Samt und Schande - Sabrina Pesch - E-Book

Samt und Schande E-Book

Sabrina Pesch

0,0
2,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

London, 1889. Ein toter Bankdirektor. Eine junge Journalistin. Und ein Arzt, der mehr sieht, als er sagen darf. Als die verstümmelte Leiche von William Pembroke aus der Themse gezogen wird, ist es für Eliza Ashford mehr als nur ein Mordfall. Es ist ihre Chance, sich als Reporterin zu beweisen. Gegen die Erwartungen ihrer Familie, gegen die Regeln einer Gesellschaft, die Frauen lieber sieht als hört. Doch je tiefer sie recherchiert, desto deutlicher wird: Dieser Mord war kein Einzelfall. Und Pembrokes Doppelleben reicht in Kreise, die alles daransetzen, im Verborgenen zu bleiben. An ihrer Seite steht ausgerechnet Dr. Benjamin Goldstein, Gerichtsmediziner mit scharfem Verstand und einer Herkunft, die ihn zur Zielscheibe macht. Gemeinsam geraten sie in ein Netz aus Lügen, Gier und Gewalt und müssen bald erkennen, dass manche Wahrheiten tödlicher sind als jede Lüge. Ein viktorianischer Kriminalroman über Macht, Doppelmoral und das Schweigen der feinen Gesellschaft. Düster. Elegant. Unerbittlich. Dieser Roman erschien 2024 unter dem Titel »Grausame Gier. Die Mädchen aus dem Velvet Parlor«.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68

Samt und Schande

Ein viktorianischer Kriminalroman über Macht, Moral und Mord

 

Sabrina Pesch

 

 

 

 

Impressum

©2024 Sabrina Pesch

 

Dieses Buch wurde bereits 2024 unter dem Titel »Grausame Gier: Die Mädchen aus dem Velvet Parlor« veröffentlicht.

Es handelt sich um eine überarbeitete Neuauflage mit neuem Titel und Cover.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.

Verantwortlich für Inhalt und Veröffentlichung:

Sabrina Pesch

c/o WirFinden.Es

Naß und Hellie GbR

Kirchgasse 19

65817 Eppstein

Deutschland

 

Leidende Muse, Emotionsbeauftragte und historische Beratung:

Mirca Brenig

Korrektorat: Sarah Statucki, Kerstin Haas, Jennifer Günzel

 

www.sabrina-pesch.de

[email protected]

 

Für Mirca.

Danke für deine Geduld und deine starken Nerven.

Ohne dich hätte ich dieses Buch niemals vollenden können.

Ich liebe dich.

 

Weitere Titel der Autorin

 

Reihe Kessler und Wagner

Band 1: In Vollendung: Vom Leben gezeichnet

Band 2: Fahr wohl, kleine Alice

Band 3: Tödliche Zeilen: Meinen Worten sollst du folgen

Band 4: Wenn das deine Mutter wüsste …

 

Reihe Kramer und Karess

Splitterkind: Kalte Erinnerung

Kapitel 1

Das Bett knarrte leise, als das Mädchen sich niederließ. Ihre Finger klammerten sich an den speckigen Stoff, als ließe sich das Unvermeidliche damit aufhalten. Ihr Atem ging unregelmäßig. Ein Schauder lief durch ihren Körper. Die schimmeligen Wände rückten näher, als würde das Zimmer selbst sie verschlingen wollen.

Panisch warf sie den Blick nach rechts und links. »Bitte«, flüsterte sie, ihre Stimme bebte. »Ich habe doch nichts Falsches getan.«

Niemand reagierte. Zwei Männer hielten ihre Arme, zwei weitere ihre zitternden Beine. Das Grauen begann, als der fünfte Mann – gekleidet wie ein Arzt – seine Hände unter ihr Nachthemd schob und mit einem langen, spitzen Instrument in sie eindrang.

Der Schmerz war sofort da, messerscharf, tief. Ihre Schreie durchdrangen das Gemäuer, hallten zurück wie von kaltem Stein. Sie wand sich, wollte fliehen, doch die Männer hielten sie fest – ruhig, routiniert.

»Ganz ehrlich, Doktor? Wäre ein Tropfen Laudanum nicht gnädiger?«, fragte der Mann an ihrem rechten Arm, der den Kopf abwandte, um ihre Schreie nicht hören zu müssen.

»Eine derartige Verschwendung kommt bei einer solchen Person nicht infrage.« Der Arzt sprach kühl, ohne Eile. »Halten Sie sie fester, sonst zieht sich das nur in die Länge.« Seine Bewegungen waren präzise, routiniert, kalt. In seinen Augen lag nichts als distanzierte Effizienz – wie bei jemandem, der längst verlernt hat, zu zweifeln. Jeder Griff, jeder Blick, jede Handlung war geübt. Er wusste, was er tat. Und er tat es oft.

Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Kopfschüttelnd drang er tiefer in sie ein.

Zuerst kam das Blut nur langsam. Als sie sich zu wehren begann, wild und unkontrolliert, floss es schneller – dunkles Rot, das die Laken durchtränkte. Ihre Bewegungen wurden schwächer, das Atmen flacher. Schließlich verlor sie das Bewusstsein.

Der Doktor arbeitete weiter, ungerührt.

»Doktor?«, fragte der Mann mit dem Laudanum noch einmal.

Der Arzt hob kaum den Blick. »Was ist denn?«

»Ich glaube, Sie können aufhören.«

»Aufhören?« Eine Pause. Dann: »In ein paar Monaten wird sie damit einen Skandal auslösen.«

»Glauben Sie mir, Doktor, darüber brauchen Sie sich keine Gedanken mehr zu machen. Der einzige Skandal, den wir wieder einmal zu befürchten haben, ist, dass dieses Mädchen tot ist.«

Kapitel 2

Eliza Ashford stand am Fenster ihres Büros der Victorian Gazette und beobachtete das wilde Treiben auf der Fleet Street – ein Labyrinth aus nebligen Gassen und schattigen Ecken. Vor ihr pulsierte das Herz der Stadt: Pferdekutschen rollten durch das matte Licht der Gaslaternen, Zeitungsjungen riefen Sensationen in die dunklen Straßen. Noch allerdings schwiegen sie über das jüngste Ereignis – obwohl sich erste Gerüchte bereits durch die Bevölkerung zogen.

In den frühen Morgenstunden war die Leiche von William Pembroke entdeckt worden. Der Bankdirektor war vor drei Tagen verschwunden, nun hatte man ihn am Ufer der Themse gefunden.

Eliza betrachtete die Menge auf der Straße. Aufgeregte Stimmen, gespannte Gesichter – eine unstillbare Gier nach Wahrheit und Skandal trieb sie an. Für sie war klar: Diese Nachricht war nicht nur erschütternd, sondern eine Chance. Die Auflage der Gazette war in den letzten Monaten dramatisch gesunken – und das bereitete ihrem Vater große Sorgen. Nun bot sich die Gelegenheit, das Blatt wieder ins Gespräch zu bringen.

Die Ripper-Morde hatten der Zeitung einen gewaltigen Schub gegeben. Eine ähnlich fesselnde Geschichte konnte sie erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Vielleicht würde man endlich wieder über ihre Gazette sprechen. Nicht spöttisch, nicht mitleidig – sondern voller Respekt.

Jeder Blick, den Eliza auf die Menge warf, spiegelte ihre eigene Unruhe. Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen. Sollte sie ihren Vater um die Recherche bitten?

