»Aber selbstverständlich. Folgen Sie mir bitte.«
Berghoff führte sie in die obere Etage. Er lebte über der Galerie – was praktisch war, wenn Kunden zu viel tranken oder Nachbesprechungen anstanden. Die Wohnung war modern, geschmackvoll und mit erkennbar teuren Möbeln eingerichtet. Wagner stieß ein kurzes Pfeifen aus. Im Artikel, den er gelesen hatte, stand, dass Berghoff gerade mal sechsundzwanzig war und mit seiner Galerie offensichtlich verdammt gutes Geld verdiente. Er schwankte zwischen Neid und Bewunderung. Kessler ließ sich skeptisch auf dem makellos gepflegten Chesterfield-Sofa nieder, als fürchte er, seine Jacke könne das Leder verunreinigen.
»Darf ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee, Wasser, Wein?«, fragte Berghoff höflich.
»Danke, nein. Wir hoffen, dass wir das hier schnell hinter uns bringen.« Wagner zog Block und Stift aus seiner Jackentasche. Er hatte das Gespräch an sich gezogen, noch bevor Kessler die Chance hatte, das Wort zu ergreifen. Dieser ließ ihn jedoch gewähren.
»Herr Berghoff, wo genau haben Sie sich am vergangenen Wochenende aufgehalten?«
»Stellen Sie solche Fragen eigentlich jedem, der eine Ausstellung organisiert, oder bin ich offiziell verdächtig?«, fragte Berghoff beiläufig, während er sich ein Glas Wasser einschenkte.
»Routine, leider. Und ja, das gehört zum Job«, erklärte Wagner nüchtern.
Berghoff stellte sein Glas auf den Tisch und lehnte sich zurück. »Ich war das ganze Wochenende in der Galerie. Ich habe gearbeitet.«
»Auch nachts?«, hakte Wagner nach, mit einem Tonfall, der seinen eignen Willen zu haben schien.
»Ich bin selbstständig. Bedeutet: immer im Einsatz. Samstag und Sonntag habe ich jeweils bis kurz nach Mitternacht gearbeitet und mich dann zurückgezogen.«
»Allein?«, fragte Wagner, etwas zu nachdrücklich. »Ich meine, ein junger, gutaussehender Mann mit Geld …«
»Doch. Ich war allein«, sagte Berghoff knapp. Kein Lächeln. Kein Spiel. Nur Betonung.
»Gab es während der Vernissage irgendetwas Auffälliges? Jemand, der sich seltsam verhalten hat? Ein Gast, der ungewöhnlich starkes Interesse an Frau Seiler oder ihren Werken gezeigt hat?«
»Nicht, dass ich wüsste. Der Abend lief wie immer: Kunst gucken, teuren Wein schlürfen, Smalltalk. Ein paar Werke wurden verkauft, das Übliche.«
»Auch Werke von Frau Seiler?«
»Oh, allerdings«, sagte er, und ein Lächeln breitete sich in seinem Gesicht aus. »Tatsächlich habe ich alle Bilder von Mia Seiler selbst gekauft.«
»Alle fünf?«, schaltete sich Kessler ein. »Und was haben Sie dafür hingeblättert, wenn ich fragen darf?«
»Fünftausend Euro für alle zusammen.«
»Also tausend Euro pro Bild«, murmelte Kessler und verzog das Gesicht. »Nicht schlecht für ein bisschen Elend im Bilderrahmen.«
Berghoff hob eine Braue, sagte aber nichts.
