Splitterkind - Sabrina Pesch - E-Book

Splitterkind E-Book

Sabrina Pesch

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Beschreibung

Heute Nacht wird es Steine regnen… …und du bist daran schuld! Ein totes Mädchen. Ein perfider Anruf. Und ein Ort, an dem niemand unschuldig ist. Jerry Kramer und Käthe Karess treten ihren Dienst bei der Sondereinheit für besonders schwere Verbrechen bei der Kripo Frankfurt an. Kaum angekommen, liegt ihr erster Fall auf dem Tisch: Die 15-jährige Amara Okoye wird ermordet in ihrem Elternhaus im Stadtteil Harheim aufgefunden. Keine Zeugen. Keine eindeutigen Spuren. Nur eine blutige Botschaft, versteckt im Kleiderschrank. Und Hinweise, die sich widersprechen. Fast zur selben Zeit, kurz vor Ende ihrer Schicht, erhält die Telefonseelsorgerin Maya einen Anruf. Der Anrufer weiß, wer sie ist. Er weiß, was sie getan hat. Doch Maya kann sich nicht erinnern. Und er zwingt sie nach Harheim. Dorthin, wo er mit ihr abrechnen will.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74

Splitter Kind

Kalte Erinnerung

Sabrina Pesch

Impressum

© 2025 Sabrina Pesch

Alle Rechte vorbehalten.

Verantwortlich für Inhalt und Veröffentlichung:

Sabrina Pesch

c/o WirFinden.Es

Naß und Hellie GbR

Kirchgasse 19

65817 Eppstein

Deutschland

E-Mail: [email protected]

Dieses Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung – auch auszugsweise – ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung der Autorin unzulässig.

Veröffentlichung und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin.

Korrektorat/Lektorat: Mirca Brening, Thorsten Haman, Kerstin Haas

Weitere Titel der Autorin

Aus der Reihe »Kessler und Wagner«:

Band 1: In Vollendung: Vom Leben gezeichnet

Band 2: Fahr wohl, kleine Alice

Band 3: Tödliche Zeilen: Meinen Worten sollst du folgen

Band 4: Wenn das deine Mutter wüsste …

Es empfiehlt sich, die Serie in der genannten Reihenfolge zu lesen.

Einzelbände:

Samt und Schande: Ein viktorianischer Kriminalroman über Macht, Moral und Mord

Kapitel 1

Winter 1995

Das Baby lag nackt und schreiend in seiner Wiege. Die Temperatur war gerade so warm, dass es nicht erfrieren konnte, aber kalt genug, um das Zittern des winzigen Körpers in schmerzhafte Krämpfe übergehen zu lassen. Der Raum war still, bis auf das durchdringende Weinen, das von den kahlen Wänden widerhallte. Umgeben von einer gleichgültigen Dunkelheit, schrie es sich die Seele aus dem Leib, doch keine Rettung nahte. Niemand kam. Niemand beruhigte das hilflose Wesen, das allmählich heiser wurde, bis sein Weinen nur noch ein leises Wimmern war.

Man hatte es sich selbst überlassen. Es lag in seinen eigenen Fäkalien, die sich wie ein scharfer Film über seine geschundene Haut zogen. Die nasse, klebrige Masse bedeckte seinen Rücken, die Beine und den Po. Einige Stellen waren bereits angetrocknet, andere blieben feucht und drangen wie Gift in die entzündeten Wunden ein. Das Brennen, das durch jeden Millimeter seines kleinen Körpers zog, war unerträglich. Fliegen summten um die Wiege, angelockt von dem beißenden Geruch. Es gab keinen Trost, keine Linderung. Nur Schmerzen und die endlose Finsternis.

In einer Ecke des Raumes stand eine Frau. Ihr Gesicht lag im Schatten, doch ihre Silhouette zeichnete sich klar ab. Ihre Arme waren verschränkt, der Blick starr auf das zappelnde Bündel in der Wiege gerichtet. Sie sagte kein Wort, rührte sich nicht. Das Baby schrie weiter, als spürte es ihre Augen auf sich, doch sie machte keine Anstalten, es zu beruhigen.

Das Kind besaß keinen Namen, obwohl es eine offizielle Geburtsurkunde gab. Bei diesem eingetragenen Namen würden sie es nicht nennen. Jedenfalls vorerst nicht. Irgendwann würde dieses Stück Papier vielleicht notwendig werden. Aber darauf würden alle vorbereitet sein. Es war ein stummes Zeichen ihrer Absicht, es seiner Individualität zu berauben. Das Kind gehörte ihnen, voll und ganz.

Kaum war das Geschlecht des Kindes bekannt, stand fest, dass sie es nicht einfach wachsen lassen würden, wie es die Natur vielleicht vorgesehen hatte. Nein, dieses Kind war ein Projekt, ein Plan, ein Werkzeug. Schon in den ersten Stunden seines Lebens hatten sie beschlossen, welchen Weg dieses Kind gehen würde. Einen Weg, der nicht von Zufällen oder Willkür geprägt sein sollte, sondern von ihrer Hand geformt. Genau wie all die anderen.

Das Baby schrie weiter. Seine Stimme war rau, die Kraft schwand, aber es gab nicht auf. Zumindest noch nicht. Früher oder später würden die Schreie verebben. Früher oder später würde dieses Kind brechen. In unendlich viele Teile.

Und so war es vorgesehen.

Die Frau trat aus dem Schatten. Ihre Bewegungen waren nahezu bedächtig, als wollte sie den Moment auskosten. Ihre Augen ruhten auf der zitternden, kleinen Gestalt in der Wiege. Etwas wie Zufriedenheit flackerte auf ihrem Gesicht auf, bevor ihre Lippen sich zu einem schmalen Lächeln verzogen.

Sie beugte sich über die Wiege, löste eine kleine Flasche aus ihrer Tasche und hielt sie an den Mund des Kindes. Gierig klammerte es sich an den Sauger, trank hastig, als wäre es die erste Nahrung seit einer Ewigkeit. Die Frau musterte die Szene regungslos, wartete, bis das Baby etwas ruhiger wurde. Doch gerade als es noch weitertrinken wollte, riss sie die Flasche fort. Das Wimmern begann sofort von Neuem, verzweifelt und gebrochen.

Die Frau richtete sich auf. Einen Moment lang verweilte sie. Sie schien zufrieden. Dann drehte sie sich um, ließ die Flasche achtlos in ihrer Tasche verschwinden und verließ den Raum mit leisen, gleichmäßigen Schritten. Sie verschwand wieder in der Dunkelheit, während das Weinen des Babys unvermindert den Raum erfüllte.

Kapitel 2

»Telefonseelsorge, guten Tag. Sie sprechen mit Jasmin. Wie kann ich Ihnen helfen?« Maya sprach ruhig, fast monoton. Der Name war nicht echt, doch sie wusste, dass Anrufer sich leichter öffneten, wenn sie eine persönliche Verbindung spürten. »Jasmin« war ein kleiner Trick, um Anonymität zu wahren und dennoch Nähe zu erzeugen.

Ein leises Knistern durchbrach die Leitung. Für einen Moment glaubte Maya, es handle sich um eine Störung. Doch dann hörte sie eine männliche Stimme, ruhig, fast zu ruhig. »Ich spreche also mit Jasmin?«

»Ja, genau. Hier ist Jasmin«, bestätigte sie.