Entschlossen öffnete sie die Tür und trat in den hektischen Redaktionsraum. Redakteure hasteten zwischen überfüllten Schreibtischen, Druckmaschinen ratterten, Telegrafenapparate klackten. Auf einem der Tische stapelten sich Papiere und Zeitungen. Schließlich entdeckte sie ihren Vater – Besitzer der Gazette – inmitten des Trubels.

»Vater, ich will über den Mord an Pembroke schreiben«, sagte sie fest. »Die Konkurrenz von der Times und dem Daily Telegraph schläft nicht. Wir müssen schneller sein – und besser.«

Sir Archibald nickte zögerlich. »Eliza, du bist zweifellos die Beste in der Redaktion. Aber ich weiß nicht, ob das nicht zu gefährlich für dich ist. Ich kannte William gut. Er betreute unsere Finanzen – und ich bin sicher, er hatte zwielichtige Kontakte. Wenn irgendwo Geld zu holen war, war er vorne mit dabei.«

»Vater!«, rief sie mit fester Stimme. »Ich bin kein Kind mehr. Ich kann auf mich aufpassen. Und du selbst hast gesagt, dass ich die Beste bin. Ich wünsche mir, dass du mich bei der Arbeit nicht als Tochter, sondern als Journalistin betrachtest. Wir dürfen den anderen nicht schon wieder das Feld überlassen.«

Er fuhr sich nervös durchs Haar, das bis auf einige graue Strähnen genauso dunkel war wie ihres.

Sie erkannte, dass er mit sich rang – kurz davor war, nachzugeben, und nutze den Moment. »Vater«, sagte sie leiser und trat näher, »du hast mir diese Ausbildung ermöglicht, weil du mein Talent erkannt hast. Du hast immer betont, wie wichtig dir Selbstständigkeit auch für Frauen ist. Du hast dich nie den starren Regeln dieser Gesellschaft unterworfen – oder etwa doch?«

»Natürlich nicht. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich dich einer Gefahr aussetzen will. Du bist mein einziges Kind.«

»Und was soll mir passieren? Ich fahre nach Tower Hamlets, sehe mich gründlich um – nehme jede Spur auf – und kehre mit einem brillanten Artikel zurück. Nicht mehr und nicht weniger.«

Sir Archibald atmete tief durch. Sie wusste: Jetzt konnte er ihr kaum noch widersprechen.

»Na schön. Aber komm bitte noch kurz in mein Büro.«

Er ging voraus, öffnete hinter dem Schreibtisch eine Schublade und holte eine kleine, fein gearbeitete Tasche aus Satin hervor. »Nur für den Notfall.«

Eliza öffnete sie und sah den Derringer. »Du weißt schon, dass wir uns nicht im Wilden Westen befinden, oder?«, fragte sie trocken, als sie die Tasche wieder schloss.

»Natürlich. Aber nimm sie mir zuliebe mit. Es beruhigt mich.«

Sie lächelte, schüttelte den Kopf. »Ein bisschen übertrieben, findest du nicht? Aber gut. Wenn es dir hilft – meinetwegen.«

Demonstrativ nahm sie die Tasche, küsste ihn auf die Wange und verließ ohne Zögern die Redaktion.

Kapitel 3

Der Gerichtsmediziner Dr. Benjamin Goldstein musste sich durch eine dichte Traube aus Schaulustigen und neugierigen Gaffern kämpfen, als er das Ufer der Themse in Tower Hamlets erreichte. Es war Mitte Oktober, und der Londoner Nebel hing so schwer in der Luft, dass er kaum seine eigene Hand vor Augen sah. Von der Baustelle der neuen Brücke stiegen metallene Geräusche in den frühen Morgen, begleitet vom dumpfen Gemurmel der Menge. Inspektor Sinclair von der Metropolitan Police war bereits vor Ort, begleitet von mehreren uniformierten Kollegen. Ein Bote hatte Goldstein aus dem Bett geholt – Brückenarbeiter hatten eine Leiche im Fluss entdeckt.

»Guten Morgen, Inspektor Sinclair. Was haben Sie denn zu dieser gottlosen Stunde für mich?«

Goldstein trat an den leblosen Körper heran und betrachtete ihn, so gut es das trübe Licht der Gaslaternen zuließ. Der Mann lag nackt auf dem Rücken, alle Gliedmaßen von sich gestreckt. Die Haut war blass, das Gesicht zur Seite gedreht, der Ausdruck eine Fratze aus Schmerz und Entsetzen.

»Donnerwetter«, murmelte Goldstein und blickte über die Schulter zu Sinclair.

»Das ist William Pembroke«, antwortete der Inspektor und tupfte sich mit einem Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn. »Direktor der Bank of London. Und spätestens heute Abend wird jedes Blatt der Stadt davon berichten. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber der Mann wurde eindeutig gefoltert. Werfen Sie mal einen Blick auf seine Genitalien. Da war jemand verdammt wütend.«

Sinclairs Gesicht blieb verkniffen. Seit den Ripper-Morden lag die Presse wie Aasgeier auf jedem blutigen Detail. Auch dieser Fall würde ein gefundenes Fressen für sie sein.

»Reichen Sie mir bitte eine Lampe, Inspektor«, sagte Goldstein ruhig und streckte die Hand aus.

Langsam ließ er das Licht über den Leichnam gleiten. Obwohl der Körper nicht lange im Wasser gelegen hatte, waren die Spuren schwer zu übersehen: aufgequollene Haut, blass und schlaff, übersät mit Wasserblasen. Dunkle Hämatome in wechselnden Formen zogen sich über den Rumpf – klare Zeichen massiver Misshandlung. Die Finger- und Fußnägel fehlten vollständig.

Goldstein beleuchtete die Genitalien. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse glaubte er, Brandspuren zu erkennen – das Gewebe wirkte versengt, der Bereich bizarr verfärbt. Er verzog keine Miene, registrierte nur. Zuletzt fiel ihm eine bläulich-rote Verfärbung an den Lippen auf. Muster und Farbgebung ließen nicht auf eine natürliche Ursache schließen. Vielleicht hatte Pembroke kurz vor seinem Tod eine beträchtliche Menge Wein zu sich genommen – aber der Zustand der Mundhöhle, in der sich zusätzliche Verletzungen zeigten, sprach gegen Freiwilligkeit.

»Hier kann ich ihn nicht untersuchen. Es ist zu dunkel, und der Nebel macht es nicht besser«, stellte Goldstein nüchtern fest.

»Hab ich mir gedacht. Wäre ja auch merkwürdig, wenn Sie bei diesem Licht besser sehen könnten als wir anderen.« Sinclair nickte. »Ich lasse ihn in Ihr Labor bringen.«

»Das wird das Beste sein. Meine Haushälterin wird Ihnen öffnen. Ich bleibe noch ein wenig hier. Nicht, dass ich Ihnen oder Ihren Männern Ihre Professionalität absprechen will – aber ich sehe lieber selbst noch einmal nach, ob nicht doch etwas übersehen wurde.«

Sinclair quittierte die Spitze mit einem knappen Nicken und wandte sich ab. Während seine Männer den Abtransport vorbereiteten, trat Goldstein einige Schritte zurück und ließ den Blick über das Gelände schweifen. Die Konstruktion der Brücke war noch nicht weit fortgeschritten – der Gedanke, dass jemand die Leiche von dort ins Wasser geworfen hatte, erschien ihm unplausibel. Zu gefährlich. Die Tatsache, dass Pembroke nackt war, beschäftigte ihn mehr als die Fundstelle.