Wagner übernahm wieder das Gespräch. »Das klingt nach echter Überzeugung. Darf ich fragen, warum Sie alle Bilder gekauft haben?«
»Weil sie gut sind. Weil sie etwas transportieren. Frau Seiler ist eine Ausnahmekünstlerin. Ich wollte, dass ihre Werke zusammenbleiben. Aber Sie sind sicher nicht hier, um mit mir über den Wert ihrer Bilder zu reden. Sie erwähnten einen Mordfall, wenn ich mich richtig erinnere. Und natürlich interessiert mich, wie sie auf die Idee kommen, meine Vernissage könnte damit etwas zu tun haben.«
Wagner kam zur Sache: »Heute Morgen wurde die Leiche eines zwölfjährigen Mädchens gefunden. Die Art und Weise, wie sie drapiert war, gleicht Mias Bild In the dark aufs Haar. Der Täter hat ein Schild mit dem Bildtitel hinterlassen. Als wäre es Teil einer Ausstellung. Mia Seiler ist damit automatisch relevant für unsere Ermittlungen. Deswegen die explizite Frage nach ihren Bildern. Gibt es irgendetwas, das Sie uns über Frau Seiler sagen können?«
Berghoff wurde blass. »Das… das ist krank. Wirklich krank. Ich meine – ein Kind?« Er rieb sich das Gesicht. »Mia war sehr nervös, ja. Aber das ist normal. Viele Künstler drehen vor ihrer ersten Ausstellung fast durch. Was mir aufgefallen ist: Die meisten Gäste hielten Abstand zu ihr. Sie wirkte wie jemand, der lieber nicht angesprochen wird – oder nicht weiß, wie man darauf reagieren soll.
Sie trank zu viel, ich musste ihr gegen elf ein Taxi rufen. Eine Dreiviertelstunde später schickte sie mir eine Nachricht, dass sie heil angekommen sei. Das ist alles. Ich wünschte, ich könnte mehr sagen.« Er erhob sich. Plötzlich ging alles schnell, als wäre mit der Nachricht eine andere Mechanik in Gang gesetzt worden. »Und nun muss ich Sie leider bitten, zu gehen.«
Kessler und Wagner tauchten einen irritierten Blick.
»Falls Ihnen noch etwas einfällt, melden Sie sich«, sagte Wagner, als sie aufstanden.
Draußen schob Kessler die Hände in die Taschen und starrte in die Wintersonne. »Der Typ war ’ne Sackgasse. Aber irgendwas stinkt. Fünftausend Euro für Bilder von kaputten Gestalten? Wer da der größere Psycho ist – Künstler, Käufer oder Täter – kannste dir aussuchen. Wir behalten den im Auge.«
»Du magst ihn nicht sonderlich. Hab ich recht?«, stellte Wagner fest. »Du warst kurz davor, ihn mit dem Sofa zu erschlagen.«
»Solche Schmierlappen kotzen mich an. Aber du musst gerade reden. War es notwendig, den Kerl mit der ›Attraktiver-junger-Mann-der-sicher-nicht-allein-schläft‹ Nummer zu provozieren.« Er warf Wagner einen entnervten Blick zu. »Der hat wegen dir viel zu schnell dichtgemacht. Ich hab dir den Vortritt gelassen, aber du musstest ihm ja nicht gleich mit dem Brecheisen ins Hirn steigen.«
Wagner zuckte die Schultern. »Ich dachte, ich kitzle mehr aus ihm raus. Vielleicht war er wirklich eine Sackgasse, vielleicht auch nicht. Aber die Art, wie er über Frau Seiler gesprochen hat, war seltsam überschwänglich und irgendwie … kontrolliert. Und wie schnell er das Gespräch beenden wollte? Irgendwas ist da.«
»Da stimme ich allerdings zu: Der Typ hat was zu verbergen. Und wenn’s nur ’ne Edelnutte war, die er nicht in seiner Bilanz verbucht sehen will. Das wäre für seinen Ruf mit Sicherheit nicht förderlich.«
Auf einmal war Montag. Ihr Handydisplay zeigte 11:17 Uhr. Die vielen Symbole unter der Zeitanzeige ignorierte sie. Stattdessen spürte sie nur das dumpfe Pochen in ihrem Kopf – als würde etwas von innen gegen die Schädeldecke drücken. Die Erinnerungen an den Vortag waren ein einziges verschwommenes Flimmern. Sie brauchte Kaffee. Dringend.