Ein langes Schweigen. Das leise Knistern blieb, begleitet von einem kaum wahrnehmbaren, hohen Ton, wie bei einer schlechten Verbindung. Maya runzelte die Stirn, doch bevor sie etwas sagen konnte, sprach der Anrufer wieder – langsam, fast nachdenklich: »Jasmin? Ich habe eine Frage.«

»Ich hoffe, ich kann sie Ihnen beantworten«, antwortete sie und zwang sich zu einem freundlichen Ton. Die Müdigkeit in ihrer Stimme ließ sich jedoch nicht verbergen. Die Nachtschicht war wieder einmal viel zu lang gewesen, und eigentlich hätte sie vor einer Stunde Feierabend machen sollen.

»Warst du schon einmal für das Leid eines anderen Menschen verantwortlich?«

Die Frage traf sie unvorbereitet. »Bitte? Ich … ich verstehe nicht ganz. Könnten Sie die Frage anders formulieren?«

»Es ist ganz einfach«, die Stimme bekam einen scharfen, beinahe genüsslichen Unterton. »Hast du jemals das Leben unschuldiger Menschen mutwillig zerstört?«

Maya schüttelte irritiert den Kopf. »Nein … jedenfalls nicht, dass ich wüsste.« Ein leises Echo ihrer eigenen Stimme drang durch die Leitung. Sie biss sich auf die Unterlippe. Sie war müde, doch egal wie seltsam dieser Anrufer war, sie musste versuchen, ihre Professionalität zu wahren.

»Du sollst nicht lügen!« Die Worte klangen hart. Wie ein Befehl.

»Ich lüge nicht«, entgegnete Maya und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie genervt sie inzwischen war. Irgendjemand erlaubte sich mal wieder einen Scherz mit der Telefonseelsorge.

»Nicht? Gut. Dann habe ich eine andere Frage: Wie ist noch mal dein Name?«

»Mein Name ist Jasmin. Das sagte ich bereits«, erwiderte sie zunehmend genervt.

Ein kehliges Lachen folgte, so leise, dass sie sich fragte, ob sie es sich eingebildet hatte. Wieder knarzte es in der Leitung. Dann folgten die Worte: »Wir beide wissen, dass du nicht Jasmin heißt. Du bist Maya. War dir nicht klar, dass du dich nicht ewig verstecken kannst?«

Als der Anrufer ihren Namen aussprach, zuckte sie kurz zusammen. Ihre Hand verkrampfte sich um das Headset, und sie spürte, wie ihr Herz einen Schlag lang aussetzte. Doch dann sammelte sie sich wieder. Das musste ein schlechter Scherz sein, anders konnte sie sich diesen Anruf nicht erklären. Aber gut, wenn der Kerl am anderen Ende der Leitung spielen wollte, sollte ihr das recht sein.

»Wenn Sie glauben, Sie wüssten, wer ich bin, dann können Sie mir ja auch verraten, wer Sie sind«, sagte sie tonlos, fast gelangweilt.

»Ich bin, wer ich bin«, sagte die Stimme. »Mehr musst du nicht wissen. Außer vielleicht, dass ich beschlossen habe, deine Fehler zu korrigieren.«

»Fehler?«, fragte sie, und runzelte für einen Augenblick die Stirn. »Welche Fehler sollen das sein? Was meinen Sie konkret damit? Denn ich glaube, jeder von uns macht jeden Tag einen Haufen Fehler.«

»Willst du das wirklich jetzt schon wissen?«, fragte die Stimme mit gespielter Sanftheit. »Du hast so viele Leben zerstört, Maya. Jetzt werde ich dich zerstören.«

»Alles klar, das war jetzt alles verdammt lustig, aber ich denke, wir beenden das hier und jetzt. Ich werde jetzt auflegen und die Polizei rufen«, sagte Maya mit einem Gefühl der Überlegenheit. Sie hatte derartige Anrufer schon so oft abgewimmelt, dass es für sie fast schon zur Routine wurde. Dennoch fragte sie sich, woher der Kerl ihren Namen wusste.

»Nein, das wirst du nicht«, bekam sie zur Antwort, als wäre es eine unumstößliche Tatsache.

»Ich werde jetzt auflegen und Ihre Nummer blockieren.« Es war ein Bluff. Natürlich konnte sie die Nummer nicht blockieren, die Leitung war anonym.

»Nein, du wirst nicht auflegen. Du wirst mir zuhören.«

»Es ist ja fast schon tragisch, wie dringend Sie Hilfe nötig haben. Dieses Gespräch ist hiermit beendet.« Sie fuhr mit dem Mauscursor auf das Auflegen-Symbol, wartete aber noch einen Augenblick ab.

»Wage es nicht, aufzulegen, du dumme Fotze!«, explodierte die Stimme förmlich durch die Leitung, gefolgt von einem lauten Piepton, der Maya so sehr im Ohr schmerzte, dass sie das Headset für einen Augenblick abstreifen musste. Dieses Spiel grenzte schon an Körperverletzung.

Als sich ihre Ohren wieder beruhigt hatten, setzte sie das Headset wieder auf und lauschte gespannt. Aus irgendeinem Grund gefiel ihr der Nervenkitzel, den sie inzwischen verspürte.

»Gut, du bist noch dran. Wunderbar. Jetzt hör gut zu. Ich denke, es wird Zeit, dass du deine Sachen packst und zu mir kommst.«

»Oh, du willst ein Date? Das finde ich wirklich ganz hervorragend. Wann und wo soll ich für dich bereit sein?« Maya lachte abfällig. Plötzlich hatte sie das Bedürfnis, ihn bis aufs Blut zu reizen.

»Geh zur Wohnungstür«, forderte die Stimme sie auf.

Ihr Kopf schoss in Richtung Flur. War es möglich, dass dieser Irre vor ihrer Tür stand? Nein, das glaubte sie nicht. Wenn jemand so lange im Treppenhaus stehen würde, hätte Frau Stratmann schon längst die Polizei informiert. Außerdem, woher sollte dieser Spinner wissen, wo Maya wohnte?

Dennoch packte sie die Neugier. Sie nahm das Headset ab und ging, wie der Anrufer es wollte, zur Wohnungstür. Als sie das Licht im Flur einschaltete, sah sie einen Briefumschlag auf dem Boden liegen. Vermutlich hatte ihn jemand unten durch die Tür geschoben.

Sie hob ihn auf und ging zurück an ihren Schreibtisch.

»Wow«, sagte sie, als sie das Headset wieder aufgesetzt hatte. »Jetzt bekomme ich also schon Liebesbriefe direkt nach Hause? Wie aufregend.«

»Öffne den Umschlag«, befahl die Stimme.

Maya atmete entnervt durch und riss den Umschlag an der Seite auf. Darin befand sich ein Zettel mit der Aufschrift: Pension Kubiniak Frankfurt am Main – Harheim. Darunter die Adresse.

»Oh, Baby. Eine Pension? Wirklich? Das klingt in der Tat verdammt romantisch.« Sie lachte laut auf, als hätte sie sich soeben den besten Witz der Welt erzählt.

»Hör auf zu lachen und hör mir gefälligst zu.«

»Alles klar, ich höre zu. Aber danach rufe ich die Polizei, denn das hier grenzt schon an Stalking, dessen bist du dir bewusst, oder?«

»Glaub mir, Maya, du wirst die Polizei nicht rufen. Ich erzähle dir jetzt etwas und du solltest wirklich verdammt gut zuhören.«

Maya verdrehte die Augen, sagte aber nichts.