Allmählich wurde es heller. Ein schmutziges, milchiges Licht schob sich durch den Nebel, und Goldstein machte sich daran, das Ufer in beide Richtungen abzugehen – jeweils zweihundert Meter Entfernung von der Fundstelle. Die Schuhe sog der feuchte Boden auf, in der Luft lag ein Geruch von Schlamm, Teer und abgestandenem Wasser.

Er zündete sich eine Zigarette an und wich instinktiv den Blicken der Neugierigen aus. Noch immer drängten sich Schaulustige ans Ufer. Dann die ersten Reporter – hastig, bleich, mit klammen Notizbüchern in der Hand.

»Die Pressehunde lassen sich das natürlich auch nicht entgehen«, murmelte er und sog tief den Rauch ein.

Eine drückende Schwere lag über dem Ort, begleitet von einem elektrisierenden Knistern, das ihn wie ein Schatten verfolgte. Jeder Blick, jedes Flüstern erhöhte den Druck, Antworten zu liefern – noch bevor Londons Gerüchteküche explodierte.

Akribisch untersuchte er die Szenerie. Jeder Stein, jede kleinste Unebenheit wurde von seinem geschulten Blick geprüft. Doch nichts schien auf ein Tatwerkzeug, einen Kampf oder Spuren des Täters hinzuweisen.

William Pembroke war in der Stadt ein Name. Sein Tod würde Wellen schlagen – in der Presse, in den oberen Etagen, im Parlament. Und in den dunklen Winkeln, in denen niemand Fragen stellen wollte.

Ein Blick auf die Taschenuhr. Fast zwei Stunden war er nun schon vor Ort. Die Zeit war ihm entglitten, wie sie es immer tat, wenn sich etwas Unheilbares in die Welt geschlichen hatte.

Er war gerade im Begriff, sich auf den Rückweg zu machen, als sein Blick auf eine junge Frau fiel, die einige Meter entfernt stand.

Kapitel 4

Eliza saß in einer Droschke, die durch das Kopfsteinpflaster-Labyrinth der Stadt rumpelte. Das stampfende Geräusch der Pferdehufe vermischte sich mit den gelegentlichen Rufen der Passanten und dem Quietschen der Wagenräder. Die Dächer der Häuser hingen tief über den schmalen Gassen, und die Gaslaternen warfen ihr schwaches, flackerndes Licht auf die vorbeiziehenden Gestalten.

Während die Kutsche sich durch das Gewirr von Straßen schlängelte, drangen verschiedenste Gerüche durch das offene Fenster. Ein Gemisch aus Fäkalien, faulendem Müll, gebratenem Fleisch und beißendem Tabakqualm lag in der Luft. Sie hielt ihren Hut fest, als der Wind begann, ihr dunkles, lockiges Haar wild umherzuwirbeln.

Eine wichtige Aufgabe lag vor ihr – sie durfte ihren Vater unter keinen Umständen enttäuschen. Die Kutsche näherte sich dem Ufer der Themse, wo die Baustelle für die neue Brücke in der Ferne aufragte. Die Silhouette der unfertigen Struktur ragte düster gen Himmel, ihre Eisenträger wirkten wie die Schatten einer vergessenen Zeit. Das Flussufer war von einer unheimlichen Stille umgeben, die nur vom Plätschern des Wassers und dem entfernten Lärm der Stadt unterbrochen wurde. Hier und da konnte sie Passanten entdecken, die in Gespräche verwickelt waren. Sie war sich sicher, dass es hier vor einigen Stunden noch vor Schaulustigen gewimmelt haben musste.

Obwohl der Morgen bereits vorangeschritten war, hing immer noch ein Schleier der Dämmerung über der Szenerie, während die Umrisse der Gebäude sich im sanften Licht des Tages langsam abzeichneten.

Resigniert stellte sie fest, dass sie nicht die Einzige war, die auf die Idee gekommen war, hier mit der Recherche zu beginnen. Je näher sie dem Ufer kam, desto klarer wurde: Manche der vermeintlichen Passanten waren Reporter, die sich eifrig Notizen machten. Die Gier nach der neuesten Sensation lag förmlich in der Luft, deutlich spürbar in den aufgeregten Gesten und den flüsternden Stimmen, die sich wie ein Echo über das Wasser erstreckten. Geräuschvoll entfernte sich die Mietdroschke, nachdem sie den Fahrer bezahlt hatte. Anschließend versuchte sie, irgendjemanden auszukundschaften, der nicht gerade mit einem Reporter oder überhaupt mit jemandem in ein Gespräch verwickelt war.

»Für eine junge Dame ist dies nicht unbedingt der beste Ort, um einen Morgenspaziergang zu machen, vor allem dann nicht, wenn gerade eine Leiche gefunden wurde. Jedenfalls sehe ich das so.« Die Stimme war dunkel und angenehm, dennoch schrak Eliza zusammen und drehte sich umgehend um die eigene Achse, um zu sehen, wer sie angesprochen hatte. Der Mann, groß und breitschultrig, stand dort inmitten des Morgendunstes am Ufer, während seine dunklen Augen aufmerksam auf ihr ruhten. Einige seiner schwarzen Locken umrahmten sanft sein Gesicht und verliehen ihm trotz seiner Eleganz eine gewisse Kühnheit.

Als er bemerkte, dass er sie erschreckt hatte, ging er einige Schritte zurück und hob entschuldigend die Hände vor seine Brust. »Verzeihen Sie, Miss. Es war nicht meine Absicht, Ihnen einen Schrecken einzujagen.«

»Oh«, sagte Eliza und legte den Kopf schief. »Sie haben mich nicht erschreckt, lediglich überrascht. Außerdem ist es nicht sehr schicklich, sich einer jungen Dame so unauffällig zu nähern, finden Sie nicht Mr. …?«

»Goldstein. Dr. Benjamin Goldstein. Und seien Sie versichert, ich hatte auch nicht die Absicht, mich Ihnen unangemessen zu nähern. Ich wollte mir lediglich den Fundort von Mr. Pembroke ansehen. Aber es scheint, als wimmelte es hier bereits von Reportern, die die Umstände seines Ablebens für ihre nächste Sensation nutzen wollen.«

Ihr fiel ein leichter Akzent in seiner Aussprache auf, eine subtile Nuance, die ihre Neugier weckte. Ihr Gedanke glitt zu seinem Namen – Benjamin Goldstein. Zusammen mit seinem Akzent ließ dies sie vermuten, dass er möglicherweise deutscher und jüdischer Abstammung sein könnte. Als Dr. Goldstein sein Gesicht bei der Erwähnung der Reporter verzog, erkannte sie in seiner Miene eine Mischung aus Missfallen und Abneigung.

»Nun, Dr. Goldstein, dies ist nun einmal unser tägliches Brot. Die Menschen wollen wissen, was in ihrer Stadt passiert. Wenn ein Mörder durch unsere Straßen zieht, sollten sie auch darüber informiert werden.«

»Sicher, Miss …? Entschuldigen Sie, ich glaube, Sie haben sich mir auch noch nicht vorgestellt.« Sein Blick traf ihren und er lächelte sie forsch an, vielleicht etwas länger, als es angemessen war.

Sie errötete und drehte ihren Kopf in Richtung des Metallgerüstes. »Mein Name ist Eliza Ashford und ich gehöre ebenfalls zu diesen … wie nannten Sie es noch gleich? Sensationsgierigen Reportern, welche Sie ganz offenbar nicht sonderlich leiden können.«

»Ashford?« Er wirkte überrascht. »Sie sind nicht zufälligerweise mit Sir Archibald Ashford, dem Inhaber der Victorian Gazette, verwandt?«

»Allerdings. Er ist mein Vater.« Stolz reckte sie ihr Kinn empor.