Auf dem Weg in die Küche sammelte sie beiläufig leere Gläser und Tassen ein, die kreuz und quer über das Wohnzimmer verteilt standen. Ordnung war nie ihre Stärke gewesen. Nach der Dusche war der Kaffee endlich fertig durchgelaufen. Der Geruch legte sich wie eine warme Decke über die kleine Wohnung – ihr täglicher Trostspender. Mit der dampfenden Tasse in der Hand ließ sie sich an den Schreibtisch sinken und ging ihrer morgendlichen Routine nach: WhatsApp im Hintergrund, dann E-Mails, zuletzt das Bankkonto. Spamnachrichten mit Angeboten zu Penisvergrößerungen landeten wie immer im Papierkorb. Der Absender hatte wohl nicht verstanden, dass er an der falschen Adresse war.
Die Überweisung von Marc war bereits eingegangen und das schneller als erwartet. Er hielt, was er versprach. Der Gedanke an ihn entlockte ihr ein mattes Lächeln. Gerade wollte sie ihre Instagram-Seite öffnen, als auf dem Desktop der WhatsApp-Messenger aufpoppte. Am Computer zu schreiben, war ihr ohnehin lieber als am Handy. Sie hatte ganz vergessen, dass das Display vorhin schon neue Nachrichten angezeigt hatte.
Jetzt sah sie alle auf einmal.
Eine neue Nachricht von Ayleen: ›Wo bist du? Geht es dir gut? Bitte melde dich!‹
Aber nicht nur sie hatte geschrieben. Auch Marc hatte sich gemeldet – keine halbe Stunde zuvor. Wahrscheinlich während sie unter der Dusche gestanden hatte.
›Hallo Mia, die Polizei war gerade bei mir. Heute Morgen wurde die Leiche eines Mädchens gefunden. Scheinbar hat irgendein Irrer sie so hergerichtet wie dein Selbstporträt In the dark. Die Polizei dürfte wohl auch bald bei dir auftauchen.‹
Kaum hatte Mia die Nachricht zu Ende gelesen, klingelte es auch schon an der Tür. Reflexartig drückte sie den Summer. Die Schritte der Polizisten auf dem Treppenhausboden klangen schwer.
Schnell öffnete sie Ayleens Chatfenster und schrieb: ›Mir geht es gut. Melde mich später.‹
Als es an der Wohnungstür klopfte, zog sie sich im Schlafzimmer hastig eine Sweatjacke über.
»Guten Morgen, Frau Seiler. Hauptkommissar Kessler. Das hier ist mein Kollege Wagner.« Kesslers Stimme war nüchtern, fast mechanisch. In seinen Händen hielt er ein Paket, etwa dreißig mal dreißig Zentimeter groß. »Das lag vor Ihrer Tür. Dürfen wir einen Augenblick reinkommen? Wir hätten da ein paar Fragen.«
Mia nahm es zögerlich entgegen, die Stirn leicht gerunzelt. Dann trat sie beiseite und ließ die Beamten herein. Sie legte das Paket ungesehen auf die Küchenzeile – das hier hatte Vorrang. Wenn tatsächlich jemand ein Kind nach dem Vorbild eines ihrer Bilder getötet hatte, musste sie helfen. Trotzdem spürte sie, wie sich eine Beklemmung in ihr breitmachte. Unbewusst begann sie, an ihrem Ärmel zu zupfen. Kesslers Blick blieb daran haften.
»Noch ist das kein Grund, nervös zu werden, wir sind ja nicht hier, um Sie zu verhaften«, sagte er tonlos.