»Zunächst: Ich weiß, dass dich Erinnerungslücken plagen. Wenn du nach Harheim kommst, könntest du diese Lücken schließen – und ich werde dir dabei helfen. Zweitens: Solltest du nicht kommen, werde ich jeden auslöschen, der dir etwas bedeutet – einen nach dem anderen. Ich weiß, wer dir wichtig ist, und ich kann sie alle erreichen. Uwe zum Beispiel: Ich kenne seine Joggingroute. Montags, mittwochs und freitags läuft er durch den Volkspark Friedrichshain. Ich muss schon sagen, der Mann ist wirklich beeindruckend sportlich. Mir gefällt es, wie sein blondes Haar an seiner Stirn klebt, wenn er so richtig schön verschwitzt ist.«

Ihr Atem stockte, dann richtete sie sich auf. Dieses Wissen über Uwe – wie war das möglich? Unmöglich war es wohl nicht. Ihre Gedanken arbeiteten schnell, prüften jede Erklärung, die sich bot, doch sie führten alle zu einer Erkenntnis: Jemand musste Uwe beobachten. Aber nicht nur ihn. Auch sie. Ruhig, aber wachsam ließ sie ihren Blick durch die Umgebung gleiten.

Die Stimme fuhr unbeirrt fort: »Ich nehme an, dass du überrascht bist, oder?«

»Vielleicht ein wenig«, bestätigte Maya.

»Du machst dir keine Sorgen um deinen Freund? Das ist interessant, das muss ich zugeben.«

Natürlich machte sie sich Sorgen, aber das würde sie diesem Dreckskerl sicherlich nicht auf die Nase binden.

»Harheim?«, fragte Maya und sah auf den Zettel, der inzwischen vor ihr auf dem Schreibtisch lag.

»Ganz genau. Und nun gebe ich dir einen Hinweis auf das, was kommen wird: Heute Nacht«, die Stimme machte eine bedeutungsschwere Pause, »wird es Steine regnen. Und du bist daran schuld!«

Es folgte ein leises Knacken. Die Leitung war tot.

Kapitel 3

Die Worte des Anrufers hallten wie ein Echo durch Mayas Kopf, auch lange nachdem er nicht mehr in der Leitung war. »Heute Nacht wird es Steine regnen.« Ihre Gedanken ordneten sich schnell, sie analysierte die Situation. Wer war er? Wie konnte er so viel über sie wissen? Und warum wollte er, dass sie nach Harheim kam? Sie drehte den Zettel in ihren Händen, betrachtete ihn von allen Seiten und überlegte, ob ihr die Schrift vielleicht irgendwie bekannt vorkam. Doch das war nicht der Fall.

Mehrfach hatte sie in Erwägung gezogen, die Polizei zu rufen, aber war das, was der Anrufer gesagt hatte, wirklich ein Grund zur Besorgnis? Was, wenn er sie nur verängstigen wollte? Und wenn sie die Polizei rief, was würde sie dann sagen? Sie ging sämtliche Möglichkeiten durch und musste über sich selbst lachen. Wäre sie der Polizist auf der anderen Seite der Leitung, würde sie vermutlich kopfschüttelnd auflegen und der Anruferin noch raten, sich anderweitig Hilfe zu suchen.

Der Anruf über ihre Durchwahl konnte kein Zufall sein – da war sie sich sicher. Maya hielt inne, ging alle verfügbaren Fakten durch. Irgendwo musste ein Fehler in ihrem System sein. Das würde sie später klären, jetzt zählte nur, die Kontrolle zu behalten. »War dir nicht klar, dass du dich nicht ewig verstecken kannst?«

Die Tatsache, dass er wirklich wusste, wer sie war und noch dazu wusste, wo sie wohnte, ja sogar vor ihrer Tür gestanden hatte, beschäftigte sie. Sie überlegte, einfach das Weite zu suchen. Aber Flucht war keine Option.

Die Stille war erdrückend, doch Maya zwang sich, klar zu denken. Jeder Schritt musste geplant sein, keine Panik, keine überstürzten Handlungen. Dennoch machte sie sich Sorgen um Uwe. Er war in Gefahr! Mit vielem konnte sie umgehen, aber nicht mit der Tatsache, dass ihm etwas zustoßen konnte. Dafür liebte sie ihn zu sehr. Und genau das machte sie angreifbar. Wer auch immer hinter alldem steckte, musste wissen, wie wichtig Uwe ihr war – und wie leicht sich Spuren von ihnen beiden finden ließen.

Natürlich war es nicht sonderlich schwer, an Informationen über sie beide als Paar zu kommen. Schließlich hatten beide ein Facebook und Instagram-Profil. Jeder von ihnen hatte diverse Fotos gepostet. Gemeinsam am See. Selfies vor dem Brandenburger Tor. Alles, was normale Paare eben so machen. Maya hatte sogar ein weiteres Profil, auf dem sie regelmäßig über ihre ehrenamtliche Tätigkeit bei der Telefonseelsorge sprach. Es war also nicht schwer, sie zu finden.

Doch bewusst auf ihrer Leitung anzurufen, war nahezu unmöglich. Mit einer VPN-Verbindung hatte sie ihre Identität geschützt. Vielleicht war ihr ein Fehler unterlaufen? Konnte jemand wirklich ihre Schutzmaßnahmen überwunden haben?

Maya wusste, dass sie nun unter Zugzwang stand.

Sie griff nach ihrem Handy und wählte Uwes Nummer. In diesem Moment bereute sie, dass sie ihn vor anderen immer nur scherzhaft ihren aktuellen Lebensabschnittsgefährten nannte. Er hatte mehr verdient als das.

»Hallo, Schatz. Ich bin für ein paar Tage weg. Wohin und wann ich zurückkomme, kann ich nicht sagen. Ich brauche etwas Zeit für mich. Ich liebe dich.« Ihre Stimme blieb ruhig, kontrolliert. Dann legte sie auf, schaltete das Handy aus und ließ es in ihrem Rucksack verschwinden. Die Nachricht hinterließ einen eigenartigen Nachgeschmack. Es war ein kalkulierter Bruch, eine Art von Täuschung, die sie nicht verhindern konnte. Die Worte waren sorgfältig gewählt, doch wirkten sie unpassend, fast wie eine Lüge. Aber es gab keine Alternative. Derart instinktiv zu handeln hatte ihr schon öfter in ihrem Leben geholfen, aber eine leise Stimme sagte ihr, dass dies eventuell auch ein Fehler sein könnte. Doch für Zweifel hatte sie jetzt keine Zeit.

Ihre Hände griffen nach einer Tasche, begannen, das Nötigste zu packen. Mechanisch, ohne dass sie wirklich darüber nachdachte. Kleidung, Ladegeräte, ein paar persönliche Dinge. Es war, als hätte sie automatisch einen Modus aktiviert, der ihren Körper ohne große Überlegungen auf die wesentlichen Funktionen reduzierte. Rückzieher gab es keinen mehr. Maya wusste, dass Uwe es verstehen würde, auch wenn er sich Sorgen machte. Sie konnte ihn nicht mit hineinziehen – das hier war ihre Angelegenheit.

Sie setzte sich in ihren Wagen und zögerte einen Moment. Würde er Uwe wirklich etwas antun?, fragte sie sich.

»All das finde ich wohl nur in Harheim heraus«, sagte sie sich schließlich entschlossen und startete den Motor.

Als sie auf die Autobahn auffuhr, fiel es ihr fast wie Schuppen von den Augen: Er wusste von ihren Gedächtnislücken! Diese Lücken waren natürlich beunruhigend, aber Maya verdrängte das Gefühl. Jetzt war nicht die Zeit für Selbstzweifel. Sie musste herausfinden, was hier vor sich ging – und warum er sie nach Harheim beorderte.