»Ich verstehe. Und was haben Sie hier zu suchen, Miss Ashford? Sie haben gerade erwähnt, dass Sie auch zu den Reportern gehören«, sagte er mit einem spöttischen Beiklang, der kaum zu überhören war. Seine Worte allein waren schon aussagekräftig, aber der Ton seiner Stimme verriet noch mehr über seine Vorurteile. Für ihn schien es undenkbar zu sein, dass eine Frau sich in diesem Beruf etablieren und eigenständig auf Erkundung gehen könnte.

»Ich versuche, Informationen über Mr. Pembrokes Ableben zu finden, damit wir diese in der Abendausgabe veröffentlichen können. Er war ein angesehenes Mitglied unserer Gesellschaft, und die Menschen verdienen es, zu erfahren, was mit ihm geschehen ist.«

»Natürlich, und wenn dieser Umstand dann auch noch die Taschen ihres Vaters füllt, ist dies ein Gewinn für alle Beteiligten«, sagte er mit einem Unterton, der vor Sarkasmus geradezu triefte.

»Wenn Sie es so sehen wollen.« Sie schnaubte verächtlich, obwohl sie wusste, dass er nicht gänzlich unrecht hatte.

»Und ich nehme an, da Ihr Vater Sie geschickt hat, gibt es in der Gazette keine fähigen Reporter mehr? Oder ist ihm diese Berichterstattung weniger wichtig, als Sie vielleicht annehmen?«

Sie wusste, dass er sie mit dieser Aussage nur weiter provozieren wollte. »Wollen Sie damit andeuten, dass Frauen unfähig für diesen Job sind? Da muss ich sie enttäuschen, wir stehen unseren männlichen Kollegen in der Tat in nichts nach. Ich bat meinen Vater persönlich darum, die Nachforschungen zu übernehmen. Ich muss so viel wie möglich über das, was hier passiert ist, herausfinden. Am besten, bevor es die Times oder sonst wer tut. Außerdem sagt mein Vater selbst, dass niemand in der Gazette so gut ist wie ich.« Sie deutete auf die anderen Reporter, welche für die Konkurrenz arbeiteten.

»Sie wollen also wirklich so viel wie möglich über den tragischen Tod dieses Mannes herausfinden, habe ich das richtig verstanden?« Er hob eine Hand und rieb sein Kinn, als würde er angestrengt über etwas nachdenken.

»In der Tat. Dies ist eine Gelegenheit für unser Blatt, wieder an die Spitze zu gelangen. Ich würde nicht behaupten, dass ich dafür einen Mord begehen würde, aber ich bin durchaus bereit, ein gewisses Risiko für die Gazette einzugehen.«

»Dann ist vielleicht heute Ihr Glückstag, Miss Ashford. Auch wenn es sich möglicherweise nicht gehört, so möchte ich Ihnen doch anbieten, mit mir zu kommen, denn rein zufällig bin ich der Arzt, der mit der Obduktion von Mr. Pembroke betraut wurde. Dann können Sie sich das Desaster aus nächster Nähe ansehen.«

Eliza spitzte die Lippen, während sie ihn betrachtete. Sie hielt es für eine Finte. Doch sie wusste auch, dass sie es wagen musste. »Das ist wahrlich eine großzügige Einladung. Dann sollten wir uns doch gleich auf den Weg machen, damit ich meinen Artikel bis zur Abendausgabe fertig habe.«

Kapitel 5

Dr. Goldstein führte Eliza zu seiner Kutsche. Die Untersuchung sollte in seiner Praxis in Spitalfields stattfinden. Eliza zögerte, als sie erkannte, dass er sein Angebot ernst meinte. Doch sie willigte ein – eine solche Chance würde sich so bald nicht wieder bieten.

Die Fahrt verlief ruhig, bis sie letztlich die lebhaften Straßen des Stadtteils, in dem Dr. Goldstein lebte, erreichten. Die Gebäude verdichteten sich und wurden von einer vielfältigen Mischung kultureller Einflüsse geprägt. Schließlich hielt die Droschke vor einem charmanten Stadthaus.

Er geleitete Eliza durch den Flur. In der Küche bereitete eine pummelige Frau offenbar das Mittagessen vor. Eliza folgte Dr. Goldstein in ein geräumiges Untersuchungszimmer, wo er sich einen Kittel umlegte.

»Sie führen Ihre Untersuchungen hier oben durch? Wäre es im Keller nicht angebrachter?«, fragte sie erstaunt.

Er hob entschuldigend die Hände. »Früher war es auch im Keller, aber vor einem Jahr legte dort jemand ein Feuer. Wir entdeckten es zum Glück früh genug, aber die Räumlichkeiten sind noch nicht vollständig wieder hergerichtet. Deswegen muss ich nun hier oben arbeiten, was Luisa, meiner Haushälterin, nicht ganz recht ist.«

»Das kann ich mir denken«, murmelte sie und griff nach dem zweiten Kittel, welchen Dr. Goldstein ihr inzwischen entgegenhielt. »In Ihnen steckt wohl ein wahrer Gentleman«, sagte sie, während sie den Kittel überzog.

»Ich habe durchaus meine guten Momente, Miss Eliza.«

Die Wände waren mit medizinischen Instrumenten, Behältern und Regalen voller Bücher gesäumt. In der Mitte des Raumes befand sich ein Seziertisch, auf dem eine Leiche mit einem weißen Tuch bedeckt lag. Der beißende Geruch von Formalin mischte sich mit dem dumpfen Gestank, der von der Leiche ausging.

»Bitte treten Sie näher, Miss Ashford«, sagte Dr. Goldstein und enthüllte die Leiche mit einer ruhigen, aber bestimmten Geste. »Ich hoffe, Sie haben einen starken Magen.« Dr. Goldstein entblößte den Mann lediglich bis zur Mitte.

Sie trat näher, ein Gefühl von Ehrfurcht und Unbehagen überkam sie, als sie den leblosen Körper betrachtete.

»Ich hätte nicht gedacht, dass Sie wirklich so weit gehen und sich die Leiche tatsächlich ansehen würden, Miss Ashford«, riss Dr. Goldstein Eliza aus ihren Gedanken.

»Wie bitte?«, fragte sie verwirrt und riss ihren Blick von den Überresten des Bankdirektors.

»Nun, um ganz offen zu sein, hatte ich gehofft, dass Sie sich von der Vorstellung, einen nackten, misshandelten Körper anzusehen, abschrecken lassen würden und auf Ihre Schlagzeile verzichten.« Dr. Goldstein lächelte spöttisch, ein Hauch von Provokation lag in seinem Blick. Seine Augen funkelten leicht amüsiert, während er Eliza ansah. Doch hinter diesem Ausdruck lag auch eine verborgene Anerkennung für ihre unerschrockene Entschlossenheit.

»Wollen Sie damit andeuten, dass Sie mir angeboten haben, an der Untersuchung dieses Mannes teilzunehmen, weil Sie davon ausgingen, dass ich nicht in der Lage wäre, mir diesen Mann anzusehen? Basierend auf der gängigen Annahme, dass Frauen zu schwach und zu empfindlich für derartige Umstände sind?«

»Ganz genau das wollte ich damit sagen. Aber gut, ich habe Sie offenbar unterschätzt. Und da Sie ja nun hier sind, bin ich gerne bereit Ihnen meine Beobachtungen zu erläutern, jedoch habe ich eine Bedingung.«

»Und die wäre?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte Dr. Goldstein herausfordernd an.