Wagner warf seinem Kollegen einen kurzen Seitenblick zu und versuchte, das Gespräch in ruhigere Bahnen zu lenken. »Wir wissen, wie unangenehm die Situation für Sie sein muss. Wir halten uns so kurz wie möglich, versprochen. Gab es auf der Vernissage jemanden, der auffällig großes Interesse an Ihren Werken gezeigt hat? Abgesehen von Marc Berghoff – dass er alle Bilder gekauft hat, ist uns bekannt.«
Bei seinem Namen zuckte Mia leicht zusammen. »Nein, niemand. Wirklich nicht. Ich war an dem Abend ziemlich angespannt und habe kaum etwas wahrgenommen. Aber abgesehen von Marc ist mir niemand aufgefallen, der besonderes Interesse gezeigt hätte.«
»Und online?«, fragte Wagner weiter. »Instagram, Facebook – haben Sie dort etwas Seltsames bemerkt? Nachrichten, Kommentare, Drohungen?«
»Ich habe seit der Vernissage noch nicht geschaut. Klar bekomme ich ab und zu dämliche Nachrichten – wegen meiner Serie – aber meistens blockiere ich solche Leute sofort. Ich war gerade dabei, meine Nachrichten zu checken, als Sie geklingelt haben.«
Sie fuhr sich müde durchs Gesicht, stand auf und holte ihr Handy. Als sie Instagram öffnete, erstarrte sie. Über 300 neue Benachrichtigungen. Ihre Hand begann leicht zu zittern. Ohne ein Wort reichte sie Wagner das Telefon. Dabei rutschte ihr Ärmel etwas nach oben – gerade weit genug, dass Kessler eine schmale, frische rote Linie an ihrem Unterarm bemerkte.
»Wie ist diese Verletzung entstanden?«, fragte er, ohne Umschweife.
Mia zog den Ärmel schnell wieder über die Stelle.
Wagner sah zwischen ihr und Kessler hin und her, sagte jedoch nichts. Schließlich blieb sein Blick bei Mia.
»Ich … Ich leide an einer psychischen Erkrankung. Selbstverletzendes Verhalten gehört leider manchmal dazu. Ich bin deswegen auch in Therapie«, erklärte Mia leise, ohne Kesslers Blick zu erwidern. Sein Gesicht blieb ungerührt. Sie wusste, dass sie sich für ihre Erkrankung nicht schämen musste, aber Männer wie er gaben ihr dennoch das Gefühl, falsch zu sein.
»Meine Serie Vom Leben gezeichnet ist mein Versuch, mit dem Thema öffentlich umzugehen. Das Bild In the dark ist ein Selbstporträt. Ich weiß, dass viele Menschen wenig Verständnis für so was haben – das sehe ich auch oft an den Kommentaren unter meinen Beiträgen.« Sie deutete mit einem kurzen Nicken auf das Telefon in Wagners Hand.
Wenn er etwas dabei empfand, ließ er es sich nicht anmerken. »Wo waren Sie am Wochenende?«
»Zu Hause. Die ganze Zeit. Ich wohne allein, es gibt also niemanden, der das bestätigen könnte.«
Wagner schwieg kurz, musterte sie dann mit ernster, aber sanfter Miene. Seine Locken hingen ihm in die Stirn, und sein Blick hatte etwas ungewöhnlich Offenes. Mia erkannte darin etwas, das sie selten bei Männern wahrnahm: echtes Verständnis. Kein Mitleid. Keine Ungeduld. Einfach Zuhören.
»Meinen Sie, ich sollte meinen Account deaktivieren?«, fragte sie vorsichtig. »Es wäre wohl besser, wenn ich mich eine Weile zurückziehe. Ich halte das alles nicht aus.«
»Ihr Account ist öffentlich?«, fragte Wagner.
Sie nickte.
»Dann lassen Sie ihn offen. Wir setzen jemanden darauf an, der die Nachrichten im Auge behält. Es ist gut möglich, dass unser Täter sich unter Ihren Followern befindet. Wenn Sie den Kanal jetzt abschalten, verlieren wir vielleicht eine Spur. Ich weiß, wie schwer das sein kann, aber Sie sind nicht allein damit.«
Mia presste die Lippen aufeinander. Der Druck in ihrer Brust wuchs. Es war zu viel. Die Angst, das Chaos, das Grellwerden der Welt. Und der Blick von Kessler, der sie durchbohrte wie ein Röntgengerät, als würde er sie längst in die Schublade »Spinnerin mit Künstlertick« einsortieren.