Aber wieso ausgerechnet dorthin? Sie war noch nie in ihrem Leben dort gewesen.

Die Morgendämmerung brach herein, als sie das Ortseingangsschild passierte. Sie hatte das Gefühl, in eine Falle zu laufen. Doch sie wusste auch, dass sie nicht aufhören konnte. Nicht, solange Uwe in Gefahr war.

Hast du jemals das Leben unschuldiger Menschen mutwillig zerstört?

»Idiot«, murmelte sie. »Jeden Tag helfe ich Menschen. Höre mir ihre Sorgen an und nun kommst du und willst mir vorwerfen, ich würde Leben zerstören? Fick dich doch!«

Ihr Mund fühlte sich trocken an. Sie hielt vor einem kleinen Kiosk und schloss für ein paar Sekunden die Augen. In diesem Moment schien die Welt um sie herum zu verschwimmen. Ihre Gedanken setzten aus, und ein schwer fassbares Gefühl der Leichtigkeit ergriff sie. Der Moment der Benommenheit kam wieder – flüchtig, aber bekannt. Sie ignorierte das Gefühl und konzentrierte sich darauf, was vor ihr lag.

Als sie die Augen wieder öffnete, fühlte sie sich etwas besser. Doch der Schlafmangel machte ihr eindeutig zu schaffen. Vielleicht hätte sie doch noch ein paar Stunden schlafen sollen, ehe sie sich auf den Weg gemacht hatte. Sie konnte nicht genau sagen, warum, aber eine unbestimmte, drängende Unruhe stieg in ihr auf. Ein flüchtiger Gedanke, ein Bild, das sich schnell wieder in Nichts auflöste. Ein ähnliches Gefühl beschlich sie in letzter Zeit häufiger. Was nicht verwunderlich war. Durch die unzähligen Nachtschichten war ihr Schlafrhythmus vollkommen im Eimer. Sie rieb sich die Augen und blickte zum Kiosk. »Ich brauche dringend etwas zu trinken«, sagte sie und stieg aus.

Als sie an der Kasse stand, sah sie sich um. Der Kiosk war gut sortiert und verfügte sogar über einen Kurierdienst.

Als sie die Wasserflasche auf den Tresen legte, runzelte der Verkäufer die Stirn. Sagte aber nichts.

Sie ging zurück zu ihrem Auto und betrachtete ihr Gesicht im Rückspiegel. Was sie sah, ließ sie kurz innehalten. »Kein Wunder, dass der Kerl dich so schräg angesehen hat. Du siehst furchtbar aus.« Sie trank einen großen Schluck aus ihrer Flasche und fuhr weiter.

Sie parkte ihren Wagen auf dem Gästeparkplatz der Pension Kubiniak und hoffte, dort ein paar Stunden Ruhe zu bekommen, auch wenn der Anrufer diese Pension ausgewählt hatte. Schon beim Betreten der schlichten Unterkunft fühlte sie sich seltsam beobachtet. Die einzigen Augen, die auf ihr ruhten, gehörten einem freundlich wirkenden älteren Mann, vermutlich dem Inhaber.

»Willkommen in der Pension Kubiniak. Ich bin Georg Kubiniak«, stellte er sich mit ruhiger Stimme vor.

Unsicher trat Maya näher und sagte. »Hallo … ich bin Maya … Maya Müller. Ich brauche für ein paar Tage ein Zimmer.«

»Aber selbstverständlich. Sie haben Glück. Außerhalb der Saison ist hier wirklich nicht viel los.«

Nachdem der bürokratische Teil erledigt war, übergab Herr Kubiniak ihr den Schlüssel zu ihrem Zimmer. Er fühlte sich unnatürlich kalt an. Sie bedankte sich und ging nach oben in den ersten Stock.

Als sie vor ihrer Zimmertür stand, hatte sie wieder das Gefühl, als würde sie beobachtet werden. Irgendetwas sagte ihr, dass der Anrufer in der Nähe sein musste. Sie fragte sich, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, hierher zu kommen. Doch nun war sie hier und das Wissen, dass er vermutlich nicht weit entfernt war, ließ ihren Puls für einen Moment schneller schlagen. Sie zwang sich zur Ruhe und schloss die Tür auf.

Erschöpft warf sie ihren Rucksack in eine Ecke ihres Zimmers und ließ sich auf das Bett fallen.

Ich bin hier. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, warum er mich nach Harheim beordert hat. Die Polizei zu rufen, war noch immer keine Option – nicht jetzt. Sie kniff die Augen fest zusammen.

Plötzlich übermannte sie ein Gefühl, das sie nicht mehr losließ – die Worte, die sich wie ein flimmernder Schatten in ihr Bewusstsein schlichen: Niemand wird dir helfen, Maya. Du bist ganz allein.

Kapitel 4

»Du siehst aus, als würdest du dich tierisch langweilen«, sagte Käthe Karess und sah dabei ihren Kollegen Jeremias Kramer an, den alle nur Jerry nannten. Er saß gedankenverloren auf seinem Bürostuhl und starrte an die Decke.

»Hey? Hören Sie mir überhaupt zu?«, rief sie lauter, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Jerry zuckte zusammen. »Ja, verdammt, ich bin nicht taub, Käthe.«

»Na, dann antworte gefälligst!«, forderte sie ihn auf und warf ihm eine Papierkugel entgegen.

Jerry fing sie reflexartig in der Luft und rollte mit den Augen. »Warum sollte ich auf etwas antworten, dessen Antwort du bereits kennst? Natürlich langweile ich mich. Man hat uns dieser neuen Mordkommission zugeteilt, die sich mit besonders grausamen oder öffentlichkeitswirksamen Morden befasst«, erklärte er und malte zur Betonung des Wortes Mordkommission Anführungszeichen in die Luft. »Und was haben wir? Ein Team voller Chaoten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und wer steht an der Spitze? Die Eisprinzessin persönlich.«

›Die Eisprinzessin‹ war der Spitzname, den man intern der Leiterin der neuen Abteilung, Carla Brunner, gegeben hatte. Einige nannten sie sogar ›die Soziopathin‹. Ihre emotionale Kälte und skrupellose Entschlossenheit ließen keinen Raum für Zweifel an ihrer Führung – und sorgten intern für geteilte Meinungen.

Jerry schnaufte verächtlich und warf sich in seinem Stuhl zurück, der unter seinem muskulösen Körper knarzte. Er fuhr sich durch das kurze, dunkle Haar, in dem sich bereits graue Strähnen mischten, und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei sich seine Bizepse unter der Anspannung leicht abzeichneten.

Er hasste es, aufs Abstellgleis gestellt zu werden. Und genau so fühlte sich diese Sondereinheit für ihn an: wie ein Abstellgleis für unbequeme Mitarbeiter.