»Was auch immer Sie in Ihrem Artikel schreiben werden: Erwähnen Sie weder meinen Namen noch die Tatsache, dass Sie hier gewesen sind. Meinetwegen können Sie alles, was Sie beobachten, in Ihrem Artikel erwähnen, aber nicht, woher Sie die Informationen beziehen.«

»Wenn das alles ist. Ich lege auch keinen großen Wert darauf, dass jemand erfährt, dass ich mich dazu habe hinreißen lassen, mit einem fremden Mann in dessen Kutsche zu steigen, und sogar seine Privaträume allein betreten habe.«

»Schön. Dann haben wir wohl eine Übereinkunft. Wenn es Sie beruhigt, wir sind nicht gänzlich allein, einige meiner Angestellten befinden sich ebenfalls im Haus. Nun, Miss Ashford, was fällt Ihnen an diesem Gentleman auf?«

»Seien Sie so nett und verzichten Sie darauf, ständig ›Miss Ashford‹ in unserer Unterhaltung zu betonen. Ich weiß sehr wohl, wie ich heiße. Zudem habe ich genug Zeit unter den Kollegen in der Redaktion verbracht, die nicht gerade zimperlich sind. Ich kann auch mit einem etwas gröberen Ton umgehen«, sagte sie scharf.

Doch es waren nicht nur die steifen Höflichkeitsfloskeln, die ihr zunehmend missfielen. Sie verachtete die Tatsache, dass man als Frau immer nur als schwaches, einfühlsames Wesen gesehen wurde. Es war nicht so, dass sie sich selbst als gefühlskalt betrachten würde, aber sie konnte die übertriebenen Emotionen, die viele Frauen zeigten, nicht nachvollziehen.

»Entschuldigung, es war nicht meine Absicht, Sie zu verärgern.« Dr. Goldstein hob beschwichtigend eine Hand. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen. »Ich werde versuchen, mich unkonventioneller zu verhalten und auf ›Miss Ashford‹ zu verzichten. Und nun bitte ich Sie, konzentrieren Sie sich auf den Leichnam. Immerhin wollen Sie doch einen Artikel schreiben.«

Eliza betrachtete den Körper des Bankdirektors eingehend. Anschließend deutete sie auf den Oberkörper des Mannes, auf dem sich mehrere große, dunkle Flecken ausgebreitet hatten. »Woher stammen die?«, fragte sie.

»Ausgezeichnet! Diese Flecken bedeuten, dass dieser Gentleman vor seinem Ableben äußerst stark misshandelt worden sein muss. Einige der Abdrücke stammen vermutlich von ein paar großen Männerstiefeln. Und jetzt sagen Sie mir, was Sie hier sehen.« Dr. Goldstein nahm die Hand des Verstorbenen und hob sie hoch, bis sie auf Augenhöhe mit Eliza war.

Sie legte die Stirn in Falten. »Jemand hat ihm die Fingernägel entfernt.« Umgehend versuchte sie, nach der anderen Hand zu sehen, jedoch lag diese außerhalb ihrer Sicht.

Goldstein sah in dieselbe Richtung. »Ich kann Ihre Vermutung bestätigen. Die Fingernägel wurden an beiden Händen entfernt und auch die Fußnägel sind nicht mehr vorhanden. Den Verletzungen nach zu urteilen, wurden diese vor seinem Tod entfernt. Und nun riechen Sie doch bitte mal an dem Mund des Herren.«

»Wie bitte? Was soll ich tun?«, fragte Eliza empört.

»Sie wollten doch, dass ich Ihnen Einblicke in meine Arbeit und in die Todesumstände dieses Mannes gewähre? Nun, die bekommen Sie gerade. Also bitte, riechen Sie.«

Sie fragte sich, was sie dazu bewogen hatte, seiner Einladung zu folgen, jedoch musste sie zugeben, dass all das durchaus reizvoll war. Sie neigte sich über das Gesicht des Toten und bemerkte, dass seine Lippen dunkle Flecken aufwiesen. Wein, dachte sie, als sie an seinem Mund roch. Umgehend schnellte sie zurück. »Wein?«, fragte sie.

»Das war auch meine erste Vermutung. Irgendetwas sagt mir, dass er diesen nicht ganz freiwillig zu sich genommen hat. Sehen Sie die Verletzungen hier in seiner Mundhöhle?« Er neigte den Kopf von Pembroke nach hinten und deutete auf Abschürfungen im Lippen- und Gaumenbereich. Er betrachtete die Verletzungen selbst noch mal eingehend, bevor er fortfuhr: »Ich denke, jemand hat ihm eine oder sogar mehrere Flaschen nacheinander gewaltsam in den Mund gerammt und ihn somit gezwungen, enorme Mengen des Weins zu sich zu nehmen. Ich gebe zu, in meinen Augen ist dies durchaus eine Verschwendung eines gar vorzüglichen Getränks.« Er neigte seinen Kopf zur Seite und wartete ihre Reaktion ab, doch sie blieb davon vollkommen unbeeindruckt.

»Wieso sollte jemand so etwas tun? Ich meine, der Mörder hat den Mann doch ohnehin schon gefoltert, wieso dann noch der Wein?« Sie konnte den Sinn und Zweck hinter dieser barbarischen Prozedur nicht erkennen.

»Das kann ich Ihnen leider auch nicht beantworten. Ich würde glatt vermuten, der Mann ist entweder am Wein ertrunken, oder sein Herz hat aufgrund der enormen Menge Alkohol den Dienst eingestellt. Möglicherweise hatte der Täter schlicht und ergreifend unermessliche Freude daran, diesen Mann zu Tode zu foltern. Nun, ich denke, vorerst habe ich Ihnen genug Einblicke gewährt. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Sie sollten sich nun schleunigst auf den Weg machen.« Er warf einen Blick auf seine Taschenuhr. »Sonst wird es schwierig sein, all Ihre Informationen noch rechtzeitig in die Abendausgabe Ihrer Zeitung zu bringen. Wenn Sie erlauben, lasse ich eine Droschke kommen, die Sie direkt zur Fleet Street zurückfährt. Und ich hoffe inständig, dass Sie Ihr Wort halten werden und weder mich noch meine Arbeit in Ihrem Artikel erwähnen werden.«

Kapitel 6

Diese Frau war mit Abstand die seltsamste Person, der Benjamin Goldstein bisher begegnet war. Es überraschte ihn, dass sie beim Anblick der Leiche des Bankdirektors nicht gleich in Ohnmacht gefallen war. Es widerstrebte ihm, ihr Informationen zu geben, damit sie diese in ihrem Schmierblatt veröffentlichen konnte, doch irgendetwas an ihr faszinierte ihn. Und gänzlich falsch lag sie mit ihrer Aussage nicht, dass die Bevölkerung ein Recht darauf hatte, zu erfahren, wer da draußen Angst und Schrecken verbreitete. Ihm blieb nur die Hoffnung, dass sie ihr Wort hielt – und seinen Namen unerwähnt ließ. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war die Aufmerksamkeit der Bevölkerung. Als deutscher Arzt jüdischer Abstammung lebte er ohnehin gefährlich – zu verbreitet war der Antisemitismus, zu tief die Feindseligkeit in der Gesellschaft verwurzelt.