»Ich denke, wir sind für den Moment durch, Frau Seiler«, sagte Wagner mit gedämpfter Stimme. Er reichte ihr das Telefon zurück, dann zog er eine Karte aus seiner Jacke. »Bitte tun Sie sich selbst einen Gefallen und lesen Sie die Kommentare nicht. Deaktivieren Sie die Benachrichtigungen. Jemand hat heute Morgen Fotos vom Tatort gemacht und jetzt kursieren sie im Netz. Das ist brutal, ich weiß. Aber Sie müssen sich schützen. Wenn irgendetwas ist … ganz gleich was … melden Sie sich einfach. Wirklich.«
Kessler verabschiedete sich nur mit einem knappen Nicken.
Mia wartete, bis sich das Geräusch ihrer Schritte im Treppenhaus verloren hatte. Dann schloss sie die Tür und ging ins Bad. Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Watte gefüllt, alles dumpf und drückend. Ein Piepen aus dem Wohnzimmer riss sie aus ihrer Starre. Eine neue Benachrichtigung.
Jemand hatte sie auf Instagram markiert.
Zögerlich griff sie nach dem Handy. Der Bildschirm zeigte ihr eigenes Bild – In the dark. Doch es war nicht sie auf dem Foto.
Es war das tote Mädchen.
Mia starrte auf den Bildschirm. Spürte, wie sich der Boden unter ihr verschob, als hätte jemand das Fundament ihrer Welt unterspült. Sie ließ das Telefon sinken, schaltete das Display aus, als könnte sie damit verhindern, dass es je wieder aufleuchtet. Doch das Bild brannte sich trotzdem in ihr fest, mit jedem Detail. Unlöschbar.
Sie umklammerte sich selbst, der Körper ein einziger Knoten aus Angst, Scham und Abscheu. In ihren Ohren rauschte das Blut, in ihrer Kehle lag ein Druck, als müsste sie schreien – aber da kam nichts. Nur Stille. Und dieses zähe, alles durchdringende Gefühl, dass etwas unwiderruflich zerbrochen war.
Wer war grausamer? Der, der getötet hatte? Oder die, die jetzt auf ›Gefällt mir‹ klickten, als wäre das Leid eines Kindes eine künstlerische Inszenierung?
Langsam ließ sie sich auf den Badewannenrand sinken. Ihre Knie gaben nach, sie ließ sich fallen, statt zu kämpfen. Tränen schimmerten in ihren Augen, doch sie weinte nicht. Weinen bedeutete, es zuzulassen. Sie konnte es nicht zulassen.
Stattdessen griff sie zur Rasierklinge, zitternd. Führte sie über die Haut, wie sie es schon so oft getan hatte. Die Bewegung war fast routiniert. Nicht tief. Nur eine Linie. Gerade genug, damit es für einen Moment erträglicher wurde. Damit der Druck wich. Damit sie sich wieder spüren konnte.
»Ganz ruhig, Mia«, flüsterte sie. »Nicht zu tief. Du weißt, was das für eine Sauerei gibt. Atmen. Mia. Atmen.«
»Ich hab’s doch gesagt: Spinner ziehen Spinner an.« Kesslers Stimme war rau und voller Ungeduld. »Vielleicht steckt die kleine Seiler ja selbst bis zum Hals in der Scheiße. Würde mich nicht wundern. Hast du ihren Arm gesehen? Der Ärmel war hochgerutscht. Der Schnitt, den man erkennen konnte, war frisch. Wenn das Bild tatsächlich ein Selbstporträt ist, dann ist sie an Armen und Beinen komplett vernarbt. Sag du mir, warum jemand sich so was antut. Die Frau ist doch eigentlich nicht übel anzusehen. Hat die das nötig?«
»Du hast wirklich keine Ahnung, oder?«, entgegnete Wagner leise, ohne ihn direkt anzusehen. »Menschen verletzen sich nicht, weil sie es cool finden. Viele von ihnen spüren sich selbst nicht mehr – sie sind innerlich leer und taub. Der Schmerz gibt ihnen für einen Moment das Gefühl, noch da zu sein. Das mag für dich irre klingen, aber für sie ist es manchmal der einzige Weg, mit dem, was sie durchgemacht haben, überhaupt klarzukommen.«
Kessler schnaubte abfällig, schüttelte den Kopf. »Und dafür bekommen sie dann auch noch eine Bühne.