Käthe hob eine Augenbraue. »Du meinst Brunner? Die wirkt auf mich eigentlich ganz nett.«

»Ja, weil du sie noch nicht richtig kennst. Du bist erst seit ein paar Wochen in Frankfurt und …«

»Vier Monate und zehn Tage«, unterbrach Käthe ihn. »Ich habe mitgezählt. Und seitdem hatten wir einen Mordversuch, 16 Drogendelikte und 17 Fälle von häuslicher Gewalt.«

Jerry lehnte sich vor und sah sie ernst an. »Genau. Und was haben wir nach diesen Fällen gemacht? Wir haben uns mit dem Chef angelegt. Erinnerst du dich? Du hast ihm vorgeworfen, die Drogenproblematik schönzureden, während ich ihm vor der versammelten Presse widersprochen habe, als er versucht hat, sich zu verteidigen. Kein Wunder, dass er uns ›weggelobt‹ hat.«

Sie grinste schief. »Ja, das war vielleicht nicht unser klügster Move.«

»Aber definitiv ehrlich. Und jetzt sitzen wir hier und warten auf die wirklich brutalen Fälle, die angeblich nur wir lösen können.«

Käthe verschränkte die Hände hinter dem Kopf und drehte sich langsam im Bürostuhl. Dabei rollte sich ihr Speck leicht über die Rückenlehne. »Und du glaubst, bis dahin spielen wir ›Mitarbeiter zweiter Klasse‹?«, fragte sie, als sie ihre Runde zu Ende gedreht hatte.

Jerry nickte langsam. »Genau das. Willkommen auf dem Abstellgleis der Kripo.«

»Aber«, sagte sie und hob einen Zeigefinger in die Luft.

»Aber?«, fragte Jerry.

»Wir sind hier in Frankfurt am Main.« Sie grinste breit. »Ein wirklich kranker Mordfall, der uns alles abverlangt, ist nur eine Frage der Zeit – und dann können wir dem Chef mal so richtig zeigen, wo der Hammer hängt!«

»Deinen Optimismus möchte ich haben, Darmschwester«, antwortete er, stand auf und sah aus dem Fenster. Darmschwester war der Spitzname, den er Käthe gab, wenn sie unter sich waren. Die beiden hatten sich vor Jahren im Krankenhaus bei einer Darmspiegelung kennengelernt. Einige Zeit später standen sie sich plötzlich als Kollegen bei der Kripo in Mettmann wieder gegenüber. Seither nannte er sie ›seine Darmschwester‹, und mit der Zeit wurde sie zu seiner besten Freundin.

Nachdem er wegen seines Sohnes Adriano nach Frankfurt gezogen war, beantragte sie ihre Versetzung und folgte ihm noch im selben Jahr. Kaum waren sie ein Team, legten sie sich möglicherweise einmal zu oft mit dem Chef an. Die Diskussion vor der Presse war lediglich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Und nun saßen sie hier in der Sondereinheit und warteten darauf, dass irgendjemand ermordet wurde. Die Tatsache, dass sie tatsächlich darauf warteten, erschien Jerry mehr als grotesk.

»Ich glaube außerdem, dass du alles etwas zu verbissen siehst, und das ist eigentlich ganz und gar nicht deine Art«, sagte Karess vorsichtig.

»Verbissen?«, fragte Jerry skeptisch und wartete auf eine Erklärung.

»Jawoll, mein schlecht gelaunter Freund. Zunächst erlaube mir eine Frage.«

»Nur zu«, antwortete er und gab ihr mit einem Handwink zu verstehen, dass sie fortfahren solle.

»Wie lange ist es her, dass diese Einheit gegründet wurde?«

»Eine Woche«, murmelte Jerry.

»Siehste. Und was bitte erwartest du nach einer Woche? Dass Jack the Ripper auftaucht und halb Frankfurt zurechtschnitzelt? Ich bitte dich! Ja, natürlich wollte der Blum uns einen reindrücken, als er uns in diese Einheit versetzt hat. Aber ich hab mir dieses Team angesehen, das sind allesamt verdammt kluge Köpfe. Ja, sie sind speziell, aber das sind wir auch. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass der Chef weiß, was wir schon für kranke Fälle in Mettmann übernommen haben. Man weiß, dass wir mehr können, als kleine Dealer Hops zu nehmen. Diese Einheit hat meiner Meinung nach durchaus ihren Sinn und Zweck. Du bist einfach nur bockig, weil es nicht so läuft, wie du es gerne hättest, du alter, weißer Mann.« Sie sah, dass Jerry zu einer Antwort ansetzen wollte, und hob die Hand. »Wage es bloß nicht, mir zu widersprechen, ich kenne dich schon verdammt lange, Jeremias Kramer.«

Seine Miene verfinsterte sich schlagartig. »Nenn mich nicht Jeremias, du weißt, dass ich das hasse.«

Käthe biss sich auf die Lippe. Sie wusste, dass die einzige Person, die Jerry »Jeremias« nannte, seine Mutter war, und auf sie war Jerry alles andere als gut zu sprechen.

»Tut mir leid, Alter. Echt.«

»Lass gut sein. Und ja, vielleicht seh ich alles etwas zu schwarz.«

Käthe ließ sich nach vorne fallen, ihre Unterarme knallten hörbar auf die Tischplatte. »Ich glaube, es ist die Tatsache, dass du dieser Mordkommission zugeteilt wurdest, ohne gefragt zu werden. Du kannst es nicht leiden, wenn man über deinen Kopf hinweg entscheidet. Und ganz ehrlich? Wenn du dich weiter so ärgerst, hast du in ein paar Wochen keine Haare mehr auf der Rübe.«

»Ich hasse es um einiges mehr, wenn du recht hast«, sagte er und schenkte ihr ein schwaches Lächeln.

»So«, sagte Käthe und klatschte sich mit den Handflächen auf die Oberschenkel. »Ich besorg uns jetzt erst einmal ’nen Pott Kaffee und dann spielen wir ’n Ründchen Karten oder so.«

Gerade, als sie Anstalten machte, aufzustehen, stürmte Carla Brunner ins Büro. Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn. Sie trug eine schwarze Karottenhose und eine weiße Bluse. Ihre Haare hatte sie streng nach hinten gekämmt und mit Gel fixiert.

»Abmarsch, Leute!«, rief sie und sah abwechselnd von Käthe zu Jerry. »In Harheim wurde die Leiche eines 15-jährigen Mädchens gefunden. Ihr Name ist Amara Okoye. Jana ist schon vor Ort, aber ich möchte, dass du die Ermittlungen übernimmst, Jerry. Ich will, dass du dein Ding machst.«

Jerrys »Ding« war es, sich so tief in die Rolle des Täters hineinzuversetzen, dass er manchmal selbst nicht mehr wusste, ob es seine eigenen Gedanken oder die des Täters waren, die gerade durch seinen Kopf wirbelten. Die Grenzen zwischen beiden verschwammen. Doch gerade diese Gabe half ihm, in den meisten Fällen schnell und effizient zu ermitteln.

»Hast du irgendwelche Details?«, wollte Käthe wissen.

Brunner zuckte mit den Schultern. »Nicht viel. Nur dass das Mädchen schwarz ist, ihr der Schädel eingeschlagen und ihr Unterleib offenbar regelrecht zerfetzt wurde.«

Kapitel 5

Frühling 1997

Das Kind lag auf dem kalten Boden, umhüllt von Dunkelheit. Der Körper war von Kälte und Schmerz durchzogen, als würde der Raum selbst ihm das Leben entziehen. Es war allein, ohne Schutz, ohne Trost.

Die Kälte war schon unerträglich, aber der Schmerz war die Hölle. Das Zittern ließ nach, als die Erschöpfung den Körper übernahm. Es kämpfte nicht mehr, ließ einfach los, ein Moment der Leere in völliger Dunkelheit.

Dann, ein Aufblitzen. Licht. Es schnitt durch die Dunkelheit wie ein Messer, grell und unerbittlich. Ein flimmerndes, schrilles Kreischen, das die Stille durchbrach und den Raum erfüllte. Die Augen quälten sich, versuchten dem Licht zu entkommen, doch es war zu viel, zu schnell.