Er erinnerte sich an seine ersten Monate in diesem Land. Das Misstrauen der Menschen ihm gegenüber hatte ihn gekränkt, obgleich er Vorurteile auch aus Deutschland kannte. Viele Tage waren vergangen, in denen er wortlos durch fremde Straßen gegangen war, begleitet nur vom Wind, der durch enge Gassen strich. Die Spannungen zwischen Deutschland und England schürten zusätzliche Sorgen – das Land war von wachsendem Nationalismus durchdrungen. Einzig Inspektor Sinclair schenkte ihm von Anfang an sein uneingeschränktes Vertrauen und dafür war er ihm zutiefst dankbar. In den fünf Jahren, in denen sie nun schon zusammenarbeiteten, hatten sie nie an der Aufrichtigkeit des jeweils anderen gezweifelt. Sinclair und seine Männer verziehen ihm sogar seine Eigenart, Tatorte selbst noch einmal gründlich unter die Lupe zu nehmen.

Er atmete tief durch, als seine Gedanken zurück zu Miss Ashford glitten. Ihre wachen, haselnussbraunen Augen kamen ihm in den Sinn. Er zwang sich, den Gedanken an sie beiseitezuschieben, und begann mit der Obduktion der sterblichen Überreste auf seinem Tisch.

Wer auch immer diesen Mann ermordet hatte, schien große Freude daran gehabt zu haben, ihn so lange wie möglich leiden zu lassen. Die Spuren der Folter waren deutlich sichtbar: Neben den Prellungen, die er schon festgestellt hatte, bestätigte sich der Verdacht, dass die Genitalien des Mannes mit Brandspuren übersät waren. Er war erleichtert, dass er Miss Ashford diesen Anblick erspart hatte.

Nachdem er seine Untersuchungen abgeschlossen hatte, öffnete er eine Klappe an der Seite eines Kastens und platzierte vorsichtig eine Reihe von Eisblöcken in einem Fach. Ein schwacher Hauch von Kälte stieg aus dem Inneren auf. Sorgfältig regulierte er die Luftzufuhr, um sicherzustellen, dass die Temperatur konstant blieb. Anschließend schob er den Leichnam in die dafür vorgesehene Vorrichtung. Es war wichtig, dass er kühl blieb, um die Verwesung zu verlangsamen, zumindest bis der Bestatter ihn abholen würde.

Gewissenhaft fertigte er seinen Bericht an, um diesen der Polizei übergeben zu können. Er seufzte, als er diesen in einer Mappe verstaute. Die Zeit drängte, und er wusste, dass er persönlich zur Polizeistation gehen musste, um den Bericht an Sinclair zu übergeben. Angesichts der Entfernung beschloss er, doch lieber seine Kutsche zu nehmen.

 

Während die Kutsche gemächlich durch die gepflasterten Straßen von Spitalfields fuhr, glitt Dr. Goldsteins Blick über die eleganten viktorianischen Häuser mit makellosen Fassaden und den lebendigen Blumenmärkten. Die Szenerie strahlte einen Hauch von Wohlstand und Gemeinschaft aus, verstärkt durch das geschäftige Treiben der gut gekleideten Passanten.

Doch je näher er Whitechapel kam, desto mehr verblich der Glanz von Spitalfields und wich einer düsteren Realität. Die gepflegten Bürgersteige wichen verfallenen Straßen und leerstehenden Häusern. Der Geruch von Verwesung und Abfall hing schwer in der Luft. Als die Kutsche den Brick Lane Market passierte, sah Dr. Goldstein zwielichtige Gestalten, die im Schatten lauerten, und heruntergekommene Geschäfte, die ihre zweifelhaften Waren anpriesen. Es war eine drastische Veränderung, die deutlich machte, wie nah Wohlstand und Elend beieinanderlagen.

Als die Kutsche schließlich vor dem massiven Gebäude der Polizeistation zum Stehen kam, atmete Dr. Goldstein tief durch und stieg aus. Die grauen Mauern des Gebäudes ragten bedrohlich über ihm auf, als er die Stufen zur Eingangstür emporstieg. Mit einem leisen Knarren öffnete sich die Tür, und er betrat das Innere, wo der Geruch von altem Papier und hartem Arbeitsschweiß in der Luft hing.

Beamte eilten hin und her und Telegramme wurden abgeschickt. Er näherte sich einem der diensthabenden Beamten und erkundigte sich nach Inspektor Sinclair.

»Oh, guten Tag, Doktor. Der Inspektor ist in seinem Büro«, sagte der Beamte und widmete sich anschließend wieder seiner Arbeit.

Sinclairs Büro lag am Ende des Flures. Der Inspektor saß über Akten gebeugt und blickte auf, als Goldstein eintrat. »Dr. Goldstein? Sagen Sie mir nicht, dass Sie mit der Leiche von Pembroke schon fertig sind«, sagte Sinclair überrascht.

Dr. Goldstein trat näher und überreichte ihm die Mappe mit seinem Bericht. »Sie wissen doch, dass ich schnell und sauber arbeite«, erklärte er bestimmt.

Sinclair nahm die Mappe entgegen und nickte knapp. »Setzen Sie sich, Doktor. Erzählen Sie mir alles, was Sie wissen.«

Nachdem Goldstein seinen Bericht vollständig vorgetragen hatte, sagte er: »Mir scheint die Vorgehensweise, wie Pembroke ermordet wurde, recht … persönlich, wenn ich es vorsichtig ausdrücken darf.«

»Das habe ich mir selbst schon gedacht. Können Sie vielleicht etwas spezifischer werden, Doktor?« Sinclair zog die Augenbrauen zusammen, als ahnte er, worauf der Doktor hinauswollte.

»Der Mann war vermutlich drei volle Tage in der Gewalt seines Peinigers. Die Verletzungen, die er erlitten hat, lassen auf direkten körperlichen Kontakt schließen. Wir alle wissen, dass Pembroke oft in illegale Geschäfte verwickelt war. Es ist möglich, dass er den Falschen hintergangen hat. Vielleicht sollten Sie sich auch unter den Söhnen der Nacht umhören«, schlug Goldstein vor.

»Die Söhne der Nacht?«, fragte Sinclair, sein Blick sprach Bände. Die Bezeichnung Söhne der Nacht bezog sich auf eine Gruppe von jungen, männlichen Prostituierten, die oft auch als ›Knabenhuren‹ betitelt wurden.

»Sie glauben doch nicht, dass Pembroke dort verkehrt hat?«

»Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht. Aber seine Genitalien wurden mit einem Brandeisen oder Ähnlichem regelrecht verstümmelt. Das muss etwas zu bedeuten haben. Deswegen kam mir der Gedanke, dass es eventuell in diesem Milieu Spuren geben könnte.«

»Möglicherweise besteht hier wirklich eine Verbindung. Sogar die vornehmsten Lords haben Neigungen, die man sich im Traum nicht vorstellen mag. Danke, Doktor. Konnten Sie denn eine Todesursache feststellen?«

»In Anbetracht der Qualen, denen dieser Mann ausgesetzt war, gehe ich davon aus, dass sein Herz schlicht und einfach aufgrund der Folter und der zugeführten Unmengen an Alkohol versagt hat. Ich kann jedoch nicht ausschließen, dass er möglicherweise an dem Wein ertrunken ist.«

Sinclairs Gesichtszüge verfinsterten sich, als er die mögliche Grausamkeit des Todesprozesses realisierte. Dennoch bewahrte er seine Professionalität. »Ich nehme an, dass die Leiche für den Abtransport bereit ist?«, erkundigte er sich, während er die Papiere durchblätterte.

»Natürlich, Inspektor. Doch eines sollten Sie noch wissen«, sagte Goldstein vorsichtig. Er wollte den Ermittlungen nicht im Weg stehen – also entschied er sich zur Offenheit.

»Und was wäre das?«, fragte Sinclair, während er seinen Blick von den Akten hob.