Plötzlich war es still. Das Licht erlosch, der Lärm verstummte, und das Kind fand sich wieder in der Dunkelheit. Die Stille war undurchdringlich, doch nicht lange. Das Licht flackerte erneut, begleitet von einem ohrenbetäubenden Geräusch. Das Kind schrie vor Angst, presste die Hände auf die Ohren, doch es half nichts. Das Licht erlosch, und für einen Moment war wieder Ruhe.

Dann Schritte. Schwere, zielstrebige Schritte. Eine Frau und zwei Männer betraten das Zimmer. Sie kamen nicht, um zu helfen.

Das Kind hatte keine Zeit, sich zu orientieren, als kräftige Hände es packten. Zwei Männer zogen den Körper aus der Dunkelheit, ohne Widerstand. Die Frau griff nach dem Kopf, hielt es fest, als wäre es nichts als ein Spielzeug. Das Kind starrte sie leer an, ein Schrei entglitt ihm, doch er war kraftlos, wie ein Hauch, der sofort verstummte.

Der Körper wurde durch den Raum geschleift, mit einem Ruck in ein anderes Zimmer, das schwach erleuchtet war. Der kalte Lichtschein spiegelte sich in der Wanne wider. Ohne Vorwarnung warf einer der Männer das Kind ins Wasser.

Kälte durchzog den Körper. Hände drückten das Kind unter Wasser, als wäre es nur eine Puppe. Die Lungen füllten sich mit Wasser, der Körper keuchte, der Herzschlag raste. Kein Atem, keine Flucht. Nur das Gefühl des Ertrinkens.

Wieder und wieder wurde es untergetaucht. Der Kampf, sich über Wasser zu halten, war vergeblich. Das Gesicht presste gegen die Wasseroberfläche, die Augen weiteten sich, doch es gab keinen Ausweg. Der Körper wurde schwerer, die Bewegungen langsamer.

Schließlich wurde das Kind wieder hochgezogen, doch der Schrei blieb aus. Nur ein heiseres Wimmern, die Kehle rau und leer, die Lungen brannten. Der Körper hing in den groben Händen des Mannes, als wäre es nichts weiter als ein Stück Fleisch. Die Kraft war fort. Der Atem kehrte in zitternden Schlucken zurück, doch es war kaum mehr als ein Hauch.

Es war noch nicht genug. Der Prozess wiederholte sich. Wieder und wieder.

Am Ende, als sie von ihm abließen, lag das Kind regungslos da, erschöpft, leer, fast leblos. Der Körper gezeichnet von Kälte und Schmerz. Die Stille war erdrückend, ein leeres Echo, das die Qualen erstickte. Wie Schatten verließen die Täter das Badezimmer.

Dann sagte einer der Männer: »Kümmere dich darum. Tot nützt es uns nichts.«

Kurz darauf betrat eine andere Frau das Badezimmer und hüllte das Kind in eine Decke. Es war Ewigkeiten her, dass es eine solche Wärme gespürt hatte. Dass dies nur Mittel zum Zweck war, damit es ihnen nicht unter den Händen wegstarb, konnte es nicht wissen. Und was es mit seinen zarten 18 Monaten ebenfalls nicht wissen konnte: Das war noch lange nicht das Ende.

Kapitel 6

Der Stadtteil Harheim lag etwa 20 Minuten mit dem Auto vom Büro entfernt. Jerry nahm die schnellste Route über die B3. Er starrte konzentriert auf die Fahrbahn, die Hände fest um das Lenkrad gekrallt, so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.

»Den ersten Einsatz haste dir anders vorgestellt, oder?«, fragte Käthe, während sie nachdenklich aus dem Beifahrerfenster starrte.

»Fünfzehn«, presste er lediglich hervor.

»Ich weiß«, sagte sie, ihre Stimme nun leiser als zuvor. »Das sind die schlimmsten Fälle. Bekloppte, die sich aus Rache gegenseitig umbringen? Klar. Wieso nicht. Aber wenn Kinder im Spiel sind … nee, Alter. Da bekomm ich Wut.«

Jerry schwieg, als er in die Maßbornstraße in Harheim abbog. Die Straße wirkte still und friedlich, doch als sie sich der Tatortadresse näherten, konnten sie schon die Absperrungen erkennen. Einige Kollegen waren bereits eifrig damit beschäftigt, die Schaulustigen fernzuhalten.

Nachdem Jerry geparkt hatte, stiegen sie aus und gingen gemeinsam auf das Einfamilienhaus zu. Jana Meißner, eine Kollegin der örtlichen Polizei, war bereits vor Ort. Mit ihrem impulsiven Wesen und ihrer Neigung, Autoritäten infrage zu stellen, war sie eine der wenigen, die sich nicht scheute, gegen den Strom zu schwimmen. Jerry vermutete, dass das der Grund war, warum sie trotz ihres Scharfsinns noch immer weit unten in der Hierarchie stand. Jana hatte sich schon mehrere Male auf eine Beförderung zur Kommissarin beworben, war jedoch immer abgelehnt worden. Vielleicht lag es auch daran, dass Jana in der Vergangenheit mit mindestens der Hälfte ihrer männlichen Kollegen in der Kiste war. Einige nannten sie deswegen nur die Hure. Ihr dickes schwarzes Haar, das sie zu einem praktischen Zopf gebunden hatte, und ihre vollen Lippen verstärkten den Eindruck, den sie auf viele Männer machte – sie wusste genau, wie sie ihre Reize einsetzen konnte. Dennoch war sie eine fähige Polizistin, doch jemand wie sie fiel eben schnell negativ auf.

»Jana«, sagte Jerry und nickte ihr zu.

»Jerry, Käthe«, sagte sie und deutete auf ein Paar, das deutlich älter wirkte als die durchschnittlichen Eltern eines Kindes in Amaras Alter. »Das sind die Okoyes. Der Vater ist ursprünglich aus Nigeria, die Mutter ist Deutsche. Sind noch nicht vernehmbar. Die Leiche liegt im ersten Obergeschoss.«

»Is datt wichtig, woher der Vater kommt?«, fragte Käthe und zog eine Augenbraue hoch.

»Eigentlich nicht«, erwiderte Jana, »aber wir haben da oben ein schwarzes Mädchen, das regelrecht hingerichtet wurde. Ich will keine Vermutungen anstellen, aber wir sollten in Betracht ziehen, dass es sich hier um eine rassistisch motivierte Tat handeln könnte.«

»Nicht ganz falsch«, sagte Jerry, nickte und ging dann entschlossen auf das Haus zu. »Dann gehen wir mal nach oben und sehen uns alles an. Ist noch jemand von uns im Haus?«

Jana blickte nach oben, zum Fenster des Hauses, und antwortete: »Der Leichengrabscher wartet oben auf euch.«

Mit »der Leichengrabscher« war Dr. Ingo Dorn gemeint. Er war der Rechtsmediziner, der für diesen Fall hinzugezogen wurde.

»Übrigens«, fügte Jana noch hinzu, »im gesamten Haus konnten wir keine Anzeichen eines Einbruchs feststellen.«

Käthe und Jerry zogen sich die Schutzanzüge an und betraten das Haus. Der Eingangsbereich war hell und freundlich. Aber etwas schien zu fehlen. Sie konnte nur nicht genau sagen was. Alles wirkte so unpersönlich.