»Heute Morgen traf ich zufällig auf eine Journalistin der Victorian Gazette – Eliza Ashford, die Tochter des Inhabers. Ziemlich hartnäckig, wenn ich das sagen darf. Ich wollte sie abschrecken und lud sie zur Leichenschau Pembrokes ein – doch sie blieb völlig unbeeindruckt. Tatsächlich war sie äußerst unbeeindruckt. Ich befürchte, dass einige Details meiner Untersuchung möglicherweise in der Abendausgabe erscheinen werden.«

Der Inspektor seufzte und legte die Akten beiseite. Nachdenklich drehte er nervös an dem Ring an seinem rechten Zeigefinger. Schließlich sagte er: »Das können wir jetzt wohl nicht mehr ändern. Zu unserem Glück werden derartige Artikel, die von Frauen geschrieben werden, nicht sonderlich beachtet. Hoffen wir einfach, dass dies in diesem Fall ebenfalls zutrifft.«

 

Gerade als Dr. Goldstein die Haustür aufschließen wollte, wurde sie von innen aufgerissen. Luisa stand da, die Stirn leicht gerunzelt, eine Strähne aus dem Dutt gefallen.

»Endlich. Ich hatte Sie früher erwartet.« Ohne weitere Begrüßung nahm sie ihm Mantel und Hut ab.

»Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Fahrt«, fügte sie pflichtbewusst hinzu, während sie beides an die Garderobe hängte.

»Ja, danke, Luisa. So angenehm, wie Whitechapel eben sein kann. Vielleicht habe ich sogar ein paar neue Kandidaten für meine nächste Autopsie entdeckt«, antwortete er, während er seine Haushälterin passierte.

Luisa ignorierte den missglückten Versuch ihres Arbeitgebers, lustig zu sein, und überreichte ihm einen verschlossenen Umschlag.

»Diese Nachricht wurde vor etwa einer halben Stunde von Franz abgegeben. Er sagte, sie sei dringlich.«

Dr. Goldstein nahm den Umschlag entgegen. Als er ahnte, worum es ging, ging er ohne ein weiteres Wort in sein Arbeitszimmer. »Danke, Luisa«, rief er über die Schulter.

Hinter verschlossener Tür riss er den Umschlag auf und überflog die wenigen Zeilen. Die Handschrift erkannte er sofort.

»Der Zeitpunkt ist allerdings sehr unpassend«, murmelte er. Dann zerknüllte er das Schreiben, warf es ins Kaminfeuer und sah zu, wie es schwarz wurde und sich zusammenrollte. Anschließend schenkte er sich einen Brandy ein und ließ sich in seinen Sessel fallen.

Kapitel 7

Völlig aufgewühlt eilte Eliza durch die Redaktionsräume der Victorian Gazette. Sie ignorierte die Kollegen nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil sie den Artikel über William Pembroke sofort beginnen wollte. Aus ihrer Tasche, in der noch der Derringer lag, zog sie ihre Notizen hervor und warf sie achtlos auf einen Stuhl in der Ecke. Sie spannte ein neues Blatt Papier in ihre Schreibmaschine und begann sofort mit ihrer Arbeit. Sie rieb sich kurz die Stirn, als könnte sie damit ihre Gedanken ordnen, dann ließ sie die Finger wieder über die Tasten fliegen. Fast eine Stunde tippte sie an dem Artikel, unterbrochen von ständigen Vertippern, die sie immer wieder neu anfangen ließen. Als sie endlich fertig war, riss sie den Artikel hektisch aus der Walze und betrachtete stolz ihr Werk:

 

Das rätselhafte Schicksal des Mr. William Pembroke:

Eine Tragödie in den Schatten

 

In den düsteren Gassen Londons hat sich eine Tragödie von unvorstellbarem Ausmaß ereignet, und ihr jüngstes Opfer ist niemand Geringeres als William Pembroke, der angesehene Direktor der Bank of London. Einst gefeiert in hochrangigen Finanzkreisen, wurde sein glänzendes Ansehen von den eiskalten Fluten der Dunkelheit heimgesucht. In den Morgenstunden wurde seine Leiche nackt am Ufer der Themse gefunden.

Es ist anzunehmen, dass man ihn bei lebendigem Leib auf bestialische Weise gefoltert hat.

Doch die Schrecken, die ihm zugefügt wurden, reichen noch tiefer. Sogar seine Finger- und Zehennägel wurden ihm grausam und bei vollem Bewusstsein entrissen. Eine barbarische Tat, die eine finstere Wendung in diesem düsteren Kapitel offenbart. Hinzu kommt die erschreckende Entdeckung, dass er regelrecht in Wein ertränkt wurde. Diese Tat ist ein verstörender Beweis für die abgrundtiefe Boshaftigkeit seines Peinigers. Sogar die schärfsten Sinne und die tiefste Beobachtungsgabe vermögen das Rätsel dieses abscheulichen Verbrechens nicht zu lösen.

Diese Szenerie lässt selbst die erfahrensten Reporter erzittern. Die brennende Frage bleibt: Wird William Pembroke das einzige Opfer bleiben, oder lauert der Schattenmörder bereits auf sein nächstes Opfer, bereit, die Unschuldigen in sein düsteres Netz zu ziehen?

Doch vielleicht steckt hinter diesem abscheulichen Verbrechen mehr, als wir bislang vermuten können. Womöglich war der Direktor selbst Teil einer mysteriösen Verschwörung. Wir wissen es nicht.

Die Victorian Gazette wird auch weiterhin über diese schreckliche Tragödie berichten und das Licht der Wahrheit in die dunkelsten Winkel Londons bringen.

 

»Perfekt«, sagte sie und eilte mit ihrem Artikel in das Büro ihres Vaters.

»Der Artikel für die Abendausgabe ist fertig, Vater«, sagte sie voller Stolz.

»Du warst ganz schön lange unterwegs«, antwortete Sir Archibald und sah von seinen Notizen auf. »Und aus deinem Gesichtsausdruck entnehme ich, dass du etwas herausgefunden hast.« Er lächelte und streckte den Arm aus, damit Eliza ihm den Artikel überreichen konnte.

Er las schweigend. Mit jeder Zeile wurden seine Augen größer.

»Eliza?«, fragte er vollkommen perplex, »woher hast du die Details über die Leiche?« Er starrte seine Tochter mit einer Mischung aus Stolz und Verwirrung an.

Eliza biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte Dr. Goldstein zwar versprochen, ihn nicht in ihrem Artikel zu erwähnen. Doch dass sie ihr Aufeinandertreffen nicht ihrem Vater offenbaren durfte, hatte er nicht gesagt, und sie würde eher die Hölle einfrieren sehen, als ihrem Vater und Mentor ins Gesicht zu lügen.

»Als ich am Fundort der Leiche ankam, machte ich die Bekanntschaft mit einem gewissen Dr. Goldstein. Er ist ein Arzt, der für die Polizei arbeitet. Er lud mich ein, mir den Leichnam von Mr. Pembroke anzusehen, eigentlich mehr, um mich zu vergraulen. Aber da hatte er die Rechnung wohl ohne meine Entschlossenheit gemacht. Jedenfalls bekam ich so die Chance, diese Details für die Abendausgabe aus erster Hand zu erfahren. Und bitte, Vater«, sagte sie, stemmte die Hände in die Hüften und verdrehte die Augen, noch bevor ihr Vater etwas erwidern konnte, »erzähl mir jetzt nicht, wie unsittlich das von mir gewesen ist. Du wolltest einen Artikel für die Abendausgabe, und nun hast du ihn.«

Er legte den Artikel auf seinen Schreibtisch und rieb sich die Schläfen. »Du hast ja recht. Immerhin habe ich dich selbst losgeschickt. Jedoch hätte ich nie gedacht, dass du mit einem wildfremden Mann durch die Stadt fährst, um dir eine Leiche anzusehen. Ich hoffe, du hast nicht zu großes Aufsehen erregt.«

»Oh, glaub mir, Vater, die Leute waren zu sehr damit beschäftigt, den anderen Reportern ihre Version dessen, was sie glauben, gesehen zu haben, zu erzählen.« Sie fegte seine Bedenken mit einem Handwink beiseite.