Als sie das Wohnzimmer betraten, sagte Jerry: »Schau mal, Käthe.« Er deutete auf das Jesuskreuz an der Wohnzimmerwand. »Dein bester Freund ist auch anwesend.«

Sie blieb stehen und folgte seinem Blick. »Trottel!«, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Anschließend folgte sie Jerry nach oben in den ersten Stock.

»Dr. Ingo!«, rief Käthe, als sie das Zimmer des Opfers betraten. »Wenigstens ein Lichtblick an diesem trübseligen Tag.« Sie verabscheute den Begriff »Leichengrabscher«, den der Rest des Teams ihm insgeheim gegeben hatte. Allein der Gedanke daran ließ ein unangenehmes Bild in ihrem Kopf entstehen, das ihr eine Gänsehaut verpasste. Sie wollte sich nicht vorstellen, wie Dr. Ingo Dorn – dieser ruhige, fast gespenstisch wirkende Mann – an Leichen herumfummelte, während er vermutlich noch Weingummi naschte. Ja, Dorn war seltsam und eigenbrötlerisch, fast wie der Typ, den man in einem Horrorfilm als »mysteriösen Außenseiter« einordnen würde. Aber man musste ihm zugestehen, dass er ein brillanter Kopf war.

Dorn sah nur kurz auf. »Morgen«, sagte er knapp und wandte sich dann wieder dem Opfer zu.

Amara lag nackt auf dem Boden. Die Haut war fahl und fleckig. An ihrem Kopf waren mehrere zertrümmerte Stellen und schwere Quetschungen, als hätte man sie wiederholt mit einem Stein geschlagen. Die Stichwunden am Unterleib waren tief und zahlreich, das war es also, was Brunner mit »zerfetzt« gemeint hatte.

Käthe hatte schon viele grausam zugerichtete Opfer gesehen, aber dieser Anblick war besonders schwer zu ertragen – nicht nur wegen der Brutalität der Verletzungen, sondern auch wegen des Alters des Opfers. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Was Dr. Dorn scheinbar missinterpretierte.

»Kotz mir bloß nicht den Tatort voll«, sagte er in seinem ruhigen, fast emotionslosen Ton, ohne den Blick von Amara abzuwenden.

»Keene Sorge. Hatte ich nich vor. Musste dir echt keenen Kopp machen.« Sie biss sich auf die Lippe. Um den Job in Frankfurt zu bekommen, musste sie ein Sprachtraining absolvieren, um ihren selbst angeeigneten Berliner Dialekt loszuwerden. Aber manchmal kam er eben doch noch durch. Falls es den beiden aufgefallen war, ignorierten sie es gekonnt.

»Was schätzt du, wie lange sie schon tot ist?«, fragte Jerry, der ebenfalls die Leiche fixierte.

»Kann ich nicht ganz genau sagen«, antwortete Dorn, während er den Kopf schief legte, als würde er die Situation aus einer anderen Perspektive betrachten. »Dafür muss sie erst auf meinen Tisch. Noch nicht so lange. Sie sieht noch recht gut aus. Vermutlich um die zwölf Stunden. Maximal.«

»Von ihrem Kopf kann man nicht behaupten, dass der recht gut aussieht«, sagte Käthe und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen. Sie wollte sich nicht anmerken lassen, wie schwer ihr der Anblick des Teenagers fiel.

»Da hast du durchaus recht. Der Täter hat scheinbar in wilder Wut mehrfach zugestochen. Wie oft genau, kann ich erst sagen, wenn ich den Leichnam gesäubert habe. Wer auch immer das war, dem muss voll einer abgegangen sein.«

»Wunderbar. Wir suchen also nach einem ganz perversen Typen«, seufzte Käthe.

»Ich gehe von einem perversen kleinen Nazi aus«, sagte Dorn, nahm seine Brille ab und wischte sie in Seelenruhe mit einem Tuch ab.

»Wie kommst du darauf?«, fragte Jerry. Dass die Tat möglicherweise rassistisch motiviert war, hatte Jana bereits angedeutet, aber Dorn schien inzwischen von dieser Tatsache überzeugt zu sein.

»Na kommt mal mit, ich zeig euch, was der Täter uns dagelassen hat.«

Er ging zum Kleiderschrank. Es war ein großer, weißer Schrank mit Schiebetüren. Langsam schob er die Tür zur Seite. Die Kleidung des Opfers war beiseitegeschoben worden, und auf der Schrankwand, vermutlich mit dem Blut des Opfers geschrieben, waren die Worte »Reinheit bewahren« zu lesen.

Kapitel 7

Es war mitten in der Nacht, als Maya die Augen öffnete. Für einen Moment war sie vollkommen desorientiert. Wo bin ich? Und wann verflucht bin ich eingeschlafen? Wie aus dem Nichts fiel es ihr wieder ein. Sofort ging ihr Blick alarmierend zur Tür. Dann zum Fenster. Es war, als läge ein unsichtbarer Schatten über ihr, eine Präsenz, die sie nicht abschütteln konnte. Die Dunkelheit ihres Zimmers schien sich verdichtet zu haben, und jeder Laut ließ sie erschrocken innehalten. Sie setze sich auf und bemerkte, dass sie noch immer ihre Schuhe anhatte. Sie streifte sie ab und rollte sich unter ihrer Decke zusammen. »Du bist wirklich ein hoffnungsloser Fall, Maya. Jetzt atmen wir ganz locker durch die Hose. Es besteht kein Grund zur Panik. Jedenfalls noch nicht.« Die Worte klangen fast wie ein Hohn, doch sie wusste, dass sie ihre Nerven nicht verlieren durfte. Was ihr in der Regel selten passierte.

Irgendwann, kurz vor Morgengrauen, fielen ihr noch mal die Augen zu. Doch ihr kurzer, leichter Schlaf wurde jäh gestört, als ein grelles Flackern sie blendete. Blaulicht tanzte über die Wände ihres Zimmers, begleitet vom gedämpften Summen von Motoren, das von draußen hereindrang. Polizeiwagen rollten die Maßbornstraße entlang, ohne Sirenen, aber mit einer Dringlichkeit, die nicht zu überhören war.

Mit einem Schlag war Maya hellwach. Sie richtete sich auf, warf die Bettdecke zur Seite und stürmte ans Fenster. Heute Nacht wird es Steine regnen. Die Worte des Anrufers drängten sich erneut in ihr Bewusstsein.

Etwas war geschehen. Das konnte sie förmlich spüren. Ihre Gedanken jagten durcheinander, suchten nach einer Erklärung, während ihr Blick die Straße hinunterglitt. Doch außer den rückwärts schwindenden Blaulichtern gab es nichts, das ihr einen Hinweis lieferte.

Sie trat zurück, presste die Hände gegen ihre Schläfen und versuchte, klarer zu denken. Ob dieser Polizeieinsatz etwas mit dem Anrufer zu tun hatte?

Sie ließ sich auf die Bettkante sinken. Die Ungewissheit nagte an ihr – sie musste herausfinden, was passiert war. Mit einem plötzlichen Entschluss sprang sie auf und ging unter die Dusche. Das kalte Wasser prasselte auf ihre Haut. Ihre Schultermuskulatur schmerzte, vermutlich hatte sie in dieser Nacht die ungemütlichste Schlafposition eingenommen, die man sich vorstellen konnte. Doch die Kälte vertrieb den letzten Rest ihrer Benommenheit.