»Gut. Dann hoffen wir, dass das stimmt. Einen Skandal bezüglich deiner Integrität können wir uns beim besten Willen nicht erlauben. Es ist schon heikel genug, dass ich dir derartige Freiheiten gebe. Am besten, wir erzählen deiner Mutter nichts von den Ereignissen. Du weißt ja, wie sie ist.« Er rollte genervt mit den Augen.

Eliza wusste ganz genau, worauf ihr Vater hinauswollte. »Einverstanden. Übrigens, Vater, ich nehme an, dass auch dieser Artikel nicht unter meinem Namen veröffentlicht wird?«

»Natürlich nicht, Eliza. Wir wissen beide, dass es so am besten ist. Würde ich zulassen, dass du deinen Namen unter den Artikel setzt, würden die Leser denken, das seien Hirngespinste einer alten Jungfer. Und denk nur an deine Mutter. Es missfällt ihr sowieso schon, dass du hier arbeitest. Glaub mir, es wäre mir lieber, wenn es anders wäre. Immerhin gestatte ich dir, die Frauenkolumne unter deinem Namen zu veröffentlichen, und unsere weibliche Leserschaft liebt deine Kolumne, das weißt du doch. Wir können sie nicht derartig verschrecken, wenn ein solcher Artikel nun unter deinem Namen erscheint.« Seine Stimme klang nervös.

Seine Worte kamen so schnell aus ihm heraus, als ob er befürchtete, dass jemand zuhören könnte. Sein Blick huschte unaufhörlich zu den verschlossenen Türen seines Büros, als ob er jeden Moment mit unerwünschten Ohren rechnete.

Obwohl sie seine Antwort erwartet hatte, stiegen ihr Tränen der Wut in die Augen. Sie hatte gehofft, dass er dieses eine Mal eine Ausnahme machen würde. Doch als Frau durfte man sich in dieser von Männern beherrschten Welt keine allzu großen Hoffnungen machen. Seit mehr als einem halben Jahrhundert regierte eine fähige und entschlossene Frau auf dem Thron. Wann würden die Männer dieses Landes endlich anerkennen, dass Frauen in keiner Hinsicht unterlegen waren?

Sie kämpfte darum, ihre Wut hinunterzuschlucken, und antwortete knapp: »Wie du meinst, Vater.«

»Es tut mir leid, Eliza. Wirklich.« Er reichte Eliza das Blatt mit dem Artikel. »Gib das sofort an Thomas weiter, damit er alles für die Abendausgabe vorbereiten kann. Übrigens erwarten wir heute Abend Besuch. Wir sollten also pünktlich aufbrechen.«

»Darf ich fragen, wer uns beehren wird?« Ihr Tonfall war nahezu schnippisch, sie wollte, dass ihr Vater spürte, wie sehr ihr seine Zurückweisung missfiel.

»Lord Kingsley und sein Sohn werden heute zum Essen erscheinen. Er bat darum.« Er vermied es, ihr in die Augen zu sehen, und begann hektisch in seinen Unterlagen zu blättern. Eliza hatte das Gefühl, dass er ihr etwas verschwieg.

Sie nickte lediglich, nahm ihren Artikel und verschwand aus dem Büro ihres Vaters. Sein Wort war endgültig, aber sie wäre nicht Eliza Ashford, wenn sie sich so schnell geschlagen geben würde.

Zügig schritt sie durch die Redaktionsräume, das Manuskript fest umklammert. Ihr Blick suchte Thomas, fand ihn an seinem Schreibtisch, vertieft in Korrekturen. Als er aufsah, trat sie zu ihm, reichte ihm ohne ein weiteres Wort die Seiten.

»Für die Abendausgabe, Thomas.«

Er überflog die ersten Zeilen, runzelte leicht die Stirn, dann sah er auf. »Vielen Dank, Miss Eliza. Ich nehme an, Sir Ashford wünscht, dass wir den Artikel unter Ihrem Pseudonym veröffentlichen?«

Eliza schwieg. Einen Moment lang hielt sie den Atem an. Das Zittern ihrer Finger verriet sie, obwohl ihre Stimme eben noch fest geklungen hatte. Sie spürte, wie der alte Reflex sich regte, dem Willen ihres Vaters zu folgen, wie sie es ihr Leben lang getan hatte.

Wenn sie jetzt zurückwich, würde der Artikel kaum mehr als ein Schatten sein – ohne Gewicht, ohne Namen. Und das konnte sie nicht zulassen. Doch dieser Text war mehr als ein Artikel. Er war eine Kampfansage – gegen das Schweigen, gegen die Bevormundung, gegen das ewige ›Vielleicht ein andermal, mein Kind‹.

Langsam hob sie den Kopf. Ihre Stimme war leise, doch klar.

»Nein, Thomas. Dieser Artikel wird unter meinem richtigen Namen erscheinen.«

Kapitel 8

Nervös rannte Maeve O’Connor – von allen nur ›Red Mae‹ genannt – durch die Zimmer des Velvet Parlours. Sie suchte nach Edith. Vergeblich. Sie beschloss, Catherine zu fragen, ob sie Edith gesehen hatte.

»Guten Abend, Catherine«, sagte sie, als sie ihre Zimmertür öffnete. »Hast du vielleicht Edith gesehen? Ich kann sie nirgendwo finden.«

Catherine saß auf ihrem Bett und umschloss ihren alten, zerschlissenen Teddybären mit beiden Armen. Als Mae eintrat, vergrub sie ihren Kopf in dem Plüschtier. »Nein, habe ich nicht und jetzt geh weg. Ich will allein sein.«

»Herrje, wir sind aber heute schlecht gelaunt. Solltest du sie sehen, sag mir bitte Bescheid.« Sie schloss die Tür hinter sich und fragte sich, was Catherine wohl so verärgert hatte. Das Mädchen war ohnehin nicht sehr aufgeschlossen, aber sie war mit Edith befreundet und die beiden erzählten sich in der Regel alles. Sie waren die einzigen Mädchen im Haus, die noch keinen Herrenbesuch empfangen mussten, da sie dafür noch zu jung waren. Aus diesem Grund lagen die Zimmer der jüngeren Mädchen auf der anderen Seite des Hauses, so, dass sie nicht mitbekamen, wenn die Älteren Kundschaft empfingen.

Außer ihr und den beiden Kleinen, wie Edith und Catherine immer genannt wurden, lebten derzeit noch Lilly Rose und Nancy im Velvet Parlour. Aber auch von diesen beiden fehlte jede Spur. Vermutlich hatten sie mal wieder einen Hausbesuch.

»Kann ich dir irgendwie helfen, Mae?«, fragte eine Stimme direkt hinter ihr. Als sie sich umdrehte, erblickte sie Miss Ella hinter sich.

Miss Ella leitete das Etablissement, in dem Mae seit zwei Jahren lebte und arbeitete. Umgehend richtete sie ihr Kleid und nickte.

---ENDE DER LESEPROBE---