Kurz darauf schlüpfte sie in eine schlichte Jeans und streifte sich einen Kapuzenpullover über, dessen Kapuze sie tief ins Gesicht zog. Darüber warf sie ihre schwarze Jacke, deren weiches Futter sie vor der morgendlichen Kälte schützen würde.

Maya schlich sich vorsichtig durch die Seitengassen und hielt sich dicht an die Wände der Häuser. Jeder ihrer Schritte durchbrach die Stille. Sie bewegte sich mit äußerster Vorsicht, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Je näher sie der Kreuzung am Ende der Straße kam, desto angespannter wurde sie. Das Blaulicht der Polizeiwagen flackerte unregelmäßig zwischen den Gebäuden hindurch, während Stimmen gedämpft über die kalte Luft getragen wurden.

In einer schattigen Nische blieb sie stehen und beobachtete die Szene aus sicherer Entfernung. Polizisten huschten hin und her, ein Wagen hatte den Kofferraum geöffnet, und Absperrband flatterte im Wind. Doch es waren nicht die Uniformierten, die ihre Aufmerksamkeit fesselten.

Zwei Personen standen abseits, fast am Rande des Geschehens, und sprachen mit einem Beamten. Maya hielt unwillkürlich den Atem an, ohne dass sie sich erklären konnte, wieso.

Ein weiterer Wagen rollte heran. Zwei Personen stiegen aus: eine kleinere Frau mit pinkem Haar und kräftigem Körperbau, flankiert von einem hochgewachsenen Mann, dessen rabenschwarzes Haar silberne Strähnen durchzogen. Trotz der dunklen Lederjacke ließ sich die Kraft seines durchtrainierten Körpers nicht verbergen. Mit fester Miene traten sie auf die uniformierte Polizistin zu.

Ihr Verstand blieb wachsam und analysierte die Situation, suchte fokussiert nach einer Erklärung. Was war in diesem Haus geschehen?

»Ich sollte lieber gehen«, flüsterte sie zu sich selbst und begann den Weg, den sie gekommen war, zurückzurennen.

Schweißgebadet betrat Maya den Eingang der Pension, ihre Hände pressten sich gegen ihre Knie, während sie keuchend nach Luft rang. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, auch wenn der Puls in ihren Schläfen pochte.

»Frau Müller?«, fragte Herr Kubiniak, der Besitzer der Pension, mit besorgtem Blick. Seine Stimme klang weich, fast väterlich. »Ist alles in Ordnung? Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen.«

Maya richtete sich langsam auf. »Ja … ja, alles in Ordnung, Herr Kubiniak. Es war wohl nicht so klug von mir, auf leeren Magen joggen zu gehen«, log sie.

Der ältere Mann nickte bedächtig, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen. »Ja, ja, ihr jungen Leute denkt immer, ihr hättet die Weisheit mit Löffeln gefressen«, sagte er mit einem milden Lächeln, das keinen Tadel enthielt. Er trat hinter dem Tresen hervor und hob den Zeigefinger. »Sport ist wichtig, aber man braucht auch eine gesunde Ernährung und Lebensweise, sonst rächt sich der Körper irgendwann. Ich mache Ihnen jetzt erst mal ein ordentliches Frühstück.«

Maya nickte, der Druck in ihrem Inneren blieb, doch sie zwang sich, die Fassung zu bewahren. Ihr Lächeln war ehrlich, ohne Zögern. »Danke, Herr Kubiniak. Das weiß ich zu schätzen.«

Umgehend drehte er sich um und ging in Richtung Küche. Doch dann blieb er plötzlich stehen, als wäre ihm etwas eingefallen. »Oh, Frau Müller! Vorhin wurde ein Brief von einem Kurier für Sie abgegeben.«

Sie zuckte nicht einmal. »Ein Brief? Sie wissen nicht, von wem er ist, oder?«, fragte sie ruhig.

»Natürlich nicht. So etwas geht mich nichts an«, erwiderte er. »Ich schätze die Privatsphäre meiner Gäste, meine Liebe.« Er drehte sich von ihr ab und zog einen kleinen Umschlag aus einer Ablage hinter dem Tresen hervor – schlicht und unbeschriftet.

Maya starrte auf den Umschlag, ihre Augen blieben ruhig, doch innerlich nahm die Spannung zu. Sie wusste, was das bedeutete, und sie würde sich nicht von einem Stück Papier aus der Ruhe bringen lassen.

Dennoch zitterten ihre Hände, als sie den Brief entgegennahm. Wenn Herr Kubiniak es bemerkt hatte, ließ er es sich nicht anmerken. »So, und nun mache ich Ihnen das versprochene Frühstück. Setzen Sie sich doch schon einmal in den Speiseraum.«

Maya nickte abwesend, die Worte flossen wie durch einen Nebel, der sie umgab. Sie wartete, bis er in der Küche verschwunden war, dann öffnete sie den Umschlag mit einem Ruck.

Es war nur eine einzige Zeile, aber sie drang tief in ihre Gedanken ein, füllte jeden Raum, in dem sie sich bewegte: »Du solltest lieber von hier verschwinden, sonst wirst du Harheim nicht lebend verlassen.«

Kapitel 8

»Scheiß die Wand an!«, platzte es aus Käthe heraus.

»Japp, genau das haben wir auch gedacht, als wir das gesehen haben«, entgegnete Dorn.

Jerry näherte sich dem Schriftzug und legte den Kopf schief. »Wenn das an die Presse geht, ist die Kacke richtig am Dampfen. Dann geht der übliche Scheiß wieder los. Rechte Idioten gegen linke Idioten. Jeder sucht irgendwo Vergeltung für irgendwas. Und dann kommen die Extremisten aus beiden Lagern, die sich im Namen der ›Gerechtigkeit‹ gegenseitig bekämpfen. Ihr kennt doch das Spiel. Und das hier«, er deutete auf den Schriftzug, »darf unter gar keinen Umständen nach draußen sickern.«

»Alles klar, Meister. Ich flitz mit Dr. Ingo nach unten und informiere den Rest der Truppe. Wobei die diesen Gedankengang mit Sicherheit ebenfalls schon hatten. Aber du bist der Boss in diesem Fall. Und jetzt lassen wir dich mit der Leiche alleine. Wie sagte die Brunner noch gleich? Ach ja, du sollst dein Ding machen.«

Käthe setzte sich in Bewegung und schob Dr. Dorn wortlos vor sich her aus dem Zimmer. Die Tür fiel ins Schloss, das gedämpfte Klacken hallte in der Stille nach.

Jerry blieb reglos stehen, seine Augen auf den leblosen Körper gerichtet. Er wartete einen Moment länger, bis er sicher war, dass sie wirklich allein waren. Erst dann atmete er tief durch. Sein Atem war flach, die Luft schmeckte nach Tod und Verfall, schwer und bitter. Er kniete sich vor Amara nieder, stützte sich mit einem Knie auf dem kalten Boden ab und ließ die Szenerie auf sich wirken.

Er schloss die Augen, zwang seinen Geist, das Grauen zu umarmen, nicht davor zurückzuschrecken. Es war lange her, seit er sich derart tief in die Dunkelheit eines Täters hineinwagen musste. Zuletzt hatte er in Mettmann versucht, diese Methode anzuwenden, doch persönliche Verstrickungen hatten ihn blockiert und er konnte sich nur mit etwas Distanz darauf einlassen. Jetzt gab es keine Barrieren. Kein Zögern. Kein Raum für Fehler. Er musste sich öffnen. Tief eintauchen in die Gedankenwelt dieses Monsters.

---ENDE DER LESEPROBE---